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Evolutionstheorie
Charles Darwin
über die ENTSTEHUNG DER ARTEN im Thier- und Pflanzen-Reich
Erstes Kapitel. Abänderung durch. Domestizität. S. 17.
Ursachen der Veriinderliclikeit. Wirkungen der Gewoiinheit. Wechselbezie-
hungen der Bildung. Erblichkeit. Charaktere kultivirter Varietäten. Schwie-
rige Unterscheidung zwischen Varietäten und Arten. Entstehung kultivirter
Varietäten von einer oder mehren Arten. Zahnic; Tauben, ihre Verschie-
denheiten und Entstehung. Frühere Züchtung und ihre Folgen. Plan-
mässige und unbewusste Züchtung. Unbekannter Ursprung unsrer kultivirten
Rassen. Günstige Umstände für das Züchtnngs-Vertriögen des Menschen.
Zweites Kapitel. Abänderung im Natur-Zustande. S. 55.
Variabilität. Individuelle Verschiedenheiten. Zweifelhafte Arien. Weil ver-
breitete, sehr zerstreute und gemeine Arten variiren am meisten. Arten
grössrer Sippen in einer Gegend beisammen variiren mehr, als die der
kleinen Sippen. Viele Arten der grossen Sippen gleichen den Varietäten
darin, dass sie sehr nahe aber ungleich mit einander verwandt sind und
beschränkte Verbreilungs Bezirke haben.
Drittes Kapitel. Der Kampf um's Daseyn. S. 72.
Slülzt sich auf Natürliche Züchtung. Der Ausdruck im weitern Sinne ge-
braucht. Geometrische Zunahme. Rasche Vermehrung naliiralisirlcr Pflan-
zen und Thiere. Natur der Hindernisse der Zunahme. Allgemeine !\1ilbe-
werbung. Wirkungen des Klimas. Schulz durch die Zahl der Individuen.
Verwickelte Beziehungen aller Thiere und Pflanzen in der ganzen Naliir.
Kampf auf Leben und Tod zwischen Einzelwesen und Varietäten einer Art,
oft auch zwischen Arten einer Sippe. Beziehung von Organismus zu Or-
ganismus die wichtigste aller Beziehungen.
Viertes Kapitel. Natürliche Züchtung. S. 92.
Natürliche .Auswahl zur Züchtung; — ihre Gewalt im Vergleich zu der des
Menschen; — ihre Gewalt über Eigenschaften von geringer Wichligkeil;
— ihre Gewalt in jedem Alter und über beide Geschlechter. — Sexuelle
Zuchtwahl. — Über die Allgemcinheil der Kreulzung zwischen Individuen
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der nämlichen \n. - Umstünde günsU? oder ungünstig für die Natürliche
Züchtung, insbesondere KrenUung, Isolation und Individuen-Zahl. — lang-
same Wirkung. - Erlöschung durch Natürliche Züchtung verursacht. —
Divergenz des" Charakters, in Bezug auf die Verschiedenheit der Bewohner
einer kleinen Fläche und auf Naturalisation. — Wirkung der Natürlichen
Züchtung auf die Abkömmlinge gemeinsamer Altern durch Divergenz des
Charakters und durch Unterdrückung. - Erklärt die Gruppirung aller or-
«ranischen Wesen. — Forlschritt in der Organisation. — Erhaltung unvoll-
kommener Formen. - Betrachtung der Einwände. - Unbeschränkte Ver-
mehrung der Arten. - Zusammenfassung.
Fünftes Kapitel. Gesetze der Abänderung. S. 157.
Wirkungen äusserer Bedingungen. Gebrauch und Nichtgebrauch der Organe
in Verbindung mit Natürlicher Züchtung ^'^-^ Flieg- und Seh-Organe. — Ak-
klimatisirung. — Wechselbeziehungen des Wachsthums. — Kompensation
und Ökonom'ie der Entwickelung. — Falsche Wechselbeziehungen. - Viel-
fache, rudimentäre und wenig entwickelte Organisationen sind veränderlich.
— In ungewöhnlicher Weise entwickelte Theile sind sehr veränderlich:
— spezifis^che mehr als Sippen-Charaktere. - Sekundäre Geschlechts-Cha-
raklere veränderlich. - Zu einer Sippe gehörige Arten varüren auf ana-
loge Weise. — Rückkehr zu längst verlornen Charakteren. — Summarium.
Sechstes Kapitel. Schwierigkeiten der Theorie. S. 197.
Schwierigkeiten der Theorie einer abändernden Nachkommenschaft. — Uber-
gänge. — Abwesenheit oder Seltenheit der Zvvischenabänderungen. —
Übergänge in der Lebensweise. •— DiO'erenzirle Gewohnheilen in einerlei
Art. -■ Arten mit Sitten weit abweichend von denen ihrer Verwandten.
— Organe von äusserster Vollkommenheit. — Mittel der Übergänge. —
Schwierige Fälle. — Natura non facit saltum. - Organe von geringer
Wichtigkeit. — Organe nicht in allen Fällen absolut vollkommen. — Das
Gesetz von der Einheit des Typus und den Existenz-Bedingungen enthalten
in der Theorie der Natürlichen Züchtung.
Siebentes Kapitel. Instinkt. S. 234.
Instinkte vergleichbar mit Gewohnheilen, doch andern Ursprung.«. — Abstu-
fungen. — Blattläuse und Ameisen. — Instinkte veränderlich. — Instinkte
gezähmter Thiere und deren Entstehung. — Natürliche Instinkte des Kuckucks,
des Slrausses und der parasitischen Bienen. — Sklaven-niachende Ameisen.
— Honigbienen und ihr Zellenbau-Instinkt. — Wechsel von Instinkt und
Körperbau erfolgen nicht nothwendig gleichzeitig. - Schwierigkeiten der
Theorie Natürlicher Züchtung in Bezug auf Instinkt. — Geschlechtslose oder
unfruchtbare Insekten. — Zusammenfassung.
Achtes Kapitel. Bastard-Bildung. S. 273.
Unlerschied zwischen der Unfruchtbarkeit hei der ersten Kreutzung und der
Unfruchtbarkeit der Bastarde. — Unfruchtbarkeit der Slufe nach veränder-
lich, nicht allgemein; durch Inzucht vermehrt und durch Zähmung vermin-
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dort. — Gesetze für <lic Unfruchtbarkeit der Bastarde. — Unfruchtbarkeit
keine besondre Eigenlhümlichkoit, sondern mit andern Verschiedenheiten
zusanimeufallend. — Ursachen der Unfruchtbarkeit der ersten Kreulzung
und der Bastarde^^/ Parallelisnius zwischen den Wirkungen der veränder-
ten Lebens-Bedinfjuujfon und der Krentzung. — Fruchtbarkeit miteinander
gekrcutzler Varietäten und ihrer Blendiinoe nicht allgemein. — Bastarde
und Blendlinge unabhängig von ihrer Fruchtbarkeit verglichen. — Zusam-
menfassung.
Neuntes Kapitel. UnvoUkommenh eit der Geologischen Über-
lieferungen. S. 307.
Mangel mittler Varietäten zwischen den heuligen Formen. — Natur der er-
loschenen Miltel-Varictälen und deren Zahl. — Länge der Zeit-Perioden
nach Maassgabe der Ablagerungen und Entblüssungen. — Armuth unsrer
paläontologischeu Sammlungen. — Unterbrechung geologischer Formationen.
— Abwesenheit der Mittel-Varietäten in allen Formationen. — PJolzliche
Erscheinung von Arien-Gruppen.^ Ihr plötzliches Auftreten in den älte-
sten Fossilien-führenden Schichten.
Zehntes Kapitel. Geologische Aufeinanderfolge organischer
Wesen. S. 342.
Langsame und allmähliche Erscheinung neuer Arten. — Ungleiches Maass
ihrer Veränderung. — Einmal untergegangene Arten kommen nicht wieder
zum Vorschein. — Arten-Gruppen folgen denselben allgemeinen Regeln
des Auftretens und Verschwindens, wie die einzelnen Arten. — Erlöschen
der Arten. — Gleichzeitige Veränderungen der Lebenformen auf der ganzen
Erd-Oberfläche. — Verwandtschaft erloschener Arten mit andern fossilen
und mit lebenden Arten. — Enlwickelungs-Stufe aller Formen. — Auf-
einanderfolge derselben Typen im nämlichen Länder-Gebiete. — Zusam-
menfassung des jetzigen mit früheren Abschnitten.
Eilftes Kapitel. Geographische Verbreitung. S. 378.
Die gegenwärtige Verbreitung der Organismen lässt sich nicht aus den na-
türlichen Lebens-Bedingungen erklären. — Wichtigkeit der Verbreitungs-
Schranken. — Verwandtschaft der Erzeugnisse eines nämlichen Konti-
nentes. — Schöpfungs-Mittelpunkte. — Ursachen der Verbreitung sind
Wechsel des Klimas, Schwankungen der Boden-Höhe und mitunter zufäl-
lige. — Die Zerstreuung während der Eis-Periode über die ganze Erd-
Oberfläche erstreckt.
Zwölftes Kapitel. Geographische Verbreitung (Fortsetzung). S. 415.
Verbreitung der Süsswasser-Bewohner. ~ Die Bewohner der ozeanischen
Fnscln. — Abwesenheit von Batrachicrn und Land-Säuglhieren. — Bezie-
hungen zwischen den Bewohnern der Inseln und der nächsten Festländer.
— Über Ansiedelung aus den nächsten Quellen und nachherige Abände-
rung. — Zusammenfassung der Folgerungen aus dem letzten und dem
gegenwärtigen Kapitel.
VIII
Dreizehntes Kapitel. Wechselseitige Verwandtschaft organischer
Körper: Morphologie: Embryologie; Rudimentäre Organe. S. 443.
Klassifikation: Unterordnung der Gruppen. — Natürliches System. —
Regeln und ScliwierigUeilen der Klassifikation erklärt aus der Theorie der
Forl|.flanzung mit Abänderung. - Klassifikation der Varietäten. — Ab-
stammung bei der Klassifikation gebraucht. — Analoge oder Aupassungs-
Charaklere. — Verwandtschaften: allgemeine, verwickeile und strah-
lenförmige. — Erlöschung trennt und begrenzt die Gruppen. — Morpho-
logie: zwischen Gliedern einer Klasse und zwischen Theilen eines Einzel-
wesens. — Embryologie: deren Gesetze daraus erklärt, dass Abände-
rung nicht in allen Lebens-Arten eintritt, aber in korrespondirendem Aller
vererbt wird. — Rudimentäre Organe: ihre Entstehung erklärt. —
Zusammenfassung.
Vierzehntes Kapitel. Allgemeine Wiederholung und Schluss. S.491.
Wiederholung der Schwierigkeiten der Theorie Kalürlicher Züchtun-. — Wie-
derholung der allgemeinen und besondern Umstände, zu deren Gunsten. —
Ursachen" des allgemeinen Glaubens an die Unveränderlichkeit der Arten.
— Wie weit die Theorie Natürlicher Züchtung auszudehnen. — Folgen
ihrer Annahme für das Studium der Naturgeschichte. - Schluss-Bemer-
kungen.
Fünfzehntes Kapitel. Schlusswort des Übersetzers. S. 525.
Eindruck und Wesen des Buches. - Stellung des Übersetzers zu demselben.
- Zusammenfassung der Theorie des Verfassers. - Einreden des Über-
setzers. — Aussicht auf künftigen Erfolg.
Vorrede des Verfassers.
Ich will hier versuchen, eine kurze und sehr unvollkommene
Skizze von der Enlwickelung der Meinungen über die Entstehung
der Species zu geben. Die grosse Mehrzahl der Naturforscher
hat geglaubt, Arten seyen unveränderliche Erzeugnisse und jede
einzelne für sich erschaffen: diese Ansicht ist von vielen
Schriftstellern mit Geschick verlheidigt worden. Nur wenige
Naturforscher nehmen dagegen an. dass Arten einer Veränderung
unterliegen, und dass die jetzigen Lebenformen durch wirkliche
Zeugung aus andern früher vorhandenen Formen hervorgegangen
sind. Abgesehen von den Schriftstellern der klassischen Periode
bis zu BuFFON, mit deren Schriften ich nicht vertraut bin, war
Lamarck der erste, dessen Meinung, dass Arten sich verändein,
Aufsehen erregte. Dieser mit Recht gefeierte Naturforscher ver-
öffentlichte seine Ansichten zuerst 1801 und dann besser entwickelt
1809 in seiner Zoologie phüosophique, so wie 1815 in seiner Ein-
leitung in die Naturgeschichte der Wirbel-losen Thiere, in welchen
Schriften er die Lehre von der Abstaunnung der Arten von
einander aufstellt. Er hat das grosse Verdienst, die Aufmerksam-
keit zuerst auf die Wahrscheinlichkeit gelenkt zu haben, dass alle
Veränderungen in der organischen wie in der unorganischen
Welt die Folgen von Natur -Gesetzen und nicht von wunderbaren
Zwischenfällen sind. Lamauck scheint hauptsächlich durch die
Schwierigkeit Arten und Varietäten von einander zu unterscheiden,
durch die fast ununterbrochene Stufen-Reihe der Formen in manchen
Organismen-Gruppen und durch die Analogie mit unsrcn Züchlungs-
Erzeugnissen zu jener Annahme geführt worden zu seyn. Was
die Mittel betrifft, wodurch die Umwandlung der Arten in einander
bewirkt werde, so schreibt er Einiges auf Rechnung der äuss(iren
DAliWlN, Kntstohungr dor Ai-ton, 2. Aufl. |
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Lobens-Bedingungeii, Einiges auf die «üner Kreutzung dor Formen
und leitet das Meiste von dem Gebrauche und Nichlgebrauche der
Organe oder von der Wirkung der Gewohnheit ab. Dieser letzten
Kraft scheint er all' die schonen Anpassungen in der Natur
zuzuschreiben, wie z. B. den langen Hals der Giraffe, der sie
in den Stand setzt, die Zweige grosser Bäume abzuweiden.
Doch nahm er zugleich ein Gesetz fortschreitender Entwickelung
an. und da hiernach alle Lehenlbrmen fortzuschreiten gestrebt,
so war er, um von dem Daseyn sehr einfacher Natur-Erzeugnisse
auch in unsren Tagen Rechenschaft zu geben, noch eine Gene-
ratio spontanea zu Hülfe zu rufen genöthigt*.
Etienne Geoffroy Saint-Hilaire vermuthete, wie sein Sohn in
dessen Lebens-Beschreibung berichtet, schon ums .lahr /795, dass
unsre sogenannten Speeles nur Ausartungen eines und des nämlichen
Typus Seyen. Doch erst im .Jahre 1828 veröffentlichte er seine
Überzeugung**, dass sich die Formen nicht in unveränderter
Weise seit dem Anfang der Dinge fortgepflanzt haben. Geoffroy
scheint die Ursache der Veränderungen hauptsächlich in dem
„Monde ambianl" gesucht , zu haben. Doch war er vorsichtig in
dieser Beziehung, und sein Sohn sagt: „Cest donc vn probleme
ä reserver entierevient ä ravenir, siipposi meme, qne l'avenir
doive (woir prise sur Im".
* Ich habe die obige Angiibe der ersten Veröft'entlichuug Lajiarck's aus
IsiD. Geoffrov St.-IIilaire's vortrelTlicbcr Hisloire naturelle generale 1859,
l/,405 entnommen, wo auch ein vollständiger Beriebt vonßuFFON's schwanken-
den Urtheilen über denselben Gegenstand zu finden ist. — Nach IsiD. Geoffroy
Saint-Hilaire wäre auch Güthe einer der eifrigsten Parlheigänger für solche
Ansichten gewesen, wie aus seiner Einleitung zu einem 1794 — 1795 ge-
schriebenen, aber erst viel später veröffentlichten Werke hervorgehe. Er hat
sich niimlich ganz bestimmt dahin ausgesprochen, dass für den Naturforscher
in Zukunft die Frage ßeispiels-weise nicht mehr die seye, wozu das Kind
seine Hörner habe, sondern wie es zu seinen llürneru gekonnnen seye
(K. Meding über Göthk als Naturforscher S. 34). — Es ist ein eigenlhümliches
Zusammenlrelfen, dass Göthb in f)enl.<ichl(ind, Dr. Darwin in England und
Et. Geoffroy St.-Hii,aire in Frankreich gleichzeitg zu gleichen Ansichten über
die Entstehung der Arten gelangt sind. D. Vf.
Bekanntlich kam er in der Akademie mehrmals zu heftigen Anftrillen
mit ("üviER, welcher die Beständigkeit der Speeles gegen ihn vertherdigle
D. Übers.
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In England erklärte der Hocliwiirdige W. Herbert, nach-
herio-er Dechanl von Manchester, in seinem Werke über die
Amaryllidaceae {1837, S. 1, 19, 339), es seye durch Hortikiiltur-
Versuche unwiderlegbar dargethan, dass Pflanzen-Arten nur eine
höhere und beständigere Stufe von Varietäten seyen. Er dehnt
die nämliche Ansicht auch auf die Thiere aus. Der Dechant ist
der Meinung, dass anfangs nur einzelne Arten jeder Sippe von
einer sehr bildsamen Organisation geschaff'en worden seyen,
und dass diese sodann durch Kreulzung und Abänderung alle
unsre jetzigen Arten erzeugt haben.
Im Jahre 1826 erklärte Professor Grant im Schluss-Para-
graphen seiner wohl- bekannten Abhandlung über Spongilla
{Edinburgh Philos. Journ. XIV, 283) seine Meinung ganz klar
dahin, dass Arten von andern Arten entstanden sind und nur
durch fortdauernde Veränderungen verbessert werden. Die
nämliche Ansicht hat er auch 1834 im „LanceU'^ in seiner 55.
Vorlesung wiederholt.
Dann entwickelte Patrick Matthew in seinem »Naval Timber
and Arboriculture^' seine Überzeugung über die Entstehung der
Arten ganz übereinstimmend mit der von Wallace und mir selbst
im nLinnean Journal" und in dem gegenwärtigen Bande ge-
gebenen Darstellung. Unglücklicher Weise jedoch schrieb Mat
THEW seine Ansicht nur in zerstreuten Sätzen in einem Werke
über einen ganz anderen Gegenstand nieder, so dass sie völlig
unbeachtet blieb, bis er selbst 1860 im Gardeners Chronicle
vom 7. April die Aufmerksamkeit darauf lenkte. Die Abwei-
chungen seiner Ansicht von der meinigen sind nicht von wesent-
licher Bedeutung. Er scheint anzunehmen, dass die Organismen-
Welt der Erde in aufeinander-folgenden Zeilräumen beinahe ausge-
storben und diese dann wieder neu bevölkert worden ist, und er gibt
als eine Alternative, dass neue Formen erzeugt werden »ohne die
Anwesenheit eines Models oder Keimes von früheren Aggregaten«.
Ich bin nicht gewiss, ob ich alle Stellen richtitr verstehe ;
doch scheint er grossen Werth auf die unmittelbare Wirkung
der äussern Lebens-Bedingnngen zu legen. Er erkannte jedoch
deutlich die volle Bedeutung des Prinzips der Nalürli(;hen Züchtung.
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Auf einen Brief (a. a. 0. April 13.), in welchem ich Matthewn
als meinen Vorgänger anerkannte, entgegnete er mit edler Offen-
heit (a. a. O.Mai 12.) unter Andern mit folgenden Worten: «dieses
„Natur-Gesetz bot sich meinem Blicke wie eine für sich selbst
„klare Thatsache und nicht in Folge darauf verwendeten Nach-
„denkens dar. Darwin hat ein weit grösseres Verdienst bei dieser
»Entdeckung; denn ich habe nicht geglaubt eine Entdeckung zu
„machen. Er scheint es auf induktivem Wege ausgemittelt zu
„haben, indem er langsam und mit der nölhigen Vorsicht voran-
„ging und eine Thalsache an die andere reihete, — während
„mir nur im Hinblick auf die Verfahrungs-Weise der Natur
„im Allgemeinen die VVahlerzeugung der Arten vorkam wie
„eine a° priori erkennbare Thatsache, wie ein Axiom, das man
„nur auszusprechen brauche, um ihm die Anerkennung eines
„jeden unbefangenen fähigen Beurtheilers zu verschaffen.«
Rafinesqto schreibt 1836 in seiner New Flora of North
America, p. 6, 18: „alle Arten mögen einmal blose Varietäten
„o-ewesen und viele Varietäten durch allmähliche Befestigung
„Uirer Charaktere zu Speeles geworden seyn,« — »mit Ausnahme
jedoch, des Original-Typus oder Stammvaters jeder Sippe«.
Im Jahre , iS43— 44 hat Professor Haldeman zu Boston in
den Verei7iten Staaten die Gründe für und gegen die Hypothese
der EntWickelung und Umgestaltung der Arten in angemessener
Weise zusammengestellt (im Journal of Natural History, vol. IV,
p. 468) und scheint sich mehr zur Ansicht für die Veränderlich-
keit zu neigen.
Die Vestiges of Creation sind zuerst 1844 erschienen. In
der zehnten sehr verbesserten Ausgabe {1853, p. 155) sagt der
ungenannte Verfasser: „das auf reichliche Erwägung gestützte
Ergebniss ist, dass die verschiedenen Reihen beseelter Wesen
von den einfachsten und ältesten an bis zu den höchsten und
neuesten die unter Gottes Vorsehung gebildeten Erzeugnisse
sind 1) eines den Lebenformen ertheilten Impulses, der sie
in abgeuiessenen Zeiten auf dem Wege der Generation von
einer zur anderen Organisalions-Stufe bis zu den höchsten
Dikolyledonen und Wirbelthieron erhebt, — welche Stufen nur
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wenige an Zahl und gcwölinlicli durcli Lücken in der organisclion
Reihenfolge von einander geschieden sind, die eine praktische
Schwierigkeit bei Ermittelung der Verwandtschaften abgeben ; —
2) eines andren Impulses, welcher mit den Lebenskräften zu-
sammenhängt und im Laufe der Generationen die organischen
Gebilde in Übereinstimmung mit den äusseren Bedingungen, wie
Nahrung, Wohnort und meteorische Kräfte sind, abzuändern strebt ;
Diess sind die »Anpassungen des Nalural-Theologcn«. Der
Verfasser ist offenbar der Meinung, dass die Organisation sich
durch plülzlicho Sprünge vervollkommne, die Wirkungen der äussereji
Lebens - Bedingungen aber stufenweise seyen. Er folgert mit
grossem Nachdruck aus allgemeinen Gründen, dass Arten
keine unveränderlichen Produkte Seyen. Ich vermag jedoch
nicht zu ersehen, wie die unterstellten zwei «Impulse« in einem
wissenschaftlichen Sinne Rechenschaft geben können von den zahl-
reichen und schönen Zusammenpassungen, welche wir allerwärts in
der ganzen Natur erblicken ; ich vermag nicht zu erkennen, dass
wir dadurch zur Einsicht gelangen, wie z. B. die Organisation
des Spechtes seiner besondern Lebensweise angepasst worden
ist. Das Buch hat sich durch seinen glänzenden und hinreissen-
den Styl sofort eine sehr weite Verbreitung errungen, obwohl
es in seinen früheren Auflagen ungenaue Kenntnisse und einen
grossen Mangel an wissenschaftlicher Vorsicht verrielh. Nach
meiner Meinung hat es vortreffliche Dienste dadurch geleistet,
dass es in unsrem Lande die Aufmerksamkeit auf den Gegen-
stand lenkte und Vorurtheile beseitigte.
Im Jahre 1846 veröffentlichte der Veterane unter den Geo-
logen, d'Omäuus d'Halloy, in einem vortrefflichen kurzen Aufsatze
(im Bullelin de VAcademie Roy. de Bruxelles, Tome XIII, p. 581)
seine Meinung, dass es wahrscheinlicher seye, dass neue Arten
durch Descendenz mit Abänderung des alten Charakters hervor-
gebracht, als einzeln geschaffen worden seyen : er hatte diese
Ansicht zuerst im Jahre 1831 aufgestellt.
In Professor R. Owen's Nahire of Limbs, 1849^ p. 86 kommt
folgende Stelle vor: »Die Grund-Idee war in der Thier- Well
»unseres Planeten in verschiedenen Modifikationen bereits aus-
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„gesprochen lange vor dem Daseyn der sie jetzt erläuternden
»Thier-Arten. Von welchen Natur-Gesetzen oder sekundären L'r-
»sachen aber das ordnungsmässige Aufeinanderfolgen und Fort-
»schreiten solcher organischen Erscheinungen abhängig gewesen
))Seye, Das ist uns bis jetzt nicht bekannt geworden.« In seiner
Ansprache an die Britische Gelehrten-Versammlung im Jahre i858
spricht er (S. u) vom »Axiom der fortwährenden Thätigkeit der
Schöpfungs-Kraft oder des geordneten Werdens lebender Wesen«,
— und fügt später (S. xc) mit Bezugnahme auf die geogra-
phische Verbreitung bei : »Diese Erscheinungen erschüttern unser
»Vertrauen in die Annahme, dass der Apteryx in iVez<see/anrf und
»das rothe Waldhuhn in England verschiedene Schöpfungen
»in und für die genannten Inseln allein Seyen. Auch darf man
»nicht vergessen, dass das Wort Schöpfung für den Zoologen
»nur einen unbekannten Prozess bedeutet.« Owen führt diese
Vorstellung dann weiter aus, indem er sagt, „wenn der Zoologe
»solche Fälle, wie den vom rothen Waldhuhn als eine besondere
»Schöpfung des Vogels auf und für eine einzelne Insel aufzählt,
»so will er damit eben nur ausdrücken, dass er nicht begreife,
»wie derselbe dahin und eben nur dahin gekommen seye, und
»dass er demzufolge beide, Insel wie Vogel, von einer grossen
»ersten Schöpfungs- Kraft abzuleiten geneigt seye.«
Isidore Geoffroy St.-Hilaire spricht in seinen im Jahre 1850
gehaltenen Vorlesungen (von welchen ein Auszug in Revue et
Magazin de Zoologie 1851, Jan. erschien) seine Meinung über
Arten-Charaktere kürzlich dahin aus, dass sie für jede Art
feststehen, so lange als sich dieselbe inmitten der nämlichen
Verhältnisse fortpflanze, dass sie aber abändern, sobald die
äusseren Lebens-Bedingungen wechseln«. Im Ganzen »zeigt die
Beobachtung der wilden Thiere schon die beschränkte Veränder-
lichkeit der Arten. Die Versuche mit gezähmten wilden Thieren
und mit verwilderten Hausthieren zeigen Diess noch deutlicher.
Dieselben Versuche beweisen auch, dasS die hervorgebrachten Ver-
schiedenheiten vomWerthe derjenigen seyn können, durch welche
wir Sippen unterscheiden«. In seiner Histoire nalurelle gene-
rale (1859, II, 430) gelangt er zu ähnlichen Folgerungen.
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Aus einer iinläiigsl erscliienerieii Verüneiillicliung scheint lier-
vorziigehen, dass Db. Freke schon in» Jahre 1851 (Dublin Medical
Press />. 322) die Lehre aufgestellt, dass alle organischen Wesen
von einer Urlorm abstammen. Seine Gründe und Behandlung
des Gegenstandes sind aber von den meinigen gänzlich verschie-
den, und da sein nOrigin of Speeles by means of organic affinihji
1861" jetzt erschienen ist, so dürl'te mir der schwierige Versuch,
eine Darstellung seiner Ansicht zu geben, wohl erlassen werden.
Herbert Spencer hat in einem Versuche (welcher zuerst im
Leader vom Marz 1852 und später in Spenceb's Essays 1858
erschien) die Theorie der Schöpfung und die der Enlwickelung
organischer Wesen in vorzüglich geschickter und wirksamer
Weise einander gegenüber gestellt. Er folgert aus der Analogie
mit den Züchtungs- Erzeugnissen, aus den Veränderungen, welchen
die Embryonen vieler Arten unterliegen, aus der Schwierigkeit
Arten und Varietäten zu unterscheiden, so wie endlich aus dem
Prinzip einer allgemeinen Stufenfolge in der Natur, dass Arten
abgeändert worden sind, und schreibt diese Abänderung dem
Wechsel der Umstände zu. Derselbe Verfasser hat 1855 die
Psychologie nach dem Prinzip einer nothwendig stufenweisen
Erwerbung jeder geistigen Kraft und' Fähigkeit bearbeitet.
Im Jahre 1852 hat Naudin, ein ausgezeichneter Botaniker
(in der Reme horticole, p. 102) ausdrücklich erklärt, dass nach
seiner Ansicht Arten in analoger Weise von der Natur, wie Varie-
täten durch die Kultur, gebildet worden seyen. Er zeigt aber
nicht, wie die Züchtung in der Natur vor sich geht. Er nimmt
wie Dechant Hebbert an, dass die Arten anfangs bildsamer
waren als jetzt, legt Gewicht auf sein sogenanntes Prinzip der
Finalilät, »eine unbestimmte geheimnissvolle Kraft, gleich-bedeutend
mit blinder Vorbestimmung für die Einen, mit Wille der Vorsehung
für die Andern, durch deren unausgesetzten Einfluss auf die
lebenden Wesen in allen Weltaltern die Form, der Umfang und
die Dauer eines jeden derselben je nach seiner Bestimmung in
der Ordnung der Dinge, wozu es gehört, bedingt wird. Es ist
diese Kraft, welche jedes Glied mit dem Ganzen in Harmonie
bringt, indem sie dasselbe der Verrichtung anpasst, die es
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im Gesamiul- Organismus der Natur zu übcrnnlunerii^hal, einer
Vcrriclilung, welche für dasselbe Grund des Daseyns ist«*.
Im Jaiire 1S53 hat ein berühmter Geologe. Graf Keyserling
(im Bullelin de In Societe geologique, tome X, p. 357) die Mei-
nung vorgebracht, dass zu verschiedenen Zeiten eine Art Seuche
durch irgend welches Miasma veranlasst, sich über die Erde ver-
breitet und auf die Keime der bereits vorhandenen Arten che-
misch eingewirkt habe, indem sie dieselben m'il irgend welchen
Molekülen von besonderer Natur umgab und hiedurch die Ent-
stehung neuer Formen veranlasste!
Im nämlichen Jahre /S55 lieferte auch Dr. Sciiaaffhaüsen einen
Aufsatz in die Verhandlungen des nalurhistorischen Vereins derPreuss.
Rhein-Lande, worin er die fortschreitende Entwickelung orga-
nischer Formen auf der Erde behauptet. Er nimmt an, dass viele
Arten sicli lange Zeilräume hindurch unverändert erhalten haben,
wäiu'end andere Abänderungen erlitten. Das Auseinanderweicheu
der Arten ist nach ihm durch die Zerstörung der Zwischen-
stufen zu erklären. „Lebende Pflanzen und Thiere sind daher
von den untergegangenen nicht als neue Schöpfungen verschieden,
sondern vielmehr als deren Nachkommen in Folge unausgesetzter
Fortpflanzung zu betrachten.
Ein wohl-bekannter französischer Botaniker, Lecoq, schreibt
1S54 in seinen Eludes snr la geographie botanique I, 250 : »man sieht
dass unsre Untersuchungen über die Stetigkeit und Veränder-
K;icli einigen Zitiiten in Bronn's „Untersucluingcn über clieEnlwickeluiigs-
Ceselzc" (S. 79 u. a. ) scheint es, dass der beriihnitc Bolnniitcr iiud Faliionlologe
UiNGEB im Jahre die Meinnng ausgesprochen habe, dassArteu sich entwickeln
und abändern. Ebenso d'Alton 18SI in Pandkr und d'Alton's Werk über da s
lossilc Riesen-Fiuiilhicr-, — und ähnliche Ansichten enlwickeltc Oken in seiner
mystischen „Nalur-rhilosophie". Nach Zitaten in Godron's Werk „surl'espece"
scheint es, dass Bohy Sl-Vincisut, Burdach, Poiret und Fries alle oinc fort-
währende Erzeugung neuer Arten angenoninien haben. - Ich will noch hinzu-
iugen, dass von 33 Autoren, welche in dieser hi.storischen Skizze als solche
aufgezählt werden, die an eine Abänderung der Arten oder wenigstens nicht
an getrennte Schöpfungs-Akte glauben, 28 sind, welche über spezielle
Zweige der Naturgeschichte geschrieben haben, darunter 3 blosse CJeologen,
10 Botaniker, 15 Zoologen; aber unter den Botanikern und Zoologen haben
einige auch über Patäoutologic und Geologie geschrieben.
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liclikcit der Arten uns garadezu auf die von Geoffroy ST.-HiLAuui;
und GüTHE ausgesprochenen VorstellungcMi führen«. Einige an-
dere in dem genannten Werlte zerstreute Stellen lassen uns
jedoch darüber im Zweifel, wie weit Lecoq selbst diesen Vor-
stellungen zugethan seye.
Die »Philosophie der Schöpfung« ist 1855 in bewunderns-
würdiger Weise durch den Hochwürdigen Baden-Powell (in seinen
Essays on tke Unily of Woiicls') behandelt worden. Er zeigt
auf's treffendste, dass die Einführung neuer Arten »eine
regelmässige und nicht eine zufällige Erscheinung« oder, wie Sir
John Hebschel es ausdrückt, »eine Natur- im Gegensatze einer
Wunder-Erscheinung« ist.
Aufsätze von Herrn Waliace und mir selbst im dritten Theüe
des Jour nal of the Linnean Society {Augusl 1S5S) stellen zuerst,
wie in der Einleitung zu diesem Bande gesagt wird, die Theorie
clor Natürlichen Züchtung auf.
Von Baeb, der bei allen Zoologen in höchster Achtung steht,
drückte im Jahre iSW seine hauptsächlich auf die Gesetze der
geographischen Verbreitung gegründete Überzeugung dahin aus,
dass jetzt vollständig verschiedene Formen von je einer gemein-
samen Staumi-Form herrühren (Rud. Wagneb zoolog.-anlhropolog.
Untersuchungen 1861, S. 51).
Im Jahre 1859 hielt Professor Huxley einen Vortrag vor der
Royal Institution 'über den bleibenden Typus des Thier- Lebens.
In Bezug auf derartige Fälle bemerkt er: »Es ist schwierig die Be-
deutung solcher Thatsachen zu begreifen, wenn wir voraussetzen,
dass jede Pflanzen- und Thier- Art oder jeder grosse Organisalions-
Typus nach langen Zwischenzeiten durch je einen besondorn Akt
der Schöpfungs- Kraft gebildet und auf die Erd Oberfläche versetzt
worden seye ; und man muss nicht vergRSsen, dass eine solche
Annahme weder in der Tradition noch in der Offenbarung eine
Stütze findet, wie sie denn auch der allgemeinen Analogie in der
Natur zuwider ist. Betrachten wir anderseits die »persistenten
Typen" in Bezug auf die Hypothese, vvornach die zu irgend einer
Zeit vorhandenen Wesen das Ergebniss allmählicher Abänderung
schon früherer Wesen sind — eine Hypothese, welche, wenn auch
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unerwiesen und auf klägliche Weise von einigen ihrer Anhänger
verkümmert, doch die einzige ist, der die Physiologie einigen
Halt verleiht — , so scheint das Üaseyn dieser Typen zu zeigen,
dass das Maass der Abänderung, welche lebende Wesen wäh-
rend der geologischen Zeit erfahren haben, sehr gering ist im
Vergleich zu der ganzen Reihe von Veränderungen, welchen sie
ausgesetzt gewesen sind.«
Im Dezember 1859 veröffentlichte Dr. Hookeb seine be-
wundernswürdige Einleitung in die Tasnianische Flora, in deren
erstem Theile er die Entstehung der Arten durch Abkommenschaft
und Umänderung von andern zugestellt und diese Lehre durch
viele schätzbare Original-Beobachtungen unterstützt.
Im November 1859 erschien die erste Ausgabe dieses Werkes,
im Januar 1860 die zweite, im April 1861 die drille.
Einleitung.
Als ich an Bord des Königlichen Schiffs »Beagle'< als Nalur-
lorscher Südamerika erreichte, ward ich überrascht von der
Wahrnehmung gewisser Tliatsachen in der Vertheilung der Be-
wohner und in den geologischen Beziehungen zwischen der
jetzigen und der früheren Bevölkerung dieses Welttheils. Diese
Thatsachen schienen mir, wie sich aus dem letzten Kapitel dieses
Bandes ergeben wird, einiges Licht über die Entstehung der
Arten zu verbreiten, diess Geheimniss der Geheimnisse, wie es
einer unsrer grössten Philosophen genannt hat. Nach meiner
Heimkehr im Jahre i837 schien es mir, dass sich etwas über
diese Frage müsse ermitteln lassen durch ein geduldiges Sammeln
und Erwägen aller Arten von Thatsachen, welche möglicher Weise
etwas zu deren Aufklärung beitragen könnten. Nachdem ich Diess
fünf Jahre lang gethan, getraute ich mich erst eingehender über
die Sache nachzusinnen und einige kurze Bemerkungen darüber
niederzuschreiben, welche ich im Jahre iS44 weiter ausführte,
indem ich die Schlussfolgerungen hinzufügte, welche sich mir
als wahrscheinlich ergaben, und von dieser Zeit an war ich mit
beharrlicher Verfolgung des Gegenstandes beschäftigt. Ich hoffe,
dass man die Anführung dieser auf meine Person bezüglichen
Einzelnheiten entschuldigen wird : sie sollen zeigen, dass ich
nicht übereilt zu einem Entschlüsse gelangt bin.
Mein Werk ist nun nahezu vollendet; aber ich will mir noch
zwei oder drei weitere Jahre Zeit lassen, um es zu ergänzen ;
und da meine Gesundheit keineswegs fest ist, so sah ich mich
zur Veröffentlichung dieses Auszugs gedrängt. Ich sah mich noch
um so mehr dazu veranlasst, als Herr Wallace beim Studium
der Naturgeschichte der Malaytschen Inselwelt zu fast genau
12
denselben allgemeinen Schlussfolgerungen über die Arten-Bildung
gelangt ist. Iin Jahre 'J858 sandte er mir eine Abhandlung da-
rüber mit der Bitte zu, sie Herrn Charles Lyell zuzustellen,
welcher sie der LiNNEischen Gesellschaft übersandte, in deren
Journal sie nun im dritten Bande abgedruckt worden ist. Herr
Lyell sowohl als Dr. Hooker, welche beide meine Arbeit kennen
(der letzte hat meinen Entwurf von i8M gelesen), beehrten mich
indem sie den Wunsch ausdrückten, ich möge einen kurzen
Auszuo- aus meinen Handschriften zugleich mit Wallace's Ab-
handlung veröffentlichen.
Dieser Auszug, welchen ich hiemit der Lesewelt vorlege,
muss nothwendig unvollkommen seyn. Er kann keine Belege
und Autoritäten für meine verschiedenen Feststellungen beibringen,
und ich muss den Leser ansprechen einiges Vertrauen in meine
Genauigkeit zu setzen. Zweifelsohne mögen Irrthümer mit unter-
gelaufen seyn; doch glaube ich mich überall nur auf verlässige
Autoritäten berufen zu haben. Ich kann hier überall nur die
allgemeinen Schlussfolgerungen anführen, zu welchen ich gelangt
bin, in Begleitung von nur wenigen erläuternden Thatsachen,
die aber, wie ich hoffe, in den meisten Fällen genügen werden.
Niemand kann mehr als ich selber die Nothwendigkeit fühlen,
alle Thatsachen, auf welche meine Schlussfolgerungen sich stützen,
mit ihren Einzelnheiten bekannt zu machen, und ich hoffe Diess
in einem künftigen Werke zu thun. Denn ich weiss wohl, dass
kaum ein Punkt in diesem Buche zur^Sprache kommt, zu welchem
man nicht Thatsachen anführen könnte, die oft zu gerade ent-
gegengesetzten Folgerungen zu führen scheinen. Ein richtiges
Ergebniss lässt sich aber nur dadurch erlangen, dass man alle
Erscheinungen und Gründe zusanunenstellt, welche für und
gegen jede einzelne Frage sprechen, und sie dann sorgfältig
gegen einander abwägt, und Diess kann nicht wohl hier geschehen.
Ich muss bedauern nicht Raum zu finden, um so vielen Natur-
forschern meine Erkenntlichkeit für die Unterstülziuig auszu-
drücken, die sie mir, mitunter ihnen persönlich ganz unbekannt,
in uneigennütziger Weise zu Theil worden Hessen. Doch kann
ich diese Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, ohne wenigstens
13
die grosse Verbindliclikeil anziuM'kennen, weldie ich Dr. Hooker'n
daliir schulde, dass er mich in den letzten lünlzehn Jahren in
jeder möglichen Weise durch seine reichen Kenntnisse und sein
ausgezeichnetes Urtheil unterstützt hat.
Wenn ein Naturforscher über die Entstehung der Arten
nachdenkt, so ist es wohl begreiflich, dass er in Erwägung der
gegenseitigen Verwandtsciiafts-Yerhältnisse der Organismen, ihrer
embryonalen Beziehungen, ihrer geographischen Verbreitung, ihrer
geologischen Aufeinanderfolge und andrer solcher Thatsachen zu
dem Schlüsse gelangen könne, dass jede Art nicht unabhängig
von andern erschaffen seye, sondern nach der Weise der Varie-
täten von andern Arten abstamme. Demungeachtet dürfte eine
solche Schlussfolgerung, selbst wenn sie richtig wäre, kein
Genüge leisten, so lange nicht nachgewiesen werden kann,
auf welche Weise die zahllosen Arten, welche jetzt unsre Erde
bewohnen, so abgeändert worden seyen, dass sie die jetzige
Vollkommenheit des Baues und der Anpassung für ihre jedes-
maligen Lebens- Verhältnisse erlangten, welche mit Recht unsre
Bewunderung erregen. Die Naturforscher verweisen beständig
auf die äusseren Bedingungen, wie Klima, Nahrung u. s. w.
als die einzigen möglichen Ursachen ihrer Abänderung. In einem
sehr beschränkten Sinne kann, wie wir später sehen werden,
Diess wahr seyn. Aber es wäre verkehrt, lediglich äusseren
Ursachen z. B. die Organisation des Spechtes, die Bildung seines
Kusses, seines Schwanzes, seines Schnabels und seiner Zunge
zuschreiben zu wollen, welche ihn so vorzüglich befähigen, In-
sekten unter der Rinde der Bäume hervorzuholen. Eben so wäre
es verkehrt, bei der Mistel- Pflanze, die ihre Nahrung aus ge-
wissen Bäumen zieht, und deren Saamen von gewissen Vögeln
auso-estreut werden müssen, wie ihre Blüthen, welche getrennten
Geschlechtes sind, die Thätigkeit gewisser Insekten zur Uber-
tragung des Pollens von der männlichen auf die weibliche Blüthe
voraussetzen, — es wäre verkehrt, die organische Einrichtung dieses
Parasiten mit seinen Beziehungen zu jenen verschiedenerlei or-
ganischen Wesen als eine Wirkung äussrer Ursachen oder der
Gewohnheit oder des Willens der Pflanze selbst anzusehen.
14
Es ist daher von der grössten Wichligkeil eine klare Einsicht
in die Mittel zu gewinnen, durch welche solche Umänderungen
und Anpassungen bewirkt werden. Beim Beginne mfiiner Be-
obachtungen schien es mir wahrscheinlich, dass ein sorgfaltiges
Studium der Hausthiere und Kultur-Pflanzen die beste Aussicht
auf Lösung dieser schwierigen Aufgabe gewiihren würde. Und
ich habe mich nicht getäuscht, sondern habe in diesem wie in
allen andern verwickelten Fällen immer gefunden, dass unsre
Erfahrungen über die im gezähmten und angebauten Zustande
erfolgenden Veränderungen der Lebenwesen immer den besten
und sichersten Aufschluss gewähren. Ich stehe nicht an, meine
Überzeugung von dem hohen Werthe solcher von den Natur-
forschern gewöhnlich sehr vernachlässigten Studien auszudrücken.
Aus diesem Grunde widme ich denn auch das erste Kapitel
dieses Auszugs der Abänderung im Kultur-Zustande. Wir wer-
den daraus ersehen, dass erbliche Abänderungen in grosser
Ausdehnung wenigstens möglich sind, und, was nicht minder
wichtig, dass das Vermögen des Menschen, geringe Abänderungen
durch deren ausschliessliche Auswahl zur Nachzucht, d. h. durch
künstliche Züchtung* zu häufen, sehr beträchtlich ist.
Ich werde dann zur Veränderlichkeit der Lebenwesen im
Natur- Zustande übergehen: doch bin ich unglücklicher Weise
genöthigt diesen Gegenstand viel zu kurz abzuthun, da er
angemessen eigentlich nur durch Mittheilung langer Listen von
Thatsachen behandelt werden kann. Wir werden demungeachtet
im Stande seyn zu erörtern, was für Umstände die Abänderung
am meisten befördern. Im nächsten Abschnitte soll der Kampf
um's Daseyn unter den organischen Wesen der ganzen Well
abgehandelt werden, welcher unvermeidlich aus ihrem hoch geo-
* Durch „Züchtung" werde ich den stets wiederkehrenAen Englischen
Ausdruck „SelecHon''^ übertragen, welcher in gegenwärtigem Sinne auch in
England nicht gebräuchlicii und desshalb dort angegrifTen worden ist. Richtiger
wäre wohl „Auswalil zur Züchtung" gewesen, zumal da hei der „Züchtung''
auch noch Anderes als die Auswahl der Zucht -Thiere allein in Betracht
kommen kann ; doch ist Diess von wohl nur untergeordnetem Interesse. Zu-
weilen entspricht jedoch eine Übersetzung clwa durch das neu zu bildende
Wort „Zuchtwahl" wirklich besser, insbesondere bei Übertragung des Aus-
drucks „Sexual selection". D. Übrs.
15
metrischen Ziinalime-Vermög-en hervorgeht. Es is Diess die Lehre
von Malthus auf das ganze Thier- und Pflanzen Reich angewendet.
Da viel mehr Einzelwesen jeder Art geboren werden, als fortleben
können, und demzufolge das Ringen um Existenz beständig wieder-
kehren muss, so folgt daraus, dtiss ein Wesen, welches in irgend
einer für dasselbe vorlheilhafteren Weise von den übrigen auch nur
etwas abweicht, unter manchfachen und oft veränderlichen Lebens-
Bedingimgen mehr Aussicht auf Fortdauer hat und demnach bei
der Natürlichen Züchtung im Vortheil ist. Eine solche zur
Nachzucht ausgewählte Varietät strebt dann nach dem strengen
Erblichkeits-Gesetze jedesmal seine neue und abgeänderte Form
fortzupflanzen.
Diese Natürliche Züchtung ist ein Hauptgegenstand, welcher im
vierten Kapitel etwas weitläufiger abgehandelt werden soll ; und
wir werden dann finden, wie die Natürliche Züchtung gewöhnlich
die unvermeidliche Veranlassung zum Erlöschen minder geeigneter
Lebenformen wird und herbeiführt, was ich Divergenz des
Charakters* genannt habe. Im nächsten Abschnitte werden
die zusammengesetzten und wenig bekannten Gesetze der Ab-
änderung und der Wechselbeziehungen in der Entwickelung be-
sprochen. In den vier folgenden Kapiteln sollen die auffälligsten und
bedeutendsten Schwierigkeiten unsrer Theorie angegeben werden,
und zwar erstens die Schwierigkeiten der Übergänge, oder wie
es zu begreifen ist, dass ein einfaches Wesen oder Organ ver-
wandelt und in ein höher entwickeltes Wesen oder ein höher
ausgebildetes Organ umgestaltet werden kann ; zweitens der In-
stinkt oder die geistigen Fähigkeiten der Thiere : drittens die
Kreutzung oder die Unfruchtbarkeit der gekreutzten Speeles und
die Fruchtbarkeit der gekreutzten Varietäten : und viertens die Un-
vollkommenheit der geologischen Urkunde. Im nächsten Abschnitte
werde ich die geologische Aufeinanderfolge der Organismen in
der Zeit betrachten : im eilften und zwölften deren geographische
Verbreitung im Räume: im dreizehnten ihre Klassifikation und
gegenseitigen Verwandtschaften im reifen wie im Embryo-Zustande.
* Aiialoo; iiiil derjenigen Erscheinung, welche in meinen Morphologisch on
Slndien „DilTercn/.irnng der Orgnne" genannt worden ist. U. (!hrs,
16
Im letzten Abschnitte endlich werde ich eine kurze Zusammen-
fassung des Inhaltes des ganzen Werkes mit einigen Schluss-
Bemerkungen geben.
Darüber, dass noch so Vieles über die Entstehung der Arten
und Varietäten unerklärt bleibe, wird sich niemand wundern,
wenn er unsre tiefe Unwissenheit hinsichtlich der Wechsel-
beziehungen all' der um uns her lebenden Wesen in Betracht
zieht. Wie kann man erklären, dass eine Art in grosser
Anzahl und weiter Verbreitung vorkömmt, während ihre nächste
Verwandte selten und auf engen Raum beschränkt ist? Und doch
sind diese Beziehungen von der höchsten Wichtigkeit, insoferne
sie die gegenwärtige Wohlfahrt und, wie ich glaube, das künftige
Gedeihen und die Modifikationen eines jeden Bewohners der
Welt bedingen. Aber noch viel weniger Kenntniss haben wir
von den Wechselbeziehungen der unzähligen Bewohner dieser
Erde während der zahlreichen Perioden ihrer einstigen Bildungs-
Geschichte. Wenn daher auch noch Vieles dunkel ist und noch
lange dunkel bleiben wird, so zweifle ich nach den sorgfälligsten
Studien und dem unbefangensten Urtheile, dessen ich fähig bin,
doch nicht daran, dass die Meinung, welche die meisten Natur-
forscher hegen und auch ich lange gehabt habe, als wäre
nämlich jede Speeles unabhängig von den übrigen erschaö'en
worden, eine irrthümliche sey. Ich bin vollkommen überzeugt,
dass die Arten nicht unveränderlich sind: dass die zu einer so-
genannten Sippe * zusammengehörigen Arten in einer Linie von
anderen gewöhnlich erloschenen Arten abstammen in der näm-
lichen Weise, wie die anerkannten Varietäten einer Art Abkömm-
linge dieser Speeles sind. Endlich bin ich überzeugt, dass Natür-
liche Züchtung das hauptsächlichste wenn auch nicht einzige
Mittel zu Abänderung der Lebenformen gewesen ist.
« Ich wähle (las OunN'sche Wort „Sippe" für Genus, weil das Deutsche
\Vort„Geschlechl" seiner /.weirachen BcdeuUing („genvs" und „*e.rM*") wegen
hier das Versländniss nicht selten erschweren würde. Leider besitzen wir
keinen ähnlichen Ausweg-, der Missdeutung des ebenfalls zweisinnigen Wortes
„Art" zu entgehen, welches bald für Speciefi und bald für das Englische
„kind" angewendet werden niuss. Der Ausdruck „Gattung" endlich wird bald
für Sippe und bald für Art („was sich gatlet") gebraucht.
ü. Übrs.
Abäiideriiii^ durch Doinestizität.
Ursachen der Veränderlichkeit. Wirkungen der Gewolinhcit. Wechselbeziehun-
gen der Bildung. Erblichkeit. Charaktere kultivirler Varietäten. Schwie-
rige Unterscheidung zwischen Varietäten und Arten. Entstehung kultivirler
Varietäten von einer oder mehren Arten. Zahme Tauben, ihre Verschie-
denheiten und Entstehung. Früher staltgefimdene Züchtung und ihre Fol-
gen. Plannlässige und unbewusste Züchtung. Unbekfinnter Ursprung unsrer
kultivirten Rassen. Günstige Umstände für das Züchluugs-Verniögen des
Menschen.
Wenn wir die Einzelwesen einer Varietät oder Untervarie-
tät unsrer alten Kultur-Pflanzen und -Thiere ])elracliten , so ist
einer der Punkte , die uns zuerst auffallen , dass sie im Allge-
meinen mehr von einander abweichen, als die Einzelwesen einer
Art oder Varietät im Natur-Zustande. Erwägen wir nun die
grosse Manchfaltigkeit der Kultur-Pflanzen und -Thiere, welche sich
zu allen Zeiten unter den verschiedensten Klimaten und Behand-
lungs- Weisen abgeändert haben, so glaube ich sind wir zum
Schlüsse gedrängt, dass diese grössere Veränderlichkeit unsrer
Kultur-Erzeugnisse die Wirkung minder einff)rmiger und von den
natürlichen der Stamm -Altern etwas abweichender Lebens-
Bedingungen ist. Auch hat, wie mir scheint, Andrew Knight's
Meinung, dass diese Veränderlichkeit zum Theil mit überflüssiger
Nahrung zusammenhänge, einige Wahrscheinlichkeit für sich. Es
scheint ferner ganz klar zu seyn, dass die organischen Wesen
einige Generationen hindurch neuen Lebens - Bedingungen aus-
gesetzt seyn müssen, ehe ein bemerkliches Maass von Verände-
rung in ihnen hervortreten kann, und dass, wenn iiire Oroani-
sation einmal abzuändern begonnen hat, diese Abänderuno-
gevvidinlich durch viele Generationen fortwährt. Man kennt kei
nen Fall, dass ein veränderliches Wesen im Kultur - Zustande
aufgehört hätte veränderlich zu seyn. Unsre ältesten Kultur-
Darwin, Kntstolimig- dor Arten. 2. Aull.
18
Pflanzen, wie der Weilzen z. B., geben olt noch neue Varielä-
len, und unsre iiltestcn Hausthiere sind noch immer rascher
Umänderung oder Veredelung fähig.
Man hat darüber gestritten, in welchem Lebens -Aller die
.Ursachen der Abänderungen, worin sie immer bestehen mögen,
wirksam zu seyn pflegen, ob in der ersten, oder in der letzten
Zeit der Entwickelung des Embryos, oder im Augenblicke der
Empfängniss. Geoffroy St. - Hhaires Versuche ergeben, dass
eine unnatürliche Behandlung des Embryos Monstrositäten erzeuge,
und Monstrositäten können durch keinerlei scharfe Grenzlinie
von Varietäten unterschieden werden. Doch bin ich sehr zu
vermuthen geneigt, dass die häufigste Ursache zur Abänderung
in. Einflüssen zu suchen seye, welche das männliche oder weib-
liche reproduktive Element schon vor dem Akte der Befruchtung
erfahren hat. Ich habe verschiedene Gründe für «liese Meinung:
doch liegt der Hauptgrund in den bemerkenswerthen Folgen,
welche Einsperrung oder Anbau auf die Verrichtungen des repro-
duktiven Syslemes äussern, indem nämlich dieses System viel
empfänglicher für die W^irkung irgend eines Wechsels in den
Lebens -Bedingungen als jeder andere Theil der Organisa-
tion zu seyn scheint. Nichts ist leichter, als ein Thier zu zäh-
men, und wenige Dinge sind schwieriger, als es in der Gefan-
genschaft zu einer freiwilligen Fortpflanzung zu veranlassen in
den zahlreichen Fällen sogar, wo man Männchen und Weibchen
bis zur Paarung bringt. Wie viele Thiere wollen sich nicht fort-
pflanzen, obwohl sie schon lange in nicht sehr enger Gefangen-
schaft in ihrer Heimalh-Gegend leben ! Man schreibt Diess gewöhn-
lich verdorbenen Naturtrieben zu; allein wie viele Kultur-Pflan-
zen credeihen in der äussersten Kraft -Fülle, ohne jemals oder
fast jemals Samen anzusetzen! In einigen wenigen solchen Fällen
hat man herausgefunden, dass sehr unbedeutende Verhältnisse,
wie etwas mehr oder weniger Wasser zu einer gewissen Zeit
des Wachsthums für oder gegen die Samen-Bildung entscheidend
wird. Ich kann hier nicht eingehen in die zahlreichen Einzel-
heiten, die ich über diese merkwürdige Frage gesammelt; um
aber zu zeigen, wie oigenthümlich die Gesetze sind, welche die
19
Fortpflanzung der Thiere in Gefangensciiaft bedingen, will ich
nur anführen, dass Raubthiere selbst aus den Tropen-Gegenden
sich bei uns auch in Gefangenschaft ziemlich gerne fortpflanzen,
doch mit Ausnahme der Sohlengänger oder der Bären - Familie,
welche nur selten Junge erzeugen, während Fleisch - fressende
Vögel nur in den seltensten Fällen oder fast niemals fruchtbare
Eier legen. Viele ausländische Pflanzen haben ganz werthlosen
Pollen genau in demselben Zustande, wie die meist unfruchtbaren
Bastard-Pflanzen, Wenn wir auf der einen Seite Hauslhiere und
Kultur-Pflanzen oft selbst in schwachem und krankem Zustande
sich in der Gefangenschaft ganz freiwillig fortpflanzen sehen,
während auf der andern Seite jung eingefangene Individuen,
vollkommen gezähmt, Geschleclits-reif und kräftig (wovon ich viele
Beispiele anführen kann), in ihrem Reproduktiv - Systeme durch
nicht wahrnehmbare Ursachen so angegriCPen erscheinen, dass sie
sich nicht zu befruchten vermögen, so dürfen wir uns um so
weniger darüber wundern, wenn dieses System in der Gefangen-
schaft in nicht ganz regelmässiger Weise wirkt und eine Nach-
kommenschaft erzeugt, welche den Altern nicht vollkommen ähn-
lich oder welche veränderlich ist.
Man hat Unfruchtbarkeit als den Untergang des Gartenbaues
bezeichnet; aber Variabilität entsteht aus derselben Ursache wie
Sterilität, und Variabilität ist die Quelle all der ausgesuchtesten
Erzeugnisse unsrer Gärten, Ich möchte hinzufügen, dass, wenn
einige Organismen (wie die in Kästen gehaltenen Kaninchen und
.Frettchen) sich unter den unnatürlichsten Verhältnissen fortpflan-
zen, Diess nur beweiset, dass ihr Reproduktions-System dadurch
nicht angegriffen worden ist; und so widerstreben einige Thiere
und Pflanzen der Veränderung durch Zähmung oder Kultur und
erfahren nur sehr geringe Abänderung, vielleicht kaum eine
stärkere als im Natur-Zustande,
Man könnte eine lange Liste von Spielpflanzen (Sporting
plants) aufstellen, mit welchem Namen die Gärtner einzelne
Knospen oder Sprossen bezeichnen, welche plötzlich einen neuen
und von der übrigen Pflanze oft sehr abweichenden Charakter
annehmen. Solche Pflanzen kann man durch Propfen und oft
20
mittelsl Samen forlpnanzen. Diese Spielpnanzen sind in der
Nalur ausserordentlich selten, im Kultur - Zustande aber nichts
Ungewöhnliches, und wir sehen in diesem Falle, dass die abwei-
chende Behandlung der Mutterpflanze die Knospe oder den
Sprossen, nicht aber das Ei'chen oder den Pollen berührt hat.
Die meisten Physiologen sind aher der Meinung, dass zwischen
einer Knospe und einem Ei'chen auf ihrer ersten Bildungs-Stufe
kein wesentlicher Unterschied ist, so dass die Spielpflanzen in der
That meiner Meinung zur Stütze gereichen, dass die Veränderlich-
keit grossentheils von Einflüssen herzuleiten seye, welche die
Behandlung der Mutterpflanze auf das Ei'chen oder den Pollen
oder auf beide schon vor dem Befruchlungs- Akte ausgeübt hat.
Diese Fälle zeigen dann auch, dass Abänderung nicht, wie einige
Autoren angenommen, nolhwendig mit dem Generations- Akte
zusammenhänge.
Sämlinge von derselben Frucht erzogen oder Junge von
einem Wurfe weichen oft weit von einander ab, obwohl die
Jungen und die Alten, wie Mi.u.er bemerkt, offenbar genau den-
selben Lebens -Bedingungen ausgesetzt gewesen; und es ergibt
sich daraus, wie unerheblich die unmittelbaren Wirkungen der
Lebens-Bedingungen im Vergleiche zu den Gesetzen der Repro-
duktion, der Wechselbeziehungen des Wachsthums und der Erb-
lichkeit sind: denn wäre die Wirkung der Lebens-Bedingungen
in dem Falle, wo nur ein Junges abändert, eine unmittelbare
gewesen, sö würden zweifelsohne alle Jungen dieselben Abände-
rungen zeigen. Es ist sehr schwer zu beurtheilen, wie viel bei
einer solchen Abänderung dem unmittelbaren Einflüsse der Wärme,
der Feuchtigkeit, des Lichtes und der Nahrung im Einzelnen
zuzuschreiben seye; ich halte mich aber überzeugt, dass solche
Kräfte bei Thieren nur sehr wenig unmittelbaren Erfolg haben
können, während derselbe bei Pflanzen offenbar grösser ist. In
dieser Beziehung sind Buckman's neuere Versuche mit Pflanzen
von grossem Werthe. Wenn alle oder fast alle Einzelnwesen,
welche den nändichen Einflüssen ausgesetzt gewesen, auch auf die-
selbe Weise abgeändert werden, so scheint diese Wirkung anfangs
jenen Einflüssen unmitlelbar zugeschrieben werden zu müssen;
21
es lässl sich aber in einigen Fällen nachweisen, dass ganz enl-
seoenoesctzte Bedingungen idinliche Veränderungen des Baues
bewirken können, üenuingeachtct glaube ich, dass ein kleiner
Betrag der slaltlindenden Umänderung der unmittelbaren Einwir-
kung der Lebens-Bedingungen zugeschrieben werden kann, wie
in einigen Fällen die veränderte Grösse von der Nahrungs-Menge,
die Färbung von besonderen Arten der Nahrung und vom Lichte,
und vielleicht die Dichte des Pelzes vom Klima ableitbar ist.
Auch Gewöhnung hat einen entschiedenen Einfluss, wie die
Versetzung von Pflanzen aus einem Klima ins andere deren Blülhe-
Zeit ändert. Bei Thieren ist er bemerkbarer; ich habe bei der
Haus-Ente gefunden, dass die Flügel -Knochen leichter und die
Bein-I^nochen schwerer im Verhältniss zum ganzen Skelette sind
als bei der wilden Ente; und ich glaube, dass man diese Ver-
änderung getrost dem Umstände zuschreiben kann, dass die
zahme Ente weniger fliegt und mehr geht, als bei dieser Enten-
Art in ihrem wilden Zustande der Fall ist. Die erbliche stärkere
EntWickelung der Euter bei Kühen und Geisen in solchen Gegen-
den, wo sie regelmässig gemelkt werden, im Verhältnisse zu
andern, wo es nicht der Fall, ist ein anderer Beleg dafür.
Es gibt keine Art von Hans-Säugethieren , welche nicht in
dieser oder jener Gegend hängende Ohren hätte, und so ist
die Meinung, die irgend ein Schriftsteller geäussert, dass dieses
Hängendwerden der Ohren vom Nichtgebrauch der Ohr-Muskeln
herrühre, weil das Thier sich nicht mehr durch drohende Gefah-
ren beunruhigt fühle, ganz wahrscheinlich.
Es gibt mm viele Gesetze, welche die Veränderungen regeln,
von welchen einige wenige sich dunkel erkennen lassen, und die
nachher noch kürzlich erwähnt werden sollen. Hier will ich nur an-
führen, was man Wechselbeziehung der Entwicklung nen-
nen kann. Eine Veränderung in Embryo oder Larve wird sicherlich
meistens auch Veränderungen im reifen Thiere nach sich ziehen.
Bei Monstrositäten sind die Wechselbeziehungen zwischen ganz
verschiedenen Theilen des Körpers sehr sonderbar, und Isidore
Geoftboy St.-Hh.aibe führt davon viele Belege in seinem grossen
Werke an. Viehzüchter glauben, dass verlängerte Beine gewöhn-
22
lieh auch von einem verlängerten Kopfe begleitet sind. Einige
Beispiele erscheinen ganz wunderlicher Art; so, dass ganz weisse
Katzen mit blauen Augen allezeit taub sind. Farbe und Eigen-
thümlichkeiten der Konstitution sind mit einander in Verbindung,
wovon sich viele merkwürdige Fälle bei Pflanzen und Thieren
anluhren lassen. Aus den von Heusinger gesammelten Thatsachen
gehl hervor, dass weisse Schaafe und Schweine von gewissen
Pflanzen-Giften ganz anders als die dunkel-farbigen berührt wer-
den. Professor Wyman hat mir kürzlich einen sehr belehrenden
Fall dieser Art mitgetheilt. Auf seine an einige Farmer in
Florida gerichtete Frage, woher es komme, dass alle ihre
Schweine schwarz Seyen, erhielt er zur Antwort, dass die
Schweine die Farbwurzel (Lachnanlhes) fressen, die ihre Knochen
Nqlken-braun färbe und, ausser an den schwarzen Varietäten
derselben, die Hufe abfallen mache: und einer der Ansiedler
(in Florida Squatters genannt) fügte hinzu : wir wählen die schw'är-
zen Glieder eines V\^urfes zum Aufziehen aus. weil sie allein
Aussicht auf Gedeihen geben. Unbehaarte Hunde haben unvoll-
kommene Zähne; lang- und grob-haarige Wiederkäuer sollen ge-
neigter seyn, lange und viele Hörner zu bekommen; Tauben mit
Federfüssen haben eine Haut zwischen ihren äusseren Zehen;
kurz-schnäbelige Tauben haben kleine Füsse, und die mit langen
Schnäbeln auch lange Füsse. Wenn man daher durch Auswahl
geeigneter Individuen von Pflanzen und Thieren für die Nach-
zucht irgend eine Eigenthümlichkeit derselben zu steigeren ge-
denkt, so wird man gewiss meistens, ohne es zu wollen, diesen
geheimnissvollen Wechselbeziehungen der Entwickelung gemäss
noch andre Theile der Struktur mit abändern.
Das Ergebniss der mancherlei entweder ganz unbekannten
oder nur dunkel sichtbaren Gesetze der Variation ist ausser-
ordentlich zusammengesetzt und vielfältig. Es ist wohl der Mühe
Werth die verschiedenen Abhandlungen über unsre alten Kultur-
Pflanzen, wie Hyazinthen, Kartolleln, Dahlion u. s. w. sorgfältig
zu Studiren und von der endlosen Menge von Verschiedenheiten
in Bau und Lebensäusserung Kenntniss zu nehmen, durch welche
alle diese Varietäten und Subvarietäten von einander abweichen.
lliro ganze Organisation schcinl bildsam geworden zu seyn. um
bald in dieser und bald in jener Richtung sich etwas von dem
idlerlichen Typus zu entfernen.
Nicht- erbliche Abänderungen sind für uns ohne Bedeutung.
Aber schon die Zahl und Manchfalligkeit der erblichen Abwei-
chungen in dem Bau des Körpers, sey es von geringerer oder
von beträchtlicher physiologischer Wichtigkeit, ist endlos. Dr.
Prosper Lucas' Abhandlung in zwei starken Bänden ist das Beste
und Vollständigste; was man darüber hat. Kein Viehzüchter ist
darüber in Zweifel, dass die Neigung zur Vererbung sehr gross
ist; «Gleiches erzeugt Gleiches« ist sein Grund-Glaube, und nur
theoretische Schriftsteller haben dagegen Zweifel erhoben. Wenn
irgend eine Abweichung öfters zum Vorschein kommt und wir
sie in Vater und Kind sehen, so können wir nicht sagen, ob sie
nicht etwa von einerlei Grundursache herrühre, die auf beide
gewirkt habe. Wenn aber unter Einzelwesen einer Art, welche
offenbar denselben Bedingungen ausgesetzt sind, irgend eine
seltene Abänderung in Folge eines ausserordentlichen Zusammen-
treffens von Umständen an einem Vater zum Vorschein kommt
— an einem unter mehren Millionen — und dann am Kinde
wieder erscheint, so nöthigt uns schon die Wahrscheinlichkeit
diese Wiederkehr aus der Erblichkeit zu erklären. Jedermann
hat schon von Fällen gehört, wo so seltene Erscheinungen, wie
Albinismus, Stachelhaut, ganz behaarter Körper u. dgl. bei mehren
Gliedern einer und der nämlichen Familie vorgekommen sind.
Wenn aber so seltene und fremdartige Abweichungen der Körper-
Bildung sich wirklich vererben, so werden minder fremdartige
und ungewöhnliche Abänderungen um so mehr als erbliche zu-
gestanden werden müssen. Ja vielleicht wäre die richtigste Art
die Sache anzusehen die, dass man jedweden Charakter als erb-
lich und die Nichterblichkeit als Ausnahme betrachtete.
Die Gesetze, welche die Erblichkeit der Charaktere regeln,
sind gänzlich unbekannt, und niemand vermag zu sagen, wie es
komme, dass dieselbe Eigenthümlichkeit in verschiedenen Indi-
viduen einer Art und in Einzelwesen verschiedener Arten L-J
zuweilen erblich ist und zuweilen es nicht ist; wie es kounne,
24
dciss (las Kind zuweilen zu gewissen Charakteren des Grossvalers
oder der Grossinutter oder noch früherer Vorfahren zurückkehre;
wie es komme, dass eine Eigenlhümlichkeit sich oft von einem
Geschlcchle auf beide Geschlechter übertrage, oder sich auf eines
und zwar dasselbe Geschlecht beschränke. Es ist eine Thalsache
von nur geringer Wichtigkeit für uns, dass eigenthümliche Merk-
male, welche an den Mannchen unsrer Hausthiere zum Vorschein
kommen, ausschliesslich oder doch vorzugsweise wieder nur auf
männliche Nachkommen übergehen. Eine wichtigere und wie ich
glaube verlässige Erscheinung ist die, dass, in welcher Periode
di'S Lebens sich die abweichende Bildung zeigen möge, sie auch
in der Nachkommenschaft immer in dem entsprechenden Alter,
()der^uwcilen wohl früher, zum Vorschein kommt. In vielen
Fällen ist Diess nicht anders möglich, weil die erblichen Eigen-
thümlichkeiten z. B. in den Hörnern des Rindviehs an den Nach-
kommen sich erst im reifen Alter zeigen können: und eben so
gibt es bekanntlich Eigenthümlichkeiten des Seidenwurms, die nur
den Raupen- oder den Puppen-Zustand betreffen. Aber erbliche
Krankheiten u. e. a. Thatsachen veranlassen mich zu glauben,
dass die Regel eine weitere Ausdehnung hat, und dass selbst da,
wo kein olfenbarer Grund für das Erscheinen einer Abänderung
in einem bestimmten Alter vorliegt, doch das Streben vorherrscht,
auch am Nachkonunen in dem gleichen Lebens-Abschnitle sich zu
zeigen, wo sie an dem Vorfahren (jrstmals eingetreten ist. Ich
glaube, dass diese Regel von der grösslen Wichtigkeit für die
Erklärung der Gesetze der Embryologie ist. Diese Bemerkungen
beziehen sich übrigens auf das erste Sichtbarwerden der Eigen-
thümlichkeit, und nicht auf ihre erste Veranlassung, die vielleicht
schon in dem männlichen oder weiblichen Zeugungsstoff liegen
kann, in der Weise etwa, wie der aus der Kreutzung einer kurz-
hornigen Kuh und eines langhörnigen Bullen hervorgegangene
Sprössling die grössre Länge seiner Hörner erst spät im Leben
zeigen kann, obwohl die erste Ursache dazu schon im Zeugungs-
stoff des Vaters liegt.
Ich habe des Falles der Rückkehr zur grossälterlichen Bil-
dung erwähnt und in dieser Beziehung noch anzuführen, dass
25
die NiUiirforscIier oft behaupten, unsre Hauslliicr-Rasscn nähmen,
wenn sie verwilderten, zwar nur allmählich, aber doch gewisü,
wieder den Charakter ihrer wilden Stammällern an, woraus man
dann geschlossen hat, dass Folgerungen von zahmen Rassen
auf die Arten in ihrem Natur-Zustande nicht zulässig seyen. Ich
habe jedoch vergeblich auszumitteln gestrebt, äuf was l'ür ent-
scheidende Thatsachen sich jene so oft und so bestimmt wieder-
holte Behauptung stütze. Es mochte sehr schwer sein, ihre Rich-
tigkeit nachzuweisen; denn wir können mit Sicherheit sagen,
dass sehr viele der ausgeprägtesten zahmen Varietäten im wilden
Zustande gar nicht leben könnten. In vielen Fällen kennen wir
nicht einmal den Urstamm und vermögen uns daher noch weni-
ger zu vergewissern, ob eine vollständige Rückkehr eingetreten
ist oder nicht. Jedenl'alls würde, um die Folgen der Kreutzung
zu vermeiden, nöthig seyn, dass nur eine einzelne Varietät in
die Freiheit zurückversetzt werde. Ungeachtet aber unsre Varie-
täten gewiss in einzelnen Merkmalen zuweilen zu ihren Urfor-
men zurückkehren, so scheint mir doch nicht unwahrscheinlich,
dass, wenn man die verschiedenen Abarten des Kohls z. B. einige
Generationen hindurch in einem ganz armen Boden zu naturali-
siren fortführe (in welchem Falle dann allerdings ein Theil des
Erfolges der unmittelbaren Wirkung des Bodens zuzuschreiben
wäre), dieselben ganz oder fast ganz wieder ihre wilde Urform
annehmen würden. Ob der Versuch nun gelinge oder nicht, ist
für unsere Folgerungs-Reihe ohne grosse Erheblichkeit, weil durch
den Versuch selber die Lebens - Bedingungen geändert werden.
Liesse sich beweisen, dass unsre kultivirten Rassen eine starke
Neigung zur Rückkehr, d. h. zur Ablegung der angenommenen
Merkmale an den Tag legten, wenn sie unter unveränderten
Bedingungen und in beträchtlichen Massen beisammen gehalten
würden, so dass freie Kreutzung etwaige geringe Abweichungen
der Struktur in Folge ihrer Durcheinandermischung verhütete, —
in diesem Falle wollte ich zugeben, dass sich aus den zahmen
Varietäten nichts hinsichtlich der Arten folgern lasse. Aber es
ist nicht ein Schatten von Beweis zu Gunsten dieser Meinung
vorhanden. Die Behauptung, dass sich unsere Wagen- und
26
Rasse-Pferde, unsre lang- und kurz-hörnigen Rinder, unsrc manch-
f'alligen Federvieh Sorten und Nahrungs-Gewächse nicht eine last
endlose Zahl von Generationen hindurch fortpflanzen lassen, wäre
aller Erfahrung entgegen. Ich will noch hinzufügen, dass, wenn
im Natur-Zustande die Lebens-Bedingungen wechseln, Abän-
derungen und Rückkehr des Charakters wahrscheinlich eintreten
werden; aber die Natürliche Züchtung würde, wie nachher ge-
zeigt werden soll, bestimmen, wie weit die hieraus hervorgehen-
den neuen Charaktere erhalten bleiben.
Wenn wir die erblichen Varietäten oder Rassen unsrer
Haus-Thiere und Kultur- Gewächse betrachten und dieselben mit
einander nahe verwandten Arten vergleichen, so finden wir in
jeder zahmen Rasse, wie schon bemerkt worden, eine geringere
Übereinstimmung des Charakters, als bei ächten Arten. Auch
haben zahme Rassen von derselben Thier-Art oft einen etwas
monströsen Charakter, womit ich sagen will, dass, wenn sie sich
auch von einander und von den übrigen Arten derselben Sippe
in mehren wichtigen Punkten unterscheiden, sie doch oft im
äussersten Grade in irgend einem einzelnen Theile sowohl von
den andern Varietäten als insbesondere von den übrigen nächst-
verwandten Arten derselben Sippe zurückweichen. Diese Fälle
(und die der vollkommenen Fruchtbarkeit gekreutzter Varietäten
einer Art, wovon nachher die Rede seyn soll) ausgenommen,
weichen die kultivirten Rassen einer und derselben Spezies in
gleicher Weise, nur gewöhnlich in geringerem Grade, von ein-
ander ab, wie die einander nächst verwandten Arten derselben
Sippe im Natur-Zustande. Ich glaube, man wird Diess zugeben,
wenn man findet, dass es kaum irgend-welche gepflegte Rassen
unter den Thieren wie unter den Pflanzen gibt, die nicht schon
von einigen urtheilsfähigen Richtern als wirkliche Varietäten und
von andern ebenfalls sachkundigen Beurtheilern als Abkömmlinge
einer ursprünglich verschiedenen Art erklärt worden wären.
Gäbe es irgend einen bestimmten Unterschied zwischen kultivir-
ten Rassen und Arten, so könnten dergleichen Zweifel nicht so
oft wiederkehren. Oft hat man versichert, dass gepflegte Rassen
nicht in Sippen-Charakteren von einander abweichen. Ich glaube
27
zwar, class sich diese Behauplimg als irrig erweisen lässl: doch
wehen die Meinungen der Nalurlorscher weit auseinander, wenn
sie sagen sollen, worin Sippen-Charaktere bestehen, da alle solche
Werthungen nur empirisch sind. Überdiess werden wir nach
der Ansicht von der Entstehung der Sippen, die ich jetzt auf-
stellen will, kein Recht haben zur Erwartung, bei unseren Kultur-
Erzeugnissen oft auf Sippen- Verschiedenheilen zu stossen.
Wenn wir den Betrag der Struktur-Verschiedenheiten zwischen
den gepflegten Rassen von einer Art zu schätzen versuchen, so
werden wir bald dadurch in Zweifel versetzt, dass wir nicht
wissen, ob dieselben von einer oder von mehren älterlichen
Arten abstammen. Es wäre von Interesse, wenn sich diese Frage
aufklären, wenn sich z. B. nachweisen Hesse, ob das Windspiel,
der Schweisshund, der Dachshund, der Jagdhund und der
Bullenbeisser, welche sich so genau in ihrer Form fortpflanzen,
Abkömmlinge von nur einer Stamm-Art seycn? Denn solche That-
sachen würden sehr geeignet seyn unsre Zweifel zu erregen
über die Unveränderlichkeit der vielen einander sehr nahe-stehen-
den natürlichen Arten der Füchse z. B., die so ganz verschie-
dene Weltgegenden bewohnen. Ich glaube nicht, dass wir jetzt
im Stande sind zu erkennen, ob alle unsre Hunde von einer
wilden Stamm-Art herkommen, obwohl Diess bei einigen andren
Hausthier-Rassen wahrscheinlich oder sogar genau nachweisbar ist.
Es ist oft angenommen worden, der Mensch habe sich solche
Pflanzen- und Thier -Arten zur Zähmung ausgewählt, welche
ein angeborenes ausserordentlich starkes Vermögen abzuändern
und in verschiedenen Kliniaten auszudauern besässen. Ich will
nicht bestreiten, dass diese Fähigkeiten viel zum Werthe unsrer
meisten Kultur -Erzeugnisse beigetragen haben. Aber wie ver-
mochte ein Wilder zu wissen, als er ein Thier zu zähmen
begann, ob dasselbe in folgenden Generationen zu variiren
geneigt und in anderen Klimaten auszudauern vermögend seyn
werde? Oder hat die geringe Veränderlichkeit des Esels und des
Perlhuhns, das geringe Ausdaurungs-Vermögen des Rennlhiers in
der Wärme und des Kameeis in der Kälte ihre Zähmung gehin-
dert? Ich hege keinen Zweifel, dass, wenn man andre Pnanzen-
28
und Thiei'-Artcn iw gleicher Anzahl wie unsrc gepflegten Rassen
und aus eben so verschiedenen Klassen und Gegenden ihrem
Nalur-Zustande enlnähme und eine gleich lange Reihe von Gene-
ralionen hindurch im zahmen Zustande fortpflanzte, sie in glei-
chem Umfange variiren würden, wie es unsre jetzt schon kulli-
virten Arten thun.
In Rezug auf die meisten unsrer längst gepflegten Pflanzcn-
und Thier- Rassen halte ich es nicht für möglich zu einem
|)estimmtcn Ergebniss darüber zu gelangen, ob sie von einer
oder von mehren Arten abstammen. Die Anhänger der Lehre
von einem mehrfältigen Ursprung unsrer Rassen berufen sich
hauptsächlich darauf, dass schon die ältesten geschichtlichen
Nachrichten und insbesondere die Ägyptischen Denkmäler von
einer grossen Verschiedenheit der Rassen Zeugniss geben, und
dass einige derselben mit unseren jetzigen bereits die grösste
Ähnlichkeit haben, wenn nicht gänzlich übereinstimmen. Wäre
aber diese Thatsache auch besser begründet, als sie es zu seyn
scheint, so würde sie doch nichts anderes beweisen, als dass
eine oder die andre unsrer Rassen dort vor vier bis fünf Tau-
send Jahren entstanden ist. Seit den neuerlichen Entdeckungen
von Celtischen Feucrstein-Geräthcn in den obren Boden-Schichten
Englands, Frankreichs und Deutschlands werden wenige Geologen
mehr daran zweifeln, dass der Mensch in einem bereits genügend
zivilisirten Zustande, um Wafi'en zu fabriziren, schon in einer
nach Jahren ausgedrückt sehr frühen Zeit existirt hat; — und
bekanntlich gibt es heutzutage kaum noch einen so wilden
Volks-Stamm, der sich nicht wenigstens den Hund gezähmt hätte.
Der Ursprung der meisten unserer Hausthiere wird wohl
immer ungewiss bleiben. Doch will ich hier bemerken, dass ich
durch ein flcissiges Sammeln aller bekannten Thatsachen über
die Haushunde in allen Theilen der Erde zu dem Ergebnisse
gelangt bin, dass_ mehre wilde Hunde -Arten gezähmt worden
sind und ihr Blut jeTzTmehr und weniger gemischt in den Adern
unsrer Hunde- Rassen fliesst. — In Bezug auf Schaf und Ziege
vermag ich mir keine Meinung zu bilden. Nach den mir von
Blyth über die Lebens-Weise, Stimme, Konstitution u. s. w. des
29
Indischen Höckerochson aiitgetheillen Tliatsaclien söllte ich den-
ken, dass er von einer anderen Art als unser Europäisches
Rind herslainmen müsse, welches manche sachkundige Beurthciler
von mehrfachen Stamm -Arten ableiten wollen, und diese An-
nahme dürfte nach den neueren Untersuchungen Professor Rüti-
meyer's allerdings als die richtigste zu betrachten seyn. — Hin-
sichtlich des Pferdes bin ich aus Gründen, die ich hier nicht
(Mitwickeln kann, mit einigen Zweifeln gegen die Meinung einiger
Schriftsteller anzunehmen geneigt, dass alle seine Rassen nur
von einem wilden Stamme herrühren. Blyth, dessen Meinung
ich seiner reichen und manchfaltigen Kenntnisse wegen in dieser
Beziehung höher als die fast eines jeden Andern anschlagen muss,
glaubt dass alle unsre Hühner-Varietäten vom gemeinen Indischen
Huhn (Gallus Bankiva) herkommen. Nachdem ich mir fast alle
Englischen Rassen lebend gehalten, sie gekreutzt und ihre Skelette
untersucht, bin auch ich zu einem ähnlichen Schlüsse gelangt,
wofür ich meine Gründe in einem späteren Werke auseinander-
setzen will. — In Bezug auf Enten und Stall-Hasen, deren Rassen
in ihrem Körper -Bau beträchtlich von einander abweichen,
sprechen alle Anzeigen zu Gunsten der Annahme , dass sie alle
von der gemeinen Wild-Ente und dein Kaninchen stammen.
Die Lehre der Abstammung unsrer verschiedenen Hausthier-
Rassen von verschiedenen wilden Stamm -Arten ist von einigen
Schriftstellern bis zu einem abgeschmackten Extreme getrieben
worden. Sie glauben nämlich, dass jede wenn auch noch so wenig
verschiedene Rasse, welche ihren unterscheidenden Charakter
durch Inzucht bewahrt, auch ihre, wilde Stamm-Form gehabt habe .
Dann müsste es eine ganze Menge wilder Rinds-, viele Schaf- und
einige Geisen- Arten in Europa und mehre selbst schon inner-
iialb Grosshritannien gegeben haben. Ein Autor meint, es hät-
ten ehedem eilf wilde und dem Lande eigenthümliclie Schaaf-
Arten dort gelebt. Wenn wir nun erwägen, dass Britannien jetzt
kaum eine ihm eigenthümliche Säugelhier- Art , Frankreich mr
sehr wenige nicht auch in Deutschland vorkommende, und um-
gekehrt, besitze, dass es sich eben so mit Ungarn, Spanien u. s. vv.
verhalle, dass aber jedes dieser Königreiche mehre ihm eigene
30
Rassen von Rind, ScliaaC ii. s. w. darbiete, so müssen wir zu-
geben, dass in Europa viele Haustbier-Slämme entstanden sind;
denn von woher sollen alle gekommen seyn, da keines dieser
Länder so viele eigenlliümliche Arien als abweichende Stamm-
Rassen besitzt? Und so ist es auch in Ostindien. Selbst in
Bezug auf die Haushunde der ganzen Welt kann ich, obwohl
ich ihre Abstammung von mehren verschiedenen Arten ganz
wahrscheinlich finde, nicht in Zweifel ziehen, dass da ein uner-
messlicher Betrag vererblicher Abweichungen vorhanden gewesen
ist. Denn wer kann glauben, dass Thiere nahezu übereinstim-
mend mit dem Italienischen Windspiel, mit dem Schweisshund,
mit dein BuUenbeisser , mit dem Blenheimer Jagdhund und
so abweichend von allen wilden Caniden, jemals frei im Natur-
zustände gelebt hätten. Es ist oft hingeworfen worden , alle
unsre Hunde -Rassen seyen durch Kreutzung einiger weniger
Stamm- Arten miteinander entstanden; aber Kreutzung kann nur
solche Formen liefern, welche mehr oder weniger das Mittel zwi
sehen ihren Altern halten, und gingen wir von dieser Erfahrung
bei unsern zahmen Rassen aus, so müssten wir annehmen, dass
einstens die äussersten Formen des Windspiels, des Schweiss-
hundes, des Bullenbeissers u. s. w. im wilden Zustande gelebt
hätten. Überdiess ist die Möglichkeit, durch Kreutzung verschie-
dene Rassen zu bilden, sehr übertrieben worden. Wenn es auch
keinem Zweifel unterliegt, dass eine Rasse durch gelegentliche
Kreutzung mittelst sorgfältiger Auswahl der Blendlinge, welche
irgend einen bezweckten Charakter darbieten, sich bedeutend
modifiziren lässt, so kann ich doch kaum glauben, dass man eine
nahezu das Mittel zwischen zwei weit verschiedenen Rassen oder
Arten haltende Rasse zu züchten im Stande ist. Sir J. Sebright
hat absichtliche Versuche in dieser Beziehung angestellt und
keinen Erfolg erlangt. Die Nachkommenschaft aus der ersten
Kreutzung zwischen zwei reinen Rassen ist erträglich und zu-
weilen, wie ich bei Tauben gefunden, ausserordentlich einförmig,
und Alles scheint einfach genug. Werden aber diese Blendlinge
einige Generationen hindurch unter einander gepaart, so werden
kaum zwei ihrer Nachkommen mehr einander ähnlich ausfallen,
31
und dann wird die äussersle Schwierigkeil oder vielmehr gänz-
liche Frollnungslosigkeit des Erfolges Idar. Gewiss kann eine
Miltel-Rasse zwischen zwei sehr verschiedenen reinen Rassen
nicht ohne die äusserste Sorgfall und eine lang fortgesetzte
Wahl der Zuchtthiere gebildet werden, und ich finde nicht
einen Fall berichtet, wo dadurch eine bleibende Rasse erzielt
worden wäre.
Züchtung der Ha us -Taub e n.) Von der Ansicht aus-
gehend, dass es am zweckmässigslen seye , irgend eine beson-
dere Thier-Gruppe zum Gegenstande der Forschung zu machen,
habe ich mir nach einiger Erwägung die Haus -Tauben dazu
ausersehen. Ich habe alle Rassen gehalten, die ich mir ver-
schaffen konnte, und bin auf die freundlichste Weise mit Exem-
plaren aus verschiedenen Welt- Gegenden bedacht worden, ins-
besondere durch den ehrenwerthen W. Eluot aus Ostindien und
den ehrenwerthen G. Mubray aus Persien. Es sind viele Ab-
handlungen in verschiedenen Sprachen veröifenllicht worden und
cinio-e darunter durch ihr ansehnliches Alter von besonderer
Wichtigkeit. Ich habe mich mit einigen ausgezeichneten Tauben-
Liebhabern verbunden und mich in zwei Londoner Tauben- Clubs
aufnehmen lassen. Die Verschiedenheit der Rassen ist oft er-
staunlich gross. Man vergleiche z. B. die Englische Botentaube
und den kurzslirnigen Purzier und betrachte die wunderbare
Verschiedenheil in ihren Schnäbeln, welche entsprechende Ver-
schiedenheilen in ihren Schädeln bedingt. Die Englische Boten-
laube (Carrier) und insbesondere das Männchen ist noch bemer-
kenswerlh durch die wundervolle Entwickelung von Fleisch-
lappen an der Kopfhnul, die mächtig verlängerten Augenlider,
sehr weite äussere Nasenlöcher und einen weilklalTenden Mund.
Der kurzstirnige Purzier hat einen Schnabel, im Profil fast wie
beim Finken: und die gemeine Purzel-Taube hat die eigenthüm-
liche und streng erbliche Gewohnheit, sich in dichten Gruppen
zu ansehnlicher Höhe in die Luft zu erheben und dann Kopf-
über herabzupurzeln. Die Runl-Taube ist von beträchtlicher Grösse
mit langem massigem Schnabel und grossen Füssen; einige Unlor-
rassen derselben haben einen sehr langen Hals, andre sehr lange
32
Schwingen und Schwanz, noch andre einen ganz eigenlhümlich
kurzen Schwanz. Der »Barb« ist mit der Bolentaube verwandt,
hat aber, statt des sehr langen, einen sehr kurzen und breiten
Schnabel. Der Kröpfer hat Körper, Flügel und Beine sehr ver-
längert, und sein ungeheuer entwickelter Kropf, den er sich aufzu-
blähen gefällt, mag wohl Verwunderung 'und selbst Lachen
erregen. Die Möventaube (Turbit) besitzt einen sehr kurzen
kegelförmigen Schnabel, mit einer Reihe umgewendeter Federn
auf der Brust, und hat die Sitte den oberen Theil des Schlun-
des beständig etwas auszubreiten. Der Jakobiner oder " äie
Perückentaube hat die Nacken - Federn so aufgerichtet, dass sie
eine Perücke bilden, und verhältnissmässig lange Schwung- und
Schwanz-Federn. Der Trompeter und die Trommeltaube* rucksen,
wie ihre Namen ausdrücken, auf eine ganz andre Weise als die
andern Rassen. Die Pfauentaube hat 30— 4ü statt der normalen
12 — 14 Schwanz -Federn und trägt diese Federn in der Weise
ausgebreitet und aufgerichtet, dass in guten Vögeln sich Kopf
und Schwanz berühren ; die Öl-Drüs^ ist gänzlich verkümmert.
Noch blieben einige minder ausgezeichnete Rassen aufzuzählen
übrig.
Im Skelette der verschiedenen Rassen weicht die Entwicke-
lung der Gesichtsknochen in Länge, Breite und Krümmung aus-
serordentlich ab. Die Form sowohl als die Breite und Länge
des Unterkiefer-Astes ändern in sehr merkwürdiger Weise. Die
Zahl der Heiligenbein- und Schwanz-Wirbel und der Rippen, die
verhältnissmässige Breite und Anwesenheit ihrer Queerfortsätze
wechseln ebenfalls. Sehr veränderlich sind ferner die Grösse
und Form der Lücken im Brustbein, so wie der Öffnungs-Winkel
und die bezügliche Grösse der zwei Schenkel des Gabelbeins.
Die verglichene Weite des Mundspaltes, die verhältnissmässige
Länge der Augenlider, der äusseren Nasenlöcher und der Zunge,
welche sich nicht immer nach der des Schnabels richtet, die
Grösse des Kropfes und des obern Thoils des Schlundes, die
the lauffher, die Lacluaiil)e; tlocli sclieinl nach dem Ziisainineiilianoe
hier eher die Troniineltaube, als die Coliimba risoria gemeint zu seyn. ü. Übs.
33
Entwickelung oder Verkümmerung der Öl-Drüse, die Zahl der
ersten Schwung- und der Schwanz-Federn, die verglichene Länge
von Flügeln und Schwanz gegen einander und gegen die des
Körpers, die des Laufs gegen die Zehen, die Zahl der Horn-
schuppen in der Zehen Bekleidung sind Alles Abänderungs fähige
Punkte im Körper-Bau. Auch die Periode, wo sich das vollkom-
mene Gefieder einstellt, ist ebenso veränderlich als die Beschaffen-
heit des Flaums, womit die Nesllinge beim Ausschlüpfen aus dem
Eie bekleidet sind. Form und Grösse der Eier sind der Abän-
derung unterworfen. Die Art des Flugs ist eben so merkwürdig
verschieden, wie es bei manchen Rassen mit Stimme und Gemüths-
art der Fall ist. Endlich weichen bei gewissen Rassen die Männ-
chen etwas von den Weibchen ab.
So könnte man wenigstens eine ganze Menge von Tauben-
Formen auswählen, die ein Ornithologe, wenn er überzeugt wäre,
dass es wilde Vögel, unbedenklich für wohl-bezeichnete Arten
erklären würde. Ich glaube nicht einmal, dass irgend ein Orni-
thologe die Englische Botentaube, den kurzstirnigen Purzier, den
Runt, den Barb, die Kropf- und die Pfauen-Taube in dieselbe
Sippe zusammenstellen würde , zumal eine jede dieser Rassen
wieder mehre erbliche Unterrassen in sich enthält, die er für
Arten nehmen könnte.
Wie gross nun aber auch die Verschiedenheit zwischen den
Tauben-Rassen seyn mag, so bin ich doch überzeugt, dass die
gewöhnliche Meinung der Naturforscher, dass alle von der Fels-
taube (Columba livia) abstammen, richtig ist, wenn man unter
diesem Namen nämlich verschiedene geographische Rassen oder
Unterarten mit begreift, welche nur in den untergeordnetesten
Merkmalen von einander abweichen. Da einige der Gründe,
welche mich zu dieser Meinung bestimmt haben, mehr und we-
niger auch auf andre Fälle anwendbar sind, so will ich sie kurz
angeben. Wären jene verschiedenen Rassen nicht Varietäten und
nicht von der Felstaube entsprossen, so müssten sie von wenig-
stens 7 — 8 Stammarien herrühren ; denn es wäre unmöglich
alle unsere zahmen Rassen durch Kreulzung einer geringeren Ar-
ten-Zahl miteinander zu erlangen. Wie wollte man z. B. die
Darwin, Entstehung der Arten. 1. Aufl. -j
34
Kropflaiibe durch Paarung zweier Arten miteinander erzielen,
wovon nicht wenigstens eine den Ungeheuern Kropf besässe?
Die unterstellten wilden Stammarten müssten sämmtlich Fels-
Tauben gewesen seyn, die nämlich nicht freiwillig auf Bäumen
brüten oder sich auch nur darauf setzen. Doch ausser der C.
livia und ihren geographischen Unterarten kennt man nur noch
2—3 Arten Fels-Tauben, welche aber nicht einen der Charak-
tere unsrer zahmen Rassen besitzen. Daher müssten dann die
angeblichen Urstämme entweder noch in den Gegenden ihrer er-
sten Zähmung vorhanden und den Ornithologen unbekannt ge-
blieben seyn , was wegen ihrer Grösse , Lebensweise und merk-
würdigen Eigenschaften sehr unwahrscheinlich ist; oder sie müss-
ten in wildem Zustande ausgestorben seyn. Aber Vögel, welche
nn Fels- Abhängen nisten und gut fliegen, sind nicht leicht aus-
zurotten, und unsre gemeine Fels-Taube, welche mit unsren zah-
men Rassen gleiche Lebens-Weise besitzt, hat noch nicht einmal
auf einigen der kleineren Brilischen Inseln oder an den Küsten
des Mittelmeeres ausgerottet werden können. Daher mir die
angebliche Ausrottung so vieler Arten, die mit der Felstaube
gleiche Lcbons-Weise besitzen, eine sehr übereilte Annahme zu
seyn scheint. Überdiess sind die obengenannten so abweichen-
den Rassen nach allen Weltgegenden verpflanzt worden und
müssten daher wohl einige derselben in ihre Heimath zurück-
gelangt seyn. Und doch ist nicht eine derselben verwildert, ob-
wohl die Feld-Taube, d. i. die Felstaube in ihrer am wenigsten
veränderten Form, in einigen Gegenden wieder wild geworden ist.
Da nun alle neueren Versuche zeigen, dass es sehr schwer ist
ein wildes Thier zur Fortpflanzung im Zustande der Zähmung zu
vermögen, so wäre man durch die Hypothese eines mehrfältigen
Ursprungs unsrer Haus-Tauben zur Annahme genöthigl, es seyen
schon in alten Zeiten und von halb-zivilisirten Menschen wenig-
stens 7—8 Arten so vollkommen gezähmt worden, dass sie jetzt
in der Gefangenschaft ganz wohl gedeihen.
Ein Beweisgrund, wie mir scheint, von grossem Werthe
und auch anderweitiger Anwendbarkeit ist der, dass die oben
aufgezählten Rassen, obwohl sie im Allgemeinen in organischer
35
Thätigkeit, Lebens- Weise, Stimme, Färbung und den meisten Thei-
len ihres Körper-Baues mit der Felstaube übereinkommen ^ doch
in anderen Tlieilen dieses letzten gewiss sehr weit davon abwei-
chen; und wir würden uns in der ganzen grossen Familie der
Columbiden vergeblich nach einem Schnabel , wie ihn die Engli-
sche Botentaube oder der kurzstirnige Purzier oder der Barb be-
sitzen, oder nach umgedrehten Federn, wie sie die Perücken-
taube hat, — oder nach einem Kropf wie beim Kröpfer, — oder
nach einem Schwanz , wie bei der Pfauentaube umsehen. Man
müsste daher annehmen, dass der halb-zivilisirte Mensch nicht allein
bereits mehre Arten vollständig gezähmt, sondern auch absichtlich
oder zufällig ausserordentlich abweichende Arten dazu erkoren
habe, und dass diese Arten seitdem alle erloschen oder verschollen
Seyen. Das Zusammentreffen so vieler seltsamer Zufälligkeilen
scheint mir im höchsten Grade unwahrscheinlich.
Noch möchten hier einige Thatsachen in Bezug auf die Fär-
bung des Gefieders Berücksichtigung verdienen. Die Felstaube
ist Schiefer-blau mit weissem (bei der Oslindischen Subspecies,
C. intermedia Strickl., blaulichem) Hinterrücken, hat am Schwänze
eine schwarze End-Binde und an den äusseren Federn desselben
einen weissen äusseren Rand, und die Flügel haben zwei schwarze
Binden; einige halb und andere anscheinend ganz wilde Unter-
rassen haben auch noch schwarze Flecken auf den Flügeln.
Diese verschiedenen Merkmale kommen bei keiner andern Art der
ganzen Familie vereinigt vor. Nun treffen sich aber auch bei
jeder unsrer zahmen Rassen zuweilen und selbst unter den ganz
ausgebildeten Vögeln derselben alle jene Merkmale gut entwickelt
in Verbindung miteinander, selbst bis auf die weissen Ränder der
äusseren Schwanzfedern. Ja sogar,' wenn man zwei oder mehr
Vögel von verschiedenen Rassen, von welchen keine blau ist
oder eines der erwähnten Merkmale besitzt, mit einander paart,
sind die dadurch erzielten Blendlinge sehr geneigt, diese Char
raktere plötzlich anzunehmen. So kreuzte ich z. B. einfarbig
weisse Pfauentauben von sehr reiner Rasse mit einfarbig schwar-
zen Barb-Tauben, von deren blauen Varietäten mir kein Fall in
England bekannt ist, und erhielt eine braune, schwarze und
3 ♦
36
gefleckte Naolikommenschaft. Ich kreuzte nun auch eine Barb-
init einer Bläss-Taube, einen weissen Vogel mit rolhem Schwanz
und rothem Bläss von sehr beständiger Rasse, und die Blend-
linge waren dunkelfarbig und fleckig. Als ich ferner einen der
von Pfauen- und von Barb-Tauben erzielten Blendlinge mit einem
' der Blendlinge von Barb- und von Bläss-Tauben paarte, kam ein
Enkel mit schön blauem Gefieder, weissem Unterrücken, doppeller
schwarzer Flügelbmde , schwarzer Schwanzbinde und weissen
Seitenrändern der Steuerfedern , Alles wie bei der wilden Fels-
taube, zum Vorschein, Man kann diese Thalsache aus dem wohl
bekannten Prinzip der Rückkehr zu vorälterlichen Charakteren
begreifen, wenn alle zahmen Rassen von der Felstaube abstam-
men. Wollten wir aber Dieses läugnen , so müsslen wir eine
von den zwei folgenden sehr unwahrscheinlichen Unterstellungen
machen. Entweder: dass all' die verschiedenen eingebildeten
Stamm-Arten wie die Felstaube gefärbt und gezeichnet gewesen
(obwohl keine andre lebende Art mehr so gefärbt und gezeichnet
ist), so dass in dessen Folge noch bei allen Rassen eine Neigung
zu dieser anfänglichen Färbung und Zeichnung zurückzukehren
vorhanden wäre. Oder: dass jede und auch die reinste Rasse
seit etwa den letzten zwölf oder höchstens zwanzig Generalionen
einmal mit der Felstaube gekreiitzt worden seye; ich sage: höch-
stens zwanzig, denn wir kennen keine Thatsache zur Unter-
stützung der Meinung, dass ein Abkömmling nach einer noch län-
geren Reihe von Generationen sogar zu den Charakteren seiner
Vorfahren zurrückkehren könne. Wenn in einer Rasse nur ein-
mal eine Kreutzung mit einer andern stattgefunden hat, so wird
die Neigung zu einem Charakter dieser letzten zurückzukehren
natürlich um so kleiner und kleiner werden, je weniger Blut von
derselben noch in jeder späteren Generation übrig ist. Hat aber
eine Kreutzung mit fremder Rasse nicht stattgefunden und ist
gleichwohl in beiden Altern die Neigung der Rückkehr zu einem
Charakter vorhanden, der schon seit mehren Generationen ver-
loren gegangen, so ist trotz Allem, was man Gegentheiliges
sehen mag, die Annahme geboten, dass sich diese Neigung in
ungeschwächtem Grade während einer unbestimmten Reihe von
37
Generationen fortpflanzen könne. Diese zwei ganz verschiedeniin
Fälle werden in Abhandlungen über Erblichkeit oft miteinander
verwechselt.
Endlich sind die Bastarde oder Blendlinge, welche durch die
Kreulzung der verschiedenen Tauben-Rassen erzielt werden, alle
vollkommen fruchtbar. Ich kann Diess mittelst meiner eigenen
Versuche bestätigen, die ich absichtlich zwischen den aller- ver-
schiedensten Rassen angestellt habe. Dagegen wird aber schwer
und vielleicht unmöglich seyn, einen Fall anzuführen, wo ein Ba-
stard an zwei bestimmt verschiedenen Arten schon selber voll-
kommen fruchtbar gewesen wäre. Einige Schriftsteller nehmen
an, ein lang-dauernder Zustand der Zähmung beseitige allmählich
diese Neigung zur Unfruchtbarkeit, und aus der Geschichte des
Hundes zu schliessen scheint mir diese Hypothese einige Wahr-
scheinlichkeit zu haben, wenn sie auf einander sehr nahe ver-
wandte Arten angewendet wird, obwohl sie noch durch keinen
einzigen Versuch bestätigt worden ist. Aber eine Ausdehnung
der Hypothese bis zu der Behauptung, dass Arten, die ursprünglich
von einander eben so verschieden gewesen, wie es Botentaube,
Purzier, Kröpfer und Pfauenschwanz jetzt sind, eine bei Inzucht
vollkommen fruchtbare Nachkommenschaft liefern , scheint mir
äusserst voreilig zu seyn.
Diese verschiedenen Gründe und zwar: die Unwahrscheinlich-
keit, da^s der Mensch schon in früher Zeit sieben bis acht wilde
Tauben-Arten zur Fortpflanzung in der Gefangenschaft vermocht
habe, die wir weder im wilden noch im verwilderten Zustande
kennen, ihre in manchen Beziehungen von der Bildung aller Go-
lumbiden mit Ansnahme der Felstaube ganz abweichenden Cha-
raktere, das gelegentliche Wiedererscheinen der blauen Farbe
und charakteristischen Zeichnung in allen Rassen sowohl im Falle
der Inzucht als der Kreutzung, die vollkommene Fruchtbarkeit
der Blendlinge : alle diese Gründe zusammengenommen gestatten
mir nicht zu zweifeln, dass alle unsre zahmen Tauben-Rassen von
Columba livia und deren geographischen Unterarten abstammen.
Zu Gunsten dieser Ansicht will ich noch ferner anführen:
1) dass die Felstaube, C. livia, in Europa wie in Indien zur
38
Z'ähmiiii}! geeignet gefunden worden ist, und dass sie in ihren
Gevvohniioiten wie in vielen Struktur-Beziehungen mit allen un-
Sern zahmen Rassen übereinkommt. 2) Obwohl eine Englische
Botontaube oder ein kurzstirniger Purzier sich in gewissen
Charakteren weit von der Felstaube entfernen, so ist es doch
dadurch, dass man die verschiedenen Unterformen dieser Rassen,
mit Einschluss der z. Th. aus weit entfernten Gegenden abslam-
menden, mit in Vergleich ziehet, möglich, fast ununterbrochene
Übergangs-Reihen zwischen den am weitesten auseinander-liegen-
den Bildungen derselben herzustellen. 3) Diejenigen Charaktere,
welche die verschiedenen Rassen hauptsächlich von einander un-
terscheiden, wie die Fleischwarzen und der lange Schnabel der
englischen Botenlaube, der kurze Schnabel des Purzlers und
die zahlreichen Schwanz-Federn der Pfauentaube sind in jeder
Rasse doch äusserst veränderlich, und die Erklärung dieser Er-
scheinung wird uns erst möglich seyn , wenn von der Züchtung
die Rede seyn wird. 4) Tauben sind bei vielen Völkern beob-
achtet und mit äusserster Sorgfalt und Liebhaberei gepflegt wor-
den. Man hat sie schon vor Tausenden von Jahren in mehren
Weltgegenden gezähmt: die älteste Nachricht von ihnen stammt
aus der Zeit der fünften Ägyptischen Dynastie, etwa 3000 J.
v. Chr., wie mir Professor Lepsius mitgetheilt; aber Bmcu be-
nachrichtigt mich, dass Tauben schon auf einem Küchenzettel der
vorangehenden Dynastie vorkommen. Von Plinius vernehmen
wir, dass zur Zeit der Römer ungeheures Geld für Tauben aus-
gegeben worden ist; ja, es war dahin gekonunen, dass man
ihnen »Stammbaum und Rasse« nachrechnete. Gegen das Jahr
1600 schätzte sie Akbeb Khan in Indien so sehr, dass ihrer
nicht weniger als 20,000 zur Hof-Hallung gehörten. »Die Mo-
narchen von Iran und Turan sandten einige sehr seltene Vösrel
heim und«, berichtet der Hof-Historiker weiter, »Ihre Majestät
hat durch Krcutzung der Rassen, welche Methode früher nie an-
gewendet worden war, dieselbe in erstaunlicher Weise verbes-
sert«. Um diese nämliche Zeit waren die Holländer eben so sehr,
wie früher die Römer, auf die Tauben erpicht. Die äusserste
Wichtigkeit dieser Betrachtungen für die Erklärung der ausser-
39
ordentlichen Veränderungen, welche die Tauben erfahren haben,
wird uns erst bei den späteren Erörterungen über die Ziiclilung
deullicii werden. Wir werden dann auch sehen woher es konunt,
dass die Rassen so oft ein etwas monströses Aussehen haben.
Endlich ist es ein sehr günstiger Umstand für die Erzeugung ver-
schiedener Rassen, dass bei den Tauben ein Männchen mit einem
Weibchen leicht lebenslänglich zusammengepaart, und dass ver-
schiedene Rassen in einem und dem nämlichen Vogel-Hause bei-
sanunen gehalten werden können.
Ich habe die wahrscheinliche Entstehungs-Art der zahmen
Tauben-Rassen mit einiger, wenn auch noch ganz ungenügender
Ausführlichkeit besprochen, weil ich selbst zur Zeit, wo ich
anfing Tauben zu halten und ihre verschiedenen Formen zu be-
obachten, es für ganz eben so schwer hielt zu glauben, dass
alle ihre Rassen einem gemeinsamen Stammvater seil ihrer Zäh-
mung entsprossen seyn könnten, als es einem Naturforscher
schwer fallen würde, an die gemeinsame Abstammung aller Finken
oder irgend einer andern grossen Vögel-Familie im Nalur-Zu-
stande zu glauben. Insbesondere machte mich der Umstand sehr
betroffen, dass alle Züchter von Haus-Thieren und Kultur-Pflanzen,
mit welchen ich je gesprochen oder deren Schriften ich gelesen,
vollkommen überzeugt waren, dass die verschiedenen Rassen,
welche ein Jeder von ihnen erzogen, von eben so vielen ur-
sprünglich verschiedenen Arten herstammten. Fragt man, wie ich
gefragt habe, irgend einen berühmten Veredler der Hereford'schen
Rindvieh-Rasse, ob dieselbe nicht von der lang-hörnigen Rasse
abstamme, so wird er spöttisch lächeln. Ich habe nie einen
Tauben-, Hühner-, Enten- oder Kaninchen- Liebhaber gefun-
den, der nicht vollkommen überzeugt gewesen wäre, dass jede
Haupt-Rasse von einer andern Stammart herkonnne. Van Möns
zeigt in seinem Werke über die Äpfel und Birnen, wie wenig
er zu glauben geneigt seye, dass die verschiedenen Sorten, wie
z. B. der Ribston-pippin, der Codlin-Apfel u. a., je von Saamen
des nämlichen Baumes entsprungen seyen. Und so könnte ich
unzählige andere Beispiele anführen. Diess lässt sich, wie ich
glaube, einfach erklären. In Folge lang-jähriger Studien haben
40
diese Leute einen liefen Eindruck von (Jen Unlerscliieden zwi-
schen den verschiedenen Rassen in sich aufgenommen: und ob-
gleich sie wohl wissen, dass jede Rasse etwas variire, da sie
eben durch die Züchtung solcher geringen Abänderungen ihre
Preise gewinnen, so gehen sie doch nicht von allgemeineren
Vernunflschliissen aus und rechnen nicht den ganzen Betrag zu-
sammen, der sich durch Häufung kleiner Abänderungen während
vieler aufeinander-folgender Generationen ergeben muss. Werden
nicht jene Naturforscher, welche, obschon viel weniger als diese
Züchter mit den Erblichkeits-Gesetzen bekannt und nicht besser
als sie über die Zwischenglieder in der langen Reihe der Ab-
kommenschaft unterrichtet, doch annehmen, dass viele von un-
seren gehegten Rassen von gleichen Altern abstammen, — werden
sie nicht eine Lektion über Behutsamkeit zu gewärtigen haben,
wenn sie über den Gedanken lachen, dass eine Art im Natur-
zustand in gerader Linie von einer andern Art abstammen könne?
Züchtung.) Wir wollen jetzt kürzlich die Wege betrachten,
auf welchen die gehegten Rassen jede von einer oder von meh-
ren einander nahe verwandten Arten erzeugt worden sind. Ein
kleiner Theil der Wirkung mag dabei vielleicht dem unmittelba-
ren Einflüsse äussrer Lebensbedingungen und ein kleiner der
Gewöhnung zuzuschreiben seyn; es wäre aber thöricht, solchen
Kräften die Verschiedenheiten zwischen einem Karrengaul und
einem Rasse-Pferd, zwischen einem Windspiele und einem
Schweisshund , einer Boten- und einer Purzel-Taube zuschrei-
ben zu wollen. Eine der merkwürdigsten Eigenlhümlichkeiten,
die wir an unseren kultivirten Rassen wahrnehmen, ist ihre
Anpassung nicht an der Pflanze oder des Thieres eigenen Vor-
Iheil, sondern an des Menschen Nutzen und Liebhaberei. Einige
ihm nützliche Abänderungen sind zweifelsohne plötzlich oder
auf ein Mal entstanden, wie z. B. manche Botaniker glauben,
dass die Weber-Karde mit ihren Haken, welchen keine mecha-
nische Vorrichtung an Brauchbarkeit gleichkommt, nur eine
Varietät des wilden Dipsacus seye, und diese ganze Abänderung
mag wohl plötzlich in irgend einem Sämlinge dieses letzten
zum Vorschein gekommen seyn. So ist es wahrscheinlich auch
41
mit der in England zum Drehen der Bralspiesse gebrauchten
Hunde-Rasse der Fall, und es ist bekannt, dass eben so das
Amerikanische Ancon-Schaaf entstanden ist. Wenn wir aber das
Rasse-Pferd mit dem Karrengaul, den Dromedar mit dem Kamee),
die für Kulturland tauglichen mit den für Berg-Weide passenden
Schaafe-Rassen, deren Wollen sich zu ganz verschiedenen Zwecken
eignen, wenn wir die manchfaltigen Hunde-Rassen vergleichen,
deren jede dem Menschen in einer anderen Weise dient, —
wenn wir den im Kampfe so ausdauernden Streit-Hahn mit an-
dern friedfertigen und trägen Rassen, welche «immer legen und
niemals zu brüten verlangen«, oder mit dem so kleinen und zier-
lichen Bantam-Huhne vergleichen, — wenn wir endlich das Heer
der Acker-, Obst-, Küchen- und Zier-Pflanzenrassen ins Auge
fassen , welche dem Menschen jede zu anderem Zwecke und in
andrer Jahreszeit so nützlich oder für seine Augen so angenehm
sind, so müssen wir uns doch wohl weiter nach den Ursachen
solcher Veränderlichkeit umsehen. Wir können nicht annehmen,
dass alle diese Varietäten auf einmal so vollkommen und so nutz-
bar entstanden seyen, wie wir sie jetzt vor uns sehen, und kennen
in der That von manchen ihre Geschichte genau genug um zu
wissen, dass Diess nicht der Fall gewesen. Der Schlüssel liegt
in des Menschen accum ulat i v e ni Wa hl - Ve r m ö ge n , d. h,
in seinem Vermögen, durch jedesmalige Auswahl derjenigen In-
dividuen zur Nachzucht, welche die ihm erwünschten Eigenschaf-
ten im höchsten Grade besitzen, diese Eigenschaften bei jeder
Generalion um einen wenn auch noch so unscheinbaren Betrag
zu steigern. Die Natur liefert allmählich mancherlei Abänderun-
gen ; der Mensch befördert sie in gewissen ihm nützlichen Rich-
tungen. In diesem Sinne kann man von ihm sagen, er schaife
sich nützliche Rassen.
Die Macht dieses Züchlungs Princips ist nicht hypothetisch;
denn es ist gewiss, dass einige unserer ausgezeichnetsten Viehzüch-
ter binnen einem Menschen-Alter mehre Rind- und Schaaf-Rassen
in beträchtlichem Umfange modifizirt haben. Um das, was sie ge-
leistet haben, in seinem ganzen Umfang zu würdigen, muss man
einige von den vielen diesem Zwecke gewidmeten Schriften lesen
42
und die Tliiere selber sehen. — Züchter sprechen gewöhnlich von
eines Thieres Organisalion wie von einer ganz bildsamen Sache,
die sie meistens völlig nach ihrem Gefallen modeln konnten. Wenn
es der Raum gestattete, so würde ich viele Stellen von den sach-
kundigsten Gewährsmännern als Belege anführen, Youatt, der
wahrscheinlich besser als fast irgend ein Anderer mit den land-
wirthschaftlichen Werken bekannt und selbst ein sehr guter
Beurtheiler eines Thieres war, sagt von diesem Züchtungs-Prinzip,
es seye, »was den Landwirth befähige den Charakter seiner
Heerde nicht allein zu modifiziren, sondern gänzlich zu ändern.
Es ist der Zauberstab, mit dessen Hülfe er jede Form ins Leben
ruft, die ihm gefällt.« Lord Somerville sagt in Bezug auf das,
was die Züchter hinsichtlich der Schaaf-Rassen geleistet: »Es ist,
als hätten sie eine in sich vollkommene Form an die Wand ge-
zeichnet und dann belebt«. Der erfahrenste Züchter, Sir John
Sebright, pflegte in Bezug auf die Tauben zu sagen: »er wolle
eine ihm aufgegebene Feder in drei Jahren hervorbringen, be-
dürfe aber sechs Jahre, um Kopf und Schnabel zu erlangen«. In
Sachsen ist die Wichtigkeit jenes Prinzips für die Merino-Zucht
so anerkannt, dass die Leute es gewerbsmässig verfolgen. Die
Schaafe werden auf einen Tisch gelegt und studirt, wie der Ken-
ner ein Gemälde studirt. Dieses wird je nach Monatsfrist drei-
mal wiederholt, und die Schaafe werden jedesmal gezeichnet und
klassifizirt, so dass nur die allerbesten zuletzt für die Nachzucht
übrig bleiben.
Was englische Züchter bis jetzt schon geleistet haben, gehl
aus den ungeheuren Preisen hervor, die man für Thiere bezahlt,
die einen guten Stammbaum aufzuweisen haben, und diese hat
man jetzt nach fast allen Weltgegenden ausgeführt. Diese Ver-
edlung rührt im Allgemeinen keineswegs davon her, dass man
verschiedene Rassen miteinander gekreutzt. All' die besten
Züchter sprechen sich streng gegen dieses Verfahren aus , es
seye denn etwa zwischen einander nahe verwandten Unlerrassen.
Und hat eine solche Kreutzung stattgefunden, so ist die sorgfäl-
tigste Auswahl weit nothwendiger , als selbst in gewöhnlichen
Fällen. Handelle es sich bei der Wahl nur darum, irgend welche
43
sehr auffallende Abänderungen auszusondern und zur Naclizuchl
zu verwenden, so wäre das Prinzip so handgreiflich, dass es
sich kaum der Mühe lohnte, davon zu sprechen. Aber seine
Wichtigkeit besteht in dem grossen Erfolg von Generation zu Ge-
neration fortgesetzter Häufung von dem ungeübten Auge ganz
unkenntlichen Abänderungen in einer Richtung hin: Abänderungen,
die ich, einfach genommen, vergebens wahrzunehmen gestrebt
habe. Nicht ein Mensch unter Tausend hat ein hinreichend schar-
fes Auge und Urtheil, um ein ausgezeichneter Züchter zu werden.
Ist er mit diesen Eigenschaften versehen, studirt seinen Gegen-
stand Jahre lang und widmet ihm seine ganze Lebenszeit mit
ungeschwächter Beharrlichkeit, so wird er Erfolg haben und grosse
Verbesserungen bewirken. Ermangelt er aber jener Eigenschaf-
ten, so wird er sicher nichts ausrichten. Es- haben wohl nur
Wenige davon eine Vorstellung, was für ein Grad von natür-
licher Befähigung und wie viele Jahre Übung dazu gehören, um
nur ein geschickter Tauben-Züchler zu werden.
Die nämlichen Grundsätze werden beim Garten-Bau befolgt,
aber die Abänderungen erfolgen oft plötzlicher. Doch glaubt nie-
mand, dass unsere edelsten Garten-Erzeugnisse durch eine ein-
fache Abänderung unmittelbar aus der wilden Urform entstanden
Seyen. In einigen Fällen können wir beweisen, dass Diess nicht
geschehen ist , indem genaue Protokolle darüber geführt worden
sind; um aber ein sehr treffendes Beispiel anzuführen, können
wir uns auf die stetig zunehmende Grösse der Stachelbeeren be-
ziehen. Wir nehmen eine erstaunliche Veredlung in manchen
Zierblumen wahr, wenn man die heutigen Blumen mit Abbildun-
gen vergleicht, die vor 20 — 30 Jahren davon gemacht worden
sind. Wenn eine Pflanzen-Rasse einmal wohl ausgebildet worden
ist, so entfernt der Samen-Züchter nicht die besten Pflanzen, son-
dern diejenigen aus den Saamen-Beelen, welche am weitesten von
ihrer eigenthümlichen Form abweichen. Bei Thieren findet diese
Art von Auswahl ebenfalls statt; denn kaum dürfte Jemand so sorg-
los seyn, seine schlechtesten Thiere zur Nachzucht zu verwenden.
Bei den Pflanzen gibt es noch ein anderes Mittel das Maas
der Wirkungen der Zuchtwahl zu beobachten, nämlich die Ver-
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gleicluing der Verschiedenheit der Blüthen in den mancherlei
Varietäten einer Art im Blumen-Garten; der Verschiedenheit der
Blätter, Hülsen, Knollen oder was sonst für Theile in Betracht
kommen, im Küchen- Garten, gegenüber den Blüthen der nämlichen
Varietäten; und der Verschiedenheit der Früchte bei den Varie-
täten einer Art im Obst-Garten, gegenüber den Blättern und
Blüthen derselben Varietäten-Reihe. Y\'ie verschieden sind die
Blätter der Kohl-Sorten und wie ähnlich einander ihre Blüthen!
wie unähnlich die Blüthen des Jelängerjeliebers und wie ähnlich
die Blätter! wie sehr weichen die Früchte der verschiedenen
Stachelbeer-Sorten in Grösse, Farbe, Gestalt und Behaarung von
einander ab, während an den Blüthen nur ganz unbedeutende
Verschiedenheiten zu bemerken sind! Nicht als ob die Varietä-
ten, die in einer Beziehung weit auseinander, in andern gar
nicht verschieden wären: Diess ist schwerlich je und (ich spreche
nach sorgfältigen Beobachtungen) vielleicht niemals der Fall! Die
Gesetze der Wechselbeziehungen des Wachsthums, deren Wichtig-
keit nie übersehen werden sollte, werden immer einige Verschie-
denheiten veranlassen; im Allgemeinen aber kann ich nicht zwei-
feln, dass die fortgesetzte Auswahl geringer Abänderungen in
den Blättern, in den Blüthen oder in der Frucht solche Rassen erzeu-
ge, welche hauptsächlich in diesen Theilen von einander abweichen.
Man könnte einwenden, das Prinzip der Zuchtwahl seye erst
seit kaum drei Vierteln eines Jahrhunderts zu planmässiger An-
wendung gebracht worden; gewiss ist es erst seit den letzten
Jahren mehr in Übung und sind viele Schriften darüber erschie-
nen; die Ergebnisse sind in einem entsprechenden Grade immer
rascher und erheblicher geworden. Es ist aber nicht entfernt
wahr, dass dieses Prinzip eine neue Entdeckung seye. Ich kann
mehre Beweise anführen, aus welchen sich die volle Anerken-
, nung seiner Wichtigkeit schon in sehr alten Schriften ergibt.
Selbst in den rohen und barbarischen Zeiten der Englischen Ge-
schichte sind ausgesuchte Zucht-Thicre oft eingeführt und ist ihre
Ausfuhr gesetzlich verboten worden; auch war die Zerstörung
der Pferde unter einer gewissen Grösse angeordnet, was sich
mit dem oben erwähnten Ausjäten der Pflanzen vergleichen lässt.
45
Das Prinzip der Züchlung finde ich auch in einer alten Chinesi-
schen Encyklopädie bestimmt angegeben. Bestimmte Regeln da-
rüber sind bei einigen Römischen Klassikern niedergelegt. Aus
einigen Stellen in der Genesis erhellt, dass man schon in jener
frühen Zeit der Farbe der Hausthiere seine Aufmerksamkeit zu-
gewendet hat. Wilde kreutzen noch jetzt zuweilen ihre Hunde
mit wilden Hunde-Arten, um die Rasse zu verbessern, wie es
naclT PuNius' Zeugniss auch vormalS geschehen ist. Die Wilden
in Süd-Afrika spannen ihre Zug-Ochsen nach der Farbe zusam-
men, wie einige Esquimaux ihre Zug-Hunde. Livingstone berichtet,
wie hoch gute Hausthier-Rassen von den Negern im innern Afrika,
welche nie mit Europäern in Berührung gewesen, geschätzt
werden. Einige der angeführten Thatsachen sind zwar keine Be
lege für wirkliche Züchtung; aber sie zeigen, dass die Zucht der
Hausthiere schon in älteren Zeiten ein Gegenstand der Bestrebung
gewesen und es bei den rohesten Wilden noch jetzt ist. Es
würde aber in der That doch befremden müssen, wenn sich
bei der Züchtung die Aufmerksamkeit nicht sofort auf die Erblich-
keit der so auffälligen guten und schlechten Eigenschaften ge-
lenkt hätte.
In jetziger Zeit versuchen es ausgezeichnete Züchter durch
planmässige Wahl, mit einem bestimmten Ziel im Auge, neue
Stämme oder Unterrassen zu bilden, die alles bis jetzt bei uns
Vorhandene übertretfen sollen. Für unseren Zweck jedoch ist
diejenige Art von Züchtung wichtiger, welche man die unbe-
wusste nennen kann und welche ein .Jeder in Anwendung bringt,
der von den besten Thieren zu besitzen und nachzuziehen strebt.
So wird Jemand, der einen guten Hühnerhund zu haben wünscht,
zuerst möglich gute Hunde zu erhalten suchen und hernach von
den besten seiner eignen Hunde Nachzucht zu bekommen streben,
ohne die Absicht oder die Erwartung zu haben , die Rasse hie-
durch bleibend zu ändern. Demungeachtet zweifle ich nicht daran,
dass, wenn er dieses Verfahren einige Jahrhunderte lang fort-
setzte, er seine Rasse ändern und veredeln würde, wie Bakeweu,
CoLLiNS u. A. durch ein gleiches und nur mehr planmässiges
Verfahren schon während ihrer eigenen Lebens-Zeit die Formen
46
und Eigenschaften ihrer Rinder-Heerden wesentlieh verändert
haben. Langsame und unmerkliche Veränderungen dieser Art las-
sen sich nicht erkennen, wenn nicht wirkliche Ausmessungen oder
sorgfältige Zeichnungen der fraglichen Rassen von Anfang her
gemacht worden sind, welche zur Vergleichung dienen können:
zuweilen kann man jedoch noch unveredelte oder wenig ver-
änderte Individuen in solchen Gegenden auffinden, wo die Ver-
edlung derselben ursprünglichen Rasse noch nicht oder nur wenig
fortgeschritten ist. So hat man Grund zu glauben, dass König
Karls Jagdhund-Rasse* seit der Zeit dieses Monarchen unbe-
wusster Weise beträchtlich verändert worden ist. Einige völlig
sachkundige Gewährsmänner hegen die Überzeugung, dass der
Spürhund in gerader Linie vom Jagdhund abstammt und wahr-
scheinlich durch langsame Veränderung aus demselben hervorge-
gangen ist. Es ist bekannt, dass der Vorstehehund im letzten
Jahrhundert grosse Umänderung erfahren hat, und hier glaubt
man seye die Umänderung hauptsächlich durch Kreutzung mit dem
Fuchs-Hunde bewirkt worden ; aber was uns berührt, das ist, dass
diese Umänderung unbewusster und langsamer Weise geschehen
und dennoch so beträchtlich ist, dass, obwohl der alte Vorstehe-
hund gewiss aus Spanien gekommen, Herr Borrow mich doch
versichert hat, in ganz Spanien keine einheimische Hunde-Rasse
gesehen zu haben, die unserem Vorstehehund gliche.
Durch ein gleiches Wahl-Verfahren und sorgfältige Aufzucht
ist die ganze Masse der Englischen Rasse-Pferde dahin gelangt
in Schnelligkeit und Grösse ihren Arabischen Urstamm zu über-
treffen, so dass dieser letzte bei den Bestimmungen über die
Goodwood-Rässen hinsichtlich des zu tragenden Gewichtes be-
Herr Darwin erlheilt mir über die hier genannten Englischen Hunde-
Rassen folgende Auskunft:
der Jagdhund (Spaniel) ist Ideiir, rauhhaarig, mit hängenden Ohren und
gibt auf der Fahrte des Wildes LautJ
der Spürhund (^Setter) ist ebenfalls rauhhaarig, aber gross, und drückt
sich, wenn er Wind vom Wilde hat, ohne Laut zu geben lange Zeit regungs-
los auf den Boden;
der Vorsiehehund (Pointer) endlich entspricht dem deutschen Hühner-
hunde und ist in England gross und glatthaarig. D. Übs.
47
günstigt werden mussle. Lord Spencer u. A. haben gezeigt, dass
in England das Rindvieh an Schwere und früher Reife gegen frü-
here Zeiten zugenommen. Vergk^cht man die Nachrichten, welche
in alten Tauben-Büchern über die Boten- und Purzel-Tauben ent-
halten sind, mit diesen Rassen, wie sie jetzt in Brüannien, Indieti
und Persien vorkommen, so kann man, scheint mir, deutlich di(!
Stufen verfolgen, welche sie allmählich zu durchlaufen hatten, um
endlich so weit von der Felstaube abzuweichen.
YouATT gibt eine vortreffliche Erläuterung von den Wirkun-
gen einer fortdauernden Züchtung, welche man in so ferne als
unbewusste betrachten kann , als die Züchter nie das von ihnen
erlangte Ergebniss selbst erwartet oder gewünscht haben können,
nämlich die Erzielung zweier ganz verschiedener Stämme. Es sind
die zweierlei Leicestrer Schaaf-Heerden, welche von Mr. Buckley
und Mr. Burgess seit etwas über 50 Jahren lediglich aus dem
BAKEWELLSchen Urstamme gezüchtet worden. Unter Allen, welche
mit der Sache bekannt sind, glaubt Niemand von Ferne daran,
dass die beiden Eigner dieser Heerden dem reinen Bakewell'-
schen Stamme jemals fremdes Blut beigemischt hätten, und doch
ist jetzt die Verschiedenheit zwischen deren Heerden so gross,
dass man glaubt ganz verschiedene Rassen zu sehen.
Gäbe es Wilde so barbarisch, dass sie keine Vermuthung
von der Erblichkeit des Charakters ihrer Hauslhiere hätten, so
würden sie doch jedes ihnen zu einem besondern Zwecke vor-
zugsweise nützliche Thier während Hungersnoth und anderen
Unglücks-Fällen sorgfältig zu erhalten bedacht seyn, und ein der-
artig auserwähltes Thier würde mithin mehr Nachkommenschaft
als ein anderes von geringerem Werthe hinterlassen, so dass schon
auf diese Weise eine Auswahl zur Züchtung stattfände. Welchen
Werth selbst die Barbaren des Feuerlandes auf ihre Thiere legen,
sehen wir, wenn sie in Zeiten der Noth lieber ihre alten Weiber
als ihre Hunde verzehren, weil ihnen diese nützlicher sind als jene.
Bei den Pflanzen kann man dasselbe stufenweise Veredlungs-
Verfahren in der gelegentlichen Erhaltung der besten Individuen
wahrnehmen, mögen sie nun hinreichend oder nicht genügend
verschieden seyn, um bei ihrem ersten Erscheinen schon als
48
eine eigene Varietät zu gelten; mögen sie aus der Kreutzung
von zwei oder mehr Rassen oder Arten hervorgegangen seyn.
Wir erkennen Diess klar aus der zunehmenden Grösse und Schön-
heit der Blumen von Jelängerjelieber, Dahlien, Pelargonien, Rosen
u. a. Pflanzen im Vergleich zu den älteren Varietäten von den-
selben Arten. Niemand wird erwarten eine Jelängerjelieber oder
Dahlie erster Qualität aus dem Samen einer wilden Pflanze zu
erhalten, oder eine Schmelzbirne erster Sorte aus dem Samen
einer wilden Birne zu erziehen, obwohl es von einem wild-ge-
wachsenen Sämlinge der Fall seyn könnte, welcher von einer im
Garten gebildeten Varietät entstammte. Die schon in der klassi-
schen Zeit kultivirte Birne scheint nach Plinius' Bericht eine
Frucht von sehr untergeordneter Qualität gewesen zu seyn. Ich
habe in Gartenbau-Schriften den Ausdruck grossen Erstaunens
über die wunderbare Geschicklichkeit von Gärtnern gelesen, die
aus dürftigem Material so glänzende Erfolge geärndet; aber ihre
Kunst war ohne' Zweifel einfach und, wenigstens in Bezug auf das
End-Ergebniss, eine unbewusste. Sie bestand nur darin, dass sie
die jederzeit beste Varietät wieder aussäeten und, wenn dann
zufällig eine neue etwas bessere Abänderung zum Vorschein kam,,
nun diese zur Nachzucht wählten u. s. w. Aber die Gärtner der
klassischen Zeit, welche die beste Birne, die sie erhalten konnten,
nachzogen, dachten nie daran, was für eine herrliche Frucht wir
einst essen würden; und doch schulden wir dieses treff'liche Obst
in geringem Grade wenigstens dem Umstände, dass schon sie
begonnen haben, die besten Varietäten auszuwählen und zu erhalten.
Der grosse Umfang von Veränderungen, die sich in unseren
Kultur-Pflanzen langsamer und unbewusster Weise angehäuft haben,
erklärt die vvohl-bekannte Thatsache, dass wir in den meisten
Fällen die wilde Mutterpflanze nicht wieder erkennen und daher
nicht anzugeben vermögen, woher die am längsten in unseren
Blumen- und Küchen-Gärten angebauten Pflanzen abstammen. Wenn
es aber Hunderte oder Tausende von Jahren bedurft hat, um unsre
Kultur-Pflanzen bis auf deren jetzige dem Menschen so nützliche
Stufe zu veredeln, so wird es uns auch begreiflich, warum
weder Australien, noch das Kap der guten Hoffnung oder irgend
49
eine andre von ganz unzivilisirten Menschen bewohnte Gegend
uns eine der Kultur werthe Pflanze geboten hat. Nicht als ob
diese an Pflanzen so reichen Gegenden in Folge eines eigenen
Zufalles gar nicht mit Urformen nützlicher Pflanzen von der Natur
versehen worden wären; sondern ihre einheimischen Pflanzen
sind nur nicht durch unausgesetzte Züchtung bis zu einem Grade
veredelt worden, welcher mit dem der Pflanzen in den schon
längst knllivirten Ländern vergleichbar wäre.
Was die Hausthiere nicht zivilisirter Völker betrifft, so darf
man nicht übersehen, dass diese in der Regel, zu gewissen Jah-
reszeiten wenigstens, um ihre eigene Nahrung zu kämpfen haben.
In zwei sehr verschieden beschafl'enen Gegenden können Indivi-
duen von einerlei Organismen-Art aber zweierlei Bildung und
Thätiffkeit der Organe oft die einen in der ersten und die andern
in der zweiten Gegend besser fortkommen und dann durch eine
Art natürlicher Züchtung, wie nachher weiter erklärt werden soll,
zwei Unterrassen bilden. Diess erklärt vielleicht zum Theile, was
einige Gewährsmänner von den Thier-Rassen der Wilden berichten,
dass dieselben mehr die Charaktere besonderer Speeles an sich
tragen, als die bei zivilisirten Völkern gehaltenen Abänderungen.
Nach der hier aufgestellten Ansicht von dem äusserst wich-
tigen Einflüsse, den die Züchtung des Menschen geübt, erklärt
es sich auch wie es komme, dass unsre veredelten Rassen sich
in Struktur und Lebensweise so an die Bedürfnisse und Launen
des Menschen anpassen. Es lassen sich daraus ferner, wie ich
fflaube, der so oft abnorme Charakter unsrer veredeilen Rassen
und die gewöhnlich äusserlich so grossen, in Innern Theilen oder
Organen aber verhältnissmässig so unbedeutenden Verschieden-
heiten derselben begreifen. Denn der Mensch kann kaum oder
nur sehr schwer andre als äusserlich sichtbare Abweichungen der
Struktur bei seiner Auswahl beachten, und er bekümmert sich in
der Thal nur selten um das Innere. Er kann durch Wahl nur
auf solche Abänderungen verfallen, welche ihm von der Natur
selbst in anfänglich schwachem Gradn dargeboten werden. So
würde niemals Jemand versuchen eine Pfauentaube zu machen,
wenn er nicht zuvor schon eine Taube mit einem in etwas un-
Darwin', Kntsteliniig der Arten. '1. Aufl. a
50
regelmässiger Weise entwickelten Schwanz gesehen hätte, oder
einen Kröpfer zu züchten, ehe er eine Taube mit einem grösseren
Kröpfe geriinrien. Je eigenlhümlicher und ungewöhnlicher ein Cha-
rakter bei dessen erster Wahrnehmung erscheint, desto mehr
wird derselbe die Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Doch
wäre der Ausdruck »Versuchen eine Pfauentaube zu machen« in
den meisten Fällen äusserst unangemessen. Denn der, welcher
zuerst eine Taube mit einem etwas stärkeren Schwanz zur Nach-
zucht ausgewählt, hat sich gewiss nicht träumen lassen, was aus
den Nachkommen dieser Taube durch theils unbewusste und theils
planmässige Züchtung werden könne. Vielleicht hat der Stamm-
vater aller Pfauentauben nur vierzehn etwas ausgebreitete Schwanz-
Federn gehabt, wie die jetzige Javcmesische Pfauentaube oder wie
Individuen von verschiedenen andren Rassen , an welchen man
bis zu 17 Schwanz-Federn gezählt hat. Vielleicht hat die erste
Kropftaube ihren Kropf nicht stärker aufgeblähet, als es jetzt die
Möventaube mit dem oberen Theile des Schlundes zu thun pflegt,
eine Gewohnheit, welche bei allen Tauben-Liebhabern unbeachtet
bleibt, weil sie keinen Gesichtspunkt für ihre Züchtung abgibt.
Es lässt sich nicht annehmen, dass es erst einer grossen
Abweichung in der Struktur bedürfe, um den Blick des Liebhabers
auf sich zu ziehen; er nimmt äusserst kleine Verschiedenheiten
wahr, und es ist in des Menschen Art begründet, auf eine wenn
auch geringe Neuigkeit in seinem eigenen Besitze Werth zu legen.
Auch ist der anfangs auf geringe individuelle Abweichungen bei
einer Art gelegte Werth nicht mit demjenigen zu vergleichen,
welcher denselben Verschiedenheiten beigelegt wird, wenn einmal
mehre reine Rassen dieser Art hergestellt sind. Manche geringe
Abänderungen mögen unter solchen Tauben vorgekommen scyn
und noch vorkommen, welche als fehlerhafte Abweichungen vom
vollkommenen Typus einer jeden Rasse zurückgeworfen worden.
Die gemeine Gans hat keine aufi"allende Varietät geliefert, daher
die Thoulouse- und die gewöhnliche Rasse, welche nur in der Farbe
als dem biegsamsten aller Charaktere verschieden sind, bei unseren
Geflügel- Ausstellungen für verschiedene Arten ausgegeben wurden.
Diese Ansichten mögen ferner eine zuweilen gemachte Be-
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nierkung erklären , dass wir nämlich nichts über die Entstehung
oder Geschichte einer unsrer veredelten Rassen wissen. Denn
man kann von einer Rasse, so wie von einem vSpraoh-Dialekte,
in Wirklichkeit schwerlich sagen, dass sie einen bestimmton An-
fang gehabt habe. Es pflegt jemand und gebraucht zur Züchtung
irgend ein Einzelwesen mit geringen Abweichungen <les Körper-
Baues, oder er verwendet mehr Sorgfalt als gewöhnlich darauf,
seine besten Thiere mit einander zu paaren: er verbessert da-
durch seine Zucht und die verbesserten Thiere verbreiten sich
unmitteltbar in der Nachbarschaft, üa sie aber bis jetzt noch
schwerlich einen besonderen Namen haben und sie noch nicht
sonderlich geschätzt sind, so achtet niemand auf ihre Geschichte.
Wenn sie dann durch dasselbe langsame und stufenweise Ver-
fahren noch weiter veredelt worden, breiten sie sich immer wei-
ter aus und werden jetzt als etwas Ausgezeichnetes und Werth-
volles anerkannt und erhalten wahrsheinlich nun erst einen Pro-
vinzial-Namen. In halb-zivilisirten Gegenden mit wenig freiem
Verkehr mag die Ausbreitung und Anerkennung einer neuen Un-
terrasse ein langsamer Vorgang seyn. Sobald aber die einzelnen
werthvolleren Eigenschaften der neuen Unterrasse einmal vollstän-
dig anerkannt sind, wird das von mir sogenannte Prinzip der un-
bewussten Züchtung langsam und unaufhörlich — wenn auch mehr
zu einer als zur andern Zeit, jenachdem eine Rasse in der Mode
steigt oder fällt, und vielleicht mehr in einer Gegend als in der
andern, je nach der Zivilisations-Stufe ihrer Bewohner — auf die
Vervollkommnung der charakteristischen Eigenschaften der Rasse
hinwirken , welcher Art sie nun seyn mögen. Aber es ist un-
endlich wenig Aussicht vorhanden, einen geschichtlichen Bericht
von solchen langsam wechselnden und unmerklichen Verände-
rungen zu erhalten.
Ich habe nun einige Worte über die für die künstliche Züch-
tung günstigen oder ungünstigen Umstände zu sagen. Ein hoher
Grad von Veränderlichkeit ist insoferne offenbar günstig, als er
ein reicheres Material zur Auswahl für die Züchtung liefert. Doch
nicht als ob bloss individuelle Verschiedenheiten nicht vollkommen
genügten, um mit üusserster Sorgfalt durch Häufung endlich eine
4 •
52
bedeutende Umänderung in last jeder beliebigen Richtung zu
erwirken. Da aber solche dem Menschen offenbar nützliche oder
gelallige Variationen nur zufällig vorkommen, so muss die Aus-
sicht auf deren Erscheinen mit der Anzahl der gepflegten Indi-
viduen zunehmen, und so wird eine Vielzahl dieser letzten von
höchster Wichtigkeit liir (Ion Erfolg. Mit Rücksicht auf diese.s
Prinzip hat Marschall über die Schaafe in einigen Theilen von
Yorkshire gesagt, dass , weil sie gewöhnlich nur armen Leuten
gehören und meistens in kleine Loose vertheilt sind, sie nie
veredelt werden können. Auf der andern Seite haben Handels-
gärtner, welche alle Pflanzen in grossen Massen erziehen, ge-
wöhnlich mehr Erfolg als die blossen Liebhaber in Bildung neuer
und werthvoller Varietäten. Die Haltung einer grossen Anzahl
von Einzelwesen einer Art in einer Gegend verlangt, dass man
diese Speeles in günstige Lebens-Bedingungen versetze, so dass
sie sich in dieser Gegend freiwillig fortpflanze. Sind nur wenige
Individuen einer Art vorhanden, so werden sie gewöhnlich alle,
wie auch ihre Beschaffenheit seyn mag, zur Nachzucht verwendet,
und Diess hindert ihre Auswahl. Aber wahrscheinlich der wich-
tigste Punkt von allen ist, dass das Thier oder die Pflanze für
den Besitzer so nützlich oder so hoch gewerthet sey, dass er
die genaueste Aufmerksamkeit auf jede auch die geringste Abän-
derung in den Eigenschaften und dem Körper-Baue eines jeden
Individuums verwende. Ist Diess nicht der Fall, so ist auch
nichts zu erwirken. Ich habe es als wesentlich hervorheben
sehen, es seye ein sehr glücklicher Zufall gewesen, dass die
Erdbeere gerade zu variiren begann, als Gärtner diese Pflanze
näher zu beobachten anfingen. Zweifelsohne hatte die Erdbeere
immer variirt, seitdem sie angepflanzt worden: aber man hatte
die geringen Abänderungen vernachlässigt. Als jedoch Gärtner
später die Pflanzen mit etwas grösseren, früheren oder besseren
Früchten heraushoben, Sämlinge davon erzogen und dann wieder
die besten Sämlinge und deren Abkommen zur Nachzucht ver-
wendeten, da lieferte diese, unterstützt durch die Kreutzung mit
andern Arten, die vielen bewundernswerthen Varietäten, welche
in den letzten 30 — 40 Jahren erzielt worden sind.
/
53
Was Tliiero geireiinton Geschlechtes hctriffi , so hat die
Leichtigkeit, woinit ihre Kreutzung gehindert werden kann, einen
wichtigen Antheil an dem Erfolge in Bildung neuer Rassen, in
einer Gegend wenigstens, welche bereits mit anderen Rassen
besetzt ist. Dazu kann die Einschliessung des Landes in Betracht
kommen. Wandernde Wilde oder die Bewohner olfner Ebenen
besitzen selten mehr als eine Rasse derselben Art. Man kann
zwei Tauben lebenslänglich zusammen-paaren, und Diess ist eine
grosse Bequemlichkeit für den Liebhaber, weil er viele Vollblut-
Rassen im nämlichen Vogelhause beisammen erziehen kann. Die-
ser Umstand hat gewiss die Bildung und Veredlung neuer Rassen
sehr befördert. Ich will noch beifügen, dass man die Tauben
sehr rasch und in grosser Anzahl vermehren und die schlechten
Vögel leicht beseitigen kann, weil sie gelödtet zur Speise dienen.
Auf der andern Seite lassen sich Katzen ihrer nächtlichen Wan-
derungen wegen nicht zusammen-paaren, daher man auch, trotz-
dem dass Frauen und Kinder sie gerne haben, selten eine neue
Rasse aufkommen sieht: solche Rassen, wenn wir dergleichen
jemals sehen, sind immer aus anderen Gegenden und zumal aus
Inseln eingeführt. Obwohl ich nicht bezweifle, dass einige Haus-
thiere weniger als andre variiren , so wird doch die Seltenheit
oder der gänzliche Mangel verschiedener Rassen bei Katze, Esel,
Perlhuhn. Gans u. s. w. hauptsächlich davon herrühren, dass
keine Züchtung bei ihnen in Anwendung gekommen ist: bei
Katzen, wegen der Schwierigkeit sie zu paaren; bei Eseln, weil
sie bei uns nur in geringer Anzahl von armen Leuten gehalten
werden, welche auf ihre Züchtung wenig achten; wogegen dieses
Thier in einigen Theilen von Spanien und den Vereinten Staaten
durch sorgfältige Züchtung in erstaunlicher Weise abgeändert
und veredelt worden ist; — bei Perlhühnern, weil sie nicht
leicht aufzuziehen und eine grosse Zahl nicht beisanunen gehalten
wird; bei Gänsen, weil sie nur zu zwei Zwecken dienen mittelst
ihrer Federn und ihres Fleisches , welche noch nicht zur Züch-
tung neuer Rassen gereitzt haben; doch scheint die Gans auch
eine eigenthümlich unbiegsame Organisation zu besitzen.
Versuchen wir das über die Entstehung unsrer Hauslhier-
54
und Kullurpflanzen-Rasscii Gesagte zusammenzufassen. Ich glaube,
(lass die äusseren Lebens-Bedingungen wegen ihrer Einvviriiung
auf das Reprodukliv-Syslem von der höehslen VVichligkeit für die
Entstehung von Abänderungen sind. Ich glaube aber nicht, dass
Veränderlichkeit als eine inhärente und nolhwendige Eigenschal'l
allen organischen Wesen unter allen Umständen zukomme, wie
einige Schriftsteller angenommen haben. Die Wirkungen der Ver-
änderlichkeit werden in verschiedenem Grade modifizirt durch
Vererblichkeit und Rückkehr. Sie wird durch viele unbekannte
Gesetze geleilet, insbesondre aber durch das der Wechselbezie-
hungen des Wachsthums. Einiges mag der direkten Einwirkung
der äusseren Lebens-Bedingungen, Manches dem Gebrauche und
Nichtgebrauche der Organe zugeschrieben werden. Dadurch wird
das End-Ergebniss ausserordentlich verwickelt. Ich bezweifle
nicht, dass in einigen Fällen die Kreutzung ursprünglich ver-
schiedener Arten einen wesentlichen Antheil an der Bildung
unserer veredelten Erzeugnisse gehabt habe. Wenn in einer
Gegend einmal mehre veredelte Rassen vorhanden gewesen sind,
so hat ihre gelegentliche Kreutzung mit Hilfe der Wahl zweifels-
ohne mächtig zur Bildung neuer Rassen mitwirken können; aber
die Wichtigkeit der Varietäten-Mischung ist, wie ich glaube, sehr
übertrieben worden sowohl in Bezug auf die Thiere wie auf die
Pflanzen, die sich aus Saamen verjüngten. Bei solchen Pflanzen
dagegen, welche zeitweise durch Stecklinge, Knospen u. s. w.
fortgepflanzt werden, ist die Wichtigkeit der Kreutzung zwischen
Arten wie Varietäten unermesslich , weil ' der Pflanzenzüchter
hier die ausserordentliche Veränderlichkeit sowohl der Bastarde
als der Blendlinge ganz ausser Acht lässt; doch haben die Fälle,
wo Pflanz en nicht aus Saamen fortgepflanzt werden, wenig
Bedeutung für uns, weil ihre Dauer nur vorübergehend ist. Aber
die über alle diese Änderungs-Ursachen bei weiten» vorherrschende
Krall ist nach meiner Überzeugung die fortdauernd anhäufende
Züchtung, mag sie nun planmässig und schnell, oder unbewusst
und allmählicher aber wirksamer in Anwendung konnnen.
55
Abänderung' im iVatiii'-Ziistaiide.
Viiriabililiil. Individuelle Verschiedcnheilen. Zwcil'elhai'tc Arten. Weit ver-
breitete, sehr zerstreute und gemeine Arten variiren am meisten Arten
grössrer Sippen in einer Gegend beisammen variiren mehr, als- die der
kleinen Sippen. Viele Arten der grossen Sippen gleichen den Varietäten
darin, dass sie sehr nahe aber ungleich mit einander verwandt sind und
beschränkte Verbreitungs-Bezirke haben.
Ehe wir von den Prinzipien, zu welchen wir im vorigen
Kapitel gelangten, Anwendung auf die organischen Wesen im Natur-
zustände machen, müssen wir kürzlich untersuchen, in wieterne
diese letzten veränderlich sind oder nicht. Um diesen Gegenstand
angemessen zu behandeln, müsste ich ein langes Verzeichniss trock-
ner Thatsachen aufstellen ; doch will ich diese für mein künftiges
Werk versparen. Auch will ich nicht die verschiedenen Defini-
tionen erörtern, welche man von dem Worte »Speeles« gegeben
hat. Keine derselben hat bis jetzt alle Naturforscher befriedigt.
Gewöhnlich schliesst die Definition ein unbekanntes Element von
einem besondren Schöpfungs-Akte ein. Der Ausdruck «Varietät«
ist eben so schwer zu definiren; gemeinschaftliche Abstammung
ist meistens mit einbedungen, obwohl so selten erweislich. Auch
hat man von Monstrositäten gesprochen, die aber stufenweise in
die Varietäten übergehen. Unter einer »Monstrosität« versteht
man nach meiner Meinung irgend eine beträchtliche Abweichung
der Struktur in einem einzelnen Theile, welche der Art entweder
nachtheilig oder doch nicht nützlich ist und sich gewöhnlich nicht
vererbt. Einige Schriftsteller gebrauchen noch den Ausdruck
„Variation« in einem technischen Sinne, um Abänderungen durch
die unmittelbare Einwirkung äussrer Lebens-Bedingungen zu be-
zeichnen, und die Variationen dieser Art gelten nicht für erblich.
Doch, wer kann behaupten, dass die zwergartige Beschaffenheil
der Konchylien im Brackwasser des Baltischen Meeres, oder die
verringerte Grösse der Pflanzen auf den Höhen der Alpen, oder
der dichtere Pelz eines Thieres in höheren Breiten nicht auf
wenigstens einige Generationen vererblich seye? und in diesem
I
56
Falle würde man , glaube ich, die Forin eine »Varietät«
nennen.
Es mag wohl zweii'elhafl seyn, ob Monstrositäten oder solche
plülzliclie und grosse Abweichungen der Struktur, wie wir sie
zuweilen in unsren gezähmten Rassen, zumal unter den Pflanzen
auftauchen sehen, sich im Natur - Zustande stetig fortpflanzen
können. Monstrositäten sind zur Unfruchtbarkeit geneigt, und
gewöhnlich steht jeder Theil eines organischen Wesens wenig-
stens bei den Thieren in einer so schönen Beziehung zu den
gesammlen Lebens Bedingungen, dass es eben so unwahrschein-
lich ist, dass irgend ein Theil auf einmal in seiner ganzen Voll-
kommenheit erschienen seye, als dass ein Mensch irgend eine
zusammengesetzte Maschine sogleich in vollkommenem Zustande
erfunden habe. Es ist mir wenigstens nicht gelungen, im Natur-
zustände gute Beispiele von Arten zu finden, welche den Abän-
derungen der Struktur in den Monstrositäten ihrer Verwandten
entsprächen. Wenn dergleichen vorgekoinmen sind, so muss
ihre Fortpflanzung durch ihre Nützlichkeit bedingt gewesen seyn,
so dass mithin Natürliche Züchtung dabei mitwirkte. Man kennt
viele Pflanzen, welche an verschiedenen Zweigen, oder am Um-
fange, oder in der Mitte ihres Blüthenstandes Blüthen von ganz
abweichender Beschaö"enheil [ragen: und wenn diese Pflanzen
aufhören sollten, Blüthen der einen Art zu tragen, so dürfte wohl
plötzlich eine bedeutende Veränderung im Art-Charakter eintreten.
Doch scheint gerade in einigen dieser Fälle die Entstehung
von zweierlei Blüthen stufenweise vor sich gegangen zu seyn :
denn wir finden in gewissen Campanula- und Viola-Arten Millel-
slufen zwischen den zweierlei Hauptzuständen der Blüthe einer
und der nämlichen Pflanze.
Was anderseits aber die kultivirten Pflanzen belrirt't, so ist
in den wenigen bekannten Fällen, wo eine Varietät Blüthen oder
Früchte von zweierlei Bescliallenheil hervorzubringen pflegt, die
Entstehung dieser Varietät eine plötzliche gewesen.
Dagegen gibt es manche geringe Verschiedenheiten, welche
jnan als nidividuelle bezeichnen kaiui, da man von ihnen weiss,
dass sie oft unter den Abkömmlingen von einerlei Ältern vor-
57
kommen, oder unter solchen die wenigstens daliir gelten , weil
sie zur nitmlichen Art gehören und auf begrenztem Räume nahe
beisammen wohnen. Niemand unterstellt, dass alle Individuen
einer Art genau nach demselben Model gebildet seyen. Diese
individuellen Verschiedenheiten sind nun gerade sehr wichtig für
uns, theils weil sie oft ererbt sind, wie wohl Jedermann schon
zu beobachten Gelegenheil hatte, und theils weil sie der Natür-
lichen Züchtung Stoff zur Häufung liefern, wie der Mensch in
seinen kultivirten Rassen individuelle Verschiedenheiten in gege-
bener Richtung zusammenhäuft. Diese individuellen Verschieden-
heiten betreffen in der Regel nur die in den Augen des Natur-
forschers unwesentlichen Theile; ich könnte jedoch aus einer
langen Liste von Thalsachen nachweisen, dass auch Theile, die
man aus dem physiologischen wie aus dem klassifikatorischen
Gesichtspunkte als wesentliche bezeichnen muss, zuweilen bei
den Individuen von einerlei Art variiren. Ich bin überzeugt,
dass die erfahrensten Naturforscher erstaunt seyn würden über
die Menge von Fällen möglicher Abänderungen sogar in wich-
tigen Theilen des Körpers, die ich im Laufe der Jahre nach
guten Gewährsmännern zusammengetragen habe. Man muss sich
aber auch dabei noch erinnern, dass Systematiker nicht erfreut
sind Veränderlichkeit in wichtigen Charakteren zu entdecken, und
dass es nicht viele Leute gibt, die ein Vergnügen daran fänden,
innre wichtige Organe sorgfältig zu untersuchen und in vielen
Exemplaren einer und der nämlichen Art mit einander zu ver-
gleichen. So hätte ich nimmer erwartet, dass die Verzweigungen
des Hauptnerven dicht am grossen Zentralnervenknolen eines
Insektes in der nämlichen Speeles abändern könne, sondern hätte
vielmehr gedacht, Veränderungen dieser Art könnten nur langsam
und stufenweise eintreten. Und doch hat Mr. Lubbock kürzlich
an Coccus einen Grad von Veränderlichkeit an diesen Haupt-
nerven nachgewiesen, welcher zumeist an die unregelmässige
Verzweigung eines Baumstamms erinnert. Ebenso hat dieser
ausgezeichnete Naturforscher ganz kürzlich gezeigt, dass die
Muskeln in den Larven gewisser Insekten von Gleichförmigkeit
weit entfernt sind. Die' Schriftsteller bewegen sich oft in einem
§8
Zirkclsclikiss, wenn sie behaupten, dass wichtige Organe niclil
variiren ; denn dieselben Schiiftsleller zählen praktisch diejenigen
Orga.ie zu den wichtigen (wie einige wenige ehrlich genug
sind zu gestehen), welche nicht variiren, und unter dieser Vor-
aussetzung kann dann allerdings niemals ein Beispiel von einem
variirenden wichtigen Organe angeiührt werden; aber von einem
andern Gesichtspunkte aus lassen sich deren viele aufzahlen.
Mit den individuellen Verschiedenheiten steht noch ein andrer
Punkt in Verbindung, der mir sehr verwirrend zu seyn scheint:
ich will nämlich von den Sippen j-eden, die man zuweilen »pro-
teische« oder »polymorphe« genannt hat, weil deren Arten ein un-
geordnetes Maass von Veränderlichkeit zeigen, so dass kaum zwei
Naturforscher darüber einig werden können, welche Formen als
Arten und welche als Varietäten zu betrachten seyen. Man kann
Rubus, Rosa, Hieracium unter den Pflanzen, mehre Insekten- und
ßrachiopoden- Sippen unter den Thieren als Beispiele anführen.
In den meisten dieser polymorphen Sippen haben einige Arten
feste und bestimmte Charaktere. Sippen, welche in einer Gegend
polymorph sind, scheinen es mit einigen wenigen Ausnahmen
auch "in andern Gegenden zu seyn und, nach den Brachiopoden
zu urtheilen, in früheren Zeiten gewesen zu seyn. Diese That-
sachen nun scheinen in soferne geeignet Verwirrung zu bewirken,
als sie zeigen, dass diese Art von Veränderlichkeit unabhängig
von den Lebens-Bedingungen ist. Ich bin zu vermuthen geneigt,
dass wir in diesen polymorphen Sippen Veränderlichkeit nur in
solchen Struktur- Verhältnissen begegnen, welche der Art weder
nützlich noch schädlich sind und daher bei der Natürlichen Züch-
tung nicht berücksichtigt und befestigt worden sind, wie nachher
erläutert werden soll.
Diejenigen Formen, welche zwar einen schon etwas mehr
entwickelten Art- Charakter besitzen, aber andren Formen so
ähnlich oder durch Mittelstufen so enge verkettet sind, dass die
Naturforscher sie nicht als besondre Arten aufführen wollen, sind
in mehren Beziehungen die wichtigsten für uns. Wir haben
^ allen Grund zu glauben, dass viele von diesen zweifelhaften und
eng- verwandten Formen ihre Charaktere' in ihrer Heimalh-Gegend
59
lange Zeit beharrlich behaiiptel haben , lang genug um sie für
(rute und ächte Speeles zu halten. Praktisch genommen pflegt
ein Naturforscher, welcher zwei Formen durch Zwischenglieder
mit einander verbinden kann, die eine als eine Varietät der
anderen gewöhnlichem oder zuerst beschriebenen zu behandeln.
Zuweilen treten aber sehr schwierige Fälle, die ich hier nicht
aufzählen will, bei Entscheidung der Frage ein, ob eine Form
als Varietät der anderen anzusehen seye oder nicht, sogar wenn
beide durch Zwischenglieder enge miteinander verkettet sind;
auch die gewöhnliche Annahme, dass diese Zwischenglieder
Bastarde seyen, will nicht immer genügen um die Schwierigkeit
zu beseitigen. In sehr vielen Fällen jedoch wird eine Form
als eine Varietät der andern erklärt, nicht weil die Zwischen-
glieder wirklich gefunden worden, sondern weil Analogie den
Beobachter verleitet anzunehmen, entweder dass sie noch irgend-
wo vorhanden sind, oder dass sie früher vorhanden gewesen
sind; und damit ist dann Zweifeln und Vermuthungen eine weite
Thüre geöffnet.
Wenn es sich daher um die Frage handelt, ob eine Form
als Art oder als Varietät zu bestimmen seye, scheint die Meinung
der Naturforscher von gesundem ürtheil und reicher Erfahrung
der einzige Führer zu bleiben. Gleichwohl können wir in vielen
Fällen uns nur auf eine Majorität der Meinungen berufen; denn
es lassen sich nur wenige wohl -bezeichnete und wohl- bekannte
Varietäten namhaft machen, die nicht schon bei wenigstens einem
oder dem anderen sachkundigen Richter als Speeles gegolten hätte.
Dass Varietäten von so zweifelhafter Natur keinesweges
seilen seyen, kann nicht in Abrede gestellt werden. Man ver-
gleiche die von verschiedenen Botanikern geschriebenen Floren
von Grossbritannien, Frankreich oder den Vereinten Staaten mit
einander und sehe, was für eine erstaunliche Anzahl von Formen
von dem einen Naturforscher als gute Arten und von dem andern
als blosse Varietäten angesehen werden. Herr H. C. Watson,
welchem ich zur innigsten Erkenntlichkeit für Unterstützung aller
Art verbunden bin, hat mir 182 Britische Pflanzen bezeichnet,
welche gewöhnlich als Varietäten eingereiht werden, aber auch
60
schon alle von Botanikern für Arten erklärt worden sind: dabei
liat er noch manche leichlere aber auch schon von einem oder
dem anderen Botaniker als Art aufgenommene Varietät über-
gangen und einige sehr polymorphe Sippen gänzlich ausser Acht
gelassen. Unter Sippen, welche die am meisten polymorphen
Formen enthalten, führt Babington 251 , Bentiiam dagegen nur
112 Arten auf, ein Unterschied von 139 zweifelhaften Formen!
Unter den Thieren, welche sich zu jeder Paarung vereinigen und
sehr ortwechselnd sind, können dergleichen zweifelhafte zwischen
Art und Varietät schwankende Formen nicht so leicht in einer
Gegend beisammen vorkommen, sind aber in getrennten Gebieten
nicht selten. Wie viele dieser Nordamerikanischen und Euro-
P " ^^Öj^jGI sind von dem einen ausgezeichneten
Naturforscher als unzweifelhafte Art und von dem anderen als
Varietät oder sogenan^ile klimatische Rasse bezeichnet worden!
Als ich vor vielen Jahren die Vögel von den einzelnen Inseln
der Galopagos-Grup^e mit einander verglich und Andre sie
vergleichen sah, war ich sehr darüber erstaunt, wie gänzlich
schwankend und willkührlich der Unterschied zwischen Art und
Varietät ist. Auf den Inselchen der kleinen 7¥adeM-a-Gruppe
kommen viele Insekten vor, welche in Wollastons bewunderns-
würdigem Werke als Varietäten charakterisirt sind, die aber ohne
allen Zweifel von vielen Entomologen als besondre Arten auf-
gestellt werden würden. Selbst Irla7id besitzt einige wenige
jetzt allgemein als Varietäten angesehene Thiere, die aber von
einigen Naturforschern für Arten erklärt worden sind. Einige sehr
erfahrene Ornithologen betrachten unser Britisches Rothhuhn (La^^o-
pus) nur als eine scharf bezeichnete Rasse der Norwegischen Art,
während die meisten solche für eine unzweifelhaft eigenthümliche
Art Grosshritanniens erklären. Eine weite Entfernung zwischeji
der Heimath zweier zweifelhaften Formen bestimmt viele Natur-
forscher dieselben für zwei Arten zu erklären; aber nun fragt
es sich, welche Entfernung dazu genüge? Wenn die zwische^n
Europa und Amerika gross genug ist, kann dann auch jene
zwischen erstem Kontinente und den Azoren oder Madeira oder
den Canarischen Inseln oder Irland genügen? Nur wenige
61
Natiirforscher läugnen alle Varietäten-Bildung bei den Thieren ;
dann sind sie aber genöthigt den geringsten Verschiedenheiten
den Werth selbststiindiger Arten beizulegen; und wenn nun
dieselbe Form identisch in zwei verschiedenen Gegenden oder
in zwei verschiedenen geologischen Formationen gefunden wird,
gehen sie so weit zu behaupten, dass zwei Arten im nämlichen
Gewände stecken. Endlich kann nicht in Zweifel gezogen wer-
den, dass viele von hoch - befähigten Richtern als Varietäten
betrachtete Formen so vollkommen den Charakter von Arten be-
sitzen, dass sie von andern hoch-befähigten Bcnrtheilern für gute
ächte Speeles erklärt werden. Aber es ist vergebene Arbeit die
Frage zu erörtern, ob es Arten oder Varietäten seyen, so lange
noch keine Definition von dem Begriffe dieser zwei Ausdrücke
allgemein angenommen ist.
Viele dieser stark ausgeprägten Varietäten oder zweifelhaften
Arten verdienten wohl eine nähere Beachtung, weil man vielerlei
interessante Beweis-Mittel aus ihrer geographischen Verbreitung,
analogen Variationen, Bastard-Bildungen u. s. w, herbeigeholt hat,
um die ihnen gebührende Rangstufe festzustellen. Ich will hier
nur ein Beispiel anführen, das von den zwei Formen der Schlüs-
selblumen, Primula veris und Pr. elatior. Diese zwei Pflanzen
weichen bedeutend im Aussehen von einander ab: jede hat einen
anderen Geruch und Geschmack; sie blühen zu etwas verschie-
dener Zeit und wachsen an etwas verschiedenen Standorten; sie
gehen an Bergen bis in verschiedene Höhen hinauf und haben
eine verschiedene geographische Verbreitung; endlich lassen sie
sich nach den vielen in den letzten Jahren von einem äusserst
sorgfältigen Beobachter, Gärtner, angestellten Versuchen nur
sehr schwierig mit einander kreutzen. Man kann also schwerlich
bessre Beweise dafür wünschen, dass beide Formen verschiedene
Arten bilden. Auf der andern Seite aber werden sie durch
zahlreiche Zwischenglieder mit einander verkettet, und es ist
zweifelhaft, ob Solches Bastarde sind; darin liegt aber ein über-
wiegender Grad von Experimental- Beweis dafür, dass sie von
gemeinsamen Altern abstammen und mithin nur als Varietäten
zu betrachten sind. Ich muss jedoch erklären, dass nach
62
meinen neueren Beobachtungen über die Geschlechts-Verhältnisse
der lang - und kurz - grilTeligen Formen dieser Sippe und nach
andern noch nicht beendigten Versuchen Primula vulgaris und
Primula veris zwei gute und ganz verschiedene Arten seyn
dürften.
Sorgfältige Forschung wird in den meisten Fällen die Natur-
forscher zur Verständigung darüber bringen, wofür die zweifel-
haften Formen zu halten sind. Doch müssen wir bekennen,
dass es gerade in den am besten bekannten Gegenden die
meisten zweifelhaften Formen gibt. Ich war über die Thatsacho
erstaunt, dass von solchen Thieren und Pflanzen, welche dem
Menschen in ihrem Natur-Zustande sehr nützlich sind oder aus
irgend einer anderen Ursache seine besondre Aufmerksamkeil
erregen, fast überall Varietäten angeführt werden. Diese Varie-
täten werden jedoch oft von einem oder dem andern Autor als
Arten bezeichnet. Wie sorgfältig ist die gemeine Eiche studirt
worden! Nun macht aber ein Deutscher Autor über ein Dutzend
Arten aus den Formen, welche bis jetzt stets als Varietäten an-
gesehen wurden; und in diesem Lande können unter den höchsten
botanischen Gewährsmännern und vorzüglichsten Praktikern welche
sowohl zu Gunsten der Meinung, dass die Trauben- und die
Stiel-Eiche gut unterschiedene Arten seyen, wie auch andre für
die gegentheilige Ansicht nachgewiesen werden.
Wenn ein junger Naturforscher eine ihm ganz unbekannte
Gruppe von Organismen zu studiren beginnt, so macht ihn an-
fangs die Frage verwirrt, was für Unterschiede die Arten be-
zeichnen, und welche von ihnen nur Varietäten angehören : denn
er weiss noch nichts von der Art und der Grösse der Abän-
derungen, deren die Gruppe fähig ist; und Diess beweiset eben
wieder, wie allgemein wenigstens einige Variation ist. Wenn
er aber seine Aufmerksamkeit auf eine Klasse in einer Gegend
beschränkt, so wird er bald darüber im Klaren seyn, wofür er
diese zweifelhaften Formen anzuschlagen habe. Er wird im
Allgemeinen geneigt seyn, viele Arten zu machen, weil ihn, so
wie die vorhin erwähnten Tauben- oder Hühner-Freunde, das
Maas der Abänderung in den seither von ihm studirten Formen
63
betrolTen macht; und weil er noch wenig allgemeine Kenntniss
von analoger Abänderung in andern Gruppen und andern Gegen-
den zur Berichligung Jener zuerst empfangenen Eindrücke besitzt.
Dehnt er nun den Kreis seiner Beobachtung weiter aus, so wird
er noch auf andre Schwierigkeiten stossen; er wird einer grossen
Anzahl nahe verwandter Formen begegnen. Erweitern sich seine
Erfahrungen noch mehr, so wird er endlich in seinem eignen
Kopfe darüber einig werden, was Varietät und was Spezies zu
nennen seye; aber er wird zu diesem Ziele nur gelangen, indem
er viel Veränderlichkeit zugibt, und er wird die Richtigkeit seiner
Annahme von andern Naturforschern oft in Zweifel gezogen
sehen. Wenn er nun überdiess verwandte Formen aus andern
nicht unmittelbar angrenzenden Ländern zu sturiiren Gelegenheit
erhält, in welchem Falle er kaum hoffen darf die Mittelglieder
zwischen diesen zweifelhaften Formen zu finden, .so wird er sich
fast ganz auf Analogie verlassen müssen, und seine Schwierig-
keiten werden sich bedeutend steigern.
Eine bestimmte Grenzlinie ist bis jetzt sicherlich nicht ge-
zogen worden, weder zwischen Arten und Unterarten, d. i. sol-
chen Formen, welche nach der Meinung einiger Naturforscher
den Rang einer Spezies nahezu aber doch nicht gänzlich erreichen,
noch zwischen Unterarten und ausgezeichneten Varietäten, noch
endlich zwischen den geringeren Varietäten und individuellen
Verschiedenheiten. Diese Verschiedenheiten greifen, in eine
Reihe geordnet, unmerklich in einander, und die Reihe weckt
die Vorstellung von einem wirklichen Übergang.
Daher werden die individuellen Abweichungen, welche für
den Systematiker nur wenig Werth haben, für uns von grosser
Wichtigkeit, weil sie die erste Stufe zu denjenigen geringeren
Varietäten bilden, welche man in nalurgeschichtlichen Werken
der Erwähnung werth zu halten pflegt. Ich sehe ferner diejenigen
Abänderungen, welche etwas erheblicher und beständiger sind,
als die nächste Stufe an, welche uns zu den mehr auffälligen
und bleibenderen Varietäten führt, wie uns diese zu den Sub-
spezies und endlich Spezies leiten. Der Übergang von einer
dieser Stufen in die andre nächst-höhere mag in einigen Fällen
64
lediglich von der lang-währeiideii Einwirkung verschiedener natür-
licher Bedingungen in zwei verschiedenen Gegenden herrühren;
doch habe ich nicht viel Vertrauen zu dieser Ansicht und
schreibe den Übergang von einer leichten Abänderung zu einer
wesentlicher verschiedenen Varietät der Wirkung der Natürlichen
Züchtung mittelst Anhäufung individueller Abweichungen der
Struktur in gewisser steter Richtung zu, wie nachher näher
auseinandergesetzt werden soll. Ich glaube daher, dass man
eine gut ausgeprägte Varietät mit Recht eine beginnende Spezies
nennen kann; ob sich aber dieser Glaube rechtfertigen lasse,
muss aus dem allgemeinen Gewichte der in diesem Werke bei-
gebrachten Thatsachen und Ansichten ermessen werden.
Es ist nicht nöthig zu unterstellen, dass alle Varietäten oder
beginnenden Spezies sich wirklich zum Range einer Art erheben.
Sie können in diesem Beginnungs-Zustande wieder erlöschen;
oder sie können als solche Varietäten lange Zeiträume durchlau-
fen, wie WoLLASTON von den Varietäten gewisser Landschnecken-
Arten auf Madeira gezeigt*. Gedeihet eine Varietät derartig,
dass sie die älterliche Spezies in Zahl übertrifft, so sieht man
sie für die Art und die Art für die Varietät an; sie kann die
älterliche Art aber allmählich auch ganz ersetzen und überleben ;
oder endlich beide können wie unabhängige Arten neben einan-
der fortbestehen. Doch, wir werden nachher auf diesen Gegen-
stand zurückkommen.
Aus diesen Bemerkungen geht hervor, dass ich den Kunst-
ausdruck »Speeles« als einen nur willkürlich und der Bequem-
lichkeit halber auf eine Reihe von einander sehr ähnlichen Indi-
viduen angewendeten betrachte, und dass er von dem Kunstaus-
drucke «Varietät« nicht wesentlich, sondern nur insofern verschie-
den ist, als dieser auf minder abweichende und noch mehr
schwankende Formen Anwendung findet. Und eben so ist die
Albers hat dieselbe Beobachluiijr auf Madeira oreinachl, aber eine
andre Folgeruno; daraus gezogen: dass nämlich diese Formen, die während
unermesslicher Zeiiränme immer dieselben geblieben, nicht in einander
übergehen und niciit eine Spezies bilden. ü. Ü.
65
Unterscheidung zwischen »Varietät« und »individueller Abänderung«
nur eine Sache der Willkür und Bequemlichkeit.
Durch theoretische Betrachtungen geleitet habe ich geglaubt,
dass sich einige interessante Ergebnisse in Bezug auf die Natur
und die Beziehungen der am meisten variirenden Arten darbie-
ten würden, wenn man alle Varietäten aus verschiedenen wohl-
bearbeiteten Floren tabellarisch zusammenstellte. Anfangs schien
mir Diess eine einfache Sache zu seyn. Aber Herr H. C. V^^at-
SON, dem ich für seine werthvollen Dienste und Hilfe in dieser
Beziehung sehr dankbar bin, überzeugte mich bald, dass Diess
mit vielen Schwierigkeiten verknüpft seye, was späterhin Dr.
HooKER in noch bestimmterer Weise bestätigte. Ich behalte mir
daher für mein künftiges Werk die Erörterung dieser Schwie-
rio-keiten und die Tabellen über die Zahlen - Verhältnisse der
variirenden Spezies vor. Dr. Hookeb erlaubt mir noch beizu-
fügen, dass, nachdem er meine handschriftlichen Aufzeichnungen
und Tabellen sorgfältig durchgelesen, er die folgenden Feststel-
lungen für vollkommen wohl begründet halte. Der ganze Gegen-
stand aber, welcher hier nothwendig nur sehr kurz abgehandelt
werden muss, ist ziemlich verwickelt, zumal Bezugnahmen auf
das »Ringen um Existenz« auf die »Divergenz des Charakters«
und andre erst später zu erörternde Fragen nicht vermieden
werden können.
Alphons DeCandolle u. a. Botaniker haben gezeigt, dass
solche Pflanzen, die sehr weit ausgedehnte Verbreitungs-Bezirke
besitzen, gewöhnlich auch Varietäten darbieten, wie sich ohne-
diess schon erwarten lasst, weil sie verschiedenen physikalischen
Einflüssen ausgesetzt sind und mit anderen Gruppen von Or-
ganismen in Milbewerbung kommen , was , wie sich nachher er-
geben soll , von noch viel grösserer Wichtigkeit ist. Meine
Tabellen zeigen aber ferner, dass auch in einem beschränkten
Gebiete die gemeinsten, d. h. die in den zahlreichsten Individuen
vorkommenden Arten und jene, welche innerhalb ihrer eignen
Gegend am meisten verbreitet sind (was von »weiter Verbrei-
tung« und in gewisser Weise von »Gemeinseyn« wohl zu unter-
scheiden), oft zur Entstehung von hinreichend bezeichneten
DARWIN, KntstP.luins <lor Ai-t.r>)i. Q. Aiifl. rj
66
Varietäten Veranlassung geben, um sie in botanischen Werken
aufgezählt zu finden. Es sind mithin die am üppigsten gedei-
henden oder, wie man sie nennen kann, dominirenden Arten,
nämlich die am weitesten über die Erd-Oberfläche ausgedehnten,
die in ihrer eignen Gegend am allgemeinst verbreiteten, es sind
die an Individuen reichsten Arten, welche am öftesten wohl
ausgeprägte Varietäten oder, wie man sie nennen möchte, Be-
ginnende Spezies liefern. Und Diess ist vielleicht vorauszusehen
gewesen: denn so wie Varietäten, um einigermaassen stet zu
werden, nolhwendig mit andern Bewohnern der Gegend zu
kämpfen haben, so werden auch die bereits herrschend gewor-
denen Arten am meisten geeignet seyn Nachkommen zu liefern,
welche, mit einigen leichten Veränderungen, diejenigen Vorzüge
noch weiter zu vererben im Stande sind, wodurch ihre Altern
über ihre Landesgenossen das Übergewicht errungen haben.
Bei diesen Bemerkungen über das t'lbergewicht ist jedoch zu
berücksichtigen, dass sie sich nur auf diejenigen Formen be-
ziehen, welche zu andern und namentlich zu Gliedern derselben
Sippe oder Klasse mit ganz ähnlicher Lebensweise im Verhält-
nisse der Mitbewerbung stehen.
Hinsichtlich der Gemeinheit oder der Individuen-Zahl einer
Art erstreckt sich daher die Vergleichung nur auf Glieder der
nämlichen Gruppe. Man mag eine Pflanze eine herrschende
nennen, wenn sie an Individuen reicher und weiter verbreitet
als die andern unter nahezu ähnlichen Verhältnissen lebenden
Pflanzen der nämlichen Gegend ist. Eine solche Pflanze wird
in dem hier gebrauchten Sinne darum iticht weniger eine herr-
schende seyn, weil etwa eine Konferve des Wassers oder ein
schmarotzender Pilz unendlich viel zahlreicher an Individuen und
noch weiter verbreitet ist als sie. Wenn aber eine Konferve
oder ein Schmarotzer - Pilz seine Verwandten in den oben ge-
nannten Beziehungen übertrifi"t, dann ist es eine herrschende
Form unter den Pflanzen ihrer eignen Klasse.
Wenn man die eine Gegend bewohnenden und in einer
Flora derselben beschriebenen Pflanzen in zwei gleiche Haufen
theilt, wovon der eine alle Arten aus grossen, und der andre
67
alle aus kleinen Sippen enthält, so wird man eine etwas grössere
Anzahl sehr gemeiner und sehr verbreiteter oder herrschender
Arten auf Seiten der grossen Sippen finden. Auch Diess hat
vorausgesehen werden können; denn schon die einlache That-
sache, dass viele Arten einer und der nämlichen Sippe eine
Gegend bewohnen, zeigt etwas in der organischen oder unorga-
nischen Beschaffenheil der Gegend für die Sippe Günstiges an,
daher man erwarten durfte, in den grösseren oder viele Arten
enthaltenden Sippen auch eine verhältnissmässig grosse Anzahl
herrschender Arten zu finden. Aber es gibt so viele Ursachen,
welche dieses Ergebniss zu verhüllen streben, dass ich erstaunt
bin, in meinen Tabellen doch noch ein kleines Übergewicht auf
Seiten der [grossen Sippen zu finden. Ich will hier nur zwei
Ursachen dieser Verhüllungen anführen. Süsswasser- und Salz-
Pflanzen haben gewöhnlich weit ausgedehnte Bezirke und eine
starke Verbreitung; Diess scheint aber mit der Natur ihrer
Standorte zusammenzuhängen und hat wenig oder gar keine
Beziehung zu dem Arten-Reichthum der Sippen, wozu sie ge-
hören. Ebenso sind Pflanzen von unvollkommenen Organisations-
Stufen gewöhnlich viel weiter als die hoch organisirlen verbreilel,
und auch hier besteht keine nahe Beziehung zur Grösse der
Sippen. Die Ursache dieser letzten Erscheinung soll in unseren
Kapiteln über die geographische Verbreitung erörtert werden.
Indem ich die Arten nur als stark ausgeprägte und wohl
umschriebene Varietäten betrachtete, war ich im Stande voraus-
zusagen, dass die Arten der grösseren Sippen einer Gegend
öfter, als die der kleineren, Varietäten darbieten würden; denn
wo immer sich viele einander nahe verwandte Arten (die der
grösseren Sippen) gebildet haben, werden sich im Allgemeinen
auch viele Varietäten derselben oder beginnende Arten zu bildiMi
geneigt seyn, — wie da, wo viele grosse Bäume wachsen, man
viele junge Bäumchen aufkommen zu sehen erwarten darf. Wo
viele Arten einer Sippe durch Variation entstanden sind, da sind
die Umstände günstig für Variation gewesen und möchte man
mithin auch erwarten, sie noch jetzt günstig zu finden. Wenn
wir dagegen jede Art als einen besonderen Akt der Schöpfung
68
betrachten, so ist kein Grund einzusehen, wesshalb verhältniss-
mässig mehr Varietäten in einer Arten-reichen Gruppe als in
einer solchen mit wenigen Arten vorkommen sollten.
Um die Richtigkeil dieser Yoraussagung zu beweisen, habe
ich die Pflanzen-Arten in zwölf verschiedenen Ländern und die
Käfer-Arten in zwei verschiedenen Gebieten in je zwei einander
fast gleiche Haufen getheilt, die Arten der grossen Sippen auf
der einen und die der kleinen auf der andern Seite, und es hat
sich beharrlich überall dasselbe Ergebniss gezeigt, dass eine
verhältnissmässig grössre Anzahl von Arten bei, den grossen
Sippen Varietäten haben als bei den kleinen. Überdiess bieten
die Arten der grossen Sippen, welche überhaupt Varietäten
haben, eine verhältnissmässig grössere Varietäten-Zahl dar, als
die der kleineren. Zu diesen beiden Ergebnissen gelangt man
auch, wenn man die Einlheilung anders macht und alle Sippen
mit nur 1—4 Arten ganz aus den Tabellen ausschliesst. Diese
Thatsachen sind von klarer Bedeutung für die Ansicht, dass
Arten nur streng ausgeprägte und bleibende Varietäten sind 5^
denn wo immer viele Arten in einerlei Sippe gebildet worden
sind oder wo. wenn der Ausdruck erlaubt ist, die Arten-Fabri-
kation thätig betrieben worden ist, müssen wir gewöhnlich diese
Fabrikation noch in Thätigkeit finden, zumal wir alle Ursache
haben zu glauben, dass das Fabrikations-Verfahren ein sehr lang-
sames seye. Und Diess ist sicherlich der Fall, wenn Varietäten
als beginnende Arten zu betrachten: denn meine Tabellen zei-
gen deutlich ganz allgemein, dass, wo immer viele Arten einer
Sippe gebildet worden sind, diese Arten eine den Durchschnitt
übersteigende Anzahl von Varietäten oder beginnenden neuen
Arten enthalten. Damit soll nicht gesagt werden, dass alle
grossen Sippen jetzt sehr variiren und in Vermehrung ihrer
Arten -Zahl begriflen sind, oder dass keine kleine Sippe jetzt
Varietäten bilde und wachse: denn dieser Fall wäre sehr ver-
derblich für meine Theorie, zumal uns die Geologie klar bewei-
set, dass kleine Sippen im Laufe der Zeit oft sehr gross ge-
worden, und dass grosse Sippen, nachdem sie ihr Maximum er-
reicht, wieder zurückgesunken und endlich verschwunden sind.
69
Alles, was hier zu beweisen nöthig ist, beschränkt sich darauf,
dass da, wo viele Arten in einer Sippe gebildet worden, auch
noch jetzt durchschnittlich viele in Bildung begriffen sind: und
Diess ist nachgewiesen.
Es gibt aber noch andere beachtenswerthe Beziehungen
zwischen den Arten grosser Sippen und den angeführt werden-
den Varietäten derselben. Wir haben gesehen, dass es kein
untrügliches Unterscheidungs-Merkmal zwischen Arten und stark
ausgeprägten Varietäten gibt; und in jenen Fällen, wo Mittel-
glieder zwischen zweifelhaften Formen noch nicht gefunden worr
den, sind die Naturforscher genöthigt, ihre Bestimmung von der
Grösse der Verschiedenheiten zwischen zwei Formen abhängig
zu machen, indem sie nach der Analogie urlheilen, ob deren
Betrag genüge, um nur eine oder alle beide zum Range von
Arten zu erheben. Der Betrag der Verschiedenheit ist mithin
ein sehr wichtiges Merkmal bei der Bestimmung, ob zwei For-
men für Arten oder für Varietäten gelten sollen. Nun haben
Fries in Bezug auf die Pflanzen und Westwood hinsichtlich der
Insekten die Bemerkung gemacht, dass in grossen Sippen der
Grad der Verschiedenheit zwischen den Arten oft ausserordent-
lich klein ist. Ich habe Diess in Zahlen-Durchschnitten zu prü-
fen gesucht und, so weit meine noch unvollkommenen Ergeb-
nisse reichen, bestätigt gefunden. Ich habe mich desshalb auch
bei einigen genauen und erfahrenen Beobachtern befragt und
nach Auseinandersetzung der Sache gefunden, dass sie in der-
selben übereinstimmen. In dieser Hinsicht gleichen demnach die
Arten der grossen Sippen den Varietäten mehr, als die Arten
der kleinen. Nun kann man die Sache aber auch anders aus-
drücken und sagen, dass in den grösseren Sippen, wo eine den
Durchschnitt übersteigende Anzahl von Varietäten oder beginnen-
den Speeles noch jetzt fabricirt worden, viele der bereits fertigen
Arten doch bis zu einem gewissen Grade Varietäten gleichen,
insofern sie durch einen weniger als gewöhnlich grosses Maass
von Verschiedenheit von einander getrennt werden.
Überdiess stehen die Arten grosser Sippen in derselben
Beziehung, wie die Varietäten einer Art zu einander. Kein
70
Natiirlorscher glaubt, dass alle Arte» einer Sippe in gleichem
Grade von einander verschieden sind j sie werden daher gewohu-
lich noch in Subgenera, in Seclionen oder noch untergeordnetere
Gruppen getheill. Wie Fries bemerkt, sind diese kleinen Arten-
Gruppen gewöhnlich wie Satelliten um gewisse andere Arten
geschaart. Und was sind Varietäten anders als Formen-Gruppen
von ungleicher wechselseitiger Verwandtschaft um gewisse Formen
versammelt, um die Stamm-Arten nämlich? Unzweifelhaft ist ein
grüssrer Unterschied zwischen Arten als zwischen Varietäten,
insbesondre ist der Betrag der Verschiedenheit der Varietäten
von einander oder von ihren Stamm-Arten kleiner, als der
zwischen den Arten derselben Sippe. Wenn wir aber zur Er-
örterung des Princips, wie ich es nenne, der »Divergenz des
Charakters« kommen, so werden wir sehen, wie Diess zu erklä-
ren , und wie die geringeren Verschiedenheiten zwischen Varie-
täten erwachsen zu den grösseren Verschiedenheiten zwischen
den Arten.
Es gibt da noch einen andern Punkt, welcher mir der Be-
achtung Werth scheint. Varietäten haben gewöhnlich eine be-
schränktere Verbreitung, was schon aus dem Vorigen folgt:
denn wäre eine Varietät weiter verbreitet, als ihre angebliche
Stamm-Art, so miisste deren Bezeichnung umgekehrt werden.
Es ist aber auch Grund vorhanden zu glauben, dass diejenigen
Arten , welche sehr nahe mit anderen Arten verwandt sind und
insoferne Varietäten gleichen, oft engre Verbreitungs - Grenzen
haben. So hat mir z. B. Herr H. G. Watson in dem wohlge-
sichletcn Londoner Pflanzen - Katalog (vierte Ausgabe) 63 Pflan-
zen bemerkt, welche als Arten darin aufgeführt sind, die er aber
für so nahe mit anderen Arten verwandt hält, dass ihr Rano-
zweifelhaft wird. Diese 63 gering-werthigen Arten verbreiten
sich im Mittel über 6,9 der Provinzen, in welche Watson Gross-
hritanmen eingetheilt hat. Nun sind im nämlichen Kataloge auch
53 anerkannte Varietäten aufgezählt, und diese erstrecken sich
über 7.7 Provinzen, während die Arten, wozu diese Varietäten
gehören, sich über 14,3 Provinzen ausdehnen. Daher denn die
anerkannten Varietäten eine beinahe eben so beschränkte mittle
71
Verbreitung- besitzen, als jene nahe verwandten Formen, welche
Watson als zweifelhal'tc Arten bezeichnet hat, die aber von Bri-
tischen Botanikern gewöhnlich lür gute und achte Arten genom-
men werden. Endlich haben dann Varietäten auch die nämlichen '
allgemeinen Charaktere, wie Speeles; denn sie können von Arten
nicht unterschieden werden, ausser, erstens, durch die Ent-
deckung von Mittelgliedern, und das Vorkommen solcher Glieder
kann den wirklichen Charakter der Formen, welche sie verketten,
nicht berühren, — und ausser, zweitens, durch ein gewisses
Maass von Verschiedenheit, indem zwei Formen, welche nur
sehr wenig von einander abweichen, allgemein nur als Varietä-
ten angesehen werden, wenn auch verbindende Mittelglieder noch
nicht entdeckt worden sind ; aber dieser Betrag von Verschieden-
heit, welcher zur Erhebung zweier Formen zum Arten -Rang
nöthig, ist ganz unbestimmt. In Sippen, welche mehr als die
mittle Arten-Zahl in einer Gegend haben, zeigen die Arten auch
mehr als die Mittelzahl von Varietäten. In grossen Sippen lassen
sich die Arten nahe, aber in ungleichem Grade, mit einander
verbinden zu kleinen um gewisse Arten geordneten Gruppen,
Sehr nahe mit einander verwandte Arten sind von olfenbar be-
schränkter Verbreitung. In all' diesen verschiedenen Beziehungen
zeigen die Arten grosser Sippen eine strenge Analogie mit Va- ^
rietäten. Und man kann diese Analogien klar begreifen, wenn :
Arten einstens nur Varietäten gewesen und aus diesen hervor-
gegangen sind : wogegen diese Analogie'n ganz unverständlich 1
seyn würden, wenn jede Speeles von den andern unabhängig er-
schaffen worden wäre.
Wir haben nun gesehen, dass es die am besten gedeihende
und herrschende Speeles der grösseren Sippen in jeder Klasse ist,
die im Durchschnitte genoiiunen am meisten variirl; und Varie-
täten haben, wie wir hernach finden werden, Neigung in neue
und unterschiedene Arten überzugehen. Dadurch neigen auch die
grossen Sippen zur Vergrösserung, und in der ganzen Natur
streben die Lebens-Formen, welche jetzt herrschend sind, noch
immer mehr herrschend zu werden durch Hinterlassung vieler
abgeänderter und herrschender Abkömmlinge. Aber durch nachher
72
7Ai erläulernde Abstufungen streben auch die grösseren Sippen
immer mehr in kleine auseinander zu treten. Und so werden
die Lebensformen auf der ganzen Erde in Gruppen und Unter-
gruppen weiter abgetheilt.
Der Kampf uni's Daseyii.
Stützt sich auf natürliche Züchtung. Der Ausdruck im weitem Sinne ge-
braucht. Geometrische Zunahme. Rasche Vermehrung naturaiisirler Pflan-
zen und Thierc. Natur der Hindernisse der Zunahme. Aligemeine Mit-
bewerbung. Wirkungen des Klimas. Schulz durch die Zahl der Individuen.
Verwickelte Beziehungen aller Thiere und Pflanzen in der ganzen Natur.
Kampf auf Leben und Tod zwischen Einzelwesen und Varietäten einer Art,
oft auch zwischen Arten einer Sippe. Beziehung von Organismus zu Or-
ganismus die wichtigste aller Beziehungen.
Ehe wir auf den Gegenstand dieses Kapitels eingehen, muss
ich einige Bemerkungen voraussenden, um zu zeigen, wie das
Ringen um das Daseyn sich auf natürliche Züchtung stütze. Es
ist im letzten Kapitel nachgewiesen worden, dass die Organismen
im Natur -Zustande eine individuelle Variabilität besitzen, und ich
wüssle in der That nicht, dass Diess je bestritten worden wäre.
Es ist für uns unwesentlich, ob eine Menge von zweifelhaften
Formen Art, Unterart oder Varietät genannt werde; welchen
Rang z, B. die 200—300 zweifelhaften Formen Britischer Pflan-
zen einzunehmen berechtigt sind, wenn die Existenz ausgeprägter
Varietäten zulässig ist. Aber das blosse Daseyn einer indivi-
duellen Veränderlichkeit und einiger wohl-bezeichneter Varietäten,
wenn auch nothwendig zu Begründung dieses Werkes, hilft uns
nicht viel, um zu begreifen, wie Arten in der Natur entstehen.
Wie sind alle diese vortrefflichen Anpassungen von einem Theile
der Organisation an den andern und an die äusseren Lebensbe-
dingungen, und von einem organischen Wesen an ein anderes
bewirkt worden? Wir sehen diese schöne Anpassung am klarsten
bei dem Specht und der Mislelpflanze und nur wenig minder
73
(Icullich am niedersten Parasiten, welcher sich an das Haar eines
Sauo-thieres oder die Federn eines Vogels anklammert; am Bau
des" Käfers, welcher ins Wasser untertaucht; am befiederten
Saamen, der vom leichtesten Lüftchen getragen wird; kurz wir
sehen schöne Anpassungen überall und in jedem Theile der or-
ganischen Welt.
Dagegen kann man fragen, wie kommt es, dass die Varie-
täten, die ich beginnende Speeles genannt habe, sich zuletzt in
gute und abweichende Speeles verwandeln, welche meistens unter
sich viel mehr, als die Varietäten der nämlichen Art verschieden
sind? Wie entstehen diese Gruppen von Arten, welche als
verschiedene Genera bezeichnet werden und mehr als die Arten
dieser Genera von einander abweichen? Alle diese Wirkungen
erfolgen unvermeidlich, wie wir im nächsten Abschnitte sehen
werden, aus dem Ringen um's Daseyn. In diesem Wettkampfe
wird jede Abänderung, wie gering und auf welche Weise immer
sie entstanden soyn mag, wenn sie nur einigermassen vortheil-
haft für das Individuum einer Speeles ist, in dessen unendlich
verwickelten Beziehungen zu anderen Wesen und zur äusseren
Natur mehr zur Erhaltung dieses Individuums mitwirken und
sich gewöhnlich auf dessen Nachkommen übertragen. Ebenso
wird der Nachkömmling mehr Aussicht haben, die vielen anderen
Einzelwesen dieser Art, welche von Zeit zu Zeit geboren wer-
den, von denen aber nur eine kleinere Zahl am Leben bleibt,
zu überdauern. Ich habe dieses Princip , wodurch jede solche
geringe, wenn nützliche Abänderung erhalten wird, mit dem
Namen »Natürliche Züchtung« belegt, um dessen Beziehung zur
Züchtung des Menschen zu bezeichnen. Wir haben gesehen, dass
der Mensch durch Auswahl zum Zwecke der Nachzucht grosse
Erfolge sicher zu erzielen und organische Wesen seinen eigenen
Bedürfnissen anzupassen im Stande ist durch die Häufung kleiner
aber nützlicher Abweichungen, die ihm durch die Hand der Na-
tur dargeboten werden. Aber die Natürliche Auswahl ist, wie
wir nachher sehen werden, unaufhörlich thätig und des Menschen
schwachen Bemühungen so unvergleichbar überlegen, wie es die
Werke der Natur überhaupt denen der Kunst sind.
74
Wir wollen nun den Kampf uin's Üaseyn etwas mehr ins
Einzelne erörtern. In meinem spateren Werke über diesen Ge-
genstand soll er, wie er es verdient, in grosserem Umfang be-
sprochen werden. Der allere DeCandolle und L\eu haben reich
lieh und in philosophischer Weise nachgewiesen, dass alle orga-
nischen Wesen im Verhältnisse der Mitbewerbung zu einander
stehen. In Bezug auf die Pflanzen hat Niemand diesen Gegen-
stand mit mehr Geist und Geschicklichkeit behandelt als W, Her-
bert, der Dechant von Manchester , offenbar in Folge seiner aus-
gezeichneten Gartenbau-Kenntnisse. Nichts ist leichter als in
Worten die Wahrheit des allgemeinen Weltkampfes um's Daseyn
zuzugestehen, und nichts schwerer, als — wie ich wenigstens
gefunden habe — dieselbe im Sinne zu "behalten. Und bevor
wir solche nicht dem Geiste fest eingeprägt, bin ich überzeugt,
dass wir den ganzen Haushalt der Natur, die Vertheilungs-Weise,
die Seltenheit und den Überfluss, das Erlöschen und Abändern
in derselben nur dunkel oder ganz unrichtig begreifen werden.
Wir sehen die Natur äusserlich in Heilerkeil strahlen, wir sehen
bloss Überfluss an Nahrung ; aber wir sehen nicht oder verges-
sen, dass die Vögel, welche um uns her sorglos ihren Gesang
erschallen lassen, meistens von Insekten oder Saamen leben und
mithin beständig Leben vertilgen ; oder wir vergessen, wie viele
dieser Sänger oder ihrer Eier oder ihrer Nesllinge unaufhörlich
von Raubvögeln u. a. Feinden zerstört werden; wir behalten
nicht innner im Sinne, dass, wenn auch das Futter jetzt im Über-
fluss vorhanden, Diess doch nicht zu allen Zeiten im Umlaufe des
Jahres der Fall ist.
Ich will voraussenden, dass ich den Ausdruck «Ringen um's
Daseyn« in einem weilen und metaphorischen Sinne gebrauche,
in sich begreifend die Abhängigkeit der Wesen von einander
und, was wichtiger ist, nicht allein das Leben des Individuums,
sondern auch die Sicherung seiner Nachkommenschaft. Man kann
mit Recht sagen, dass zwei Hunde in Zeiten des Mangels um
Nahrung und Leben miteinander kämpfen. Aber man kann auch
sagen, eine Pflanze ringe am Rande der Wüste um ihr Daseyn
mit der Irockniss, obwohl es angemessener wäre zu sagen, sie
75
seyo von Feuchtigkeit abliängig. Von einer Pflanze , welche all-
jahrlich tausend Saamen erzeugt, unter welchen im Durchschnitte
nur einer zur Entwicklung kommt, kann man noch richtiger sagen,
sie ringe uin's Daseyn mit andern Pflanzen derselben oder an-
derer Arten, welche bereits den Boden bekleiden. Die Mistel
ist abhängig vom Apfelbaum- und einigen anderen Baum- Arten;
doch kann man nur in einem weit-ausholenden Sinne sagen, sie
ringe mit diesen Bäumen; denn wenn zu viele dieser Schma-
rotzer auf demselben Stamme wachsen , so wird er verkümmern
und sterben. Wachsen aber mehre Sämlinge derselben dicht
auf einem Aste beisammen, so kann man in Wahrheit sagen,
sie ringen miteinander. Da die Saamen der Mistel von Vögeln
ausgestreut werden, so hängt ihr Daseyn mit von dem der Vögel
ab und man kann metaphorisch sagen, sie ringen mit andern
Beeren-tragenden Pflanzen, damit die Vögel eher ihre Früchte
verzehren und ihre Saamen ausstreuen, als die der andern.
In diesen mancherlei Bedeutungen, welche ineinander übergehen,
gebrauche ich der Bequemlichkeit halber den Ausdruck «um's
Daseyn ringen«.
Ein Kampf um's Daseyn folgt unvermeidlich aus der Nei-
gung aller Organismen, sich in starkem Verhältnisse zu vermeh-
ren. Jedes Wesen, das während seiner natürlichen Lebenszeit
mehre Eier oder Saamen hervorbringt, muss während einer Pe-
riode seines Lebens oder zu gewisser Jahreszeit oder in einem
zufälligen Jahre Zerstörung erfahren; sonst würde seine Zahl
in geometrischer Progression rasch zu so ausserordentlicher
Grösse anwachsen, dass keine Gegend das Erzeugniss zu ernäh-
ren im Stande wäre. Wenn daher mehr Individuen erzeugt
werden, als möglicher Weise fortbestehen können, so muss je-
denfalls ein Kampf um das Daseyn entstehen, entweder zwischen
den Individuen einer Art oder zwischen denen verschiedener
Arten, oder zwischen ihnen und den äusseren Lebens-Bedingun-
gen. Es ist die Lehre von Malthus , in verstärkter Kraft über-
tragen auf das gesanunte Thier- und Pflanzen-Reich ; denn in
diesem Falle ist keine künstliche Vermehrung der Nahrungsmittel
und keine vorsichtige Enthaltung vom Heirathen möglich. Ob-
76
wohl dalier einige Arten jetzt in mehr oder weniger rascher Zu-
nahme begriffen seyn mögen : alle können es nicht zugleich, denn
die Welt würde sie nicht fassen.
Es gibt keine Ausnahme von der Regel, dass jedes orga-
nische Wesen sich auf natürliche Weise in dem Grade vermehre,
dass, wenn es nicht durch Zerstörung litte, die Erde bald von
der Nachkommenschaft eines einzigen Paares bedeckt seyn würde.
Selbst der Mensch, welcher sich doch nur langsam vennehrt,
verdoppelt seine Anzahl in fünfundzwanzig Jahren, und bei so
fortschreitender Vervielfältigung würde die Welt schon nach eini-
gen Tausend Jahren keinen Raum mehr für seine Nachkommen-
schaft haben. Linne hat berechnet, dass, wenn eine einjährige
Pflanze nur zwei Saamen erzeugte (und es gibt keine Pflanze,
die so wenig produktiv wäre) und ihre Sämlinge gäben im näch-
sten Jahre wieder zwei u. .s. w. , sie in zwanzig Jahren schon
eine Million Pflanzen liefern würde. Man sieht den Elephanten
als das sich am langsamsten vermehrende von allen bekannten
Thieren an. Ich habe das wahrscheinliche Minimum seiner na-
türlichen Vermehrung zu berechnen gesucht, unter der Voraus-
setzung, dass seine Fortpflanzung erst mit dreissig Jahren be-
ginne und bis zum neunzigsten Jahre währe, und dass er in dieser
Zeit nur drei Paar Junge zur Welt bringe. In diesem Falle wür-
den nach fünfhundert Jahren schon fünfzehn Millionen Elephanten
von dem ersten Paare vorhanden seyn.
Doch wir haben bessre Belege für diese Sache, als blos
theoretische Berechnungen, namentlich in den oft berichteten
Fällen von erstaunlich rascher Vermehrung verschiedener Thier-
Arten im Natur-Zuslande, wenn die natürlichen Bedingungen zwei
oder drei Jahre lang dafür günstig gewesen sind. Noch schla-
gender sind die von unseren in verschiedenen Weltgegenden
verwilderten Hausthier-Arten hergenommenen Beweise, so dass,
wenn die Behauptungen von der Zunahme der sich doch nur
langsam vermehrenden Rinder und Pferde in Süd-Amerika und
neuerlich in Australien nicht sehr wohl bestätigt wären, sie ganz
unglaublich erscheinen müssten. Eben so ist es mit den Pflanzen.
Es lassen sich Fälle von eingeführten Pflanzen aufzählen, welche "
77
auf ganzen Inseln gemein geworden sind in weniger als zehn
Jahren. Einige der Pflanzen, welche jetzt in solcher Zahl über
die weiten Ebenen von la Plata verbreitet sind, dass sie alle
anderen Pflanzen daselbst ausschliessen , sind aus Europa ein-
gebracht worden ; und eben so gibt es, wie ich von Dr. Falconer
gehört, in Ostindien Pflanzen, welche jetzt vom Cap Comorin
bis zum Himalaya reichen und seit der Entdeckung von Ame-
rika von dorther eingeführt worden sind. In Fällen dieser Art,
von welchen endlose Beispiele angeführt werden könnten, wird
Niemand unterstellen, dass die Fruchtbarkeit solcher Pflanzen und
Thiere plötzlich und zeitweise in einem bemerklichen Grade zu-
genommen habe. Die handgreifliche Erklärung ist, dass die
äussern Lebens-Bedingungen sehr günstig, dass in dessen Folge
die Zerstörung von Jung und All geringer und mithin fast alle
Abkömmlinge im Stande gewesen sind, sich fortzupflanzen. In
solchen Fällen genügt schon das geometrische Verhältniss der
Zahlen-Vermehrung, dessen Resultat nie verfehlt Erstaunen zu
erregen, um einfach das ausserordentliche Wachsthum und die
weite Verbreitung eingeführter Natur- Produkte in ihrer neuen
Heimath zu erklären. Im Natur-Zustande bringen fast alle Pflan-
zen jährlich Saamen hervor , und unter den Thieren sind nur
sehr wenige, die sich nicht jährlich paarten. Wir können daher
mit Sicherheit behaupten, dass alle Pflanzen und Thiere sich in
geometrischem Verhältnisse vermehren, dass sie jede zu ihrer
Ansiedelung geeignete Gegend sehr rasch zu bevölkern im Stande
Seyen, und dass das Streben zur geometrischen Vermehrung zu
irgend einer Zeit ihres Lebens beschränkt werden muss. Unsre
genauere Bekanntschaft mit den grösseren Hausthieren könnte
zwar unsre Meinung in dieser Beziehung irre leiten, da wir
keine grosse Störung unter ihnen eintreten sehen; aber wir ver-
gessen, dass Tausende jährlich zu unsrer Nahrung geschlachtet
werden, und dass im Natur-Zustande wohl eben so viele irgend-
wie beseitigt werden würden.
Der einzige Unterschied zwischen den Organismen, welche
jährlich Tausende von Eiern oder Saamen hervorbringen, und
jenen welche deren nur sehr wenige liefern, besieht darin, dass
78
diese unter günstigen Verhältnissen ein paar Jahre länger als
jene zur Bevölkerung eines Bezirks nöthig haben, seye derselbe
auch noch so gross. Der Condor legt zwei Eier und der Strauss
deren zwanzig, und doch dürfte in einer und derselben Gegend
der Condor leicht der häufigere von beiden werden. Der Eis-
Sturm-Vogel (Procellaria glacialis) legt nur ein Ei, und doch
glaubt man er seye der zahlreichste Vogel in der Welt. Die
eine Fliege legt hundert Eier und die andre wie z. B. Hippobosca
deren nur eines: Diess bedingt aber nicht die Menge der Individuen,
die in einem Bezirk ihren Unterhalt finden können. Eine grosse
Anzahl von Eiern ist von einiger Wichtigkeit für eine Art, deren
Futter-Vorräthe raschen Schwankungen unterworfen sind : denn
diese muss ihre Vermehrung in kurzer Frist bewirken. Aber
wesentliche Wichtigkeit erlangt eine grosse Zahl von Eiern
oder Saamen der Grösse der Zerstörung gegenüber, welche zu
irgend einer Lebenszeit erfolgt, und diese Zeit des Lebens ist
in der grossen Mehrheit der Fälle eine sehr frühe. Kann ein
Thier in irgend einer Weise seine eigenen Eier und Junge
schützen, so wird es deren eine geringere Anzahl erzeugen und
diese ganze durchschnittliche Anzahl aufbringen; werden aber
viele Eier oder Junge zerstört, so müssen deren viele erzeugt
werden, wenn die Art nicht untergehen soll. Wird eine Baum-
Art durchschnittlich tausend Jahre alt, so würde es zur Erhaltuno-
ihrer vollen Anzahl genügen, wenn sie in tausend Jahren nur
einen Saamen hervorbrächte, vorausgesetzt, dass dieser eine nie
zerstört würde und auf einen sicheren für die Keimung geeig-
neten Platz gelangen könnte. So hängt in allen Fällen die mittle
Anzahl von Individuen einer Pflanzen- oder Thier-Art nur indi-
rekt von der Zahl der Saamen oder Eier ab, die sie liefert.
Bei Betrachtung der Natur ist es nöthig, diese Ergebnisse
immer im Sinne zu behalten und nie zu vergessen, dass man
von jedem einzelnen Organismus unsrer Umgebung sagen kann,
er strebe nach der äussersten Vermehrung seiner Anzahl, dass
aber jeder in irgend einem Zeit- Abschnitte seines Lebens in
einem Kampfe mit feindlichen Bedingungen begriffen seye, und
dass grosse Zerstörung unvermeidlich über Jung oder Alt ergehe
79
in jeder Generation oder in wiederkehrenden Perioden. Wird
irgend ein Hinderniss beseitigt oder die Zerstörung noch so wenig
gemindert, so wird in der Regel augenblicklich die Zahl der In-
dividuen stärker anwachsen.
Was für Hindernisse es sind, welche das natürliche Streben
jeder Art nach Vermehrung ihrer Anzahl beschränken , ist mei-
stens unklar. Betrachtet man die am kräftigsten gedeihenden
Arten, so wird man finden dass, je [grösser ihre Zahl wird,
desto mehr ihr Streben nach weitrer Vermehrung zunimmt. Wir
wissen nicht einmal in einem einzelnen Falle genau, welches die
Hindernisse der Vermehrung sind. Diess wird jedoch niemanden
in Verwunderung setzen, der sich erinnert, wie unwissend wir
in dieser Beziehung bei dem Menschen selbst sind, welcher doch
ohne Vergleich besser bekannt ist als irgend eine andre Thier-
Art. Doch ist dieser Gegenstand von mehren Schriftstellern
vortrefflich erörtert worden ; ich werde in meinem späteren
Werke über mehre der Hindernisse mit einiger Ausführlichkeit
handeln und insbesondre auf die Raubthiere Südamerika' s etwas
näher eingehen. Hier mögen nur einige wenige Bemerkungen
Raum finden, nur um dem Leser einige Hauptpunkte ins Gedächt
niss zu rufen. Eier und ganz junge Thiere scheinen am meisten
zu leiden , doch ist Diess nicht ganz ohne Ausnahme. Den
Pflanzen wird zwar eine gewallige Menge von Saamen zerstört;
aber nach einigen Beobachtungen scheint es mir, als litten die
Sämlinge am meisten, wenn sie auf einem schon mit andern
Pflanzen dicht bestockten Boden wachsen. Auch die Sämlinge
werden noch in grosser Menge durch verschiedene Feinde ver-
nichtet. So beobachtete ich auf einer locker umgegrabenen
Boden-Fläche von 3' Länge und 2' Breite 357 Sämlinge unsrer
verschiedenen Holz- Arten, wovon nicht weniger als 295 haupt-
sächlich durch Schnecken und Insekten zerstört wurden. Wenn
man einen Rasen, der lang abgemähet wurde (und der Fall wird
der nämliche bleiben, wenn er durch Säugthiere kurz abgeweidet
worden), wachsen lässt, so werden die kräftigeren Pflanzen all-
mählich die minder kräftigen wenn auch voll ausgewachsenen
lödten: und in einem solchen Falle hat man von zwanzig auf
80
einem nur 3' auf 4' grossen Fleck beisammen wachsenden Arten
neun zwischen den anderen nun üppiger aufwachsenden zu Grunde
gehen sehen.
Die für eine jede Art vorhandene Nahrungs- Menge bestimmt
die äusserste Grenze, bis zu welcher sie sich vermehren kann:
aber in vielen Fällen wird die Vermehrung einer Thier-Art schon
weit unter dieser Grenze dadurch gehemmt, dass sie selbst wie-
der einer andern zur Beute wird. Es scheint daher wenig Zweifel
unterworfen zu seyn, dass der Bestand an Feld- und Hasel-
Hühnern, Hasen u. s. w. grossentheils hauptsächlich von der
Zerstörung der kleinen Raubthiere abhängig ist. Wenn in Eng-
land in den nächsten zwanzig Jahren kein Stück Wildpret ge-
schossen, aber auch keine solche Raubthiere zerstört würden,
so würde nach aller Wahrscheinlichkeit der Wild-Stand nachher
geringer seyn als jetzt, obwohl jetzt Hunderle und Tausende von
Stücken Wildes erlegt werden. Anderseits gibt es aber auch
einige Fälle wo, wie bei Elephant und Nashorn, eine Zerstörung
durch Raubthiere gar nicht stattfindet, und selbst der Indische
Tiger wagt es nur sehr selten einen jungen von seiner Mutter
geschützten Elephanten anzugreifen.
Das Klima hat ferner einen wesentlichen Antheil an Be-
stimmung der durchschnittlichen Individuen-Zahl einer Art, und
ich glaube dass ein periodischer Eintritt von äusserst kalter oder
trockener Jahreszeit zu den wirksamsten aller Hemmnisse gehört.
Ich schätze hauptsächlich nach der geringen Anzahl von Nestern
im nachfolgenden Frühling, dass der Winter 1854—55 auf meinen
eigenen Jagd-Gründen vier Fünftheile aller Vögel zerstört hat:
und Diess ist eine furchtbare Zerstörung, wenn wir berücksich-
tigen, dass bei dem Menschen eine durch Seuchen verursachte
Sterblichkeit von 10 Prozent schon ganz ausserordentlich stark
ist. Die Wirkung des Klimas scheint beim ersten Anblick ganz
unabhängig von dem Kampfe um die Existenz zu seyn; wenn
aber das Klima hauptsächlich die Nahrung vermindert, veranlasst
es den heftigsten Kampf zwischen den Einzelwesen seye, es nur
einer oder seye es verschiedener Arten, welche von derselben
Nahrung leben. Selbst wenn ein, z. B. äusserst kaltes, Klima
81
unmittelbar wirkt, sind es die mindest kräftigen oder diejenigen
Individuen, die beim vorrückenden Winter am wenigsten Futter
bekommen haben, welche am meisten leiden. Wenn wir von
Süden nach Norden oder aus einer feuchten in eine trockene
Gegend wandern, werden wir stets einige Arten immer seltener
und seltener werden und zuletzt gänzlich verschwinden sehen;
und da der Wechsel des Klima's zu Tage liegt , so werden wir
am ehesten versucht seyn den ganzen Erfolg seiner direkten Ein-
wirkung zuzuschreiben. Und doch ist Diess eine falsche Ansicht;
wir vergessen dabei, dass jede Art selbst da, wo sie am häu-
figsten ist, in irgend einer Zeit ihres Lebens durch Feinde oder
durch Mitbewerber um ihre Nahrung oder ihre Wohnstelle un-
geheure Zerstörung erfährt; und wenn diese Feinde oder Mitbe-
werber nur im Mindesten durch irgend einen Wechsel des Kli-
mas begünstigt werden, so wachsen sie an Zahl, und da jede
Fläche bereits vollständig mit Bewohnern besetzt ist, so muss
die andre Art zurückweichen. Wenn wir auf dem Wege nach
Süden eine Art in Abnahme begriffen sehen , so fühlen wir ge-
wiss, dass die Ursache mehr in anderen begünstigten Arten liegt,
als in dieser einen benachtheiligten. Eben so, wenn wir nord-
wärts gehen, obgleich in einem etwas geringeren Grade, weil die
Zahl aller Arten und somit aller Mitbewerber gegen Norden hin
abnimmt. Daher kömmt es ; dass, wenn wir nach Norden oder
einen Berg hinauf gehen, wir weit öfters verkümmerten Formen
begegnen, welche von unmittelbar schädlichen Einflüssen des
Klima's herrühren, als wenn wir nach Süden oder bergab gehen.
Erreichen wir endlich die arktischen Regionen oder die Schnee-
bedeckten Berg-Spitzen oder vollkommene Wüsten, so findet das
Ringen ums Daseyn hauptsächlich gegen die Elemente statt.
Dass die Wirkung des Klima's vorzugsweise eine indirekte
und durch Begünstigung andrer Arten vermittelt seye , ergibt
sich klar aus der wunderbar grossen Menge solcher Pflanzen in
unseren Gärten, welche zwar vollkommen im Stande sind unser
Klima zu ertragen, aber niemals naturalisirt werden können,
weil sie weder den Wettkampf mit anderen Pflanzen aushalten
Darwin, Entstehung der Arten, 2. Aufl. 6
82
noch der Zerstörung durch unsere einheimischen Thiere wider-
stehen Itönnen.
Wenn sich eine Art durch sehr günstige Umstände auf
einem kleinen Räume zu ausserordentlicher Anzahl vermehrt, so
sind Seuchen (so ist es wenigstens bei unseren Hausthieren ge-
wöhnlich der Fall) oft die Folge davon, und hier haben wir ein
vom Ringen ums Daseyn unabhängiges Hemmniss. Doch scheint
wenigstens ein Theil dieser sogenannten Epidemien von parasi-
tischen Würmern herzurühren, welche durch irgend eine Ursache
und vielleicht durch die Leichtigkeit der Verbreitung zwischen
gekreuzten Rassen unverhällnissmässig begünstigt worden sind,
und so fände hier gewissermaassen ein Ringen zwischen den
Würmern und ihren Nährthieren statt.
Andrerseits ist in vielen Fällen wieder ein grosser Bestand
von Individuen derselben Art unumgänglich für ihre Erhaltung
nöthig. Man kann daher leicht Getreide , Repssaat u. s. w. in
Masse auf unseren Feldern erziehen, weil hier deren Saamen
in grossem Übermaasse gegenüber den Vögeln vorhanden sind,
welche davon leben; und doch können diese Vögel, wenn sie
auch mehr als nöthig Futter in der einen Jahreszeit haben, nicht
im Verhältniss zur Menge dieses Futters zunehmen, weil die ganze
Anzahl im Winter nicht ihr Fortkommen fände. Dagegen weiss
jeder, der es versucht hat, Saamen aus Weitzen oder andern
solchen Pflanzen im Garten zu erziehen, wie mühesam Diess ist.
Ich habe in solchen Fällen jedes Saamenkorn verloren. Diese
Anschauungsweise von der Nothwendigkeit eines grossen Be-
standes einer Art Rir ihre Erhaltung erklärt, wie mir scheint,
einige eigenthümliche Fälle in der Natur, wie z. B. dass sehr
seltene Pflanzen zuweilen sehr zahlreich auf einem kleinen Fleck
beisammen vorkommen; und dass manche gesellige Pflanzen ge-
sellig oder in grosser Zahl beisammen selbst auf der äussersten
Grenze ihres Verbreitungs-Bezirkes gefunden werden. In solchen
Verhältnissen kann man glauben , eine Pflanzen-Art vermöge nur
da zu bestehen, wo die Lebens -Bedingungen so günstig sind,
dass ihrer viele beisammen leben und so einander vor äusserster
Zerstörung bewahren können. Ich möchte hinzufügen, dass die
83
o-uton Folgen einer liäuligen Kreutzung und die schlimmen einer
reinen Inzucht wahrscheinlich in einigen dieser Fälle mit in Be-
tracht kommen; doch will ich mich über diesen verwickelten Ge-
genstand hier nicht weiter verbreiten.
Man berichtet viele Beispiele, aus denen sich ergibt, wie zu-
sammengesetzt und wie unerwartet die gegenseitigen Beschrän-
kungen und Beziehungen zwischen organischen Wesen sind, die
in einerlei Gegend mit einander zu ringen haben. Ich will nur
ein solches Beispiel anftihren, das, wenn auch einfach, mich an-
gesprochen hat. In Slaffordshire auf einem Gute, über dessen
Verhältnisse nachzuforschen ich in günstiger Lage war, befand
sich eine grosse äusserst unfruchtbare Haide, die nie von eines
Menschen Hand berührt worden. Doch waren einige Hundert
Acker derselben von genau gleicher Beschaffenheit mit dem
Übrigen fünfundzwanzig Jahre zuvor eingezäunt und mit der
Schottischen Kiefer bepflanzt worden. Die Veränderung in _dei^
ursprünglichen Vegetation des bepflanzten Theiles war äusserst
merkwürdig, mehr als man gewöhnlich wahrnimmt, wenn man
auf einen ganz verschiedenen Boden übergeht. Nicht allein er-
schienen die Zahlen- Verhältnisse zwischen den Haide-Pflanzen
gänzlich verändert, sondern es blüheten auch in der Pflanzung
noch zwölf solche Arten, Bied- u. a. Gräser ungerechnet, von
welchen auf der Haide nichts zu finden war. Die Wirkung auf
die Kerbthiere muss noch viel grösser gewesen seyn, da in der
Pflanzung sechs Species Insekten-fressender Vögel sehr gemein
waren, von welchen in der Haide nichts zu sehen gewesen,
welche dagegen von zwei bis drei andren Arten derselben be-
sucht wurde. Wir bem^erken hier, wie mächtig die Folgen der
Einführung einer einzelnen Baum-Art gewesen, indem durchaus
nichts sonst geschehen war, ausser der Abhaltung des Wildes
durch die Einfriedigung. Was für ein wichtiges Element aber
die Einfriedigung seye, habe ich deutlich zu Farnham in Surrey
erkannt. Hier waren ausgedehnte Haiden mit ein paar Gruppen
alter Schottischer Kiefern auf den Bücken der entfernteren Hügel;
in den letzten 10 .lahren waren ansehnliche Strecken eingefriedigt
worden, und innerhalb dieser Einfriedigungen schoss in Folge
6 '
84
von Selbstbesaaniung eine Menge junger Kiefern auf, so dicht
beisammen 5 dass nicht alle fortleben können. Nachdem ich er-
fahren 5 dass diese jungen Stämnichen nicht absichtlich gesäel
oder gepflanzt worden, war ich um so mehr erstaunt über deren
Anzahl, als ich mich sofort nach mehren Seiten wandte, um
Hunderte von Acres der nicht eingefriedigten Haide zu unter-
suchen, wo ich jedoch ausser den gepflanzten alten Gruppen
buchstäblich genommen auch nicht eine Kiefer zu finden ver-
mochte. Da ich mich jedoch genauer zwischen den Stämmen
der freien Haide umsah , fand ich eine Menge Sämlinge und
kleiner Bäumchen , welche aber fortwährend von den Rinder-
Heerden abgeweidet worden waren. Auf einem eine Elle im
Quadrat messenden Fleck mehre Hundert Schritte von den alten
Baum -Gruppen entfernt zählte ich 32 solcher abgeweideten
Bäumchen, wovon eines nach der Zahl seiner Jahres-Ringe zu
schliessen 26 Jahre lang gehindert worden war sich über die
Haide-Pflanzen zu erheben und dann zu Grunde gegangen ist.
Kein Wunder also, dass, sobald das Land eingefriedigt wor-
den, es dicht von kräftigen jungen Kiefern überzogen wurde.
Und doch war die Haide so äusserst unfruchtbar und so aus-
gedehnt, dass niemand geglaubt hätte, dass das Rindvieh hier
so dicht und so erfolgreich nach Futter gesucht habe.
Wir sehen hier das Vorkommen der Schottischen Kiefer
in Abhängigkeit vom Rinde; in andern Weltgegenden ist es
von gewissen Insekten abhängig. Vielleicht bietet Paraguay
das merkwürdigste Beispiel dar; denn hier sind niemals Rin-
der, Pferde oder Hunde verwildert, obwohl sie im Süden und
Norden davon in verwildertem Zustande j^mherschwärmen. Azara
und Rengger haben gezeigt, dass die Ursache dieser Erschei-
nung in Paraguay in dem häufigeren Vorkommen einer ge-
wissen Fliege zu finden seye, welche ihre Eier in den Nabel
der neu-geborenen Jungen dieser Thier-Arten legt. Die Ver-
mehrung dieser Fliege muss gewöhnlich durch irgend ein Ge-
gengewicht und vermuthlich durch Vögel gehindert werden.
Wenn daher gewisse Insekten-fressende Vögel, deren Zahl wie-
der durch Raubvögel und Fleisch-Fresser geregelt werden mag.
85
in Paraguay zunähme, so würden sich die Fliegen vermindern
und Rind und Pferd verwildern, was dann wieder (wie ich in
einiü-en Theilen Südamerikas wirklich beobachtet habe) eine be-
deutende Veränderung in der Pflanzen-Welt veranlassen würde.
Diess müsste nun in hohem Grade auf die Insekten und hiedurch,
wie wir in Staffordshire gesehen, auf die Insekten-fressenden
Voo-el wirken, und so fort in immer und verwickeiteren Kreisen.
Wir haben diese Belege mit Insekten-fressenden Vögeln begonnen
und endigen damit. Doch sind in der Natur die Verhältnisse
nicht immer so einfach, wie hier. Kampf um Kampf mit verän-
derlichem Erfolge muss immer wiederkehren; aber in die Länge
halten die Kräfte einander so genau das Gleichgewicht, dass die
Natur auf weite Perioden hinaus immer ein gleiches Aussehen
behält, obwohl gewiss oft die unbedeutendste Kleinigkeit genügen
würde, einem organischen Wesen den Sieg über das andre zu
verleihen. Demungeachtet ist unsre Unwissenheit so gross, dass
wir uns verwundern, wenn wir von dem Erlöschen eines orga-
nischen Wesens vernehmen-: und da wir die Ursache nicht sehen,
so rufen wir Umwälzungen zu Hilfe um die Welt zu verwüsten,
oder erfinden Gesetze über die Dauer der Lebenformen.
Ich bin versucht durch ein weitres Beispiel nachzuweisen,
wie solche Pflanzen und Thiere, welche auf der Stufenleiter der
Natur am weitesten von einander entfernt stehen, durch ein Ge-
webe von verwickelten Beziehungen mit einander verkettet wer-
den. Ich werde nachher Gelegenheit haben zu zeigen, dass die
ausländische Lobelia fulgens in diesem Theile von England nie-
mals von Insekten besucht wird und daher nach ihrem eigen-
Ihümlichen Blüthen-Bau nie eine Frucht ansetzen kann. Viele
unsrer Orchideen-Pflanzen müssen unbedingt von Motten besucht
werden, um ihre Pollen-Massen wegzunehmen und sie zu be-
fruchten. Ich habe durch Versuche ermittelt, dass Hummeln zur
Befruchtung der Jelängerjelieber (Viola Iricolor) unentbehrlich
sind, indem andre Bienen sich nie auf dieser Blume einfinden.
Eben so habe ich gefunden, dass der Besuch der Bienen zur
Befruchtung von mehren unsrer Klee -Arten nothwendig seye.
So lieferten mir hundert Stöcke weissen Klee's (Trifolium repens)
86
j 2290 Saanien , während 20 andre Pflanzen dieser Art , welche
den Bienen unzugänglich gemacht waren, nicht einen Saamen
zur Entwicklung brachten. Und eben so ergaben hundert Stöcke
rothen Klee's (Trifolium pratense) 2700 Saamen, und die gleiche
Anzahl gegen Bienen geschützter Stöcke nicht einen! Hummeln
besuchen allein diesen rolhen Klee, indem andre Bienen-Arten
den Neklar dieser Blume nicht erreichen können. Auch von
Motten hat man unterstellt, dass sie zur Befruchtung des Klee's
beitragen ; ich zweifle aber wenigstens daran, dass diess mit dem
rothen Klee der Fall ist, indem sie nicht schwer genuo- sind,
um die Seiten-Blätter der Blumenkrone niederzudrücken, daher
man wohl annehmen darf, dass wenn die ganze Sippe der Hum-
meln in England sehr selten oder ganz vertilgt würde, auch Jelän-
gerjelieber und rolher Klee sehr selten werden oder ganz verschwin-
den müssten. Die Zahl der .Hummeln steht grossenlheils in einem
entgegengesetzten Verhältnisse zu der der Feldmäuse in dersel-
ben Gegend , welche deren Nester und Waben, aufsuchen. Herr
H. Newman, welcher die Lebens-Weise der Hummeln lange be-
obachtet, glaubt dass über zwei Drittel derselben durch ganz Eng-
land zerstört werden. Nun findet aber, wie Jedermann weiss,
die Zahl der Mäuse ein grosses Gegengewicht in der der Katzen,
so dass Newivun sagt, in der Nähe von Dörfern und Flecke»
habe er die Zahl der Hummel-Nester am grössten gefunden, was
er der reichlicheren Zerstörung der Mäuse durch die Katzen zu-
schreibe. Daher ist es denn wohl glaublich, dass die reichliche
Anwesenheit eines Katzen-artigen Thieres in irgend einem Be-
zirke durch Vermittelung von Mäusen und Bienen auf die Menge^
gewisser Pflanzen daselbst von Einfluss seyn kann!
Bei jeder Speeles kommen wahrscheinlich verschiedene Arten
Gegengewicht in Betracht, solche die in verschiedenen Perioden
des Lebens, und solche die während verschiedener Jahres-Zeiten
wirken. Eines oder einige derselben mögen mächtiger als die
andern seyn ; aber alle zusammen bedingen die Durchschnitts-Zahl
der Individuen oder selbst die Existenz der Art. In manchen
Fällen lässt sich nachweisen, dass sehr verschiedene Gegenge-
wichte in verschiedenen Gegenden auf eine Speeles einwirken.
87
\Yenn wir Büsche und Pflanzen betrachten, welche einen zerfal-
lenen Wall überziehen , so sind wir geneigt , ' ihre Arten und
deren Zahlen-VerhiUtnisse dem Zufalle zuzuschreiben. Doch wie
falsch ist diese Ansicht! Jedermann hat gehört, dass, wenn in
Amerika ein Wald niedergehauen wird, eine ganz verschiedene
Pflanzenwelt zum Vorschein kommt, und doch ist beobachtet wor-
den, dass die Bäume, welche jetzt auf den alten Indianer-Wällen
im Süden der Vereinten Staaten wachsen, deren früherer Baum-
Bestand abgetrieben worden, jetzt wieder eben dieselbe bunte
Manchfalli'^keit und dasselbe Arten- Verhältniss wie die umge-
benden jungfräulichen Haine darbieten. Welch ein Wettringen
„Riss hier Jahrhunderte lang zwischen den verschiedenen Baum-
Arten stattgefunden haben, deren jede ihre Saamen jährlich zu
Tausenden abwirft! Was für ein Kampf zwischen Insekten und
Insekten u. a. Gewürm mit Vögeln und Raublhieren, welche alle
sich zu vermehren strebten, alle sich von einander oder von den
Baumen und ihren Saamen und Sämlingen, oder von jenen an-
dern Pflanzen nährten, welche anfänglich den Grund überzogen
und hiedurch das Aufkommen der Bäume gehindert hatten. Wirft
man eine Hand voll Federn in die Lüfte, so müssen alle nach
bestimmten Gesetzen zu Boden fallen; aber wie einfach ist das
Problem, wohin eine jede fallen wird, in Vergleich zu der Wir-
kung und Rückwirkung der zahllosen Pflanzen und Thiere, die
im Laufe von Jahrhunderlen Arten und Zahlen-Verhältniss der
Bäume bestimmt haben, welche jetzt auf den alten indianischen
Ruinen wachsen!
Abhängigkeit eines organischen Wesens von einem andern,
wie die des Parasiten von seinem Ernährer, findet in der Regel
zwischen solchen Wesen statt, welche auf der Stufenleiter der
Watur weil auseinander sind. Diess ist oft bei solchen der Fall,
von denen man ganz richtig sagen kann, sie kämpfen mitein-
ander auch um ihr üaseyn, wie Gras-fressende Säugthiere und
Heuschrecken. Aber der meistens ununterbrochen-fortdauernde
Kampf wird der heftigste seyn, der zwischen den Einzelwesen
einer Art stattfindet, welche dieselben Bezirke bewohnen, dasselbe
Futter verlangen und denselben Gefahren ausgesetzt sind. Bei
88
Varietäten der nämlichen Art wird der Kampf meistens eben so
heilig seyn, und zuweilen sehen wir den Streit schon in kurzer
Zeit entschieden. So werden z. B., wenn wir verschiedene
Weitzen-Varietäten durcheinander säen, und ihren gemischten
Saamen-Ertrag wieder säen, einige Varietäten, welche dem Klima
und Boden am besten entsprechen oder von Natur die fruchtbar-
sten sind, die andern überbieten und, indem sie mehr Saamen
liefern, schon nach wenigen Jahren gänzlich ersetzen. Um einen
gemischten Stock von so äusserst nahe verwandten Varietäten
aufzubringen , wie die verschieden - farbigen Zuckererbsen sind,
muss man sie jedes Jahr gesondert ärndten und dann die Saamen
im erforderlichen Verhältnisse jedesmal auf's Neue mengen, wenn
nicht die schwächeren Sorten von Jahr zu Jahr abnehmen und
endlich ganz ausgehen sollen.
So verhält es sich auch mit den Schaaf-Rassen. Man hat ver-
sichert, dass gewisse Gebirgs-Varietäten derselben unter andern
Gebirgs- Varietäten aussterben, so dass sie nicht durch einander ge-
halten werden können. Zu demselben Ergebnisse ist man gelangt,
als man versuchte, verschiedene Abänderungen des medizinischen
Blutegels durcheinander zu halten. Und ebenso ist zu bezwei-
feln, dass die Varietäten von irgend einer unsrer Kultur-Pflanzen
oder Hausthier-Arten so genau dieselbe Stärke, Gewohnheiten
und Konstitution besitzen, dass sich die ursprünglichen Zahlen-
Verhältnisse eines gemischten Bestandes derselben auch nur ein
halbes Dutzend Generationen hindurch zu erhalten vermöchten,
wenn sie wie die organischen Wesen im Natur-Zustande mit ein-
ander zu ringen veranlasst wären und der Saamen oder die Jungen
nicht alljährlich sortirt würden.
Da die Arten einer Sippe gewöhnlich, doch keineswegs
nnmer, einige Ähnlichkeit mit einander in Gewohnheiten und
Konstitution und immer in der Struktur besitzen, so wird der
Kampf zwischen Arten einer Sippe, welche in Milbewerbung mit
einander gerathen, gewöhnlich ein härterer seyn , als zwischen
Arten verschiedener Sippen. Wir sehen Diess an der neuerlichen
Ausbreitung einer Schwalbcn-Art über einen Theil der Vereiiiten
Staaten, wo sie die Abnahme einer andern Art veranlasst. Die
89
)
Vermehrung der Misteldrossel in einigen Tlieilen von Schottland
hat daselbst die Abnahme der Singdrossel zur Folge gehabt.
Wie oft hören wir, dass eine Ratten-Art den Platz einer andern
ein«-enouimen, in den verschiedensten Klimaten. In Russland
hat die kleine asiatische Schabe (Blatta) ihren grösseren [?] Sip-
pen-Genossen überall vor sich hergetrieben. Eine Art Ackersenf
ist im Begriffe eine andre zu ersetzen. In Atistralien ist die
eingeführte Stock- Biene im Begriff die kleine einheimische Biene
ohne Stachel rasch zu vertilgen u. s. w. Wir vermögen un-
deutlich zu erkennen, warum die Mitbewerbung zwischen den
verwandtesten Formen am heftigsten ist, welche nahezu denselben
Platz im Haushalte der Natur ausfüllen; aber wahrscheinlich
werden wir in keinem einzigen Falle genauer anzugeben im
Stande seyn, wie es zugegangen, dass in dem grossen Welt-
ringen um das Daseyn die eine den Sieg über die andre davon
getragen hat.
x\us den vorangehenden Bemerkungen lässt sich als Folge-
salz von grösster Wichtigkeit ableiten, dass die Struktur eines
jeden organischen Wesens auf die innigste aber oft verborgene
Weise mit der aller andern organischen Wesen zusammenhängt,
mit welchen es in Mitbewerbung um Nahrung oder Wohnung in
Beziehung steht, welche es zu vermeiden hat, und von welchen
es lebt. — Diess erhellt eben so deutlich im Baue der Zähne
und der Klauen des Tigers, wie in der Bildung der Beine und
Krallen des Parasiten , welcher an des Tigers Haaren hängt.
Zwar an dem zierlich gefiederten Saamen des Löwenzahns wie
an den abgeplatteten und gewimperten Beinen des Wasserkäfers
scheint anfänglich die Beziehung nur auf das Luft- und Wasser-
Elemenl bescliränkt. Aber der Vorlheil des fiedergrannigen
Löwenzahn Saamens steht ohne Zweifel in der engsten Beziehung
zu dem durch andre Pflanzen bereits dicht besetzten Lande , so
dass er in der Luft erst weil umhertreiben muss, um auf einen
noch freien Boden fallen zu können. Den Wasserkäfer dagegen
befähigt die Bildung seiner Beine vortrefflich zum Untertauchen,
wodurch er in den Stand gesetzt wird , mit anderen Wasser-
Insekten in Mitbewerbung zu treten, indem er nach seiner eignen
90
Beule jagt, und anderen Thieren zu entgehen, welche ihn zu
ihrer Ernährung verfolgen.
Der Vorralh von Nahrungs - Stoff, welcher in den Saainen
vieler Pflanzen niedergelegt ist, scheint anfänglich keine Art von
Beziehung zu anderen Pflanzen zu haben. Aber aus dem leb-
haften Wachsthum der jungen Pflanzen, welche aus solchen
Saamen (wie Erbsen, Bohnen u. s. w.) hervorgehen, wenn sie
mitten in hohes Gras ausgestreut worden, vermuthe ich, dass
jener Nahi'ungs ■ Vorralh hauptsächlich dazu bestimmt ist, das
Wachslhum des jungen Sämlings zu beschleunigen, welcher mit
andern Pflanzen von kräftigem Gedeihen rund um ihn her zu
kämpfen hat.
Warum verdoppelt oder vervierfacht eine Pflanze in der
Milte ihres Verbreitungs-Bezirkes nicht ihre Zahl? Wir wissen,
dass sie recht gut etwas mehr oder weniger Hitze und Kälte,
Trockne und Feuchtigkeit aushalten kann; denn anderwärts ver-
breitet sie sich in etwas wärmere oder kältere, feuchtere oder
trockenere Bezirke. Wir sehen wohl ein, dass, wenn wir in
Gedanken ^yiinschlen, der Pflanze das Vermögen noch weiterer
Zunahme zu verleihen, wir ihr irgend einen Vortheil über die
andern mit ihr werbenden Pflanzen oder über die sich von ihr
nährenden Thiere gewähren müssten. An den Grenzen ihrer
geographischen Verbreitung würde eine Veränderung ihrer Kon-
stitution in Bezug auf das Klima offenbar von wesentlichem Vor-
theil für unsre Pflanze seyn. Wir haben jedoch Grund zu glau-
ben, dass nur wenige Pflanzen- oder Thier-Arten sich so weit
verbreiten, dass sie durch die Strenge des Klimas allein zerstört
werden. Nur wo wir die äussersten Grenzen des Lebens über-
haupt erreichen, in den arktischen Regionen oder am Rande
der dürresten Wüste, da hört auch die Mitbewerbung auf. Mag
das Land noch so kalt oder trocken seyn, immer werden sich
noch einige Arten oder noch die Individuen derselben Art um
das wärmste oder feuchteste Fleckchen streiten.
Daher sehen wir auch, dass, Avenn Bine Pflanzen- oder eine
Thier-Art in eine neue Gegend zwischen neue Mitbewohner ver-
setzt wird, die äusseren Lebens-Bedingungen meistens wesentlich
91
andre sind, wenn auch das Klima genau dasselbe wie in der
alten Heiinath bliebe. Wünschten wir das durchschnittliche Zah-
len-Verhältniss dieser Art in ihrer neuen Heiinalh zu steigern,
so müssten wir ihre Natur in einer andern Weise inodifiziren,
als es hätte in ihrer alten Heiinalh geschehen müssen; denn sie
bedarf eines Vortheils über eine andre Reihe von Mitbewerbern
oder Feinden, als sie dort gehabt hat.
Versuchten wir in unsrer Einbildungskraft, dieser oder jener
Form einen Vortheil über eine andre zu verleihen, so wüsstcn
wir wahrscheinlich in keinem einzigen Falle, was zu thun seye,
um zu diesem Ziele zu gelangen. Wir würden die Überzeugung
von unsrer Unwissenheit über die Wechselbeziehungen zwischen
allen organischen Wesen gewinnen: einer Überzeugung, welche
eben so nothwendig ist, als sie schwer zu erlangen scheint.
Alles was wir thun können, ist: stets im Sinne behalten, dass
jedes organische Wesen nach Zunahme in einem geometrischen
Verhältnisse strebt; dass jedes zu irgend einer Zeit seines
Lebens oder zu einer gewissen Jahreszeit, während seiner Fort-
pflanzung oder nach unregebnässigen Zwischenräumen grosse
Zerstörung zu erleiden hat. Wenn wir über diesen Kampf um's
Daseyn nachdenken, so mögen wir uns selbst trösten mit dein
vollen Glauben, dass der Krieg der Natur nicht ununterbrochen
ist, dass keine Furcht gefühlt wird, dass der Tod im Allgemeinen
schnell ist, und dass es der Kräftigere, der Gesundere und
Geschicklere ist, welcher überlebt und sich vermehrt.
92
Natürliche Züclituni?.
Natürliche Auswahl zur Nachzucht: — ihre Gewalt im Vergleich zu der des
Menschen; — ilire Gewalt über Eigenschaften von geringer Wichtigkeit;
— ihre Gewalt in jedem Alter und über beide Geschlechter; — Sexuelle
Zuchtwahl. — Über die Allgemeinheit der Krentzung zwischen Individuen
der nämlichen Art. — Umstände günstig oder ungünstig für die Natürliche
Züchtung, insbesondere Kreut/.ung, Isolation und Individuen-Zahl. — Lang-
same Wirkung. Erlöschung durch Natürliche Züchtung verursacht. —
Divergenz des Charakters, in Bezug auf die Verschiedenheit der Bewohner
einer kleinen Fläche und auf Naturalisation. — Wirkung der Natürlichen
Züchtung auf die Abkömmlinge gemeinsamer Altern durch Divergenz des
Charakters und durch Unterdrückung. — Erklärt die Gruppirung aller
organischen Wesen. — Fortschritt in der Organisation. — Erhaltung un-
vollkommener Formen. — Betrachtung der Einwände. — Unbeschränkte
Vermehrung der Arten. — Zusammenfassung.
Wie mag wohl der Kampf um das Daseyn, welcher im
letzten Kapitel allziikurz abgehandelt worden, in Bezug auf
Variation wirken? Kann das Prinzip der Auswahl für die Nach-
zucht, welche in des Menschen Hand so viel leistet, in der Natur
angewendet werden? Ich glaube, wir werden sehen, dass ihre
Thätigkeit eine äusserst wirksame ist. Erwägen wir in Gedanken,
mit welch' endloser 'Anzahl neuer Eigenthümlichkeiten die Er-
zeugnisse unsrer Züchtung und, in minderem Grade, die der
Natur variiren, und wie stark die Neigung zur Vererbung ist.
Durch Zähmung und Kultivirung, kann man wohl sagen, wird
die ganze Organisation in gewissem Grade bildsam. Aber die
Veränderlichkeit, welche wir an unseren Kultur -Erzeugnissen
fast allgemein antretfen, ist, wie Hooker und Asa Gray richtig
bemerkt haben , nicht direkt durch den Menschen herbeigeführt
worden; er kann weder Varietäten entstehen machen, noch ihr
Entstehen hindern; er kann nur die vorkommenden erhalten und
vermehren. Absichtslos setzt er organische Wesen neuen ver-
ändernden Lebens-Bedingungen aus und die Abänderungen be-
ginnen. Aber ähnliche Wechsel der Lebens-Bedingungen kommen
auch in der Natur vor. Erwägen wir ferner, wie unendlich
93
verwickelt und wie genau anschliessend die gegenseitigen Be-
ziehungen aller organischen Wesen zu einander und zu den
natürlichen Lebens-Bedingungen sind und wie unendlich vielfältige
Abänderungen der Struktur mithin einem jeden Wesen unter
wechselnden Lebens-Bedingungen nützlich seyn können. Kann
man es denn bei Erwägung, wie viele für den Menschen nütz-
liche Abänderungen unzweifelhaft vorkommen, für unwahrschein-
lich halten, dass auch andre mehr und weniger einem jeden
Wesen selbst in dem grossen und zusammengesetzten Kampfe
um s Leben diensame Abänderungen im Laufe von Tausenden
von Generationen zuweilen vorkommen werden? Wenn solche
aber vorkommen, bleibt dann noch zu bezweifeln, dass (da
offenbar viel mehr Individuen geboren werden, als möglicher
Weise fortleben können) diejenigen Einzelwesen, welche irgend
einen wenn auch geringen Vortheil vor andern voraus besitzen,
die meiste Wahrscheinlichkeit haben, die andern zu überdauern
und wieder ihresgleichen hervorzubringen? Andrerseits werden
wir gewiss fiihlen, dass eine im geringsten Grade nachtheilige
Abänderung in gleichem Verhältnisse mehr der Vertilgung aus-
gesetzt ist. Diese „Erhaltung vortheilhafter und Zurücksetzung
nachtheiliger Abänderungen ist es, was ich »Natürliche Auswahl
oder Züchtung« nenne*. Abänderungen, welche weder vortheil-
haft noch nachthcilig sind, werden von der Natürlichen Auswahl
nicht berührt, und bleiben ein schwankendes Element, wie wir
es vielleicht in den sogenannten polymorphen Arten sehen.
Einige Schriftsteller haben den Ausdruck „Natural Seleciion"
missverstanden oder unpassend gefunden. Die einen haben sich
vorgestellt. Natürliche Züchtung führe zur Veränderlichkeit, wäh-
rend sie doch nur die Erhaltung solcher Varietäten vermittelt*
welche dem Organismus in seinen cigenthümlichen Lebens-Bezie-
hungen von Nutzen sind. Niemand macht dem Landwirth einen
Vorwurf daraus, dass er von den grossen Wirkungen der Züch-
tung auf den Menschen spricht, und in diesem Falle müssen die
individuellen Eigenlhümlichkeiten , welche die Auswahl des Men-
Vergl, die Anmeriiuns auf Seile 14.
D. Übs.
94
sehen bestimmen, notliwcndig zuerst von der Natur verliehen
seyn. Andre haben eingewendet, dass der Ausdruck „Selection"
ein Bewusstsein in den Thieren voraussetze, Avelche verändert
werden, — und doch hätten die Pflanzen keinen Willen und
seye der Ausdruck auf sie nicht anwendbar. Es unterliegt aller-
dings keinem Zweifel, dass buchstäblich genommen „Natural Se-
lection" ein falscher Ausdruck ist ; wer hat aber je den Chemiker
getadelt, wenn er von einer Wahlverwandtschaft unter seinen
chemischen Elementen gesprochen ? und doch kann man nicht
sagen, dass eine Säure sich die Basis auswähle, mit der sie sich
vorzugweise verbinden wolle. Man hat gesagt ich spreche von
Natural Selection wie von einer thätigen Macht oder Gottheit;
wer aber erhebt gegen andere einen Einwand, wenn sie von der
Anziehung reden, welche die Bewegung der Planeten regelt?
Jedermann weiss, was damit gemeint, und ist an solche bildliche
Ausdrücke gewöhnt j sie sind ihrer Kürze wegen nothwendig.
Eben so schwer ist es eine Personifizirung der Natur zu ver-
meiden; und doch verstehe ich unter Natur blos die vereinte
Thätigkeit und Leistung der mancherlei Naturgesetze. Bei ein
bischen Bekanntschaft mit der Sache sind solche oberflächliche
Einwände bald vergessen.
Wir werden den wahrscheinlichen Hergang bei der Natürli-
chen Zuchtwahl am besten verstehen, wenn wir den Fall annehmen,
eine Gegend erfahre irgend eine physikalische Veränderung z. B.
im Klima. Das Zahlen-Verhältniss seiner Bewohner wird dann
unmittelbar ein andres werden, und ein oder die andre Art wird
gänzlich erlöschen. Wir dürfen ferner aus dem innigen Abhängig-
keits-Verhältnisse der Bewohner einer Gegend von einander schlies-
tlfeen, dass, ausser dem Klima-Wechsel an sich, die Änderung im
Zahlen-Verhältnisse eines Theiles ihrer Bewohner auch sehr
wesentlich auf die andern wirke. Hat diese Gegend ofi"ene Gren-'
zen, so werden gewiss neue Formen einwandern und das Ver-
hältniss eines Theiles der alten Bewohner zu einander ernstlich
stören; denn erinnern wir uns, wie folgenreich die Einführung
einer einzigen Baum- oder Säugthier-Art in den früher mitge-
theilten Beispielen gewesen ist. Handelte es sich dagegen um
r
9^
eine Insel oder um ein so umscliränktes Land, dass neue und
besser angepasste Formen nicht eindringen können, so werden
sich Lücken im Hausstande der Natur ergeben, welche sicherlich
besser dadurch ausgefüllt werden, dass einige der ursprünglichen
Bewohner eine angemessene Abänderung erfahren; denn, wäre
das Land der Einwanderung geöffnet gewesen , so würden sich
wohl Eindringlinge dieser Stellen bemächtigt haben. In diesem
Falle würde daher jede geringe Abänderung, die sich im Laufe
der Zeit entwickelt hat und irgendwie die Individuen einer oder
der andern Species durch bessre Anpassung an die geänderten
Lebens-Bedingungen begünstigt, ihre Erhaltung zu gewärtigen
haben und die Natürliche Auswahl wird freien Spielraum für ihr
Verbesserungs-Werk finden.
Wie in dem ersten Kapitel gezeigt worden, ist Grund zur
Annahme vorhanden, dass eine solche Änderung in den Lebens-
Bedingungen, welche insbesondere auf das Beproduktiv- System
wirkt, Variabilität verursacht, oder sie erhöhet. In dem voran-
o-ehenden Falle ist eine Änderung der Lebens-Bedingungen unter-
Stellt worden, und diese wird gewiss für die Natürliche Züchtung
insofern günstig gewesen seyn, als mit Uir die Aussicht auf das
Vorkommen nützlicher Abänderungen verbunden war; kommen
nützliche Abänderungen nicht vor, so kann die Natur keine Aus-
wahl zur Züchtung treffen. Nicht als ob dazu ein äusserstes
Mass von Veränderlichkeit nölhig wäre; denn wenn der Mensch
grosse Erfolge durch Häufung bloss individueller Verschiedenheiten
in einer und derselben Richtung erzielen kann, so vermag es die
Natürliche Zuchtwahl in noch weit höherm Grade, da ihr unver-
gleichlich längre Zeiträume für ihre Plane zu Gebot stehen. Auch
glaube ich nicht, dass eben eine grosse klimatische oder andre
Veränderung oder ein ungewöhnlicher Grad von Abschrankung
gegen die Einwanderung nöthig ist, um neue und noch unaus-
geftillte Stellen zu schaffen, damit die Natürliche Zuchtwahl sie
durch Abänderung und Verbesserung einiger variirender Bewohner
der Gegend ausfüllen könne. Denn da alle Bewohner einer jeden
Gegend mit gegenseitig genau abgewogenen Kräften in beständi-
gem Kampfe mit einander liegen, so genügen oft schon äusserst
96
geringe Modifikationen in der Bildung oder Lebensweise eines
Bewohners, um ihm einen Vortheil über andre zu geben, und
vveilre Abänderungen in gleicher Richtung werden sein Überge-
wicht noch vergrössern, so lange als das Wesen unter den näm-
lichen Lebens-Bedingungen fortbesteht und aus ähnlichen Sub-
sistenz- und Vertheidigungs-Mitteln Nutzen zieht. Es lässl sich
keine Gegend bezeichnen, in welcher alle natürlichen Bewohner
bereits so vollkommen aneinander und an die äusseren Bedin-
gungen des Lebens angepasst wären, dass keine unter ihnen
mehr einer Veredelung fähig wäre; denn in allen Gegenden sind
die eingebornen Arten so weit von naturalisirten Erzeugnissen
überwunden worden, dass diese Fremdlinge im Stande gewesen
sind festen Besitz vom Lande zu nehmen. Und da die Fremd-
linge überall einige der Eingeborenen aus dem Felde geschlagen
haben, so darf man wohl daraus schliessen dass, wenn diese mit
mehr Vorzügen ausgestattet gewesen wären , sie solchen Ein-
dringlingen mehr Widerstand geleistet haben würden.
Da nun der Mensch durch methodisch oder unbewusst aus-
geführte Wahl zum Zwecke der Nachzucht so grosse Erfolge
erzielen kann und gewiss erzielt hat, was muss nicht die Natür-
liche Züchtung leisten können ? Der Mensch kann absichtlich nur
auf äusserliche und sichtbare Charaktere wirken; die Natur (wenn
es gestattet ist die natürliche Erhaltung veränderlicher und begün-
stigter Individuen während des Kampfes ums Daseyn zu personi-
ficiren) fragt nicht nach dem Aussehen, ausser wo es zu irgend
einem Zwecke nützlich seyn kann. Sie kann auf jedes innere
Organ, auf den geringsten Unterschied in der organischen Thä-
tigkeit, auf die ganze Machinerie des Lebens wirken. Der Mensch
wählt nur zu seinem eignen Nutzen; die Natur nur zum Nutzen
des Wesens, das sie pflegt. Jeder von ihr ausgewählte Charakter
wird daher in voller Thätigkeit erhalten und das Wesen in gün-
stige Lebens-Bedingungen versetzt. Der Mensch dagegen hält
die Eingebornen aus vielerlei Klimaten in derselben Gegend bei-
sammen und entwickelt selten irgend einen Charakter in einer
besonderen und ihm entsprechenden Weise fort. Er füttert eine
ang- und eine kurz-schnäbelige Taube auf dieselbe Weise; er
97
beschäftigt einen lang-rückenigen oder einen lang-beinigen Vier-
füsser nicht in einer besondern Art; er setzt das lang- und das
kurz-wollige Schaaf demselben Klima aus. Er veranlasst die kräf-
tigeren Männchen nicht, um ihre Weibchen zu kämpfen. Er
zerstört nicht mit Beharrlichkeit alle unvollkommenen Thiere,
sondern schützt vielmehr alle diese Erzeugnisse, so viel in seiner
Gewalt liegt, in jeder verschiedenen Jahreszeit. Oft beginnt er
seine Auswahl mit einer halb-monströsen Form oder mindestens
mit einer schon hinreichend vorragenden Abänderung, um sein
Auge zu fesseln oder ihm offenbaren Nutzen zu versprechen. In
der Natur dagegen kann schon die geringste Abweichung in
Bau und organischer Thätigkeit das bisherige genaue Gleichgewicht
zwischen den ringenden Formen aufheben und hiedurch ihre Er-
haltung bewirken. Wie flüchtig sind die Wünsche und die An-
strengungen des Menschen! wie kurz ist seine Zeit! wie dürftig
sind mithin seine Erzeugnisse denjenigen gegenüber, welche die
Natur im Verlaufe ganzer geologischer Perioden anhäuft! Dürfen
wir uns daher wundern . wenn die Natur-Produkte einen weit
»ächteren« Charakter als die des Menschen haben, wenn sie den
verwickelten Lebens-Bedingungeii weit besser angepasst sind und
das Gepräge einer weit höheren Meisterschaft an sich tragen?
Man kann figürlich sagen, die Natürliche Züchtung seye täg-
lich und stündlich durch die ganze Welt beschäftigt, eine jede
auch die geringste Abänderung ausfindig zu machen, sie zurück-
zuwerfen wenn sie schlecht, und sie zu erhalten und zu ver-
bessern wenn sie gut ist. Stille und unmerkbar ist sie überall
und allezeit, wo sich die Gelegenheit darbietet, mit der Vervoll-
kommnung eines jeden organischen Wesens in Bezug auf dessen
organische und unorganische Lebens - Bedingungen beschäftigt.
Wir sehen nichts von diesen langsam fortschreitenden Verände-
rungen, bis die Hand der Zeit auf eine abgelaufene Welt-Periode
hindeutet, und dann ist unsre Einsicht in die längst verflossenen
Zeiten so unvollkommen, dass wir nur noch das Eine wahrnehmen,
dass die Lebensformen jetzt ganz andre sind, als sie früher gewesen.
Um irgend eine Modifikation mit der Länge der Zeit bis zu
einer hohen Stufe steigern zu können , muss man unterstellen,
DARWIN, Entstellung der Ai-teii. 1. Aufl. iji
98
dass eine aufgetauchle VarieUil wenn auch vielleicht erst nach
einem langen Zeiträume von Neuem variire und ihre Varietiiten,
wenn sie vortheilhalt , erhallen werden — u. s. w. Nicht leicht
wird jemand läugnen wollen, dass zuweilen Varietäten vorkommen,
die mehr oder weniger vom älterlichen Stamm-Bilde abweichen: -
dass aber dieser Abänderungs-Prozess ins Unendliche fortdauern
könne, Das ist eine ünlersleliung, deren Richtigkeil beurtheilt wer-
den muss nach dem Grad ihrer Übereinstimmung der Hypothese
mit den allgemeinen Natur-Erscheinungen und ihrer Fähigkeit sie
zu erklären. Eben so beruht aber auch die gewöhnlichere entge-
gengesetzte Meinung, dass die Abänderung eine scharf bestimmte
Grenze nicht überschreiten könne, auf einer blossen Veraussetzung.
Obwohl die Natürliche Züchtung nur durch und für das Gute
eines jeden Wesens wirken kann, so werden doch wohl auch
Eigenschaften und Bildungen dadurch berührt, denen wir nur
eine untergeordnete Wichtigkeit beilegen möchten. Wenn Blätter-
fressende Insekten grün, Rinden-fressende grau-gefleckt, das
Alpen-Schneehuhn im Winter weiss, die Schottische Art Haiden-
farbig, der Birkhahn mit der Farbe der Moorerde erscheinen,
so haben wir zu' vermuthen Grund, dass solche Farben den ge-
nannten Vögeln und Insekten nützlich sind und sie vor Gefahren
schützen. Wald- und Schnee-Hühner würden sich, wenn sie
nicht in irgend einer Zeit ihres Lebens der Zerstörung ausge-
setzt wären, in endloser Anzahl vermehren. Man weiss, dass
sie sehr von Raubvögeln leiden, welche ihre Beute mit dem
Auge entdecken; daher man in manchen Gegenden von Europa
auch nicht gerne weisse Tauben hält, weil diese der Entdeckung
und Zerstörung am meisten ausgesetzt sind. So finde ich keinen
Grund zu zweifeln, dass es hauptsächlich die Natürliche Züchtung
ist, welche jeder Art von Wald- und Schnee-Hühnern die ihr
eigenthümliche Farbe verleiht und. wenn solche einmal hergestellt
ist, dieselbe fortwährend erhält. Auch müssen wir nicht glauben,
dass die zufällige Zerstörung eines Thieres von abweichender
Färbung nur wenig Wirkung habe, sondern vielmehr uns erin-
nern, wie wesentlich es ist aus einer weissen Schaaf- Heerde
jedes weisse Lämnxhen zu beseitigen, das die geringste Spur von
99
Schwarz an sich hat. Wir haben oben gesehim wie in Florida die
Farbe der Schwanen, welche sich von der Farbwurzel nähren, über
deren Leben und Tod entscheidet. Bei den Pflanzen rechnen die
Botaniker den flaumigen Überzug der Früchte und die Farbe ihres
Fleisches mit zu den mindest wichtigen Merkmalen: und doch
vernehmen wir von einem ausgezeichneten Garten-Freunde, Dow-
NiNG, dass in den Vereinten Staaten nacklhäutige Früchte viel
mehr durch einen Rüsselkäfer leiden als die flaumigen, und dass
die Purpur-farbenen Pflaumen von einer gewissen Krankheit viel
mehr leiden, als die gelben, während eine andre Krankheit die gelb
fleischigen Pfirsiche viel mehr angreift, als die andersfarbigen.
Wenn bei aller Hilfe der Kunst diese geringen Unterschiede
zwischen den Varietäten schon einen grossen Unterschied in deren
Behandlung erheischen, so werden sich gewiss im Zustande der
Natur, wo die Bäume mit andern Bäumen und mit einer Menge von
Feinden zu kämpfen haben, diejenigen Varietäten am sichersten
behaupten, deren Früchte, mögen sie nun nackt oder behaart seyn,
ein gelbes oder ein purpurnes Fleisch haben, am besten gedeihen.
Was endlich eine Menge von kleinen Verschiedenheiten zwi-
schen Species betrifl"t, welche, so weit unsre Unkenntniss zu ur-
theilen gestattet, ganz unwesentlich zu seyn scheinen, so dürfen
wir nicht vergessen , dass auch Klima , Nahrung u. s. w. wohl
einigen unmittelbaren Einfluss haben mögen. Weit nöthiger ist
es aber noch im Gedächtniss zu behalten, dass es viele noch
unbekannte Wechselbeziehungen des Wachslhums gibt, welche,
wenn ein Theil der Organisation durch Variation modifizirt und
wenn diese Modifikationen durch Natürliche Züchtung zum Besten
des organischen Wesens gehäuft werden, dann wieder andre
Modifikationen oft von der unerwartetsten Art veranlassen.
Wie die Abänderungen, welche im Kultur-Zustande zu irgend
einer Zeit des Lebens hervorgetreten sind, auch beim Nachkömm-
ling in der gleichen Lebens-Periode wieder zu erscheinen geneigt
sind : in Form, Grösse und Geschmack der Saamen vieler Küchen-
und Acker-Gewächse, in den Raupen und Coccons der Seiden-
wurm-Varietäten, in den Eiern des Hof-Geflügels und in der Fär-
bung des Dunenkleides seiner Jungen, in den Hörnern unsrer
100
Schaafe und Rinder, wenn sie fast ausgewachsen, — so ist auch
die Züchtung im Natur-Zustande fähig, in einem besondern Alter
auf die organischen Wesen zu wirken, für diese Lebenszeit nütz-
liche Abänderung zu häufen und sie in einem entsprechenden
Alter zu vererben. Wenn es für eine Pflanze von Nutzen isl,
ihre Saamen immer weiter und weiter mit dem Winde umherzu-
streuen, so ist für die Natur die Schwierigkeit diess Vermögen
durch Züchtung zu bewirken nicht grösser, als sie für den Baum-
wollen-Pflanzer ist durch Züchtung die Baumwolle in den Frucht-
kapseln seiner Pflanzen zu vermehren und zu verbessern. Natür-
liche Züchtung kann die Larve eines Insektes modifiziren und zu
zwanzigerlei Bedürfnissen geeignet anpassen, welche ganz ver-
schieden sind von jenen, die das reife Thier betreffen. Diese
Abänderungen in der Larve werden zweifelsohne nach den Ge-
setzen der Wechselbeziehungen auch auf die Struktur des reifen
Insektes wirken, und wahrscheinlich ist bei solchen Insekten,
welche im reifen Zustande nur wenige Stunden zu leben und
keine Nahrung zu sich zu nehmen haben, ein grosser Theil ihres
Baues nur als ein korrelatives Ergebniss allmählicher Verände-
rungen in der Struktur ihrer Larven zu betrachten. So können
aber wahrscheinlich auch umgekehrt gewisse Veränderungen im
reifen Insekte oft die Struktur der Larve berühren, in allen Fällen
aber nur unter der Bedingung, dass diejenige Modifikation, welche
bloss die Folge einer Modifikation auf einer anderen Lebensstufe
ist, durchaus nicht nachtheiliger Art seye, weil sie dann das Er-
löschen der Speeles zur Folge haben müsste.
Natürliche Züchtung kann auch die Struktur des Jungen in
Bezug zum Allen und die des Vaters derjenigen seiner Kinder
gegenüber modifiziren. Bei Hausthieren passt sie die Struktur
eines jeden Einzelwesens den Zwecken der Gemeinde an, voraus-
gesetzt, dass auch ein jedes Einzelne bei dem so bewirkten
Wechsel gewinne. Was die natürliche Züchtung nicht bewirken
kann, das ist: Umänderung der Struktur einer Species, ohne Er-
satz, zu Gunsten einer anderen Species; und obwohl in naturhi-
storischen Werken Beispiele dafür angeführt werden, so ist doch
keines darunter, das eine Prüfung aushielte. Selbst ein organi-
101
sclies Gebilde, das nur einmal im Leben eines Thieres gebraucht
wird, kann, wenn es ihm von grosser Wichtigkeit ist, durch die
Natürliche Zuchtwahl bis zu jedem Betrage inodifizirt werden,
wie die grossen Kinnladen einiger Insekten, welche nur zum
Öffnen ihrer Coccons dienen , oder das zarte Spitzchen auf dem
Ende des Schnabels junger Vögel, womit sie beim Ausschlüpfen
die Ei-Schaale aufbrechen. Man hat versichert, dass von den
besten kurzschnäbeligen Purzel-Tauben mehr im Eie zu Grunde
gehen, als auszuschlüpfen im Stande sind, was Liebhaber mitunter
veranlasst, bei Durchbrechung der Schaale mitzuwirken. Wenn
demnach die Natur den Schnabel einer Taube zu deren eignem
Nutzen im ausgewachsenen Zustande sehr zu verkürzen hätte,
so würde dieser Prozess sehr langsam vor sich gehen, und
müsste dabei zugleich eine sehr strenge Auswahl derjenigen jun-
gen Vögel im Eie stattfinden, welche den stärksten und härte-
sten Schnabel besitzen, weil alle mit weichem Schnabel unver-
meidlich zu Grunde gehen würden; oder aber müsste eine Aus-
wahl der dünnsten und zerbrechlichsten Ei-Schaalen erfolgen,
deren Dicke bekanntlich so wie jedes andere Gebilde variirt.
Sexuelle Zuchtwahl.) Wie im Kultur-Zustande Eigen-
Ihümlichkeiten oft an einem Geschlechte zum Vorschein kommen
und sich erblich an dieses Geschlecht heften, so wird es wohl
auch im Natur-Zustande geschehen, und, wenn Diess der Fall, so
inuss die Natürliche Züchtung fähig seyn, ein Geschlecht in seinen
funktionellen Beziehungen zum andern zu modifiziren, oder ganz
verschiedene Gewohnheiten des Lebens in beiden Geschlechtern
zu bewirken, wie es bei Insekten zuweilen der Fall ist. — und
Diess veranlasst mich, einige Worte über das zu sagen, was ich
Sexuelle Züchtung nennen will. Sie hängt ab nicht von einem
Kampfe um's Daseyn , sondern von einem Kampfe zwischen den
Männchen um den Besitz der Weibchen, dessen Folgen für den
Besiegten nicht in Tod und erfolgloser Mitbewerbung, sondern in
einer spärlicheren oder ganz ausfallenden Nachkommenschaft be-
stehen. Diese Geschlechtliche Auswahl ist daher minder verhäng-
nissvoll, als die Natürliche. Im Allgemeinen werden die krältg-
slcn, die ihre Stelle in der Natur am besten ausfüllenden Mann-
102
chen die meiste Nachkommenschaft hinterlassen. In manchen
Fällen jedoch wird der Sieg nicht von der Stärke im Allgemeinen,
sondern von besondern nur dem Männchen verliehenen Waffen
abhängen. Ein Geweih-loser Hirsch und Sporn-loser Hahn haben
wenig Aussicht Erben zu hinterlassen. Eine Sexuelle Züchtung,
welche stets dem Sieger die Fortpflanzung ermöglichen sollte,
müsste ihm unzähmbaren Muth, lange Spornen und starke Flügel
verleihen , um mit dem gespornten Laufe kämpfen zu können :
wie denn der Kampfhahn-Züchter seine Zucht durch sorgrältige
Auswahl in dieser Beziehung sehr zu veredeln versteht. Wie
weit hinab in der Stufenleiter der Natur dergleichen Kämpfe noch
vorkommen, weiss ich nicht. Doch hat man männliche Alligatoren
beschrieben, wie sie um den Besitz eines Weibchens kämpfen,
brüllen und sich im Kreise drehen; männliche Sahnen hat man
Tage lang miteinander streiten sehen; männlicfe' Hirschkäfer
haben zuweilen Wunden von den mächtigen Kiefern an^reff^
und die Männchen gewisser Hymenopteren sah der unerreichbare
Beobachter Fabre um ein besonderes Weibchen kämpfen, das
wie ein unbefangener Zuschauer dem Kampfe beiwohnt und sich
dann mit dem Sieger zurückzieht. Übrigens ist der Kampf am
heftigsten zwischen den Männchen polygamischer Thiere, und diese
scheinen auch am gewöhnlichsten mit besondern Waffen dazu ver-
sehen zu seyn. Die Männchen der Raub-Säugethiere sind schon
an sich wohl bewehrt; doch pflegen ihnen u. e. a. durch sexuelle
Züchtung noch besondere Waffen verliehen zu werden, wie dem
Löwen seine Mähne, dem Eber sein Hauzahn, dem männlichen Sal-
inen seine Haken-förmige' Kinnlade ; und der Schild mag für den
Sieg eben so wichtig seyn, als das Schwert oder der Speer.
Unter den Vögeln hat der Bewerbungskampf oft einen friedliche-
ren Charakter. Alle, welche diesen Gegenstand behandelt haben,
glauben, die eifrigste Rivalität linde unter den Sing-Vögeln statt,
wo die Männchen durch Gesang die Weibchen anzuziehen suchen.
Der Felshahn in Guiana (Rupicola) , die Paradiesvögel u. e. a.
schaaren sich zusammen, und ein Männchen um das andere ent-
faltet sein prächtiges Gefieder, um in theatralischen Stellungen
vor den Weibchen zu paradiren, welche als Zuschauer dastehen
103
und sich zuletzt den liebenswürdigsten Bewerber erkiesen. Sorg-
laliige Beobachter der in Gelangenschaa gehaltenen Vögel w.sse,.
sehr wohl dass oft individuelle Bevorzugungen und Abneigungen
slattfuiden; so hat Herr R. Hebon beschrieben, wie ein scheckiger
Perlhahu ausserordentlich anziehend für alle seine Hennen gewesen.
Es niacr kindisch aussehen, solchen anscheinend schwachen Mitteln
irgendeine Wirkung zuzuschreiben, und ich kann hier nicht u.
Einzelnheiten eingehen, um jene Ansicht zu unterstützen; wenn
iedoch der Mensch i.n Stande ist seinen Bantam-Hühnern in kur-
zer Zeit eine elegante Haltung und Schönheit je nach seinen Be-
griffen von Schönheit zu geben, so kann ich keinen genügenden
Grund zum Zweifel finden, dass weibliche Vögel, indem sie Tau-
sende von Generalionen hindurch den Melodie-reichsten oder
schönsten Männchen, je nach ihren Begriffen von Schönheit, bei
der Wahl den Vorzug geben, nicht ebenfalls einen merklichen
Effekt bewirken können. Ich habe starke Vermuthung, dass einige
wohlbekannte Gesetze in Betreff des Gefieders männlicher und
weiblicher Vögel dem der jungen gegenüber sich aus der Ansicht
erklären lassen , das Gefieder seye hauptsächlich durch die Ge-
schlechtliche Wahl modifizirt worden, welche im Geschlechts-reifen
Alter während der Jahres-Zeit wirkt, welche der Fortpflanzung
gewidmet ist. Die dadurch erfolgten Abänderungen sind dann
auf entsprechende Alter und Jahres-Zeiten wieder vererbt worden
entweder durch die Männchen allein, oder durch Männchen und
Weibchen; ich habe aber hier nicht Raum weiter auf diesen
Gegenstand einzugehen.
Wenn daher Männchen und Weibchen einer Thier-Art die
nämliche allgemeine Lebens-Weise haben, aber in Bau, Farbe
oder Verzierungen von einander abweichen, so sind nach meiner
Meinung diese Verschiedenheiten hauptsächlich durch die Ge-
schlechtliche Wahl bedingt; d. h. männliche Individuen haben in
aufeinander-folgenden Generationen einige kleine Vortheile über
andre Männchen gehabt in Waffen, Vertheidigungs-Mitleln oder
Reitzen und haben diese Vorlheile auf ihre männlichen Nachkommen
übertragen. Doch möchte ich nicht alle solche Geschlechts-Ver-
schiedenheiten aus dieser Quelle ableiten; denn wir sehen Eigen-
104
thüinliohkeilen entslehen und beim männlichen Goschleclile unsrer
Hausthicre erblich werden, wie die Haullappen bei den Eng-
lischen Boten -Tauben, die Horn -artigen Auswüchse bei den
Männchen einiger Hühner Vögel u. s. w., von welchen wir nicht
annehmen können, dass sie den Männchen im Kampfe nützlich
sind oder eine Anziehungskraft auf die Weibchen ausüben*.
Analoge Fälle sehen wir auch in der Natur, wo z. B. der Haar-
Büschel auf der Brust des Puterhahns weder nützlich im Kampfe
noch eine Zierde für den Brautwerber seyn kann : — und wirk-
lich, hätte sich dieser Büschel erst im Zustande der Zähmung ge-
bildet, wir würden ihn eine Monstrosität nennen!
Beleuchtung der Wirkungsweise der Natürlichen
Züchtung.) In der Absicht die Art und Weise klar zu machen,
wie nach meiner Meinung die Natürliche Wahl wirke, muss ich
um die Erlaubniss bitten, ein oder zwei erdachte Beispiele zur
Erläuterung vorzutragen. Denken wir uns zunächst einen Wolf,
der sich seine Beute an verschiedenen Thieren theils durch List,
theils durch Stärke und theils durch Schnelligkeit verschaffe, und
nehmen wir an, seine Schnelleste Beute, der Hirsch z. B., hätte
sich aus irgend einer Ursache in einer Gegend sehr vervielfältigt,
oder andre zu seiner Nahrung dienende Thiere hätten in der
Jahreszeit, wo sich der Wolf seine Beute am schwersten ver-
schaffen kann, sehr vermindert. Unter solchen Umständen kann
ich keinen Grund zu zweifeln finden, dass die schlanksten und
schnellsten Wölfe am meisten Aussicht auf Fortkommen und so-
mit auf Ei-hallung und Verwendung zur Nachzucht hätten, immerhin
vorausgesetzt, dass sie dabei Stärke genug behielten, um sich
ihrer Beute auch zu einer andern Jahreszeit zu bemeistern, wo
sie veranlasst seyn könnten, auf andre Thiere auszugehen. Ich
finde um so weniger Ursache daran zu zweifeln, da ja der
Mensch auch die Schnelligkeit seines Windhundes durch sorgfäl-
tige und planmässige Auswahl oder durch jene unbewussle Wahl
zu erhöhen im Stande ist, welche schon stattfindet, wenn nur
Aber wie vermöchten wir zu ermessen, was einen Bewerber in den
Allgen einer Henne oder einer Taube liebenswürdig machen könne! D. Übs.
105
Jedermann den besten Hund zu haben strebt, ohne einen Gedan-
ken an Veredelung der Rasse.
So könnte auch ohne eine Veränderung in den Verhältniss-
zahlen der Thiere, die dem Wolfe zur Beute dienen, ein junger
Wolf zur Welt kommen mit angeborner Neigung gewisse Arten
von Beutethieren zu verfolgen. Auch Diess ist nicht sehr un-
wahrscheinlich ; denn wie oft nehmen wir grosse Unterschiede in
den natürlichen Neigungen nnsrer Hausthierc wahr! Eine Katze
z. B. ist geneigt Ratten und die andre IVläuse zu fangen. Eine
Katze bringt nach Hrn. St. John geflügelte Beute nach Hause, die
andre Hasen und Kaninchen , und die dritte jagt auf Marschland
und meistens nächtliclier Weile nach Waldhühnern und Schnepfen.
Man weiss, dass die Neigung Ratten statt Mäuse zu fangen, ver-
erblich ist. Wenn nun eine angeborne schwache Veränderung
in Gewohnheit oder Körper-Bau einen einzelnen Wolf begünstigt,
so hat er am meisten Aussicht auszudauern und Nachkommen zu
hinterlassen. Einiofc seiner Jungen werden dann vermuthlich
dieselbe Gewohnheit oder Körper- Eigenschaft erben, und so
kann durch oftmalige Wiederholung dieses Vorgangs eine neue
Varietät entstehen, welche die alte Stamm -Form des Wolfes
ersetzt oder zugleich mit ihr fortbesteht. Nun werden ferner
Wölfe, welche Gebirgs-Gegenden bewohnen, und solche, die sich
im Tieflande aufhalten, von Natur genöthigt, auf verschiedene
Beute auszugehen, und mithin bei fortdauernder Erhaltung der
für jede der zwei Landstriche geeignetsten Individuen allmählich
zwei Abänderungen bilden. Diese Varietäten müssen da, wo ihre
Verbreitungs - Bezirke zusammenstossen , sich vermischen und
kreutzen; doch werden wir auf die Frage von der Kreutzung
später zurückkommen. Hier will ich noch beifügen, dass nach
PiERCE im Catskül-Gehirgc in den Vereinten Staaten zwei Varie-
täten des Wolfes hausen , eine leichtere von Windspiel-Form,
welche Hirsche verfolgt, und eine andere schwerfälligere und mit
kurzen Beinen, welche häufiger die Schaaf-Heerden angreift.
Nehmen wir nun einen zusammengesetzteren Fall an. Ge-
wisse Pflanzen scheiden eine süsse Flüssigkeit aus, wie es scheint,
um irgend etwas Nachtheiliges aus ihrem Safte zu entfernen.
106
Dies« wird bei manchen Schmetterlings -bliUliigen Gewächsen
durch Drüsen am Grunde der Stipulä und beim gemeinen Lor-
beerbaum auf dem Rücken seiner Blätter bewirkt. Diese Flüssig-
keit, wenn auch nur in geringer Menge zu finden, wird von
Insekten begierig aufgesucht. Nehmen wir nun an, es werde ein
wenig solchen süssen Saftes oder Nektars an der inneren Basis
der Kronenblätter einer Blume ausgesondert. In diesem Falle
werden die Insekten, welche den Nektar aufsuchen, mit Pollen
bestäubt werden und denselben gewiss oft von einer Blume auf
das Stigma der andern übertragen. Die Blumen zweier ver-
schiedener Individuen einer Art werden dadurch gekreutzt, unxl
die Kreutzung liefert (wie nachher ausführlicher gezeigt werden
soll) vorzugsweise kräftige Sämlinge, welche mithin die beste
Aussicht haben auszudauern und sich fortzupflanzen. Einige die-
ser Sämlinge können wohl das Nektar-Absonderungs-Yermögen
erben, und diejenigen Nektar-absondernden Blüthen, welche die
stärksten Drüsen besitzen und den meisten Nektar liefern,
werden am öftesten von Insekten besucht und am öftesten mit
andern gekreutzt werden und so mit der Länge der Zeit allmäh-
lich die Oberhand gewinnen. Ebenso werden diejenigen Blüthen,
deren Staubfäden und Staubwege so gestellt sind, dass sie je
nach Grösse und sonstigen Eigenthümlichkeiten der sie besuchen-
den Insekten einigerraaassen die Übertragung ihres Samenstaubs
von Blüthe zu Blülhe erleichtern , glücklicherweise begünstigt
und zur Nachzucht geeigneter seyn. Nehmen wir den Fall an,
die zu den Blumen kommenden Insekten wollten Pollen statt
Nektar einsammeln, so wäre zwar die Entführung des Pol-
lens, der allein zur Befruchtung der Pflanze erzeugt wird, ein
Verlust für dieselbe; wenn jedoch anfangs gelegentlich und nach-
her gewöhnlich ein wenig Pollen von den ihn einsammelnden
Insekten entführt und von Blume zu Blume getragen wird, so
wird die hiedurch bewirkte Kreutzung zum grossen Vortheil der
Pflanzen seyn, mögen Ihnen auch neun Zehntel der ganzen Pollen-
Masse zerstört werden; denn diejenige Pflanze, welche mehr
und mehr Pollen erzeugt und immer grössere Antheren bekommt,
wird für die Nachzucht das überffewicht haben.
107
Wenn nun unsre Pflanze, welche auf diese Weise vor an-
dern erhalten und durch Natürliche Wahl mit Blumen versehen
worden, welche die Pollen verschleppenden Insekten immer mehr
anziehen, so kann die Überführung des Pollens von einer Pflanze
zur andern endlich zur Regel werden, wie Diess in vielen Fäl-
len wirklich geschieht. Ich will nun einen nicht einmal sehr zu-
trefl'enden Fall als Beleg dafür anführen, welcher jedoch geeignet
ist zugleich als Beispiel eines ersten Schrittes zur Trennung der
Geschlechter zu dienen, von welcher noch weiter die Rede seyn
wird. Einige Stechpalmen-Stämme bringen nur männliche Blüthen
hervor, welche vier nur wenig Pollen erzeugende Staubgefässe
und ein verkümmertes Pistill enthalten; andre Stämme liefern
nur weibliche Blüthen, die ein vollständig entwickeltes Pistill und
vier Staubfäden mit verschrumpften Antheren einschliossen , in
welchen nicht ein Pollen-Körnchen bemerkt werden kann. Nach-
dem ich einen weiblichen Stamm genau 60 Ellen von einem männ-
lichen entfernt gefunden, nehme ich die Stigmata aus zwanzig
Blüthen von verschiedenen Zweigen unter das Mikroskop und
entdecke an allen ohne Ausnahme einige Pollen-Körner und an
einigen sogar eine übermässige Menge desselben. Da der
Wind schon einige Tage lang vom weiblichen gegen den männ-
lichen Stamm hin gewehet hatte, so kann er es nicht gewesen
seyn, der den Pollen dahin geführt. Das Wetter war schon
einige Tage lang kalt und stürmisch und daher nicht günstig für
die Bienen gewesen, und demungeachtet war jede von mir un-
tersuchte weibliche Blüthe durch den Pollen befruchtet worden,
welchen die Bienen, von Blüthe zu BliUhe nach Nektar suchend,
an ihren Haaren vom männlichen Stamme mit herüber gebracht
hatten. Doch kehren wir nun zu unserem ersonnenen Falle zu-
rück. Sobald jene Pflanze in solchem Giade anziehend für die
Insekten geworden , dass sie den Pollen regelmässig von einer
Blüthe zur andern tragen , wird ein andrer Prozess beginnen.
Kein Naturforscher zweifelt an dem Vortheil der sogen, «physio-
logischen Theilung der Arbeit«; daher man glauben darf, es
seye nützlich für eine Pflanzen -Art in einer Blüthe oder an
einem ganzen Stocke nur Staubgefässe und in der andern Blüthe
108
oder auf dem andern Stocke nur Pistille hervorzubringen. Bei
luiltivirten oder in neue Existenz-Bedingungen versetzten Pflan-
zen schlagen manchmal die männlichen und zuweilen die weib-
lichen Organe mehr oder weniger fehl. Nehmen wir aber an.
Diess geschehe auch in einem wenn noch so geringen Grade im
Nalur-Zustande derselben , so würden . da der Pollen schon re-
gelmässig von einer Blume zur andern geführt wird und eine
vollständige Trennung der Geschlechter unsrer Pflanze ihr nach
dem Prinzipe der Arbeitstheilung -vortheilhaft ist , Individuen mit
einer mehr und mehr entwickelten Tendenz dazu fortwährend
begünstigt und zur Nachzucht ausgewählt werden , bis endlich
die Trennung der Geschlechter vollständig wäre.
Kehren wir nun zu den von Nektar lebenden Insekten in
unserem ersonnenen Falle zurück; nehmen wir an, die Pflanze
mit durch andauernde Züchtung zunehmender Nektar-Bildung sey
eine gemeine Art , und unterstellen wir , dass gewisse Insekten
hauptsächlich auf deren Nektar als ihre Nahrung angewiesen
sind. Ich könnte durch manche Beispiele nachweisen , wie sehr
die Bienen bestrebt sind , Zeit zu ersparen. I(^h will mich je-
doch nur auf ihre Gewohnheit berufen, in den Grund gewisser
Blumen Öffnungen zu machen , um durch diese den Nektar zu
saugen , welchen sie mit ein Bischen mehr Weile durch die
Mündung heraus holen könnten. Dieser Thatsachen eingedenk
halte ich es nicht für gewagt anzunehmen , dass eine zufällige
Abweichung in der Grösse und Form ihres Körpers oder in der
Länge und Krümmung ihres Rüssels , wenn auch viel zu unbe-
deutend für unsere Wahrnehmung, von solchem Nutzen für eine
Biene oder ein anderes Insekt seyn könne, das sich mit deren
Hülfe sein Futter leichter verschafft, dass es mehr Wahrschein-
lichkeit der Fortdauer und der Forlpflanzung als andre Thiere
seiner Art besitzt. Seine Nachkommen werden wahrscheinlich
eine Neigung zu einer ähnlichen Abweichung des Organes er-
ben. Die Röhren der Blumen-Kronen des rothen und des In-
karnat-Klee's (Trifolium pratense und Tr. incarnatum) scheinen
bei flüchtiger Betrachtung nicht sehr an Länge auseinander zu
weichen: demungeachtet kann die Honig- oder Korb-Biene (Apis
109
inellifica) den Nektar leicht aus der ersten aber nicht aus der
letzten saugen, welche daher nur von Hummeln besucht wird,
so dass ganze Felder rothen Klee's der Korb-Biene vergebens
einen Überschuss von küsllichem Nektar darbieten. Dass die
Korb-Biene den Nektar aufsaugt, ist gewiss; denn ich habe un-
läno-st, obschon blos im Herbst viele dieser Bienen den Nektar
durch Löcher aussaugen sehen, welche (wie ich glaube) die kleine
Huinmelart in - die Basis der Korolle gebissen halte. Es würde
daher für die Korb-Biene von grösstem Vortheil seyn, einen et-
was längeren oder abweichend gestalteten Rüssel zu haben. Auf
der andern Seile habe ich (wie schon oben erwähnt) durch Ver-
suche gefunden, dass die Fruchtbarkeit des rolhen Klee's gros-
sentheils durch den Besuch der Honig-suchenden Bienen bedingt
ist, welche bei diesem Geschäfte die Theile der Blumenkrone
verschieben und dabei den Pollen auf die Oberfläche der Narbe
wischen. Sollten dagegen die Hummeln in einer Gegend selten
werden, so müssle eine kürzere oder tiefer gelheilte Blumen-
krone von grösstem Nutzen für den rothen Klee werden, damit
die Honiff-Biene seine Blülhen besuchen könne. Auf diese V^^eise
begreife ich, wie eine Blüthe und eine Biene nach und nach,
seye es gleichzeitig oder eine nach der andern, abgeändert und
auf die vollkommenste Weise einander angepasst werden könnten
durch fortwährende Erhaltung v'on Einzelnwesen mit beiderseits
nur ein wenig günstigeren Abweichungen der Struktur.
Ich weiss wohl, dass die durch die vorangehenden erson-
nenen Beispiele erläuterte Lehre von der Natürlichen Auswahl
denselben Einwendungen ausgesetzt ist, welche man anfangs
gegen Cii. Lyells grossartige Ansichten in „the Modern Changes
of the Barth, as illustrative of Geology" vorgebracht hat ; indes-
sen hört man jetzt die Wirkung der Brandung z. B. in ihrer
Anwendung auf die Aushöhlung riesiger Thäler oder auf die
Bildung der längsten binnenländischen Klippen-Linien selten mehr
als eine unbedeutende und lächerliche Ursache bezeichnen. Die
Natürliche Züchtung kann nur durch Häufung unendlich kleiner
vererbter Modifikationen wirken, deren jede für Erhaltung des
Wesens, dem sie angehört, günstig isl; und wie die neuere Geo-
110
logie solche Ansichten, wie die Aushöhlung grosser Thäler durch
eine einzige Diluvial-Woge meistens verbannt hat, so wird auch
die Natürliche Züchtung, wenn sie ein wahres Prinzip ist, den
Glauben an eine fortgesetzte Schöpfung neuer Organismen oder
an eine grosse und plötzliche Modifikation ihrer Organisation
verbannen.
Über die Kreutzung der Indivi due.n.) Ich muss hier
mit einem kleinen Absprung beginnen. Es liegt vor Augen,
dass bei Pflanzen und Thicren getrennten Geschlechtes jedesmal
zwei Individuen sich vereinigen müssen, um eine Geburt zu
Stande zu bringen. Bei Hermaphroditen aber ist Diess keines-
wegs klar, Dcmungeachtet bin ich stark geneigt zu glauben,
dass bei allen Hermaphroditen zwei Individuen gewöhnlich oder
ausnahmsweise zu jeder einzelnen Fortpflanzung ihrer Art zu-
sammenwirken (die sonderbaren und noch nicht recht begriffenen
Fälle von Parthenogenesis ausgenommen). Diese Ansicht hat
zuerst Andreas Knight aufgestellt. Wir werden jetzt ihre Wich-
tigkeit erkennen. Zwar kann ich diese Frage nur in äusserster
Kürze abhandeln; jedoch habe ich die Materialien für eine aus-
führlichere Erörterung vorbereitet. Alle Wirbelthiere, alle In-
sekten und noch einige andre grosse Thiergruppen paaren sich
für jede Geburt. Neuere Untersuchungen haben die Anzahl der
früher angenommenen Hermaphroditen sehr vermindert, und von
den wirklichen Hermaphroditen paaren sich viele, d. h. zwei In-
dividuen vereinigen sich zur Reproduktion; Diess ist alles, was
uns hier angeht. Doch gibt es noch viele andere zwitterliche
Thiere, welche gewiss sich gewöhnlich nicht paaren. Auch bei
weitem die grösste Anzahl der Pflanzen sind Hermaphroditen.
Man kann nun fragen, was ist in diesen Fällen für ein Grund
zur Annahme vorhanden, dass jedesmal zwei Individuen zur Re-
produktion zusammenwirken? Da es hier nicht möglich ist in
Einzelnheiten einzugehen, so muss ich mich auf einige allgemeine
Betrachtungen beschränken.
Fürs Erste habe ich eine grosse Masse von Thatsachen se-
sammelt, welche übereinstimmend mit der fast allgemeinen Über-
zeugung der Viehzüchter beweisen, dass bei Thieren wie bei
III
Pflanzen eine Kreulzung zwischen Thieron verschiedener Varietä-
ten , oder zwischen solchen verschiedener Stämme einer Varietät
der Nachkommenschart Stärke und Fruchtbarkeit verleiht, während
andrerseits enge Inzucht Krait und Fruchtbarkeit vermindert.
Diese Thatsachen allein machen mich glauben, dass es ein allge-
meines Natur-Gesetz ist (wie unwissend wir auch über die Be-
deutung des Gesetzes seyn mögen), dass kein organisches
Wesen sich selbst für eine Ewigkeit von Generationen befruchten
könne, dass daher eine Kreulzung mit einem andern Individuum
von Zeit zu Zeil und vielleicht nach langen Zwischenräumen
einmal unentbehrlich ist.
Von dem Glauben ausgehend, dass Diess ein Nalur-Geselz
seye, werden wir verschiedene grosse Klassen von Thatsachen
verstehen, welche auf andre Weise unerklärlich sind. Jeder
Blendlingsgetreide-Züchter weiss, wie nachlheilig für die Befruch-
tung einer Blüthe es ist, wenn sie während derselben der Feuch-
tigkeit ausgesetzt wird. Und doch, was für eine Menge von Blu-
men haben Staubbeutel und Narben vollständig dem Wetter aus-
gesetzt! Wenn aber eine Kreutzung von Zeit zu Zeit nun doch
unerlässlich, so erklärt sich jene Aussetzung aus der Nothwen-
diffkeit, dass die Blumen für den Eintritt fremden Pollens offen
Seyen, und zwar um so mehr, als die zusammengehörigen Staub-
gefässe und Pistille einer Blume gewöhnlich so nahe beisammen
stehen, dass Selbstbefruchtung unvermeidlich scheint. Andrerseits
aber haben viele Blumen ihre Befruchtungs-Werkzeuge sehr enge
umschlossen, wie die Schmetterlingsblüthigen z. B. ; aber in den
meisten solchen Blumen ist eine sehr merkwürdige Anpassung
zwischen dem Bau der Blume und der Art und Weise, Avie die
Bienen den Nektar daraus saugen, indem sie alsdann entweder
den eio-nen Pollen der Blume über ihre Narbe wischen oder
fremden Pollen mitbringen. Zur Befruchtung der Schmetterlings-
blüthen ist der Besuch der Bienen so nothwendig, dass, wie
ich durch anderwärts veröffentlichte Versuche gefunden, ihre
Fruchtbarkeit sehr abnimmt, wenn dieser Besuch verhindert
wird. Nun ist es aber kaum möglich, dass Bienen von Blüthe zu
Blüthe fliegen, ohne den Poll(>n der einen zur andern zu bringen,
112
wie ich überzeugt bin zum grossen Vorlheil der Pflanze. Die
Bienen wirken dabei wie ein Kameelhaar-Pinsel, und es ist voll-
kommen zur Befruchtung genügend, wenn man mit einem und
demselben Bürslchen zuerst das Staubgefäss der einen Blume
und dann die Narbe der andern berührt. Dabei ist aber nicht
zu fürchten, dass die Bienen viele Bastarde zwischen verschie-
denen Arten erzeugen; denn, wenn man den eignen Pollen und
den einer andern Pflanzen-Art zugleich mit demselben Pinsel auf
die Narbe streicht, so hat der erste eine so überwiegende Wir-
kung, dass er, wie schon Gärtner gezeigt, jeden Einfluss des
andern gänzlich zerstört.
Wenn die Staubgefässe einer Blume sich plötzlich gegen
das PistiU schnellen oder sich eines nach dem andern langsam
gegen dasselbe neigen, so scheint diese Einrichtung nur auf
Sicherung der Selbstbefruchtung berechnet, und ohne Zweifel ist
sie auch dafür nützlich. Aber die Thätigkeit der Insekten ist
oft nothwendig, um die Staubfäden aufschnellen zu machen, wie
KöLREüTER beim Sauerdorn insbesondere gezeigt hat; und sonder-
barer Weise hat man gerade bei dieser Sippe (Berberis), welche
so vorzüglich zur Selbstbefruchtung eingerichtet zu seyn scheint,
die Beobachtung gemacht, dass, wenn man nahe verwandte For-
men oder Varietäten dicht neben einander pflanzt, es in Folge
der reichlichen Kreutzung kaum möglich ist noch eine reine
Rasse zu erhalten. In vielen andern Fällen aber findet man, wie
C. C. Sprengel's Schriften und meine eignen Erfahrungen lehren,
statt der Einrichtungen zu Begünstigung der Selbstbefruchtung
vielmehr solche, welche das Stigma hindern, den Saamenstaub
der nämlichen Blüthe aufzunehmen. So ist bei Lobelia fulgens
eine wirklich schöne und sorgfältig ausgearbeitete Einrichtung,
wodurch jedes der unendlich zahlreichen Pollen - Körnchen aus
den verwachsenen Antheren einer jeden Blüthe fortgeführt wird,
ehe das Stigma derselben Blüthe bereit ist dieselben aufzunehmen.
Da nun, wenigstens in meinem Garten, diese Blumen niemals von
Insekten besucht werden, so haben sie auch niemals Saamen
angesetzt, bis ich auf künstlichem Wege den Pollen einer Blüthe
auf die Narbe der andern übertrug und mich hiedurch auch in
113
den Besitz zahlreicher Sämlinge zu setzen vermochle. Eine an-
dere daneben stehende Loinelia- Art, die von Bienen besucht wird,
bildet von freien Stücken Saarnen. In sehr vielen anderen Fällen,
wo keine besondere mechanische Einrichtung vorhanden ist, um
das Stigma einer Blume an der Aufnahme des eignen Saamenstaubs
zu hindern, platzen entweder, wie sowohl C. C. Sprengel als ich
selbst gefunden, die Staubbeutel schon bevor die Narbe zur Be-
fruchtung reif ist, oder das Stigma ist vor dem Pollen derselben
Blüthe reif, so dass diese Pflanzen in der That getrennte Ge-
schlechter haben und sich fortwährend kreutzen. Wie wundersam
erscheinen diese Thatsachen! Wie wundersam, dass der Pollen und
die Oberfläche des Stigmas einer und derselben Blüthe so nahe
zusammengerückt sind , als sollte dadurch die Selbstbefruchtung
unvermeidlich werden, und dass beide gerade in so vielen die-
ser Fälle völlig unnütz für einander sind. Wie einfach sind da-
gegen diese Thatsachen zu erklären aus der Ansicht, dass von
Zeit zu Zeit eine Kreutzung mit einem anderen Individuum vor-
Iheilhaft oder sogar unentbehrlich seye ?
Wenn verschiedene Varietäten von Kohl, Radies'chen, Lauch
u. e. a. Pflanzen dicht nebeneinander zur Saamen-Bilduug gebracht
werden, so liefern ihre Saarnen, wie icli gefunden, grossentheils
Blendlinge. So z. B. erzog ich 233 Kohl-Sämlinge aus dem
Saamen einiger Stöcke von verschiedenen Varietäten, die nahe
bei einander gewachsen, und von diesen entsprachen nur 78 der
Varietät des Stocks, von dem sie eingesammelt worden, und
selbst diese nicht alle genau. Nun ist aber das Pistill einer je-
den Kohl-Blüthe nicht allein von deren eignen sechs Staubgefäs-
sen, sondern auch von denen aller übrigen Blülhen derselben
Pflanze nahe umgeben und der Pollen jeder Blüthe gelangt ohne
Insekten-Hilfe leicht auf deren eignes Stigma; denn ich habe ge-
funden, dass eine sorgfaltig bedeckte Pflanze eine Vollzahl von
Schoten entwickelte. Wie kommt es aber, dass sich eine so
grosse Anzahl von Sämlingen als Blendlinge erwiesen? Ich muss
vermuthen, dass es davon herrührt, dass der Pollen einer frem-
den Varietät einen überwiegenden Einfluss auf das eigne Stigma
habe, und zwar eben in Folge des Natur-Gesetzes, dass die
Darwin, Entstehung der Arten. 2. Axü'l. o
114
Kreulzung zwischen verschiedenen Individuen derselbes Spocies
für diese nützlich ist. Werden dagegen verschiedene Arten mit
einander gekreutzt, so ist der Erfolg gerade umgekehrt, indem
der Pollen einer Art einen über den der andern überwiegenden
Einfluss hat. Doch auf diesen Gegenstand werde ich in einem
spateren Kapitel zurückkommen.
Handelt es sich um mächtige mit zahllosen Blüthen bedeckte
Bäume, so kann man einwenden, dass deren Pollen nur selten
von einem Stamme auf den andern übertragen werden und mei-
stens nur von einer Blüthe auf eine andre Blüthe desselben Stam-
mes gelangen kann, dass aber verschiedene BUilhen eines Baumes
nur in einem beschränkten Sinne als Individuen angesehen wer-
den können. Ich halte diese Einrede für triftig: doch hat die
Natur in dieser Hinsicht vorgesorgt, indem sie den Bäumen ein
Streben zur Bildung von Blüthen getrennten Geschlechtes ver-
liehen hat. Sind die Geschlechter getrennnt, wenn gleich männ-
liche und weibliche Blüthen auf einem Stamme vereinigt, so muss
der Pollen regelmässig von einer Blüthe zur andern geführt wer-
den, was denn auch mehr Aussicht gewährt, dass er gelegentlich
•von einem Stamm zum anderen komme. Ich finde, dass in uns-
ren Gegenden die Bäume aller Pflanzen- Ordnungen öfter als
Sträucher und Kräuter getrennte Geschlechter haben, und tabel-
larische Zusammenstellungen der Neuseeländischen Bäume, welche
Dr. HooiiER. und der Vereinten Staaten, welche Asa Gray mir
auf meine Bitte geliefert, haben, wie vorauszusehen, zum näm-
lichen Ergebnisse geführt. Doch andrerseits hat mich Dr. Hooker
neuerlich benachrichtigt, dass diese Regel nicht für Australien
gelte, und ich habe daher diese wenigen Bemerkungen über die
Geschlechts-Verhältnisse der Bäume nur machen wollen, um die
Aufmerksamkeit darauf zu lenken.
Was die Thiere betrifft, so gibt es unter den Landbewoh-
nern nur wenige, Zwitter,, wie Schnecken und Regenwürmer, und
diese paaren sich alle. Ich habe noch kein Beispiel kennen ge-
lernt, wo ein Landthier sich selbst befruchtete. Man kann diese
merkwürdige Thatsachc, welche einen so schroffen Gegensatz
zu den Landpflanzen bildet, nach der Ansicht, dass eine Kreutzung
115
von Zeit zu Zeit nöthig seye , erklären ^ indem man das Me-
dium, worin die Landtiiiere leben, und die Beschaffenheit des
befruchtenden Elementes berücksichtigt; denn wir kennen keinen
Weff, auf welchem, wie durch Insekten und Wind bei den Pflan-
zen, eine gelegentliche Kreutzung zwischen Landthieren anders
bewirkt werden könnte, als durch die unmittelbare Zusammen-
wirkung der beiderlei Individuen. Bei den Wasserthieren dage-
gen gibt es viele sich selbst befruchtende Hermaphroditen; hier
liefern aber die Strömungen des Wassers ein handgreifliches Mit-
tel für gelegentliche Kreutzungen. Und, wie bei den Pflanzen,
so habe ich auch bei den Thieren, sogar nacli Besprechung mit
einer der ersten Autoritäten, mit Professor Huxlev nämlich, ver-
gebens gesucht, auch nur eine hermaphroditische Thier-Art zu
finden , deren Geschlechts-Organe so vollständig im Körper ein-
geschlossen wären, dass dadurch der gelegentliche Einfluss eines
andern Einzelwesens physisch unmöglich gemacht wurde. Die
Cirripeden schienen mir zwar langezeit einen in dieser Beziehung
sehr schwierigen Fall darzubieten: ich bin aber durch einen glück-
lichen Umstand in die Lage gesetzt gewesen, schon anderwärts
zeigen zu können, dass zwei Individuen, wenn auch in der Begel
sich selbst befruchtende Zwitter, sich doch zuweilen kreutzen.
Es muss den meisten Naturforschern als eine sonderbare
Ausnahme schon aufgefallen seyn, dass bei den meisten Pflanzen
und Thieren solche Arten in einer Familie und oft in einer Sippe
beisammen stehen, welche, obwohl im grösseren Theile ihrer
übrigen Organisation unter sich nahe übereinstimmend, doch zum
Theile Zwitter und zum Theile eingeschlechtig sind. Wenn aber
auch alle Hermaphroditen sich von Zeit zu Zeit mit andern Ein-
zelwesen kreutzen , so wird der Unterschied zwischen herma-
phroditischen und eingeschlechtigen Arten, was ihre Geschlechts-
Funklionen betrifft, ein sehr kleiner.
Nach diesen mancherlei Betrachtungen und den vielen ein-
zelnen Fällen, die ich gesammelt habe, jedoch hier nicht mit-
theilen kann, bin ich sehr zur Vermuthung geneigt, dass im Pflan-
zen- wie im Thier-Reiche die von Zeit zu Zeit erfolgende Kreut-
zung mit einem fremden Einzelwesen ein Natur-Gesetz ist. Ich
8*
116
weiss wohl, dass es in dieser Beziehung viele schwierige Fälle
gibt, unter welchen einige sind, worüber ich mit Forschungen
beschäftigt bin. Als Endergebniss können wir folgern, dass in
vieleji organischen Wesen die Kreulzung zweier Individuen eine
offenbare Nolhwendigkeil für jede Fortpflanzung ist: bei vielen
andern genügt es , wenn sie von Zeit zu Zeit wiederkehrt : da-
gegen vermuthe ich, dass Selbstbefruchtung allein nirgends für
immer ausreichend seye.
Für natürliche Züchtung günstige Verhältnisse.;
Das ist ein sehr verwickelter Gegenstand. Eine grosse Summe
von erblicher Veränderlichkeit ist dafür günstig: aber ich glaube,
dass schon individuelle Verschiedenheiten genügen. Eine grosse
Anzahl von Individuen bietet mehr Aussicht auch auf das Her-
vortreten nutzbarer Abänderungen in einem gegebenen Zeilraum,
selbst bei geringerem Betrag schon vorhandener Veränderlichkeit
derselben, und ist eine äusserst wichtige Bedingung des Erfolges.
Obwohl die Natur lange Zeiträume auf die Züchtung verwendet,
so braucht sie doch keine von unendlicher Länge; denn da alle
organischen V\^esen Sozusagen streben eine Stelle im Haushalte
der Natur einzunehmen, so muss eine Art, welche nicht gleichen
Schrittes mit ihren Mitbewerbern verändert und verbessert wird,
bald erlöschen. Wenn vortheilhafte Abänderungen sich nicht we-
nigstens auf einige Nachkommen vererben, so vermag die Natür-
liche Zuchtwahl wohl nichts auszurichten. Nichtvererbung des
neuen Charakters ist nichts andres als Rückkehr zum Charakter
der Grossältern oder noch früherer Vorsänger. Gewiss mag diese
Neigung zur Rückkehr die Thäligkeit der Natürlichen Züchtung
oft vereitelt haben ; aber ihre Bedeutung ist von einigen Schrift-
stellern weit überschätzt worden. Denn wenn diese Neigung nicht
an der Ausbildung so vieler erblichen Rassen im Thier- wie im
Pflanzen-Reich gehindert hat, wie sollte sie die Vorgänge der
Natürlichen Züchtung verhindert daben?
Bei planmässiger Züchtung wählt der Züchter stets bestimmte
Objekte, und freie Kreulzung würde sein Werk Gänzlich iiemmen.
Haben ader viele Menschen, ohne die Absicht ihre Rasse zu ver-
edeln, eine ungefähr gleiche Ansicht von Vollkommenheit, und
117
sind alle bestrebt, nur die besten und vollkommensten Thiere
zur Nachzucht zu verwenden, so wird, wenn auch langsan), aus
dieser unbewussten Züchtung gewiss schon viele Umänderung
und Veredlung hervorgehen, wenn auch viele Kreutzung mit
schlechteren Thieren zwischendurchUiuft. So ist es auch in der
Natur. Findet sich ein beschrcänktes Gebiet mit einer nicht ganz
angemessen ausgelüllten Stelle in ihrer geselligen Zusammenset-
zung, so wird die Natürliche Züchtung bestrebt seyn, alle Indi-
viduen zu erhalten, die, wenn auch in verschiedenem Grade, doch
in der angemessenen Richtung so vaviiren, dass sie die Stelle
allmählich besser auszufüllen im Stande sind. Ist jenes Gebiet
aber gross, so werden seine verschiedenen Bezirke gewiss un-
gleiche Lebens-Bedingimgen darbieten ; und wenn dann durch den
Einfluss der Natürlichen Züchtung irgend eine Spezies auf eine
andre Weise in jedem Bezirke abgeändert worden, so wird an
den Grenzen dieser Bezirke eine Kreutzung zwischen den Indi-
viduen jener verschiedenen Abänderungen eintreten, und in die-
sem Falle kann die Wirkung der Kreutzung durch die der Natür-
lichen Züchtung, welche bestrebt ist alle Individuen eines jeden
Bezirks genau in derselben Weise den Lebens-Bedingungen an-
zupassen, kaum aufgewogen werden, weil in einer zusammen-
häno-enden Fläche die Lebens-Bedingungen des einen in die des an-
deren Bezirkes allmählich übergehen. Die Kreutzung wird haupt-
sächlich diejenigen Thiere berühren, welche sich zu jeder Fort-
pflanzung paaren, viel wandern und sich nicht rasch vervielfältigen.
Daher bei Thieren dieser Art, Vögeln z.B., die Abänderungen
gewöhnlich auf getrennte Gegenden beschränkt seyn müssen, wie
es auch der Fall zu seyn scheint. Bei Zwitter-Organismen, welche
sich nur von Zeit zu Zeit mit andern kreutzen, sowie bei solchen
Thieren, die zu jeder Verjüngung ihrer Art sich paaren, aber
wenig wandern und sich sehr rasch vervielfältigen können, dürfte
sich eine neue und verbesserte Varietät an irgend einer Stelle
rasch bilden und sich dort in Masse zusammenhalten, so dass
alle Kreutzung, wie sie auch beschafien seye, nur zwischen Ein-
zellhieren derselben neuen Varietät erfolgt. Ist eine örtliche Va-
rietät auf solche Weise einmal gebildet, so wird sie sich nachher
118
nur langsam über andre Bezirke verbreiten. Nach dem obigen
Prinzip ziehen Pflanzschulen - Besitzer es immer vor, Saamen
von einer grossen Pflanzen-Masse gleicher Varietät zu ziehen,
weil hiedurch die Möglichkeit einer Kreulzung mit anderen Va-
rietäten gemindert wird.
Selbst bei Thieren mit langsamer Vermehrung, die sich zu
jeder Fortpflanzung paaren, dürfen wir die Wirkungen der Kreul-
zung auf Verzögerung der Natürlichen Züchtung nicht über-
schätzen; denn ich kann eine lange Liste von Tiiatsachen bei-
bringen, woraus sich ergibt, dass in einem Gebiete Varietäten
der nämlichen Thier-Art lange unterschieden bleiben können,
wenn sie verschiedene Stationen innehaben, in etwas verschie-
dener Jahreszeit sich foripflanzen, oder im Falle nur einerlei Va-
rietät sich unter einander paart.
Kreutzung spielt in der Natur insoferne eine grosse Rolle,
als sie die Individuen einer Art oder einer Varietät rein und
einförmig in ihrem Charakter erhält. Sie wird Diess offenbar
weit wirksamer zu thun vermögen bei solchen Thieren, die sich
für jede Fortpflanzung paaren; aber ich habe schon vorher zu
zeigen gesucht, dass Ursache zur Vermulhung vorliegt , dass bei .
allen Pflanzen und bei allen Thieren von Zeit zu Zeit Kreutzun-
gen erfolgen; — und wenn Diess auch nur nach langen Zwischen-
räumen wieder einmal erfolgt, so bin ich überzeugt, dass die
hiebei erzielten Abkömmlinge die durch lange Selbstbefruchtung
erzielte Nachkommenschaft an Stärke und Fruchtbarkeil so sehr
übertreffen, dass sie mehr Aussicht haben dieselben zu über-
leben und sich fortzupflanzen, und so wird in langen Zeiträumen
der Einfluss der wenn auch nur seltenen Kreutzungen doch gross
seyn. Bei Organismen, die sich niemals kreutzen, kann eine
Gleichföi-migkeit des Charakters so lange währen, als ihre äus-
seren Lebens-Bedingungen die nämlichen bleiben, Iheils in Folge
der Vererbung und theils in Folge der Natürlichen Züchtung,
welche jede zufällige Abweichung von dem eigenen Typus immer
wieder zerstört; wenn aber die Lebens-Bedingungen sich ändern
und jene Wesen dem entsprechende Abänderungen erleiden, so
kann ihre hienach abgeänderte Nachkonunenschaft nur dadurch
119
Eiiilönnigkeit des Charakters behaupten, dass Natürliche Züch-
liiiig- dieselbe vorlheilhalte Varietät erhält.
" Abschliessiing ist eine wichtige Bedingung im Prozesse der
Natürlichen Zuchtwahl. In einem umgrenzten oder vereinzelten
Gebiete werden, wenn es nicht sehr gross ist, die unorganischen
wie die organischen Lebens-Bedingungen gewöhnlich in hohem
Grade einförmig seyn; daher die Natürliche Zuchtwahl streben
wird, alle Individuen einer veränderlichen Art in gleicher Weise
mit Hinsicht auf die gleichen Lebens-Bedingungen zu modifiziren.
Auch Kreulzungon mit solchen Individuen derselben Art, welche
die den Bezirk umgrenzenden und anders beschaffenen Gegenden
bewohnen mögen, kommen da nicht vor. Isolirung wirkt aber
vielleicht noch kräftiger, insoferne sie nach irgend einem physi-
kalischen Wechselt im Klima, in der Höhe des Landes u. s. w.
die Einwanderung hindert: und so bleiben die neuen Stellen im
Natur-Haushalte der Gegend offen für die Bewerbung der alten
Bewohner, bis diese sich durch geeignete Veränderungen in or-
ganischer Bildung und Thätigkeit derselben angepasst haben.
AbSchliessung wird endlich dadurch, dass sie Einwanderung und
daher Mitbewerbung hemmt, Zeit geben zur Bildung neuer Varie-
täten, und Diess kann mitunter von Wichtigkeit seyn liir die
Hervorbringung neuer Arten. V\^enn dagegen ein isolirtes Land-
Gebiet sehr klein ist, so wird nolhwendig auch, entweder der
es umgebenden Schranken halber oder in Folge seiner ganz
cigenlhümlichen Lebens-Bedingungen, die Gesammtzahl der darin
vorhandenen Individuen sehr klein seyn; und geringe Individuen-
Zahl verzögert sehr die Bildung neuer Arten durch Natürliche
Züchtung, weil sie die Möglichkeit des Auftretens neuer ange-
messener Abänderungen vermindert.
Die blosse Zeit an und für sich thut nichts für und nichts
gegen die Natürliche Züchtung. Ich bemerke Diess ausdrücklich,
weil man irrig behauptet hat, dass ich dem Zeil-Element dabei einen
allmächtigen Antheil zugestehe, als ob alle Speeles mit der Zeit
nolhwendig eine allmählige Veränderung erfahren müssten. Zeit
ist aber nur insoferne von Bedeutung, als sie den vorkommenden
Abänderungen die allmählich vergrösserte Möglichkeit der Wahl,
120
HäuCung und Befestigung in Bezug auf die langsam wechselnden
organischen und unorganischen Lebens - Bedingungen gewahrt.
Auch begünstigt sie die direkte Wirkung neuer oder veränderter
physischer Lebens-Bedingungen.
Wenden wir uns zur Bestätigung der Wahrheit dieser Be-
merkungen an die Natur und sehen uns um nach irgend einem
kleinen abgeschlossenen Gebiete, nach einer ozeanischen Insel
z. B. , so werden wir finden dass, obwohl die Gesammtzahl der
es bewohnenden Arten nur klein ist, wie sich in dem Kapitel
über geographische Verbreitung ergeben wird, doch eine ver-
hältnissmässig grosse Zahl dieser Arten endemisch ist, d. h. hier
an Ort und Stelle und nirgends anderwärts erzeugt worden ist.
Auf den ersten Anblick scheint es demnach , es müsse eine
ozeanische Insel sehr geeignet zur Hervorbringung neuer Arten
gewesen seyn ; um jedoch thatsächlich zu ermitteln, ob ein klei-
nes abgeschlossenes Gebiet oder eine weite olfene Fläche für
die Erzeugung neuer organischer Formen mehr geeignet ge-
wesen seye, müssten wir auch gleich-lange Zeiträume dabei ver-
gleichen können, und Diess sind wir nicht im Stande zu fhun.
Obwohl ich nun nicht zweifle, dass Isolirung bei Erzeugung
neuer Arten ein sehr wichtiger Umstand ist, so mochte ich doch
im Ganzen genommen glauben, dass grosse Ausdehnung des Ge-
bietes noch wichtiger insbesondere für die Hervorbrintruno- sol-
eher Arten ist, die sich einer langen Dauer und weiten Ver-
breitung fähig zeigen. Auf einer grossen und offenen Fläche
wird nicht nur die Aussicht auf vortheilhafte Abänderungen we-
gen der grösseren Anzahl von Individuen einer Art o-ünsticrer.
es werden auch die Lebens-Bedingungen wegen der grossen
Anzahl schon vorhandener Arten unendlich zusammengesetzter
seyn: und wenn einige von diesen zahlreichen Arten verändert
oder verbessert werden, so müssen auch andere in entsprechen-
dem Grade verbessert werden oder untergehen. Eben so wird
jede neue Form, sobald sie sich stark verbessert hat, fähig seyn,
sich über die offene und zusammenhängende Fläche auszubreiten,
und wird hiedurch in Mitbewerbung mit vielen andern treten.
Es werden hiemit mehr neu zu besetzende Stellen entstehen, und
121
die Mitbewerbung um deren Ausfüllung wird viel heftiger als auf
einem kleinen und abgeschlossenen Gebiete werden. Ausserdem
aber mögen grosse Flachen, wenn sie jeixt auch zusammenhan-
gend sind, in Folge der Schwankungen ihrer Oberfläche, oft
noch unliingst von unterbrochener Beschaffenheit gewesen seyn,
so dass sie an den guten Wirkungen der Isolirung wenigstens
bis zu einem gewissen Grade mit theilgenommen haben. Ich
kouune demnach zum Schlüsse, dass, wenn kleine abgeschlossene
Gebiete auch in manchen Beziehungen wahrscheinlich sehr gün-
stig für die Erzeugung neuer Arten gewesen sind , doch auf
o-rossen Flachen die Abänderungen im Allgemeinen rascher er-
folgt sind und, was noch wichtiger ist, die auf den grossen
Flächen entstandenen neuen Formen, welche bereits den Sieg
über viele Mitbewerber davon getragen, solche sind, die sich am
weitesten verbreiten und die zahlreichsten neuen Varietäten und
Arten liefern, mithin den wesentlichsten Anlheil an den geschicht-
lichen Veränderungen der organischen Welt nehmen.
Wir können von diesen Gesichtspunkten aus vielleicht einige
Thatsachen verstehen, welche in unserem Kapitel über die geo-
graphische Verbreitung erörtert werden sollen ; z. B. dass die
Erzeugnisse des kleineren Australischen Kontinentes früher vor
denen der grössern Europäisch- Asiatischen Fläche gewichen und
anscheinend noch jetzt im Weichen begriffen sind. Daher kommt
es ferner, dass festländische Erzeugnisse allenthalben so reich-
lich auf Inseln naturalisirt worden sind. Auf einer kleinen Insel
wird der Wettkampf ums üaseyn viel weniger heftig, Erlöschung
wird weniger und Abänderung geringer gewesen seyn. Daher
rührt es vielleicht auch, dass die Flora von Madeira nach Oswald
Hekr der erloschenen Tertiär -Flora Europas gleicht. Alle Süss-
vvasser-Becken zusammengenommen nehmen dem Meere wie dem
trockenen Lande gegenüber nur eine kleine Fläche ein, und
demgemäss wird die Milbewerbung zwischen den Süsswasscr-Er-
zeugnissen minder heftig gewesen seyn als anderwärts; neue
Formen sind langsamer entstanden und alte langsamer erloschen.
Im süssen Wasser finden wir sieben Sippen ganoider oder
schmelzschuppiger Fische als übrig-gebliebene Vertreter einer
122
einsl vorherrschenden Ordnung dieser Klasse: und im süssen
Wasser finden wir auch einige der anomalsten Wesen, welche
auf der Erde bekannt sind, den Ornithorhynchus und den Lepi-
dosiren, welche gleich fossilen Formen bis zu gewissem Grade
solche Ordnungen miteinander verbinden, welche jetzt auf der
natürlichen Stufenleiter weit von einander entfernt sind. Man
kann daher diese anomalen Formen immerhin »lebende Fossile»
nennen. Sie haben ausgedauert bis auf den heuligen Tag, weil
sie .eine beschränkte Flache bewohnt haben und in dessen Folge
einer minder heftigen Mitbewerbung ausgesetzt gewesen sind.
Fassen wir die der Natürlichen Züchtung günstigen und un-
günstigen Umstände schliesslich zusammen, so weit die äusserst
verwickelte Beschaffenheit Solches gestattet. Ich gelange mit Hin-
sicht auf die Zukunft zum Schlüsse: dass für Land-Erzeugnisse
eine weite Festland - Fläche , welche wahrscheinlich noch viel-
fältige Höhenwechsel zu erfahren hat und sich daher lange Zeit-
räume hindurch in einem unterbrochenen Zustande befinden wird,
für Hervorbringung vieler neuen zu langer Dauer und weiter
Verbreitung geeigneter Lebens-Formen die günstigsten Bedingun-
gen darbieten wird. Eine solche Fläche kann zuerst ein Fest-
land gewesen seyn, dessen Bewohner in jener Zeit zahlreich an
Arten und Individuen sehr lebhafter Mitbewerbung ausgesetzt
gewesen sind. Ist sodann der Kontinent durch Senkung in
grosse Inseln geschieden worden, so werden noch viele Indi-
viduen einer Art auf jeder Insel übrig seyn, welche sich an den
Grenzen ihrer Verbreitungs Bezirke (der Inseln) mit einander
zu kreutzen gehindert sind. Eben so können nach irgend wel-
chen physikalischen Veränderungen keine Einwanderungen statt-
finden, daher die neu entstehenden Stellen in der gesellschaft-
lichen Verbindung jeder Insel durch Abänderungen ihrer alten
Bewohner ausgefüllt werden müssen. Um die Varietäten einer
jeden zu diesem Zwecke umzugestalten und zu vervollkommnen,
wird lange Zeit nöthig seyn. Sollten durch eine neue Hebung
die Inseln wieder in ein Festland zusammenfliessen, so wird eine
heftige Mitbewerbung erfolgen. Die am meisten begünstigten
oder verbesserten Varietäten werden sich ausbreiten, viele min-
123
der vollkommene Formen erlöschen und die Verhallniss-Zalilen
des erneuerten Konlinents sich bedeutend ändern. Es wird
daher der Natürlichen Züchtung ein reiches Feld zur ferneren
Verbesserung der Bewohner und zur Hervorbringung neuer Arten
geboten seyn.
Ich gebe vollkommen zu, dass die Natürliche Züchtung zu-
weilen mit äussersler Langsamkeit wirke. Ihre Thätigkeit hängt
davon ab, ob in dem gesellschaftlichen Verbände der Natur
Stellen vorhanden sind, welche dadurch besser besetzt werden
könnten, dass einige Bewohner der Gegend irgend welche Ab-
änderung erführen. Das Vorhandenseyn solcher Stellen wird oft
von gewöhnlich langsamen physikalischen Veränderungen und
davon abhängen, ob die Einwanderung besser anpassender For-
men gehindert ist. Aber die Thätigkeit der Natürlichen Züchtung
wird wahrscheinlich noch öfter davon bedingt seyn, dass einige
der Bewohner langsame Abänderungen erleiden, indem hiedurch
die Wechselbeziehungen vieler alten Bewohner zu einander ge-
stört werden. Nichts kann bewirkt werden, bevor nicht vorlheil-
hafte Abänderungen vorkommen, und Abänderung selbst ist offen-
bar stets ein sehr langsamer Vorgang. Viele werden der Mei-
nung seyn, dass diese verschiedenen Ursachen ganz genügend
Seyen, um die Thätigkeit der Natürlichen Züchtung vollständig
zu hindern; ich bin jedoch nicht dieser Ansicht. Auf der andern
Seite glaube ich, dass Natürliche Züc'htung immer sehr langsam
wirke, oft erst wieder nach langen Zeilzwischenräumen und ge-
wöhnlich nur bei sehr wenigen Bewohnern einer Gegend zu-
gleich. Ich glaube ferner, dass diese sehr langsame und aus-
setzende Thätigkeit der Natürlichen Züchtung ganz gut demjeni-
gen entspricht, was uns die Geologie in Bezug auf die Ordnung
und Art der Veränderung lehrt, welche die Bewohner dieser
Erde allmählich erfahren haben.
Wie langsam aber auch der Prozess der Züchtung seyn mag ;
wenn der schwache Mensch in kurzer Zeit schon so viel durch
seine künstliche Züchtung thun kann , so vermag ich keine
Grenze für den Umfang der Veränderungen , für die Schönheit
und endlose Verflechtung der Anpassungen aller organischen
124
Wesen an einander und an ihre natürlichen Lebens-Bedingungen
zu erliennen, welche die natürliche Züchtung im Verlaufe uner-
rnesslicher Zeiträume zu bewirken im Stande ist.
Erlöschen.) — Dieser Gegenstand wird in unsrem Ab-
schnitte über Geologie vollständiger abzuhandeln seyn; hier be-
rühren wir ihn nur, insoferne er mit der Züchtung zusammen-
hängt. Natürliche Züchtung wirkt nur durch Erhallung vortheil-
hafter Abänderungen , welche die andern zu überdauern ver-
mögen. Wenn jedoch in Folge des geometrischen Vervielfälti-
gungs-Yermögens aller organischen Wesen jeder Bezirk schon
genügend mit Bewohnern und wenn die meisten Bezirke bereits
mit einer grossen Manchfaltigkeit der Formen versorgt sind , so
muss nothwendig in demselben Grade, in welchem die ausge-
wählte und begünstigte Form an Menge zunimmt, die minder be-
begünstigte allmählich abnehmen und seltener werden. Selten-
werden ist, wie die Geologie uns lehrt, Anfang des Erlöschens.
Man erkennt auch, dass eine nur durch wenige Individuen ver-
tretene Form durch Schwankungen in den Jahreszeiten oder in
der Zahl ihrer Feinde grosse Gefahr gänzlicher Vertilgung läuft.
Doch können wir noch weiter gehen und sagen: wenn neue
Formen langsam aber beständig erzeugt werden, so müssen andre
unvermeidlich fortwährend erlöschen, wenn nicht die Zahl der
specifischen Formen beständig und fast unendlich anwachsen soll.
Die Geologie zeigt uns klärlich, dass die Zahl der Art-Formen
nicht ins Unbegrenzte gewachsen ist, und wir wollen jetzt ver-
suchen nachzuweisen, wohin es komme, dass die Arten-Zahl auf
der Erd-Oberfläche nicht unermesslich geworden ist.
Wir haben gesehen, dass diejenigen Arten, welche die zahl-
reichsten Individuen zählen, die meiste Wahrscheinlichkeit für
sich, innerhalb einer gegebenen Zeit vortheilhafte Abänderungen
hervorzubringen. Die im zweiten Kapitel milgetheilten Thatsachen
können zum Beweise dafür dienen, indem sie zeigen, dass ge-
rade die gemeinsten Arten die grösste Anzahl ausgezeichneter
Varietäten oder anfangender Speeles liefern. Daher werden denn
auch die selteneren Arten in einer gegebenen Periode weniger
rasch umgeändert oder verbessert werden und demzufolge in
125
dem Kampfe mit den umgeänderten Ablautimlingen der gemeine-
ren Arten unterliegen.
Aus diesen verschiedenen Betrachtungen scheint nun unver-
meidlich zu folgen, dass in dem Masse, wie im Laufe der Zeit
neue Arten durch Nalürliche Züchtung entstehen, andre seltener
und seltener werden und endlich erlöschen müssen. Diejenigen
Formen werden natürlich am. meisten leiden,, welche den umge-
änderten und verbesserten am nächsten stehen. Und wir haben
in dem Abschnitte vom Ringen um's Daseyn gesehen, dass es
die miteinander am nächsten verwandten Formen — Varietäten
der nämlichen Art und Arten der nämlichen oder einander zu-
nächst verwandten Sippen sind, die, weil sie nahezu gleichen Bau,
Konstitution und Lebensweise haben, meistens auch in die hef-
tigste Mitbewerbung miteinander gerathen. Wir sehen den näm-
lichen Prozess der Austilgung unter unseren Kultur-Erzeugnissen
vor sich gehen, in Folge der Züchtung verbesserter Formen
durch den Menschen. Ich könnte mit vielen merkwürdigen Be-
legen zeigen, wie schnell neue Rassen von Rindern, Schaafen
und andern Thieren oder neue Varietäten von Blumen die Stelle
der früheren und unvollkommeneren einnehmen. In Yorkshire
ist es geschichtlich bekannt, dass das alte schwarze Rindvieh
durch die Langhorn-Rasse verdrängt und dass diese nach dem
Ausdruck eines landwirthschaftlichen Schriftstellers, wie durch
eine mörderische Seuche von den Kurzhörnern wegggefegt wor-
den ist.
Divergenz des Charakters.) — Das Princip, welches
ich mit diesem Ausdruck bezeichne, ist von hoher Wichtigkeit
für meine Theorie und erklärt nach meiner Meinung verschiedene
wichtige Thatsachen. Erstens gibt es manche sehr ausgeprägte
Varietäten, die, obwohl sie etwas vom Charakter der Speeles an
sich haben, wie in vielen Fällen aus den hoffnungslosen Zwei-
feln über ihren Rang erhellet, doch gewiss viel weniger als
gute und ächte Arten von einander abweichen. Demungeachtet
sind nach meiner Anschauungsweise Varietäten eben anfangende
Speeles. Auf welche- Weise wächst nun jene kleinere Verschie-
denheit zur grössern specifischen Verschiedenheit an? Dass Diess
126
allgemein geschehe, müssen wir aus den fast unzähligen in der
ganzen Natur vorhandenen Arten mit wohl ausgeprägten Varie-
täten schliessen, während Varietäten, die von uns unterstellten
Prototype und Altern künftiger wohl unterschiedener Arten, nur
geringe und schlecht-ausgeprägte Unterschiede darbieten. Wenn
es bloss der sogenannte Zufall wäre, der die Abweichung einer
Varietät von ihren Altern in einigen Beziehungen und dann die
noch stärkere Abweichung des Nachkömmlings dieser Varietät
von jenen Ällern in gleicher Richtung veranlasste, so würde
dieser doch nicht genügen, ein so gewönhnliches und grosses
Maass von Verschiedenheit zu erklären, als zwischen Varietäten
einer Art und zwischen Arten einer Sippe vorhanden ist.
Wir wollen daher, wie ich es bis jetzt zu thun gewöhnt
war, auch diesen Gegenstand mit Hilfe unsrer Kultur-Erzeugnisse
erläutern. Wir werden dabei etwas Analoges finden. Nehmen
wir an , dass die Bildung so weit auseinander laufender Rassen
wie die des Kurzhorn- und des Hereforder-Rindes, des Rasse-
und des Karren-Pferdes, der verschiedenen Tauben-Rassen u. s. w.
durch bloss zufällige Häufung der Abänderungen in einerlei
Richtung während vieler aufeinander folgender Generationen nicht
hätte zu Stande kommen können. Wenn nun aber in der Wirk-
lichkeit ein Liebhaber seine Freude an einer Taube mit merklich
kürzerem und ein anderer die seinige an einer solchen mit viel
längerem Schnabel hätte, so würden sich beide bestreben, da
»Liebhaber Mittelmässigkeiten nicht bewundern, sondern Extreme
lieben« (wie es mit Purzeltauben wirklich der Fall gewesen),
zur Nachzucht Vögel mit immer kürzeren und kürzeren oder
immer längeren und längeren Schnäbeln zu wählen. Eben so
können wir unterstellen, es habe Jemand in früherer Zeit schlan-
kere und ein andrer .Jemand stärkere und schwerere Pferde
vorgezogen. Die ersten Unterschiede werden nur sehr gering
gewesen seyn; wenn nun aber im Laufe der Zeit einige Züch"^
ter fortwährend die schlankeren, und andre ebenso die schwe-
reren Pferde zur Nachzucht erkiesen, so werden die Verschie-
denheiten immer grösser werden und Veranlassung geben zwei
Unterrassen zu unterscheiden, und nach Verlauf von Jahrhun-
127
derten können diese Unlerrassen sich endlich zn zwei wohl
beo-riindeton verschiedenen Rassen ausbilden. Da die Verschie-
denheiten langsam zunehmen, so werden die unvollkommeneren
Thiere von mittlem Cliaraktcr, die weder sehr leicht noch sehr
schwer sind , vernachlässigt worden und sich zum Erlöschen
neio-en. Daher sehen wir dann auch in diesen künstlichen Er-
Zeugnissen des Menschen, dass in Folge des Divergenz-Prinzips,
wie man es nennen könnte, die anfangs kaum bemerkbaren
Verschiedenheiten immer zunehmen und die Rassen immer weiter
unter sich wie von ihren gemeinsamen Stamm-Ältern abweichen.
Aber wie, kann man fragen, lässt sich ein solches Prinzip
auf die Natur anwenden? Ich glaube, dass es schon durch den
einfachen Umstand eine erfolgreiche Anwendung findet (obwohl
ich selbst Diess lange Zeit nicht erkannt habe), dass, je weiter
die Abkömmlinge einer Species in Bau, organischen Verrichtungen
und Lebensweise auseinandergehen, um so besser sie geeignet
seyn werden, viele und sehr verschiedene Stellen im Haushalte
der Natur einzunehmen und somit an Zahl zuzunehmen.
Diess zeigt sich deutlich bei Thieren mit einfacher Lebens-
weise. Nehmen wir ein vierfüssiges Raubthier zum Beispiel,
dessen Zahl in einer Gegend schon längst zu dem vollen Be-
trage angestiegen ist , welches die Gegend zu ernähren vermag.
Hat das ihm innewohnende Vervielfälligungs- Vermögen freies
Spiel, so kann dieselbe Thier-Art (vorausgesetzt dass die Gegend
keine Veränderung ihrer natürlichen Verhältnisse erfahre) nur
dann noch weiter zunehmen, wenn ihre Nachkommen in der
Weise abändern, dass sie allmählich solche Stellen einnehmen
können, welche jetzt andere Thiere schon innehaben, wenn z. B.
einige derselben geschickt werden auf neue Arten von lebender
oder todter Beute auszugehen, indem sie neue Standorte be-
wohnen, Bäume erklimmen, ins Vi^asser gehen oder auch einen
Theil ihrer Raubthier-Natur aufgeben. Je mehr nun diese Nach-^
kommen unsres Raublhieres in Organisation und Lebensweise
auseinandergehen , desto mehr Stellen werden sie fähig seyn in
der Natur einzunehmen. Und was von einem Thiere gilt, das
gilt durch alle Zeiten von allen Thieren, vorausgesetzt, dass sie
128
variiren; denn ausserdem kann Nalürliche Züdilung nichts aus-
richten. Und dasselbe gilt von den Pflanzen. Es ist durch Ver-
suche dargethan worden, dass wenn man eine Strecke Landes
mit Gräsern verschiedener Sippen besäet , man eine grössere
Anzahl von Pflanzen erzielen und ein grösseres Gewicht von
Heu einbringen kann, als wenn man eine gleiche Strecke nur
mit einer Gras-Art ansäet. Zum nämlichen Ergebniss ist man
gelangt, indem man zuerst eine Varietät und dann verschiedene
gemischte Varietäten von Weitzen auf zwei gleich grosse Grund -
Stücke säete. Wenn daher eine Gras-Art in Varietäten ausein-
andergeht und diese Varietäten, unter sich in derselben Weise
verschieden wie die Arten und Sippen der Gräser verschieden
sind, immer wieder zur Nachzucht gewählt werden, so wird
eine grössere Anzahl einzelner Stöcke dieser Gras-Art mit Ein-
schluss ihrer Varietäten auf gleicher Fläche wachsen können, als
zuvor. Bekanntlich streut jede Gras -Art und Varietät jährlich
eine fast zahllose Menge von Saamen aus, so dass man fast
sagen könnte, ihr hauptsächlichstes Streben seye Vermehrung
ihrer Anzahl. Daher zweifle ich nicht daran, dass im Verlaufe
von vielen Tausend Generationen gerade die am weitesten aus-
einander gehenden Varietäten einer Gras-Art immer am meisten
Wahrscheinlichkeit des Erfolges durch Vermehrung ihrer Anzahl
und durch Verdrängung der geringeren Abweichungen für sich
haben; und sind diese Varietäten nun weit von einander ver-
schieden, so nehmen sie den Charakter der Arten an.
Die Wahrheit des Prinzips, dass die grösste Summe von
Leben vermittelt werden kann durch die grösste Difi'erenzirung
der Struktur, lässl sich unter vielerlei natürlichen Verhältnissen
erkennen. Wir stehen auf ganz kleinen Räumen, zumal wenn
sie der Einwanderung ofl'en sind und mithin das Ringen der Ar-
ten mit einander heftig ist, stets eine grosse Manchfaltigkeit von
Bewohnern. So fand ich z. B. auf einem 3' langen und 4' breiten
Stück Rasen, welches viele Jahre lang genau denselben Bedin-
gungen ausgesetzt gewesen, zwanzig Arten von Pflanzen aus
achtzehn Sippen und acht Ordnungen beisammen, woraus sich
ergibt, wie verschieden von einander eben diese Pflanzen sind.
129
So ist es auch mit den Pflanzen und Insekten auf kleinen ein-
förmigen Inseln; und ebenso in kleinen Süsswasser-Behältern.
Die Landvvirthe wissen, dass sie bei einer Rotation mit Pflanzen-
Arten aus den verschiedensten Ordnungen am meisten Futter er-
ziehen können *, und die Natur bietet, was man eine simultane
Rotation nennen könnte. Die meisten Pflanzen und Thiere,
welche rings um ein kleines Grundstück wohnen, würden auch
auf diesem Grundstücke (wenn es nicht in irgend einer Be-
ziehung von sehr abweichender Beschaff'enheit ist) leben können
und streben so zu sagen in hohem Grade darnach da zu leben ;
wo sie aber in nächste Mitbewerbung mit einander kommen, da
sehen wir, dass ihre aus der Differcnzirung ihrer Organisation,
Lebensweise und Konstitution sich ergebenden wechselseitigen
Vorzüge bedingen, dass die am unmittelbarsten mit einander rin-
genden Bewohner im Allgemeinen verschiedenen Sippen und
Ordnungen angehören.
Dasselbe Princip erkennt man , wo der Mensch Pflanzen in
fremdem Lande zu naturalisiren strebt. Man hätte erwarten dür-
fen, dass diejenigen Pflanzen, die mit Erfolg in einem Lande ^
naturalisirt werden können, im Allgemeinen nahe verwandt mit
den Eingeborenen seyen; denn diese betrachtet man gewöhnlich
als besonders für ihre Heimalh geschaffen und angepasst. Eben
so hätte man vielleicht erwartet, dass die naturalisirten Pflanzen
zu einigen wenigen Gruppen gehörten , welche nur etwa gewis-
sen Stationen entsprächen. Aber die Sache verhält sich ganz
anders , und Alphons DeGandolle hat in seinem grossen und
YortrefTlichen Werke ganz wohl gezeigt, dass die Floren durch
Naturalisirung, der Anzahl der eingeborenen Sippen und Arten
gegenüber , weit mehr an neuen Sippen als an neuen Arten
gewinnen. Um nur ein Beispiel zu geben , so sind in Dr. Asa
Gray's »Manual of the Flora of the northern Uniled slates"
260 naturalisirte Pflanzen -Arten aus 162 Sippen aufgezählt.
Wir sehen ferner, dass diese naturalisirten Pflanzen von sehr
verschiedener Natur sind , und auch von dpn eingebornen in
Diess dürfte jedoch der Hauptsache nach einen ganz verschiedenen
Grund hahen. D. Ü.
DARWIN, Entstoliuiig (lor Arten. 9. Aufl. n
130
so ferne nicht abweichen, als aus jenen 162 Sippen nicht we
niger als 100 ganz fremdländisch sind, daher die eingeborene
Flora verhaltnissmässig mehr an Sippen als an Arten bereichert
worden ist.
Berücksichtigt man die Natur der Pflanzen und Thiere,
welche der Reihe nach erfolgreich mit den eingeborenen einer
Gegend gerungen haben und in dessen Folge natnralisirt worden
sind, so kann man eine rohe Vorstellung davon gewinnen, wie
etwa einige die eingeborenen hätten modificirt werden müssen,
um einen Vortheil über die andern eingeborenen zu erlangen :
wir können, wie ich glaube, wenigstens mit Sicherheit schliessen,
dass eine Differenzirung ihrer Struktur bis zu einem zur Bildung
neuer Sippen genügenden Betrage für sie erspriesslich gewe-
sen wäre.
Der Vortheil einer Differenzirung der Eingeborenen einer
Gegend ist in der That derselbe, welcher für einen individuellen
Organismus aus der physiologischen Theilung der Arbeit unter
seine Organe entspringt, ein von Mh.ne Edwards so trePFlicli er-
läuterter Gegenstand. Kein Physiologe zweifelt daran, dass ein
Magen, welcher nur zur Verdauung von vegetabilischer oder von
animalischer Materie allein geeignet ist, die meiste Nahrung aus
diesen Stoffen zieht. So werden auch in dem grossen Haushalte
eines Landes um so mehr Individuen von Pflanzen und Thieren
ihren Unterhalt zu finden im Stande seyn, je mehr dieselben
hinsichtlich ihrer Lebensweise differenzirt sind. Eine Gesellschaft
von Thieren mit nur wenig difPerenzirter Organisation kann
schwerlich mit einer andern von vollständiger difl'erenzirtem
Baue werben. So wird man z. B. bezweifeln müssen, dass die
Australischen Beutelthiere , welche nach Watebhouse's u. A. Be-
merkung, in weniger von einander abweichende Gruppen unter-
schieden, unsere Raiib-Thiere, V\'iederkäuer und Nager vertreten,
im Staude seyn würden, mit diesen wohl ausgesprochenen Ord-
nungen zu werben. In den Australischen Säugethieren erblicken
wir den Prozess der Differenzirung auf einer noch frühen und
unvollkommenen Entwicklungs-Slufe.
Nach dieser vorangehenden Erörterung, die einer grösseren
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Aiistlehriuno- bedürfte, dürfen wir wohl aniielinien, dass die ab-
Geänderten Nachkommen einer Species um so mehr Erfolg haben
werden, je mehr sie in ihrer Organisation differenzirt und hie
durch geeignet seyn werden, sich auf die bereits von andern
Wesen eingenommenen Stellen einzudrängen. Wir wollen nun
zusehen, wie dieses nützliche von der Divergenz des Charakters
abgeleitete Prinzip in Verbindung mit den Prinzipien der Natür-
lichen Züchtung und der Erlöschung zusammenwirke.
Das beigefügte Bild wird uns dienen, diese sehr verwickelte
Frage besser zu begreifen. Gesetzt es bezeichnen die Buchsta-
ben A bis L die Arten einer grossen Sippe in ihrer Heimath-
Gegend; diese Arten gleichen einander in verschiedenen Abstu-
fungen, wie es eben in der Natur der Fall zu seyn pflegt, und
was durch verschiedene Entfernung jener Buchstaben von einan-
der ausgedrückt werden soll. Wir wählen eine grosse Sippe,
weil wir schon im zweiten Kapitel gesehen, dass verhältnissmäs-
sig mehr Arten grosser Sippen als kleiner variiren , und dass
dieselben eine grössere Anzahl von Varietäten darbieten. Wir
haben ferner gesehen, dass die gemeinsten und am weitesten
verbreiteten Arten mehr als die seltenen mit kleinen Wohn-Be-
zirken abändern. Es seye nun A eine gemeine weit verbreitete
und abändernde Art einer grossen Sippe in ihrer Heimath-
Gegend; der kleine Fächer divergirender Punkt-Linien von un-
^ gleicher Länge , welche von A ausgehen , möge ihre variirende
Nachkommenschaft darstellen. Es ist ferner angenommen, deren
Abänderungen Seyen ausserordentlich gering , aber von der
manch faltigsten BeschalTenheit, nicht von gleichzeitiger, sondern
oft durch lange Zwischenzeiten getrennter Erscheinung, und end-
lich von ungleich langer Dauer. Nur jene Abänderungen, welche
in irgend einer Beziehung nützlich sind , werden erhalten und
zur Natürlichen Züchtung verwend(!t. Und hier ist es wichtig,
dass das Prinzip der Nützlichkeit von der Divergenz des Cha-
rakters abgeleitet ist ; denn Diess wird meistens zu den am wei-
testen auseinandergehenden Abänderungen führen (welche durch
unsre punklirten Linien dargestellt sind), wie sie durch Natür-
liche Züchtung erhalten und gehäuft worden. Wenn nun in
9 *
132
unsrein Bilde eine der punklirten Linien eine der wagrechten
Linien erreicht und dort mit einem kleinen numerirten Buchsta-
ben bezeichnet erscheint, so ist angenommen, dass darin eine
Summe von Abänderung gehäuft seye, genügend zur Bildung
einer ganz wohl-bezeichnelen Varietät, wie wir sie der Aufnahme
in ein systematisches Werk werlh achten.
Die Zwischenräume zwischen zwei wagrechten Linien des
Bildes mögen je 1000 (besser wären 10,000.) Generationen ent-
sprechen. Nach 1000 Generationen hätte die Art A zwei ganz
wohl ausgeprägte Varietäten und m^ hervorgebracht. Diese
zwei Varietäten seyen fortwährend denselben Bedingungen aus-
gesetzt, welche ihre Stairunältern zur Abänderung veranlassten,
und das Streben nach Abänderung in ihnen erblich. Sie werden
daher nach weitrer Abänderung und gewöhnlich in derselben Art
und Richtung streben wie ihre Stammältern. Überdiess werden
diese zwei Varietäten, als nur erst wenig modificirte Formen,
streben diejenigen Vorzüge wieder zu erwerben, welche ihren
gemeinsamen Altern A das numerische Übergewicht über die
meisten andern Bewohner derselben Gegend verschafft haben:
sie werden gleicherweise theilnehmen an denjenigen Vortheilen,
welche die Sippe, wozu ihre Stammältern gehört, zur grossen
Sippe ihrer Heimath erhoben. Und wir wissen, dass «alle diese
Umstände zur Hervorbringung neuer Varietäten günstig sind.
Wenn nun diese zwei Varietäten ebenfalls veränderlich sind,
so werden die divergentesten ihrer Abänderungen gewöhnlich
in den nächsten 1000 Generationen fortbestehen. Nach dieser
Zeit, ist in unsrem Bilde angenommen, habe Varietät a^ die
Varietät a^ hervorgebracht, die nach dem Differenzirungs-Prin-
cipe weiter als von A verschieden ist. Varietät m^ hat zwei
andre Varietäten m- und s- ergeben, welche unter sich und noch
mehr von ihrer gemeinsamen Stamm-Form A abweichen. So
können wir den Vorgang lange Zeit von Stufe zu Stufe verfol-
gen und einige der Varietäten von je 1000 zu 1000 Generatio-
nen bald nur eine Abänderung von mehr und weniger abwei-
chender Beschaffenheit, bald auch 2—3 derselben hervorbringen
sehen, während andre keine neuen Formen darbieten. Doch
133
werden gewöhnlich diese Varieliilen oder abgeänderten Nach-
kommen'eines gemeinsamen Stamm-Vaters A im Ganzen immer
zahlreicher werden und immer weiter auseinander laufen. In
dem Bilde ist der Vorgang bis zur zehnlausendston Generation,
— und in einer mehr verdichteten und vereinfachten Weise bis
zur vierzehntausendsten Generation dargestellt.
Doch muss ich. hier bemerken , dass ich nicht der Meinung
bin , dass der Prozess jemals so regelmässig vor sich gehe, als
er im Bilde dargestellt ist, obwohl er auch da schon etwas un-
regolmässig erscheint. Eben so bin ich entfernt nicht der Mei-
nung, dass die am weitesten differirenden Varietäten unabänder-
lich vorherrschen und sich vervielfältigen werden. Oft mag auch
eine Mittelform von langer Dauer seyn und entweder keine oder
mehr als eine in ungleichem Grade abgeänderte Varietät hervor-
bringen ; die Natürliche Züchtung wird immer thätig seyn, je nach
der Beschaffenheit der noch gar nicht oder nur unvollständig von
anderen Wesen eingenommenen Stellen: und Diess wird von
unendlich verwickelten Beziehungen abhängen. Doch werden
der allgemeinen Regel zufolge die Abkömmlinge einer Art um
so mehr geeignet seyn jene Stellen einzunehmen und ihre abge-
änderte Nachkommenschaft zu vermehren, je weiter sie in ihrer
Organisation dilferenzirt sind. In unsrem Bilde ist die Succes-
sions-Linie in regelmässigen Zwischenräumen unterbrochen durch
kleine numerirte Buchstaben, zu Bezeichnung der successiven
Formen, welche genügend unterschieden sind, um als Varietäten
aufgeführt zu werden. Aber diese Unterbrechungen sind nur
eingebildete und hätten anderwärts eingeschoben werden können
nach hinlänglich langen Zwischenräumen für die Häufung eines
ansehnlichen Betrags divergenter Abänderung.
Da alle diese verschiedenartigen Abkömmlinge von einer
gemeinsamen und weit verbreiteten Art einer grossen Sippe an
den gemeinsamen Verbesserungen theilzunehmen streben, welche
den Erfolg ihrer Stamm-Ältern im Leben bedingt haben, so wer-
den sie im Allgemeinen sowohl an Zahl als an Divergenz des
Charakters zunehmen, und Diess ist im Bilde durch die verschie-
denen von A ausgehenden Verzweigungen ausgedrückt. Die ab-
134
geänderten Nachkommen von den letzten und am meisten ver-
bessorten Verzweigungen in den Nachkommenschafts-Linipn wer-
den wahrscheinlich oft die Steile der altern und minder vervoll-
kommneten einnehmen und sie verdrängen, und Diess ist im
Bilde dadurch ausgedrückt, dass einige der untern Zweige nicht
bis zu den obern Horizontallinien hinauf reichen. In einigen
Fällen zweifle ich nicht, dass der Prozess der Abänderung auf
eine einlache Linie der Descendenz beschränkt bleiben und die
Zahl der Nachkommen nicht vermehren wird, wenn auch das
Maass divergenter Modifikation in den aufeinanderfolgenden Ge-
nerationen zugenommen hat. Dieser Fall würde in dem Bilde
dargestellt werden, wenn alle von A ausgehenden Linien bis auf
die von a' bis a^« beseitigt würden. Auf diese Weise sind z. B..
die Englischen Rasse-Pferde und Englischen Windspiele langsam
vom Charakter ihrer Stammform abgewichen, ohne je eine neue
Abzweigung oder Nebenrasse abgegeben zu haben.
Es wird der Fall gesetzt, dass die Art A nach 10,000 Ge-
nerationen drei Formen a^", fio „nd mio hervorgebracht habe,
welche in Folge ihrer Charakter-Divergenz in den aufeinander-
folgenden Generationen weit, doch in ungleichem Grade unter sich
und von ihren Stamm-Ältern verschieden sind. Nehmen wir nur
einen äusserst kleinen Betrag von Veränderung zwischen je zwei
Horizontalen unsres Bildes an, so werden unsre drei Formen nur
bis zur Stufe wohl ausgeprägter Varietäten oder etwa zweifelhaf-
ter Unterarten gelangt seyn; wir haben aber nur nöfhig, uns die
Abstufungen im Änderungs-Prozesse etwas grösser zu denken
um diese Formen in gute Arten zu verwandeln; alsdann drückt
das Bild die Stufen aus, auf welchen die kleinen nur Varietäten
charakterisirenden Verschiedenheiten in grössere schon Arten un-
terscheidende Unterschiede übergehen. Denkt man sich denselben
Prozess in einer noch grösseren Anzahl von Generationen fort-
während (wie es oben im Bilde in zusammengezogener und ver-
einfachter Weise geschehen), so erhalten wir acht von A abstam-
mende Arten mit a^* bis m^-^ bezeichnet. So werden, wie ich
glaube, Arten vervielfältigt und Sippen gebildet.
In einer grossen Sippe variirt wohl mehr als eine Art.
135
Im Bilde habe ich angenommen , dass eine zweite Art I in ana-
locTon Abstufungen nach 10,ÜÜÜ Generationen entweder zwei
wohlbezeichnete Varietäten w^" und x'«, oder zwei Arten hervor-
gebracht habe, je nachdem man sich den Betrag der Yerände-
runo- welclier zwischen zwei wagrechten Linien liegt, kleiner
oder 'grösser denkt. Nach 14,000 Generationen werden nach
unsrer Unterstellung sechs neue durch die Buchstaben n^^-z^^
bezeichnete Arten entstanden seyn. In jeder Sippe werden die
bereits am weitesten in ihrem Charakter auseinander gegange-
nen Arien die grösste Anzahl modificirter Nachkommen hervor-
zubrinoen streben, indem diese die beste Aussicht haben, neue
und weit von einander verschiedene Stellen im Natur-Staate ein-
zunehmen : daher ich im Bilde die extreme Art A und die fast
gleich extreme Art I als die am weitesten auseinander gelaufe-
nen bezeichnete, welche auch zur Bildung neuer Varietäten und
Arten Veranlassung gegeben haben. Die andren neun mit gros-
sen Buchstaben (B-H, K, L) bezeichneten Arten unsrer Stamm-
Sippe mögen sich noch lange Zeit ohne Veränderung fortpflanzen,
was im Bilde durch die punktirten Linien ausgedrückt ist, welche
wegen mangelnden Raumes nicht weiter aufwärts verlängert sind.
Inzwischen dürfte in dem auf unsrem Bilde dargestellten
UmänderuTigs-Prozess noch ein andres unsrer Prinzipien, der der
Erlöschung nämlich, eine wichtige Rolle gespielt haben. Da in
jeder vollständig bevölkerten Gegend Natürliche Züchtung noth-
wendig durch Auswahl der Formen wirkt, welche in dem Kampfe
um's Daseyn irgend einen Vortheil vor den übrigen Formen vor-
aus haben, so wird in den verbesserten Abkömmlingen einer Art
ein beständiges Streben vorhanden seyn, auf jeder ferneren
Stufe ihre Vorgänger und ihren Urslamm zu ersetzen und zu
vertilgen. Denn man muss sich erinnern, dass der Kampf ge-
wöhnlich am heftigsten zwischen solchen Formen ist, welche
einander in Organisation, Konstitution und Lebensweise am
nächsten stehen. Daher werden alle Zwischenformen zwischen
den frühesten und spätesten, das ist zwischen den unvollkommen-
sten und vollkommensten Stufen, sowie die Stamm-Art selbst
zum Erlöschen geneigt seyn. Eben so wird es sich wahrschein-
136
l.ch mit vielen ganzen Seiten-Linien verhalten, wenn sie durch
spatere und vollkommenere Linien bekämpft werden. Wenn da-
gegen die abgeänderte Nachkommenschaft einer Art in einer be
sonderen Gegend aufkommt oder sich irgend einem ganz neuen
Mandorte rasch anpasst, wo Vater und Kind nicht in Mitbewer-
bung gerathen, dann mögen beide fortbestehen.
Nimmt man daher in unsrem Bilde an, dass es ein grosses
Maass von Abänderung vorstelle, so werden die Art A und alle
n-iihern Abänderungen derselben erloschen und durch acht neue
Arten a^^-m^^ ersetzt seyn, und an der Stelle von I werden
sich sechs neue Arten n^*- zU befinden.
Doch gehen wir noch weiter. Wir haben angenommen, dass
die ursprünglichen Arten unsrer Sippe einander in ungleichem
Grade ähnlich seyen, wie Das in der Natur gewöhnlich der Fall
isl; dass die Art A näher mit B, C, D als mit den andern ver-
wandt seye und I mehr Beziehungen mit G, H, K, L als zu den
übrigen besitze ; dass ferner diese zwei Arten A und I sehr ge-
mein und weit verbreitet seyen , indem sie schon anfangs einige
Vorzuge vor den andern Arten derselben Sippe voraus hatten
Ihre modifizirten Nachkommen, vierzehn an Zahl nach 44,000 Ge-
nerationen, werden wahrscheinlich einige derselben Vorzüge ge-
erbt haben; auch sind sie auf jeder weiteren Stufe der Forlpflan-
^«ng in einer divergenten Weise abgeändert und verbessert wor-
den, so dass sie sich zur Besetzung vieler passenden Stellen im
Natur-Haushalte ihrer Gegend eignen. Es scheint mir daher äus-
serst wahrscheinlich, dass sie nicht allein ihre Altern A und I
ersetzt und vertilgt haben, sondern auch einige andre diesen zu-
nächst verwandte ursprüngliche Spezies. Es werden daher nur
sehr wenige der ursprünglichen Arten sich bis in die vierzehn-
tausendste Generation fortgepflanzt haben. Wir nehmen an, dass
nur eine von den zwei mit den übrigen neun weniger nahe ver-
wandten Arten, närnlich F, ihre Nachkommen bis zu dieser spä-
ten Generation erstrecke.
Der neuen von den eilf ursprünglichen Arten unsres Bildes
abgeleiteten Spezies sind nun fünfzehn. Dem divergenten Streben
der Natürlichen Züchtung gemäss, muss der äusserste Betrag von
137
Cliarakler-Verschiedenlieit zwischen den Arien a^-^ und z^"* viel
irrüssei- als zwischen den unter sich verschiedensten der ursprüng-
lichen eilf Arten seyn^ Überdiess werden die neuen Arten in
sehr ungleichem Grade mit einander verwandt seyn. Unter den
acht Nachkommen von A mögen die drei a^"*, q'* und p^-^ näher
beisammen stehen, weil sie sich erst spät von a^» abgezweigt
haben, wogegen b^-^ und p-^ als alte Abzweigungen von a^ etwas
mehr von jenen drei entfernt sind; und endlich mögen o^*, e^-*
und m'^ zwar unter sich nahe verwandt seyn, aber als Seiten-
zweige seit dem ersten Beginne des Abänderungs-Prozesses weit
von den andern fünf Arten abstehen und eine besondere Unter-
sippe oder sogar eine eigne Sippe bilden.
Die sechs Nachkommen von I mögen zwei Subgenera oder
selbst Genera bilden. Da aber die Stauim-Art I weit von A
entfernt, fast am andern Ende der Arten-Reihe der ursprüng-
lichen Sippe steht, so werden diese sechs Nachkommen durch
Vererbung beträchtlich von den acht Nachkommen von A ab-
weichen, indem überdiess angenommen worden, dass diese zwei
Gruppen sich in auseinander weichenden Richtungen verändert
haben. Auch sind die mittlen Arten, welche A mit I verbunden
(was sehr wichtig ist zu beachten), mit Ausnahme von F erlo-
schen, ohne Nachkommenschaft zu hinterlassen. Daher die sechs
neuen von I entsprossenen und die acht von A abgeleiteten
Spezies sich zu zwei sehr verschiedenen Sippen oder sogar Un-
terfamilien erhoben haben dürften.
So kommt es, wie ich meine , dass zwei oder mehr Sippen
durch Abänderung aus zwei oder mehr Arten eines Genus ent-
springen können. Und von den zwei oder mehr Stamm-Arten
ist angenommen worden , dass sie von einer Art einer früheren
Sippe herrühren. In unsrem Bilde ist Diess durch die gebroche-
nen Linien unter den grossen Buchstaben A — L angedeutet,
welche abwärts gegen je einen Punkt konvergiren. Diesser Punkt
stellt eine einzelne Spezies, die unterstellte Stamm-Art aller
unsrer neuen Subgenera und Genera vor.
Es ist der Mühe werth, einen Augenblick bei dem Charakter
der neuen Art k^"^ zu verweilen, von welcher angenommen wird,
138
dass sie ohne grosse Divergenz zu erfahren, die Form von F
unverändert oder mit nur geringer Abänderung ererbt habe. Ihre
Verwandtschaften zu den andern vierzehn neuen Arten werden
ganz sonderbar seyn. Von einer zwischen den zwei Stamm-Arten
A und I stehenden Spezies abstammend, welche aber jetzt er-
loschen und unbekannt sind, wird sie einigermassen das Mittel
zwischen den zwei davon abgeleiteten Arten- Gruppen halten. Da
aber beide Gruppen in ihren Charakteren vom Typus ihrer Stamm-
Aitern auseinandergelaufen sind, so wird die neue Art fI-* das
Mittel nicht unmittelbar zwischen ihnen , sondern vielmehr zwi-
schen den Typen beider Gruppen halten ; und jeder Naturforscher
dürfte im Stande seyn, sich ein Beispiel dieser Art ins Gedächt-
niss zu rufen.
In dem Bilde entspricht nach unsrer bisherigen Annahme
jeder Abstand zwischen zwei Horizontalen lausend Generationen;
lassen wir ihn jedoch für eine Million oder hundert Millionen
von Generationen und zugleich einem entsprechenden Theile der
Schichtenfolge unsrer Erd Rinde mit organischen Resten gelten!
In unsrem Kapitel über Geologie werden wir wieder auf diesen
Gegenstand zurückkommen und werden dann hoffentlich finden,
dass unser Bild geeignet ist Licht über die Verwandtschaft er-
loschener Wesen zu verbreiten, die, wenn auch im Allgemeinen
zu denselben Ordnungen, Familien oder Sippen wie ein Theil
der jetzt lebenden gehörig, doch in ihrem Charakter oft in ge-
wissem Grade das Mittel zwischen jetzigen Gruppen halten ; und
man wird diese Thatsache begreiflich finden, da die erloschenen
Arten in sehr frühen Zeiten gelebt, wo die Verzweigungen der
Nachkommenschaft noch wenig auseinander gegangen waren.
Ich finde keinen Grund , den Verlauf der Abänderung , wie
er bisher auseinander gesetzt worden, blos auf die Bildung der
Sippen zu beschränken. Nehmen wir in unsrem Bilde den von
jeder successiven Gruppe auseinander - strahlender Punktlinien
dargestellten Betrag von Abänderung sehr hoch an, so M'erden
die mit a'* bis mit h^^ bis und mit o^-* bis m^-* be-
zeichneten Formen drei sehr verschiedene Genera darstellen.
Wir werden dann zwei von I abgeleitete sehr verschiedene
139
Sippen haben, und da diese zwei Sippen, in Folge sowohl einer
lortdauernden Divergenz des Charakters als der Beerbung zweier
verschiedener StainniviUer , sehr weil von den von A hergelei-
teten drei Sippen abweichen, so werden die zwei kleinen Sippen-
Gruppen je nach dem Maasse der vom Bilde dargestellten diver-
genten Abänderung zwei verschiedene Familien oder selbst Ord-
nuno-en bilden. Und diese zwei neuen Familien oder Ordnun-
gen leiten sich von zwei Arten einer Stamm-Sippe her, die selbst
wieder einer Speeles eines viel alteren und noch unbekannten
Genus entsprossen seyn dürfte.
Wir haben gesehen, dass es in jeder Gegend die Arten der
grössern Sippen sind, welche am öftesten Varietäten oder neue
anfangende Arten bilden. Diess war in der That zu erwarten;
denn, wenn die Natürliche Züchtung durch eine im Rassenkampf
vor den andern bevorzugte Form wirkt, so wird sie hauptsäch-
lich auf diejenigen wirken, welche bereits einige Vortheile voraus
haben; und die Grösse einer Gruppe zeigt, dass ihre Arten von
einem gemeinsamen Vorgänger einige Vorzüge gemeinschaftlich
ererbt haben. Daher der Wetlkampf in Erzeugung neuer und
abgeänderter Sprösslinge hauptsächlich zwischen den grösseren
Gruppen stattfinden wird, welche sich alle an Zahl zu vergrös-
sern streben. Eine grosse Gruppe wird nur langsam eine andre
grosse Gruppe überwinden, deren Zahl verringern und so deren
Aussicht auf künftige Abänderung und Verbesserung vermindern.
Innerhalb einer und derselben grossen Gruppe werden die neue-
ren und höhei- vervollkommneten Untergruppen immer bestrebt
seyn, durch Verzweigung und durch Besetzung von möglichst
vielen Stellen im Staate der Natur die früheren und minder ver-
vollkommneten Untergruppen allmählich zu verdrängen. Kleine
und unterbrochene Gruppen und Untergruppen neigen sich immer
mehr dem gänzlichen Verschwinden zu. In Bezug auf die Zu-
kunft kann man vorhersagen, dass diejenigen Gruppen organi-
scher Wesen, welche jetzt gross und siegreich und am wenig-
sten durchbrochen sind, d. h. bis jetzt am wenigsten durch Er-
löschung gelitten haben, noch auf lange Zeit hinaus zunehmen
werde. Welche Gruppen aber zuletzt vorwalten werden, kann
140
niemand vorhersagen; denn wir wissen, dass viele Gruppen von
ehedem sehr aiisgedeliiiler Entwickelung heutzutage erloschen
sind. Bücken wir noch weiter in die Zukunft hinaus, so lässt
sich voraussehen, dass in Folge der fortdauernden und steten
Zunahme der grossen Gruppen eine Menge kleiner gänzlich er-
löschen wird ohne abgeänderte Nachkommen zu hinterlassen, und
dass demgemäss von den zu irgend einer Zeit lebenden Arten
nur äusserst wenige ihre Nachkommenschaft bis in eine ferne
Zukunft erstrecken werden. Ich will in dem Kapitel über KUis-
siflkation auf diesen Gegenstand zurückkommen und hier nur
noch bemerken, dass nach der Ansicht, dass nur äusserst we-
nige der ältesten Spezies uns Abkömmlinge hinterlassen haben
und die Abkömmlinge von einer und derselben Spezies heutzu-
tage eine Klasse bilden, uns begreiflich werden muss, warum
es in jeder Hauptabtheilung des Pflanzen- und Thier-Reiches
nur sehr wenige Klassen gebe. Obwohl indessen nur äusserst
wenige der ältesten Arten noch jetzt lebende veränderte Nach-
kommen hinterlassen haben, so mag doch die Erde in den älte-
sten geologischen Zeit-Abschnitten eben so bevölkert gewesen
seyn mit zahlreichen Arten aus manchfaltigen Sippen, Familien,
Ordnungen und Klassen, wie heutigen Tages.
Ein ausgezeichneter Naturforscher hat dagegen eingewendet,
die fortwährende Thätigkeit der Züchtung, mit Divergenz des
Charakters verbunden, müsse zu einer endlosen Menge von Ar-
ten-Formen führen. Was die blos unorganischen Bedinaunu-en be-
o DO
triirt, so würde allerdings wahrscheinlich eine genügende Anzahl
von Arten allen erheblicheren Verschiedenheiten von Wärme,
Feuchtigkeit u. s. w. angepasst werden können ; ich nehme aber
an, dass die Wechselbeziehungen der organischen Wesen zu
einander bei weitem die wichtigsten sind, und wenn die Zahl
der Arten in einer Gegend in Zunahme begriffen ist, so werden
die organischen Lebens-Bedingungijn immer verwickelter werden.
Anfänglich scheint es daher wohl, als gebe es keine Grenze
lür den Betrag nützlicher Dilferenzirung der Organisation und
daher keine Grenze für die Anzahl der möglicher Weise hervor-
zubringenden Arten. Es ist uns nicht bekannt, dass selbst das
141
fruchtbarste Land-Gebiet mit organischen Formen vollständig be-
setzt seye, da ja selbst am Cap der guten Hoffnung, das eine
so erstaunliche Arten-Zahl hervorbringt, noch viele Europäische
i^flanzen naturalisirt worden sind. Die Geologie lehrt uns jedoch,
dass wenigstens innerhalb der unermesslichen Tertiär-Periode die
Arten Zahr der Konchylien und wahrscheinlich auch der Säug-
thiere bis daher nicht vergrössert worden ist. Was hemmt nun
dieses Wachsthum der Arten-Zahl ins Unendliche? Erst^^ns muss
der Betrag des auf einem Gebiete unterhaltenen Lebens (ich
meine damit nicht die Zahl der spezifischen Formen) eine Grenze
haben, da es ja in so reichlichem Masse von physikalischen Be-
dingungen abhängt; wo daher viele Arten erhalten werden rnüs-
sen*^ da werden sie alle oder meistens arm an Individuen seyn ;
und eine Art mit wenigen Individuen wird in Gefahr seyn durch
zufällige Schwankungen in der Beschaffenheit der Jahres-Zeiten
und in der Zahl ihrer Feinde zu erlöschen. Die Austilgung wird
in solchen Fällen rasch erfolgen, während neue Arten immer nur
langsam nachkommen. Man denke sich den äussersten Fall, es
gebe in England so viele Arten als Individuen, so wird der erste
strenge Winter oder trockne Sommer Tausende und Tausende
von Arten vertilgen, und Individuen von andern Arten werden
ihre Stelle einnehmen. Zweitens vermuthe ich, dass, wenn einige
Arten sehr selten werden, es in der Regel nicht nahe Verwandte
seyn werden, welche sie zu verdrängen streben ; wenigstens haben
einige Autoren gemeint, dass Diess bei dem Rückgang des Auer-
ochsen in Lühauen, des Edelhirschs in Scholtlatid und des Bären
in Norwegen in Betracht komme. Ddüfißs, was die Thiere im
Besondern betrifft, so sind einige Arten ganz dazu gemacht, sich
von irgend einem andern Wesen zu nähren; wenn dieses aber
selten geworden, so wird es nicht zum Vortheil jener Thiere
seyn, dass sie in so enger Beziehung zu einer Nahrung gestan-
den, nnd sie werden nicht mehr durch Natürliche Züchtung ver-
mehrt werden. Viertens, wenn irgend welche Arten arm an In-
dividuen werden, so wird der Vorgang der Umbildung langsamer
seyn, weil die Möglichkeit vortheilhafler Abänderung verringert
ist. Wenn wir daher eine von sehr vielen Arten bewohnte
142
Gegend annehmen, so müssen alle oder die meisten Arien arm an
Individuen seyn und wird demnach der Prozess der Umänderung
und Bildung neuer Formen verzögert werden, ^^iinftens, und wie
ich glaube, ist Diess der wichtigste Punkt, wird eine herrschende
Art, welche schon viele Mitbewerber in ihrer eignen Heimatli
verdrängt hat, sich auszubreiten und noch viele andre zu er-
setzen streben. Alpiions DeCandolle hat nachgewiesen, dass die-
jenigen Arten, welche sich wei« verbreiten, gewöhnlich streben
sich sehr weit auszubreiten; sie werden folglich mehre andre
in verschiedenen Gegenden auszutilgen streben: und Diess hemmt
die ungeordnete Zunahme von Arten-Formen auf der ganzen
Erd-Oberfläche. Hooicer hat neuerlich gezeigt, dass in der süd-
östlichen Ecke Australiens, wo es viele Einwanderer aus allerlei
Weltgegenden zu geben scheint, die eigenthümlich Ausstralischen
Arten an Menge sehr abgenommen haben. Ich wage nicht zu
bestimmen, wie viel Gewicht diesen mancherlei Ursachen beizu-
legen seye; aber ich glaube, dass sie alle zusammen genommen
in jeder Gegend das Streben nach unendlicher Vermehrung der
Arten-Formen beschränken müssen.
Über dieStufe, bis zu welcher d i e Or ga nis a tion
sich zu erheben strebt.) Natürliche Züchtung wirkt, wie
wir gesehen haben, ausschliesslich durch Erhaltung und Zusam-
mensparung solcher leichten Abweichungen, welche dem Geschöpfe,
das sie betreffen, unter den organischen und unorganischen Be-
dingungen des Lebens, von welchen es in aufeinanderfolgenden
Perioden abhängig ist, nützlich sind. Das Endergebniss wird seyn,
dass jedes Geschöpf einer immer grösseren Verbesserung den
Lebens-Bedingungen gegenüber entgegenstrebt. Diese Verbesse-
rung dürfte unvermeidlich zu der stufenweisen Vervollkommnung
der Organisation der Mehrzahl der über die ganze Erd-Oberfläche
verbreiteten Wesen führen. Doch kommen wir hier auf einen
sehr schwierigen Gegenstand, indem noch kein Naturforscher eine
allgemein befriedigende Definition davon gegeben hat, was unter
Vervollkommnung der Organisation zu verstehen seye. Bei den
Wirbelthieren kommt deren geistige Befähigung und Annäherung
an den Körper-Bau des Menschen offenbar mit in Betracht. Man
143
möchte glauben, dass die Grösse der Voränderungen, welche die
verschiedenen Theile und Organe während ihrer Entwickelung
vom Einbryo-Zu5\tfinde an bis zum reifen Alter zu durchlaufen
haben, als ein Anhalt bei der Vergleichung dienen könne; doch
kommen Fälle vor. wie bei gewissen parasitischen Krustern , wo
mehre Theile des Körper-Baues unvollkommener und sogar mon-
strös werden, so dass man das reife Thier nicht vollkommener
als seine Larve nennen kann. ,,Von Baer's Maassfab scheint noch
der beste und allgemeinst anwendbare zu seyn , nämlich das
IVIaass der Differenzirung der verschiedenen Theile (»im reifen
Alter dürfte wohl beizusetzen seyn) und ihre Anpassung zu
verschiedenen Verrichtungen, oder die Vollständigkeit der Thei-
lung in die physiologische Arbeit, wie Milne Edwards sagen
würde. Wir werden aber leicht ersehen, wie schwierig die
wirkliche Anwendung jenes Kriteriums ist, wenn wir wahrneh-
men, dass bei den Fischen z. B. die Haie von einem Theile der
Naturforscher als die voUkonunensten angesehen werden , weil
sie den Reptilien am nächsten stehen, während andre den ge-
wöhnlichen Knochen-Fischen (Teleosli) die erste Stelle anweisen,
weil sie die ausgebildetste Fisch-Form haben und am meisten
von allen andern Vertebraten abweichen *. Noch deutlicher er-
kennen wir die Schwierigkeit , wenn wir uns zu den Pflanzen
wenden, wo der von geistiger Befähigung hei'genommene Maas-
stab ganz wegfällt: und hier stellen einige Botaniker diejenigen
Pflanzen am höchsten , welche sämmtliche Organe , wie Kelch-
und Kronen.Blätter. Staubfäden und Staubwege in jeder Blüthe
vollständig entwickelt besitzen , während Andre wohl mit mehr
Recht jene für die vollkommensten erachten, deren verschiedenen
Organe stärker metamorphosirt und auf geringere Zahlen zurück-
geführt sind.
Nehmen wir die Differenzirung und Spezialisirung der ein-
Hier ist ein Missverständniss. Aus den zwei zulelzl genannten Grün-
den könnten die Knoctien- Fische die ..vollltoniniensten Fisclie," al)er niclit
die „vollkommensten l'^sclio" scyn , d. Ii. den Typus der Fische über
nicht die Volikoninienhcil am besten repriisentiren. Die Knochen-Fische sind
aber vollkommenere Fische aus andern Gründen. D. i'bs.
144
zelnen Organe als den besten Maasslab der organischen Voll-
kommenheit der Wesen im ausgewachsenen Zustande an (was
mithin auch die fortschreitende Entwickelung dos Gehirnes für
die geistigen Zwecke mit in sich begreift) . so inuss die Natür-
liche Züchtung offenbar zur Vervollkommnung führen : denn alle
Physiologen geben zu, dass die Spezialisirung seiner Organe, in-
soferne sie in diesem Zustande ihre Aufgaben besser erfüllen,
für jeden Organismus von Vortheil ist: und daher liegt Häufung
der zur Spezialisirung führenden Abänderungen im Zwecke der
Seile ist es aber auch,
unter Berücksichtigung, dass alle organischen Weesen sich in
raschem Verhältnisse zu vervielfältigen und jeden schlecht be-
setzten Platz im Hausstande der Natur einzunehmen streben, der
Natürlichen Züchtung wohl möglich, ein organisches Weesen sol-
chen Verhältnissen anzupassen, wo ihnen manche Organe nutz-
los und überflüssig sind, und dann findet ein Rückschritt auf der
Stufenleiter der Organisation (eine rückschreitende Metamor-
phose) statt. Ob die Organisation im Ganzen seit den frühesten
geologischen Zeiten bis jetzt fortgeschritten seye, wird zweck-
mässiger in unserem Kampf über die geologische Aufeinander-
folge der W^esen zu erörtern seyn.
Dagegen kann man einwenden, wie es denn komme, dass,
wenn alle organischen Wesen von Anfang her fortwährend be-
strebt gewesen sind , höher auf der Stufenleiter emporzusteigen,
auf der ganzen Erd-Oberfläche noch eine Menge der unvollkom-
mensten Wesen vorhanden sind, und dass in jeder grossen
Klasse einige Formen viel höher als die andern entwickelt sind ?
Und warum haben diese viel höher ausgebildeten Formen nicht
schon überall die minder vollkommenen ersetzt und vertilgt? La-
MAHCK, der an eine angeborene und unumgängliche Neigung zur
Vervollkommnung in allen Organismen glaubte, scheint diese
Schwierigkeit so sehr geftihlt zu haben, dass er sich zur An-
nahme veranlasst sah, einfache Formen würden überall und fort-
während durch Generatio spontanea neu erzeugt. Ich habe kaum
nöthig zu sagen, dass die Wissenschaft auf ihrer jetzigen Stufe
die Annnhme, dass lebende Geschöpfe jetzt irgendwo aus unor-
145
ganischer Materie erzeugt werden , keineswegs gestattet. Nach
meiner Theorie dagegen bietet das gegenwärtige Vorhandenscyn
niedrig organisirter Thiere keine Schwierigkeit dar; denn die
Natürliche Züchliing schliesst denn doch kein nothwendiges und
allgemeines Gesetz fortschreitender Entwicklung ein; sie benützt
nur solche Abänderungen, die für jedes Wesen in seinen ver-
wickelten Lebens-Beziehungen vortheilhaft sind. Und nun kann
man fragen, welchen Vortheil (so weit wir urtheilen können)
ein Infusorium, ein Eingeweidewurm, oder selbst ein Regenwurm
davon haben könne, hoch organisirt zu seyn? Haben sie keinen
Yortheil davon, so werden sie auch durch Natürliche Züchtung
wenig oder gar nicht vervollkommnet werden und mithin für un-
endliche Zeiten auf ihrer tiefen Organisations-Slufe stehen blei-
ben. In der That lehrt uns die Geologie, dass einige der tief-
sten Formen von Infusorien und Rhizopoden schon seit uner-
messlichen Zeiten nahezu auf ihrer jetzigen Stufe stehen. Dem-
ungeachtet möchte es voreilig seyn anzunehmen, dass einige der
jetzt vorhandenen niedrigen Lebenformen seit den ersten Zeiten
ihres Dascyns keinerlei Vervollkommnung erfahren hätten; denn
jeder Naturforscher , der je welche von diesen Organismen zer-
gliedert hat, welche jetzt als die niedrigsten auf der Stufenleiter
der Natur gelten, muss oft über deren wunderbare und herrliche
Organisation erstaunt gewesen seyn.
. Nahezu dieselben Bemerkungen lassen sich hinsichtlich der
grossen Verschiedenheit zwischen den Graden der Organisations-
Höhe innerhalb fast jeder grossen Klasse mit Ausnahme jedoch
der Vögel machen ; so hinsichtlich des Zusammenslehens von
Säugthieren und Fischen bei den VV^irbelthieren, oder von Mensch
und Ornithorhynchus bei den Säugethieren, von Hai und Amphio-
xus bei den Fischen, indem dieser letzte Fisch in der äussersten
Einfachheit seiner Organisation den Wirbel-losen Thieren ganz
nahe kommt. Aber Säuglhiere und Fische gerathen kaum in
Mitbewerbung miteinander ; die hohe Stellung gewisser Säuglhiere
oder auch der ganzen Klasse auf der obersten Stufe der Orga-
nisation treibt sie nicht die Stelle der Fische einzunehmen und
diese zu unterdrücken. Die Physiologen glauben, das Gehirn
Darwin, EnUteUung der Arten. 2. Aufl. |q '
146
müsse mit warmem Blute gebadet werden , um seine höchste
Thätiglicit zu entfalten, und dazu ist Luft-Respiration nothwendig,
so dass warm-bliilige Säugthiere, wenn sie das Wasser bewohnen,
den Fischen gegenüber sogar in gewissem Nachtheile sind. Eben
so wird in dieser Klasse die Familie der Haie wahrscheinlich nicht
geneigt seyn, den Amphioxus zu ersetzen ; und dieser wird allem
Anscheine nach seinen Kampf um's Daseyn mit Gliedern der
Wirbel-losen Thier-Klassen auszumachen haben. Die drei unter-
sten Säugthier-Ordnungen 5 die Beutellhiere , die Zahnlosen und
die Nager bestehen in Süd-Amerika in einerlei Gegend beisam-
men mit zahlreichen Affen. Obwohl die Organisation im Ganzen
auf der ganzen Erde in Zunahme begriffen seyn kann . so bildet
die Stufenleiter der Vollkommenheit doch noch alle Abstufungen
dar: denn die hohe Organisations - Stufe gewisser Klassen im
Ganzen oder einzelner Glieder dieser Klasse führen in keiner
Weise nothwendig zum Erlöschen derjenigen Gruppen, mit wel-
chen sie nicht in nahe Bewerbung treten. In einigen Fällen
scheinen tief organisirte Formen, wie wir hernach sehen werden,
sich bis auf den heutigen Tag erhalten zu haben, weil sie eigen-
Ihüinliche abgesonderte Wohnorte ohne alle erhebliche Mitbewer-
bung hatten , und wo auch sie selbst keine Fortschritte in der
Organisation machten, weil ihre eigne geringe Individuen-Zahl der
Bildung neuer vortheilhafter Abänderungen keinen Vorschub leistete.
Endlich glaube ich, dass das Vorkommen zahlreicher niedrig
organisirter Formen aus allen Thier- und Pflanzen-Klassen über
die ganze Erd-Oberfläche von verschiedenen Ursachen herrühre.
In einigen Fällen mag es an vortheilhaften Abänderungen gefehlt
haben, mit deren Hilfe die Natürliche Züchtung zu wirken und
veredeln vermocht hätte. In keinem Falle vielleicht ist die Zeit
ausreichend gewesen, um das Höchste in möglichster Vervoll-
kommnung zu leisten. In einigen wenigen Fällen kann auch so-
genannte »rückschreitende Organisation« eingetreten seyn. Aber
die Hauptsache liegt in dem Umstände, dass unter sehr einfachen
Lebens-Bedingungen eine hohe Organisation ohne Nutzen, son-
dern vielleicht sogar nachtheilig seyn kann, weil sie zarter, em-
pfindlicher und leichter zu beschädigen ist.
147
Eine weitere Schwieriglceit , welche der so eben besproche-
nen gerade entoegcngesetzt ist, ergibt sich noch . wenn wir auf
die Morgen röthe des Lebens zurückblicken, wo -alle organischen
Wesen, nach unsrer Vorstellung, noch die einfachste Struktur
besassen: wie konnten da die ersten Fortschritte in der Vervoll-
kommnung, in der Differenzirung und Spezialisirung der Organe
beginnen? Ich vermag darauf keine genügende Antwort zu geben,
sondern nur zu sagen, dass wir nicht im Besitz leitender That-
sachen sind, wesshalb alle unsre Spekulationen in dieser Bezie-
huno- ohne Boden und ohne Nutzen sind. Es wäre jedoch ein
Fehler zu unterstellen, dass kein Kampf um's Daseyn und mithin
keine Natürliche Zuchtwahl stattgefunden habe, bis es erst vie-
lerlei Foijnen gegeben. Abänderungen einer einzelnen Art auf
einem abgesonderten Standorte mögen vortheilhaft gewesen seyn
und durch ihre Erhaltung entweder die ganze Masse von Indi-
viduen umgestaltet oder die Entstehung zweier verschiedenen
Formen vermittelt haben. Doch ich muss auf Dasjenige zurück-
kommen, was ich schon am Ende der Einleitung ausgesprochen,
dass sich nämlich Niemand wundern darf, wenn jetzt noch vieles
in der Entstehung der Arten unerklärt bleiben muss, da wir in
gänzlicher Unwissenheit über die Wechselbeziehungen' der Erd-
bewohner während so vieler verflossenen Perioden ihrer Ge-
schichte sind.
Es wird hier der geeigneiste Ort seyn. auf verschiedene Ein-
reden zu antworten , die man gegen meine Anschauungs-Weise
erhoben hat, indem das Folgende durch ihre vorgängige Erörte-
rung klarer werden wird. Man hat hervorgehoben, dass, da
keine der seit 3000 Jahren bekannten Pflanzen- und Thier-Arten
Ägyptens in der Zwischenzeit sich verändert habe, solche Ver-
änderungen wahrscheinlich auch in anderen Welttheilen nicht er-
folgt Seyen. Die vielen Thier- Arten, welche seit dem Beginne
der Eis-Zeit unverändert geblieben , bieten eine noch weit trifti-
gere Einrede dar, indem dieselben einem grossen Klima-Wechsel
ausgesetzt gewesen und über grosse Erd-Strecken zu wandern
genöthigt waren, während in Ägypten die Lebens-Bedingungen
in den letzten 3000 Jahren durchaus die nämlichen blieben.
10*
148
Diese von der Eis -Zeit entliehene Tlialsache kann Denjenigen
entgegengestellt werden, welche an das Daseyn eines den Or-
ganismen angeborenen Gesetzes nolhwendiger Fortentwickelung
glauben, vermag aber nichts gegen die Lehre von der Natür-
lichen Züchtung zu beweisen, welche nur verlangt, dass gele-
gentlich entstandene Abänderungen einer Spezies unter günstigen
Bedingungen erhalten werden. Es fragt daher Mr. Fawcett ganz
richtig, was man wohl von einem Menschen denken würde, wel-
cher behauptete, dass, weil der Montblanc und die übrigen Alpen-
Gipfel seit 3000 Jahren genau dieselbe Höhe wie jetzt einnahmen,
sie sich niemals langsam gehoben haben, und dass demnach auch
die Höhe andrer Gebirge in anderen Weltgegenden neuerlich
keine Veränderung erfahren haben können.
Man hat mir ferner eingewendet, wenn die Natürliche Züch
tung so gewaltig seye , wie es denn komme , dass nicht dieses
oder jenes Organ in neuerer Zeit verändert oder verbessert
worden seye? warum sich nicht der Rüssel der Honigbiene so
weit verlängert habe, um auch den Nektar im Grunde der rothen
Kleeblüthe zu erreichen ? warum der Strauss nicht Flug- Vermögen
erlangt habe ? Aber angenommen, dass diese Organe in der Lage
waren in der gehörigen Richtung zu variiren, angenommen, dass
trotz Zwischenpaarung und Neigung zur Rückkehr die Zeit für
das langsame Werk der Natürlichen Züchtung genügt habe, wer
vermag dann zu behaupten, dass er die Naturgeschichte irgend
eines organischen Wesens genügend kenne, welche besondere
Veränderung ihm zum Vortheil gereichen würde ? Können wir
z. B. mit Gewissheit sagen , dass ein langer Rüssel nicht der
Honigbiene beim Aussaugen des Honigs aus so vielen andern von
ihr besuchten Blüthen hinderlich werden würde ? Können wir be-
haupten, dass nicht ein längerer Rüssel auch eine Vergrösserung
andrer Mund-Theile erheischen würde, die mit ihrer Verwendung
zum feineren Zellen-Bau im Widerspruch stände. Was den Strauss
betrifft, so lässt sich alsbald einsehen, dass dieser Vogel der
Wüste eine ausserordentliche Zulage zu seiner täglichen Futter-
Ration nöthig haben würde, um seinen grossen und schweren
149
Körper durch die Luft zu tragen. Doch sind Einwände solcher
Art kaum einer Widerlegung werth.
Der ersten Deutschen Übersetzung meines Buches hat Pro-
fessor Bronn einige Zusätze einverleibt, theils Einreden und theils
Bemerkungen zu Gunsten meiner Ansicht. Unter den ersten
sind einige nicht wesentlicher Art , andere beruhen auf Missver-
sländniss, und noch andere sind nur da und dort in dein Buche
eingestreut. In der irrthümlichen Voraussetzung, dass alle Arten
einer Gegend einer gleichzeitigen Veränderung unterworfen seyn
sollen *, fragt er mit Recht, wie es denn komme, dass nicht alle
Leben-Formen eine immer schwankende unentwirrbare Masse bilden?
Für unsere Theorie aber genügt es schon, wenn nur einige wenige
Formen zu gleicher Zeit abändern, und es wird nicht Viele geben,
die Diess iäugnen. Er fragt ferner, wie ist es möglich, dass
eine Varietät in zahlreichen Individuen unmittelbar neben der
älterlichen Art soll leben können, da ja die Individuen dieser Va-
rietät auf dem Wege durch alle ihre vielzähligen Entwickelungs-
Stufen hindurch sich beständig wieder mit der urälterlichen
Stamm-Form mischen und neue Zwischenglieder bilden und end-
lich wohl die reine Stamm-Form selbst verdrängen mussten, statt
dass beide ohne Vermittlung neben einander fortleben? Wenn
Varietät und Stamm-Art zu einer etwas verschiedenen Lebens-Weise
geschickt geworden sind, so mögen sie wohl miteinander leben
können; bei den Thieren aber, die sich frei umher bewegen,
scheinen die verschiedenen Varietäten in der Regel auch wieder
auf verschiedene Örtlichkeiten beschränkt zu seyn. Ist es aber
dann der Fall, dass Varietäten von Pflanzen und niederen Thieren
oft in Menge neben den älterlichen Formen fortleben? Lässt man
Diese Voraiisselzung ist keinesweges von uns gcniachl worden und
ist für unsre Einrede auch durchaus nicht nölhig; wir haben uns vielmehr
ausdrücklich auf einzelne Arten von Ratten und Kaninchen als Beispiele be-
rufen , um an ihnen unsre Meinung zu erläutern. — Wir sehen auch noch
jetzt nicht ein, wesshalb, wenn kleine Verschiedenheiten in die äusseren
Existenz-Bedingungen (A und C) dem Fortkommen kleiner Verschiedenheiten
in der Organisation (A und C) günstig sind , nicht auch mittle Verschieden-
heiten der ersten (h) , welche ja in der Regel nicht fehlen, nicht auch das
F'ortkommen von B gestatten sollten Bu.
150
die polyinorplien Arten bei Seite, deren zahllosen Abänderungen
weder vorlheilhai't nocli nachtheilig zu seyn scheinen und nie
stet geworden sind, lässl man die zeitweisen Abänderungen wie
Albinos u. s. w. bei Seite', so scheinen mir die Varietäten und
die ällerlichen Spezies gewöhnlich entweder verschiedene Stand-
orte in Hoch- und Flach-Land, auf trockenem oder nassem Boden
zu haben oder ganz verschiedene Regionen zu bewohnen.
Mit Recht bemerkt Bronn weiter, dass verschiedene Spezies
nicht in einem einzelnen, sondern in mehreren Charakteren zu-
gleich von einander abweichen, und er fragt, wie es komme,
dass die Natürliche Züchtung immer mehre Theile des Organis-
mus ergreife. Wahrscheinlich sind aber alle diese Abänderungen
nicht gleichzeitig durchgeführt worden und die unbekannten Ge-
setze der Correlation dürften gewiss viele gleichzeitige Abände-
rungen erläutern oder selbst vollkommen erklären [?]. Wir sehen
dieselbe Erscheinung auch bei unseren gezüchteten Rassen.
Mögen sie auch nur in irgend einem einzelnen Organe von den
übrigen Rassen stark abweichen, immer werden doch andere
Theile der Organisation ebenfalls etwas abändern. Bbonn frao-t
ferner in nachdrücklicher Weise, wie es aus der Natürlichen
Züchtung zu erklären, dass z. B. die verschiedenen (je einem
Stamm-Vater von unbekanntem Charakter entsprossenen) Arten
von Ratten und Hasen längere oder kürzere Schwänze, längere
oder kürzere Ohren, ein helleres oder dunkleres Fell u. s. w.
besitzen, — oder dass eine Pflanzen-Art spitze und die andere
stumpfe Blätter besitze? * Ich kann keine bestimmte Antwort
auf solche Fragen geben, möchte aber wohl die Frage umkeii-
ren und sagen: sollten diese Verschiedenheiten nach der Lehre
von der unabhängigen Schöpfung ohne irgend einen Zweck her-
gestellt worden seyn? Sie sey vortheilhaft oder von der Corre-
lation der Charaktere abhängig, so könnten sie gewiss auch durch
So lautele unsere Frage nicht, — sondern: wie es koninie, dass so
vielerlei an einer Spezies nebeneinander-bestehende Abänderungen der Grund-
form je in ihrer Weise beständig seyen und sich nicht in manchfachen Kom-
binationen und Abstufungen zusammengesellten. (Vgl. übrigens unsern Anhang
zu dieser Übersetzung.)
151
die »Natürliche Erhaltung" solcher nützlichen oder in Correlalion
mit einander stehenden Abänderungen gebildet werden. Ich
alaube an die Lehre der Fortpflanzung mit Modifdiationen, wenn
auch dieser oder jener eigenthümliche Struktur- Wechsel un-
erklärlich bleibt, — weil diese Lehre, wie sich aus unserem
letzten Kapitel ergeben wird, viele allgemeine Natur-Erscheinun-
gen mit einander in Zusammenhang setzt und erklärt.
Der treffliche Botaniker H. C. Watson glaubt, ich habe die
Wichtigkeit des Princips der Divergenz der Charaktere (an welches
er jedoch selbst zu glauben scheint) überschätzt , und sagt, dass
auch die »Konvergenz der Charaktere« mit in Betracht zu ziehen
seye. Das ist jedoch eine zu verwickelte Frage, als dass wir hier
darauf eingehen könnten. Ich will nur sagen, dass, wenn zwei
Spezies von zwei nahe verwandten Sippen eine Anzahl neuer
divergenter Arten hervorbringen, es wohl denkbar ist, dass auch
einige darunter sich von beiden Seiten sosehr einander nähern,
dass man sie in eine neue mittle Sippe zusammenstellen kann,
in welcher also die zwei ersten Genera konvergiren. In Folge
des Erblichkeits-Princips ist es aber kaum glaubbar, dass diese
zwei Gruppen neuer Arten nicht wenigstens zwei Abtheilungen
in der neuen Sippe bilden werden.
Watson hat auch eingewendet, dass die fortwährende Thä-
ligkeit der Natürlichen Züchtung mit Divergenz der Charaktere
zuletzt zu einer unbegrenzten Anzahl vori Arten-Formen führen
müsse. Was jedoch die unorganischen äusseren Lebens-Bedin-
gungen betrifft, so ist es wohl wahrscheinlich, dass sich bald
eine genügende Anzahl von Speeles allen erheblicheren Verschie-
denheiten der Wärme, der Feuchtigkeit u. s. w. angepasst haben
würden; — doch gebe ich vollkommen zu, dass die Wechsel-
beziehungen zwischen den organischen Wesen erheblicher sind,
und dass in dem Grade als die Arten der organisirten Bewohner
einer Gegend sich vermehren, auch die organischen Lebens-Be-
dingungen verwickelter werden. Demgemäss scheint es dann
beim ersten Anblick keine Grenze für den Betrag nutzbarer
Struktur- Vervielfältigung und somit auch keine für die hervorzu-
bringende Arten-Zahl zu geben. Wir können nicht behaupten,
152
dass selbst das reichlichst bevölkerte Gebiet der Erd-Oberfläche
vollständig- mit Arten versorgt ist, indem selbst am Kap der
guten Hoffnung und in Australien, die eine so erstaunliche Menge
von Arten darbieten . noch viele Europäische Arten naturalisirt
werden. Die Geologie jedoch lehrt uns. dass wenigstens in der
ganzen unermesslich langen Tertiär-Periode die Zahl der Weichthier-
und wahrscheinlich auch der Säuglhier- Arten * nicht viel oder gar
niclit vergrössert. Was ist es nun, das die unendliche Zunahme der
Arten-Zahl beeinträchtigt. Die Summe des Lebens (ich meine nicht
die der Arten-Formen) auf einer gegebenen Fläche muss eine von
den physikalischen Verhältnissen bedingte Grenze haben, so dass,
wenn dieselbe von sehr vielen Arten bewohnt ist, jede Art nur
durch wenige Individuen vertreten seyn kann und sich mithin in
Gefahr befindet schon durch eine zufällige Schwankung in der
Natur der Jahres- Zeiten oder in der Zahl ihrer Feinde zu Grunde
zu gehen. Ein solcher Vertilgungs-Prozess kann rasch von Stat-
ten gehen, während die Neubildung der Arten nur langsam er-
folgt. Nehmen wir den äussersten Fall an, dass es in England
eben so viele Arten als Individuen gebe, so würde der erste strenge
Winter oder trockene Sommer Tausende und Tausende von Ar-
ten zu Grunde richten. Seltene Arten (und jede Art wird selten
werden, wenn die Arten-Zahl in einer Gegend ins Unendliche
wächst) werden nach dem oft entwickelten Principe in einem ge-
gebenen Zeiträume nur wenige vortheilhafte Abänderungen dar-
bieten und mithin nur langsam irgend welche neue Arten-Formen
entwickeln können. Wird eine Art sehr selten, so muss auch
die Paarung unter nahen Verwandten zu ihrer Vertilgung mit-
wirken: wenigstens haben einige Schriftsteller diesen Umstand
als Grund für das allmählige Aussterben des Auerochsen in Li-
thauen, des Hirsches in Schottland, des Bären in Norwegen
U.S.W, angeführt**. Unter den Thieren sind manche nur im Stande
Bckiinnllicli luU sich die Säiiglhier-Well fasl ganz ersl im Laufe der
Terliar-Zeit entwickelt.
•'• Wenn dieser Grund so erheblich wäre, so würde man gar keine
neuen Rassen bilden können , weil diese immer bei der Paarung zwischen
den nächsten Verwandten, die anfänglich ja nur allein vorhanden sind, hervor-
153
von bloss einer Nahrungs-Art zu leben ; wird aber diese Kosl nur
selten, so ist die weitere Entwickelung der Organisation zur An-
eignung dieser Nahrung nicht mehr vortheilhaft und die Natür-
liche Zlichtung wird aulhören darauf hinzuwirken. Endlich (und
Diess scheint mir das Wichtigste zu seyn) wird eine herrschende
Spezies, die bereits viele Mitbewerber ihrer ersten Heimath über-
wunden, streben sich immer weiter auszubreiten und andre zu
ersetzen. Alphons deCandoue hat gezeigt, dass diejenigen Arten,
welche sich weit ausbreiten, gewöhnlich nach sehr weiter Aus-
breitung streben und daher in die Lage kommen in verschiedenen
Flächen-Gebieten verschiedene Mitbewerber zu vertilgen und so-
mit die ungeordnete Zunahme spezifischer Formen in der Welt
zu hemmen. Dr. Hooker hat kürzlich nachgewiesen, dass auf
der Südost-Spitze Australiens, wo viele Eindringlinge aus man-
cherlei Weltgegenden vorzukommen scheinen, die einheimischen
Australischen Arten sehr an Zahl abgenommen haben. Ich masse
mir nur nicht an zu fragen, welches Gewicht allen diesen Be-
trachtungen beizulegen seye; doch müssen sie im Vereine mitein-
ander jedenfalls der Neigung zu einer unendlichen Vermehrung
der Arten-Formen in jeder Gegend eine Grenze setzen.
Zusammenfassung des Kapitels.) Wenn während
einer langen Reihe von Zeit-Perioden und unter veränderten
äusseren Lebens-Bedingungen die organischen Wesen in allen
Theilen ihrer Organisation abändern, was, wie ich glaube, nicht
bestritten werden kann ; wenn ferner wegen ihres Vermögens
geometrisch schneller Vermehrung alle Arten in jedem Alter, zu
jeder Jahreszeit und in jedem Jahr einen ernsten Kampf um ihr
Daseyn zu kämpfen haben, was sicher nicht zu läugnen ist : dann
meine ich im Hinblick auf die unendliche Verwickelung der Be-
ziehungen aller organischen Wesen zu einander und zu den
äusseren Lebens-Bedingungen, welche eine endlose Verschieden-
heit angemessener Organisationen, Konstitutionen und Lebens-
weisen erheischen, dass es ein ganz ausserordentlicher Zufall
sehen müssen. Wns den in Lithauen cingelicglcn Auerochsen Ijelrifl't, so ver-
nehmen wir, dass an der Krankheit Wilddieberei jährlich mehr Individuen
eingehen, als geboren werden.
154
seyn würde, wenn niclil jeweils auch eine zu eines jeden Wesens
eigner Wohlfahrt dienende Abänderung vorkäme, wie deren so
viele vorgekommen, die dem Menschen vorlheilhaft waren. Wenn
aber solche für ein organisches Wesen nützliche Abänderungen
wirklich vorkommen, so werden sicherlich die dadurch bezeich-
neten Individuen die meiste Aussicht haben, der. Kampf um's
Daseyn zu bestehen , und nach dem mächtigen Prinzip der Erb-
lichkeit in ähnlicher Weise ausgezeichnete Nachkommen zu bilden
streben. Diess Prinzip der Erhaltung habe ich der Kürze wegen
Natürliche Züchtung genannt; es führt zur Vervollkommnung
eines jeden Geschöpfes seinen organischen und unorganischen
Lebens-Bedingungen gegenüber und mithin auch in den meisten
Fällen zu einer Vervollkommnung ihrer Organisation an und für
sich. Demungeachtet können tiefer- stehende und einfachere For-
men lange ausdauern, wenn sie ihren einfacheren Lebens-Bedin-
gungen gut angepasst sind. Die Natürliche Züchtung kann nach
dem Prinzip der Vererbung einer Eigenschaft in entsprechenden
Altern eben sowohl das Ei und den Saamen oder das Junge wie
das Erwachsene abändern machen. Bei vielen Thieren unterstützt
geschlechtliche Auswahl noch die gewöhnliche Züchtung, indem
sie den kräftigsten und geeignetesten Männchen die zahlreichste
Nachkommenschaft sichert. Geschlechtliche Auswahl vermag auch
solche Charaktere zu verleihen, welche den künftigen Männchen
allein in ihren Kämpfen mit Mannchen von gewöhnlicher Be-
schaffenheit den Sieg verschaffen.
Ob nun aber die Natürliche Züchtung zur Abänderung und
Anpassung der verschiedenen Lebenformen an die mancherlei
äusseren Bedingungen und Stationen wirklich mitgewirkt habe,
muss nach Erwägung des Werthes der in den folgenden Kapiteln
zu liefernden Beweise beurtheilt werden. Doch erkennen wir
bereits, dass dieselbe auch Austilgung verursache, und die Geo-
logie macht uns klar, in welch' ausgedehntem Grade Austilgung
bereits in die Geschichte der organischen Welt eingegriffen habe.
Auch führt Natürliche Züchtung zur Divergenz des Charakters;
denn je mehr die Wesen in Organisation, organischer Thätigkeit
und Lebensweise abändern, desto mehr derselben können auf
155
liiiier ffco-ebenen Fläche neben einander bestehen, — wovon man
die Beweise bei Betrachtung- der Bewohner eines kleinen Land-
Flecks oder der naluralisirten Erzeugnisse finden kann. Je mehr
daher während der Umänderung der Nachkommen einer Art und
während des beständigen Kampfes aller Arten um Vermehrung
ihrer Individuen jene Nachkommen differenzirt werden, desto bes-
ser ist ihre Aussicht auf Erfolg im Ringen um's Daseyn. Auf
diese Weise streben die kleinen Verschiedenheiten zwischen den
Varietäten einer Spezies stets grösser zu werden, bis sie den
grösseren Verschiedenheiten zwischen den Arten einer Sippe
oder selbst zwischen verschiedenen Sippen gleich kommen.
Wir haben gesehen, dass es die gemeinen, die weit ver-
breiteten und allerwärls zerstreuten Arten grosser Sippen in je-
der Klasse sind, die am meisten abändern, und diese streben auf
ihre abgeänderten Nachkommen dieselbe Überlegenlieit zu vererben,
welche sie jetzt in ihrer Heimath-Gegend zur herrschenden machen.
Natürliche Züchtung führt, wie so eben bemerkt worden, zur
Divergenz des Charakters und zu starker Austilgung der minder
vollkommnen und der mittein Lebenformen. Aus diesen Prinzi-
pien lassen sich die Natur der Verwandtschaften und die im All-
gemeinen deutliche Verschiedenheit der Organischen Wesen aus
jeder Klasse auf der ganzen Erd- Oberfläche erklären. Es ist eine
wirklich wunderbare Thatsache, obwohl wir das Wunder aus Ver-
trautheit damit zu übersehen pflegen, dass Thiere und Pflanzen
zu allen Zeiten und überall so miteinander verwandt sind , dass
sie in Untergruppen abgelheilte Gruppen bilden, so dass nämlich,
wie wir allerwärts erkennen, Varietäten einer Art einander am
nächsten stehen, dass Arten einer Sippe weniger und ungleiche
Verwandtschaft zeigen und Untersippen und Sektionen bilden,
dass Arten verschiedener Sippen einander noch weniger nahe
stehen, und dass Sippen mit verschiedenen Verwandtschafts-Graden
zu einander Unterfamilien, Familien, Ordnungen, Unterklassen
und Klassen zusammensetzen. Die verschiedenen einer Klasse
untergeordneten Gruppen können nicht in eine Linie aneinander
gereihet werden, sondern scheinen vielmehr um gewisse Punkte
geschaart und diese wieder um andre Mittelpunkte gesammelt zu
156
seyn, und so weiter in fast endlosen Kreisen. Aus der Ansicht,
dass jede Art unabhängig von der andern geschafFen worden
seye, kann ich keine Erklärung dieser wichtigen Thatsache in
der Klassifikation aller organischen Wesen entnehmen; sie ist
aber nach meiner vollkommensten Überzeugung erklärlich aus
der Erblichkeit und aus der zusammengesetzten Wirkungs-Weisc
der Natürlichen Züchtung, welche Austilgung der Formen und
Divergenz der Charaktere verursacht, wie mit Hilfe bildlicher Dar-
stellung (zu Seite 1^1) gezeigt worden ist.
Dis Verwandtschaften aller Wesen einer Klasse zu einander
sind manchmal in Form eines grossen Baumes dargestellt worden.
Ich glaube, dieses Bild entspricht sehr der Wahrheit. Die grünen
und knospenden Zweige stellen die jetzigen Arten, und die in
jedem vorangehenden Jahre entstandenen die lange Aufeinander-
folge erloschener Arten vor. In jeder Wachsthums-Periode haben
alle wachsenden Zweige nach allen Seiten hinaus zu treiben
und die umgebenden Zweige und Äste zu überwachsen und zu
unterdrücken gestrebt, ganz so wie Arten und Arten-Gruppen
andre Arten in dem grossen Kampfe um's Daseyn zu überwälti-
gen suchen. Die grossen in Zweige gelheilten und unterabge-
theilten Äste waren zur Zeit, wo der Stamm noch jung, selbst
knospende Zweige gewesen ; und diese Verbindung der früheren
mit den jetzigen Knospen durch unterabgelheilte Zweige mag
ganz wohl die Klassifikation aller erloschenen und lebenden Arten
in Gruppen und Untergruppen darstellen. Von den vielen Zwei-
gen, die sich entwickelten, als der Baum noch ein Busch o-ewe-
sen, leben nur noch zwei oder drei, die jetzt als mächtige Äste
alle anderen Verzweigungen abgeben; und so haben von den
Arten, welche in längst vergangenen geologischen Zeiten gelebt,
nur sehr wenige noch lebende und abgeänderte Nachkommen.
Von der ersten Entwickelung eines Stammes an ist mancher Ast
und mancher Zweig verdürrt und verschwunden, und diese ver-
lorenen Äste von verschiedener Grösse mögen jene ganzen Ord-
nungen, Familien und Sippen vorstellen, welche, uns nur im
fossilen Zustande bekannt, keine lebenden Vertreter mehr haben.
Wie wir hier und da einen vereinzelten dünnen Zweig aus einer
157
Gabel tief unten am Slamme hervorkommen sehen, welcher durch
Zufall begünstigt an seiner Spitze noch fortlebt, so sehen wir
zuweilen ein Thier, wie Ornithorhynchus oder Lepidosiren, das
durch seine Verwandtschaften gewissermassen zwei grosse Zweige
der Lebenwelt, zwischen denen es in der Milte steht, mit einander
verbindet und vor einer verderblichen Mitwerberschaft offenbar
dadurch gerettet worden ist, dass es irgend eine geschützte Sta-
tion bewohnte. Wie Knospen bei ihrer Entwicklung neue Knos-
pen hervorbringen und, wie auch diese wieder, wenn sie kräftig
sind, nach allen Seiton ausragen und viele schwächere Zweige
überwachsen, so ist es, wie ich glaube, durch Generation mit
dem grossen Baume des Lebens ergangen, der mit seinen todten
und heruntergebrochenen Ästen die Erd-Rinde erfüllt, und mit
seinen herrlichen und sich noch immer weiter theilenden Ver-
zweigungen ihre Oberfläche bekleidet.
Gesetze der Abänderung.
Wirkungen äusserer Bedingungen. - Gebrauch und Nichtgebrauch der Or-
gane in Verbindung mit Natürlicher Züchtung; — Flieg- und Seh-Organe.
— Akkiimatisirung. — Wechseibeziehungen des Wachsthunis. — Kompen-
sation und Ökonomie der Entwickelung. - Falsche Wechselbeziehungen.
— Vielfache, rudimentäre und wenig entwickelte Organisationen sind ver-
änderlich. — In ungewöhnlicher Weise entwickelte Theile sind sehr ver-
änderlich; — spezifische mehr als Sippen-Charaktere. — Sekundäre Ge-
schlechts-Charaktere veränderlich. - Zu einer Sippe gehörige Arten
variiren auC analoge Weise. — Rückkehr zu längst verlornen Charakteren.
— Summarium.
Ich habe bisher von den Abänderungen — die so gemein
und manchfaltig im Kultur-Stande der Organismen und in etwas
minderem Grade häufig in der freien Natur sind — zuweilen
so gesprochen, als ob dieselben vom Zufall veranlasst wären.
Diess ist aber eine ganz unrichtige Ausdrucks-W^eise , welche
nur geeignet ist unsre gänzliche Unwissenheit über die Ursache
jeder besonderen Abweichung zu beurkunden. Einige Schrift-
158
steller selien es mehr als die Aufgfabe des Rcproduktiv-Syslemes
an, individuelle Verschiedenheiten oder ganz leichte Abweichun-
gen des Baues hervorzubringen, als das Kind den Ällern gleich
zu machen. Aber die viel grössere Veränderlichkeit sowohl als
die viel häufigeren Monstrositäten der der Kultur unterworfenen
Organismen leiten mich zur Annahme, dass Abweichungen der
Struktur in irgend einer Weise von der Beschaffenheit der
äusseren Lebens-Bedingungen , welchen die Altern und deren
Vorfahren mehre Generationen lang ausgesetzt gewesen sind,
abhängen. Ich habe im ersten Kapitel die Bemerkung gemacht
— doch würde ein langes Verzeichniss von Thatsachen, welches
hier nicht gegeben werden kann, dazu nöthig seyn, die Wahr-
heit dieser Bemerkung zu beweisen — , dass das Reprodukiiv-
System für Veränderungen in den äussern Lebens-Bedingungen
äusserst empfindlich ist ; daher ich dessen funktionellen Störungen
in den Altern hauptsächlich die veränderliche oder bildsame Be-
schaffenheit ihrer Nachkommenschaft zuschreibe. Die männlichen
und weiblichen Elemente der Organisation scheinen davon schon
berührt zu seyn vor deren Vereinigung zur Bildung neuer Ab-
kömmlinge der Spezies. Was die Spielpflanzen (S. 15) anbelanrrt,
so wird die Knospe allein betroffen, die auf ihrer ersten Ent-
wickelungs Stufe von einem Eichen nicht sehr wesentlich ver-
schieden ist. Dagegen sind wir in gänzlicher Unwissenheit da-
rüber, wie es komme, dass durch Störung des Reproduktiv-Syslems
dieser oder jener Theil mehr oder weniger als ein andrer be-
rührt werde. Demungeachtet gelingt es uns hier und da einen
schwarhen Lichtstrahl aufzufangen, und wir halten uns überzeuo-t
dass es für jede Abänderung irgend eine, wenn auch geringe
Ursache geben müsse.
Wie viel unmittelbaren Einfluss Verschiedenheiten in Klima,
Nahrung ii. s. w. auf irgend ein Wesen auszuüben vermöge, ist
äusserst zweifelhaft. Ich bin überzeugt, dass bei Thieren die
Wirkung äusserst gering, bei Pflanzen vielleicht etwas grösser
seye. Man kann wenigstens mit Sicherheit sagen, dass diese
Einflüsse nicht die vielen trefi'lichen und zusammengesetzten An-
passungen der Organisation eines Wesens ans andre hervorge-
159
bracht haben können, welche wir in der Nalur überall erblicken.
Einige kleine Wirkungen mag man dem Klima, der Nahrung ii. s. w.
zuschreiben, wie z. B. Eduard Forbes sich mit Bestimmtheit da-
rüber ausspricht, dass eine Konchylien-Art in wärmeren Gegen-
den und seichtem Wasser glänzendere Farben als in ihren käl-
teren Verbreitungs-Bezirken annehmen kann. Gould glaubt, dass
Vögel derselben Art in einer stets heiteren Atmosphäre glänzen-
der gefärbt sind, als auf einer Insel oder an der Küste*. So
olaubt auch Wollaston, dass der Aufenthalt in der Nähe des
Meeres die Farben der Insekten angreife. Mcquin-Tandon gibt
eine Liste von Pflanzen, welche an der See-Küste mehr und we-
niger fleischige Blätter bekommen , wenn sie auch landeinwärts
nicht fleischig sind. Und so Hessen sich noch manche ähnliche
Beispiele anführen.
Die Thatsache, dass Varietäten einer Art, wenn sie in die
Verbreitungs-Zone einer andern Art hinüberreichen, in geringem
Grade etwas von deren Charakteren annehmen, stimmt mit unsrer
Ansicht überein, dass Spezies aller Art nur ausgeprägtere blei-
bende Varietäten sind. So haben die Konchylien-Arten seichter
tropischer Meeres-Gegenden gewöhnlich glänzendere Farben als
die in tiefen und kalten Gewässern wohnenden. So sind die
Vögel-Arten der Binnenländer nach Gould lebhafter als die der
Inseln gefärbt. So sind die Insekten-Arten, welche auf die Küsten
beschränkt sind, oft Bronze-artig und trüb von Aussehen wie
jeder Sammler weiss. Pflanzen-Arten, welche nur längs dem
Meere fortkommen, sind sehr oft mit fleischigen Blättern versehen.
Wer an die besondere Erschaffung einer jeden einzelnen Spezies
glaubt, wird daher sagen müssen, dass z. B. diese Konchylien
für ein wärmeres Meer mit glänzenderen Farben geschaffen wor-
den sind, während jene andern die lebhaftere Färbung erst durch
Abänderung angenommen haben, als sie in die seichteren und
wärmeren Gewässer übersiedelten.
■"■ Diese Abhüngigkcit vom Klima ist denn doeh in (grosser Ausdehnung
nacligewiesen worden von Gloger in seiner Sclirift „Über das Abändern der
Vögel durch das Klima," Ureslau 18S8, 8". Von vielen anderen Abände-
rungen sind die äusseren Ursachen ziisammengeslelll in unserer „GeschiohU;
der Nalur" II, 68—116. D. Übers.
160
Wenn eine Abänderung für ein Wesen von geringstem
Nutzen ist, vermögen wir nicht zu sagen, wie viel davon von der
häufenden Thätigkeit der Natürlichen Züchtung und wie viel von
dem Einfluss äusserer Lebens-Bedingungen herzuleiten ist. So
ist es den Pelz-Händlern wohl bekannt, dass Thicre einer Art um
so dichtere und bessere Pelze besitzen, in je kaltcrem Klima sie
gelebt haben. Aber wer vermöchte zu sagen, wie viel von die-
sem Unterschied davon herrühre, dass die am wärmsten geklei-
deten Einzelwesen durch Natürliche Züchtung viele Generationen
hindurch begünstigt und erhalten worden sind, und wie viel von
dem direkten Einflüsse des strengen Klimas? Denn es scheint
wohl, dass das Klima einige unmittelbare Wirkung auf die Be-
schaffenheit des Haares unserer Hausthiere ausübe.
Man kann Beispiele anführen, dass dieselbe Varietät unter
den aller -verschiedensten Lebens - Bedingungen entstanden ist,
während andrerseits verschiedene Varietäten einer Spezies unter
gleichen Bedingungen zum Vorschein kommen*. Diese Thatsachen
zeigen, wie mittelbar die Lebens-Bedingungen wirken. So sind
jedem Naturforscher auch zahllose Beispiele von sich ächt erhal-
tenden Arten ohne alle Varietäten bekannt, obwohl dieselben in
den entgegengesetztesten Klimaten leben. Derartige Betrachtun-
gen veranlassen mich, nur ein sehr geringes Gewicht auf den
direkten Einfluss der Lebens -Bedingungen zu legen. Indirekt
scheinen sie, wie schon gesagt worden, einen wichtigen Antheil
an der Störung des Reproduktiv Systemes zu nehmen und hie-
durch Veränderlichkeit herbeizuführen, und Natürliche Züchtung
spart dann alle nützliche wenn auch geringe Abänderung zusam-
men , bis solche vollständig entwickelt und für uns wahrnehmbar
wird. In einem weiter ausgeholten Sinne kann man sagen, dass
die Lebens-Bedingungen nicht allein Veränderlichkeit, sondern
auch Natürliche Züchtung einschliessen ; denn es hängt von der
Natur der Lebens-Bedingungen ab, ob diese oder jene Varietät
aufkommen kann. Wir ersehen aber aus dem Züchtungs-Verfahren
der Menschen, dass diese zwei Elemente der Veränderung
* So lange man die wahre Ursache dieser Entstehung nicht kennt, hat
Diess niclits ßelrenidendes. D. Übers.
161
wesentlich von einander verschieden sind; die Lebens-Bedingungen
im Zustande der Domestizität verursachen Veränderlichkeit und
der Wille des Menschen häuft bewusst oder unbewusst wirkend
die Abänderung in diesen oder jenen bestimmten Richtungen an.
Wirkungen von Gebrauch und Nichtgebrauch.)
Die im ersten Kapitel angeführten Thatsachen lassen wenig
Zweifel bei unseren Hausthieren übrig, dass Gebrauch gewisse
Theile stärke und ausdehne und Nichtgebrauch sie schwäche, und
dass solche Abänderungen vererblich sind. In der freien Natur
hat man keinen Massstab zur Vergleichung der Wirkungen lang
fortgesetzten Gebrauches oder Nichtgebrauches, weil wir die älter-
lichen Formen nicht kennen; doch tragen manche Thiere Bildun-
gen an sich, die sich als Folge des Nichtgebrauchs erklären lassen.
Professor R. Owen hat bemerkt, dass es eine grosse Anomalie
in der Natur ist, dass ein Vogel nicht fliegen könne, und doch
sind mehre in dieser Lage. Die Südamerikanische Dickkopf-Enie
kann nur über der Oberfläche des Wassers hinflattern und hat
Flügel von fast der nämlichen Beschaffenheit wie die Aylesburyer
Hausenten-Rasse. Da die grossen Boden-Vögel selten zu andren
Zwecken fliegen, als um einer Gefahr zu entgehen, so glaube
ich, dass die fast ungeflügelte Beschaff'enheit verschiedener Vögel-
Arten, welche einige Inseln des Grossen Ozeans jetzt bewohnen
oder einst bewohnt haben , wo sie keine Verfolgung von Raub-
thieren zu gewärtigen haben, vom Nichtgebrauche ihrer Flügel
herrührt. Der Straus bewohnt zwar Kontinente und ist von Ge-
fahren bedroht, denen er nicht durch Flug entgehen kann; aber
er kann sich selbst durch Ausschlagen mit den Füssen gegen
seine Feinde so gut vertheidigen wie einige der kleineren Vier-
füsser. Man kann sich vorstellen, dass der Urvater des Strausses
eine Lebens-Weise etwa wie der Trappe gehabt, und dass er
in Folge Natürlicher Züchtung in einer langen Generationen-Reihe
immer grösser und schwerer geworden seye, seine Beine mehr
und seine Flügel weniger gebraucht habe, bis er endlich ganz
unfähig geworden sey zu fliegen.
KiRBY hat bemerkt (und ich habe dieselbe Thatsache beo-
bachtet), dass die Vordertarsen vieler männlicher Kothkäfer oft
Darwin, Entstehung dor Arten. '2. Aufl.
162
abgebrochen sind; er uniersuchte siebenzehn Mustersliicke seiner
Sammlung, und fand in keinem eine Spur mehr davon. Onites
Apelles hat seine jTarsen so gewöhnlich verloren, dass man diess
Insekt beschrieben, als fehlten sie ihm gänzlich. In einigen an-
deren Sippen sind sie nur in verkümmertem Zustande vorhanden.
Dem Ateuchus oder heiligen Käfer der Ägyptier fehlen sie gänz-
lich. Es ist zwar kein genügender Nachweis vorhanden , dass
zufällige Verstümmelungen erblich Seyen; aber der von Brown-
Sequard beobachtete Fall von der Vererbung der an einem Guinca-
Schwein durch Beschädigung des Rückenmarks verursachten Epi-
lepsie auf deren Nachkommen, müsste uns vorsichtig machen,
wenn wir es läugnen wollten. Daher es gerathener erscheint
den gänzlichen Mangel der Vordertarsen des Ateuchus und ihren
verkümmerten Zustand in einigen anderen Sippen lieber der lang-
fortgesetzten Wirkung ihres Nichtgebrauches bei deren Stamm-
Vätern zuzuschreiben ; denn da die Tarsen vieler Kothkäfer meistens
fehlen, so müssen sie schon früh im Leben verloren gehen und
können daher bei diesen Insekten nicht von wesentlichem Nutzen
seyn noch viel gebraucht werden.
In einigen Fällen möchten wir leicht dem Nichtgebrauche
gewisse Abänderungen der Organisation zuschreiben , welche je-
doch gänzlich oder hauptsächlich von Natürlicher Züchtung her-
rühren. WoixASTON hat die merkwürdige Thatsache entdeckt, dass
von den 550 Käfer- Arten , welche Madeira bewohnen, 200 so
unvollkommene Flügel haben, dass sie nicht fliegen können, und
dass von den 29 der Insel ausschliesslich angehörigen Sippen
nicht weniger als 23 lauter solche Arten enthalten. Manche That-
sachen , wie unter andern , dass in vielen Theilen der Welt flie-
gende Käfer beständig ins Meer geweht werden und zu Grunde
gehen, dass die Käfer auf Madeira nach Wollastons Beobach-
tung meistens verborgen liegen, bis der Wind ruhet und die
Sonne scheint, dass die Zahl der Flügel-losen Käfer an den ausge-
setzten kahlen Felsklippen verhältnissmässig grösser als in Ma-
deira selbst ist, und zumal die ausserordentliche Thatsache, wor-
auf WoLLASTON so beharrlich fusset, dass gewisse grosse ander-
wärts sehr zahlreiche Käfer-Gruppen, welche durch ihre Lebens-
163
Weise viel zu fliegen gcnöthigt sind, auf Madeira gänzlich fehlen,
- diese mancherlei Gründe machen mich glauben, dass die un-
o-ofliio-elte BeschafTenhcit so vieler Käfer dieser Insel hauplsäch-
lieh von Natürlicher Züchtung, doch wahrscheinlich in Verbindung
mit Nichto-ebrauch herrühre. Denn während tausend aufeinander-
folgender Generationen wird jeder einzelne Käfer, der am we-
nigsten fliegt, entweder weil seine Flügel am wenigsten ent-
wickelt sind oder weil er der indolenteste ist, die meiste Aus-
sicht haben alle andern zu überleben , weil er nicht ins Meer
o-ewehet wird: und auf der andern Seite werden diejenigen
Käfer, welche am liebsten fliegen, am öftesten in die See ge-
trieben und vernichtet werden.
Diejenigen Insekten auf Madeira dagegen, welche sich nicht
am Boden aufhalten und, wie die an Blumen lebenden Käfer und
Schmetterlinge, von ihren Flügeln gewöhnlich Gebrauch machen
müssen um ihren Unterhalt zu gewinnen, haben nach Woli-aston's
Vermuthung keineswegs verkümmerte, sondern vielmehr stärker
entwickelte Flügel. Diess ist ganz verträglich mit der Thätigkeit
der Natürlichen Züchtung. Denn, wenn ein neues Insekt zuerst
auf die Insel kommt, wird das Streben der Natürlichen Züchtung
die Flügel zu verkleinern oder zu vergrössern davon abhängen,
ob eine grössre Anzahl von Individuen durch erfolgreiches An-
kämpfen gegen die Winde , oder durch mehr und weniger häu-
figen Verzicht auf diesen Versuch sich rettet. Es ist derselbe
Fall wie bei den Matrosen eines in der Nähe der Küste gestran-
deten Schiffes: für diejenigen, welche gut schwimmen, ist es
um so besser, je besser sie schwimmen könnten um ihr Heil
im Weiterschwimmen zu versuchen, während es für die schlech-
ten Schwimmer am besten wäre, wenn sie gar nicht schwimmen
könnten und sich daher auf dem Wrack Rettung suchten.
Die Augen der Maulwürfe und einiger wühlenden Nager
sind an Grösse verkümmert und in manchen Fällen ganz von
Haut und Pelz bedeckt. Dieser Zustand der Augen rührt wahr-
scheinlich von fortwährendem Nichtgebrauche her, dessen Wir-
kung vielleicht durch Natürliche Züchtung unterstützt wird. Ein
Süd-Amerikanischer Nager, Ctenomys, hat eine noch mehr unter-
11*
164
irdische Lebensweise als der Maulwurf, und ein Spanier, welcher
oft dergleichen gefangen, versicherte mir, dass solcher oft ganz
blind seye; einer, den ich lebend bekommen, war es gewiss und
zwar, wie die Sektion ergab, in Folge einer Entzündung der
Nickhaut. Da häulige Augen-Entzündungen einem jeden Thiere
nachtheilig werden müssen, und da für unterirdische Thiere die
Augen gewiss nicht unentbehrlich sind, so wird eine Verminde-
rung ihrer Grösse, die Verwachsung des Augenlides damit und
die Überziehung derselben mit dem Felle für sie von Nutzen
seyn ; und wenn Dioss der Fall , so wird Natürliche Züchtung
die Wirkung des Nichtgebrauches beständig unterstützen.
Es ist wohl bekannt, dass mehre Thiere aus den verschie-
densten Klassen , welche die Höhlen in Kärnthen und Kentucky
bewohnen , blind sind. In einigen Krabben ist der Augen-Stiel
noch vorhanden, obwohl das Auge verloren ist: das Teleskopen-
Gestell ist geblieben, obwohl das Teleskop mit seinem Glase fehlt.
Da nicht wohl anzunehmen, dass Augen, wenn auch unnütz, den
in Dunkelheit lebenden Thieren schädlich werden sollten, so
schreibe ich ihren Verlust gänzlich auf Rechnung des Nichtge-
brauchs. Bei einer der blinden Thiei'-Arten insbesondre, bei der
Höhlen-Ratte (Neotoma). wovon Professor Silliman zwei eine halbe
englische Meile weit einwärts vom Eingange und mithin noch nicht
gänzlich im Hintergrunde gefangen, waren die Augen gross und
glänzend und erlangten, wie mir Siluman mitgethcilt, nachdem sie
einen Monat lang allmählich verstärktem Lichte ausgesetzt worden,
ein unklares Wahrnehmungs-Vermögen für die ihnen vorgehalte-
nen Gegenstände und begannen zu blinzeln.
Es ist schwer sich ähnlichere Lebens-Bedingungen vorzu-
stellen, als tiefe Kalkstein-Höhlen in nahezu ähnlichem Klima, so
dass, wenn man von der gewöhnlichen Ansicht ausgeht, dass die
blinden Thiere für die Amerikanischen und für die Europäischen
Höhlen besonders erschaffen worden seyen, auch eine grosse
Ähnlichkeit derselben in Organisation und Verwandtschaft zu er-
warten stünde. Diess ist aber zwischen den beiderseitigen Fau-
nen im Ganzen genommen keineswegs vorhanden und ScmÖDTK
bemerkt in Bezug auf die Insekten , dass die ganze Erscheinung
165
nur als eine rein örtliche betrachtet werden dürfe, indem die
Ähnlichkeit, die sich zwischen einigen Bewohnern der Monmouth-
Höhle in Kentucky \xm\ den Kärnlhen sehen Höhlen herausstellte,
nur ein ganz einfacher Ausdruck der Analogie seye, die zwischen
den Faunen Nord- Amerikas und Europas überhaupt bestehe.
Nach meiner Meinung muss man annehmen, dass Amerikanische
Thiere mit gewöhnlichem Sehe-Vermögen in nacheinanderfolgen-
den Generationen immer tiefer und tiefer in die entferntesten
Schlupfwinkel der Kentucky sehen Höhle eingedrungen sind, wie
es Europäische in den Höhlen von Kärnthen gethan. Und wir
haben einigen Beweis für diese stufenweise Veränderung des
Aufenthalts; denn Schiödte bemerkt: Wir betrachten demnach
diese unterirdischen Faunen als kleine in die Erde eingedrungene
Abzweigungen ilcr geographisch-begrenzten Faunen der nächsten
Umgegenden, welche in dem Grade, als sie sich weiter in die
Dunkelheit ausbreiteten, sich den sie umgebenden Verhältnissen
anpassten ; Thiere, von gewöhnlichen Formen nicht sehr entfernt,
bereiten den Übergang vom Tage zur Dunkelheit vor; dann fol-
gen die fürs Zwielicht gebildeten und endlich die fürs gänzliche
Dunkel bestimmten, deren Bildung ganz eigenthümlich ist. Diese
Bemerkungen Schiödtes beziehen sich daher nicht auf einerlei,
sondern auf ganz verschiedene Speeles. Während der Zeit, in
welcher ein Thier nach zahllosen Generationen die hintersten
Theile der Höhle erreicht, wird hiernach Nichtgebrauch die Augen
mehr oder weniger vollständig unterdrückt und Natürliche Züch-
tung oft andre Veränderungen erwirkt haben, die, wie verlängerte
Fühler und Fressspitzen, einigermassen das Gesicht ersetzen. Un-
creachtet dieser Modifikationen werden wir erwarten, noch Ver-
wandtschaften der Höhlen-Thiere Amerikas mit den anderen Be-
wohnern dieses Kontinents, und der Höhlen-Bewohner Europas
mit den übrigen Europäischen Thieren zu sehen. Und Diess ist
bei einigen Amerikanischen Höhlen-Thieren der Fall, wie ich von
Professor Dana höre; und einige Europäische Höhlen-Insekten
stehen manchen in der Umgegend der Höhle wohnenden Arten
ganz nahe. Es dürfte sehr schwer seyn, eine vernünftige Er-
klärung von der Verwandtschaft der blinden Höhlen-Thiere mit
166
den andern Bewohnern der beiden Kontinente aus dem gewölin-
liclien Gesiclilspunkte einer unabhängigen Erschaffung zu geben.
Dass einige von den Höhlen-Bewohnern der Allen und der Neuen
Welt in naher Beziehung zu einander stehen, lässt sich aus den
wohl-beliannten Verwandlschafts-Verhäilnissen ihrer meisten übri-
gen Erzeugnisse zu einander erwarten. Da eine blinde Balhyscia-
Art häufig an schattigen Felsen ausserhalb der Höhlen gefunden
wird, so hat der Verlust des Gesichtes an der die Höhle bewoh-
nenden Art wahrscheinlich in keiner Beziehung zum Dunkel dieser
Wohnstätte gestanden; und es ist ganz begreiflich, dass ein be-
reits blindes Insekt sich in der Bewohnung einer dunklen Höhle
nicht zurecht finden wird. Eine andere blinde Sippe, Anophthal-
mus, bietet die merkwürdige Eigenthümlichkeit dar, dass, wie
Murray bemerkte , ihre verschiedenen Arten in verschiedenen
Höhlen Europas sowohl als in der von Kentucky wohnen , und
dass die Sippe überhaupt nur in Höhlen vorkommt. Es ist
jedoch möglich, dass der Stamm-Vater oder die Stamm- Väter
dieser verschiedenen Spezies vordem in beiden Kontinenten weit
verbreitet gewesen und (gleich den Elephanten beider Festländer)
allmählich auf ihre jetzigen engen V\''ohnstätten eingeschränkt wor-
den sind. Weit entfernt mich darüber zu wundern, dass einige
der Höhlen-Thiere von sehr anomaler Beschalfenheit sind, wie
Agassiz von dem . blinden Fische Ambiyopsis in Amerika bemerkt,
und wie es mit dem blinden Reptile Proteus in Europa der Fall
ist, bin ich vielmehr erstaunt, dass sich darin nicht mehr Wracks
der alten Lebenformen erhalten haben, da solciie in diesen dun-
keln Abgründen wohl einer minder strengen Mitbewerbung aus-
gesetzt gewesen seyn würden *.
Akklimatisirung.) Gewohnheit ist bei Pflanzen erblich
in Bezug auf Blüthe-Zeit, nöthige Regen-Menge für den Keimungs-
Prozess, Schlaf u. s. w., und Diess veranlasst mich hier noch
Einiges über Akklimatisirung zu sagen. Es ist sehr gewöhnHch,
dass Arten von einerlei Sippe sehr heisse sowie sehr kalte Ge-
Ein vollsliindiges Verzeichniss der Bewohner dunkler Höhlen hat
Ehrenbbhg zusammengetragen in den Monats- Berichten der Berliner Akade-
mie 1859, 758 ir. Q nK._
167
ffcnden bewohnen ; und da ich glaube, dass alle Arien einer Sippe
von einem gemeinsamen Urvater abstammen, so muss , wenn
Diess richtig, Akklimatisirung während einer langen Fortpflan-
zuno- leicht "bewirkt werden können. Es ist bekannt, dass jede
Aridem Klima ihrer eignen Heimath angepasst ist; Arten einer
arktischen oder auch nur einer gemässigten Gegend können in
einem tropischen Klima nicht ausdauern, u. u. So können auch
manche Fettpflanzen nicht in feuchtem Klima fortkommen. Doch
ist der Grad der Anpassung der Arten an das Klima, worin sie
leben, oft überschätzt worden. Wir können Diess schon aus
imsrer oftmaligen Unfähigkeit vorauszusagen, ob eine eingeführte
Pflanze unser Klima ausdauren werde oder nicht, sowie aus der
grossen Anzahl von Pflanzen und Thieren entnehmen, welche aus
wärmerem Klima zu uns verpflanzt hier ganz wohl gedeihen. Wir
haben Grund anzunehmen, dass im Natur-Stande Arten durch die
Mitbewerbung andrer organischer Wesen eben so sehr oder noch
stärker in ihrer Verbreitung beschränkt werden, als durch ihre
Anpassung an besondre Klimate. Mag aber die Anpassung im
Allgemeinen eine sehr genaue seyn oder nicht: wir haben bei
einigen wenigen Pflanzen- Arten Beweise, dass dieselben schon
von der Natur in gewissem Grade an ungleiche Temperaturen
gewöhnt oder akklimatisirt werden. So zeigen die von Dr.
Hooker aus Saamen von verschiedenen Höhen des Himalaya er-
zogenen Pinus- und Rhododendron-Arten auch ein verschiedenes
Vermögen der Kälte zu widerstehen. Herr TwArrES berichtet
mir, dass er ähnliche Thatsachen auf Ceylon beobachtet habe,
und Herr H. C. Watson hat ähnliche Erfahrungen mit Pflanzen
gemacht; die von den Azoren nach England gebracht worden
sind. In Bezug auf Thiere Hessen sich manch^^e wohl beglaubigte
Fälle anführen, dass Arten derselben binnen geschichtlicher Zeit
ihre Verbreitung weil aus wärmeren nach kälteren Zonen oder
umgekehrt ausgedehnt haben; jedoch wissen wir nicht mit Be-
stimmtheit, ob diese Thiere einst ihrem heimathlichen Klima enge
angepasst gewesen, obwohl wir Diess in allen gewöhnlichen Fäl-
len voraussetzen, — und ob demzufolge sie ersl einer Akklima-
tisirung in ihrer neuen Heimath bedurft haben, oder nicht.
168
Da ich glaude, dass iinsre Hausthiere ursprünglich von noch
unzivilisirten Menschen gezähmt worden sind, weil sie ihnen nütz-
lich und in der Gefangenschaft leicht fortzupflanzen waren, und
mcht wegen ihrer erst später erkundeten Tauglichkeit zu weit
ausgedehnter Verpflanzung, so kann nach meiner Meinung das
gewöhnlich ausserordentliche Vermögen unsrer Hausthiere die
verschiedensten Klimate auszuhalten und sich darin (ein viel ge-
wichtigeres Zeugniss) fortzupflanzen, zur Schlussfolgerung die-
nen, dass auch eine verhältnissmässig grosse Anzahl andrer
Thiere, die sich jetzt noch im Natur-Zustande befinden, leicht
dazu gebracht werden könnte, sehr verschiedene Klimate zu er-
tragen. Wir dürfen jedoch die vorangehende Folgerung nicht
zu weit treiben, weil einige unsrer Hausthiere von verschiedenen
wilden Stämmen herrühren können, wie z. B. in unsren Haus
hund- Rassen das Blut eines tropischen und eines arktischen
Wolfes oder wilden Hundes gemischt seyn könnte. Ratten und
Mäuse dürfen nicht als Hausthiere angesehen werden; und doch
sind sie vom Menschen in viele Theile der Welt übergeRihrt
worden und besitzen jetzt eine weitre Verbreitung als irgend
ein andres Nagethier, indem sie frei unter dem kalten Himmel
der Faröei- im Norden und der Falklands-Inseln im Süden, wie
auf vielen Inseln der Tropen-Zone leben. Daher ich geneigt bin,
die Anpassung an ein besondres Klima als eine leicht auf eine
angeborene weite Biegsamkeit der Konstitution, welche den mei-
sten Thieren eigen ist, gepropfte Eigenschaft zu betrachten.
Dieser Ansicht zu Folge hat man die Fähigkeit des Menschen
und seiner meisten Hausthiere die verschiedensten Klimate zu
ertragen und solche Thatsachen, wie das Vorkommen einstiger
Elephanten und Rhinoceros-Arten in einem Eis-Klima, während
deren jetzt lebenden Arten alle eine tropische oder subtropische
Heimath haben, nicht als Gesetzwidrigkeiten zu betrachten, son-
dern lediglich als Beispiele einer sehr gewöhnlichen Biegsamkeit
der Konstitution anzusehen, welche nur unter besondern Umstän-
den mehr zur Geltung gelangt ist.
Wie viel von der Akklimalisirung der Arten an ein besondres
Klima bloss Gewohnheits-Sache seye, wie viel von der Natürlichen
169
Züchtung von Varietäten mit verschiedenen Körper- Verfassungen
abhäno-e, oder wie weit beide Ursachen zusammenwirken, ist eine
sehr schwierige Frage. Dass Gewohnheit und Übung einigen
Einfluss habe, will ich sowohl nach der Analogie als nach den
ununterbrochenen Warnungen wohl glauben, welche in unsern
landwirthschaftlichen Werken und selbst in alten Chinesischen
Encyclopädien enthalten sind, recht vorsichtig bei Versetzung von
Thieren aus einer Gegend in die andre zu seyn. Denn es ist
nicht wahrscheinlich, dass man durch Züchtung so viele Rassen
und Unterrassen mit eben so vielen verschiedenen Gegenden an-
gepassten Konstitutionen gebildet habe; das Ergebniss rührt viel-
mehr von Gewöhnung her. Andrerseits sehe ich auch keinen
Grund zu zweifeln, dass Natürliche Züchtung beständig diejenigen
Individuen zu erhalten strebe, welche mit den für ihre Heimath-
Gegenden am besten geeigneten Körper- Verfassungen geboren
sind. In Schriften über verschiedene Sorten kultivirter Pflanzen
heisst es von gewissen Varietäten, dass sie dieses oder jenes
Klima besser als andre vertragen. Diess ergibt sich sehr schla-
gend aus den in den Vereinten Staaten erschienenen Werken
über Obstbaum-Zucht, worin gewöhnlich diese Varietäten für die
nördlichen und jene für die südlichen Staaten empfohlen werden;
und da die meisten dieser Abarten noch neuen Ursprungs sind,
so kann man die Verschiedenheit ihrer Konstitutionen in dieser
Beziehung nicht der Gewöhnung zuschreiben. Man hat die Je-
rusalem-Artischoke, welche sich nicht aus Saamen fortpflanzt
und daher niemals neue Varietäten geliefert hat, angeführt als
Beweis, dass es nicht möglich seye eine Akklimatisirung zu be-
wirken, weil sie noch immer so empfindlich seye, wie sie jeder-
zeit gewesen: zu gleichem Zwecke hat man sich oft auf die
Schminkbohne, und zwar mit viel grösserem Nachdrucke berufen.
So lange aber, als nicht jemand einige Dutzend Generationen
hindurch seine Schniinkbohnen so frühzeitig aussäet, dass ein
sehr grosser Theil derselben durch Frost zerstört wird , und
dann mit der gehörigen Vorsicht zur Vermeidung von Kreutzun-
gen, seine Saamen von den wenigen überlebenden Stöcken nimmi
und von deren Sämlingen mit gleicher Vorsicht abermals seine
170
Saamen erzieht, so lange wird man nicht sagen können, dass
der Versuch angestellt worden seye. Auch kann man nicht un-
terstellen, dass nicht zuweilen Verschiedenheiten in der Kon-
stitution dieser verschiedenen Bohnen - Sämlinge zum Vorschein
kommen ; denn es ist bereits ein Bericht darüber erschienen, wie
viel härter ein Theil dieser Sämlinge gegenüber den andern seye.
Im Ganzen kann man, glaube ich, schliessen , dass Gewöh-
nung, Gebrauch und Nichtgebrauch in manchen Fällen einen be-
Iräclillichen Einfluss auf die Änderung der Konstitution und den
Bau verschiedener Organe ausgeübt haben: dass jedoch diese
Wirkungen des Gebrauchs und Nichtgebrauchs oft in ansehn-
lichem Grade vermehrt und mitunter noch überboten worden sind
durch Natürliche Züchtung mittelst angeborner Abänderungen.
Wechselbeziehungen der Bildung.) — Ich will mit
diesem Ausdrucke sagen, dass die ganze Organisation der natür-
lichen Wesen so unter sich verkettet ist, dass, wenn während
der Entwickelung und dem Wachsthume des einen Theiles eine
geringe Abänderung erfolgt und von der Natürlichen Züchtung
gehäuft wird, auch andre Theile geändert werden müssen. Diess
ist ein sehr wichtiger Punkt, aber noch wenig begriffen. Der
gewöhnlichste Fall ist der, dass Abänderungen, welche nur zum
Nutzen der Larve oder des Jungen gehäuft werden, zweifelsohne
auch die Organisation des Erwachsenen berühren; eben so wie
eine Missbildung, welche den frühesten Embryo betrifft, auch
die ganze Organisation des Alten ernstlich berühren wird. Die
mehrzähligen homologen und in der frühesten Embryo-Zeit ein-
ander noch ähnlichen Theile des Körpers scheinen in verwandter
Weise zu variiren geneigt; daher die rechte und linke Seite
des Körpers in gleicher Weise abzuändern pflegen, die vorderen
Gliedmaassen in gleicher Weise wie die hintern, und sogar in
gleicher Weise wie die Kinnladen, da man ja den Unterkiefer
für ein Homologon "<ler Gliedmaassen hält. Diese Neigungen
können, wie ich nicht bezweifle, durch Natürliche Züchtung mehr
und weniger beherrscht werden ; so hat es früher eine Hirsch-
Familie mit einem Augsprossen nur an einem Geweihe gegeben,
und wäre diese Eigenheit von irgend einem grösseren Nutzen
171
gewesen, so würde sie durch Natürliche Züchtung vermulhlich
bleibend geworden seyn.
Homologe Theile streben, wie einige Autoren bemerkt haben,
zusammenzuhängen, wie man es oft in monströsen Pflanzen
sieht; und nichts ist gewöhnlicher als die Vereinigung homo-
loger Theile zu normalen Bildungen, wie z. B. die Vereinigung
der Kronen-Blatter zu einer Röhre *. Harte Theile scheinen auf
die Form anliegender weicher einzuwirken , und einige Autoren
sind der Meinung, dass die Verschiedenheit in der Form des
Beckens der Vögel den merkwürdigen Unterschied in der Form
ihrer Nieren verursache. Andere glauben, dass beim Menschen
die Gestalt des Beckens der Mutler durch Druck auf die Schti-
del-Form des Kindes wirke **. Bei Schlangen bedingen nach
Schlegel die Form des Körpers und die Art des Schlingens die
Lage einiger der wichtigsten Eingeweide.
Die Beschaffenheit des Bandes der Wechselbeziehung ist
sehr oft ganz dunkel. Isidore Geoffroy Saint - Hilaire hat auf
nachdrückliche Weise hervorgehoben, dass gewisse Missbildungcn
sehr häufig und andre sehr selten zusammen vorkommen, ohne
dass wir den Grund anzugeben vermöchten. Was kann eigen-
thümlicher seyn, als die Beziehung zwischen den blauen Au-
gen und der Taubheit mancher weissen Katzen, oder die der
Farbe des Panzers mit dem weiblichen Geschlechte der Schild-
kröten; die Beziehung zwischen den gefiederten Füssen und der
Spannhaut zwischen den äusseren Zehen der Tauben , oder die
zwischen der Anwesenheit von mehr oder weniger Flaum an
den eben ausschlüpfenden Vögeln mit der künftigen Farbe ihres
Gefieders •, oder endlich zwischen Behaarung und Zahn-Bildung
des nakten Türkischen Hundes , obschon hier wohl Homologie
'■^ Weit gewöhnlicher ist gewiss das Streben homologer Theile sich so-
wie andre mit fortschreitender Enlwickelung selbständiger zu differenziren,
es seye denn, dass jenes Streben unter sich zusaninienznhiingen eine Difl'e
renzirung von heterologen Theilen bewirke, wie eben in Blumen. D. Übrs.
Dieses ist nur bei solchen weichen Theilen denkbar, welche sich
nach den ihnen anliegenden harten bilden, die ihrerseits selbst aus weichen
hervorgehen. Der Schädel modelt nicht das werdende Gehirn, sondern dieses
den Schädel! D. Übrs.
172
mit ins Spiel kommt. Mit Bezug auf diesen letzten Fall von
Wechselbeziehung scheint es mir kaum zufällig zu seyn, dass
diejenigen zwei Säugethier-Ordnungen, welche am abnormsten in
ihrer Bekleidung, auch am abweichendsten in der Zahn-Bildung
sind: nämlich die Cetaceen (Wale) und die Edentaten (Schuppen-
thiere, Gürtelthiere u. s. w.)-
Ich kenne keinen Fall, der besser geeignet wäre, die Wesen-
heit der Gesetze der Wechselbeziehung bei Abänderung wichtiger
Gebilde unabhängig von deren Nützlichkeit und somit auch von
der Natürlichen Züchtung darzuthun, als es die Verschiedenheit
der äussern und innern Blülhen im ßlülhenstande einiger Com-
positiflorae und Umbelliferae ist. Jedermann kennt den Unter-
schied zwischen den mittein und den Rand -Blülhen z. B. des
Gänseblümchens (Bellis), und diese Verschiedenheit ist oft ver-
bunden mit der Verkümmerung einzelner Blumen-Theile. Aber
in einigen Compositifloren unterscheiden sich auch die Früchte
der beiderlei Blüthen in Grösse und Skulptur, und selbst die
Ovarien mit einigen Nebenlheilen weichen ab, wie Cassini nach-
gewiesen. Diese Unterschiede sind von einigen Botanikern dem
Druck Zügeschrieben worden, und die Frucht-Formen in den
Strahlen-Blumen der Compositifloren unterstützen diese Ansicht;
keineswegs aber trifft es bei den Umbelliferen zu, dass die
Arten mit den dichtesten Umbellen die grösste Verschiedenheit
zwischen den inneren und äusseren Blüthen wahrnehmen Hessen.
Man hätte denken können, dass die stärkere Entwickelung der
im Rande des Blüthenstandes befindlichen Kronenblätter die Ver-
kümmerung andrer Blüthen-Thcile veranlasst habe, indem sie
ihnen Nahrung entzogen; aber bei einigen Compositifloren zeigt
sich ein Unterschied in der Grösse der Früchte der innern
und der Strahlen-Blülhen, ohne vorgängige Verschiedenheit der
Krone. Möglich, dass diese mancherlei Unterschiede mit irgend
einem Unterschiede in dem Zufluss der Säfte zu den mittel- und
den Rand-ständigen Blüthen zusammenhängt; wir wissen wenig-
stens, dass bei unregelmässig geformten Blülhen die der Achse
zunächst siehenden am öftesten der Peloria-Bildung unterworfen
sind und regelmässig werden. Ich will als Beispiel dieses und
173
zugleich als trelTenden Fall von Wechselbeziehung der Enlwicke-
lung antühren , wie ich kürzlich in einigen Garten-Pelargonien
beobachtet, dass die niitteln ßlüthen der Dolde oft die dunkleren
Flecken an den zwei oberen Kronenblaltern verlieren und dass,
wenn Diess der Fall, das abhängende Nectarium gänzlich ver-
kümmert; fehlt der Fleck nur an einem der zwei oberen Kro-
nenblätter, so wird das Nectarium nur stark verkürzt.
Hinsichtlich der Verschiedenheiten der Blumenkronen der
mittein und randlichen Blumen einer, Polfle oder eines Blüthen-
köpfchens, so halte ich C. C. Sprengel s Einfall , dass die Strah-
len-Blumen zur Anziehung der Insekten bestimmt seyen , deren
Bewegungen die Befruchtung der Pflanzen jener zwei Ordnun-
gen befördere, nicht für so weit hergeholt, als er beim ersten
Blick scheinen mag; und wenn es wirklich von Nutzen, so kann
Natürliche Züchtung mit in Betracht kommen. Dagegen scheint
es kaum möglich, dass die Verschiedenheit zwischen dem Bau
der äusseren und der inneren Früchte , welche in keiner W^ech-
selbeziehung mit irgend einer verschiedenen Bildung der Blüthen
steht, irgend wie den Pflanzen von Nutzen seyn kann. Jedoch
erscheinen bei den Dolden-Pflanzen die Unterschiede von so auf-
fallender Wichtigkeit (da in mehren Fällen nach Tausch die
Früchte der äusseren Blüthen orthosperm und die der mittelstän-
digen cölosperm sind), dass der ältere DeCandolle seine Haupt-
abtheilungen in dieser Pflanzen-Ordnung auf analoge Verschie-
heiten gründete. V\'ir sehen daher , dass Abänderungen der
Struktur von gänzlich unbekannten Gesetzen in den Wechselbe-
ziehungen der Entwickelung bedingt seyn können, und zwar ohne
selbst den geringsten erkennbaren Vorlheil für die Spezies dar-
zubieen.
Wir mögen irriger Weise den Wechselbeziehungen der Ent-
wickelung oft solche Bildungen zuschreiben, welche ganzen Ar-
ten-Gruppen gemein sind , aber in Wahrheit ganz einfach von
Erblichkeit abhängen. Denn ein alter Stamm-Vater z. B. mag
durch Natürliche Züchtung irgend eine Eigenthümlichkeit seiner
Struktur und nach tausend Generationen irgend eine andre davon
unabhängige Abänderung erlangt haben, und wenn dann beide
9
174
Modifikationen mit einander auf eine ganze Gruppe von Naclikoin-
nien mit verschiedener Lebensweise übertragen worden sind , so
wird man natürlich glauben, sie stünden in einer nothwendigen
Wechseibeziehung mit einander. So zweifle ich auch nicht daran,
dass einige anscheinende Wechselbeziehungen, welche in ganzen
Ordnungen des Syslemes vorkommen, 'lediglich nur von der mög-
lichen Wirkungs-Weise der Züchtung bedingt sind. Wenn z. B.
Alphons DeCandolle bemerkt, dass geflügelte Saamen nie in
Früchten vorkommen, die sich nicht öfl'nen . so möchte ich diese
Regel durch die Thatsache erklären, dass Saamen nicht durch
Natürliche Züchtung allmählich beflügelt werden können, ausser
in Früchten, die sich öffnen; so dass individuelle Pflanzen mit
Saamen, welche etwas geflügelt und daher mehr zur weiten Forl-
führung geeignet sind, vor andern schlecht-beflügelten hinsicht-
lich ihrer Aussicht auf Erhaltung im Vorlheil sind, und dieser
Vorgang kann nicht wohl mit solchen Früchten vorkommen, welche
nicht aufspringen.
Der ällre Geoffroy und Göthe haben ihr Gesetz von der
Compensation der Entwickelung fast gleichzeitig aufgestellt, wor-
nach, wie Göthe sich ausdrückt , die Natur genöthigt ist auf der
einen Seite zu ersparen, was sie auf der andern mehr gibt.
Diess passt in gewisser Ausdehnung, wie mir scheint, ganz gut
auf unsre Kultur -Erzeugnisse : denn wenn einem Theile oder
Organe Nahrung in Überfluss zuströmt, so kann sie nicht, oder
wenigstens nicht in Überfluss, auch einem andern zu Theil wer-
den, daher man eine Kuh z. B. nicht zwingen kann, viel Milch
zu geben und zugleich fett zu werden. Ein und dieselbe Kohl-
Varietät kann nicht eine reichliche Menge nahrhafter Blätter und
zugleich einen guten Ertrag von Öl-Saamen liefern. Wenn in
unsrem Obste die Saamen verkümmern, gewinnt die Frucht selbst
an Grösse und Güte. Bei unsern Hühnern ist einer grossen
Federhaube auf dem Kopfe gewöhnlich ein kleinerer Kamm bei-
gesellt, und ist ein grosser Feder-Bart mit kleinen Bartlappen
verbunden. Dagegen ist kaum anzunehmen, dass dieses Gesetz
auch auf Arten im Natur- Zustande allgemein anwendbar seye,
obwohl viele gute Beobachter und namentlich Botaniker an seine
175
Wahrheit gliiiiben. Ich will jedoch hier keine Beispiele anführen;
denn ich kann schwer ein Mittel finden zu unterscheiden einer-
seits zwischen der durch Nutiirliche Züchtung bewirkten ansehn-
lichen Vergrosserung- eines Theiles und der durch gleiche Ur-
' Sache- oder durch Nichtgebrauch veranlassten Verminderung eines
anderen nahe dabei befindlichen Organes, und anderseits der
Verkümmerung eines Organes durch Nahrungs-Einbusse in Folge
excessiver Entwickelung eines anderen nahe dabei befindlichen
Theiles.
Ich vermuthe auch, dass einige der Fälle, die man als
Beweise der Compensation vorgebracht, sich mit einigen an-
deren Thatsachen unter ein allgemeineres Prinzip zusammen-
fassen lassen, das Prinzip nämlich, dass Natürliche Züchtung fort-
während bestrebt ist, in jedem Theile der Organisation zu sparen.
Wenn unter veränderten Lebens-Verhältnissen eine bisher nütz-
liche Vorrichtung weniger nützlich wird, so dürfte wohl eine wenn
aleich nur unbedeutende Verminderung ihrer Grösse durch die
Natürliche Züchtung erstrebt werden, indem es für das Individuum
ja vortheilhaft ist, wenn es seine Säfte nicht zur Ausbildung nutz-
loser Organe verschwendet. Nur auf diese V^eise kann ich eine
Thatsache begreiflich finden, welche mich, als ich mit der Unter-
suchung über die Cirripeden beschäftigt war, überraschte, nämlich
dass, wenn ein Cirripede in anderen Organismen als Schmarotzer
lebt und daher geschützt ist, er mehr oder weniger seine eigene
Kalk-Schaale verliert. Diess ist mit dem Männchen von Ibla und
in ausserordentlich hohem Grade mit Proteolepas der Fall; denn
während der Panzer aller anderen Cirripeden aus den drei hoch-
wichtigen Vordersegmenten des ungeheuer entwickelten Kopfes
besieht und mit starken Nerven und Muskeln versehen ist, er-
scheint an dem parasitischen und geschützten Proteolepas der
ganze Vordertheil des Kopfes als ein blosses an die Basen der
Rankenfüsse befestigtes Rudiment. Nun dürfte die Ersparung
eines grossen und zusammengesetzten Gebildes, wenn es, wie
hier durch die parasitische Lebens-Weise des Proteolepas, über-
flüssig wird, obgleich nur stufenweise voranschreitend, ein ent-
schiedener Vortheil für jedes spätere Individuum der Spezies
176
seyn, weil im Kampfe um's Daseyn, welchen das Thier zu käm-
pfen hat, jeder einzelne Proteolepas um so mehr Aussicht sich
zu behaupten erlangt, je weniger Nährstoff zur Entwickelung
eines nutzlos gewordenen Organes verloren geht.
Darnach, glaube ich, wird es der Natürlichen Züchtung in
die Länge immer gelingen, jeden Theil der Organisation zu ver-
ringern und zu ersparen, sobald er überflüssig geworden ist,
ohne desshalb gerade einen anderen Theil in entsprechendem
Grade stärker auszubilden. Und eben so dürfte sie, umgekehrt,
vollkommen im Stande seyn ein Organ stärker auszubilden, ohne
die Verminderung eines andern benachbarten Theiles als nolh-
wendige Compensation zu verlangen.
Nach IsmoRE Geoffroy Saint - Hilaire's Wahrnehmuno- scheint
es bei Varietäten wie bei Arten Regel zu seyn, dass, wenn ein
Theil oder ein Organ oftmals im Baue eines Individuums vor-
kommt, wie der Wirbel in den Schlangen und die Staubgefässe
in den polyandrischen Blüthen, dessen Zahl veränderlich wird,
während die Zahl desselben Organes oder Theiles beständig
bleibt, falls er sich weniger oft wiederholen muss. Derselbe
Zoologe sowie einige Botaniker haben ferner die Bemerkung ge-
macht, dass sehr vielzählige Theile auch grösseren Verände-
rungen im inneren Bau ausgesetzt sind. Zumal nun diese vege-
tativen Wiederholungen, wie R. Owen sie nennt, ein Anzeigen
niedriger Organisation sind, so scheint die vorangehende Bemer-
kung mit der sehr allgemeinen Ansicht der Naturforscher zusam-
menzuhängen, dass solche Wesen, welche tief auf der Stufen-
leiter der Natur stehen, veränderlicher als die höheren sind.
Ich verstehe unter tiefer Organisation in diesem Falle eine ge-
ringe Differenzirung der Organe für verschiedene besondere Ver-
richtungen ; denn solange ein und dasselbe Organ verschiedene
Arbeiten zu verrichten hat, lässt sich ein Grund für seine Ver-
änderlichkeit vielleicht darin finden, dass Natürliche Züchtung jede
kleine Abweichung der Form weniger sorgfältig erhält oder
unterdrückt, als wenn dasselbe Organ nur zu einem besondern
Zweck allein bestimmt wäre. So mögen Messer, welche allerlei
Dinge zu schneiden bestimmt sind, im Ganzen so ziemlich von
177
einerlei Form seyn , während ein nur zu einerlei Gebrauch be-
slinimtes Werkzeug für jeden andern Gebrauch auch eine andere
Form haben muss.
Auch unvollkommen ausgebildete, rudimentäre Organe sind
nach der Bemerkung einiger Schriftsteller , die mir richtig zu
seyn scheint, sehr zur Veränderlichkeit geneigt. Ich verweise
in dieser Hinsicht auf die Erörterung der rudimentären und abor-
tiven Organe im Allgemeinen und will hier nur beifügen, dass
ihre Veränderlichkeit durch ihre Gebrauchslosigkeit bedingt zu
seyn scheint, indem in diesem Falle Natürliche Züchtung nichts
vermag, um Abweichungen ihres Baues zu verhindern. Daher
rudimentäre Theile dem freien Einfluss der verschiedenen V^achs-
thums-Gesetze, den Wirkungen lange fortgesetzten Nichtgebrauchs
und dem Streben zur Rückkehr preisgegeben sind.
Ein in ausserordentlicher Stärke oder Weise in
irgend einer Speeles entwickelter Theil hat, in Ver-
gleich mit demselben Theile in anderen Arte Ji, eine
grosse Neigung zur Veränderlichkeit.) — Vor einigen
Jahren wurde ich durch eine ähnliche von Wateriiouse veröffent-
lichte Äusserung überrascht. Auch schliesse ich aus einer Be-
merkung des Professors R. Owen über die Länge der Arme des
Orang-Utang, dass er zur nämlichen Ansicht gelangt seye. Es
ist keine Hoffnung vorhanden, jemanden von der Wahrheit dieser
Behauptung zu überzeugen, ohne die Aufzählung der langen
Reihe von Thatsachen, die ich gesammelt, aber hier nicht mit-
theilen kann. Ich vermag nur meine Überzeugung auszuspre-
chen , dass es eine sehr allgemeine Regel ist. Ich kenne zwar
mehre Ursachen, welche zu Irrthum in dieser Hinsicht Veran-
lassung geben können , hoffe aber sie genügend berücksichtigt
zu haben. Vor Allem ist zu bemerken , dass diese Regel auf
keinen wenn auch an sich noch so ungewöhnlich entwickelten
Theil Anwendung finden soll, woferne er nicht auch demselben
Theile bei nahe verwandten Arten gegenüber ungewöhnlich aus
gebildet ist. So abnorm daher auch die Flügel-Bildung der
Fledermäuse in der Klasse der Säugethiere ist. so bezieht sich
doch jene Regel nicht darauf, weil diese Bildung einer ganzen
Darwin, Entstotuing der Arten, 2. Aull. ■J2 •
178
Ordnung zukommt; sie würde nur anwendbar seyn, wenn die
Flügel einer Fledermaus-Art in merkwürdigem Verhallnisse gegen
die Flügel andrer Arten derselben Sippe vergrössert wären. Diese
Regel entspricht sehr gut den ungew()hnlich verwickelten »sekun-
dären Sexual-Charaktern« 5 mit welchem Ausdrucke Hunter die-
jenigen Merkmale bezeichnete, welche nur dem Männchen oder
dem Weibchen allein zukommen, aber mit dem Forlpflanzungs-
Akte nicht in unmittelbarem Zusammenhang stehen. Die Regel
findet sowohl auf Männchen wie auf Weibchen Anwendung, doch
mehr auf die ersten, weil auffallende Charaktere dieser Art bei
Weibchen überhaupt selten sind. Die vollkommene Anwend-
barkeit der Regel auf diese letzten Fälle dürfte mit der grossen
und nicht zu bezweifelnden Veränderlichkeit dieser Charaktere
überhaupt, mögen sie viel oder wenig entwickelt seyn, zusam-
menhängen. Dass sich aber unsre Regel in der That nicht
auf die sekundären Charaktere dieser Art allein beziehe, er-
hellt aus den hermaphroditischen Cirripeden; und ich will hier
beifügen, dass ich bei der Untersuchung dieser Ordnung Herrn
Watebhouse's Bemerkung besondre Beachtung zugewandt habe
und vollkommen von der fast unveränderlichen Anwendbarkeit
dieser Regel auf die Cirripeden überzeugt bin. In meinem
späteren Werke werde ich eine vollständigere Liste der einzel-
nen Fälle geben ; hier aber will ich nur einen anführen, welcher
die Regel in ihrer ausgedehntesten Anwendbarkeit erläutert. Die
Deckclklappen der sitzenden Cirripeden (Balaniden) sind in jedem
Sinne des Wortes sehr wichtige Gebilde und variiren selbst von
einer Sippe zur andern nur wenig. Nur in den verschiedenen
Arten von Pyrgoma allein bieten diese Klappen einen wunder-
samen Grad von Differenzirung dar. Die homologen Klappen
sind in verschiedenen Arten zuweilen ganz unähnlich in Form,
und der Betrag möglicher Abweichung zwischen den Individuen
einiger Arten ist so gross, dass man ohne Übertreibung behaup-
ten darf, ihre Varietäten weichen in den Merkmalen dieser wich-
tigen Klappen weit auseinander, als sonst Arien verschiedener
Sippen.
Da Vögel innerhalb einer und derselben Gegend ausser-
I
179
ordentlich wenig variiren, so Iiabe icli auch sie in dieser Hinsiclit
näher geprüft und die Regel auch in dieser Klasse sehr gut be-
währt gefunden. Ich kann nicht nachweisen, dass sie sich auch
bei den Pflanzen so verhalte, und mein Vertrauen auf ihre AU-
o-emeinheit würde hiedurch sehr erschüttert worden seyn, wenn
nicht eben die grosse Veränderlichkeit der Pflanzen überhaupt
es sehr schwierig machte, die bezüglichen Veränderlichkeits-Grade
beider miteinander zu vergleichen.
Wenn wir bei irgend einer Spezies einen Theil oder ein
Organ in merkwürdiger Höhe oder Weise entwickelt sehen, so
. läge es am nächsten anzunehmen, dass dasselbe dieser Art von
grosser Wichtigkeit seyn müsse, und doch ist der Theil in diesem
Falle ausserordentlich veränderlich. Wie kommt Diess? Aus der
Ansicht, dass jede Art mit allen ihren Theilen, wie wir sie jetzt
sehen, unabhängig erschaffen worden seye, können wir keine Er-
klärung schöpfen. Dagegen scheint mir die Annahme, dass Arien-
Gruppen eine gemeinsame Abstammung von andern Arten haben
und nur durch Natürliche Züchtung modifizirt worden sind, einiges
Licht über die Frage zu verbreiten. Wenn bei unsren Hausthieren
ein einzelner Theil oder das ganze Thier vernachlässigt und ohne
Züchtung fortgepflanzt wird, so wird ein solcher Theil (wie z. B.
der Kamm bei den Dorking-Hühnern) oder die ganze Rasse auf-
hören einen einförmigen Charakter zu bewahren. Man wird dann
sagen, sie seye ausgeartet. In rudimentären und solchen Organen,
welche nur wenig für einen besondern Zweck dilFerenzirt worden
sind, sowie in polymorphen Gruppen, sehen wir einen fast gleich-
laufenden Fall in der Natur ; denn hier kann die Natürliche Züch-
tung nicht oder nur wenig zur Geltung kommen und die Organi-
sation bleibt in einem schwankenden Zustande. Was uns aber
hier näher angeht, das ist. dass eben bei nnseren Hausthieren
diejenigen Charaktere , welche durch forlgesetzte Züchtung so
rascher Abänderung unterliegen, eben so rasch zu variiren geneigt
werden. Man vergleiche einmal die Tauben-Rassen; was für ein
wunderbar grosses Maass von Veränderung zeigt sich nur in den
Schnäbeln der Purzellauben, in den Schnäbeln und rothen Lappen
der verschiedenen Botentauben (Cyprianer), in Haltung und
12
180
Schwanz der Pfauenlaube, weil die Englischen Liebhaber auf
diese Funkle wenig achten. Schon die Unterrassen wie die kurz-
slirnigen Purzier sind bekanntlich schwer vollkommen zu flnden,
und oft kommen dabei einzelne Thiere zum Vorschein , welche
weit von dem Muslerbilde abweichen. Alan kann daher mit
Wahrheit sagen, es finde ein beständiger Kampf statt zwischen
einerseits einem Streben zur Rückkehr in eine minder diffcrcn-
zirte Beschaffenheit und einer angeborenen Neigung zu weiterer
Veränderung aller Art, und andrerseits dem Vermögen fortwäh-
render Züchtung zur Reinerhaltung der Rasse. Bei langer Dauer
gewinnt Züchtung den Sieg, und wir fürchten nicht mehr so weit
vom Ziele abzuweichen, dass wir von einem guten kurzstirnigen
Stamm nur einen gemeinen Purzier erhielten. So lange aber die
Züchtung noch in raschem Fortschritt begriffen ist, wird immer
eine grosse Unbeständigkeit in dem der Veränderung unterlie-
genden Gebilde zu erwarten seyn. Es verdient ferner bemerkt
zu werden, dass diese durch künstliche Züchtung erzeugten ver-
änderlichen Charaktere aus uns ganz unbekannten Ursachen sich
zuweilen mehr an das eine als an das andre Geschlecht knüpfen,
und zwar gewöhnlich an das männliche, wie die Fleischwarzen
der Englischen Botenlaube und der mächtige Kropf des Kröpfers.
Doch kehren wir zur Natur zurück. Ist ein Theil in irgend
einer Spezies den andern Arten derselben Sippe gegenüber auf
aussergewöhnliche W^eise vergrösserl, so können wir annehmen,
derselbe habe seit ihrer Abzweigung von dem gemeinsamen
Stamme einen ungewöhnlichen Betrag von Abänderung erfahren.
Diese Zeit der Abzweigung wird seilen ausserordentlich weil zu-
rückliegen, da Arien nur selten länger als eine geologische Pe-
riode dauern. Ein ungewöhnlicher Betrag von Verschiedenheil
setzt ein ungewöhnlich langes und ausgedehntes Maass von Ver-
änderlichkeil voraus , deren Produkt durch Züchtung zum Besten
der Spezies fortwährend gehäuft worden ist. Da aber die Verän-
derlichkeit des ausserordentlich entwickeilen Theiles oder Organes
in einer nicht sehr weit zurückreichenden Zeit so gross und an-
dauernd gewesen ist, so möchten wir auch jetzt noch in der
Regel mehr Veränderlichkeit in solchen als in andern Theüen
181
der Organisation, welche schon seit viel längerer Zeit beständig
geworden sind, anzutreffen erwarten. Und diese findet nach
meiner Überzeugung statt. Dass aber der Kampf zwischen Natür-
licher Züchtung einerseits und der Neigung zur Rückkehr und
zur weiteren Abänderung anderseits mit der Zeit aufhören und
auch die am abnormsten gebildeten Organe beständig werden
können, ist kein Grund vorhanden zu bezweifeln. Wenn daher
ein Organ, wie regelmässig es auch seyn mag, in ungefähr glei-
cher Beschaffenheit auf viele bereits abändernde Nachkommen über-
tragen wird, wie Diess mit dem Flügel der Fledermaus der Fall
ist, so muss es meiner Theorie zufolge schon eine unermessliche
Zeit hindurch in dem gleichen Zustande vorhanden gewesen und in
dessen Folge jetzt nicht mehr veränderlicher als irgend ein andres
Organ seyn. Nur in denjenigen Fällen, wo die Modifikation noch
' verhältnissmässig jung und ausserordentlich gross ist, werden wir
daher die »generative Veränderlichkeit«, wie wir sie nennen
wollen, noch in hohem Grade fortdauernd linden. Denn in diesem
Falle wird die Veränderlichkeit nur selten schon durch ununter-
brochene Züchtung der in irgend einer beabsichtigten Weise und
- Stufe variirenden und durch fortwährende Verdrängung der zur
Rückkehr geneigten Individuen zu einem festen Ziele gelangt seyn.
Das in diesen Bemerkungen enthaltene Prinzip ist noch einer
Ausdehnung fähig. Es ist nämlich bekannt, dass die spezifischen
mehr als die Sippen-Charaktere abzuändern geneigt sind. Ich will
mit einem einlachen Beispiele erklären , was ich meine. Wenn
in dner grossen Pflanzen- Sippe einige Arten blaue Blülhen haben
und andre haben rothe, so wird die Farbe nur ein Art-Charakter
seyn und daher auch niemand überrascht werden , wenn eine
blau-blühende Art zu Roth übergeht oder umgekehrt. Wenn aber
alle Arten blaue Blumen haben , so wird die Farbe zum Sippen-
Charaktere, und ihre Veränderung wird schon eine ungewöhnliche
Erscheinung seyn. Ich habe gerade dieses Beispiel gewählt, weil
eine Erklärung, welche die meisten Naturforscher sonst beizu-
bringen geneigt seyn würden, darauf nicht anwendbar ist, dass
nämlich spezifische Charaktere desshalb weniger als generische
veränderlich erscheinen, weil sie von Theilen entlehnt sind, die
182
eine iiiiiulere physiologische Wichtigkeil besitzen, als diejenigen,
welche gewöhnlich zur Klassifikation der Sippen dienen. Ich
glaube zwar, dass diese Erklärung theilweise, wenn auch nur
indirekt, richtig ist, kann jedoch erst in dem Abschnitt über
Klassifikation darauf zurückkommen. Es dürfte ganz überflüssig
seyn, Beispiele zu Unterstützung der obigen Behauptung anzu-
führen, dass Arten-Charaktere veränderlicher als Sippen- Charaktere
Seyen ; ich habe aber aus naturhistorischen Werken wiederholt
culnoinmcn, dass, wenn ein Schriftsteller durch die Wahrnehmung
überrascht war, dass irgend ein wichtigeres Organ, welches sonst
in ganzen grossen Arten-Gruppen beständig zu seyn pflegt, in
nahe verwandten Arten ansehnlich abändere, dasselbe dann auch
in den Individuen einiger der Arten variirte. Diese Thatsache
zeigt, dass ein Charakter, der gewöhnlich von generischem Werthe
ist, wenn er zu spezifischem Werthe herabsinkt, oft veränderlich
wird, wenn auch seine physiologische Wichtigkeit die nämliche
bleibt. Etwas Ähnliches findet auch auf Monstrositäten Anwendung;
wenigstens scheint Isidore Geofkroy Saint-Hilaire keinen Zweifel
darüber zu hegen, dass ein Organ um so mehr individuellen
Anomalien unterliege, je mehr es in den verschiedenen Arten
derselben Gruppe verschieden ist.
Wie wäre es nach der gewöhnlichen Meinung, dass jede
Art unabhängig erschaffen worden seye, zu erklären, dass der-
jenige Theil der Organisation, v\^elcher von demselben Theile in
anderen unabhängig erschaffenen Arten derselben Sippe mehr
abweicht, auch veränderlicher ist, als jene Theile, welche in den
verschiedenen Arten einer Sippe nahezu übereinstimmen. Ich
sehe keine Möglichkeit ein Diess zu erklären. Wenn wir aber
von der Ansicht ausgehen, dass Arten nur wohl unterschiedene und
ständig gewordene Varietäten sind, so werden wir sicher auch
erwar-ten dürfen zu sehen, dass dieselben noch jezt oft fortfahren
in denjenigen Theilen ihrer Organisation abzuändern, welche erst
in verhältnissmässig neuer Zeit in Folge ihres Variirens von der
gewöhnlicheren Bildung zurückgewichen sind. Oder, um den
Fall in einer andern Weise darzustellen: die Merkmale, worin
alle Arten einer Sippe einander gleichen, und worin dieselben
183
von allen Arten einer andern Sippe abweichen, heisscn generische,
und diese Merkmale zusannnengenonirnen leite ich mittelst Verer-
buno- von einem gcmeinschaitliclien Stammvater ab; denn nur
selten kann es der Zulall gewollt haben, dass Natürliche Züchtung
verschiedene mehr oder weniger abweichenden Lebensweisen an-
gepasste Arten genau auf dieselbe Weise modifizirt hat; und da
diese sogenannten generischen Charaktere schon von sehr frühe
her, seit" der Zeit nämlich wo sie sich von ihrer gemeinsamen
Stamm-Arl abgezweigt haben, vererbt worden sind, und sie sich
später nicht mehr oder nur noch wenig verändert haben, so ist
es nicht wahrscheinlich, dass sie noch heutiges Tages abändern.
Anderseits nennt man die Punkte, wodurch sich Arten von andern
Arten derselben Sippe unterscheiden, spezifische Charaktere, und
da diese seil der Zeit der Abzweigung der Arten von der ge-
meinsamen Stamm-Art abgeändert haben, so ist es wahrscheinlich,
dass dieselben noch jetzt oft einigermassen veränderlich sind,
veränderlicher wenigstens, als diejenigen Theile der Organisation,
welche während einer sehr langen Zeit-Dauer sich als beständig
erwiesen haben.
Im Zusammenhang mit diesem Gegenstande will ich noch
zwei andre Bemerkungen machen. — Ohne dass ich nöthig habe,
darüber auf Einzelheiten einzugehen, wird man mir zugeben,
dass sekundäre Sexual-Charaktere sehr veränderlich sind; man
wird mir wohl auch ferner zugeben, dass die zu einerlei Gruppe
gehörigen Arten hinsichtlich dieser Charaktere weiter als in an-
dern Theilen ihrer Organisation auseinander gehen können. Ver-
gleicht man Beispiels-weise die Grösse der Verschiedenheit zwi-
schen den Männchen der Hühner-artigen Vögel, bei welchen diese
Art von Charakteren vorzugsweise stark entwickelt sind, mit der
Grosse der Verschiedenheit zwischen ihren Weibchen, so wird
die Wahrheit jener Behauptung eingeräumt werden. Die Ursache
der ursprünglichen Veränderlichkeit der sekundären Sexual-Cha-
raktere ist nicht nachgewiesen; doch lässt sich begreifen, wie es
komme, dass dieselben nicht eben so einförmig und beständig
geworden sind als andre Theile der Organisation; denn die se-
kundären Sexual-Charaktere sind durch geschlechtliche Ziichtung
184
gcluiuft worden, welche weniger strenge in ihrer Thäliglteit als
die gewöhnliche ist, indem sie die minder begünstigten Miinnchen
nicht zerstört, sondern bloss mit weniger Nachkommenschalt
versieht. Welches aber immer die Ursache der Veränderlichkeit
dieser sekundären Sexual-Charaktere seyn mag; da sie nun ein-
mal sehr veränderlich sind, so hat die Natürliche Züchtung darin
einen weiten Spielraum für ihre Thätigkeit gefunden und somit
den Arten einer Gruppe leicht einen grösseren Betrag von Ver-
schiedenheit in ihren Sexual-Charakteren, als in andern Theilcn
ihrer Organisation verleihen können.
Es ist eine merkwürdige Thatsache, riass die sekundären
Sexual- Verschiedenheiten zwischen beiden Geschlechtern einer Art
sich gewöhnlich genau in denselben Theilen der Organisation
entfalten, in denen auch die verschiedenen Arten einer Sippe
von einander abweichen. Um Diess zu erläutern will ich nur
zwei Beispiele anführen, welche zufällig die ersten auf meiner
Liste stehen: und da die Verschiedenheiten in diesen Fällen von
sehr ungewöhnlicher Art sind, so kann die Beziehung kaum zu-
fällig seyn. Sehr grosse Gruppen von Käfern haben eine gleiche
Anzahl von Tarsal-Gliedern mit einander gemein; nur in der Fa-
milie der Engidae ändert nach Westwood's Beobachtung diese
Zahl sehr ab, sogar in den zwei Geschlechtern einer Art. Ebenso
ist bei den Grabenden Hymenopteren der Verlauf der Flügel-
Adern ein Charakter von höchster Wichtigkeit, weil er sich in
grossen Gruppen gleich bleibt; in einigen Sippen jedoch ändert
er von Art zu Art und dann gleicher Weise auch oft in den
zwei Geschlechtern der nämlichen Art ab. Lubbock hat kürzlich
bemerkt, dass einige kleine Kruster vortreffliche Belege ftir dieses
Gesetz darbieten. In Ponteila z. B. sind es hauptsächlich die vor-
deren Fühler und das fünfte Bein-Paar, welche die Sexual-Charak-
tere liefern und dieselben Organe bieten auch die wichtigsten
Arten-Unterschiede dar. Diese Beziehung hat eine klare Bedeutung
in meiner Anschauungs- Weise : ich betrachte nämlich mit Bestimmt-
heit alle Arten einer Sippe als Abkömmlinge von demselben
Stamm- Vater, wie die zwei Geschlechter in jeder Art. Folglich:
was immer für ein Theil der Organisation des gemeinsamen
185
Slaiimi-Vaters oder seiner ersten Nachkommen veränderlich ger
worden, so werden höchst wahrscheinlich Abänderungen dieser
Theile durch Natürliche und Geschlechtliche Züchtung begünstigt
worden seyn , um die verschiedenen Arten verschiedenen Stellen
im Haushalte der Natur anzupassen, und ebenso um die zwei
Geschlechter einer nilmlichen Spezies Rir einander geschickt zu
machen, oder auch um Männchen und Weibchen zu verschiedenen
Lebensweisen zu eignen, oder endlich die Männchen in den Stand
zu setzen mit anderen Männchen um die Weibchen zu kämpfen.
Endlich gelange ich also zu dem Schlüsse, dass die grössre
Veränderlichkeit der spezifischen Charaktere, wodurch sich Art
von Art unterscheidet, gegenüber den generischen Merkmalen,
welche die Arten einer Sippe gemein haben, — dass die oft
äusserste Veränderlichkeit des in irgend einer einzelnen Art
ganz ungewöhnlich entwickelten Theiles gegenüber der geringen
Veränderlichkeit eines wenn auch ausserordentlich entwickelten,
aber einer ganzen Gruppe von Arten gemeinsamen Theiles, —
dass die grosse Unbeständigkeit sekundärer Sexual- Charaktere
und das grosse Maass von Verschiedenheit in denselben Merk-
malen zwischen einander nahe verwandten Arten, — dass die
Entwickelung sekundärer Sexual- und gewöhnlicher Art-Charaktere
gewöhnlich in einerlei Theilen der Organisation — Alles eng
unter-einander verkettete Prinzipien sind. Alle entspringen haupt-
sächlich daher, dass die zu einer Gruppe gehörigen Arten von
einem gemeinsamen Stamm-Vater herrühren, von welchem sie
Vieles gemeinsam ererbt haben: — dass Theile, welche erst
neuerlich noch starke Umänderungen erlitten, leichter zu variiren
geneigt sind als solche, welche sich schon seit langer Zeit ohne
alle Veränderung fortgeerbt haben ; — dass die sexuelle Züchtung
weniger streng als die gewöhnliche ist; — endlich, dass Abän-
derungen in einerlei Organen durch natürliche und durch sexuelle
Züchtung gehäuft und für sekundäre Sexual- und gewöhnliche
spezifische Zwecke angepasst worden sind.
Verschiedene Arten zeigen analoge Abänderun-
gen: und die Varietät einer Spezies nimmt oft einige
von den Charakteren einer verwandten Spezies an,
186
oder sie kohrl zu einigen von den Merkmalen der
Stamm- Art zurück.) Diese Beiiauptungen versteht man am
leichtesten durch Betrachtung der Haustliier-Rassen. Die verschie-
densten Tauben-Rassen bieten in weit auseinandcrgelegenen Ge-
genden Unter- Varietäten mit umgewendeten Federn am Kopfe
und mit Federn an den Füssen dar, Merkmale, welche die ur-
sprüngliche Felstaube nicht besitzt; Diess sind also analoge Ab-
änderungen in zwei oder mehren verschiedenen Rassen. Die
häufige Anwesenheit von vierzehn bis sechszehn Schwanzfedern
im Kröpfer kann man als eine die Normal-Bildung einer andern
Abart, der Pfauentaube nämlich, vertretende Abweichung be-
trachten. Ich unterstelle, dass Niemand daran zweifeln wird, dass
alle solche analoge Abänderungen davon herrühren, dass die ver-
schiedenen Tauben - Rassen die gleiche Konstitution und daher
unter denselben unbekannten Einflüssen die gleiche Neigung zu
variiren geerbt haben. Im Pflanzen-Reiche zeigt sich ein Fall von
analoger Abänderung in dem verdickten Strünke (gewöhnlich
wird er die Wurzel genannt) des Schwedischen Turnipses und
der Rutabaga, Pflanzen, welche mehre Botaniker nur als durch
die Kultur hervorgebrachte Verietäten einer Art ansehen. Wäre
Diess aber nicht richtig, so hätten wir einen Fall analoger Ab-
änderung in zwei sogenannten Arten, und diesen kann noch der
gemeine Turnips als dritte beigezählt werden. Nach der gewöhn-
lichen Ansicht, dass jede Art unabhängig geschalTen worden seye,
würden wir diese Ähnlichkeit der drei Pflanzen in ihrem ver-
dickten Stengel nicht der wahren Ursache ihrer gemeinsamen
Abstammung und einer daraus folgenden Neigung in ähnlicher
Weise zu variiren zuzuschreiben haben, sondern drei verschie-
denen aber enge unter sich verwandten Schöpfungs-Akten. Bei
den Tauben haben wir noch einen andern Fall , nämlich das in
allen Rassen gelegentliche Zumvorscheinkommen von Schiefer-
blauen Vögeln mit zwei schwarzen Flügelbinden, einem weissen
Steiss, einer Queerbinde auf dem Ende des Schwanzes und einem
weissen äusseren Rande am Grunde der äusseren Schwanz-Federn.
Da alle diese Merkmale für die Stamm-Art bezeichnend sind, so
glaube ich wird Niemand bezweifeln, dass es sich hier um eine
187
lUickkolir zum Ur-Cliarakler und nicht uui eine analoge yVbändo-
rung in verschiedenen Rassen handle. Wir werden dieser Fol-
gerung um so mehr vertrauen können, als, wie wir bereits ge-
sehen, diese Farben-Charaklere sehr gerne in den Blendlingen
zweier ganz verschieden gefärbter Rassen zum Vorschein kommen:
und in diesem Falle ist auch in den äusseren Lebens-Bedingungen
nichts zu finden, was das VViedererscheinen der Schiefer-blauen
Farbe mit den übrigen Farben-Abzeichen erklären könnte, als
der Einfluss des Kreutzungs- Aktes auf die Erblichkeits- Gesetze.
Es ist in. der That eine Erstaunen-erregende TLatsache, dass
seit vielen und vielleicht Hunderten von Generationen verlorene
Merkmale wieder zum Vorschein kommen. Wenn jedoch eine
Rasse nur einmal mit einer andern Rasse gekreutzt worden ist,
so zeigt der Blendling die Neigung gelegentlich zum Charakter
der fremden Rasse zunückzukehren noch einige, man sagt 12—20,
Generationen lang. Nun ist zwar nach 12 Generalionen, nach
der gewöhnlichen Ausdrucks- Weise, das Blut des einen fremden
Vorfahren nur noch 1 in 2048, und doch genügt nach der all-
gemeinen Annahme dieser äusserst geringe Bruchtheil fremden
Blutes noch, um eine Neigung zur Rückkehr in jenen Urstamm
zu unterhalten. In einer Rasse, welche nicht gekreutzt worden,
sondern worin beide Ällern' einige von den Charakteren ihrer
gemeinsamen Stamm - Art eingebüsst, dürfte die stärkere oder
schwächere Neigung den verlornen Charakter wi(!der herzustellen,
wie schon früher bemerkt worden, trotz Allem, was man Gegen-
Iheiliges sehen mag, sich noch eine Reihe von Generationen hin-
durch erhalten. Wenn ein Charakter, der in einer Rasse ver-
loren gegangen, nach einer grossen Anzahl von Generationen
wiederkehrt, so ist die wahrscheinlichste Hypothese nicht die,
dass der Abkömmling jetzt erst plötzlich nach einem mehre hun-
dert Generalionen älteren Vorgänger zurückstrebt, sondern die,
dass in jeder der aufeinanderfolgenden Generationen noch ein
Streben zur Wiederherstellung des fraglichen Charakters vorhan-
den gewesen, welches nun endlich unter unbekannten günstigen
Verhältnissen zum Durchbruch gelangt. So ist z. B. wahrschein-
lich, dass in jeder Generation der Barb-Taube (S. 32), welche
188
nur sehr selten einen blauen Vogel mit schwarzen Binden hervor-
bringt; das Streben diese Färbung anzunehmen vorhanden seye.
Diese Ansicht ist hypothetisch, kann jedoch durch einige That-
sachen unterstützt werden; und ich kann an und für sich keine
grössere Unwahrscheinlichkeit in der Unterstellung einer Neigung
sehen, einen durch eine endlose Zahl von Generationen fortgeerbt
gewesenen Charakter wieder anzunehmen, als in der Vererbung
eines thatsächlich ganz unnützen oder rudimentären Organes, Und
doch können wir zuweilen ein solches Streben ein ererbtes Rudi-
ment hervorzubringen wahrnehmen, wie sich z. B. in dem ge-
meinen Löwenmaul (Anlirrhinum) das Rudiment eines fünften
Staubgefässes so oft zeigt, dass dieser Pflanze eine Neigung es
hervorzubringen angeerbt seyn muss.
Da nach meiner Theorie alle Arten einer Sippe gemeinsamer
Abstammung sind, so ist zu erwarten, dass sie zuweilen in ana-
loger Weise variiren, so dass eine Varietät der einen Art in
einigen ihrer Charaktere einer andern Art gleicht, welche ja nach
meiner Meinung selbst nur eine ausgebildete und bleibend ge-
wordene Abart ist. Doch dürften die hiedurch erlangten Charak-
tere nur unwesentlicher Art seyn; denn die Anwesenheit aller
wesentlichen Charaktere wird durch Natürliche Züchtung in Über-
einstimmung mit den verschiedenen Lebensweisen der Art geleitet
und bleibt nicht der wechselseitigen Thätigkeit der Lebens-Bedin-
gungen und einer ähnlichen ererbten Konstitution überlassen. Es
wird ferner zu erwarten seyn, dass die Arten einer nämlichen
Sippe zuweilen eine Neigung zur Rückkehr zu den Charakteren
alter Vorfahren zeigen. Da wir jedoch niemals den genauen
Charakter des gemeinsamen Stamm-Vaters einer Gruppe kennen,
so vermögen wir diese zwei Fälle nicht zu unterscheiden. Wenn
wir z. B. nicht wüssten, dass die Felstaube nicht mit Federfüssen
oder mit umgewendeten Federn versehen ist, so hätten wir nicht
sagen können, ob diese Charaktere in unsren Haustauben Rassen
Erscheinungen der Rückkehr zur Stamm-Form oder bloss analoge
Abänderungen seyen; wohl aber hätten wir unterstellen dürfen,
dass die blaue Färbung ein Beispiel von Rückkehr seye, wegen
der Zahl der andern Zeichnungen, welche mit der blauen Färbuno-
189
zugleich wieder zum Vorschein kommen und wahrscheinlich doch
nicht bloss in Folge einfacher Abänderung damit zusammentreffen.
Und noch mehr würden wir darauf geschlossen haben, weil die
blaue Farbe und andren Zeichnungen so oft wiedererscheinen,
wenn verschiedene Rassen von abweichender Färbung miteinander
o-elu-eulzt werden. Obwohl es daher in der freien Natur gewöhn-
lieh zweifelhaft bleibt, welche Fälle als Rückkehr zu alten Stamm-
Charakteren und welche als neue analoge Abänderungen zu be-
trachten sind, so müssen wir doch nach meiner Theorie zuweilen
finden , dass die abändernden Nachkommen einer Art (seye es nun
durch Rückkehr oder durch analoge Variation) Charaktere anneh-
men, welche schon in einigen andern Gliedern derselben Gruppe
verbanden sind. Das ist zweifelsohne in der Natur der Fall.
Ein grosser Theil der Schwierigkeit eine veränderliche Art
in unsren systematischen Werken wiederzuerkennen, rührt davon
her, dass ihre Varietäten gleichsam einige der andern Arten der
nämlichen Sippe nachahmen. Auch könnte man ein ansehnliches
Verzeichniss von Formen geben, welche das Mittel zwischen zwei
andern Formen halten, von welchen es zweifelhaft ist, ob sie als
Arten oder als Varietäten anzusehen seyen; und daraus ergibt
sich, wenn man nicht alle diese Formen als unabhängig erschaf-
fene Arien ansehen will, dass die eine durch Abänderung die
Charaktere der andern so weit angenommen hat, um hiedurch
eine Mittelform zu bilden. Aber der beste Beweis bietet sich dar,
indem Theile oder Organe von wesentlicher und einförmiger Be-
schaffenheit zuweilen so abändern, dass sie einigermassen den
Charakter desselben Organes oder Theiles in einer verwandten
Art annehmen. Ich habe ein langes Verzeichniss von solchen
Fällen zusammengebracht, kann solches aber leider hier nicht
mittheilen, sondern bloss wiederholen, dass solche Fälle vorkom-
men und mir sehr merkwürdig zu seyn scheinen.
Ich will jedoch einen eigenthüinlichen und zusammengesetzten
Fall anführen, der zwar keinen wichtigen Charakter betrifft, aber
in verschiedenen Arten einer Sippe theils im Natur- und theils
im gezähmten Zustande vorkommt. Es ist olTenbar ein Fall von
Rückkehr. Der Esel hat manchmal sehr deutliche Queerbinden
190
auf seinen Beinen, wie das Zebra. Man hat versichert, dass diese
beim Füllen am deutlichsten zu sehen sind, und meine Nachfor-
schungen scheinen Solches zu bestätigen. Auch hat man versi-
chert, der Streifen an der Schulter seye zuweilen doppelt. Der
Schulter-Streifen ist jedenfalls sehr veränderlich in Länge und
Umriss, Man hat auch einen weissen Esel, der kein Albino ist,
ohne Rücken- und Schulter-Streifen beschrieben; und diese Strei-
fen sind auch bei dunkel-farbigen Thieren zuweilen sehr undeut-
lich oder gar nicht zu sehen. Der Kulan von Pallas soll mit
einem doppelten Schulter- Streifen gesehen worden seyn. Der
Hemionus hat keinen Schulter Streifen; doch kommen nach Blyth's
u. A. Versicherung zuweilen Spuren davon vor, und Colonel
PooLE hat mich benachrichtigt, dass die Füllen dieser Art zu-
weilen an den Beinen und schwach an der Schulter gestreift sind.
Das Ouagga, obwohl am Körper eben so deutlich gestreift als
das Zebra, ist ohne Binden an den Beinen; doch hat Dr. Gray
ein Individuum mit sehr deutlichen denen des Zebras ähnlichen
Binden an den Beinen abgebildet.
Was das Pferd betrifft, so habe ich in England Fälle vom
Vorkommen des Rücken-Streifens bei den verschiedensten Rassen
und allen Farben gesammelt. Beispiele von Queerbinden auf den
Beinen sind nicht selten bei Braunen, Mäusebraunen' und einmal
bei einem Kastanienbraunen vorgekommen. Auch ein schwacher
Schulter-Streifen tritt zuweilen bei Braunen auf, und eine Spur
davon habe ich an einem Beerbraunen gefunden. Mein Sohn hat
mir eine sorgfältige Untersuchung und Zeichnung von einem
braunen Belgischen Karren-Pferde mitgetheilt mit einem doppelten
Streifen auf der Schulter und mit Streifen an den Beinen; ich
selbst habe einen braunen Devonshirer Pony gesehen, ein verläs-
siger Mann hat mir die sorgfältige Beschreibung eines kleinen
braunen Walliser Pony mitgetheilt, welche alle beiden mit drei
kurzen gleichlaufenden Streifen auf jeder Schulter versehen waren.
Im nordwestlichen Theile Ostindiens ist die Kallywarer Pferde-
Rasse so allgemein gestreift, dass, wie ich von Colonel Poole
vernehme, welcher dieselbe im Auftrag der Regierung unter-
suchte, ein Pferd ohne Sireifen nicht für Vollblut angesehen wird.
191
Der Rückorat ist immer geslroifl; die Slreifen auf den Beinen
sind wie der Schuller- Slreilen , welcher zuweilen doppelt und
selbst dreifach ist, gewöhnlich vorhanden: überdiess sind die
Seilen des Gesichts zuweilen gestreift. Die Streifen sind beim
Füllen am deutlichsten und verschwinden zuweilen im Aller.
PoOLE hat ganz junge sowohl graue als beerbraune Füllen ge-
streift gefunden. Auch habe ich nach Mittheilungen , welche ich
Herrn W. W. Edwards verdanke, Grund zu vermuthen, dass an
Englischen Rennpferden der Rücken-Streifen häufiger an Füllen
als an alten Pferden vorkommt. Ich habe kürzlich ein Fohlen von
einer Kastanien-braunen Stute (der Tochter eines Turkomannischen
Henffsles und einer Flämischen Stute) und einem Kastanien-brau-
nen Englischen Rasse-Pferd gezüchtet. Dieses Fohlen war, eine
Woche alt, am Rücken gegen den Schwanz hin sowie am Vor-
derkopfe mit schmalen Zebra- Streifen und an den Beinen mit
blasseren solchen Streifen versehen, die zweifelsohne alle bald
verschwinden werden. Ohne hier in Einzelnheilen noch weiter ein-
zugehen, will ich anführen, dass ich Fälle von Bein- und Schuller-
Streifen bei Pferden von ganz verschiedenen Rassen in verschie-
denen Gegenden gesammelt habe von England bis Ost- China und
von Noncegen im Norden bis zum Malayischen Archipel im Süden.
In allen Theilen der Welt kommen diese Streifen weitaus am öfte-
sten an Braunen und Mäusebraunen vor. Unter Braun schlechthin
(»Dan«) begreife ich hier Pferde mit einer langen Reihe von Far-
ben-Abstufungen von Schwarzbraun an bis fast zum Rahmfarbigen*.
Ich weiss, dass Colonel Hamilton Smith, der über diesen
Gegenstand geschrieben, annimmt, unsre verschiedenen Pferde-
Rassen rührten von verschiedenen Stamm-Arten her, wovon eine,
die des Braunen, gestreift gewesen, und alle obcn-beschriebenen
Streifungen seyen Folge früherer Kreutzung mit dem Braunen-
Stamme, .ledoch fühle ich mich durch diese Theorie in keiner
Weise befriedigt und möchte sie nicht auf so verschiedene Rassen
* Wie sie niimlicli als Grund-Farben der verschiedenen Eqiius-Arten in
der Nalur vorkommen. Man könnte also etwa sagen „nalürliolie Pferde-
Farben". 0- ilbrs
192
in Anwendung bringen, wie das Belgische Karren-Pferd, der
Walliser Pony, der Renner, die sciilanke Kattywar-Rasse u. a.,
die in den verschiedensten Tlieilen der Welt zerstreut sind.
Wenden wir uns nun zu den Folgen der Kreutzung zwischen
den verschiedenen Arten der Pferde-Sippe: Rolun versichert, dass
der gemeine Maulesel, von Esel und Pferd, sehr oft Queerstreifen
auf den Beinen hat, und nach Gosse kommt Diess in den Verein-
ten Staaten in zehn Fällen neunmal vor. Ich sah einst einen
Maulesel mit so stark gestieiften Beinen, dass jedermann geneigt
gewesen seyn würde ihn vom Zebra abzuleiten- und Herr W.
C. Martin hat in seinem vorzüglichen Werke über das Pferd die
Abbildung von einem ähnlichen Maulesel mitgetheilt. In vier in
Farben ausgeführten Bildern von Bastarden des Esels mit dem
Zebra fand ich die Beine viel deutlicher gestreift als den übrigen
Körper, und in einem derselben war ein doppelter Schulter-
Streifen vorhanden. An Lord Mortons berühmtem Bastard von
einem Quagga-Hengst und einer kastanienbraunen Stute sowie an
einem nachher erzielten reinen Füllen von derselben Stute mit
einem schwarzen Araber waren die Beine viel deutlicher queer-
gestreift, als selbst beim reinen Quagga. Kürzlich, und Diess ist
ein andrer sehr merkwürdiger Fall, hat Dr. Gray (dem noch ein
zweites Beispiel dieser Art bekannt ist) einen Bastard von Esel und
Hemionus abgebildet, an welchem Bastard, obwohl der Esel nur
zuweilen und der Hemionus niemals Streifen auf den Beinen und
letzter nicht einmal einen Schulter-Streifen hat, alle vier Beine
queer gestreift und auch die Schulter mit drei Streifen wie die
braunen Walliser und Devonshirer Pony (S. 190) versehen ist,
und sogar einige Streifen wie beim Zebra an den Seiten des
Gesichts vorhanden sind. Diese letzte Thatsache hat mich über-
zeugt, dass nicht einmal ein Farben-Streifen durch sogenannten
Zufall entsteht, daher ich allein durch diese Erscheinung- an einem
Bastarde von Esel und Hemionus veranlasst wurde, Colonel Pooi.e
zu fragen, ob solche Gesichts-Streifen jemals bei der stark ge-
streiften Kattywcirer Pferde-Rasse vorkommen, was er, wie wir
oben gesehen, hejahete.
Was bleibt uns nun zu diesen verschiedenen Thalsachen
193
noch zu sagen? Wir sehen mehre wesentlich verschiedene Arten
der Pferde- Sippe durch einfache Abänderung Streifen an den
Beinen wie beim Zebra oder an der Schultor wie beim Esel
erlano-en. Beim l'ferde sehen wir diese Neigung stark hervor-
treten, so oft eine der natürlichsten Tferde-Farben zum Vorschein
kommt. Das Aussehen der Streifen ist von keiner Veränderung
der Form und von keinem neuen Charakter begleitet. Wir sehen
diese Neigung streifig zu werden sich am meisten bei Bastarden
zwischen mehren der von einander verschiedensten Arten ent-
wickeln. Vergleichen wir damit den vorhergehenden Fall von
den Tauben: sie rühren von einer Stamm-Art (mit 2—3 geo-
graphischen Varietäten oder Unterarten) her, welche blaulich von
Farbe und mit einigen bestimmten Band-Zeichnungen versehen ist,
und nehmen, wenn eine ihrer Rassen in Folge einfacher Abän-
derung wieder einmal eine blaue Brut liefert, unfehlbar auch
jene Bänder der Stamm-Form wieder an, doch ohne irgend eine
andre Veränderung des Rasse-Charakters. Wenn man die ältesten
und ächtesten Rassen von verschiedener Färbung mit einander
kreutzt, so tritt in den Blendlingen eine starke Neigung hervor,
die ursprüngliche schieferblaue Farbe mit den schwarzen und
weissen Binden und Streifen wieder anzunehmen. Ich habe be-
hauptet, die wahrscheinlichste Hypothese zur Erklärung des
Wiedererscheinens sehr alter Charaktere seye die Annahme einer
»Tendenz« in den Jungen einer jeden neuen Generation den
längst verlorenen Charakter wieder hervorzuholen, welche Ten-
denz in Folge unbekannter Ursachen zuweilen zum Durchbruch
komme. Dann haben wir gesehen, dass in verschiedenen Arten
des Pferde-Geschlechts die Streifen bei den Jungen deutlicher
oder gewöhnlicher als bei den Alten sind. Wollte man nun die
Tauben-Rassen, deren einige schon Jahrhunderte lang durch reine
Inzucht fortgepflanzt worden, als Spezies bezeichnen, so wäre
die Erscheinung genau dieselbe, wie bei der Pferde-Sippe. Über
Tausende und Tausende von Generationen rückwärts schauend er-
kenne ich mit Zuversicht ein wie ein Zebra gestreiftes, aber sonst
vielleicht sehr abweichend davon gebautes Thier als den gemein-
samen Stamm-Vater des Hauspferdes (rühre es nun von einem
Darwin, Entstehung der Arten. 2. Aufl. 13
194
r
oder von mehren wilden Stämmen her), des Esels, des Hemionus.
des Oiuiggas, und des Zebras.
Wer an die unabhängige Erschaffung der einzelnen Pferde-
Spezies glaubt, wir(^ vermuthlich sagen, dass einer jeden Art die
Neigung im freien wie im gezähmten Zustande auf so eigen-
thümliche Weise zu variiren anerschaffen worden seye, derzu-
folge sie oft wie andre Arten derselben Sippe gestreift erscheine;
und dass einer jeden derselben eine starke Neigung anerschaffen
seyo bei einer Kreutzung mit Arten aus den entferntesten Welt-
gegenden Bastarde zu liefern, welche in der Streifung nicht ihren
eignen Altern, sondern andern Arten derselben Sippe gleichen*
Sich zu dieser Ansicht bekennen heisst nach meiner Meinung
eine thatsächliche für eine nichtthatsächliche oder wenigstens
unbekannte Ursache aufgeben. Sie macht aus den Werken Gottes
nur Täuschung und Nachäfferei: — und ich wollte fast eben so
gerne mit den alten und unwissenden Kosmognisten annehmen^
dass die fossilen Schaalen nie einem lebenden Thiere angehört,
sondern im Gesteine erschaffen worden seyen, um die jetznin
der See-Küste lebenden Schaalthiere nachzuahmen.
Zusam in e nf as s ung.) Wir sind in tiefer Unwissenheit
über die Gesetze, wornach Abänderungen erfolgen. Nicht in
einem von hundert Fällen dürfen wir behaupten den Grund zu
kennen, warum dieser oder jener Theil eines Organismus von
dem gleichen Theile bei seinen Altern mehr oder weniger ab-
weiche. Doch woimmer wir die Mittel haben eine Vero-lcichuno-
anzustellen, da scheinen in Erzeugung- geringerer Abweichungen
zwischen Varietäten derselben Art wie in Hervorbringung grös-
serer Unterschiede zwischen Arten einer Sippe die nämlichen Ge-
setze gewirkt zu haben. Die äusseren Lebens-Bedingungen, wie
Kli ma , Nahrung u. dgl. haben wohl nur einige geringe Abände-
Nach der ÄGAssiz^schen Lehre von den embryonischen Charakteren
würde man diese Slreifung, wie die weissen Flecken in der Hirsch-Sippe, als
einen embryonischen Charakter ansehen und sagen, dass Zebra, Quagga etc.
dem Pferde gegenüber auf tieferer Stufe zurückgeblieben seyen und embryo-
nische Charaktere behalten haben, wie der Damhirsch gegenüber dem Edel-
liirsch. D. Übers.
195
rungen bedingt. Wesentlichere Folgen dürften Angewöhnung auf
die Körper-Konstitution, Gebrauch der Organe auf ihre Verstär-
kuno-, Nichtcrebrauch auf ihre Schwächung und Verkleinerung ge-
habt haben. Homologe Theile sind geneigt auf gleiche Weise ab-
zuändern und streben unter sich zusammenzuhängen. Abände-
runo-en in den harten und in den äusseren Theilen berühren zu-
weilen weichere und innere Organe. Wenn sich ein Theil stark
entwickelt, strebt er vielleicht andren benachbarten Theilen Nah-
rung zu entziehen; — und jeder Theil des organischen Baues,
welcher ohne Nachtheil für das Individuum fortbestehen kann,
wird erhalten. Eine Veränderung der Organisation in frühem
Alter berührt auch die sich später entwickelnden Theile; dann
gibt es aber noch viele Wechselbeziehungen der Entwickelung,
deren Natur wir durchaus nicht im Stande sind zu begreifen.
Vielzählise Theile sind veränderlicher in Zahl und Struktur, viel-
leicht desshalb, weil dieselben, durch Natürliche Züchtung für
einzelne Verrichtungen noch nicht genug angepasst und differen-
zirt sind. Aus (demselben Grunde werden wahrscheinlich auch
die auf tiefer Organisations- Stufe stehenden Organismen ver-
änderlicher seyn, als die höher entwickelten und in allen Bezie-
hungen mehr differenzirten. Rudimentäre Organe bleiben ihrer
Nutzlosigkeit wegen von der Natürlichen Züchtung unbeachtet und
sind wahrscheinlich desshalb veränderlich. Spezifische Charaktere,
solche nämlich, welche erst seit der Abzweigung der verschie-
denen Arten einer Sippe von einem gemeinsamen Stamm-Vater
auseinander gelaufen, sind veränderlicher als generische Merkmale,
welche sich schon lange als solche vererbt haben, ohne in dieser
Zeit eine Abänderung zu erleiden. Wir haben hier nur auf
die einzelnen noch veränderlichen Theile und Organe Bezug ge-
nommen, weil sie erst neuerlich variirt haben und einander un-
ähnlich geworden sind; wir haben jedoch schon im zweiten Ka-
pitel gesehen, dass das nämliche Princip auch auf das ganze Thier
anwendbar ist; denn in einem Bezirke, wo viele Arten einer
Sippe gefunden werden, d. h. wo früher viele Abänderung und
üiffcrenzirung stattgefunden und die Fabrizirung neuer Arten-
Formen lebhaft betrieben worden ist, in diesem Bezirke und
13 •
196
unter diesen Arten finden wir jetzt durchschnittlich auch die
meisten Varietäten, — Sekundäre Geschlechts- Charaktere sind
sehr veränderlich, und solche Charaktere weichen am meisten in
den Arten einer nämlichen Gruppe ab. Veränderlichkeit in den-
selben Theilen der Organisation hat gewöhnlich die sekundären
Sexual- Verschiedenheiten für die zwei Geschlechter einer Spezies
wie die Arten-Verschiedenheiten für die mancherlei Arten der
nämlichen Sippe gelieiert. Ein in ausserordentlicher Grösse oder
Weise entwickeltes Glied oder Organ — nämlich vergleichungs-
weise mit der Entwickelung desselben Gliedes oder Organes in
den nächst-verwandten Arten genommen — muss seit dem Auf-
treten der Sippe ein ausserordentliches Maass von Abänderung
durchlaufen haben, woraus wir dann auch begreiflich finden,
warum dasselbe noch jetzt in höherem Grade als andre Theile
Veränderungen unterliegt ; denn Abänderung ist ein langsamer
und lang-währender Prozess, und die Natürliche Züchtung wird
in solchen F"ällen noch nicht die Zeit gehabt haben, das Streben
nach fernerer Veränderung und nach der Rückkehr zu einem
weniger modifizirten Zustande zu überwinden. Wenn aber eine Art
mit irgend einem ausserordentlich entwickelten Organe Stamm vieler
abgeänderter Nachkommen geworden — was nach meiner Ansicht
ein sehr langsamer und daher viele Zeit erheischender Vorgang
ist — , dann mag auch die Natürliche Züchtung im Stande ge-
wesen seyn dem Organe, wie ausserordentlich es auch entwickelt
seyn mag, schon ein festes Gepräge aufzudrücken. Haben Arten
nahezu die nämliche Konstitution von einem Stamm-Vater geerbt
und sind sie ähnlichen Einflüssen ausgesetzt gewesen, so werden
sie natürlich auch geneigt seyn, analoge Abänderungen zu bilden
und werden zuweilen zu einigen der Charaktere ihrer frühesten
Ahnen zurückkehren. Obwohl neue und wichtige Modifikationen
aus dieser Umkehr und jenen analogen Abänderungen nicht her-
vorgehen werden, so tragen solche Modifikationen doch zur Schön-
heit und harmonischen Manchfaltigkeit der Natur bei.
Was aber auch die Ursache des ersten kleinen Unterschiedes
zwischen Altern und Nachkommen seyn mag, und eine Ursache
muss dafür da seyn, so ist es doch nur die stete Häufung solcher
197
für das Individuum nützlichen Unterschiede durch die NnUirliche
Züchtung, welche alle wichtigeren Abänderungen der Struktur
hervorbringt, durch welche die zahllosen Wesen unsrer Erd-Ober-
fläche in den Stand gesetzt werden mit einander um das Daseyn
zu ringen, und wodurch das hiezu am besten ausgestattete die
andern überlebt.
Schwierigkeiten der Tlieorie.
Schwierigkeiten der Theorie einer abändernden Nachkommenschaft. — Über-
gänge. - Abwesenheit oder Seltenheit der Zwischenabänderungen. —
Übergänge in der Lebensweise. — Differenzirte Gewohnheiten in einerlei
Art. — Arten mit Sitten weit abweichend von denen ihrer Verwandten. —
Organe von äusserster Vollkommenheit. - Mittel der Übergänge.
Schwierige Fälle. — Natura non facil saltum. — Organe von geringer
Wichtigkeit. — Organe nicht in allen Fällen absolut vollkommen. - Das
Gesetz%on der Einheit des Typus und den Existenz-Bedingungen enthalten
in der Theorie der Natürlichen Züchtung.
Schon lange bevor der Leser zu diesem Theile meines Buches
gelangt ist, mag sich ihm eine Menge von Schwierigkeiten dar-
geboten haben. Einige derselben sind von solchem Gewichte,
dass ich nicht an sie denken kann, ohne wankend zu werden;
aber nach meinem besten Wissen sind die meisten von ihnen
nur scheinbare, und diejenigen, welche in Wahrheit beruhen,
dürften meiner Theorie nicht verderblich werden.
Diese Schwierigkeiten und Einwendungen lassen sich in fol-
gende Rubriken zusammenfassen : Erstens : wenn Arten aus andern
Arten durch unmerkbar kleine Abstufungen entstanden sind, warum
sehen wir nicht überall unzählige Übergangs-Formen? Warum
bietet nicht die ganze Natur ein Mischmasch von Formen statt
der wohl begrenzt scheinenden Arten dar?
Zweitens: Ist es möglich, dass ein Thier z. B. mit der Or-
ganisation und Lebensweise einer Fledermaus durch Umbildung
irgend eines andren Thiercs mit ganz verschiedener Lebensweise
entstanden ist? Ist es glaublich, dass Natürliche Züchtung einer-
198
seils Organe von so unbedeutender Wesenheit , wie z. B. den
Schwanz einer Giraffe, welcher als Fliegenwedel dient, und
anderseits Organe von so wundervoller Struktur wie das Auge
hervorbringe, dessen unnachahmliche Vollkommenheit wir noch
kaum ganz begreifen.
Drittens: Können Instinkte durch Natürliche Züchtung er-
langt und abgeändert werden. Was sollen wir z. B. zu einem
so wunderbaren Instinkte sagen, wie der ist, welcher die Biene
veranlasst Zellen zu bilden, durch welche die Entdeckungen
tiefsinniger Mathematiker praktisch vornweg genommen sind.
Viertens: Wie ist es zu begreifen, dass Spezies bei der
Kreutzung mit einander unfruchtbar sind oder unfruchtbare Nach-
kommen geben, während die Fruchtbarkeil gekreutzter Varietäten
ungeschwächt bleibt.
Die zwei ersten dieser Hauptfragen sollen hier und die
letzten, Instinkt und Bastard-Bildung nämlich, in besondren Ka-
piteln erörtert werden.
Mangel oder Seltenheit vermittelnder Varie-
täten.) Da Natürliche Züchtung nur durch Erhaltung nützlicher
Abänderungen wirkt, so wird jede neue Form in einer schon
vollständig bevölkerten Gegend streben ihre eignen nunder ver-
vollkommneten Altern so wie alle andern minder vervollkomm-
nete Formen, mit welchen sie in Bewerbung kommt, zu ersetzen
und endlich zu vertilgen. Natürliche Züchtung gehl, wie wir
gesehen, mit dieser Verrichtung Hand in Hand. Wenn wir daher
jede Spezies als Abkömmling von irgend einer andern unbe-
kannten Form betrachten, so werden Urstamm und Übergangs-
Formen gewöhnlich schon durch den Bildungs- und Vervollkomm-
nungs-Prozess der neuen Form vertilgt seyn.
Wenn nun aber dieser Theorie zufolge zahllose Übergangs-
Formen existirt haben müssen, warum finden wir sie nicht in
unendlicher Menge eingebettet in den Schichten der Erd-Rinde?
Es wird angemessener seyn, diese Frage in dem Kapitel von
der Unvollstündigkeit der geologischen Urkunden zu erörtern.
Hier will ich nur anführen, dass ich die Antwort hauptsächlich
darin zu finden glaube, dass jene Urkunden unvergleichlich min-
199
der vollständig sind, als man gewöhnlich annimmt, und dass jene
Unvollsländigkeit der geologischen Urkunden hauptsächlich davon
herrührt, dass organische Wesen keine sehr grosse Tiefen des
Meeres bewohnen, daher ihre Reste nur von solchen Sediment-
Massen umschlossen und für künftige Zeiten erhalten werden
konnten, welche hinreichend dick und ausgedehnt gewesen, um
einem ungeheuren Maasse spätrer Zerstörung zu entgehen. Und
solche Fossilien-führende Massen können sich nur da ansammeln,
wo viele Niederschläge in seichten Meeren während langsamer
Senkung des Bodens abgelagert werden. Diese Zufälligkeiten
werden nur selten und nur nach ausserordentlich langen Zwischen-
zeiten zusammentreffen. Während der Meeres -Boden in Ruhe
oder in Hebung begriffen ist oder nur schwache Niederschläge
stattfinden, bleiben die Blätter unsrer geologischen Geschichts-
bücher unbeschrieben. Die Erd - Rinde ist ein weites Museum,
dessen naturgeschichtlichen Sammlungen aber nur in einzelnen
Zeitabschnitten eingebracht worden sind, die unendlich weit aus-
einander liegen.
Man kann zwar einwenden, dass, wenn einige nahe -ver-
wandte Arten jetzt in einerlei Gegend beisammen wohnen, man
gewiss viele Zwischenformen finden müsse. Nehmen wir einen
einfachen Fall an. Wenn man einen Kontinent von Norden nach
Süden durchreiset, so trifft man gewöhnlich von Zeit zu Zeit auf
andre einander nahe verwandte oder stellvertretende Arten,
welche offenbar ungefähr dieselbe Stelle in dem Natur-Haushalte
des Landes einnehmen. Diese stellvertretenden Arten grenzen
oft an einander oder greifen in ihr Gebiet gegenseitig ein, und
wie die einen seltener und seltener, so werden die andern immer
häufiger, bis sie einander ersetzen. Vergleichen wir diese Arten
da, wo sie sich mengen, miteinander, so sind sie in allen Thei-
len ihres Baues gewöhnlich noch eben so vollkommen von ein-
ander unterschieden, als wie die aus der Milte des Verbreilungs-
Bezirks einer jeden entnommenen Muster. Nun sind aber nach
meiner Theorie alle diese Arten von einem gemeinsamen Stamm-
Vater ausgegangen und ist jede derselben erst durch den Modi-
fikalions-Prozess den Lebensbedingungen ihrer Gegend angepasst
200
worden, hal dort ihren Urstarnm sowohl als alle Millelstiifen
zwischen ihrer ersten und jetzigen Form ersetzt und verdrängt,
so dass wir jetzt nicht mehr erwarten dürfen, in jeder Gegend
noch zahlreiche Übergangs- Formen zu finden, obwohl dieselben
exislirt haben müssen und ihre Reste wohl auch in die Erd-
schichten aufgenommen worden seyn mögen. Aber warum fin-
den wir in den Zwischengegenden, wo doch die äusseren Lebens-
Bedingungen einen Übergang von denen des einen in die des
andren Bezirkes bilden, nicht auch nahe verwandte Übergangs-
Varietäten? Diese Schwierigkeit hat mir lange Zeit viel Kopf-
zerbrechen verursacht; indessen glaube ich jetzt, sie lasse sich
grossenlheils erklären.
Vor Allem sollten wir sehr vorsichtig mit der Annahme
seyn, dass eine Gegend, weil sie jetzt zusammenhängend ist,
auch schon seit langer Zeit zusammenhängend gewesen seye. Die
Geologie veranlasst uns zu glauben, dass fast jeder Kontinent
noch in der letzten Tertiär- Zeit in viele Inseln getheilt gewesen
seye .; und auf solchen Inseln getrennt können sich verschiedene
Arten gebildet haben, ohne die Möglichkeit Mittelformen in den
Zwischengegenden zu liefern. In Folge der Veränderungen der
Land-Form und des Klimas mögen auch die jetzt zusammen-
hängenden Meeres-Gebiete noch in verhältnissmässig später Zeit
weniger zusammenhängend und einförmig gewesen seyn. Doch
will ich von diesem Mittel der Schwierigkeit zu entkommen ab-
sehen; denn ich glaube, dass viele vollkommen unterschiedene
Arten auf ganz zusammenhängenden Gebieten entstanden sind,
wenn ich auch nicht daran zweifle, dass die früher unterbrochene
Beschaffenheit jetzt zusammenhängender Gebiete einen wesent-
lichen Antheil an der Bildung neuer Arten zumal frei wandern-
der und sich kreutzender Thiere gehabt habe.
Hinsichtlich der jetzigen Verbreitung der Arten über weite
Flächen finden wir, dass sie gewöhnlich ziemlich zahlreich auf
einem grossen Theile derselben vorkommen, dann aber ziemlich
rasch gegen die Grenzen hin immer seltener werden und end-
lich ganz verschwinden ; daher das neutrale Gebiet z\vischen zwei
stellvertretenden Arten gewöhnlich nur schmal ist im Verhältniss
201
zu (lemj('nigen , welches eine jede von ihnen cigenthiimlicli be-
wohnt. Wir machen dieselbe Bemerkung auch, wenn wir an Ge-
birgen emporsteigen, und zuweilen ist es sehr auffällig, wie plötz-
lich, nach Alphons de Candolle's Beobachtung, eine gemeine Art
in den Alpen verschwindet. Edw. Fordes hat dieselbe Wahrneh-
mung gemacht, als er die Bewohner des See-Grundes mit dcjn
Schleppnetze herauf fischte. Diese Thalsache muss alle die-
jenigen in Verlegenheit setzen , welche die äusseren Lebens-
Bedingungen, wie Klima und Höhe, als die allmächtigen Ursachen
der Verbreitung der Organismen-Formen betrachten, indem der
Wechsel von Klima und Höhe oder Tiefe überall ein allmählicher
ist. Wenn wir uns aber erinnern, dass fast jede Art, mitten in
ihrer Heimath sogar, zu unermesslicher Zahl anwachsen würde,
wenn sie nicht in Mitbewerbung mit andern Arten stünde, —
dass fast alle von andern Arten leben oder ihnen zur Nahrung
dienen, — kurz dass jedes organische Wesen mittelbar oder
unmittelbar in innigster Beziehung zu andern Organismen steht,
so müssen wir erkennen, dass die Verbreitung der Bewohner
einer Gegend keineswegs allein von der unmerklichen Verän-
derung physikalischer Bedingungen, sondern grossentheils von
der Anwesenheit oder Abwesenheit andrer Arten abhängt, von
welchen sie leben, durch welche sie zerstört werden, oder mit
welchen sie in Mitbewerbung stehen; und da diese Arten bereits
eine bestimmte Begrenzung haben und nicht mehr unmerklich
in einander übergehen , so muss die Verbreitung einer Spezies,
welche von der einen oder andern abhängt, scharf umgrenzt
werden. Überdiess muss jede Art an den Grenzen ihres Ver-
breitungs-Bezirkes, wo ihre Anzahl ohnediess geringer wird, durch
Schwankungen in der Menge ihrer Feinde oder ihrer Beute oder
in den Jahreszeiten sehr oft einer gänzlichen Zerstörung ausge-
setzt seyn, und es mag auch hiedurch die schärfere Umschreibung
ihrer geographischen Verbreitung mit bedingt werden.
Wenn meine Meinung richtig ist, dass verwandte oder stell-
vertretende Arten , welche ein zusammenhängendes Gebiet be-
wohnen, gewöhnlich so vertheilt sind, dass jede von ihnen eine
weite Strecke einnimmt, und dass diese Strecken durch verhält-
202
nissinässig enge neutrale Zwischenräume getrennt werden , in
weichen jede Art rasch an Menge abnimmt, — dann wird diese
Regel, da Varietäten nicht wesentlich von Arten verschieden sind,
Wühl auf die einen wie auf die andern Anwendung finden; und
wenn wir in Gedanken eine veränderliche Spezies einem sehr gros-
sen Gebiete anpassen, so werden wir zwei Varietäten jenen zwei
grossen Untergebieten und eine dritte Varietät dem schmalen
Zwischengebiete anzupassen haben. Diese Zwischen-Varietät wird,
weil sie ^inen geringeren Raum bewohnt, auch in geringerer
Anzahl vorhanden seyn ; und in Wirklichkeit genommen passt
diese Regel, so viel ich ermitteln kann, ganz gut auf Varietäten
im Natur-Zustande. Ich habe triftige Belege für diese Regel in
Varietäten von Balanus-Arten gefunden, welche zwischen ausge-
prägteren Varietäten derselben das Mittel halten. Und ebenso
scheint es nach den Belehrungen , die ich den Herren Watson.
AsA Gray und Wollaston verdanke, dass gewöhnlich, wenn Mit-
tel-Varietäten zwischen zwei andren Formen vorkommen, sie der
Zahl nach weit hinter jenen zurückstehen, die sie verbinden.
Wenn wir nun diese Thatsachen und Belege als richtig anneh-
men und daraus folgern, dass Varietäten, welche zwei andre
Varietäten mit einander verbinden, gewöhnlich in geringerer An-
zahl als diese letzten vorhanden waren, so dürfte man daraus
auch begreifen , warum Zwischen-Varietäten keine lange Dauer
haben und der allgemeinen Regel zufolge früher vertilgt werden
und verschwinden müssen, als diejenigen Formen, welche sie
ursprünglich mit einander verketten.
Denn eine in geringerer Anzahl vorhandene Form wird, wie
schon früher bemerkt worden, überhaupt mehr als die in reich-
licher Menge verbreiteten in Gefahr seyn ausgetilgt zu werden ;
und in diesem besondren Falle dürfte die Zwischenform vorzugs-
weise den Angriffen der zwei nahe verwandten Formen zu ihren
beiden Seiten ausgesetzt seyn. Aber eine weit wichtigere Be-
trachtung scheint mir die zu seyn, dass während des Prozesses
weitrer Umbildung, wodurch nach meiner Theorie zwei Varietä-
ten zu zwei ganz verschiedenen Spezies erhoben werden, diese
zwei Varietäten, sofernc sie grossere Flächen bewohnen, auch
203
in grösserer Anzahl vorhanden sind und daher in grossem Vor-
Iheile gegen die millle Varietät stehen, welche in l^leinrer An-
zahl nur einen schmalen Zwischenraum bewohnt. Denn Formen,
welche in grössrer Zahl bestehen, haben immer eine bessre Aus-
sicht, als die gering-zähligen, innerhalb einer gegebenen Periode
noch andre nützliche Abänderungen zur Natürlichen Züchtung
darzubieten. Daher in dem Kampfe um's Daseyn die gemeineren
Formen streben werden die selteneren zu verdrängen und zu
ersetzen, welche sich nur langsam abzuändern und zu vervoll-
kommnen vermögen. Es scheint mir dasselbe Prinzip zu seyn,
wornach, wie im zweiten Kapitel gezeigt worden, die gemeinen
Arten einer Gegend durchschnittlich auch eine grössre Anzahl
von Varietäten darbieten als die selteneren. Ich will nun, um
meine Meinung besser zu erläutern, einmal annehmen, es handle
sich" um drei Schaaf- Varietäten , von welchen eine für eine aus-
gedehnte Gebirgs-Gegend. die zweite nur für einen verhältniss-
mässig schmalen Hügel-Streifen und die dritte für weite Ebenen
an deren Fusse geeignet seye; ich will ferner annehmen, die Be-
wohner Seyen alle mit gleichem Schick und Eifer bestrebt, ihre
Rassen durch Züchtung zu verbessern, so wird in diesem Falle
die Wahrscheinlichkeit des Erfolges ganz auf Seiten der grossen
Heerden-Besitzer im Gebirge und in der Ebene seyn, weil diese
ihre Rassen schneller als die kleinen in der schmalen hügeligen
Zwischenzone veredeln, so dass die verbesserte Rasse des Ge-
birges oder der Ebene baUPdie Stelle der minder verbesserten
Hügelland - RaSse einnehmen wird; und so werden die zwei
Rassen, welche anfänglich in grosser Anzahl existirt haben , in
unmittelbare Berührung mit einander kommen ohne fernere Ein-
schaltung der Zwischen-Rasse.
In Summe : glaube ich, dass Arten leidlich gut umschrieben
seyn können, ohne zu irgend einer Zeit ein unentwirrtes Chaos
veränderlicher und vermittelnder Formen darzubieten: 1) weil
sich neue Varietäten nur sehr langsam bilden, indem Abänderung
ein äusserst träger Vorgang ist und Natürliche Züchtung so lange
nichts auszurichten vermag, als nicht günstige Abweichungen
vorkommen und nicht ein Platz im Natur-Haushalte der Gegend
204
durch Modifikation eines oder des andern ihrer Bewoliner besser
ausgefiiill werden i<ann. Und solche neue Stellen werden von
langsamen Veränderungen des Klimas oder der zufälligen Ein-
wanderung neuer Bewohner und, in wahrscheinlich viel höherem
Grade, davon abhängen, dass einige von den alten Bewohnern
langsam abgeändert werden, während jene neu hervor-gebrachten
und eingewanderten Formen mit einigen alten in Wechselwirkung
geralhen : daher wir in jeder Gegend und zu jeder Zeit nur
wenige Arten zu sehen bekommen, welche geringe einigermassen
bleibende Modifikationen der Organisation darbieten. Und Diess
sehen wir auch sicherlich so.
Zweitens: viele jetzt zusammenhängende Bezirke der Erd-
- Oberfläche müssen noch in der jetzigen Erd-Periode in verschie-
dene Theile getrennt gewesen seyn, worin viele Formen zumal
sich paarender und wandernder Thiere ganz von einander ge-
schieden sich weit genug zu differenziren vermochten, um als
Spezies gelten zu können. Zwischen-Varietäten zwischen diesen
Spezies und ihrer gemeinsamen Stamm-Form müssen wohl vor-
dem in jedem dieser Bruchtheile des Bezirkes gewesen seyn, sind
aber später durch Natürliche Züchtung ersetzt und ausgetilgt
worden, so dass sie lebend nicht mehr vorhanden sind.
Drittens : Wenn zwei oder mehre Varietäten in den ver-
schiedenen Theilen eines zusammenhängenden Bezirkes gebildet
worden sind, so werden wahrscheinlich auch Zwischen-Varietäten
in den schmalen Zwischenzonen entstanden seyn, aber nicht lange
gewährt haben. Denn diese Zwischen-Varietäten werden aus
schon entwickelten Gründen (und namentlich, was wir über die
jetzige Verbreitung einander nahe-verwandter Arten und ausge-
bildeten Varietäten wissen) in den Zwischenzonen in geringrer
Anzahl, als die Haupt-Varietäten, die sie verbinden, in deren
eigenen Bezirken vorhanden seyn. Schon aus diesem Grunde
allein werden die Zwischen-Varietäten gelegentlicher Vertilgung
ausgesetzt seyn, werden aber zuverlässig während des Prozesses
weitrer Modifikation von den Formen, welche sie mit einander
verketten, meistens desshalb verdrängt und ersetzt werden, weil
diese ihrer grösseren Anzahl wegen mehr abändern und daher
205
leichler durch Nalürliche Züchtung noch weiter verbessert und
dadurch gesichert werden itönnen.
Letztens müssen, nicht blos zu einer sondern zu allen
Zeiten, wenn meine Theorie richtig ist, gewiss auch zahllose
Zwischen-Varietäten zu Verbindung der Arten einer nämlichen
Gruppe mit einander exislirt haben, aber auch gerade der Prozess
der Natürlichen Züchtung l'ortwahrend thälig gewesen seyn, so-
wohl deren Stamm-Formen als die Mittelglieder selbst zu vertilgen.
Daher ein Beweis ihrer IVüheren Existenz hüchslens noch unter
den Fossil-Resten dt-r Erd-Riiide gefunden werden könnte, welche
aber diese Urkunden Früherer Zeiten, wie in einem späteren
Abschnitte gezeigt werden soll, nur in sehr unvollkommener und
unzusammenhängender Weise aufzubewahren geeignet ist.
Entstehung und Übergänge von Organismen mit
eigenthümlicher Lebens-Weise und Organisation.)
Gegner meiner Ansichten haben mir die Frage entgegengehalten,
wie denn z. B. ein Land-Raubthier in ein Wasser-Raubthier habe
verwandelt werden können, da ein Thier in einem Zwischenzu-
stande nicht wohl zu bestehen vermocht hätte? Es würde leicht
seyn zu zeigen, dass innerhalb derselben Raublhier-Gruppe Thiere
vorhanden sind, welche jede Mittelstufe zwischen einfachen Land-
und ächten Wasser-Tliieren einnehmen und daher durch ihre
verschiedene Lebens- Weise wohl geeignet sind, in dem Kampfe
mit andern uin's Daseyn ihre Stelle zu beiiaupten. So hat z. B.
die nordamerikanische Mustela vison eine Schwimmhaut zwischen
den Zehen und gleicht der Fischotter in Pelz, kurzen Beinen und
Form des Schwanzes. Den Sonnner hindurch taucht dieses Thier
ins Wasser und nährt sich von Fischen; während des langen
Winters aber verlässt es die gefrorenen Gewässer und lebt gleich
andern Iltissen von Mäusen und Landthieren. Hätte man einen
andern Fall gewählt und mir die Frage gestellt, auf welche Weise
ein Insekten-fressender Yierfüsser in eine fliegende Fledermaus
verwandelt worden seye, so wäre diese Frage weit schwieriger
zu beantworten. Doch haben nach meiner Meinung solche ein-
zelne Schwierigkeiten kein allzugrosses Gewicht.
Hier wie in anderen Fällen befinde ich mich in dem grossen
206
Naclitheil, aus den vielen treffenden Belegen, die ich gesammelt
liabe, nur ein oder zwei Beispiele von einem Übergang der Le-
bens-Weise und Organisation zwischen nahe verwandten Arten
einer Sippe und von vorübergehend oder bleibend veränderten
Gewohnheiten einer niiiniichen Spezies anführen zu können. Und
es scheint mir selbst, dass nichts weniger als ein langes Ver-
zeichniss solcher Beispiele genügend seye, die Schwierigkeiten
der Erklärung eines so eigenthümlichen Falles zu beseitigen, wie
der von der Fledermaus ist.
Sehen wir uns in der Familie der Eichhörnchen um, so fin-
den wir da die erste schwache Übergangs-Stufe zu den sogen,
fliegenden Fleder-Mäusen angedeutet in dem zweizeilig abgeplat-
teten Schwänze der einen und, nach J. Richabdson's Bemerkung,
in dem verbreiterten Hiutertheile und der volleren Haut an den
Seiten des Körpers der andern- Arten ; denn bei Flughörnchen
sind die Hintergliedmassen und selbst der Anfang des Schwanzes
durch eine ansehnliche Ausbreitung der Haut mit einander ver-
bunden j welche als Fallschirm dient und diese Thiere befähigt,
auf erstaunliche Entfernungen von einem Baum zum andern durch
die Luft zu gleiten. Es ist kein Zweifel, dass jeder Art von
Eichhörnchen in deren Heimath jeder Theil dieser eigenthümlichen
Organisation nützlich ist, indem er sie in den Stand setzt den
Verfolgungen der Raubvögel oder andrer Raubthiere zu entgehen,
reichlichere Nahrung einzusammeln und zweifelsohne auch die
Gefahr jeweiligen Fallens zu vermindern. Daraus folgt aber noch
nicht, dass die Organisation eines jeden Eichhörnchens auch die
bestmögliche für alle natürlichen Verhältnisse seye. Gesetzt,
Klima und Vegetation verändern sich, neue Nagethiere treten als
Mitbewerber auf, und neue Raubthiere wandern ein oder alte er-
fahren eine Abänderung, so müssten wir aller Analogie nach auch
vermuthen, dass wenigstens einige der Eichhörnchen sich an Zahl
vermindern oder ganz aussterben werden, wenn ihre Organisation
nicht ebenfalls in entsprechender Weise abgeändert und verbes-
sert wird. Daher ich, zumal bei einem Wechsel der äussern
Lebens-Bedingungen, keine Schwierigkeit für die Annahme finde,
dass Individuen mit immer vollerer Seiten -Haut vorzuosweise
207
dürften erhalten werden, weil dieser Charakter erblich und jede
Verstärkung desselben nützlich ist, bis durch Häufung aller ein:
zelnen Elfekte dieses Prozesses natürlicher Züchtung aus dem
Eichhörnchen endlich ein Flughörnchen geworden ist.
Sehen wir nun den fliegenden Lemur oder den Galeopithecus
an, welcher vordem irriger Weise zu den Fledermäusen versetzt
worden ist. Er hat eine sehr breite Seitenhaut, welche von den
Hinterenden der Kinnladen bis zum Schwänze erstreckt die Beine
und verlängerten Finger einschliesst, auch mit einem Ausbreiter-
Muskel versehen ist. Obwohl jetzt keine vermittelnden Zwischen-
stufen zwischen den gewöhnlichen Lemuriden und dem durch die
Luft gleitenden Galeopithecus vorhanden sir)d , so sehe ich doch
keine Schwierigkeiten für die Annahme , dass solche Zwischen-
glieder einmal existirt und sich auf ähnliche Art von Stufe zu
Stufe entwickelt haben , wie oben die zwischen den Eich- und
Flug-Hörnchen, indem jeder v^eilere Schritt zur Verbesserung
der Organisation in dieser Richtung für den Besitzer von Nutzen
war. Auch kann ich keine unüberwindliche Schwierigkeit er-
blicken weiter zu unterstellen, dass sowohl der Vorderarm als die
durch die Flughaut verbundenen Finger des Galeopithecus sich
in Folge Natürlicher Züchtung allmählich verlängert haben, und
Diess würde genügen denselben, was die Flugwerkzeuge betrifft,
in eine Fledermaus zu verwandeln. Bei jenen Fledermäusen,
deren Flughaut nur von der Schulter bis, unter Einschluss der
Hinterbeine, zum Schwänze geht, sehen wir vielleicht noch die
Spuren einer Vorrichtung, welche ursprünglich mehr dazu gemacht
war durch die Luft zu gleiten, als zu fliegen.
Wenn etwa ein Dutzend eigenthümlich gebildeter Vogel-
Sippen erloschen oder uns unbekannt geblieben wären, wie hätten
wir nur die Vermulhung wagen dürfen, dass es jemals Vögel
gegeben habe, welche gleich der Dickkopf- Ente (Micropterus
Eyton's) ihre Flügel nur wie Klappen zum Flattern über dem
Wasserspiegel hin, oder gleich den Feltgänsen wie Ruder im
Meere und wie Vorderbeine auf dem Lande oder gleich dem
Strausse wie Seegel zur Beförderung des Laufes gebrauchten,
oder endlich gleich dem Aplcryx gar nicht benützten. Und doch
208
ist die Organisation eines jeden dieser Vögel unter den Lebens-
Bedingungen, worin er sich befindet und um sein Daseyn kämpft,
für ihn vortheilhaft, wenn aucli niclit iiothwendig die beste unter
allen möglichen Einrichtungen. Aus diesen Bemerkungen soll
übrigens nicht gefolgert werden, dass irgend eine der eben an-
geführten Abstufungen der Flügel-Bildungen, die vielleicht alle
nur Folge des Nichtgebrauches sind, einer natürlichen Stufen-Reihe
angehöre, auf welcher emporsteigend die Vögel das vollkommene
Flug-Vermögen erlangt haben; aber sie können wenigstens zu zei-
gen dienen, was für mancherlei Wege des Übergangs möglich sind.
Wenn man sieht, dass eine kleine Anzahl Thiere aus den
Wasser-athmenden Klassen der Krusler und Mollusken zum Leben
auf dem Lande geschickt sind, wenn man sieht, dass es fliegende
Vögel, fliegende Säugthiere, fliegende Insekten von den verschie-
denartigsten Typen gibt und vordem auch fliegende Reptilien ge-
geben hat, so wird es auch begreiflich, dass fliegende Fische,
welche jetzt mit Hilfe ihrer flatternden Brustflossen sich in schiefer
Richtung über den See- Spiegel erheben und in weitem Bogen
durch die Luft gleiten, allmählich zu vollkommen beflügelten
Thieren umgewandelt werden können. Und wäre Diess einmal
bewirkt, wer würde sich dann je einbilden, dass sie in einer
früheren Zeit Bewohner des offenen Meeres gewesen seyen und
ihre beginnenden Flug-Organe, wie uns jetzt bekannt, bloss dazu
gebraucht haben, dem Rachen andrer Fische zu entgehen.
Wenn wir ein Organ zu irgend einem besondren Zwecke
hoch ausgebildel sehen, wie eben die Flügel des Vogels, zum
Fluge, so müssen wir bedenken, dass solche Thiere auf der er-
sten Anfangs-Stufe dieser Bildung stehend selten die Aussicht
hatten sich bis auf unsre Tage zu erhalten, eben weil sie durch
den VervoUkommnungs-Prozess der Natürlichen Züchtung immer
wieder von andren weiter fortgeschrittenen Formen ersetzt wor-
den seyn müssen. Wir werden ferner bedenken, dass Übergangs-
Slufen zwischen zu ganz verschiedenen Lebens- Weisen dienenden
Bildungen in früherer Zeit selten in grosser Anzahl und mit
mancherlei untergeordneten Formen ausgebildet worden seyn
mögen. Doch, um zu unsrem fliegenden Fische zurückzukehren.
209
so scheint es nicht sehr glaublich, dass zu wirklichem Fluge be-
fähigte Fische in vielerlei untergeordneten Formen zur Erhaschung
von mancherlei Beute auf mancherlei Wegen, zu Wasser und zu
Land entwickelt worden seyen, bis dieselben ein entschiedenes
Übergewicht über andre Thiere im Kampf ums Daseyn erlangten.
Daher die Wahrscheinlichkeit, Arten auf Übergangsstufen der
Organisation noch im fossilen Zustande zu entdecken immer nur
gering seyn wird, weil sie in geringerer Anzahl als die Arten
mit völlig entwickelten Bildungen existirt haben.
Ich will nun zwei oder drei Beispiele abgeänderter und aus-
einander-gelaufener Lebensweisen bei Individuen einer nämlichen
Art anführen. Vorkommenden Falles wird es der Natürlichen
Züchtung leicht seyn, ein Thier durch irgend eine Abänderung
seines Baues für seine veränderte Lebensweise oder ausschliess-
lich für nur eine seiner verschiedenen Gewohnheilen geschickt
zu machen. Es ist aber schwer und für uns unwesentlich zu
sagen, ob im Allgemeinen zuerst die Gewohnheiten und dann
die Organisation sich ändere, oder ob geringe Modifikationen
des Baues zu einer Änderung der Gewohnheiten führen ; wahr-
scheinlich ändern beide gleichzeitig ab. Was Änderung der
Gewohnheiten betrifft, so würde es genügen auf die Menge
Britischer Insekten-Arten zu verweisen, welche jetzt von auslän-
dischen Pflanzen oder ganz ausschliesslich von Kunst-Erzeugnissen
leben. Vom Auseinandergehen der Gewohnheiten Hessen sich
zahllose Beispiele anführen. Ich habe oft eine Südamerikanische
Würger- Art (Saurophagus sulphuratus) beobachtet, als sie wie
ein Thurmfalke über einem Fleck und dann wieder über einem
andern schwebte und ein andermal steif am Rande des Wassers
stund und dann plötzlich wie ein Eisvogel auf einen Fisch hinab-
stürzte. In unsrer eignen Gegend sieht man die Kohlmeise (Parus
major) bald fast wie einen Baumläufer an den Zweigen herum
klimmen, bald nach Art des Würgers kleine Vögel durch Hiebe
auf den Kopf tödten; oft habe ich sie die Saamen des Eiben-
baumes auf einem Zweige aufhämmern und dann wieder sie wie
ein Nusshacker aufbrechen sehen. In Nord-Amerika schwimmt
nach Hearne's Beobachtung d^r schwarze Bär bis vier Stunden
Darwin, iSutsteUung der Arten. 2. Aufl. 14
210
lang mit weit geöffnetem Munde im Wasser umher, um fast nach
Art der Wale Wasser-Insekten zu fangen*.
Da wir zuweilen Individuen Gewohnheilen befolgen sehen,
welche von denen andrer Individuen ihrer Art und andrer Arten
ihrer Sippe weit abweichen, so hätten wir nach meiner Theorie
zu erwarten, dass solche Individuen mitunter zur Entstehung
neuer Arten mit abweichenden Sitten und einer mehr oder weniger
modifizirten Organisation Veranlassung geben. Und solche Fälle
kommen in der Natur vor. Kann es ein treffenderes Beispiel
von Anpassuug geben, als den Specht, welcher an Bäumen um-
herklettert, um Insekten in den Rissen der Rinde aufzusuchen ?
Und doch gibt es in Nord-Amerika Spechte, welche grossenllieils
von Früchten leben, und andre mit verlängerten Flügeln, welche
Insekten im Fluge haschen ; und auf den Ebenen von La Plata,
wo nicht ein Baum wächst, gibt es einen Specht (Colaptes cam-
pestris), welcher zwei Zehen vorn und zwei hinten, eine lange
spitze Zunge, steife Schwanz-Federn und einen geraden kräftigen
Schnabel besitzt. Doch sind die Schwanzfedern weniger steif als
bei den typischeren Arten, und dienen dem Vogel, wenn er sich
senkrecht zum Boden herablassen will. Auch der Schnabel ist
weniger gerade, obwohl stark genug, um ihn ins Holz einzuhacken.
Eine andere Erläuterung der verschiedenarligen Gewohnheiten die-
ser Vögel-Gruppe bietet nur ein Mexikanischer Colaptes dar, wel-
cher nach DE Saussure Löcher in hartem Holze aushöhlt um einen
Vorralh von Eicheln für seine künftige Verzehrung darin unter-
zubringen. Demnach ist der Specht von La Plata in allen wesent-
lichen Theilen seiner Organisation ein ächter Specht und ist auch
bis vor kurzem in der typi.^chen Sippe untergebracht worden.
So unbedeutende Charaktere sogar wie seine Färbung, der schrille
Ton seiner Stimme und sein welliger Flug, Alles überzeugte
mich von seiner nahen Bluts-Verwandtschaft mit unseren gewöhn-
lichen Spechten. Aber dieser Specht klettert, wie auch der ge-
naue AzARA bereits versichert, niemals an Bäumen.
* Diess Beispiel wnr in der ersten Auflage angefiiiirt um zu zeigen,
wie etwa ein Wal entslchen könne. D. Übrs.
211
Sturmvögel sind unter allen Vögeln diejenigen, die am besten
fliegen und am meisten an das hohe Meer gebunden sind ; und
doch gibt es in den ruhigen stillen Meerengen des Feuerlandes
eine Art, Puffinuria Berardi, die nach ihrer Lebensweise im All-
gemeinen, nach ihrer erstaunlichen Fähigkeit zu tauchen, nach
ihrer Art zu schwimmen und zu fliegen, wenn sie gegen ihren
Willen zu fliegen genöthigt wird, von Jedem für einen Alk oder
Lappentaucher (Colymbus) gehalten werden würde; sie ist aber
ihrem Wesen nach ein Sturmvogel nur mit einigen tief ein-
dringenden Änderungen der Organisation; während am Spechte
von La Plata der Körper-Bau nur unbedeutende Veränderungen
erfahren hat. Bei der Wasseramsel (Cinclus) dagegen würde
man auch bei der genauesten Untersuchung des Körpers nicht
die mindeste Spur von ihrer ans Wasser gebundenen Lebens-
Weise zu entdecken im Stande sejn. Und doch verschafft sich
dieses so abweichende Glied der Drossel-Familie seinen ganzen
Unterhalt nur durch Tauchen, durch Aufscharren des Gerölles mit
seinen Füssen und durch Anwendung seiner Flügel unter Wasser.
W^er glaubt, dass jedes Wesen so geschaffen worden seye,
wie wir es jetzt erblicken, muss schon manchmal überrascht ge-
wesen seyn, ein Thier zu finden, dessen Organisation und Lebens-
weise durchaus nicht miteinander in Einklang stunden. Was
kann klarer seyn, als dass die Füsse der Enten und Gänse mit
der grossen Haut zwischen den Zehen zum Schwimmen gemacht
sind ? und doch gibt es Gänse mit solchen Schwimmfüssen, welche
selten oder nie ins Wasser gehen; — und ausser Audubon hat
noch Niemand den Fregattvogel, dessen vier Zehen durch eine
Schwimmhaut verbunden sind, sich auf den Spiegel des Meeres
niederlassen sehen. Andrerseits sind Lappenlaucher und Wasser-
hühner ausgezeichnete Wasser- Vögel, und doch sind ihre Zehen
nur mit einer Schwimmhaut gesäumt. Was scheint klarer zu
seyn, als dass die langen Zehen der Sumpf-Vögel ihnen dazu
gegeben sind, damit sie über Sumpf-Boden und schwimmende
Wasser-Pflanzen hinwegschreiten können, und doch ist das Rohr-
huhn (Ortygometra) fast eben so sehr Wasser-Vogel als das
Wasserhuhn, und die Ralle fast eben so sehr Land-Vogel als die
14 •
212
Wachtel oder das Feldhuhn. Man kann sagen, der Schwimmfuss
seye verkümmert in seiner Verrichtung, aber nicht in seiner Form.
Beim Fregattvogel dagegen zeigt der tiefe Ausschnitt der Schwimm-
haut zvi'ischen den Zehen, dass eine Veränderung der Fuss-Bil-
dung begonnen hat.
Wer an zahllose getrennte Schöpfungs - Akte glaubt, wird
sagen, dass es in diesen Fällen dem Schöpfer gefallen hat, ein
Wesen von dem einen Typus für den Platz eines Wesens von
dem andren Typus zu bestimmen. Diess scheint mir aber wieder
dieselbe Sache, nur in einer Würde-volleren Fassung. Wer an
den Kampf um's Daseyn und an das Princip der Natürlichen
Züchtung glaubt, der wird anerkennen, dass jedes organische
Wesen beständig nach Vermehrung seiner Anzahl strebt und
dass, wenn es in Organisation oder Gewohnheiten auch noch so
, wenig variirt, aber hiedurch einen Vortheil über irgend einen
andern Bewohner der Gegend erlangt, es dessen Stelle einnehmen
kann, wie verschieden dieselbe auch von seiner eignen bisherigen
^Stelle seyn mag. Er wird desshalb nicht darüber erstaunt seyn,
! Gänse und Fregatt- Vögel mit Schwimmfüssen zu sehen, wovon
I die einen auf dem trocknen Lande leben und die andern sich
( nur selten aufs Wasser niederlassen, oder langzehige Rohr-
hühner (Crex) zu finden, welche auf Wiesen statt in Sümpfen
wohnen; oder dass es Spechte gibt, wo keine Bäume sind,
dass Drosseln unters Wasser tauchen und Sturmvögel wie Alke
i leben.
Organe von äusserster Vollkommenheit und Zu-
sammengesetztheit.) Die Annahme, dass sogar das Auge
mit allen seinen der Nachahmung unerreichbaren Vorrichtungen,
um den Focus den manchfaltigsten Entfernungen anzupassen,
verschiedene Licht-Mengen zuzulassen und die sphärische und
chromatische Abweichung zu verbessern, nur durch Natürliche
Züchtung zu dem geworden seye, was es ist, scheint, ich will
es offen gestehen, im höchsten möglichen Grade absurd zu seyn.
Als es zum ersten Male ausgesprochen wurde, dass die Sonne
stille stehe und die Erde sich um ihre Achse drehe, erklärte
der gemeine Sinn des Menschen diese Lehre für falsch ; aber
213
das alte Sprichwort »vox populi, vox dei« hat in der Wissen-
sthafl keine Geltung. Und doch sagt mir die Vernunft, dass,
wenn zahlreiche Abstufungen von einem vollkommenen und zu-
sammengesetzten bis zu einem ganz einfachen und unvollkom-
menen Auge, alle nützlich für ihren Besitzer, vorhanden sind,
— wenn das Auge etwas zu variiren geneigt ist und seine Ab-
änderungen erblich sind, was sicher der Fall ist, - wenn eine
mehr und weniger beträchtliche Abänderung eines Organes immer
nützlich ist für ein Thier, dessen äusseren Lebens-Bedingungen
sich ändern: dann scheint der Annahme, dass ein vollkommenes
und zusammengesetztes Auge durch Natürliche Züchtung gebildet
werden könne, doch keine wesentliche Schwierigkeit mehr ent-
gegenzustehen, wie schwierig auch die Vorstellung davon für
unsre Einbildungskraft seyn mag. Die Frage, wie ein Nerv für
Licht empfindlich werde, beunruhigt uns schwerlich mehr, als die,
wie das Leben selbst ursprünglich entstehe. Jedoch will ich
bemerken, dass verschiedene Thatsachen mich zur Vermuthung
bringen, dass jeder sensitive Nerv für Licht und ebenso für jene
gröberen Schwingungen der Luft empfindlich gemacht werden
könne, welche den Ton hervorbringen.
Was die Abstufungen betrifft, mittelst welcher ein Organ in
irgend einer Spezies vervollkommnet worden ist, so sollten wir
dieselbe allerdings nur in gerader Linie bei ihren Vorgängern
aufsuchen. Diess ist aber schwerlich jemals möglich, und wir
sind jedenfalls genöthigt uns unter den Arten derselben Gruppe,
d h. bei den Seitenverwandten von gleicher Abstammung mit
der ersten, umzusehen um zu erkennen, was für Abstufungen
möglich sind, und ob es wahrscheinlich, dass irgend welche Ab-
stufungen von den ersten Stamm -Altern an ohne alle oder mit
nur geringer Abänderung auf die jetzigen Nachkommen über-
tragen worden Seyen. Unter den jetzt lebenden Wirbelthieren
finden wir nur eine geringe Abstufung in der Bildung des Auges
(obwohl der Fisch Amphioxus ein sehr einfaches Auge ohne
Linse besitzt), und an fossilen Wesen lässt sich keine Unter-
suchung mehr darüber anstellen. Wir hätten wahrscheinlich weit
vor die untersten Fossilien-führenden Schichten zurückzugehen,
214
um die ersten Stufen der Vervollkommnung des Auges in diesem
Kreise des Tiiier-Reiclis zu entdecken.
Im Unterreiche der Kerbthiere kann man von einem einfach
mit Pigment überzogenen Sehnerven ausgehen, der oft eine Art
Pupille bildet, aber ohne Krystall- Linse und sonstige optische
Vorrichtung ist. Von diesem Augen-Rudimente, welches etwa
Licht von Dunkelheit, aber nichts weiter zu unterscheiden im
Stande ist, schreitet die Vervollkommnung in zwei Richtungen
fort, welche J. Müller von Grund aus verschieden glaubt; sie
führt nämlich entweder 1) zu Stemmata oder sogen, «einfachen
Augen« mit Krystall-Linse und Hornhaut versehen, oder 2) zu
«zusammengesetzten Augen«, welche allein oder hauptsächlich
nur dadurch wirken, dass sie alle Strahlen, welche von irgend
einem Punkte des gesehenen Gegenstandes kommen, bis auf
denjenigen Strahlenbüschel ausschliessen, welcher senkrecht auf
die konvexe Netzhaut fällt. Diesen zusammengesetzten Augen
nun mit Verschiedenheiten ohne Ende in Form, Verhältniss, Zahl
und Stellung der durchsichtigen mit Pigment überzogenen Kegel,
welche nur durch Ausschliessung wirken, gesellt sich bald noch
eine mehr oder weniger vollkommene Konzentrirungs-Vorrichtung
bei, indem in den Augen der Meloe z. B. die Facetten der Cor-
nea aussen und innen etwas konvex, mithin Linsen - förmig
werden. Viele Kruster haben eine doppelte Cornea, eine äussre
glatte und eine innre in Facetten getheilte, in deren Substanz
nach MiLNE Edwards „renflemens lenticulaires paraissent setre
developpes«, und zuweilen lassen sich diese Linsen als eine be-
sondre Schicht von der Cornea ablösen. Die durchsichtigen mit
Pigment überzogenen Kegel, von welchen Müller angenommen,
dass sie nur durch Ausschliessung divergenter Licht- Strahlen-
büschel wirken, hängen gewöhnlich an der Cornea an, sind aber
auch nicht selten davon abgesondert und zeigen eine konvexe
äussre Fläche j sie müssen nach meiner Meinung in diesem Falle
wie konvergirende Linsen wirken. Dabei ist die Struktur der
zusammengesetzten Augen so manchfaltig, dass Müller drei
Hauptklassen derselben mit nicht weniger als sieben ünterab-
theilungen nach ihrer Struktur annimmt. Er bildet eine vierte
215
Hanptkljisse nus den »ziisammengehäuften Augen« oder Gruppen
von Steminata, welche nach seiner Erklärung den Übergang bil-
den von den Mosaik-arlig »zusammengeselzlen Augen« ohne Kon-
zentrations-Yorrichtung zu den Gosichts-Organen mit einer solchen.
Wenn ich diese hier nur allzukurz und unvollständig ange-
deuteten Thatsaohen, welche zeigen, dass es schon unter den
jetzt lebenden Kerbthieren viele stulenweise Verschiedenheiten
der Augen-Bildung gibt, erwäge und ferner bedenke, wie klein
die Anzahl lebender Arten im Vergleich zu den bereits erlosche-
nen ist, so kann ich (wenn auch mehr als in andern Bildungen)
doch keine allzugrosse Schwierigkeit für die Annahme finden,
dass der einfache Apparat eines von Pigment umgebenen und
von durchsichtiger Haut bedeckten Sehnerven durch Natürliche
Züchtung in ein so vollkommenes optisches Werkzeug umge-
wandelt worden seye, wie es bei den vollkommensten Kerbthie-
ren gefunden wird.
Wer nun weiter gehen will, wenn er beim Durchlesen dieses
Buches findet, dass sich durch die Descendenz-Theorie eine grosse
Menge von anderweitig unerklärbaren Thatsachen begreifen lasse,
braucht kein Bedenken gegen die weitre Annahme zu haben, dass
durch Natürliche Züchtung zuletzt auch ein so vollkommenes
Gebilde, als das Adler-Auge ist, hergestellt werden könne, wenn
ihm auch die Zwischenstufen in diesem Falle gänzlich unbekannt
sind. Sein Verstand muss seine Einbildungs-Kraft überwinden.
Doch habe ich selbst die Schwierigkeit viel zu gut gefühlt, als dass
ich mich einigermaassen darüber wundern könnte, wenn Jemand
es gewagt findet, die Theorie der Natürlichen Züchtung bis zu
einer so erstaunlichen Weite auszudehnen.
Man kann kaum vermeiden, das Auge mit einem Teleskop
zu vergleichen. Wir wissen, dass dieses Werkzeug durch lang-
fortgesetzte Anstrengungen der höchsten menschlichen Intelligenz
verbessert worden ist, und folgern natürlich daraus , dass das
Auge seine Vollkommenheit durch einen etwas ähnlichen Prozess
erlangt habe. Sollte aber diese Vorstellung nicht bloss in der
Einbildung beruhen? Haben wir ein Recht anzunehmen, der
Schöpfer wirke vermöge intellektueller Kräfte ähnlich denen des
216
Menschen? Wollten wir das Auge einem optischen Instrumente
vergleichen, so miissten wir in Gedaniien eine dicke Schicht eines
durchsichtigen Gewebes annehmen, getränkt mit Flüssigkeit und
mit einem för Licht empfänglichen Nerven darunter, und dann
unterstellen, dass jeder Theil dieser Schicht langsam aber unaus-
gesetzt seine Dichte verändere, so dass verschiedene Lagen von
verschiedener Dichte übereinander und in ungleichen Entfernun-
gen von einander entstehen, und dass auch die Oberfläche einer
jeden Lage langsam ihre Form andre. Wir müssten ferner un-
terstellen, dass eine Kraft (die Natürliche Züchtung) vorhanden
seye, welche beständig eine jede geringe zufällige Veränderung
in den durchsichtigen Lagen genau beobachte und jede Abände-
rung sorgfaltig auswähle, die unter veränderten Umständen in
irgend einer Weise oder in irgend einem Grade ein deutlicheres
Bild hervorzubringen geschickt wäre. Wir müssten unterstellen,
jeder neue Zustand des Instrumentes werde mit einer Million
vervielfältigt, und jeder werde so lange erhalten, bis ein bess-
rer hervorgebracht seye, dann aber zerstört. Bei lebenden Kör-
pern bringt Variation jene geringen Verschiedenheiten hervor,
Generation vervielfältigt sie in's Unendliche und Natürliche Züch-
tung findet mit nie irrendem Takte jede Verbesserung zum Zwecke
weiterer Vervollkommnung heraus. Denkt man sich nun diesen
Prozess Millionen und Millionen Jahre lang und jedes Jahr an
Millionen Individuen der manchfaltigsten Art forlgesetzt: sollte
man da nicht erwarten , dass das lebende optische Instrument
endlich in demselben Grade vollkommener als das gläserne wer-
den müsse, wie des Schöpfers Werke überhaupt vollkommener
sind, als die des Menschen?
Liesse sich irgend ein zusammengesetztes Organ nachweisen,
dessen Vollendung nicht durch zahllose kleine aufeinander folgende
Modifikationen erfolgen könnte, so müsste meine Theorie unbe-
dingt zusammenbrechen. Ich vermag jedoch keinen solchen Fall
aufzufinden. Zweifelsohne bestehen viele Organe, deren Vervoll-
kommnungs-Stufen wir nicht kennen , insbesondre bei sehr ver-
einzelt stehenden Arten, deren verwandten Formen nach meiner
Theorie in weitem Umkreise erloschen sind. So muss auch, wo
217
es sich um ein allen Gliedern eines Unterreichs gemeinsames
Organ handelt, dieses Organ schon in einer sehr frühen Vorzeit
aebildet worden seyn, weil sich nachher erst alle Glieder dieses
Unterreichs entwickelt haben; und wenn wir die frühesten Uber-
gangs-Stufen entdecken wollten, welche das Organ zu durchlaufen
hatte, so müssten wir uns bei den frühesten Anfangs-Formen
umsehen, welche jetzt schon längst wieder erloschen sind.
Wir müssen uns wohl bedenken zu behaupten, ein Organ
habe nicht durch stufenweise Veränderungen irgend einer Art
gebildet werden können. Man könnte zahlreiche Fälle anführen,
wie bei den niederen Thieren ein und dasselbe Organ ganz ver-
schiedene Verrichtungen besorgt: alhmet doch und verdaut und
exzernirt der Nahrungskanal in der Larve der Drachenfliege wie
in dem Fische Cobitis. Wendet man die Hydra wie einen Hand-
schuh um, das Innere nach aussen, so verdaut die äussre Ober-
fläche und die innre athmet. In solchen Fällen hätte durch die
Natürliche Züchtung ganz leicht ein Theil oder Organ, welches
bisher zweierlei Verrichtungen gehabt hat, ausschliesslich nur für
einen der beiden Zwecke ausgebildet und die ganze Natur des
Thieres alimählich umgeändert werden können, wenn Diess für
dasselbe von Anfang an nützlich gewesen wäre. Gewisse Pflanzen,
wie namentlich einige Hülsen-Gewächse, Violaceen u. a. bringen
zwei Arten von Blüthen , die einen mit der ihrer Ordnung zu-
stehenden Bildung, die andern verkümmert, aber zuweilen frucht-
barer als die ersten. Unterliesse nun eine solche Pflanze mehre
Jahre lang Blüthen der ersten Art zu bringen , wie es ein in
Frankreich eingeführtes Exemplar vpn Aspicarpa wirklich gethan,
so würde in der That eine grosse und plötzliche Umwandlung
in der Natur der Pflanze eintreten. Zwei verschiedene Organe
verrichten zuweilen mit einander einerlei Dienste in demselben
Individuum, wie es z. B. Fische gibt mit Kiehien, womit sie die
im Wasser verlheilte Luft einathmen, während sie zu gleicher
Zeit atmosphärische Luft mit ihrer Schwimmblase zu athmen im
Stande sind, welche zu dem Ende durch einen Luftgang mit dem
Schlünde verbunden und innerlich von sehr Gefäss-reichen Zwi-
schenwänden durchzogen ist (Lepidosir^). In diesem Falle kann
218
leicht eines von beiden Organen verändert und so vervollkommnet
werden, dass es immer mehr die ganze Arbeit allein übernimmt,
vv'ährend das andre entweder zu einer neuen Bestimmung über-
geht oder gänzlich verkümmert.
Diess Beispiel von der Schwimmblase der Fische ist sehr
belehrend, weil es uns die hoch-wichtige Thatsache zeigt, wie
ein ursprünglich zu einem besondern Zwecke, zum Schwimmen
nämlich , gebildetes Organ für eine ganz andre Verrichtung um-
geändert werden kann, und zwar für die Athmung. Auch ist
die Schwimmblase als ein Nehenbestandtheil für das Gehör-Organ
mancher Fische mit verarbeitet worden, oder es ist (ich weiss
nicht, welche Deutungs-Weise jetzt am allgemeinsten angenommen
wird) ein Theil des Gehor-Organes zur Ergänzung der Schwimm-
blase verwendet worden. Alle Physiologen geben zu, dass die
Schwimmblase in Lage und Struktur »homolog« oder »ideal
gleich« seye den Lungen höherer Wirbellhiere ; daher die An-
nahme, Natürliche Züchtung habe eine Schwimmblase in eine
Lunge oder ein ausschliessliches Athem-Organ verwandelt, keinem
grossen Bedenken zu unterliegen scheint.
Ich kann in der That kaum bezweifeln, dass alle Wirbellhiere
mit ächten Lungen auf dem gewöhnlichen Fortpflanzungs-Wege
von einem allen unbekannten Urbilde mit einem Schwimm-Apparat
oder einer Schwimmblase herstammen. So mag man sich, wie
ich aus Professor Owens interessanter Beschreibung dieser Theile
entnehme, die sonderbare Thatsache erklären , wie es komme,
dass jedes Theilchen von Speise und Trank, die wir zu uns
nehmen, über die Mündung der Luftröhre weggleiten muss mit
einiger Gefahr in die Lungen zu fallen, der sinnreichen Einrich-
tung ungeachtet, wodurch der Kehldeckel geschlossen wird. Bei
den höheren Wirbelthieren sind die Kiemen gänzlich verschwun-
den, aber die Spalten an den Seiten des Halses und der Schlingen-
förmige Verlauf der Arterien scheinen in dem Embryo des Men-
schen noch ihre frühere Stelle anzudeuten. Doch wäre es be-
greiflich gewesen, wenn die jetzt gänzlich verschwundenen Kiemen
durch Natürliche Züchtung zu einem ganz andern Zwecke um-
gearbeitet worden wären 5 wie nach der Ansicht einiger Natur-
219
forscher, dass die Kiemen und Rückenschuppen gewisser Ringel-
vviirmer mit den Flügeln und Flügeldecken der sechslussigen In-_
sekten homolog sind, es wahrscheinlich wäre, dass Organe, die
in sehr alter Zeit zur Alhmung gedient, jetzt zu Flug-Organen
umgewandelt seyen.
Was den Übergang der Organe zu andern Funktionen betrifft,
ist es so wichtig sich mit der Möglichkeit desselben vertraut zu
machen, dass ich noch ein weiteres Beispiel anführen will. Die
gestielten Rankenfüsser (Cirripedes) haben zwei kleine Hautfalten,
von mir Eier-Zügel genannt, welche bestimn)t sind mittelst einer
klebrigen Absonderung die Eier zurückzuhalten, so lange sie im
Eierstock ausgebrütet werden. Diese Rankenfüsser haben keine
Kiemen , indem die ganze Oberfläche des Körpers und Sackes
mit Einschluss der kleinen Zügel zur Athmung dient. Die Bala-
niden oder sitzenden Cirripeden dagegen haben keine solche Zügel,
indem die Eier lose auf dem Grunde des Sackes in der wohl
gechlossenen Schaale liegen; aber sie haben in derselben rela-
tiven Lage grosse faltige Membranen, welche mit den Kreislauf-
kanälen des Sacks und des Körpers frei kommuniziren und von
R. Owen und allen andren mit dem Gegenstand vertrauten Ana-
tomen für Kiemen erklärt worden sind. Nun denke ich , wird
Niemand bestreiten, dass die Eier-Zügel der einen Familie ho-
molog mit den Kiemen der andern sind, wie sie denn auch in
der That stufenweise in einander übergehen. Daher bezweifle
ich nicht, dass kleine Hautfalten, welche hier anfangs äls Eier-
Zügel gedient und in geringem Grade schon bei der Athmung
mitgewirkt, durch Natürliche Züchtung stufenweise in Kiemen
verwandelt worden sind bloss durch Vermehrung ihrer Grösse
bei gleichzeitiger Verkümmerung der ihnen anhängenden Drüsen.
Wären alle gestielten Cirripeden erloschen (und sie haben be-
reits mehr Vertilgung erfahren als die sitzenden) : wie hätten
wir uns je denken können, dass die Atiimungs-Organe der Bala-
niden ursprünglich den Zweck gehabt hätten , die zu frühzeitige
Ausführung der Eier aus dem Eiersack zu verhindern?
Obwohl ich gemahnt habe vorsichtig bei der Annahme zu
seyn, dass ein Organ nicht möglicher Weise durch ganz allmäh-
220
liehe Übergänge gebildet worden seyn könne, so gebe ich doch
gerne zu, dass sehr schwierige Falle vorkommen mögen, deren
einige ich in meinem grösseren Werke zu erörtern gedenke.
Einen der schwierigsten bilden die Geschlecht-losen Kerb-
Ihiere, die oft sehr abweichend sowohl von den Männchen als
den fruchtbaren Weibchen ihrer Spezies gebildet sind , auf wel-
chen Fall ich jedoch im nfichsten Kapitel zurückkommen will.
Die elektrischen Organe der Fische bieten einen andren Fall von
eigenthümlicher Schwierigkeit dar; es ist unbegreiflich, durch
welche Abstufungen die Bildung dieser wundersamen Organe
bewirkt worden seyn mag. Doch gleicht nach R. Owens u. A.
Bemerkung ihre innerste Struktur ganz derjenigen gewöhnlicher
Muskeln, und da unlängst gezeigt worden, dass Rochen ein dem
elektrischen Apparate ganz analoges Organ besitzen, aber nach
Matteucci's Versicherung keine Elektricität entladen, so müssen
wir gestehen, dass wir viel zn unwissend sind um behaupten zu
dürfen, dass kein Übergang irgend einer Art möglich seye.
Die elektrischen Organe bieten aber noch andre sehr ernst-
liche Schwierigkeiten dar. Wenn ein und dasselbe Organ in
verschiedenen Gliedern einer Klasse und zumal mit sehr auseinan-
der-gehenden Gewohnheiten auftritt, so mag man seine Anwesen-
heit in diesen Gliedern durch Erbschaft von einem gemeinsamen
Stamm-Vater und seine Abwesenheit in andern durch Verlust in
Folge von Nichtgebrauch oder Natürlicher Züchtung erklären.
Hätte sich aber das elektrische Organ von einem alten damit
versehen gewesenen Vorgänger auf jene Fische vererbt, so dürften
wir erwarten, dass alle noch elektrischen Fische auch sonst in
näherer Weise mit einander verwandt seyen. Nun gibt aber die
Paläontologie durchaus keine Veranlassung zu glauben, dass vor-
dem die meisten Fische mit elektrischen Organen versehen ge-
wesen Seyen, welche fast alle ihre Nachkommen eingebüsst hätten.
Die Anwesenheil leuchtender Organe in einigen wenigen Insekten
aus den manchfaltigsten Familien und Ordnungen bietet einen
damit gleichlaufenden schwierigen Fall dar. Man könnte deren
noch mehr anführen, wie denn z. B. im Pflanzen-Reiche die ganz
eigenthümliche Entwickelung einer Masse von Pollen-Körnern auf
221
einem Fussgcslelle mit einer klebrigen Drüse an dessen Ende
bei Orchis und bei Asclepias, zweien unter den Blütlien-Pflanzen
möglich weit auseinanderstehenden Sippen, ganz die nämliche ist.
Doch kann man bemerken, dass in solchen Fällen, wo zwei sehr
verschiedene Arten mit anscheinend demselben anomalen Organe
versehen sind, doch gewöhnlich einige Grund-Verschiedenheiten
sich daran entdecken lassen. Ich möchte glauben, dass fast in
gleicher Weise, wie zwei Menschen zuweilen unabhängig von ein-
ander auf genau die nämliche Entdeckung verfallen sind, so habe
auch die Natürliche Züchtung, zum Besten eines jeden Wesens
wirkend und von allen analogen Abänderungen Vortheil ziehend,
zuweilen zwei Theile auf fast ganz gleiche Weise in zwei organi-
schen Wesen modifizirt, welche ihrer Abstammung von einem
nämlichen Stamm-Vater nur wenig Gemeinsames in ihrer Orga-
nisation verdanken.
Obwohl es in vielen Fällen sehr schwer ist zu errathen,
durch welche Übergänge die Organe zu ihrer jetzigen Beschaffen-
heit gelangt Seyen, so bin ich doch, in Betracht der sehr ge-
ringen Anzahl noch lebender und bekannter gegenüber den unter-
gegangenen und unbekannten Formen, sehr darüber erstaunt ge-
wesen zu finden, wie selten ein Oigan vorkommt, zu welchem
leicht einige Übergangs-Stufen führten. Es ist gewiss nicht wahr,
dass neue Organe oft plötzlich in einer Klasse erscheinen^ als
ob sie derselben für irgend einen besondren Zweck erst aner-
schaiTen worden wären ; — und wie es auch schon durch die
alte obwohl etwas übertriebene naturgeschichtliche Regel «Natura
non facit sallum« anerkannt wird. Wir finden Diess in den
Schriften fast aller erfahrenen Naturforscher angenommen ; Milne
Edwards hat es mit den Worten ausgedrückt: Die Natur ist ver-
schwenderisch in Abänderungen , aber geilzig in Neuerungen.
Wie sollte es nach der Schüpfungs-Theorie damit zugehen? woher
sollte es kommen, dass alle Theile und Organe so vieler unab-
hängiger Wesen, wenn jedes derselben für seinen eignen Platz
in der Natur erschafTcn worden , doch durch ganz allmähliche
Übergänge mit einander verkettet sind? Warum hätte die Natur
nicht einen Sprung von der einen Organisation zur andern
222
gemacht? Nach der Theorie Natürlicher Züchtung dagegen können
wir es lilar begreifen, weil diese sich nur ganz kleine allmähliche
Abänderungen zu Nutzen macht; sie kann nie einen Sprung
machen, sondern muss mit kürzesten und langsamsten Schritten
voranschreilen.
Organe von anscheinend geringer Wichtigkeit.)
Da Natürliche Züchtung auf Leben und Tod arbeitet, indem sie
nämlich Individuen mit vorlheilhaften Abänderungen erhält und
solche mit ungünstigen Abweichungen der Organisation unter-
drückt, so schien mir manchmal die Entstehung einfacher Theile
sehr schwer zu begreifen, deren Wichtigkeit nicht genügend er-
scheint, um die Erhaltung immer weiter abändernder Individuen
zu begründen. Diese Schwierigkeit, obwohl von ganz andrer
Art, schien mir manchmal eben so gross zu seyn als die hin-
sichtlich so vollkommener und zusammengesetzter Organe, wie
die Augen.
Erstens aber wissen wir viel zu wenig von dem ganzen
Haushalte eines organischen Wesens, um sagen zu können,
welche geringe Modifikationen für dasselbe wichtig seyn können,
und ich habe in einem früheren Kapitel Beispiele von sehr ge-
ringen Charaktern, wie die Farbe der Haut und Haaren einiger
Vierfüsser, oder wie der Flaum der Früchte und die Farbe ihres
Fleisches angeführt, welche in so ferne, als sie auf die Anariffe
der Insekten von Einfluss sind oder mit der Empfindlichkeit
der Wesen für äussre Einflüsse im Zusammenhang stehen, bei
der Natürlichen Züchtung gewiss mit in Betracht kommen. Der
Schwanz der Giraffe sieht wie ein künstlich gemachter Fliegen-
wedel aus, und es scheint anfangs unglaublich , dass derselbe
durch kleine aufeinanderfolgende Verbesserungen allmählich zur
unbedeutenden Bestimmung eines solchen Instrumentes herge-
richtet worden seyn solle. Doch hüten wir uns gerade in diesem
Falle uns allzu bestimmt auszusprechen, indem wir ja wissen, dass
Daseyn und Verbreitungs-Weise des Rindes u. a. Thiere in Süd-
Amerika unbedingt von deren Vermögen abhängt den Angriffen
der Insekten zu widerstehen; daher Individuen, welche einiger-
maassen mit Mitteln zur Vertheidigung gegen diese kleinen
223
Feinde versehen sind, geschickt wären sich mit grossem Vorlheil
über neue Weide -Platze zu verbreiten. Niehl als ob grosse
Siuiglhiere (einige seltene Fälle ausgenommen) jetzt durch Flie-
gen vertilgt würden ; aber sie werden von ihnen so unausgesetzt
ermüdet und geschwächt, dass sie Krankheiten, gelegentlichem
Futter-Mangel und den Nachstellungen der Raubthiere in weit
grössrer Anzahl erliegen.
Organe von jetzt unwesentlicher Bedeutung können den
ersten Stamm-Ältern zuweilen von hohem Werthe gewesen und
nach früherer langsamer Vervollkommnung in ungefähr demselben
Zustande auf deren Nachkommen vererbt worden seyn, obwohl
deren nunmehriger Nutzen nur noch unbedeutend ist, während
schädliche Abweichungen von dem früheren Baue durch Natür-
liche Züchtung fortdauernd gehindert werden. Wenn man be-
obachtet, was für ein wichtiges Organ des Ortswechsels der
Schwanz für die meisten Wasser- Thiere ist, so lässt sich seine
allgemeine Anwesenheit und Verwendung zu mancherlei Zwecken
bei so vielen Land-Thieren , welche durch modifizirte Schwimm-
blasen oder Lungen ihre Abstammung aus dem Wasser ver-
< rathen, ganz wohl begreifen. Nachdem ein Wasser-Thier einmal \
mit einem wohl-entvvickelten Steuer-Schwänze ausgestattet ist,
kann derselbe später zu den manchfaltigsten Zwecken umge-
arbeitet werden, zu einem Fliegenwedel, zu einem Greifwerk-
zeug, oder zu einem Mittel schneller Wendung des Laufes, wie
es beim Hunde der Fall ist, obwohl dieses Hilfsmittel nur schwach
seyn mag, indem ja der Hase, last ganz ohne Schwanz, sich
rasch genug zu wenden im Stande ist.
Zweitens: dürften wir mitunter Charakteren eine grosse
Wichtigkeit zutrauen, die ihnen in Wahrheit nicht zukommt, und
welche von ganz sekundären Ursachen unabhängig von Natür-
licher Züchtung herrühren. Erinnern wir uns, dass Klima, Nah-
rung u. s. w. wahrscjieinlich einigen kleinen Einfluss auf die
Organisation haben; dass ältere Charaktere nach dem Gesetze
der Rückkehr wieder zum Vorschein kommen; dass Wechselbe-
ziehungen in der Enlwickelung einen oft bedeulenden Einfluss auf
die Abänderung verschiedener Gebilde äussern, und endlich dass
224
sexuelle Zuchtwahl oft wesentlich auf solche äussere Charaktere
einer Thier-Art eingewirkt hat, welche dem mit andren kämpfen-
den Männchen eine bessre Waffe oder einen besondren Reiz in
den Augen des Weibchens verliehen. Überdiess mag eine aus
den genannten Ursachen hervorgegangene Abänderung der Struk-
tur anfangs oft ohne Werth für die Art gewesen seyn, späterhin
aber bei deren unter neue Lebens-Bedingungen versetzten und
mit neuen Gewohnheilen versehenen Nachkommen an Bedeutung
gewoimen haben.
Ich will einige Beispiele zu Erläuterung dieser letzten Be-
merkung anführen Wenn es nur grüne Spechte gäbe und wir
wüssten von schwarzen und bunten nichts, so würde ich mir zu
sagen erlauben, dass die grüne Farbe eine schöne Anpassung
und dazu bestimmt seye, diese an den Bäumen herumkletternden
Vogel vor den Augen ihrer Feinde zu verbergen, dass es mithin
ein für die Spezies wichtiger und durch Natürliche Züchtung er-
langter Charakter seye; so aber, wie sich xlie Sache verhält,
rührt die Färbung zweifelsohne von einer ganz andern Ursache
und wahrscheinlich von geschlechtlicher Zuchtwahl her. Eine
kletternde Palmen-Art im Malayischen Archipel steigt bis zu den
höchsten Baum- Gipfeln empor mit Hilfe ausgezeichneter Ranken,
welche Büschelweise an den Enden der Zweige befestigt sind, und
diese Einrichtung ist zweifelsohne für die Pflanze von grösstem
Nutzen. Da wir jedoch fast ähnliche Ranken an vielen Pflanzen
sehen, welche nicht klettern, so mögen dieselben auch beim
Bambus von unbekannten Wachsthums - Gesetzen herrühren und
von der Pflanze erst später, als sie noch sonstige Abänderung
erfuhr und ein Kletterer wurde, zu ihrem Vortheile benützt und
weiter entwickelt worden seyn. Die nackte Haut am Kopfe des
Geyers wird gewöhnlich als eine unmittelbare Anbequemung des
oft in faulen Kadavern damit wühlenden Thieres betrachtet; in-
zwischen müssen wir vorsichtig seyn mit dieser Deutung, da ja
auch die Kopfhaut des ganz säuberlich fressenden Wälschhahns
nackt ist. Die ;Nähte an den Schädeln junger Säugthiere sind als
eine schöne Anpassung zur Erleichterung der Geburt dargestellt
worden, und ohne Zweifel begünstigen sie dieselbe oder sind
225
soffar unentbehrlich; da aber auch solche Nähte an den Schiideln
junger Vögel und Reptilien vorkommen, welche nur aus einem
zerbrochenen Eie zu schlüpCen nöthig haben, so dürfen wir
schliessen, dass diese Bildungs-Weise von den Wachslliums-Ge-
setzen herrühre und den höheren Wirbelthieren dann nur gele-
gentlich auf jene Weise nütze.
Wir wissen ganz und gar nichts über die Ursachen, welche
die kleinen Abänderungen veranlassen und fühlen Diess am
meisten, wenn wir über die Verschiedenheiten unsrer Hauslhier-
Rassen in andern Gegenden und zumal bei minder zivilisirten
Völkern nachdenken, welche sich nicht mit planmässiger Züchtung
befassen. Die in verschiedenen Gegenden von wilden Völkern
gehaltenen Hauslhiere haben oft um ihr eigenes Daseyn zu käm-
pfen : sie mögen bis zu einem gewissen Grade der Natürlichen
Züchtung unterliegen, und Individuen mit nur wenig abweichen-
der Konstitution gedeihen zuweilen am besten in verschiedenen
Klimaten. Ein Beobachter versichert, dass das Rind bei gewisser
Färbung den Angriffen der Fliegen mehr ausgesetzt, wie es auch
empfänglicher für Gifte seye, so dass auf diese Weise die Farbe
ein Gegenstand Natürlicher Züchtung werde. Andre Beobachter
sind der Überzeugung, dass ein feuchtes Klima den Haarwuchs
befördre und dass Horn und Haar in gleicher Beziehung stehe.
Gebirgs-Rassen sind überall von Niederungs-Rassen verschieden,
und Gebirgs-Gegenden werden wahrscheinlich auf die Hinterbeine
und allenfalls auf das Becken wirken, sofern diese daselbst mehr
in Anspruch genommen werden; nach dem Gesetze homologer
Variation werden dann auch die vordren Gliedmaassen und wahr-
scheinlich der Kopf mit betroffen werden. Auch dürfte die Form
des Beckens der Mutter durch Druck auf die Kopf-Form des
Jungen in ihrem Leibe wirken. Wahrscheinlich vermehrt auch
die schwierigere Athmung in hohen Gebirgen die Weite des
Brust-Kastens, und Diess nicht ohne Einfluss auf noch andre
Theile. Die Wirkung unterbleibender Übung auf die Gesainmt-
Organisation in Verbindung mit reichlichem Futter ist wahrschein-
lich von noch grössrer Wichtigkeit; und darin liegt, wie von
Nathusius kürzlich nachgewiesen, olfenhar eine Haupt-Ursache
DARWIN, Enutoliung dar Alton, 'i. Aufl. 15
226
der grossen Veränderungen, welche die verschiedenen Schweine-
Rassen erlitten haben. Wir haben aber viel zu wenig Erfahrung,
um über die Vergleichungsweise Wichtigkeit der verschiedenen
bekannten und unbekannten Abänderungs-Gesetze Betrachtungen
anzustellen, und ich habe hier deren nur erwähnt um zu zeigen,
dass, wenn wir nicht im Stande sind, die charakteristischen Ver-
schiedenheiten unsrer kultivrrten Rassen zu erklären,, welche doch
allgemeiner Annahme zufolge durch gewohnliche Fortpflanzung
entstanden sind, wir auch unsre Unwissenheit über die genaue
Ursache geringer analoger Verschiedenheiten zwischen Arten nicht
zu hoch anschlagen dürfen. Ich möchte in dieser Beziehung die
so schart" ausgeprägten Unterschiede zwischen den Menschen-
Rassen anführen, über deren Entstehung sich vielleicht einiges
Licht verbreiten liesse durch die Annahme einer sexuellen Züch-
tung eigener Art; doch würde es unnütz seyn dabei zu verweilen,
indem ich mich hier nicht auf die zur Erläuterung nöthigen
Einzelheiten einlassen kann.
Die voranstehenden Bemerkungen veranlassen mich auch
einige Worte über die neuerlich von mehren Naturforschern ein-
gelegte Verwahrung gegen die Nützlichkeits-Lehre zu sagen,
nach welcher nämlich alle Einzelnheiten der Bildung zum Vortheil
ihres Besitzers da seyn sollen. Dieselben sind der Meinung,
dass sehr viele organische Gebilde nur der Manchfaltigkeit wegen
vorhanden seyen oder um die Augen des Menschen zu ergötzen.
Wäre diese Lehre richtig, so müssten sie meiner Theorie unbe-
dingt verderblich werden. Doch gebe ich vollkommen zu , dass
manche Bildungen von keinem unmittelbaren Nutzen für deren
Besitzer sind. Die natürlichen Lebens-Bedingungen haben wahr-
scheinlich einigen geringen Einfluss auf die Organisation, möge
diese zu irgend etwas nützen oder nicht. W^echselbeziehungen
in der Entwickelung haben zweifelsohne ebenfalls einen sehr
grossen Antheil, und die nützliche Abänderung eines Organes hat
oft nutzlose Veränderungen auch in andern Theilen veranlasst.
So können auch Charaktere, welche vordeui nützlich gewesen,
oder welche dur(;h Wechselbeziehung in der früheren Entwicke-
lung oder durch ganz unbekannte Ursache entstanden, nach
227
den Gesetzen der Rückkehr wieder zum Vorschein kommen,
weimtrleich sie keinen unmittelbaren Nutzen haben. Die Wir-
kunoen der o-eschlechtlichen Züchtung, soferne sie in das Weib-
chen fesselnden Reitzen beruhen, können nur in einem mehr
o-ezvvuno-enen Sinne nützlich genannt werden. Aber bei weitem
die wichtigste Erwägung ist die, dass der Haupttheil der Organi-
sation eines jeden Wesens einfach durch Erbschaft erworben ist,
daher denn auch, obschon zweifelsohne jedes Wesen für seinen
Platz im Haushalte der Natur ganz wohl gemacht seyn mag, viele
Bildungen keine unmittelbaren Be/.iehungen mehr zur Lebensweise
der gegenwärtigen Spezies haben. So können wir kaum glauben,
dass der Schwimmfuss des Fregattvogels oder der Landgans (Chloe-
phaga Maghellanica) diesen Vögeln von speciellem Nutzen seye;
und wir können nicht annehmen, dass die nämlichen Knochen im
Arme des Affen, im Vorderfuss des Pferdes, im Flügel der Fleder-
maus und im Ruder des Seehundes allen diesen Thieren einen
speciellen Nutzen bringe. Wir mögen diese Bildungen getrost als
Erbschaft ansehen; denn zweifelsohne sind Schwimmfüsse dem
Stamm-Vater jener Gans und des Fregattvogels eben so nützlich
gewesen, als sie den meisten jetzt lebenden Wasser-Vögeln sind.
So dürfen wir vermuthen, dass der Stammvater des Seehunds
nicht einen Ruderfuss, sondern einen fünfzehigen Geh- oder
Greif-Fuss besessen; wir dürfen ferner vermuthen, dass die ein-
zelnen von einem Stammvater ererbten Knochen in den Beinen
des Affen, des Pferdes, der Fledermaus ihrem gemeinsamen
Stammvater oder ihren Stamm-Vätern vordem nützlicher gewesen
sind, als sie jetzt diesen in ihrer Lebensweise so weit ausein-
andergehenden Thieren sind. Wir können daher annehmen, diese
verschiedenen Knochen seyen durch Natürliche Züchtung ent-
standen, welche früher so wie jetzt den Gesetzen der Erblichkeit,
der Rückkehr, der Wechselbeziehung in der Entwickelung u. s. w.
unterlagen. Daher man von jeder Einzelheit der Struktur in
jedem lebenden Geschöpfe (ausser einigen geringen Zugeständ-
nissen an den Einfluss der natürlichen äussrcn Bedingungen) an-
ni^hmen darf, sie seye einmal einem Vorfahren der Spezies von
besondrem Nutzen gewesen, oder sie seye jetzt, entweder direkt
15 •
m
oder durcli verwickelte Wachsthiimsgeselze indirekt, ein besondrer
Vortheil für die Abkömmlinge dieser Vorfahren.
Natürliche Züchtung kann nicht wohl irgend eine Abänderung
in einer Spezies bewirken , welche nur einer anderen Art
zum ausschliesslichen Vorlheil gereichte , obwohl in der ganzen
Natur eine Spezies ohne Unterlass von der Organisation einer
andern Nutzen zieht. Aber Natürliche Züchtung kann auch oft
hervorbringen und bringt oft in Wirklichkeit solche Gebilde her-
vor, die einer andern Art zum unmittelbaren Nachtheil gerei-
chen, wie wir im Giftzahne der Otter und in der Legeröhre des
Ichneumon sehen, welcher mit deren Hülfe seine Eier in den
Körper andrer lebenden Insekten einführt, Liesse sich bewei-
sen, dass irgend ein Theil der Organisation einer Spezies zum
ausschliesslichen Besten einer andern Spezies gebildet worden
seye, so wäre meine Theorie vernichtet, weil eine solche Bildung
nicht durch Natürliche Züchtung bewirkt werden kann. Obwohl
in naturhistorischen Schriften vielerlei Behauptungen in dieser
Hinsicht aufgestellt werden, so kann ich doch keine darunter von
einigem Gewichte finden. So gesteht man zu, dass die Klapper-
schlange einen Giflzalm zu ihrer eignen Vertheidigung und zur
Tödtung ihrer Beute besitze; aber einige Autoren unterstellen
auch, dass sie ihre Klapper zu ihrem eignen Nachtheile erhalten
habe, nämlich um ihre Beute zu warnen und zur Flucht zu ver-
anlassen. Man könnte jedoch eben so gut behaupten, die Katze
mache die VWllenkrümmungen mit dem Ende ihres Schwanzes,
wenn sie im Begriffe einzuspringen ist, in der Absicht um die
bereits zum Tode verurtheilte Maus zu warnen. Doch, ich habe
hier nicht Raum auf diese und andre Fälle noch weiter einzugehen.
Natürliche Züchtung kann in keiner Spezies irgend etwas für
dieselbe Schädliches- erzeugen, indem sie ausschliesslich nur durch
und zu deren Vortheil wirkt. Kein Organ kann, wie Palev be-
merkt, gebildet werden um seinem Besitzer Qual und Schaden
zu bringen. Eine genaue Abwägung zwischen dem Nutzen und
Schaden, welchen ein jeder Theil verursacht, wird immer zeigen,
dass er im Ganzen genommen vorlheilhaft ist. Wird etwa in
spätrer Zeit bei wechselnden Lebens - Bedingungen ein Theil
229
sclüidlich, so wird er entweder verändert, oder die Art gelit zu
Grunde, wie ihrer Myriaden zu Grunde gegangen sind.
Natürliche Züchtung strebt jedes organisclie Wesen eben so
vollkoniinen oder ein wenig vollliommener als die übrigen Bewoh-
ner derselben Gegend zu machen, mit welchen dieselbe um sein
üaseyn zu ringen hat. Und wir sehen, dass Diess der Grad von
Vollkommenheit ist, welchen die Natur erstrebt. Die Neuseeland
eigenthümlichen Natur - Erzeugnisse sind vollkommen, eines mit
den andern verglichen; aber sie weichen jetzt rasch zurück vor
den vordringenden Legionen aus Europa eingeführter Pflanzen
und Thiere. Natürliche Züchtung wird keine absolute Vollkom-
menheit herstellen; auch begegnen wir, so viel sich beurtheilen
lässt, einer so hohen Stufe nirgends in der Natur. Die Ver:
besserung für die Abweichung des Lichtes ist, wie der ausge-
zeichnete-Gewährsmann JoH. MüLLEB erklärt, selbst in dem voll-
kommensten aller Organe, dem menscblicben Auge, noch nicht
vollständig. Wenn uns unsre Vernunft zu begeisterter Bewun-
derung einer Menge unnachahmlicher Einrichtungen in der Natur
auffordert, so lehrt uns auch diese nämliche Vernunft, dass wir
leicht nach beiden Seiten irren können, indem andre Einrichtungen
weniger vollkommen sind. Wir können nie den Stachel der
Wespe oder Biene als vollkommen betrachten, der, wenn er
einmal gegen die Angriffe von mancherlei Thieren angewandt
worden, den unvermeidlichen Tod seines Besitzers bewirken
muss, weil er seiner Widerhaken wegen nicht mehr aus der
Wunde, die er gemacht hat, zurückgezogen werden kann, ohne
die Eingeweide des Insekts nach sich zu ziehen.
Nehmen wir an, der Stachel der Biene seye bei einer sehr
frühen Stammform bereits als Bohr- und Säge-Werkzeug bestan-
den, wie es häufig bei andern Gliedern der Hymenopteren - Ord-
nung vorkommt, und seye für seine gegenwärtige Bestimmung
mit dem ursprünglich zur Hervorbringung von Gallen-Auswüch-
sen oder andern Zwecken bestimmten Gifte umgeändert aber
nicht zugleich verbessert worden, so können wir vielleicht be-
greifen, warum der Gebrauch dieses Stachels so oft des Insektes
eignen Tod veranlasst; denn wenn das Vermögen zu stechen
230
der ganzen Bienen -Gemeinde nülzlicli ist, so inag er allen An-
forderungen der Natürlichen Züchtung entsprechen, obwohl seine
Beschaffenheit den Tod der einzelnen Individuen veranlasst, die
ihn anwenden. Wenn wir über das wirklich wunderbar scharfe
Wilterungs-Vermögen erstaunen, mit dessen Hilfe manche Männ-
chen ihre Weibchen ausfindig zu machen im Stande sind, können
wir dann auch die für diesen einen Zweck bestimmte Hervor-
bringung von Tausenden von Dronen bewundern, welche, der
Gemeinde für jeden andern Zweck gänzlich nutzlos , bestimmt
sind zuletzt von ihren arbeitenden aber unfruchtbaren Schwestern
umgebracht zu werden? Es mag schwer seyn, aber wir müssen
den wilden Instinkt-massigen Hass der Bienenkönigin bewundern,
welcher sie beständig drängt, die jungen Königinnen, ihre Töchter,
augenblicklich nach ihrer Geburt zu lödten oder selbst in dem
Kampfe zu Grunde zu gehen; denn unzweifelhaft ist Diess zum
Besten der Gemeinde, und mütterliche Liebe oder mütterlicher
Hass, obwohl dieser letzte glücklicher Weise viel seltener ist,
gilt dem unerbittlichen Prinzipe Natürlicher Züchtung völlig gleich.
Wenn wir die verschiedenen sinnreichen Einrichtungen ver-
gleichen, vermöge welcher die Blüthen der Orchideen und man-
cher andren Pflanzen vermittelst Insekten -Thätigkeit befruchtet
werden, wie können wir dann die Anordnung bei unsren Nadel-
hölzern als gleich vollkommne ansehen, vermöge welcher grosse
und dichte Staubwolken von Pollen hervorgebracht werden müssen,
damit einige Körnchen davon durch einen günstigen Lufthauch
dem Ei chen zugeführt werden mögen ?
Zusammenfassung des Kapitels. Wir haben in diesem
Kapitel gewisse S(;hwierigkeiten und Einwendungen erörtert,
welche sich meiner Theorie entgegenstellen. Einige derselben
sind sehr ernster Art; doch glaube ich, dass durch ihre Erörterung
einiges Licht über mehre Tbatsachen verbreitet worden, welche
dagegen nach der Theorie der unabhängigen Schöpfungs - Akte
ganz dunkel bleiben würden. Wir haben gesehen, dass Arten
zu irgend welcher Zeit nicht ins Endlose abändern können und
nicht durch zahllose Übergangs- Formen unter einander zusammen-
hängen, theils weil der Prozess Natürlicher Züchtung immer sehr
langsam ist und jederzeit nur auf selir wenige Formen wirkt,
und tlieils weil gerade der Prozess NaUirliciier Züciitung auch
meistens die forlwain-ende Ersetzung und Erlöschung vorhergehen-
der und mittler Abstufungen schon in sich schliessl. Nahe ver-
wandte Arten, welche jetzt auf einer zusammenhängenden Fläche
wohnen, mögen oft gebildet worden seyn, als die Fläche noch
nicht zusammenhängend war und die Lebens-Bedingungen nicht
unmerkbar von einer Stelle zur andern abänderten. Wenn zwei
Varietäten an zwei Stellen eines zusammenhängenden Gebietes sich
bildeten, so wird oft auch eine mittle Varietät für eine mittle Zone
entstanden seyn ; aber aus angegebenen Gründen wird die mittle
Varietät gewöhnlich in geringerer Anzahl als die zwei durch sie
verbundenen Abänderungen vorhanden gewesen seyn, welche
mithin im Verlaufe weitrer Umbildung sich durch ihre grössre
Anzahl in entschiedenem Vortheil vor den andren befanden und
mithin gewöhnlich auch im Stande waren sie zu ersetzen und zu
vertilgen.
Wir haben in diesem Kapitel gesehen, wie vorsichtig man
seyn muss zu schliessen, dass die verschiedenartigsten Gewohn-
heiten des Lebens nicht in einander übergehen können, dass eine
Fledermaus B. nicht etwa auf dem Wege Natürlicher Züchtung
entstanden seyn könne von einem Thiere, welches bloss durch
die Luft zu gleiten im Stande war.
Wir haben gesehen, dass eine Art unter veränderten Lebens-
Bedingungen ihre Gewohnheiten ändern oder vermanch faltigen und
manche Sitten annehmen könne, die von denen ihrer nächsten
Verwandten abweichen. Daraus können wir begreifen, wenn
wir uns zugleich erinnern, dass jedes organische Wesen ge-
drängt wird zu leben wo es immer leben kann , wie es zuge-
gangen, dass es Land-Gänse mit Schwimmfüssen , . an Boden le-
bende Spechte, tauchende Drosseln und Sturmvögel mit den Sit-
ten der Alke gebe.
Obwohl die Meinung, dass ein so vollkommenes Organ, als
das Auge ist, durch Natürliche Züchtung hervorgebracht werden
könne , mehr als genügt um jeden wankend zu machen , so ist
doch keine logische Unmöglichkeit vorhanden, dass irgend ein
232
Organ unter vorändorlichon Lebens-Bodingtingen durch eine lange
Reihe von Abstufungen in seiner Zusammensetzung, deren jede
dem Besitzer nützlich ist, endlich jeden begreiflichen Grad von
Vollkommenheil auf dem Wege Natürlicher Züchtung erlange.
In p-fdlen, wo wir keine Zwischenzustände kennen, müssen wir
uns wohl zu schliessen hüten, dass solche niemals bestanden
hatten ; denn die Homologien vieler Organe und ihre Zwischen-
stufen zeigen, dass wunderbare Veränderungen in ihren Verrich-
tungen wenigstens möglich sind. So ist z. B. eine Schwimm-
l.'lase offenbar in eine l.uft-atlimende Lunge verwandelt worden.
Übergänge müssen namentlich oft in hohem Grade erleichtert
worden seyn da , wo ein und dasselbe Organ mehre sehr ver-
schiedene Verrichtungen zugleich zu besorgen hatte und dann
nur für eine von beiden Verrichtungen allein noch besser her-
gestellt zu werden brauchte und da wo gleichzeitig zwei sehr
verschiedene Organe an derselben Funktion Iheilnahmen uud
das eine mit Unterstützung des andern sich weiter vervollkomm-
nen konnte.
Wir sind in Bezug auf die meisten Fälle viel zu unwissend,
um behaupten zu dürfen, dass ein Theil oder Organ für das Ge-
deihen einer Art unwesentlich seye, und dass Abänderungen sei-
ner Bildung nicht durch Natürliche Züchtung mittelst langsamer
Häufung haben bewirkt werden können. Doch dürfen wir zuver-
sichtlich annehmen, dass viele Abänderungen gänzlich nur von
den Wachsthums-Gesetzen veranlasst und, anfänglich ohne allen
Nutzen für die Art, später zum Vortheil weiter umgeänderter
Nachkommen dieser Art verwendet worden sind. Wir dürfen
ferner glauben, dass ein für frühere Formen hochwichticrer Theil
auch von späteren Formen (wie der Schwanz eines Wasser-
Thieres von den davon abstammenden Land-Thieren) beibehalten
worden ist, obwohl er für dieselben so unwichtig erscheint, dass
er in seinem jetzigen Zustande nicht durch Natürliche Züchtung
erworben seyn könnte, indem diese Kraft nur auf die Erhaltung
solcher Abänderungen gerichtet ist, welche im Kampfe ums Da-
soyn nützlich sind.
Natürliche Ziichtung erzeugt bei keiner Spezies etwas, das
233
zum aiisschliessliclien Nutzen oder Schaden einer andern wäre;
obwohl sie Theile, Organe und Excretionen herstellen kann, die,
wenn auch für andre sehr nützlich und sogar unentbehrlich oder
in hohem Grade verderblich, doch in allen Fällen zugleich nütz-
lich für den Besitzer sind. Natürliche Züchtung muss in jeder
wohl-bevölkerten Gegend in Folge hauptsächlich der Milbewer-
bung der Bewohner unter einander nolhwendig auf Verbesse-
rung oder Kräftigung für den Kampf um's Daseyn hinwirken,
doch lediglich nach dem für diese Gegend giltigen Maassstab.
Daher die Bewohner einer, und zwar gewöhnlich der kleineren,
Gegend oft vor denen einer andern und gemeiniglich grösseren
zurückweichen müssen. Denn in der grösseren Gegend werden
mehr Individuen und mehr differenzirte Formen existirt haben,
wird die Mitbewerbung stärker gewesen und mithin das Ziel der
Vervollkommnung höher gesteckt gewesen seyn. Natürliche Züch-
tung wird nicht nolhwendig absolute Vollkommenheit hervor-
bringen, und diese ist auch, so viel wir mit unsern beschränkten
Fähigkeilen zu beurlheilen vermögen, nirgends zu finden.
Nach der Theorie der Natürlichen Züchtung lässt sich die
ganze Bedeutung des alten Glaubenssatzes in der Naturgeschichte
»Natura non facit saltum" verstehen. Dieser Satz ist, wenn
wir nur die jetzigen Bewohner der Erde berücksichtigen , nicht
ganz richtig, muss aber nach meiner Theorie vollkommen wahr
seyn, wenn wir alle Wesen vergangener Zeiten mit einschliessen.
Es ist allgemein anerkannt, dass alle organischen Wesen nach
zwei grossen Gesetzen gebildet worden sind: Einheil desT\[ius
und Anpassung an die Existenz-Bedingungen. Unter Einheit des
Typus begreift man die Übereinstimmung im Grundplane des Baues,
wie wir ihn bei den Wesen eines Unterreiches finden, und welcher
ganz unabhängig von ihrer Lebensweise ist. Nach meiner Theorie
erklärt sich die Einheit des Typus aus der Einheit der Abstam-
mung. Die Anpassung an die Lebens-Bedinguugen , so oft von
dem berühmten Güvieb in Anwendung gebracht, ist in meinem
Prinzipe der Natürlichen Züchtung vollständig mit inbegrilTen.
Denn die Natürliche Züchtung wirkt nur in soferne, als sie die
veränderlichen Theile eines jeden Wesens seinen organischen und
234
unorganischen Lebens-Bedingungen entweder jetzt anpasst oder
in längst vergangenen Zeit-Perioden angepasst hat. Diese An-
passungen können in manchen Fällen durch Gebrauch und Nicht-
gebrauch unterstützt, durch direkte Einwirkung äussrer Lebens-
Bedingungen modiiizirt werden und sind in allen Füllen den ver-
schiedenen Entwicklungs-Gesetzen unterworfen. Daher ist denn
auch das Gesetz der Anpassung an die Lebens-Bedingungen in
der That das höhere, indem es vermöge der Erblichkeit früherer
Anpassungen das der Einheit des Typus mit in sich begreift.
Instinkte vergleichbar mit (Jewohnheilen, doch ündern Ursprungs. — Abstu-
fungen. — Blattläuse und Ameisen. — Instinkte veränderlich. — Instinkte
gezähmter Thiere und deren Entstehung. — Natürliche Instinkte des Kuckucks,
des Stransses und der parasitischen Bienen. — Sklaven-machende .\niei.sen.
— Honigbienen und ihr Zelienbau-InstinlU. — Veränderung von Instinkt
und Struktur nicht nothwendig gleichzeitig — Schwierigkeiten der Theorie
Natürlicher Züchtung in Bezug auf Instinkt. — Geschlechtslose oder un-
fruchtbare Insekten. - Zusamineni'assung.
Der Instinkt halte wohl noch in den vorigen Kapiteln mit
abgehandelt werden sollen; doch habe ich es für angemessener
erachtet den Gegenstand abgesondert zu behandeln, zumal ein
so wunderbarer Instinkt, wie der der Zellen-bauenden Bienen ist,
wohl manchem Leser eine genügende Schwierigkeit geschienen
haben mag, um meine Theorie über d(;n Haufen zu werfen. Ich
muss vorausschicken, dass ich nichts mit dem Ursprung der gei-
stigen Grundkräfte noch mit dem des Lebens selbst zu schaifen
habe. Wir haben es nur mit der Verschiedenheit des Instinktes
und der übrigen geistigen Fähigkeiten der Thiere in einer und
der nämlichen Klasse zu thun.
Ich will keine Definition des Wortes zu geben versuchen.
Es würde leicht seyn zu zeigen, dass gewöhnlich ganz verschie-
dene geistige Fähigkeiten unter diesem Namen begriffen werden.
Instinkt.
235
Doch weiss jeder, was damit gemeint ist, wenn ich sage, der
Instinkt veranlasse den Kuckuck zu wandern und seine Eier in
fremde Nester zu legen. Wenn eine Handlung, zu deren Voll-
ziehuno- selbst von unserer Seile Erfahrung vorausgesetzt wird,
von Seiten eines Thieres und besonders eines sehr jungen Thieres
noch ohne alle Erfahrung ausgeübt wird, und wenn sie auf
gleiche Weise von vielen Thieren erfolgt, ohne dass diese ihren
Zweck kennen, so wird sie gewöhnlich eine instinktive Handlung
genannt. Ich könnte jedoch zeigen, dass keiner von diesen
Charakteren des Instinkts allgemein ist. Eine kleine Dosis von
ürtheil oder Verstand, wie Fierbe Hubeb es ausdrückt, kommt
oft mit in's Spiel, selbst bei Thieren, welche sehr tief auf der
Stufenleiter der Natur stehen.
Fbiedrich Cüvier und verschiedene ällre Metha physiker haben
Instinkt mit Gewohnheit verglichen. Diese Vergleichung scheint
mir eine sehr genaue Nachweisung von den Schranken des Gei-
stes zu geben, innerhalb welcher die Handlung vollzogen wird,
aber nicht von ihrem Ursprünge. Wie unbewusst werden manche
unsrer Handlungen vollzogen, ja nicht selten in geradem Gegen-
satz mit unsrein bewussten Willen! Doch können sie durch den
Willen oder Verstand abgeändert werden. Gewohnheiten verbin-
den sich leicht mit andern Gewohnheiten oder mit gewissen Zeit-
Abschnitten und Zuständen des Körpers. Einmal angenommen
erhalten sie sich oft lebenslänglich. Es Hessen sich noch manche
andre Ähnlichkeiten zwischen Instinkten und Gewohnheiten nach-
weisen. Wie bei Wiederholung eines wohlbekannten Gesanges,
so folgt auch beim Instinkte eine Handlung auf die andre durch
eine Art Rylhmus. Wenn Jemand beitn Gesänge oder bei Her-
sagung auswendig gelernter Worte unterbrochen worden, so ist
er gewöhnlich genölhigt, wieder etwas zurückzugehen, um den
Gedanken-Gang wieder zu finden. So sah es P. Hubeb auch bei
einer Raupen-Art. wenn sie beschäftigt war ihr sehr zusammen- j
gesetztes Gewebe zu fertigen; nahm er sie heraus, nachdem |
dieselbe z. B. das letzte Sechstel vollendet hatte, und setzte er j
sie in ein andres nur bis zum dritten Sechstel vollendetes, so
fertigte sie einfach den dritten, vierten und fünften Theil noch-
236
mals mit dem sechsten an. Nahm er sie aber ans einem z. B.
bis zum dritten Theile vollendeten (iewebe und setzte sie in ein
bis zum sechsten Theil fertiges, so dass sie ihre Arbeit schon
grösstenlheils gelhan fand, so war sie sehr entfernt, diesen Vor-
theil zu fühlen und fing in grosser Befangenheil über diesen
Stand der Sache die Arbeit nochmals vom dritten Stadium an.
da wo sie solche in ihrem eignen Gewebe verlassen hatte, und
suchte von da aus das schon fertige Werk zu Ende zu führen
; , Wenn sich nun, wie ich in einigen Fällen es zu können
glaube, nachweisen liesse, dass eine durch Gewohnheit angenom-
mene Handlungs- Weise auch auf die Nachkommen vererblich seye,
so würde das, was ursprünglich Gewohnheit war, von Instinkt
nicht mehr unterscheidbar seyn. Wenn Mozart statt in einem
Alter von drei Jahren das Pianoforte mit wundervoller kleiner
Fertigkeit zu spielen, ohne alle vorgängige Übung eine Melodie
angestimmt hätte, so könnte man mit Wahrheit sagen, er habe
Diess Instinkt-mässig gelhan. Es würde aber ein sehr ernster
Irrthum seyn anzunehmen, dass die Mehrzahl der Instinkte durch
Gewohnheit schon während einer Generation erworben und dann
auf die nachfolgenden Generationen vererbt worden seye. Es
lässt sich genau nachweisen, dass die wunderbarsten Instinkte,
die wir kennen, wie die der Korb-Bienen und vieler Ameisen,
unmöglich in solcher Frist erworben worden seyn können.
Man gibt allgemein zu , dass für das Gedeihen einer jeden
Spezies in ihren jetzigen Existenz-Verhältnissen Instinkte eben so
wichtig sind, als die Körper-Bildung. Ändern sich die Lebens-
Bedingungen einer Spezies , so ist es wenigstens möglich, dass
auch geringe Änderungen in ihrem Instinkte für sie nützlich seyn
würden. Wenn sich nun nachweisen läSst, dass Instinktti, wenn
auch noch so wenig variiren, dann kann ich keine Schwierigkeit
für die Annahme sehen , dass Natürliche Züchtung auch geringe
Abänderungen des Instinktes erhalte und durch beständige Häu-
fung bis zu einem vorlheilhaflen Grade vermehre. So dürften, wie
ich glaube, alle und auch die zusammengesetztesten und wunder-
barsten Instinkte entstanden seyn. Wie Abänderungen im Körper-
Bau durch Gebrauch und Gewohnheit veranlasst und verstärkt,
237
dagegen durch Niclilgebrauch verringert und ganz oingebiissl
werden können, so ist es zweifelsohne auch mit den Instini^ten.
Ich glaube aber, dass die Wirkungen der Gewohnheit von ganzf
untergeordneter Bedeutung sind gegenüber den Wirkungen Natür-
licher Züchtung auf sogenannte zufällige Abänderungen des In-
stinktes, d. h. auf Abänderungen in Folge unbekannter Ursachen,
welche geringe Abweichungen in der Körper-Bildung veranlassen.
Kein zusammengesetzter Instinkt kann durch Natürliche Züch-
tung anders als durch langsame und stufenweise Häufung vieler
o-erino-en und nutzbaren Abänderungen hervorgebracht werden.
Hier müssten wir, wie bei der Körper-Bildung, in der Natur zwar
nicht die wirklichen Übergangs-Stufen, die der zusammengesetzte
Instinkt bis zu seiner jetzigen Vollkommenheit durchlaufen hat
und welche bei jeder Art nur in ihrem Vorgänger gerader Linie
zu entdecken seyn würden, wohl aber einige Spuren solcher Ab-
stufungen in den Seitenlinien von gleicher Abstammung finden,
oder wenigstens nachweisen können, dass irgend welche Abstu-
fungen möglich sind ; und dazu sind wir gewiss im Stande. Ob-
wohl indessen die Instinkte fast nur in Europa und Nord-Amerika
lebender Thiere näher beobachtet worden und die der unterge-
gangenen Thiere uns ganz unbekannt sind , so war ich doch
erstaunt zu finden, wie ganz allgemein sich Abstufungen bis zu
den Instinkten der zusammengesetztesten Arten entdecken lassen.
Instinkt-Änderungen mögen zuweilen dadurch erleichtert werden,
dass eine und dieselbe Spezies verschiedene Instinkte in verschie-
denen Lebens-Perioden oder Jahreszeiten besitzt, oder dass sie
unter andre äussre Lebens-Bedingungen versetzt wird, in welchen
Fällen dann wohl entweder nur der eine oder nur der andre durch
Natürliche Züchtung erhallen werden wird. Beispiele von solcher
Verschiedenheit des Instinktes lassen sich in der Natur nachweisen.
Nun ist, wie bei der Körper-Bildung auch meiner Theorie
gemäss der Instinkt einer jeden Art nützlich für diese und, so
viel wir wissen, niemals zum ausschliesslichen Nutzen andrer
Arten vorhanden. Eines der triftigsten Beispiele, die ich kenne,
von Thieren, welche anscheinend zum blossen Besten andrer
etwas thun, liefern die Blattläuse, indem sie, wie Huber zuerst
238
bemerkte, freiwillig den Ameisen ihre süssen Exkretionen über-
lassen. Dass sie Diess freiwillig Ihun, geht aus folgenden That-
'saclien hervor. Ich entfernte alle Airieisen von einer Gruppe
von etwa zwölf Aphiden auf einer Ampfer-Pflanze und hinderte
ihr Zusammenkommen mehrere Stunden lang. Nach dieser Zeit
nahm ich wahr, dass die Biallläuse das Bedürfniss der Exkretion
hatten. Ich beobachtete sie eine Zeit lang durch eine Lupe : aber
nicht eine gab eine Excretion von sich. Darauf streichelte und
kitzelte ich sie mit einem Haare auf dieselbe Weise, wie es die
Ameisen mit ihren Fühlern machen, aber keine Excretion erfolgte.
Nun Hess ich eine Ameise zu, und aus ihrem Widerstreben sich
von den Blattläusen zurücktreiben zu lassen, schien hervorzugehen,
dass sie augenblicklich erkannt hatte, welch' ein reicher Genuss
ihrer harre. Sie begann dann mit ihren Fühlern den Hinterleib
eist einer und dann einer andren Blattlaus zu betasten, deren
jt;de, so wie sie die Berührung des Fühlers empfand, sofort den
Hinterleib in die Höhe richtete und einen klaren Tropfen süsser
Flüssigkeit ausschied, der alsbald von der Ameise eingesogen
wurde. Selbst ganz junge Blattläuse, auf diese Weise behandelt,
zeigten, dass ihr Verhalten ein instinktives und nicht die Folge
der Erfahrung war. Nach Huber zeigen die Blattläuse keine Ab-
neigung gegen die Ameisen, und wenn diese fehlen, so sind sie
genöthigt ihre Excretionen auszustossen. Da nun die Aussonde-
rung ausserordentlich klebrig ist, so ist es wahrscheinlich für die
Aphiden von Nutzen, dass sie entfernt werde; und so ist es
denn auch mit dieser Excretion wohl nicht auf den ausschliess-
lichen Vortheil der Ameisen abgesehen. Obwohl ich nicht glaube,
dass irgend ein Thier in der Welt etwas zum ausschliesslichen
Nutzen einer andern Art Ihue, so sucht doch jede Art Vortheil
von den Instinkten anderer zu ziehen und hat Vortheil von der
Schwächeren Körper-Beschaffenheit andrer. So können dann auch
in einigen wenigen Fällen gewisse Instinkte nicht als ganz voll-
kommen betrachtet werden , was ich aber bis ins Einzelne aus-
einanderzusetzen hier unterlassen muss.
Es sollten wohl möglich viele Beispiele angeführt werden,
um zu zeigen, wie im Natur-Zustande ein gewisser Grad von
*
239
Abänderung in den Instinkten und die Erblichkeit solcher Abän-
deruno-en zur Thäligkeit der Naliirlichen Züchtung unerlässlich ist,
aber Mangel an Raum hindert mich es zu thun. Ich kann bloss
versichern, dass Instinkte gewiss variiren, wie z. B. der Wander-
Instinkt nach Ausdehnung und Richtung variiren oder auch ganz
aul'hören kann. So ist os mit den Nestern der Vögel, welche
thcils je nach der dafür gewählten Stelle, nach den Natur- und
Wärme-Verhältnissen der bewohnten Gegend, aber auch oft aus
tranz unbekannten Ursachen abändern. So hat Audubon einige
sehr merkwürdige Fälle von Verschiedenheiten in den Nestern
derselben Vogel-Arten, je nachdem sie im Norden oder im Süden
der Vereinten Staaten leben, mitgetheilt. Warum, hat man ge-
fragt, hat die Natur der Biene, wenn Instinkt veränderlich ist,
nicht die Fähigkeil ertheilt, andre Materialien da zu benützen, wo
Wachs fehlt? Aber welche andre Materialien könnten die Bienen
benützen. Ich habe gesehen, daFS sie mit Kochenille und mit
Fett versetztes Wachs gebrauchen und verarbeiten. Andrew Knight
sah seine Bienen , statt emsig Pollen einzusammeln , ein Zäment
aus Wachs und Terpentin gebrauchen, womit entrindete Bäume
überstrichen worden waren. Endlich hat man kürzlich Bienen
beobachtet, die, statt Blüthen um ihres Samenstaubes willen auf-
zusuchen, gerne eine ganz verschiedene Substanz, nämlich Hafer-
mehl verwendeten. — Furcht vor irgend einem besondren Feinde
ist gewiss eine instinktive Eigenschaft, wie man bei den noch im
Neste sitzenden Vögeln zu erkennen Gelegenheit hat, obwohl sie
durch Erfahrung und durch die Wahrnehmung von Furcht vor
demselben Feinde bei anderen Thieren noch verstärkt wird.
Thiere auf abgelegenen kleinen Eilanden fürchten sich nicht vor
den Menschen und lernen, wie ich anderwärts gezeigt habe, ihn
nur langsam fürchten ; und so nehmen wir auch in England selbst
wahr, dass die grossen Vögel, weil sie vom Menschen mehr ver-
folgt werden, sich viel mehr vor ihm fürchten, als die kleinen.
Wir können die stärkere Scheuheit grosser Vögel getrost dieser
Ursache zuschreiben, denn auf von Menschen unbewohnten Inseln
sind die grossen nicht scheuer als die kleinen) und die Elster,
240
so furchtsam in England, ist in Norwegen eben so zahm als die
Krähe (Corvus cornix) in Ägypten.
Dass die Gemtithsarl der Individuen einer Spezies im All-
gemeinen, auch wenn sie in der freien Natur geboren sind, äus-
serst manchfallig seye, liann mit vielen Thalsachen belegt werden.
Auch Hessen sich bei einigen Arten Beispiele von zufälligen und
fremdartigen Gewohnheiten anführen, die, wenn sie der Art
nützlich wären, durch Natürlj<;he Züchtung zu ganz neuen In-
stinkten Veranlassung werden könnten. Ich weiss wohl, dass
diese allgemeinen Behauptungen, ohne einzelne Thalsachen zum
Belege, nur einen schwachen Eindruck auf den Geist des Lesers
machen werden, kann jedoch nur meine Versicherung wieder-
holen, dass ich nicht ohne gute Beweise so spreche.
Die Möglichkeit oder sogar Wahrscheinlichkeit Abänderungen
des Instinktes im Natur-Zuslande zu vererben wird durch Betrach-
tung einiger Fälle bei gezähmten Thieren noch stärker hervor-
treten. Wir werden dadurch auch zu sehen in den Stand gesetzt,
welchen vergleichungsweisen Einfluss Gewöhnung und die Züch-
tung sogenannter zufälliger Abweichungen auf die Abänderung der
Geistes- Fähigkeilen unsrer Hausthiere ausgeübt haben. Es lässl
sich eine Anzahl sonderbarer und verbürgter Beispiele anführen
von der Vererblichkeit aller Abschattungen der Gemülhsart, des
Geschmacks oder der Neigung zu den sonderbarsten Streichen in
Verbindung mit Zeichen von Geist oder mit gewissen periodischen
Bedingungen. Bekannte Belege dafür liefern uns die verschie-
denen Hunde-Rassen. So unterliegt es keinem Zweifel (und ich
habe selbst einen schlagenden Fall der Art gesehen), dass junge
Vorstehehunde zuweilen vor andern Hunden anziehen , wenn sie
das erstemal mit hinausgenoinmen werden. So ist das Aufstöbern
der Feldhühner gewiss oft erblich bei Hunden der vorzugsweise
dazu gebrauchten Rasse, wie junge Schäferhunde geneigt sind
die Heerde zu unikreisen statt nebenher zu laufen. Ich kann
nicht sehen, dass diese Handlungen wesentlich von denen des
Instinktes verschieden sind; denn die jungen Hunde handeln ohne
Erfahrung, einer fast wie der andre in derselben Rasse, und
ohne den Zweck des Handeln.s zu kennen. Denn der junge Vor-
241
steheliund weiss noch eben so wenig, dass er durch sein Stehen
den Absichten seines Herrn dient, als der Kohlschmetterling weiss,
warum er seine Eier auf ein Kohl-Blatt legt. Wenn wir eine Art
Wolf sähen, welcher noch jung und ohne Abrichlung bei Witte-
rung seiner Beute bewegungslos wie eine Bildsäule stehen bliebe
und dann mit eigenthiimlicher Hallung langsam auf sie hinschliche,
oder eine andre Art Wolf, welche, statt auf einen Rudel Hirsche
zuzuspringen , dasselbe umkreiste und so nach einem entfernten
Punkte triebe, so würden wir dieses Verhalten gewiss dem In-
stinkte zuschreiben. Zahme Instinkte, wie man sie nennen könnte,
sind gewiss viel weniger fest und unveränderlich als die natür-
lichen; denn sie sind durch viel minder strenge Züchtung aus-
geprägt und eine bei weitem kürzere Zeit hindurch unter minder
steten Lebens-Bedingungen vererbt worden.
Wie streng diese «zahmen Instinkte«, Gewohnheiten und
Neigungen vererbt werden und wie wundersam sie sich zuweilen
mischen, zeigt sich ganz wohl, wenn verschiedene Hunde-Rassen
miteinander gekreutzt werden. So ist eine Kreulzung mit Bull-
beissern auf viele Generationen hinaus auf den Muth und die
Beharrlichkeit des Windhundes von Eintluss gewesen, und eine
Kreutzung mit dem Wind-Hunde hat auf eine ganze Familie von
Schäferhunden die Neigung übertragen Hasen zu verfolgen. Diese
zahmen Instinkte, auf solche Art durch Kreutzung erprobt, glei-
chen natürlichen Instinkten, welche sich in ähnlicher Weise
sonderbar mit einander verbinden, so dass sich auf lange Zeit
hinaus Spuren des Instinktes beider Altern erhalten. So be-
schreibt Le Roy einen Hund, dessen Grossvater ein Wolf war;
dieser Hund verrieth die Spuren seiner wilden Abstammung nur
auf eine Weise, indem er nämlich, wenn er von seinem Herrn
gerufen wurde, nie in gerader Richtung auf ihn zukam.
Zahme Instinkte werden zuweilen bezeichnet als Handlungen,
welche blos durch eine lang- forlgesetzte und erzwungene Ge-
wohnheit erblich werden; ich glaube aber, dass Diess nicht
richtig ist. Gewiss hat niemals jemand daran gedacht oder ver-
sucht, der Purzellaube das Purzeln zu lehren, was meines
Wissens auch schon junge Taubon Ihun, welche nie andere
Darwin, Entstellung der Arten, 'i. Aull. l(j
242
purzeln gesehen haben. Man kann sich denken, dass einmal
eine einzelne Taube Neigung zu dieser sonderbaren Bewegungs-
Weise gezeigt habe und dass dann in Folge sorgfälliger und
lang- fortgesetzter Züchtung aus ihr die Purzier allmählich das
geworden, was sie jetzt sind; und wie ich von Herrn Brent
vernehme, gibt es bei Glasgoic Haus-Purzler, welche nicht 18 Zolle
weit fliegen können, ohne sich einmal kopfüber zu bewegen.
Eben so ist es schwer zu bezweiflen, ob jemals irgend jemand
daran gedacht iiabe, einen Hund zum Vorstehen abzurichten,
hätte nicht etwa ein Individuum von selbst eine Neigung ver-
rathen es zu Ihun, und man weiss, dass Diess zuweilen vor-
kommt, wie ich selbst einmal an einem Dachshund beobachtete:
das „Stehen« ist wohl, wie Manche gedacht haben, nur eine
verstärkte Pause eines Thieres, das sich in Bereitschaft setzt,
auf seine Beute einzuspringen. Hatte sich ein erster Anfang des
Stehens einmal gezeigt, so mögen methodische Züchtung und
die erbliche Wirkung zwangsweiser Abrichtung in jeder nach-
folgenden Generation das Werk bald vollendet haben: und unbe-
wusste Züchtung ist immijr in Thätigkeit, da jedermann, wenn
auch ohne die Absicht eine verbesserte Rasse zu bilden, sich
gerne die Hunde verschafft, welche am besten vorstehen und
jagen. Anderseits hat auch Gewohnheit in einigen Fällen genügt.
Kaum ist in der Regel ein Thier schwerer zu zähmen als das
Junge des wilden Kaninchens, und kein Thier zahmer als das
Junge des zahmen Kaninchens; und doch kann ich kaum glauben,
dass die Haus -Kaninchen auf Zahmheit gezüchtet worden sind,
sondern vermuthe vielmehr, dass wir die gesammte erbliche Ver-
änderung von äusserster Wildheit bis zur äussersten Zahmheit
einzig der Gewohnheit und lange fortgesetzten engen Gefangen-
schaft zuzuschreiben haben. Demungeachtet können, wie der
Französische Übersetzer dieses Buches bemerkt hat, gerade die
zahmsten Kaninchen, weil am wenigsten lästig, am öftesten er-
halten worden seyn, so dass mithin auch in diesem Falle Züch-
tung mit ins Spiel gekommen wäre.
Natürliche Instinkte gehen in der Gefangenschaft verloren;
ein merkwürdiges Beispiel davon sieht man bei denjenigen
243
Geflügel-Rassen, welche selten oder nie »briitig« werden *, d. Ii.
nie auf ihren Eiern zu sitzen verlangen. Die tägliclie Gewöhnung
daran allein verhindert uns zu sehen , in wie hohem Grade und
wie allgemein die geistigen Fähigkeiten unsrer Hausthiere durch
Zähmunof verändert worden sind. Man kann kaum daran zweifeln,
dass die Liebe des Menschen als Instinkt auf den Hund über-
gegangen ist. Alle Wölfe. Füchse, Schakals und Katzen-Arten
sind, wenn man sie gezähmt hält, sehr begierig Geflügel, Schaafe
und Schweine anzugreifen, und dieselbe Neigung hat sich unheilbar
auch bei solchen Hunden gezeigt, welche man jung aus Gegenden
zu uns gebracht hat, wo wie im Feuerlande und in Australien die
Wilden jene Hausthiere nicht halten. Und wie selten ist es auf
der andern Seite nölhig, unsren zivilisirten Hunden , selbst wenn
sie noch jung sind, die Angriffe auf jene-Thiere abzugewöhnen.
Allerdings machen sie manchmal einen solchen Angriff und werden
dann geschlagen und, wenn Das nicht hilft, endlich weggeschafft,
— so dass Gewohnheit und wahrscheinlich einige Züchtung zu-
sammengewirkt haben , unsren Hunden ihre erbliche Zivilisation
beizubringen. Andrerseits haben junge Hühnchen, ganz in Folge
von Gewöhnung, die Furcht vor Hunden und Katzen verloren,
welche sie zweifelsohne nach ihrem ursprünglichen Instinkte be-
sessen ; denn ich erfahre von Capt. Hutton, dass die jungen vom
Ostindischen Stammvater dieser Art (Gallus Bankiva), wenn sie
auch von einer gewöhnlichen Henne ausgebrütet worden, anfangs
ausserordentlich wild sind. Und so ist es auch mit den jungen
Phasanen aus Eiern , die man in England von einem Haushuhn
hat ausbrüten lassen Und doch haben die Hühnchen keineswegs
alle Furcht verloren , sondern nur die Furcht vor Hunden und
Katzen ; denn sobald die Henne ihnen durch Glucken eine Gefahr
anmeldet, laufen alle (zumal junge Welschhühner), um sich unter
ihren Schutz zu begeben , oder um sich im Grase und Dickicht
umher zu verbergen, Letztes offenbar in der instinktiven Ab-
sicht, wie wir bei wilden Boden-Vögeln sehen, um ihrer Mutter
^ „Brülig" für broody; das Worl ist im Deutschen nicht üblich; doch
gibt es in N ord-Denl.icIdand danir einen Provinzialismus „iicckiscli". 1). Üb.'i,
16 *
244
möglich zu machen davon zu fliegen. Freilich ist dieser bei un-
seren jungen Hühnchen zurückgebliebene Instinkt im gezähmten
Zustande ganz nutzlos, weil die Mulier-Henne das Flug-Verinögen
durch Nichtgebrauch gewöhnlich eingebüsst hat.
Daraus lässt sich schliessen, dass zahme Instinkte erworben
worden und wilde Instinkte verloren gegangen sind, theils durch
eigne Gewohnheit und theils durch die Einwirkung des Menschen,
welche viele aufeinander-folgende Generationen hindurch eigen-
thümliche geistige Neigungen und Fähigkeiten, die uns in unsrer
Unwissenheit anfangs nur ein sogenannter Zufall geschienen,
durch Züchtung gehäuft und gesteigert hat. In einigen Fällen
hat erzwungene Gewöhnung genügt, um solche erbliche Verän-
derung geistiger Eigenschaften zu bewirken; in andern ist durch
Zwangs-Zucht nichts ausgerichtet und Alles nur durch unbewusste
oder methodische Züchtung bewirkt worden ; in den meisten
Fallen aber haben beide wahrscheinlich zusammengewirkt.
Nähere Betrachtung einiger wenigen Beispiele wird vielleicht
am besten geeignet seyn es begreiflich zu machen, wie Instinkte
im Natur-Zustande durch Züchtung modifizirt worden sind. Ich
will aus der grossen Anzahl derjenigen , welche ich gesammelt
und in meinem späteren Werke zu erörtern haben werde , nur
drei VäWe hervorheben, nämlich den Instinkt, welcher den Kuckuck
treibt seine Eier in fremde Nester zu legen, den Instinkt der
Ameisen Sklaven zu machen, und den Zellenbau-Trieb der Honig-
Bienen ; die zwei zuletzt genannten sind von den Naturforschern
wohl mit Recht als die zwei wunderbarsten aller bekannten In-
stinkte bezeichnet worden.
Man nimmt jetzt gewöhnlich an, die unmittelbare und die
Grund -Ursache für den Instinkt des Kuckucks seine Eier in
fremde Nester zu legen beruhe darin, dass dieselben der Reihe
nach nicht täglich, sondern erst jeden zweiten oder dritten Tag
zur Reife kommen, so dass, wenn der Kuckuck sein eignes Nest
zu bauen und auf seinen eignen Eiern zu silz(;n hätte, die ersten
Eier entweder eine Zeillano- unbebrület bhiiben oder Eier und
junge Vögel von verschiedenem Alter im nämlichen Neste zu-
245
Siunmon kommen miissten * Wäre Diess so der Fall , so
miisslen allerdings die Prozesse des Legens und Aussclilüpfens
unanffemessen lang wahren, und die zuerst ausgeschlüpften
jungen Vögel vvalirscheinlieh vom Männchen allein aufgefüttert
worden. Allein der Amerikanische Kuckuck findet sich in der-
selben Lage, und doch macht er sein eignes Nest und legt seine
Eier nach-einander hinein , und seine Jungen schlüpfen gleich-
zeitig aus. IVlan hat zwar versichert, auch der Amerikanische
Kuckuck lege zuweilen seine Eier in fremde Nester, aber nach
Dr. Bbewer's verlässiger Gewährschaft in ' diesen Dingen ist es
ein Irrthum. Demungeachlet könnte ich noch mehre andre Bei-
spiele von Vögeln anführen, die ihre Eier zuweilen in fremde
Nester legen. Nehmen wir nun an, der Stamm-Vater unsres
Europäischen Kuckucks habe die Gewohnheiten des Amerikani-
schen gehabt, doch zuweilen ein Ei in das Nest eines andren
Vogels gelegt. Wenn der alte Vogel von diesem gelegentlichen
Brauche Vorlheil halte, oder der junge durch den fehlgreifenden
Instinkt einer fremden Mutter kräftiger wurde, als er unter der
Sorge seiner eignen Matter geworden seyn würde, weil diese
mit der gleichzeitigen Sorge für Eier und Junge von verschiede-
nem Alter überladen gewesen wäre und von selbst in sehr zar-
tem Alter schon hätte wandern müssen; so gewann entweder der
Alte oder das auf fremde Kosten gepflegte Junge dabei. Der
Analogie nach möchte ich dann glauben, dass als Folge der Erb-
lichkeit das so aufgeätzte Junge mehr geneigt seye, die zufällige
und abweichende Handlungsweise seiner Mutter nachzuahmen,
auch seine Eier in fremde Nester zu legen und so kräftigere
Nachkommen zu erlangen. Durch einen fortgesetzten Prozess
dieser Art könnte nach meiner Meinung der wunderliche Instinkt
des Kuckucks entstanden seyn. Ich will jedoch noch beifügen,
dass nach Dr. Gbay u. e. a. Beobachtern der Europäische Kuckuck
* Diess kann kein Grund seyn: denn das Alter der Eier polygamischer
Vögel, welche 10 — 20 und mehr Eier legen und eben so viele Tage dazu
bedürfen, ist noch viel ungleicher, und doch kommen die Jungen gleichzeitig
aus. Es fallen somit auch die Folgerungen weg. D. Übs.
246
(loch keineswegs alle müllerliche Liebe und Sorge für seine
eigiKin Sprösslinge verloren hat.
Der Brauch seine Eier gelegentlich in fremde Nester von
derselben oder einer andern Spezies zu logen, ist unter den
Hühner-artigen Vögeln nicht ganz ungewöhnlich: und Diess er-
klärt vielleicht die Entstehung eines eigentliümlichen Instinktes
in der benachbarten Gruppe der Strauss - artigen Vögel. Denn
mehre Strauss -Hennen wenigstens von der Amerikanischen Art
vereinigen sich , um zuerst einige Eier in ein Nest und dann in
ein andres zu legen ; und diese werden von den Männchen aus-
gebrütet. Man wird zu Erklärung dieser Gewohnheit wahrschein-
lich die Thatsache mit in Betracht ziehen, dass diese Hennen
eine grosse Anzahl von Eiern und zwar in Zwischenräumen von
zwei bis drei Tagen legen. Jedoch ist jene Gewohnheit beim
Amerikanischen Slrausse noch nicht sehr entwickelt; denn es
liegt dort auch noch eine so erstaunliche Menge von Eiern über
die Ebene zerstreut, dass ich auf der Jagd an einem Täge nicht
weniger als 20. verlassener und verdorbener Eier aufzunehmen
im Stand war.
Manche Bienen schmarotzen und legen ihre Eier in Nester
andrer Bienen-Arten. Diess ist noch merkwürdiger, als beim
Kuckuck; denn diese Bienen haben nicht allein ihren Instinkt,
sondern auch ihren Bau in Übereinstimmung mit ihrer parasiti-
schen Lebens-Weise geändert, indem sie nämlich nicht die Vor-
richtung zur Einsammlung des Pollens besitzen, deren sie be-
dürften, wenn sie -Nahrung für ihre eigne Brut vorräthig auf-
häufen müsslen. Einige Insekten -Arten schmarotzen nach der
V^^eise der Sphegiden bei andern Arten, und Herr Fabre hat neu-
lich guten Grund nachgewiesen zu glauben, dass, obwohl Tachytes
nigra gewöhnlich ihre eigne Höhle macht und darin noch lebende
aber gelähmte Beute zur Nahrung ihrer eignen Larve im Vorralh
niederlegt, dieselbe doch, wenn sie eine schon fertige und mit
Vorräthen versehene Höhle einer andern Sphex findet, davon
Besitz ergreift und in Folge dieser Gelegenheit Parasit wird. In
diesem Falle wie in dem angenommenen Beispiele von dem
Kuckuck liegt kein Hinderniss für die Natürliche Züchtung vor,
247
MUS dein gelegentlichen Brauche einen bestündigen zu machen,
wenn er für die Art nützlich ist, und wenn nicht in Folge dessen
die andre Insekten-Art, deren Nest und Futter- Vorräthe sie sich
verratherischer Weise aneignet, dadurch vertilgt wird.
Instinkt Sklaven zu machen). Dieser Naturtrieb wurde
zuerst bei Formica (Poliergüs) rufescens von Peter Huber' beob-
achtet, einem noch besseren Beobachter, als sein berühmter Vater
gewesen. Diese Ameise ist unbedingt von ihren Sklaven ab-
hänaicr, ohne deren Hülfe die Art schon in einem Jahre gänzlich
zu Gr'unde gehen müsste. Die Männchen und fruchtbaren Weib-
chen arbeiten nicht. Die arbeitenden oder unfruchtbaren Weib-
chen dacrecren, obgleich sehr muthig und Ihatkrältig beim Sklaven-
Fängen,' thun nichts andres. Sie sind unfähig ihre eignen Nester
zu machen oder ihre eignen Jungen zu füttern. Wenn das alte
Nest unpassend befunden und eine Auswanderung nöthig wird,
entscheiden die Sklaven darüber und schleppen dann ihre Mei-
ster zwischen den Kinnladen fort. Diese letzten sind so äus-
serst hülfelos, dass, als Huber deren dreissig ohne Sklaven
aber mit einer reichlichen Menge des besten Futters und zugleich
mit ihren Larven und Puppen, um sie zur Thätigkeit anzuspornen,
zusammen -sperrte, sie nicht einmal sich selbst fütterten und
grossentheils Hungers starben. Hüber brachte dann einen ein-
zigen Sklaven (Formica fusca) dazu, der sich unverzüglich ans
Werk begab und die noch überlebenden fütterte und rettete,
einige Zellen machte, die Larven pflegte und Alles in Ordnung
brachte. Was kann es Ausserordentlicheres geben, als diese
wohl verbürgten Thatsachen? Hätte man nicht noch von einigen
andern Sklaven-machenden Ameisen Kenntniss, so würde es ein
Hoffnungs- loser Versuch gewesen seyn sich eine Vorstellung
davon zu machen, wie ein so wunderbarer Instinkt zu solcher
Vollkommenheit gedeihen könne.
Eine andre Ameisen-Art, Formica sanguinea, wurde gleich-
falls zuerst von Huber als Sklavenmacherin erkannt. Sie kömmt
im südlichen Theile von England vor, wo ihre Gewohnheiten
von H. F. Smith vom Britischen Museum beobachtet worden sind,
dem ich für seine Mittheilungen über diesen und andre Gegen-
248
stände sehr verbunden bin. Wenn auch volles Vertrauen in die
Versicherungen der zwei genannten Naturforscher setzend, ver-
mochte ich doch nicht ohne einigen Zweifel an die Sache zu
gehen, und es mag wohl zu entschuldigen seyn, wenn jemand
an einen so ausserordentlichen und hässlichen Instinkt, wie der
ist Sklaven zu machen, nicht unmittelbar glauben kann. Ich will
daher dasjenige, was ich selbst beobachtet habe, mit einigen
Einzelnheiten erzählen. Ich öffnete vierzehn Nest -Haufen der
Formica sanguinea und fand in allen einige Sklaven. Männchen
und fruchtbare Weihchen der Sklaven -Art (F. fusca) kommen
nur in ihrer eignen Gemeinde vor und sind nie in den Haufen
der F. sanguinea gefunden worden. Die Sklaven sind schwarz
und von nicht mehr als der halben Grösse ihrer Herrn, so dass
der Gegensatz in ihrer Erscheinung sogleich auffällt. W^ird der
Haufe nur leicht wenig gestört, so kommen die Sklaven zuweilen
heraus und zeigen sich gleich ihren Meistern sehr beunruhigt
und zur Vertheidigung bereit. Wird aber der Haufe so zerrüttet,
dass Larfen und Puppen frei zu liegen kommen, so sind die
Sklaven mit ihren Meistern zugleich lebhaft bemüht, dieselben
nach einem sicheren Platze zu schleppen. Daraus ist klar, dass
sich die Sklaven ganz heimisch fühlen. Während der Monate
Juni und Juli habe ich in drei aufeinander-folgenden Jahren in
den Grafschaften Surreij und Sussex mehre solcher Ameisen-
Haufen Stunden-lang beobachtet und nie einen Sklaven aus- oder
ein-gehen sehen. Da während dieser Monate der Sklaven nur
wenige sind, so dachte ich sie würden sich anders benehmen,
wenn sie in grössrer Anzahl wären; aber auch Hr. Smith Iheilt
mir mit, dass er die Nester zu verschiedenen Stunden während
der Monate Mai, Juni und August in Surrey wie in Hampshire
beobachtet und, obwohl die Sklaven im August zahlreich sind,
nie einen derselben aus- oder ein-gehen gesehen hat. Er be-
trachtet sie daher lediglich als Haus - Sklaven. Dagegen sieht
man ihre Herrn beständig Nestbau-Stoffe und Futter aller Art
herbeischleppen. Im jetzigen Jahre jedoch kam ich im Juli zu
einer Gemeinde mit einem ungewöhnlich starken Sklaven-Stande
und sah einige wenige Sklaven unter ihre Meister gemengt das
2i0
Nost verUissen und mit ihnen den nämlichen Weg zn einer
Schottischen Kiefer, 25 Ellen entfernt, einschlagen und am Stamme
hinauflaufen, wahrscheinlich um nach Blatt- oder Schild-Läusen
zu suchen. Nach Huber, welcher reichliche Gelegenheit zur
Beobachtung gehabt, arbeiten in der Schweitz die Sklaven ge-
wöhnlich mit ihren Herrn an der Aufführung des Nestes, und
sie allein ölTnen und schliessen die Thore in den Morgen- und
Abend-Stunden; jedoch ist, wie Huber ausdrücklich versichert,
ihr Hauptgeschäft nach Blattläusen zu suchen. Dieser Unterschied
in den herrschenden Gewohnheiten von Herrn und Sklaven in
zweierlei Gegenden mag lediglich davon abhängen , dass in der
Schweitz die Sklaven zahlreicher einzu fangen sind als in England.
Eines Tages bemerkte ich glücklicherweise eine Wanderung
der F. sanguinea von einem Haufen zum andern, und es war ein
sehr interessanter Anblick, wie die Herrn ihre Sklaven sorgfältig
zwischen ihren Kinnladen davon schleppten, anstatt selbst von
ihnen getragen zu werden, wie es bei F. rufescens der Fall ist.
Eines andern Tages wurde meine Aufmerksamkeit von etwa zwei
Dutzend Ameisen der Sklaven-machenden Art in Anspruch ge-
nommen , welche dieselbe Stelle besuchten, doch offenbar nicht
des Futters wegen. Bei ihrer Annäherung wurden sie von einer
unabhängigen Kolonie der Sklaven-gebenden Art, F. fusca, zurück-
getrieben, so dass zuweilen bis drei dieser letzten an den Beinen
einer F. sanguinea hingen. Diese letzte tödtete ihre kleineren
Gegner ohne Erbarmen und schleppte deren Leichen als Nahrung
in ihr 29 Ellen entferntes Nest; aber sie wurde verhindert Pup-
pen wegzunehmen, um sie zu Sklaven aufzuziehen. Ich entnahm
dann aus einem andern Haufen der F. fusca eine geringe Anzahl
Puppen und legte sie auf eine kahle Stelle nächst dem Kampf-
platze nieder. Diese wurden begierig von den Tyrannen er-
griffen und fortgetragen, die sich vielleicht einbildeten, doch
endlich Sieger in dem letzten Kampfe gewesen zu seyn.
Gleichzeitig legte ich an derselben Stelle eine Parthie Puppen
der Formica flava mit einigen wenigen reifen Ameisen dieser
■gelben Art nieder, welche noch an Bruchslücken ihres Nestes
hingen. Auch diese Art wird zuweilen, doch selten zu Sklaven
250
gemacht, wie Herr Sivirrn beschrioben hat. Obwohl klein ist diese
Art sehr muthig, und ich habe sie mit wildem Ungestüm andre
Ameisen angreifen sehen. Einmal fand ich zu meinem Erstaunen
unter einem Steine eine unabhängige Kolonie der Formica flava
noch unterhalb einem Neste der Sklaven-machenden F. sanguinea:
und da ich zufallig beide Nester gestört hatte, so grifT die kleine
Art ihre grosse Nachbarin mit erstaunlichem Muthe an. Ich war
nun neugierig zu erfahren, ob F. sanguinea im Stande seye, die
Puppen der F. fusca, welche sie gewöhnlich zur Sklaven-Zucht
verwendet, von denen der kleinen wüthenden F. flava zu unter-
scheiden, welche sie nur selten in Gefangenschaft führt, und es
ergab sich bald , dass sie dieses Unterscheidungs-Vermögen be-
sass : denn ich sah sie begierig und augenblicklich über die
Puppen der F. fusca herfallen, während sie sehr erschrocken
schien, wenn sie auf die Puppen oder auch nur auf die Erde aus
dem Nesle der F. flava stiess, und rasch davonrannte. Aber nach
einer Viertel - Stunde etwa, kurz nachdem alle kleinen gelben
Ameisen die Stelle verlassen hatten, beka men sie Muth und griffen
auch diese Puppen auf.
Eines Abends besuchte ich eine andre Gemeinde der F. san-
guinea und fand eine Anzahl derselben auf dem Heimwege und
beim Eingang in ihr Nest, Leichen und viele Puppen der F. fusca
mit sich schleppend, also nicht auf blosser Wanderung begriffen.
Ich verfolgte eine 40 Ellen lange Reihe mit Beute beladener
Ameisen bis zu einem dichten Haide-Gebüsch, wo ich das letzte
Individuum der F. sanguinea mit einer Puppe belastet heraus-
kommen sah; aber das zerstörte Nest konnte ich in der dichten
Haide nicht finden, obwohl es nicht mehr ferne gewesen seyn
kann, indem zwei oder drei Individuen der F. fusca in der
grössten Aufregung umherrannten und eines bewegungslos an der
Spitze eines Haide-Zweiges hing: alle mit ihren eignen Puppen
im Maul, ein Bild der Verzweiflung über ihre zerstörte Heimath.
Diess sind die Thatsachen, welche ich, obwohl sie meiner
Bestätigung nicht erst bedurft hätten, über den wundersamen
Sklavenmacher-Inslinkt, berichten kann. Zuerst ist der grosse Ge-
gensatz zwischen den instinktiven Gewohnheiten der F. sanguinea
251
lind der kontinenUilen F. rurescens zu bemerken. Diese letzte
baut nicht selbst ihr Nest, bestimmt nicht ihre eignen Wanderun-
o-en, sammelt nicht das Futter für sich und ihre Brut und kann
nicht einmal allein fressen ; sie ist absolut abhängig von ihren
zahlreichen Sklaven. Die F. sanguinea dagegen hält viel weniger
und zumal im ersten Theile des Sommers sehr wenige Sklaven;
die Herrn bestimmen, wann und wo ein neues Nest gebaut wer-
den soll; und wann si(! wandern, schleppen die Herrn die Sklaven.
In der Schweitz wie in England scheinen die Sklaven ausschliess-
lich mit der Sorge für die Brut beauftragt zu seyn, und die
Herrn allein gehen auf den Sklavenfang aus. In der Schweitz
arbeiten Herrn und Sklaven miteinander um Nestbau - Materialien
herbeizuschaffen; beide und doch vorzugsweise die Sklaven be-
suchen und melken, wie man es nennen könnte , ihre Aphiden,
und beide sammeln Nahrung für die Gemeinschaft ein. In England
verlassen die Herrn gewöhnlich allein das Nest, um Bau -Stoffe
und F'utter für sich, ihre Larven und Sklaven einzusammeln, so
dass dieselben hier von ihren Sklaven viel weniger Dienste em-
pfangen als in der Schweitz.
Ich will mich nicht vermessen zu errathen, auf welchem
Wege der Instinkt der F. sanguinea sich entwickelt hat. Da je-
doch Ameisen, welche keine Sklavenmacher sind, wie wir gesehen
haben, zufällig um ihr Nest zerstreute Puppen andrer Arten
heimschleppen, vielleicht um sie zur Nahrung zu verwenden , so
können sich solche Puppen dort auch noch zuweilen entwickeln,
und die auf solche Weise absichtslos im Haus erzognen Fremd-
linge mögen dann ihren eignen Instinkten folgen und arbeiten,
was sie können. Erweiset sich ihre Anwesenheit nützlich für
die Art, welche sie aufgenommen hat, und sagt es dieser letzten
mehr zu Arbeiter zu fangen als zu erziehen, so kann der ur-
sprünglich zufällige Brauch fremde Puppen zur Nahrung einzu-
sammeln durch Natürliche Züchtung verstärkt und endlich zu dem
ganz verschiedenen Zwecke Sklaven zu erziehen bleibend be-
festigt werden. Wenn dieser Naturtrieb zur Zeit seines Ursprungs
in einem noch viel minderen Grade als bei unsrer F. sanguinea
entwickelt war, welche noch jetzt von ihren Sklaven weniger
Hülfe in England als in clor Schweilz oinpfüngt, so findo ich kein
Bedenken anzunehmen, NaUirliclie Züchtung habe dann diesen
Inslinkt verändert und, immer vornusgesolzt , dass jede Abände-
rung der Spezies nützlich gewesen, allmählich so weit abgeändert,
dass endlich eine Ameisen - Art entstund in so verächtlicher Ab-
hängigkeil von ihren eignen Sklaven, wie es F. rul'escens ist.
Zell enbau- Instinkt der Ko r b - Bi e ne n.) Ich beab-
sichtige nicht über diesen Gegenstand in kleine Einzclnheiten ein-
zugehen, sondern will mich beschränken, eine Skizze von den
Ergebnissen zu liefern, zu welchen ich gelangt bin. Es müsste
ein beschränkter Mensch seyn, welcher bei Untersuchung des
ausgezeichneten Baues einer Bienen-Wabe, die ihrem Zwecke so
wundersam angepasst ist, nicht in begeisterte Verwunderung
geriethe. Wir hören von Mathematikern, dass die Bienen prak-
tisch ein schwieriges Problem gelöst und ihre Zellen in derjenigen
Form, welche die giüsst-mögliche Menge von Honig aufnehmen
kann, mit- dem geringst- möglichen Aufwände des kostspieligen
Bau-Materiales , des Wachses nämlich, hergestellt haben. Man
hat bemerkt, dass es einem geschickten Arbeiter mit passenden
Maassen und Werkzeugen s^ehr schwer fallen würde, regelmässig
sechseckige Wachs-Zellen zu machen, obwohl Diess eine wim-
melnde Menge von Bienen in dunklem Korbe mit grösster Ge-
nauigkeit vollführt. Was für einen Instinkt man auch annehmen
mag, so scheint es doch anfangs ganz unbegreiflich, wie derselbe
solle alle nölhigen Winkel und Flächen berechnen , oder auch
nur beurtheilen können, ob sie richtig gemacht sind. Inzwischen
ist doch die Schwierigkeit nicht so gross, wie sie Anfangs scheint;
denn all' diess schöne Werk lässt sich von einigen wenigen
sehr einfachen Naturtrieben herleiten.
Ich war diesen Gegenstand zu verfolgen durch Herrn Water-
HOUSE veranlasst worden, welcher gezeigt hat, dass die Form
der Zellen in enger Beziehung zur Anwesenheit von Nachbar-
zellen steht, und die folgende Ansicht ist vielleicht nur eine
Modifikation seiner Theorie. Wenden wir uns zu dem grossen
Abstufungs-Prinzipe und sehen wir zu, ob uns die Natur nicht
ihre Methode zu wirken enthülle. Am einen Ende der kurzen
253
Stufen-Reihe sehen wir die Hummel-Bienen, welche ihre alten
Coccons zur Aufnahme von Honig verwendet, indem sie ihnen
zuweilen kurze Wachs-Rühren anfügt und ebenso auch einzeln
abgesonderte und sehr unregelmässig abgerundete Zellen von
Wachs anfertigt. Am andern Ende der Reihe haben wir die
Zellen der Ivorbbiene, eine doppelle Schicht bildend: jede Zelle
ist beltanntlich ein sechsseiliges Prisma, deren Grundfläche durch
eine stumpf-dreiseitige Pyramide aus drei Rautenflächen, mit festen
Winkeln ersetzt ist. Dieselben drei Rautenflächen, welche die
pyramidale Basis einer Zelle in der einen Zellen- Schicht der
Scheibe bilden, entsprechen je einer Rautenfläche in drei anein-
anderstossenden Zellen der entgegengesetzten Schicht. Als Zwi-
schenstufe zwischen der äussersten Vervollkommnung im Zellen-
bau der Korb-Biene und der äussersten Einfachheit in dem der
Hummel- Biene haben wir dann die Zellen der Mexikanischen
Melipona domestica , welche P. Hubeb gleichfalls sorgfältig be-
schrieben und abgebildet hat. Diese Biene steht in ihrer Körper-
bildung zwischen unsrer Honig -Biene und der Hummel in der
Mille, doch der letzten näher, bildet einen fast regelmässigen
wächsernen Zellen-Kuchen mit walzigen Zellen, worin die Jungen
gepflegt werden, und überdiess mit einigen grossen Zellen zur
Aufnahme von Honig. Diese letzten sind von ihrer freien Seite
gesehen fast kreisförmig und von nahezu gleicher Grösse, in eine
unregelmässige Masse zusanunengefügt ; am wichtigsten aber ist
daran zu bemerken, dass sie so nahe aneinander gerückt sind,
dass alle kreisförmigen Wände, wenn sie auch da, wo die Zellen
einander stossen, ihre Kreise fortsetzten, einander schneiden
oder durchsetzen müssten ; daher die Wände an den aneinander-
liegenden Stellen eben abgeplattet sind. Jede dieser im Ganzen
genommen kreisrunden Zellen hat mithin doch 2 — 3 oder mehr
voUkommen ebene Seitenflächen, je nachdem sie an 2—3 oder
mehr andre Zellen seitlich angrenzt. Kommt eine Zelle in Be-
rührung mit drei andern Zellen, was, da alle von fast gleicher
Grösse sind, noth wendig sehr oft geschieht, so vereinigen sich
die drei ebenen Flächen zu einer dreiseiligen Pyramide, welche,
nach Uubeh's Bemerkung, ofl'eiibar der dreiseitigen Pyramide an
254
der Basis der Zellen unsrer Korb -Biene zu vergleichen ist.
Wie in den Zellen der Honigl)iene, $o nehmen anch hier die
drei ebenen Flächen einer Zelle an der Zusammensetzung dreier
andren anstossenden Zellen Theil. Es ist oflenbar, dass die
Meliponu bei dieser Bildungs - Weise Wachs erspart; denn die
Wände sind da, wo mehre solche Zellen aneinandergrenzen, nicht
doppelt und nur von der Dicke wie die kreisförmigen Theile,
und jedes flache Stück Zwischenwand nimmt an der Zusammen-
setzung zweier aneinanderstossenden Zellen Antheil.
Indem ich über diesen Fall nachdachte, kam es mir vor, als
ob, wenn die Melipona ihre walzigen Zellen von gleicher Grösse
in einer gegebenen gleichen Entfernung von einander gefertigt
und symmetrisch in eine doppelte Schicht geordnet hätte, der da-
durch erzielte Bau so vollkommen als der der Korb -Biene ge-
worden seyn würde. Demzufolge schrieb ich an Professor Miller
in Cambridge, und dieser Geometer bezeichnet die folgende
seiner Belehrung entnommene Darstellung als richtig.
Wenn eine Anzahl unter sich gleicher Kreise so beschrieben
wird, dass ihre Mittelpunkte in zwei parallelen Ebenen liegen,
und das Centrum eines jeden Kreises um Radius 2 oder
Radius X 1.41421 (oder weniger) von den Mittelpunkten der
sechs umgebenden Kreise in derselben Schicht und eben so
weit von den Centren der angrenzenden Kreise in der andren
parallelen Schicht entfernt ist*, und wenn alsdann Durchscheidungs-
flächen zwischen den verschiedenen Kreisen beider Schichten ge-
* Ich glaube die Aufgabe der Bienen ist eine einfachre, als dieser
malhematischen Formel zu genügen! Eine Einzelbiene macht eine zylindrische
Zelle. Stessen wir ihre Zellen möglichst dicht aneinander, so dass keine Zwi-
schenräume bleiben, so können die Zellen nur sechs-, vier- oder drei-eckige
seyn, indem sie sich an den Aneinanderlagerungs - Seiten abplatten. Nun
weichen sechseckige am wenigsten, dreieckige Zellen am meisten von den
runden ab; jene bilden mithin die einfachste der möglichen Modifikationen.
Diese einfachste Modifikation erheischt im Verhiiltniss zu ihrem Inhalte aller-
dings am wenigsten Wachs; — sie beengt aber auch, da ihre verschiedenen
Oueermesser am wenigsten ungleich sind, die darin nistende Made am wenig-
sten in ihrer Entwickelung und Bewegung; endlich gibt sie der Wabe am
meisten Festigkeit, weil die Zwischenwände sich in drei und bei viereckigen
nur in zwei Richtungen kreulzen. D. Öhrs.
255
bildet werden: — so inuss'sich eine doppelte Lage sechsseiliger
Prismen ergeben , welche mit aus drei Rauten gebildeten drei-
seitig-pyramidalen Basen aul'einanderstehen, und diese Rauten-
sowie die Seiten-Flächen der sechsseiligen Prismen werden in
allen Winkeln aufs Genaueste übereinstimmen, wie sie an den
Wachsscheiben der Bienen nach den sorglaltigsten Messungen
vorkommen. Wir können daher mit Verlässigkeit schliessen, dass,
wenn wir die jetzigen noch nicht sehr ausgezeichneten Instinkte
der Melipona etwas zu verbessern im Stande wären, diese einen
Bau eben so wunderbar vollkommen zu liefern vermöchte, als
die Korb-Biene. Stellen wir uns also vor, die Melipona mache
ihre Zelleu ganz kreisrund und gleich - gross , was nicht zum
Verwundern seyn würde , da sie es schon in gewissem Grade
thut und viele Insekten sich vollkommen walzenförmige Zellen
in Holz aushöhlen, indem sie anscheinend sich um einen festen
Punkt drehen. Stellen wir uns ferner vor, die Melipona ordne
ihre Zellen in ebenen Lagen, wie sie es bereits mit ihren Walzen-
Zellen thut. Nehmen wir ferner an (und Diess ist die grössle
Schwierigkeit), sie vermöge irgend-wie genau zu beurlheilen, in
welchem Abslande von ihren gleichzeitig beschäfligten Mitarbei-
terinnen sie ihre kreisrunden Zellen beginnen müsse; wir sahen
sie ja bereits Entfernungen hinreichend bemessen, um alle ihre
Kreise so zu beschreiben , dass sie einander stark schneiden,
und sahen sie dann die Schneidungs - Punkte durch vollkommen
ebene Wände mit einander verbinden. Unterstellen wir endlich,
was keiner Schwierigkeit unterliegt, dass wenn die sechsseiligen
Prismen durch Schneidung in der nämlichen Schicht aneinander-
liegender Kreise gebildet sind, sie deren Sechsecke bis zu genü-
gender Ausdehnung verlängern könne, um den Honig- Vorrath
aufzunehmen, wie die Hummel den runden Mündungen ihrer alten
Coccons noch Wachs-Zylinder ansetzt. Diess sind die nicht sehr
wunderbaren Modiiikationen dieses Instinktes (wenigstens nicht
wunderbarer als jene, die den Vogel bei seinem Nestbau leiten),
durch welche, wie ich glaube, die Korb-Biene auf dem Wege
Natürlicher Züchtung zu ihrer unnachahmlichen architektonischen
Geschicklichkeil gelangt ist.
256
Doch diese Theorie lässt sich durch Versuche bewähren.
Nach Herrn Tegetmrier's Vorgange trennte ich zwei Bienen-Waben
und ftigte einen langen dicken rcchtecliigen Streifen Wachs da-
zwischen. Die Bienen begannen sogleich kleine kreisrunde Grüb-
chen darin auszuhöhlen, die sie immer mehr erweiterten je tiefer
sie wurden, bis flache Becken daraus entstunden, die genau
kreisrund und vom Durchmesser der gewöhnlichen Zellen waren.
Es war sehr ansprechend für mich zu beobachten, dass überall,
wo mehre Bienen zugleich neben einander solche Aushöhlungen
zu machen begannen, sie genau die richtigen Entfernungen ein-
hielten, dass jene Becken mit der Zeit vollkommen die erwähnte
Weite einer gewöhnlichen Zelle erlangten, so dass, als sie den
sechsten Theil des Durchmessers des Kreises, wovon sie einen
Theil bildeten, erreicht hatten, sie einander schneiden mussten.
Sobald dies der Fall war, hielten die Bienen mit der weiteren
Austiefung ein und begannen auf den Schneidungs - Linien zwi-
schen den Becken ebene Wände von Wachs senkrecht aufzuführen,
so dass jede sechsseitige Zelle auf den unebenen Rand eines
glatten Beckens statt auf die geraden Ränder einer dreiseitigen
Pyramide zu stehen kam, wie bei den gewöhnlichen Bienen-Zellen.
Ich brachte dann statt eines dicken rechteckigen Stückes
Wachs einen schmalen und nur Messerrücken - dicken Wachs-
Streifen, mit Cochenille gefärbt, in den Korb. Die Bienen be-
gannen sogleich von zwei Seiten her kleine Becken nahe bei-
einander darin auszuhöhlen, wie zuvor; aber der Wachs-Streifen
war so dünn, dass die Böden der Becken bei gleich-tiefer Aus-
höhlung wie vorhin von zwei entgegengesetzten Seiten her hätten
ineinander brechen müssen. Dazu Hessen es aber die Bienen
nicht kommen, sondern hörten bei Zeiten mit der Vertiefung auf,
so dass die Becken, so bald sie etwas vertieft waren, ebene
Böden bekamen; und diese ebenen Böden, aus dünnen Plättchen
des rothgefärbten Wachses bestehend, die nicht weiter ausgenagt
jfvurden, kamen, so weit das Auge unterscheiden konnte, genau
längs den eingebildeten Schneidungs-Ebenen zwischen den Becken
der zwei entgegengesetzten Seiten des Wachs-Streifens zu liegen.
Stellenweise waren kleine Anfänge, an anderen Stellen grössre
257
Theile rhombischer Tafeln zwischen den einander entgegenstehen-
den Becken übrig geblieben; aber das Werlt wurde in Folge
der unnatürlichen Lage der Dinge nicht zierlich ausgeführt. Die
Bienen müssen in ungefiihr gleichem Verhiiltniss auf beiden Seiten
des rothen Wachs-Streifens gearbeitet haben, als sie die kreis-
runden Verliefungen von beiden Seiten her ausnaglen, um bei
Einstellung der Arbeit die ebenen Boden-Plättchen auf der Zwi-
schenwand übrig lassen zu können.
Berücksichtigt man, wie biegsam dieses Wachs ist, so sehe
ich keine Schwierigkeit für die Bienen ein, es von beiden Seiten
her wahrzunehmen, wenn sie das Wachs bis zur angemessenen
Dünne weggenagt haben, um dann ihre Arbeit einzustellen. In
gewöhnlichen Bienenwaben schien mir, dass es den Bienen nicht
immer gelinge, genau gleichen Schrilles von beiden Seiten her
zu arbeiten. Denn ich habe halb-vollendete Rauten am Grunde
einer eben begonnenen Zelle bemerkt, die an einer Seite etwas
konkav waren, wo nach meiner Vermuthung die Bienen ein wenig
zu rasch vorgedrungen waren, und auf der anderen Seite konvex
erschienen, wo sie träger in der Arbeit gewesen. In einem
sehr ausgezeichneten Falle der Art brachte ich die Wabe in den
Korb zurück, liess die Bienen kurze Zeit daran arbeiten, und
nahm sie darauf wieder heraus, um die Zellen aufs Neue zu
untersuchen. Ich fand dann die Rauten-förmigen Platten ergänzt
und von beiden Seiten vollkommen eben. Es war aber bei der
ausserordentlichen Dünne der rhombischen Plältchen unmöglich
gewesen, Diess durch ein weiteres Benagen von der konvexen
Seite her zu bewirken, und ich vermuthe , dass die Bienen in
solchen Fällen von den enlgegengesetzen Zellen aus das bieg-
same und warme Wachs (was nach einem Versuche leicht ge-
schehen kann) in die zukömmliche mittle Ebene gedrückt und
gebogen haben, bis es flach wurde.
Aus dem Versuche mit dem rolh-gefärbten Streifen ist klar
zu ersehen, dass, wenn die Bienen eine dünne Wachs-Wand zur
Bearbeitung vor sich haben, sie ihre Zellen von angemessener
Form machen können, indem sie sich in richtigen Entfernungen
von einander hallen , gleichen Schritts mit der Ausliefung vor-
Darwin, Kntstehung der Arten. 2. Aufl. 17
258
rücken, und gleiche runde Höhlen machen, ohne jedoch deren
Zwischenwände zu durchbrechen. Nun inachen die Bienen, wie
man bei Untersuchung des Randes einer in umfänglicher Zunahme
begriffenen Honigwabe deutlich erkennt, eine rauhe Einlassung
oder Wand rund um die Wabe , und nagen darin von den ent-
gegengesetzten Seiten ihre Zellen aus, indem sie mit deren
Vertiefung auch den kreisrunden Umfang erweitern. Sie machen
nie die ganze dreiseitige Pyramide des Bodens einer Zelle auf
einmal, sondern nur die eine der drei rhombischen Platten,
welche dem äussersten in Zunahme begriffenen Rande entspricht,
oder auch die zwei Platten , wie es die Lage mit sich bringt.
Auch ergänzen sie nie die oberen Ränder der rhombischen Platten,
als bis die sechsseilige Zellenwand angefangen wird. Einige
dieser Angaben weichen von denen des mit Recht berühmten
älteren Huber ab, aber ich bin überzeugt, dass sie richtig sind;
und wenn es der Raum gestattete, so würde ich zeigen, dass
sie so mit meiner Theorie in Einklang stehen.
Huber's Behauptung, dass die allererste Zelle in einer nicht
vollkommen parallel-seitigen Wachs-Wand ausgehöhlt worden, ist,
so viel ich gesehen, nicht ganz richtig : der erste Anfang war
immer eine kleine Haube von Wachs; doch will ich in diese
Einzelnheiten hier nicht eingehen. Wir sehen , was für einen
wichtigen Anlheil die Aushöhlung an der Zellen -Bildung hat;
doch wäre es ein grosser Fehler anzunehmen, die Bienen könnten
auf eine rauhe Wachs -Wand nicht in geeigneter Lage, d. h.
längs der Durchschnitts-Ebene zwischen zwei aneinandergrenzen-
den Kreisen bauen. Ich habe verschiedene Musterstücke, welche
beweisen, dass sie Diess können. Selbst in dem rohen umfäng-
lichen Wachs-Rande rund um eine in Zunahme begrifFenc Wabe
beobachtet man zuweilen Krümmungen, welche ihrer Lage nach
den Ebenen der rautenförmigen Grund- Platten künftiger Zellen
entsprechen. Aber in allen Fällen muss die rauhe Wachs-Wand
durch Wegnagung ansehnlicher Theile derselben von beiden
Seiten her ausgearbeitet werden. Die Art, wie die Bienen bauen,
ist sonderbar. Sie machen immer die erste rohe Wand zehn
bis zwanzig mal dicker, als die äusserst feine Scheidewand, die
259
zuletzt zwischen den Zellen übrig bleiben soll. Wir werden
besser verstehen, wie sie zu Werke gehen, wenn wir uns den-
ken, Maurer häuften zuerst einen breiten Zäment-Wall auf,
begännen dann am Boden denselben von zwei Seiten her glei-
chen Schrittes, bis noch eine dünne Wand in der Mitte, wegzu-
hauen und häuften das Weggehauene mit neuem Zanient immer
wieder auf dem Rücken des Walles an. Wir haben dann eine
dünne stetig in die Höhe wachsende Wand, die aber stets noch
überragt ist von einem dicken rohen Wall. Da alle Zellen, die
erst angefangenen sowohl als die schon fertigen, auf diese Weise
von einer starken Wachs-Masse gekrönt sind, so können sich die
Bienen auf der Wabe zusammenhäufen und herumtummeln, ohne
die zarten sechseckigen Zellen-Wände zu beschädigen, welche
nach Professor Millers Mittheilung im Mittel am Rande der Wabe
1/353", an den Platten der Grund-Pyramide aber 1/229" dick sind.
Durch diese eigenthümliche Weise zu bauen erhält die Wabe
fortwährend die erforderliche Stärke mit der grösst-möglichen
Ersparung von Wachs.
Anfangs scheint die Schwierigkeit, die Anfertigungs-Weise
der Zellen zu begreifen, noch dadurch vermehrt zu werden, dass
eine Menge von Bienen gemeinsam arbeiten, indem jede, wenn
sie eine Zeit lang an einer Zelle gearbeitet hat, an eine andre
geht, so dass, wie Hubeb bemerkt, ein oder zwei Dutzend Indi-
viduen sogar am Anfang der ersten Zelle sich betheiiigen. Es
ist mir möglich gewesen, diese Thatsache zu bestätigen, indem
ich die Ränder der sechsseitigen Wand einer einzelnen Zelle
oder den äussersten Rand der Umfassungs-Wand einer im Wachs-
thum begriffenen Wabe mit einer äusserst dünnen Schicht flüssi-
gen roth - gefärbten Wachses überzog und dann jedesmal fand,
dass die Bienen diese Farbe auf die zarteste Weise, wie es
kein Maler zarter mit seinem Pinsel vermocht hätte, vertheilten,
indem sie Atome des gefärbten Wachses von ihrer Stelle ent-
nahmen und ringsum in die zunehmenden Zellen-Ränder verar-
beiteten. Diese Art zu bauen kömmt mir vor, wie ein Well-
eifer zwischen vielen Bienen einander das Gleichgewicht zu hal-
len, indem alle Instinkt - gemäss in gleichen Entfernungen von
17 •
260
einander stehen, und alle gleiche Kreise um sich zu beschreiben
suchen, dann aber die Durchschnills-Ebenen zwischen diesen Krei-
sen entweder aufzubauen oder unbenagt zu lassen. Es war in
der That eigenthüinlich anzusehen, wie manchmal in schwierigen
Fällen, wenn z. B. zwei Stücke einer Wabe unter irgend einem
Winkel aneinanderstiessen , die Bienen dieselbe Zelle wieder
niederrissen und in andrer Art herstellten, mitunter auch zu einer
Form zurückkehrten, die sie schon einmal verworfen hatten.
Wenn Bienen einen Platz haben , wo sie in zur Arbeit an-
gemessener Haltung stehen können, — z. B. auf einem Holz-
Stückchen gerade unter der Mille einer abwärts wachsenden
Wabe, so dass die Wabe über eine Seite des Holzes gebaut
werden muss, — so können sie den Grund zu einer Wand eines
neuen Sechsecks legen , so dass es genau am gehörigen Platze
unter den andern fertigen Zellen vorragt. Es genügt, dass die
Bienen im Stande sind, in zukömmlicher Entfernung von einander
und von den Wänden der zuletzt vollendeten Zellen zu stehen,
und dann können sie, nach Maassgabe der eingebildeten Kreise,
eine Zwischenwand zwischen zwei benachbarten Zellen aufführen;
aber, so viel ich gesehen, arbeiten sie niemals die Ecken einer
Zelle scharf aus, als bis ein grosser Theil sowohl dieser als der
anstossenden Zellen fertig ist. Dieses Vermögen der Bienen
unter gewissen Verhältnissen an angemessener Stelle zwischen
zwei soeben angefangenen Zellen eine rauhe Wand zu bilden ist
wichtig, weil es eine Thatsache erklart, welche anfänglich die
vorangehende Theorie mit gänzlichem Umstürze bedrohele, näm-
lich dass die Zellen auf der äussersten Kante einer Bienen-Wabe
zuweilen genau sechseckig sind ; inzwischen habe ich hier nicht
Raum auf diesen Gegenstand einzugehen. Dann scheint es mir
auch keine grosse Schwierigkeit mehr darzubieten, dass ein ein-
zelnes Insekt (wie es bei der Bienenkönigin z. B. der Fall ist)
sechskanlige Zellen baut, wenn es nämlich abwechselnd an der
Aussen- und der Innen-Seite von zwei oder drei gleichzeitig an-
gefangenen Zellen arbeitet und dabei immer in der angemesse-
nen Entfernung von den Theilen der eben begonnenen Zellen
steht, Kreise um sich beschreibt und in den Schneidungs-Ebenen
261
Zwischenwände auffiilirt. Auch ist es zu begreifen, dass ein
Insekt, indem es seinen Platz am Anfangs-PunUte (liner Zelle
einnimmt, und sich von da auswärts zuerst nach einem und
dann nach fünf andern Punkten in angemessenen Entfernungen
von einander und vom Mittelpunkte wendet, der Richtung der
Schneidungs-Ebenen folgt und so ein einzelnes Sechseck zuwege-
bringt; doch ist mir nicht bekannt, dass ein Fall dieser Art
beobachtet worden wäre, wie denn auch aus der Erbauung einer
einzeln-stehenden sechseckigen Zelle dem Insekt kein Vortheil
entspränge, indem dieselbe mehr Bau-Material als ein Zylinder
erheischen würde.
Da Natürliche Züchtung nur durch Häufung geringer Abwei-
chungen des Baues oder Instinktes wirkt, welche alle dem Indi-
viduum in seinen Lebens- Verhältnissen nützlich sind, so mag
man vernünftiger W^eise fragen, welchen Nutzen eine lange und
stufenweise Reihenfolge von Abänderungen des Bau-Triebes in
der zu seiner jetzigen Vollkommenheit führenden Richtung der
Stamm-Form unsrer Honig-Bienen habe bringen können? Ich
glaube, die Antwort ist nicht schwer. Es ist bekannt, dass Bie-
nen oft in grosser Noth sind, genügenden Nektar aufzutreiben;
und ich habe von Herrn Tegetmeier erfahren, dass er durch Ver-
suche ermittelt habe, dass nicht weniger als 12—15 Pfund
trocknen Zuckers zur Sekretion von jedem Pfund Vi^achs Jn
einem Bienen-Korbe verbraucht werden, daher eine überschwäng-
liche Menge flüssigen Honigs eingesammelt und von den Bienen
eines Stockes verzehrt werden muss, um das zur Erbauung ihrer
Waben nölhige Wachs zu erhalten. Überdiess muss eine grosse
Anzahl Bienen während des Sekretions-Prozesses viele Tage lang
unbeschäftigt bleiben. Ein grosser Honig -Vorrath ist ferner
nöthig für den Unterhalt eines starken Stockes über Winter, und
es ist bekannt, dass die Sicherheit desselben hauptsächlich gerade
von seiner Stärke abhängt. Daher Ersparniss von Wachs eine
grosse Ersparniss von Honig veranlasst und eine wesentliche Be-
dingniss des Gedeihens einer Bienen-Familie ist. Für gewöhn-
lich mag der Erfolg einer Bienen-Art von der Zahl ihrer Para-
siten und andrer Feinde oder von ganz andern Ursachen bedingt
262
unrl in soCerne von der Menge des Honigs unabhängig seyn,
welche die Bienen einsammeln können. Nehmen wir aber an,
diess Letzte seye doch wirklich der Fall, wie in der That oft die
Menge der Hummel-Bienen in einer Gegend davon bedingt ist,
und nehmen wir ferner an (was in Wirklichkeit nicht so ist),
ihre Gemeinde durchlebe den Winter und verlange mithin einen
Honig- Vorrath, so wäre es in diesem Falle für unsre Hummel-
Bienen gewiss ein Vortheil, wenn eine geringe Veränderung
ihres Instinktes sie veranlasste, ihre Wachs-Zellen etwas näher
an einander zu machen, so dass sich deren kreisrunden Wände
etwas schnitten ; denn eine jede zweien aneinander-stossenden
Zellen gemeinsam dienende Zwischenwand müsste etwas Wachs
ersparen. Es würde daher ein zunehmender Vortheil für unsre
Hummeln seyn, wenn sie ihre Zellen immer regelmässiger mach-
ten, immer näher zusammenrückten und immer mehr zu einer
Masse vereinigten, wie Melipona, weil alsdann ein grosser Theil
.der eine jede Zelle begrenzenden Wand auch andern Zellen zur
Begrenzung dienen und viel Wachs erspart werden würde. Aus
gleichem Grunde würde es für die Melipona vortheilhaft seyn, wenn
sie ihre walzenförmigen Zellen noch näher zusammenrückte und
noch regelmässiger als jetzt machte, weil dann, wie wir gesehen
haben, die kreisförmigen Wände gänzlich verschwinden und
durch ebene Zwischen-Wände ersetzt werden müssten, wo dann
die Melipona eine so vollkommene Wabe als die Honig-Biene
liefern würde. Aber über diese Stufe hinaus kann Natürliche
Züchtung den Bau-Trieb nicht mehr vervollkommnen, weil die
Wabe der Honig-Biene, so viel wir einsehen können, hinsichtlich
der Wachs-Ersparniss unbedingt vollkommen ist.
So kann nach meiner Meinung der wunderbarste aller be-
kannten Instinkte, der der Honig-Biene, durch die Annahme er-
klärt werden. Natürliche Züchtung habe allmählich eine Menge
kleiner Abänderungen einfachrer Naturtriebe benützt; sie habe
auf langsamen Stufen die Bienen geleitet, in einer doppelten
Schicht gleiche Kreise in gegebenen Entfernungen von einander
zu ziehen und das Wachs längs ihrer Durchschnilts-Ebenen auf-
zuschichten und auszuhöhlen, wenn auch die Bienen selbst von
263
den bestimmten Abständen ihrer Kreise von einander eben so
wenig als von den Winkeln ihrer Seehsecke und den Rauten-
flächen am Boden ein Bewusstseyn haben. Die treibende Ursache
des Prozesses der Natürlichen Züchtung v*^ar Ersparniss an Wachs,
genügende Stärke der Zellen, und deren geeignete Form und
Grösse für die Larven. Der einzelne Schwärm, welcher die besten
Zellen machte und am wenigsten Honig zur Sekretion von Wachs
bedurfte, gedieh am besten und vererbte seinen neu-erworbenen
Ersparniss-Trieb auf spätre Schwärme, welche dann ihrerseits
wieder die meiste Wahrscheinlichkeit des Erfolges in dem Kampfe
um's Daseyn hatten.
Man hat auf die vorangehende Anschauungs-Weise über die
Entstehung des Instinktes erwidert, dass Abänderung von Körper-
bau und Instinkt gleichzeitig und in genauem Verhältnisse zu ein-
ander erfolgt seyn müssen, weil eine Abänderung des einen ohne
entsprechenden Wechsel des andern den Thieren hätte verderb-
lich werden müssen. Die Stärke dieses Einwandes scheint jedoch
gänzlich auf der Annahme zu beruhen, dass die beiderlei Verän-
derungen in Struktur und Instinkt plötzlich erfolgten: Kommen
wir zur Erläuterung des Falles auf die Kohlmeise (Parus major)
zurück, von welcher im letzten Kapitel die Rede gewesen. Dieser
Vogel hält oft auf einem Zweige sitzend Eiben-Saamen zwischen
seinen Füssen und hämmert darauf los bis er zum Kerne gelangt.
Welche besondere Schwierigkeit könnte nun für die Natürliche
Züchtung in der Erhallung aller geringeren Abänderungen des
Schnabels liegen, welche ihn zum Aufhacken der Saamen immer
besser geeignet machten, bis er endlich für diesen Zweck so
wohl gebildet wäre, wie der des Nusspickers (Sitta), während
zugleich die erbliche Gewohnheit, oder Mangel an andrem Futter,
oder zufällige Veränderungen des Geschmacks aus dem Vogel
mehr und mehr einen ausschliesslichen Körnerfresser werden
Hessen? Es ist hier angenommen, dass durch Natürliche Züchtung
der Schnabel nach, aber in Zusammenhang mit, dem langsamen
Wechsel der Gewohnheit verändert worden seye. Lasse man
aber nun auch noch die Füsse der Kohlmeise sich verändern und
in Correlalion mit dem Schnabel oder aus irgend einer andern
264
Ursache sich vergrössern, so bleibt es doch sehr unwahrschein-
lich, dass diese grösseren Füsse den Vogel auch mehr und mehr
zum Klettern verleiten, bis er auch die merkwürdige Neigung
und Fähigkeit des Kletterns wie der Nusspicker erlangt. In die-
sem Falle würde denn ein stufenweiser Wechsel des Körper-
Baues zu einer Veränderung von Instinkt und Lebens -Weise
führen. — Nehmen wir einen andern Fall an. Wenige Instinkte
sind merkwürdiger als derjenige, welcher die Schwalbe der
Ostbrilischen Inseln veranlasst ihr Nest ganz aus verdicktem
Speichel zu machen. Einige Vögel bauen ihr Nest aus durchspei-
cheltem Schlamm, und eine Nordamerikanische Schwalben-Art sah
ich ihr Nest aus Reisern mit Speichel und selbst mit Flocken
von dieser Substanz zusammenkitten. Ist es dann nun so un-
wahrscheinlich, dass Natürliche Züchtung mittelst einzelner Schwal-
ben-Individuen, welche mehr und mehr Speichel absondern, end-
lich zu einer Art geführt habe, welche mit Vernachlässigung aller
andern Bau-StoPFe ihr Nost allein aus verdichtetem Speichel bil-
dete? Und so in andern Fällen. Man muss zugeben, dass wir in
vielen Fällen gar keine Vermuthung darüber haben können, ob
Instinkt oder Körper-Bau zuerst sich zu ändern begonnen habe;
— noch vermögen wir zu erralhen, durch welche Abstufungen
hindurch viele Instinkte sich haben entwickeln müssen, wenn sie
sich auf Organe beziehen, über deren ersten Anfänge (wie z. B.
der Brustzitze) wir gar nichts wissen.
Ohne Zweifel liessen sich noch viele schwer erklärbare In-
stinkte meiner Theorie Natürlicher Züchtung entgegenhalten : Fälle,
wo sich die Veranlassung zur Entstehung eines Instinktes nicht
einsehen lässl; Fälle, wo keine Zwischenstufen bekannt sind;
Fälle von anscheinend so unwichtigen Instinkten, dass kaum ab-
zusehen, wie sich die Natürliche Züchtung an ihnen belheiligt
haben könne; Fälle von fast gleichen Instinkten bei Thieren,
welche auf der Stufenleiter der Natur so weit auseinander stehen,
dass sich deren Übereinstimmung nicht durch Ererbung von einer
gemeinsamen Stamm-Form erklären lässt, sondern von einander
unabhängigen Züchtungs-Thätigkeiten zugeschrieben werden muss.
Ich will hier nicht auf diese mancherlei Fälle eingehen, sondern
265
nur bei einer besondern Schwierigkeit stehen bleiben , welche
mir anfangs unübersteiglich und meiner ganzen Theorie verderb-
lich zu seyn schien. Ich will von den geschlcchtlosen Individuen
oder unfruchtbaren Weibchen der Insekten-Kolonien sprechen;
denn diese Geschlechtlosen weichen sowohl von den Männchen
als den fruchtbaren Weibchen in Bau und Instinkt oft sehr weit
ab und können doch, weil sie steril sind, ihre eigenthümliche
Beschaffenheit nicht selbst durch Forlpflanzung weiter übertragen.
Dieser Gegenstand würde sich zu einer weitläufigen Er-
örterung eignen ; doch will ich hier nur einen einzelnen Fall
herausheben, die Arbeits-Ameisen. Anzugeben wie diese Arbei-
ter steril geworden sind, ist eine grosse Schwierigkeit, doch nicht
grösser als bei andren auffälligen Abänderungen in der Organisa-
tion auch. Denn es lässt sich nachweisen, dass einige Sechsfüsser
u. a. Kerbthiere im Natur-Zustande zuweilen unfruchtbar werden;
und falls Diess nun bei gesellig lebenden Arten vorgekommen
und es der Gemeinde vorlheilhaft gewesen ist, dass jährlich eine
Anzahl zur Arbeit geschickter aber zur Fortpflanzung untauglicher
Individuen unter ihnen geboren werde, so dürfte keine grosse
Schwierigkeit für die Natürliche Züchtung mehr stattgefunden
haben, jenen Zufall zur weitern Entwicklung dieser Anlage zu
benützen. Doch muss ich über dieses vorläufige Bedenken hin-
weggehen. Die Grösse der Schwierigkeit liegt darin, dass diese
Arbeiter sowohl von den männlichen wie von den weiblichen
Ameisen auch in ihrem übrigen Bau, in der Form des Brust-
stückes, in dem Mangel der Flügel und zuweilen der Augen, so
wie in ihren Instinkten weit abweichen. Was den Instinkt allein
betrifft, so hätte sich die wunderbare Verschiedenheit, welche in
dieser Hinsicht zwischen den Arbeiterinnen und den fruchtbaren
Weibchen ergibt, noch weit besser bei den Honig-Bienen* nach-
weisen lassen. Wäre eine Arbeits - Ameise oder ein andres
Geschlecht-loses Insekt ein Thier in seinem gewöhnlichen Zu-
* V. Siebold hat bekanntlich im vorigen Jahre nachgewiesen, dass bei
der Honigbiene (u. a. Insekten) das Geschlecht der Eier von der Befruch-
tung abhängig ist, welche im Willen der Bienenkönigin steht und nur in
gewissen Zellen erfolgt, in andern unterbleibt. D. Übs.
266
Stande, so würde ich unbedenklich angenommen haben, dass alle
seine Charaktere durch Natürliche Züchtung entwickelt worden
Seyen, und dass namentlich, wenn ein Individuum mit irgend
einer kleinen Nutz - bringenden Abweichung des Baues geboren
worden wäre, sich diese Abweichung auf dessen Nachkommen ver-
erbt habe, welche dann ebenfalls variirten und bei weiterer Züch-
tung voranstunden. In der Arbeits - Ameise aber haben wir ein
von seinen Altern weit abweichendes Insekt , unbedingt un-
fruchtbar, welches daher zufällige Abänderungen des Baues nie
ererbt haben noch aut eine Nachkommenschaft weiter vererben
kann. Man muss daher fragen, wie es möglich seye, diesen Fall
mit der Theorie Natürlicher Züchtung in Einklang zu bringen?
Erstens können wir mit unzähligen Beispielen sowohl unter
unsern kultivirten als unter den natürlichen Erzeugnissen bele-
gen, dass Struktur- Verschiedenheiten aller Arten mit gewissen
Altern oder mit nur einem der zwei Geschlechter in eine feste
Wechselbeziehung getreten sind. Wir haben Abänderungen, die
in solcher Wechselbeziehung nicht allein mit nur dem einen
Geschlechte, sondern sogar mit bloss der kurzen Jahreszeit
stehen, wo das Reproductiv-System thätig ist, wie das hochzeit-
liche Kleid vieler Vögel und der Haken-förmige Unterkiefer des
Salmen. Wir haben auch geringe Unterschiede in den Hörnern
einiger Rinds-Rassen , welche mit einem künstlich unvollkomme-
nen Zustande des männlichen Geschlechtes stehen; denn die
Och sen haben in manchen Rassen längre Hörner als in andern,
in Vergleich zu denen ihrer Bullen oder Kühe. Ich finde da-
her keine wesentliche Schwierigkeit darin, dass ein Charakter
mit dem unfruchtbaren Zustande gewisser Mitglieder von Insekten-
Gemeinden in Correlation steht; die Schwierigkeit liegt nur darin
zu begreifen, wie solche in Wechselbeziehung stehende Abän-
derungen des Baues durch Natürliche Züchtung langsam gehäuft
werden konnten.
Diese anscheinend unüberwindliche Schwierigkeit wird aber
bedeutend geringer oder verschwindet, wie ich glaube, gänzlich,
wenn wir bedenken, dass Züchtung ebensowohl bei der Familie
als bei den Individuen anwendbar ist und daher zum erwünschten
267
Ziele führen kann. So wird eine wolil- schmeckende Gemüse-
Sorte gekocht, und diess Individuum ist zerstört; aber der Gärtner
säet Saamen vom nämlichen Stock und erwartet mit Zuversicht
wieder nahezu dieselbe Varietät zu ärndten. Rindvieh- Züchter
wünschen das Fleisch vom Fett gut durchwachsen. Das Thier ist
geschlachtet worden, aber der Züchter wendet sich mit Vertrauen
wieder zur nämlichen Familie. Ich habe solchen Glauben an die
Macht der Züchtung, dass ich nicht bezweifle, dass eine Rinder-
Rasse, welche stets Ochsen mit ausserordentlich langen Hörnern
liefert, langsam gezüchtet werden könne durch sorgfältige Anwen-
dung von solchen Bullen und Kühen, die, miteinander gepaart,
Ochsen mit den längsten Hörnern geben, obwohl nie ein Ochse
selbst diese Eigenschaft auf Nachkommen zu übertragen im Stande
ist. So mag es wohl auch mit geselligen Insekten gewesen seyn,
eine kleine Abänderung im Bau oder Instinkt , welche mit der
unfruchtbaren Beschafl"enheit gewisser Mitglieder der Gemeinde
in Zusammenhang steht, hat sich für die Gemeinde nutzlich er-
wiesen, in Folge dessen die fruchtbaren Männchen und Weibchen
derselben besser gediehen und auf ihre fruchtbaren Nachkommen
eine Neigung übertrugen, unfruchtbare Glieder mit gleicher Abän-
derung hervorzubringen. Und ich glaube, dass dieser Vorgang
oft genug wiederholt worden ist, bis diese Verschiedenheit zwi-
schen den fruchtbaren und unfruchtbaren Weibchen einer Spezies
zu der wunderbaren Höhe gedieh, wie wir sie jetzt bei vielen
gesellig lebenden Insekten wahrnehmen.
Aber es gibt noch eine grössere Schwierigkeit, die wir bis
jetzt nicht berührt haben, indem die Geschlechllosen bei mehren
Ameisen-Arten nicht allein von den fruchtbaren Männchen und
Weibchen, sondern auch noch untereinander selbst in oft un-
glaublichem Grade abweichen und danach in 2—3 Kasten getheilt
werden. Diese Kasten gehen in der Regel nicht in einander
über, sondern sind vollkommen getrennt, so verschieden von ein-
ander, wie es sonst zwei Arten einer Sippe oder zwei Sippen
einer Familie zu seyn pflegen. So kommen bei Eciton arbeilende
und kämpfende Individuen mit ausserordentlich verschiedenen Kinn-
laden und Instinkten vor; bei Cryptocerus tragen die Arbeiter der
268
einen Kaste allein eine wunderbare Art von Schild an ihrem
Kopfe, dessen Zweck ganz unbekannt ist. Bei den Mexikanischen
Myrmecocyslus verlassen die Arbeiter der einen Kaste niemals
das Nest; sie werden durch die Arbeiter einer andern Kaste
gefüttert und haben ein ungeheuer entwickeltes Abdomen, das
eine Art Honig absondert, der die Stelle desjenigen vertritt,
welchen unsre Ameisen durch das Melken der Blattläuse erlangen;
die Mexikanischen gewinnen ihn von Individuen ihrer eignen Art,
die^ sie als »Kühe« im Hause eingestellt halten.
Man mag in der That denken, dass ich ein übermässiges
Vertrauen in das Prinzip der Natürlichen Züchtung setze, wenn
ich nicht zugebe, dass so wunderbare und wohl - begründete
Thatsachen meine Theorie auf einmal gänzlich vernichten. In
de m einfacheren Falle, wo Geschlecht-lose Ameisen nur von
einer Kaste vorkommen, die nach meiner Meinung durch Natür-
liche Züchtung ganz leicht von den fruchtbaren Männchen und
Weibchen abgetrennt worden seyn können, in diesem Falle dürfen
wir aus der Analogie mit gewöhnlichen Abänderungen zuversicht-
lich schliessen, dass jede geringe nützliche spätre Abweichung
nicht alsbald an allen Geschlecht -losen Individuen eines Nestes
zugleich, sondern nur an einigen wenigen zum Vorschein kam,
und dass erst in Folge lang- fortgesetzter Züchtung fruchtbarer
Altern, welche die meisten Geschlechtlosen mit der nutzbaren
Abänderung erzeugen konnten, die Geschlechtlosen endlich alle
diesen gewünschten Charakter erlangten. Nach dieser Ansicht
müsste man auch im nämlichen Neste zuweilen noch Geschlecht-
lose Individuen derselben Insekten-Art finden, welche Zwischen-
stufen der Körper-Bildung darstellen; und diese findet man in
der That und zwar, wenn man berücksichtigt, wie selten in
Europa diese Geschlechtlosen näher uniersucht werden, oft genug.
Herr F. Smith hat gezeigt, wie erstaunlich dieselben bei den
verschiedenen Englischen Ameisen-Arten in der Grösse und mit-
unter in der Form varriiren, und dass selbst die äusserston For-
men zuweilen vollständig durch aus demselben Neste entnommene
Individuen unter einander verkettet werden können. Ich selbst
269
habe vollkommene Stufenreilien dieser Art miteinander vergleichen
können. Oft geschieht es, dass die grösseren oder die kleineren
Arbeiter die zahlreicheren sind, oft auch sind beide gleich zahl-
reich mit einer mittlen Abstufung. Formica flava hat grössre und
kleinere Arbeiter mit einigen von mittler Grösse ; und bei dieser
Art haben nach Herrn Smtoi's Beobachtung die grösseren Arbeiter
einfache Augen (Ocelli). welche, wenn auch klein, doch deutlich
zu beobachten sind, während die Ocellen der kleineren nur
rudimentär erscheinen. Nachdem ich verschiedene Individuen
dieser Arbeiter sorgfältig zerlegt habe, kann ich versichern, dass
die Ocellen der letzten weit rudimentärer sind, als nach ihrer
Grösse allein zu erwarten gewesen wäre, und ich glaube fest,
wenn ich es auch nicht für gewiss zu behaupten wage , dass
die Arbeiter von mittler Grösse auch Ocellen von mittlem Voll-
kommenheits Grade besitzen. Es gibt daher zwei Gruppen steriler
Arbeiter in einem Neste, welche nicht allein in der Grösse, son-
dern auch in den Gesichts-Organen von einander abweichen und
durch einige wenige Glieder von mittler Beschaffenheit miteinan-
der verbunden werden. Ich könnte nun noch weiter gehen und
sagen, dass wenn die kleineren die nützlicheren für den Haus-
halt der Gemeinde gewesen wären und demzufolge immer diejeni-
gen Männchen und Weibchen, welche die kleineren Arbeiter
liefern, bei der Züchtung das Übergewicht gewonnen hätten,
bis alle Arbeiter einerlei Beschafl'enheit erlangten, wir eine
Ameisen-Art haben müssten, deren Geschlecht-losen fast wie bei
Myrmica beschaffen wären. Denn die Arbeiter von Myrmica
haben nicht einmal Augen-Rudimente, obwohl deren Männchen
und Weibchen wohl entwickelte Ocellen besitzen.
Ich will noch ein andres Beispiel anführen. Ich erwartete
so zuversichtlich, Abstufungen in wesentlichen Theilen des Körper-
Baues zwischen den verschiedenen Kasten der Ge chlecht- losen
in einer nämlichen Art zu finden, dass ich mir gerne Hrn. F.
Smith's Anerbieten zahlreicher Exemplare der Treiber- Ameise
(Anqmma) aus West-Afrika zu Nutz' machte. Der Leser wird
vielleicht die Grösse des Unterschiedes zwischen deren Arbeitern
am besten bemessen, wenn ich iiim nicht die wirklichen Aus-
270
messungen, sondern eine streng genaue Vergleichung mittheile.
Die Verschiedenheit ist eben so gross , als ob wir eine Reihe
von Arbeitsleuten ein Haus bauen sähen, von welchen viele nur
fünf Fuss vier Zoll hoch und viele andre bis sechszehn Fuss
gross wären (1:3); dann tniissten wir aber noch unterstellen,
dass die grösseren vier- statt drei-mal so grosse Köpfe als die
kleineren und fast fünfmal so grosse Kinnladen hätten. Überdiess
ändern die Kinnladen dieser Arbeiter wunderbar in Form, in
Grösse und in der Zahl der Zähne ab. Aber die für uns wich-
tigste Thatsachc ist, dass, obwohl man diese Arbeiter in Kasten
von verschiedener Grösse unterscheiden kann, sie doch unmerk-
lich in einander übergehen, wie es auch mit der so weit ausein-
ander weichenden Bildung ihrer Kinnladen der Fall ist. Ich kann
mit Zuversicht über diesen letzten Punkt sprechen, da Hr. Lubbock
Zeichnungen dieser Kinnlade mit der Camera lucida für mich
angefertigt hat, welche ich von den Arbeitern verschiedener
Grösse abgelöst hatte.
Mit diesen Thatsachen vor mir glaube ich, dass Natürliche
Züchtung auf die fruchtbaren Altern wirkend Arten zu bilden im
Stande ist, welche regelmässig auch ungeschlechtliche Individuen
hervorbringen , die entweder alle eine ansehnliche Grösse und
gleich beschaffene Kinnladen haben, oder welche alle klein und
mit Kinnladen von sehr veränderlicher Bildung versehen sind,
oder welche endlich (und Diess ist die Hauptschwierigkeit) zwei
Gruppen von verschiedener Beschaffenheit darstellen, wovon die
eine von gleicher Grösse und Bildung und die andre in beiderlei
Hinsicht veränderlich ist, beide aus einer anfänglichen Stufen-
reihe wie bei Anomma hervorgegangen , wovon aber die zwei
äussersten Formen, soferne sie für die Gemeinde die nützlichsten
sind, durch Natürliche Züchtung der sie erzeugenden Altern immer
zahlreicher überwiegend werden, bis die Zwischenstufen gänz-
lich verschwinden.
So ist nach Meiner Meinung die wunderbare Erscheinung
von zwei streng begrenzten Kasten unfruchtbarer Arbeiter in
einerlei Nest zu erklären , welche beide weit voneinander und
von ihren Altern verschieden sind. Es lässt sich annehmen,
271
dass ihre Hervorbringung für eine soziale Insekten-Gemeinde nach
gleichem Prinzipe, wie die Theilung der Arbeit für die zivilisirten
Menschen, nützlich geworden seye. Die Ameisen arbeiten je-
doch mit ererbten Instinkten und mit ererbten Organen und Werk-
zeugen und nicht mit erworbenen Kenntnissen und fabrizirtem
Gerathe wie der Mensch. Aber ich bin zu bekennen genöthigt,
dass ich bei allem Vertrauen in die Natürliche Züchtung doch,
ohne die vorliegenden Tliatsachen zu kennen, nie geahnt haben
würde, dass dieses Prinzip sich in so hohem Grade wirksam
erweisen könne. Ich habe desshalb auch diesen Gegenstand mit
etwas grössrer, obwohl noch ganz ungenügender Ausführlichkeit
abgehandelt, um daran die Macht Natürlicher Züchtung zu zeigen
und weil er in der That die ernsteste spezielle Schwierigkeit für
meine Theorie darbietet. Auch ist der Fall darum sehr interes-
sant, weil er zeigt, dass sowohl bei Thieren als bei Pflanzen
jeder Betrag von Abänderung in der Structur durch Häufung
vieler kleinen und anscheinend zufälligen Abweichungen von
irgend welcher Nützlichkeit, ohne alle Unterstützung durch Übung
und Gewohnheit, bewirkt werden kann. Denn keinerlei Grad
von Übung, Gewohnheit und Willen in den gänzlich unfruchtbaren
Gliedern einer Gemeinde vermöchte die Bildung oder Instinkte
der fruchtbaren Glieder, welche allein die Nachkommenschaft
liefern, zu beeinflussen. Ich bin erstaunt, dass noch Niemand
den lehrreichen Fall der Geschlecht-losen Insekten der wohl-
bekannten Lehre Lamarck's von den ererbten Gewohnheiten ent-
gegengesetzt hat.
Zusammenfassung.) Ich habe in diesem Kapitel versucht
kürzlich zu zeigen, dass die Geistes Fähigkeiten unsrer Hausthiere
abändern, und dass diese Abänderungen vererblich sind. Und in
noch kürzrer Weise habe ich darzulhun gestrebt, dass Instinkte
im Natur-Zuslande etwas abändern. Niemand wird bestreiten,
dass Instinkte von der höchsten Wichtigkeit für jedes Thier sind.
Ich sehe daher keine Schwierigkeit , warum unter veränderten
Lebens-Bedingungen Natürliche Züchtung nicht auch im Stande
gewesen seyn sollte, kleine Abänderungen des Instinktes in einer
nützlichen Richtung bis zu jedem Betrag zu häufen. In einigen
272
Fällen haben Gewohnheit, Gebrauch und Nichtgebrauch wahrschein-
lich mitgewirkt. Ich glaube nicht durch die in diesem Abschnitte
mitgetheilten Thatsachen meine Theorie in irgend einer Weise
zu stützen; doch ist nach meiner besten Überzeugung auch
keine dieser Schwierigkeiten im Stande sie umzustossen. Auf
der andern Seite aber eignen sich die Thatsachen, dass Instinkte
nicht immer vollkommen und noch Missdeutuncren unterworfen
sind, — dass kein Instinkt zum ausschliesslichen Vortheil eines
andern Thieres vorhanden ist, wenn auch jedes Thier von In-
stinkten andrer Nutzen zieht, — dass der naturhistorische
Glaubenssatz »Natura non facü saltum'^ ebensowohl auf Instinkte
als auf körperliche Bildung anwendbar und aus den vorgetragenen
Ansichten eben so erklärlich als auf andre Weise unerklärbar
ist: alle diese Thatsachen eignen sich die Theorie der Natürlichen
Züchtung zu befestigen.
Diese Theorie wird noch durch einige andre Erscheinungen
hinsichtlich der Instinkte bestärkt. So durch die gemeine Beob-
achtung, dass einander nahe verwandte aber sicherlich verschie-
dene Spezies, wenn sie von einander entfernte Welttheile bewoh-
nen und unter beträchtlich verschiedenen Existenz- Bedingungen
leben, doch oft fast dieselben Instinkte beibehalten. So z. B.
lässt sich aus dem Erblichkeits-Prinzip erklären, wie es kommt,
dass die Süd-Amerikanische Drossel ihr Nest mit Schlamm aus-
kleidet ganz in derselben Weise, wie es unsre Europäische
Drossel thut; — wie es kommt, dass die Männchen des Ost-
indischen und des Afrikanischen Nashorn- Vogels, welche zu zwei
verschiedenen üntersippen von Buceros gehören, beide dieselben
\ eigenthümlichen Instinkte besitzen, ihre in Baumhöhlen brütenden
\ Weibchen so einzumauern , dass nur noch ein kleines Loch in
i der Kerker- Wand offen bleibt, durch welches sie das Weibchen
und später auch die Jungen mit Nahrung versehen; — wie es
kommt, dass das Männchen des Amerikanischen Zaunkönigs
(Troglodytes) ein besondres Nest für sich baut, ganz wie das
Männchen unsrer einheimischen Art: Alles Sitten, die bei andern
Vögeln gar nicht vorkommen. Endlich mag es wohl keine logisch
richtige Folgerung seyn, es entspricht aber meiner Vorstellungs-
*
273
Art weit besser, solche Instinkte wie die des jungen Kuckucks,
der seine Nährbrüder aus dem Neste stösst, — wie die der Amei-
sen, welche Sklaven machen, — oder die der Ichneumoniden,
welche ihre Eier in lebende Raupen legen: nicht als eigenthüm-
lich anerschalTne Instinkte, sondern nur als geringe Ausflüsse
eines allgemeinen Gesetzes /.u betrachten, welches allen organi-
schen Wesen zum Vortheil gereicht, nämlich: Vermehrung und Ab-
änderung macht die stärksten siegen und die schwächsten erliegen.
Bastard-BiI(tull^^
Unterschied zwischen der Unfruchtbarkeit bei der ersten Kreulzung und der
Unfruchtbarkeit der Bastarde. — Unfruchtbarkeit der Stufe nach veränderlich;
nicht allgemein; durch Inzucht vermehrt und durch Zähmung vermindert. —
Gesetze für die Unfruchtbarkeil der Bastarde. — Unfruchtbarkeit keine be-
sondre Eigenthümlichkeit, sondern mit andern Verschiedenheiten zusammen-
fallend. — Ursachen der Unfruchtbarkeit der ersten Kreutzung und der Ba-
starde. - Parallelisnius zwischen den Wirkungen der veränderten Lebens-
Bedingungen und der Kreutzung. — Fruchtbarkeit miteinander gekreutzter
Varietäten und ihrer Blendlinge nicht allgemein. - Bastarde und Blendlinge
unabhängig von ihrer Fruchtbarkeit verglichen. — Zusammenfassung.
Die allgemeine Meinung der Naturforscher geht dahin, dass
Arten im Falle der Kreutzung von sich aus unfruchtbar sind, um
die Verschmelzung aller organischen Formen mit einander zu
verhindern. Diese Meinung hat anfangs gewiss grosse Wahr-
scheinlichkeit für sich ; denn in derselben Gegend beisammen-
lebende Arten würden sich, wenn freie Kreutzung möglich wäre,
kaum getrennt erhalten können. Die Wichtigkeit der Thatsache,
dass Bastarde sehr allgemein steril sind, ist nach meiner Ansicht
von einigen neueren Schriftstellern sehr unterschätzt worden.
Nach der Theorie der Natürlichen Züchtung ist der Fall um so
mehr von spezieller Wichtigkeit, als die Unfruchtbarkeit der Ba-
starde nicht wohl vortheilhafi für sie und auch desshalb nicht
durch fortgesetzte Erhaltung aufeinander - folgender nülzlicher
JUarwin Entstehung der Arten. 2. Autl. 18
274
Abstufungen der Sterilität erworben seyn kann*. Ich hoffe jedoch
zeigen zu können, dass Unfruchtbarkeit nicht eine speziell er-
worbene oder für sich angeborene Eigenschaft ist, sondern mit
anderen erworbenen Verschiedenheiten zusammenhängt.
Bei Behandlung dieses Gegenstandes hat man zwei Klassen
von Thatsachen, welche von Grund aus weit verschieden sind,
gewöhnlich mit einander verwechselt, nämlich die Unfruchtbarkeit
zweier Arten bei ihrer ersten Kreutzung und die Unfruchtbarkeit
der von ihnen erhaltenen Bastarde.
Reine Arten haben regelmässig Fortpflanzungs - Organe von
vollkommener Beschaffenheit, liefern aber, wenn sie mit einander
gekreutzt werden , nur wenige oder gar keine Nachkommen.
Bastarde dagegen haben Reproduktions-Organe, welche zur Dienst-
leistung unfähig sind, wie man aus dem Zustande des männlichen
Elementes bei Pilanzen und Thieren erkennt, während die Organe
selbst ihrer Bildung nach vollkommen sind, wie die mikroskopi-
sche Untersuchung «rgibt. Im ersten Falle sind die zweierlei
geschlechtlichen Elemente, welche den Embryo liefern sollen,
vollkommen; im andern sind sie entweder gar nicht oder nur
sehr unvollständig entwickelt. Diese Unterscheidung ist wesentlich,
wenn die Ursache der, in beiden Fällen stattfindenden Sterilität
in Betracht gezogen werden soll. Der Unterschied ist wahrschein-
lich übersehen worden, weil man die Unfruchtbarkeit in beiden
Fällen als eine besondre Eigenlhümlichkeit betrachtet hat, deren
Beurfheilung ausser dem Bereiche unsrer Kräfte liege.
Die Fruchtbarkeit der Varietäten oder derjenigen Formen,
welche von gemeinsamen Altern abstammen oder doch so ange-
sehen werden, bei deren Kreutzung, und ebenso die ihrer Blend-
Obwohl mir dieser Satz nahezu walir zu seyn scheint, so habe ich
doch bis jetzt zu berücksichtigen vergessen , dass daraus noch keineswegs
folge, dass nicht Unfruchtbarkeit ftir zwei im Entsteh en begriffene Spezies
von grossen Vortheilen soferne seyn könne, als sie dieselben getrennt hält
und für verschiedene Lebens-Beziehungen geeignet macht. Die Unfruciitbar-
keit der Bastarde mag eine unvermeidliche Folge der erlangten Unfruchtbar-
keit [?] ihrer Altern seyn; aber ich will nicht mehr sagen, weil einige Ver-
suche, die ich in Bezug auf diese wichtige Frage durchzuführen beschäftigt
bin, noch nicht zum Abschluss gelangt sind. (Im April 1862.)
275
linge ist nach meiner Theorie von gleicher Wichtigkeit mit der
Unfruchtbarkeit der Spezies unter einander; denn es scheint sich
daraus ein klarer und weiter Unterschied zwischen Arten und
Varietäten zu ergeben.
Erstens: Die Unfruchtbarkeit miteinander gekreutzter Arten
und ihrer Bastarde. Man kann unmöglich die verschiedenen
Werke und Abhandlungen der zwei gewissenhaften und bewun-
dernswerthen Beobachter Kölreuter und Gärtner, welche fast ihr
ganzes Leben diesem Gegenstande gewidmet haben, durchlesen,
ohne einen tiefen Eindruck von der Allgemeinheit eines höheren
oder geringeren Grades der Unfruchtbarkeit gekreutzter Arten
in sich aufzunehmen. Kölreuter macht es zur allgemeinen Regel:
aber er durchhaut den Knoten , indem er in zehn Fällen , wo
zwei fast allgemein für verschiedene Arten geltende Formen ganz
fruchtbar mit einander sind, dieselben unbedenklich für blosse
Varietäten erklärt. Auch Gärtner macht die Regel zur allgemei-
nen und bestreitet die zehn Fälle gänzlicher Fruchtbarkeit bei
Kölreuter. Doch ist Gärtner in diesen wie in vielen andern
Fällen genölhigt, die erzielten Saamen sorgfältig zu zählen um
zu beweisen, dass doch einige Verminderung der Fruchtbarkeit
stattfindet. Er vergleicht immer die höchste Anzahl der von zwei
gekreutzten Arten oder ihren Bastarden erzielten Saamen mit
deren Durchschnittszahl bei den zwei reinen älterlichen Arten in
ihrem Natur-Stande. Doch scheint mir dabei noch eine Ursache
ernsten Irrthums mit unterzulaufen. Eine Pflanze, deren Unfrucht-
barkeit bewiesen werden soll, muss kaslrirt und, was oft noch
wichtiger ist. eingeschlossen werden, damit ihr kein Pollen von
andren Pflanzen durch Insekten zugeführt werden kann. Fast
alle Pflanzen, die zu Gärtners Versuchen gedient, waren in Töpfe
gepflanzt und, wie es scheint, in einem Zimmer seines Hauses
untergebracht. Dass aber solches Verfahren die Fruchtbarkeit
der Pflanzen oft beeinträchtigt haben müsse , lässt sich nicht in
Abrede stellen. Denn Gärtner selbst führt in seiner Tabelle
etwa zwanzig Fälle an, wo er die Pflanzen kastrirle und dann
mit ihrem eignen Pollen künstlich befruchtete; aber die Legumi-
nosen und andre solche Fälle, wo die Manipulation anerkannter
18 *
276
Maassen schwierig ist, ganz bei Seite gesetzt, zeigte die Hälfte
jener zwanzig Pflanzen eine mehr und weniger verminderte
Fruchtbarkeit. Da nun überdiess Gähtner einige Jahre hinter-
einander die Primula officinalis und Pr. elatior, welche wir nur
für Varietäten einer Art zu halten einigen Grund haben , mit
einander kreutzte und doch nur ein- oder zwei-mal fruchtbaren
Saamen erhielt, — da er Anagallis arvensis und A. coerulea,
welche die besten Botaniker nur als Varietäten betrachten, durch-
aus unfruchtbar mit einander fand und noch in mehren analogen
Fällen zu gleichem Ergebniss gelangte : so scheint mir wohl zu
zweifeln erlaubt, ob viele andre Spezies wirklich so steril bei
der Kreutzung seyen als Gähtner behauptet.
Einerseits ist es gewiss, dass'die Unfruchtbarkeit mancher
Arten bei gegenseitiger Kreutzung so ungleich an Stärke ist und
so manchfaltige Abstufungen darbietet, — und dass anderseits
die Fruchtbarkeit ächter Spezies so leicht durch mancherlei Um-
stände berührt wird, dass es für die meisten praktischen Zwecke
schwierig ist zu sagen, wo die vollkommene Fruchtbarkeit auf-
höre und wo die Unfruchtbarkeit beginne? Ich glaube, man kann
keinen bessern Beweis dafür verlangen, als der ist, dass die er-
fahrensten zwei Beobachter, die es je gegeben, nämlich Köl-
REUTER und Gärtner, hinsichtlich einerlei Spezies zu schnurstracks
entgegengesetzten Ergebnissen gelangt sind. Auch ist es sehr
belehrend , die von unseren besten Botanikern vorgebrachten
Argumente über die Frage, ob diese oder jene zweifelhafte Form
als Art oder als Varietät zu betrachten sey , zu vergleichen mit
dem aus der Fruchtbarkeit oder Unfruchtbarkeit nach den Berichten
verschiedener Bastard-Züchter oder den mehrjährigen Versuchen
der Verfasser selbst entnommenen Beweise. Es lässt sich daraus
darthun, dass weder Fruchtbarkeit noch Unfruchtbarkeit einen
klaren Unterschied zwischen Arten und Varietäten liefert, indem
der darauf gestützte Beweis stufenweise verschwindet und mit-
hin so, wie die übrigen von der organischen Bildung und Thätig-
keit hergenommenen Beweise zweifelhaft bleibt.
Was die Unfruchtbarkeit der Bastarde auf dem Wege der
Inzucht betrifft, so hat Gärtner zwar einige Versuche angestellt
277
und die Inzucht während 6—7 und in einem Falle sogar 10
Generationen vor aller Kreutzung mit einer der zwei Stammarten
geschützt, versichert aber ausdrücklich, dass ihre Fruchtbarkeit
nie zugenommen, sondern vielmehr stark abgenommen habe.
Ich zweifle nicht daran, dass Diess gewöhnlich der Fall ist und
die Fruchtbarkeit in den ersten Generationen oft plötzlich abnimmt.
Demungeachtet aber glaube ich, dass bei allen diesen Versuchen
die Fruchtbarkeit durch eine unabhängige Ursache vermindert
worden ist, nämlich durch die allzu strenge Inzucht. Ich habe
eine grosse Menge von Thatsachen gesammelt, welche zeigen,
dass eine allzu strenge Inzucht die Fruchtbarkeit vermindert,
während dagegen die jeweilige Kreutzung mit einem andern Indi-
viduum oder einer andern Varietät die Fruchtbarkeit vermehrt,
daher ich an der Richtigkeit dieser unter den Züchtern fast all-
gemein verbreiteten Meinung nicht zweifeln kann. Bastarde wer-
den selten in grössrer Anzahl zu Versuchen erzogen, und da die
älterlichen Arten oder andre nahe verwandte Arten gewöhnlich
im nämlichen Garten wachsen so müssen die Besuche der In-
sekten während der Blüthe-Zeit sorgfältig verhütet werden, daher
Bastarde für jede Generation gewöhnlich durch ihren eignen
Pollen befruchtet werden müssen; und ich bin überzeugt, dass
Diess ihre Fruchtbarkeit beeinträchtigt, welche durch ihre Bastard-
Natur schon ohnediess geschwächt ist. In dieser Überzeugung
bestärkt mich noch eine von Gärtner mehrmals wiederholte Ver-
sicherung, dass nämlich die minder fruchtbaren Bastarde sogar,
wenn, sie mit gleichartigem Bastard-Pollen künstlich befruchtet
werden, ungeachtet des oft schlechten Erfolges der Behandlung,
doch zuweilen entschieden an Fruchtbarkeit weiter und weiter
zunehmen. Nun wird bei künstlicher Befruchtung der Pollen oft
zufällig (wie ich aus meinen eignen Versuchen weiss) von An-
theren einer andern als der zu befruchtenden Blume genommen,
so dass hiedurch eine Kreutzung zwischen zwei Blumen, doch ge-
wöhnlich derselben Pflanze, bewirkt wird. Wenn nun ferner
ein so sorgfältiger Beobachter, als Gärtner ist, im Verlaufe seiner
zusammengesetzten Versuche seine Bastarde kastrirt hätte, so
würde Diess bei jeder Generation eine Kreutzung mit dem Pollen,
278
einer andern Blume entweder von derselben oder von einer an-
dern Pflanze von gleicher Bastard -Beschaffenheit nöthig gemacht
haben. Und so kann die befremdende Erscheinung, dass die Frucht-
barkeit in aufeinander folgenden Generalionen von künstlich
bel'ruchtelen Bastarden zugenommen hat, wie ich glaube, dadurch
erklart werden, dass allzu enge Inzucht vermieden worden ist.
Wenden wir uns jetzt zu den Ergebnissen, welche sich
durch die Versuche des dritten der erfahrensten Bastard-Züchter,
des Ehrenwerthen und Hocliwürdigen W. Hebbebt, herausgestellt
haben. Er versichert ebenso ausdrücklich, dass manche Bastarde
vollkommen fruchtbar und nicht minder züchtbar als jede der
Stamm-Arten für sich seyen, wie Köibeuter und Gärtneb einen
gewissen Grad von Sterilität bei Kreutzung verschiedener Spezies
mit einander für ein allgemeines Natur-Gesetz erklären. Seine
Versuche bezogen sich auf einige derselben Arten, welche auch
zu den Experimenten Gärtner's gedient hatten. Die Verschieden-
heit der Ergebnisse, zu welchen beide gelangt sind, lässt sich,
wie ich glaube, ableiten zum Theile aus Hebbert's grosser Erfahrung
in der Blumen-Zucht und zum Theile davon, dass er W^armhäuser
zu seiner Verfügung hatte. Von seinen vielen wichtigen Ergeb-
nissen will ich hier nur eines beispielsweise hervorheben, dass
nämlich «jedes mit Crinum revolutum befruchtete Ei'chen an einem
Stocke von Crinum capense auch eine Pflanze lieferte, was ich
(sagt er) bei natürlicher Befruchtung nie wah rgenommen habe.«
Wir haben mithin hier den Fall vollkommener und selbst mehr
als vollkommener Fruchtbarkeit bei der Kreutzung zweier ver-
schiedener Arten.
Dieser Fall mit Crinum führt mich zu einer ganz eigenthüm-
lichen Thatsache, dass es nämlich bei einigen Arten von Lobelia
und mehren andren Sippen einzelne Pflanzen gibt, welche viel
leichter mit dem Pollen einer verschiednen an dem Art als ihrer
eignen befruchtet werden können; und gleicherweise scheint es
sich auch mit allen Individuen fast aller Hippeastrum-Arten zu
verhalten. Denn man hat gefunden, dass diese Pflanzen, mit dem
Pollen einer andern Spezies befruchtet, Saamen ansetzen, aber
mit ihrem eignen Pollen ganz unfruchtbar sind, obwohl derselbe
279
vollkommen gut und wieder andre Arten zu befruchten im Stande
ist So können mithin gewisse einzelne Pflanzen und alle Indi-
viduen gewisser Spezies viel leichter zur Bastard - Zucht dienen,
als durch sich selbst befruchtet werden. Eine Zwiebel von Hip-
peaslrum aulicum z. B. brachte vier Blumen ; drei davon wurden
mit ihren eigenen Pollen befruchtet und die vierte hierauf mit
dem Pollen eines aus drei andern verschiednen Arten gezüchteten
Bastards versehen, und das Resultat war, dass »die Ovarien der
drei ersten Blumen bald zu wachsen aufhörten und nach einigen
Tagen gänzlich verdarben, während das Ovarium der mit dem
Bastard-Pollen versehenen Blume rasch zunahm und reifte und
gute Saamen lieferte, welche kräftig gediehen«. Im Jahr 1839
schrieb mir Hebbert, dass er den Versuch fünf Jahre lang fort-
gesetzt habe ^und jedes Jahr mit gleichem Erfolge. Denselben
Erfolg hatten auch andre Beobachter bei Hippeastrum und dessen
Untersippen so wie bei einigen andern Geschlechtern, nämlich
Lobelia, Passiflora und Verbascum. Obwohl diese Pflanzen bei
den Versuchen ganz gesund erschienen und sowohl Ei'chen als
Saamenstaub einer und der nämlichen Blume sich bei der Be-
fruchtung mit andern Arten vollkommen gut erwiesen, so waren
sie doch zur gegenseitigen Selbstbefruchtung funktionell ungenü-
gend, und wir müssen daher schliessen, dass sich die Pflanzen
in einem unnatürlichen Zustande befanden. Jedenfalls zeigen
diese Erscheinungen, von was für geringen und geheimnissvollen
Ursachen die grössre oder geringere Fruchtbarkeit der Arten bei
der Kreutzung, gegenüber der Selbstbefruchtung, zuweilen abhänge.
Die praktischen Versuche der Gartenfreunde, wenn auch nicht
mit wissenschaftlicher Genauigkeit ausgeführt, verdienen gleich-
falls einige Beachtung. Es ist bekannt, in welch' verwickelter
Weise die Arten von Pelargonium, Fuchsia, Calceolaria, Petunia,
Rhododendron u. a. gekreutzt worden sind , und doch setzen
viele dieser Bastarde Saamen an. So versichert Hebbert, dass
ein Bastard von Calceolaria integrifolia und C. plumbaginea, zweier
in ihrer allgemeinen Beschafi'enheit sehr unähnlicher Arten, ..sich
selbst so vollkommen aus Saamen verjüngte, als ob er einer
natürlichen Spezies aus den Bergen Chiles angehört hätte«. Ich
280
habe mir einige Mühe gegeben, den Grund der Frnchtharkeit bei
einigen durch mehrseilige Kreulzung erzielten Rhododendren
kennen zu lernen, und die Gewissheil erlangt, dass mehre der-
selben vollkommen fruchtbar sind. Herr C. Noble z. B. berichtet
mir, dass er zur Gewinnung von Pfropfreisern Stöcke eines Ba-
stardes von Rhododendron Ponlicum und Rh. Gatawbiense erzieht,
und dass dieser Bastard »so reichlichen Saamen ansetzt, als man
sich nur denken kann«. Nähme bei richtiger Behandlung die
Fruchtbarkeit der Bastarde in aufeinander-folgenden Generationen
in der Weise ab, wie Gärtner versichert, so müsste diese That-
sache unsern Plantage-Besitzern bekannt seyn. Garten-Freunde
erziehen grosse Beete voll der nämlichen Bastarde; und diese
allein erfreuen sich einer richtigen Behandlung; denn hier allein
können die verschiedenen Individuen einer nämlichen Bastard-
Form durch die Thätigkeit der Insekten sich untereinander kreu-
tzen und den schädlichen Einflüssen zu enger Inzucht entgehen.
Von der Wirkung der Insekten-Thätigkeit kann jeder sich selbst
überzeugen, wenn er die Blumen der sterileren Rhododendron-
Formen, welche keine Pollen bilden, untersucht; denn er wird
ihre Narben ganz mit Saamenstaub bedeckt finden, der von an-
dern Blumen hergetragon worden ist.
Was die Thiere betrifft, so sind der genauen Versuche viel
weniger mit ihnen veranstaltet worden. Wenn nnsre systemati-
schen Anordnungen Vertrauen verdienen, d. h. wenn die Sippen
der Thiere eben so verschieden von einander als die der Pflanzen
sind, dann können wir behaupten, dass viel weiter auf der Stufen-
leiter der Natur auseinander-stehende Thiere noch gekreulzt wer-
den können, als es bei den Pflanzen der Fall ist; dagegen schei-
nen die Bastard(! unfruchtbarer zu seyn. Ich bezweifle, ob auch
nur eine Angabe von einem ganz fruchtbaren Thier-Buslard als
vollkommen beglaubigt angesehen werden darf. Man muss jedoch
nicht vergessen, dass sich nur wenige Thiere in der Gefangen-
schaft reichlich fortpflanzen und daher nur wenige richtige Ver-
suche mit ihnen angestellt werden können. So hat man z. B. den
Kanarienvogel mit neun andern Finken-Arten gekreutzt, da sich
aber keine dieser neun Arten in der Gefangenschaft gut fortpflanzt,
2.St
so haben wir kein Rocht zu erwarten, dass die ersten Bastarde
von ihnen und dein Kanarienvogel vollkommen fruchtbar seyn
sollen. Ebenso, was die Fruchtbarkeit der vergleichungsweise
fruchtbaren Bastarde in spateren Generationen betrifft, so kenne
ich wohl kaum ein Beispiel, dass zwei Familien gleicher Bastarde
gleichzeitig von verschiedenen Altern erzogen worden wären,
um die üblen Folgen alizustrenger Inzucht vermeiden zu können,
im Gegentheil hat man in jeder nachfolgenden Generation die
beständig wiederholten Mahnungen aller Züchter nicht beachtend,^
gewöhnlich Brüder und Schwestern miteinander gepaart. Und so
ist es durchaus nicht überraschend, dass die vererbliche Sterilität
der Bastarde mit jeder Generation zunahm. Wenn wir in der
Absicht darauf hinzuwirken immer Brüder und Schwestern reiner
Spezies miteinander paarten, in welchen aus irgend einer Ur-
sache bereits eine noch so geringe Neigung zur Unfruchtbarkeit
vorhanden wäre , so würde die Rasse gewiss nach wenigen
Generationen aussterben.
Obwohl ich keinen irgend wohl-beglaubigten Fall vollkommen
fruchtbarer Thier-Bastarde kenne, so habe ich doch einige Ursache
anzunehmen, dass die Bastarde von Cervulus vaginalis und C.
Reevesi, und die von Phasianus Colchicus und Ph. torqualus voll-
kommen fruchtbar sind. Es unterliegt insbesondere keinem Zwei-
fel, dass diese zwei nahe - verwandte Fasanen- Arten sowohl als
Ph. versicolor aus Japan in den Wäldern einiger Theile von
England sich kreutzen und Nachkommen liefern. Nach den un-
längst in Frankreich nach grossem Maassstabe angestellten Versu-
chen scheint es als ob zwei voneinander so verschiedene Arten,
wie Hase und Kaninchen, wenn sie zur Paarung miteinander ver-
anlasst werden können, eine meistens ganz fruchtbare Nachkom-
menschaft zu liefern im Stande sind. Die Bastarde der gemeinen
und der Schwanen-Gans (Anser cygnoides), zweier so verschie-
dener Arten, dass man sie in verschiedene Sippen zu stellen pflegt,
haben hierzulande oft Nachkommen mit einer der reinen Stamm-
Arten und in einem Falle sogar unter sich geliefert. Diess ist
durch Hrn. Evton bewirkt worden, der zwei Bastarde von gleichen
Altern aber verschiedenen Brüten erzog und dann von beiden
I
282
zusammen nicht weniger als acht Nachkommen aus einom Neste
erhielt. In Indien dagegen müssen die durch Kreutzung gewon-
nenen Gänse weit (ruchlbarer seyn, indem zwei ausgezeichnet
befähigte Beurtheiler, nämlich Hr. Blyth und Capt Hütton, mir
versichert haben, dass dort in verschiedenen Landes -Gegenden
ganze Heerden dieser Bastard -Gans gehalten werden; und da
Diess des Nutzens wegen geschieht, wo die reinen Stamm-Arten
gar nicht existiren, so müssen sie nothwendig sehr fruchtbar seyn.
Neuere Naturforscher haben grossenlheils eine von Pallas
ausgegangene Lehre angenommen, dass nämlich die meisten uns-
rer Hausthiere von je zwei oder mehr wilden Arten abstammten,
welche sich seither durch Kreutzung vermischt hätten. Hiernach
müssten also entweder die Stamm -Arten gleich anfangs ganz
fruchtbare Bastarde geliefert haben oder die Bastarde erst in
späteren Generationen in zahmem Zustande ganz fruchtbar ge-
worden seyn. Diese letzte Alternative ist mir die wahrschein-
lichere. Ich nehme z. B. an , dass unsre Hunde von mehren
wilden Arten herrühren , und doch sind vielleicht mit Ausnahme
gewisser in Süd-Amerika gehaltenen Haushunde alle vollkommen
fruchtbar miteinander; aber die Analogie erweckt grosse Zweifel
in mir, dass die verschiedenen Stamm-Arten derselben sich an-
fangs freiwillig mit einander gepaart und sogleich ganz fruchtbare
Bastarde geliefert haben sollen. Ich habe vorhin die Aufmerk-
samkeit auf den Ostindischen Bullochsen [oder Zebu?J geleitet.
Wenn ich ihn nun, hinsichtlich seiner Lebensweise, seines äussern
Körperbaues und seiner osteologischen Eigenthümlichkeiten (wie
sie Prof. Rütimeyer deutlich nachgewiesen) mit unsern Englischen
Rassen vergleiche, so ist es eine so wohl unterschiedene Art, als
irgend eine in der Welt; und doch habe ich kürzlich den Beweis
erhalten, dass die durch Kreutzung beider erzielte Nachkommen-
schaft unter sich fruchtbar ist. Bei dieser Ansicht von der Ent-
stehung vieler unsrer Hausthiere müssen wir entweder den Glau-
ben an die fast allgemeine Unfruchtbarkeit einer Paarung ver-
schiedener Thier-Arten mit einander aufgeben, oder aber die Ste-
rilität nicht als eine unzerstörbare, sondern als eine durch Zäh-
mung zu beseitigende Folge einer solchen Kreutzung betrachten.
283
Überblicken wir endlicii alle über die Kreut/Aing von Pflan-
zen- und Thier-Arten festgestellten Tliatsachen, so gelangen wir
zum Schlüsse, dass ein gewisser Grad von Unfruchtbarkeit bei
der ersten Kreutzung und den daraus entspringenden Bastarden
zwar eine äussert gewöhnliche Erscheinung ist, aber nach dem
gegenwärtigen Stand unsrer Kenntnisse nicht als unbedingt all-
gemein betrachtet werden darf.
Gesetze, welche die Unfruchtbarkeit der ersten
Kreutzung und der Bastarde regeln.) Wir wollen nun
die Umstände und die Regeln etwas näher betrachten, welche
die vergleichungsweise Unfruchtbarkeit der ersten Kreutzung und
der Bastarde bestimmen. Unsre Hauptaufgabe wird seyn zu er-
fahren, ob sich nach diesen Regeln Unfruchtbarkeit der Arten
miteinander als eine denselben inhärente Eigenschaft ergibt, de-
ren Bestimmung es wäre eine Kreutzung der Arten bis zur äus-
sersten Verschmelzung der Formen zu verhüten, oder ob sich
Diess nicht herausstellt. Die nachstehenden Regeln und Folge-
rungen sind hauptsächlich aus Gärtners bewundernswerthem Werke
über die Bastard-Erzeugung bei den Pflanzen entnommen*. Ich
habe mir viel Mühe gegeben zu erfahren, in wie ferne diese
Regeln auch auf Thiere Anwendung finden , und obwohl unsre
Erfahrungen über Bastard-Thiere sehr dürftig sind, so war ich
doch erstaunt zu sehen, in wie ausgedehntem Grade die näm-
lichen Regeln für beide Reiche gelten.
Es ist bereits bemerkt worden, dass sich die Fruchtbarkeit
sowohl der ersten Kreutzung als der daraus entspringenden Ba-
starde von Zero an bis zur Vollkommenheit abstuft. Es ist er-
staunlich , auf wie mancherlei eigenthümliche Weise sich diese
Abstufung darthun lässt; doch können hier nur die nacktesten
Umrisse der Thatsachen geliefert werden. Wenn der Pollen einer
* C. F. V. GXrtnf.b : Versuche und Beobachtungen über die Befruch-
tungs-Organe der vollkommenen Gewächse und über die natürliche und
künstliche Befrachtung durch den eigenen Pollen. Stuttgart 1844. —
Versuche und Beobachtungen über die Bastarderzeugung im Pflanzen-
reich. Mit Hinweisung auf die ähnlichen Erscheinungen im Thierreiche.
Stuttgart 1849. D. Übs.
284
Pflanze von der einen Familie auf die Narbo einer Pflanze von
andrer Familie gebracht wird , so hat er nicht mehr Wirkung,
als eben so viel unorganischer Staub. Wenn man aber Saamen-
slaub von Arten einer Sippe auf das Stigma einer Spezies der-
selben Sippe bringt, so wird der Erfolg ein günstigerer, aber bei
verschiedenen Arten doch wieder so ungleich, dass sich mittelst
der Anzahl der jedesmal erzeugten Saamen alle Abstufungen von
jenem Zero an bis zur vollständigen Fruchtbarkeit und , wie wir
gesehen haben, in einigen abnormen Fällen sogar über das ge-
wöhnlich bei Selbstbefruchtung gewöhnliche Maass hinaus erge-
ben. So gibt es auch unter den Bastarden selber einige, welche
sogar mit dem Pollen von einer der zwei reinen Stamm-Arten
nie auch nur einen fruchtbaren Saamen hervorgebracht haben
noch wahrscheinlich jemals hervorbringen werden. Doch hat sich
in einigen dieser Fälle eine erste Spur von der Wirkung eines
solchen Pollens insoferne gezeigt, als er ein frühzeitigeres Ab-
welken der Blume der Bastard-Pflanze veranlasste, worauf er
gebracht worden war; und rasches Abwelken einer Blüthe ist
bekanntlich ein Zeichen beginnender Befruchtung. An diesen
äusersten Grad der Unfruchtbarkeit reihen sich dann Bastarde
an, die durch Selbstbefruchtung eine immer grössre Anzahl von
Saamen bis zur vollständigen Fruchtbarkeit hervorbringen.
Bastarde von solchen zwei Arten erzielt, welche sehr schwer
zu kreutzen sind und nur selten einen Nachkommen liefern, pfle-
gen selber sehr unfruchtbar zu seyn. Aber der Parallelismus
zwischen der Schwierigkeit eine erste Kreutzung zu Stande zu
bringen , und der einen daraus entsprungenen Bastard zu be-
fruchten , — zwei sehr gewöhnlich miteinander verwechselte
Klassen von Thatsachen — ist keineswegs strenge. Denn es gibt
viele Fälle, wo zwei reine Arten mit ungewöhnlicher Leichtigkeit
mit einander gepaart werden und zahlreiche Bastarde liefern kön-
nen, welche aber äusserst unfruchtbar sind. Anderseils gibt es
Arten , welche nur selten oder äusserst schwierig zu kreutzen
gelingt, aber ihre Bastarde, wenn sie einmal vorhanden, sind sehr
fruchtbar. Und diese zwei so entgegengesetzten Fälle können
innerhalb der nämlichen Sippe vorkommen, wie z. B. bei Dianthus.
285
Die Fruchtbarkeit sowohl der ersten Kreulzungen als der
Bastarde wird leichter als die der reinen Arten durch ungün-
stige Bedingungen geführdet. Aber der Grad der Fruchtbarkeit
ist gleicher Weise an sich veränderlich; denn der Erfolg ist
nicht immer der nämliche, wenn man dieselben zwei Arten
unter denselben äusseren Umständen kreutzl, sondern hängt
zum Theile von der Verfassung der zwei zufällig für den Ver-
such ausgewählten Individuen ab. So ist es auch mit den
Bastarden, indem sich der Grad der Fruchtbarkeit in verschie-
denen aus Saamen einer Kapsel erzogenen und den nämlichen
Bedingungen ausgesetzten Individuen oft ganz verschieden erweist.
Mit dem Ausdruck systematische Affinität soll die Ähn-
lichkeit verschiedener Arten in organischer Bildung und Thätig-
keit zumal solcher Theile bezeichnet werden, welche eine grosse
physiologische Bedeutung haben und in verwandten Arten nur
wenig von einander abweichen. Nun ist die Fruchtbarkeit der
ersten Kreutzung zweier Spezies und der daraus hervorgehenden
Bastarde in reichem Maasse abhängig von dieser «systematischen
Verwandtschaft«. Diess geht deutlich daraus schon hervor, dass
man noch niemals Bastarde von zwei Arten erzielt hat, welche
die Systematiker in verschiedene Familien stellen, während es
dagegen gewöhnlich leicht ist, nahe verwandte Arten miteinander
zu paaren. Doch ist die Beziehung zwischen systematischer
Verwandtschaft und Leichtigkeit der Kreutzung keineswegs eine
strenge. Denn es Hessen sich eine Menge Fälle von sehr nahe
verwandten Arten anführen, die gar nicht oder nur mit grösster
Mühe zur Paarung gebracht werden können, während mitunter
auch sehr verschiedene Arten sich mit grösster Leichtigkeit
kreutzen lassen. In einer nämlichen Familie können zwei Sippen
beisammen stehen, wovon die eine wie Dianthus viele solche
Arten enthält, die sehr leicht zu kreutzen sind, während die der
andern, z. B. Silene, den beharrlichsten Versuchen eine Kreutzung
zu bewirken in dem Grade widerstehen, dass man auch noch
nicht einen Bastard zwischen den einander am nächsten verwand-'
ten Arten derselben zu erzielen vermochte. Ja selbst innerhalb
der Grenzen einer und der nämlichen Sippe zeigt sich ein
286
solcher Unterschied. So sind z. B. die zahlreichen Nicotiana-
Arten mehr unter einander gekreutzt worden, als die der meis-
ten übrigen Sippen, und Gärtner hat gefunden, dass i^. acu-
minata, die keineswegs eine besonders abweichende Art ist,
beharrlich allen Befruchtunj>s-Versuchen widerstand, so dass von
acht andern Nicotiana-Arten keine weder sie befruchten noch
von ihr befruchtet werden konnte. Und analoge Thatsachen
liessen sich noch viele anführen.
Noch niemand hat auszumitlein vermocht, welche Art oder
welcher Grad von Verschiedenheit in irgend einem erkennbaren
Charakter genüge, um die Kreutzung zweier Spezies zu hindern.
Es lässt sich nachweisen, dass Pflanzen, welche in Lebens-Weise
und allgemeiner Tracht am weitesten auseinandergehen, welche
in allen Theilen ihrer Blüthen sogar bis zum Pollen oder in der
P^rucht oder in den Kotyledonen sehr scharfe Unterschiede zei-
gen, mit einander gekreutzt werden können. Einjährige und
ausdauernde Gewächs-Arten, winterkahle und immergrüne Bäume,
Pflanzen für die abweichendsten Standorte und die entgegenge-
setztesten Klimate gemacht, können oft leicht mit einander ge-
kreutzt werden.
Unter wechselseitiger Kreutzung zweier Arten
verstehe ich den Fall, wo z. B. ein Pferde-Hengst mit einer
Eselin und dann ein Esel-Hengst mit einer Pferde-Stute gepaart
wird; man kann dann sagen, diese zwei Arten seyen wechsel-
seitig gekreutzt worden. In der Leichtigkeit einer wechselseiti-
gen Kreutzung findet oft der möglich grösste Unterschied statt.
Solche Fälle sind höchst wichtig, weil sie beweisen, dass die
Empfänglichkeit für die Kreutzung zwischen irgend zwei Arten
von ihrer systematischen Verwandtschaft oder von irgend welchem
kennbaren Unterschied in ihrer ganzen Organisation oft ganz
unabhängig ist. Dagegen zeigen diese Fälle auch deutlich, dass
jene Empfänglichkeit mit Unterschieden in der Verfassung des
Körpers zusammenhängt, welche für uns nicht wahrnehmbar sind
' und sich auf das Reproduktiv-System beschränken. Diese Ver-
schiedenheit der Ergebnisse aus wechselseitigen Kreutzungen zwi-
schen je zwei Arten war schon längst von Kölbeuteb beobachtet
287
worden. So kann, um ein Beispiel anzuführen, Mirabilis Jalapa
leicht durch den Saamenslaub der M. longiflora befruchtet wer-
den, und die daraus entspringenden Bastarde sind genügend frucht-
bar; aber mehr als zweihundert Male vorsuchte es Kölreuter im
Verlaufe von acht Jahren vergebens die M. longiflora nun auch
mit Pollen der M. Jalapa zu befruchten. Und so Hessen sich
noch einige andre Beispiele geben. Thuret hat dieselbe Bemer-
kung an einigen Seepflanzen gemacht, und Gärtner noch über-
diess gefunden, dass diese Erscheinung in einem geringeren
Grade ausserordentlich gemein ist. Er hat sie selbst zwischen
Formen wahrgenommen, welche viele Botaniker nur als Varietä-
ten einer nämlichen Art betrachten, wie Matthiola annua und M.
■glabra. Eben so ist es eine bemerkenswerthe Thatsache, dass
die beiderlei aus wechselseitiger Kreutzung hervorgegangenen
Bastarde, wenn auch von denselben zwei Stamm-Arten herrührend,
hinsichtlich ihrer Fruchtbarkeit gewöhnlich in einem geringen,
zuweilen aber auch in hohem Grade von einander abweichen.
Es lassen sich noch manche andre eigenthümliche Begeln
aus Gärtner entnehmen, wie z. B. dass manche Arten sich über-
haupt sehr leicht zur Kreutzung mit andern verwenden lassen,
während andren Arten derselben Sippe das Vermögen innewohnt,
den Bastarden eine grosse Ähnlichkeit mit ihnen aufzuprägen;
doch stehen beiderlei Fähigkeilen nicht in nothwendiger Beziehung
zu einander. Es gibt Bastarde, welche, statt wie gewöhnlich
das Mittel zwischen ihren zwei älterlichen Arten zu halten, stets
nur einer derselben sehr ähnlich sind ; und gerade diese äusser-
lich der einen Stammart so ähnlichen Bastarde sind mit seltener
Ausnahme äusserst unfruchtbar. Dagegen kommen aber auch
unter denjenigen Bastarden, welche zwischen ihren Altern das
Mittel zu halten pflegen, zuweilen abnorme Individuen vor, die
einer der reinen Stammarten ausserordentlich gleichen; ,und diese
Bastarde sind dann gewöhrilich auch äusserst steril, obwohl die
mit ihnen aus gleicher Frucht-Kapsol entsprungenen Mittelformen
sehr fruchtbar zu seyn pflegen. Aus diesen Erscheinungen geht
hervor, wie ganz unabhängig die Fruchtbarkeit der Bastarde vom
Grade ihrer Ähnlichkeit mit ihren beiden Slammällorn ist.
288
Aus den bis daher gegebenen Regeln über die Fruchtbarkeit
der ersten Kreulzungen und der dadurch erzielten Bastarde er-
gibt sich, dass, wenn man Formen, die als gute und verschiedene
Arten angesehen werden müssen, mit einander paart, ihre Frucht-
barkeit in allen Abstufungen von Zero an bis selbst über das
unter gewöhnlichen Bedingungen stattfindende Maass vollkommener
Fruchtbarkeil hinaus wechseln kann. Ferner ist ihre Fruchtbar-
keit nicht nur äusserst empfindlich für günstige und ungünstige
Bedingungen, sondern auch an und für sich veränderlich. Die
Fruchtbarkeit verhält sich nicht immer ön Stärke gleich bei der
ersten Kreutzung und den daraus erzielten Bastarden. Die Frucht-
barkeit dieser letzten steht in keinem Yerhältniss zu deren äus-
serer Ähnlichkeit mit ihren beiden Altern. Die Leichtigkeit einer
ersten Kreutzung zwischen zwei Arten ist nicht von deren syste-
matischer Affinität noch von ihrer Ähnlichkeit miteinander abhängig.
Dieses letzte Ergebniss ist hauptsächlich aus der Verschiedenheit
des Ergebnisses der Wechselkreutzungen zweier nämlichen Arten
erweisbar, wo die Paarung gewöhnlich etwas, mitunter aber auch
viel leichter oder schwerer erfolgt, je nachdem man den Vater
von der einen oder von der andern der zwei gekreutzten Arten
nimmt. Endlich sind die zweierlei durch Wechselkreutzung er-
zielten Bastarde oft in ihrer Fruchtbarkeit verschieden.
Nun fragt es sich, ob aus diesen eigenlhümlich verwickelten
Regeln hervorgehe, dass die vergleichungsweise Unfruchtbarkeil
der Arten bei deren Kreutzung den Zweck habe, ihre Vermi-
schung im Natur-Zustande zu verhüten! Ich glaube nicht. Denn
warum wäre in diesem Falle der Grad der Unfruchtbarkeit so
ausserordentlich verschieden, da wir doch annehmen müssen diese
Verhütung seye gleich wichtig bei allen? Warum wäre sogar
schon eine angeborene Verschiedenheit zwischen Individuen einer
nämlichen Art vorhanden? Zu welchem Ende sollten manche
Arten so leicht zu kreulzen seyn und doch sehr sterile Bastarde
erzeugen, während andre sich nur sehr schwierig paaren lassen
und vollkommen fruchtbare Bastarde liefern? Wozu sollte es
dienen, dass die zweierlei Produkte einer Wechselkreutzung zwi-
schen den nämlichen Arten sich oft so sehr abweichend verhalten?
289
Wozu, kann man sogar fragen, soll überhaupt die Möglichkeit
Bastarde zu liefern dienen? Es scheint doch eine wunderliche
Anordnung zu seyn, dass die Arten das Vermögen haben Bastarde
zu bilden, deren weitre Fortpflanzung aber durch verschiedene
Grade von Sterilität gehemmt ist, welche in keiner Beziehung zur
Leichtigkeit der ersten Kreutzung zweier Aitern verschiedener
Spezies miteinander stehen.
Die voranstehenden Regeln und Thatsachen scheinen mir
dagegen deutlich zu beweisen, dass die Unfruchtbarkeit sowohl
der ersten Kreutzungen als der Bastarde von unbekannten Ver-
hältnissen hauptsächlich im Fortpflanzungs-Systeme der gekreutzten
Arten abhänge. Die Verschiedenheiten sind von so eigenthiimli-
cher und beschränkter Natur, dass bei wechselseitigen Kreutzungen
zwischen zwei Arten oft das männliche Element der einen von
üppiger Wirkung auf das weibliche der andern ist, während bei
der Kreutzung in der andern Richtung das Gegentheil eintritt.
Es wird angemessen seyn durch ein Beispiel etwas vollständiger
auseinander zu setzen, was ich unter der Bemerkung versiehe,
dass Sterilität mit andern Ursachen zusammenhänge und nicht
eine spezielle Eigenthümlichkeit für sich bilde. Die Fähigkeit
einer Pflanze sich auf eine andre zweigen oder nicht zweigen
und okuliren zu lassen, ist für deren Gedeihen im Natur-Zustande
so gänzlich gleichgiltig, dass wohl niemand diese Fähigkeit für
eine spezielle Anordnung der Natur halten , sondern jedermann
anzunehmen geneigt seyn wird , sie falle mit Verschiedenheiten
in den Wachsthums-Gesetzen der zwei Pflanzen zusammen. Den
Grund davon, dass eine Art auf der andern etwa nicht anschlagen
will, kann man zuweilen in abweichender Wachsthums- Weise,
Härte des Holzes, Natur des Saftes, Zeit der Blüthe u. dgl. finden;
in sehr vielen Fällen aber lässt sich gar keine Ursache dafür er-
geben. Denn selbst sehr bedeutende Verschiedenheiten in der
Grösse der zwei Pflanzen , oder in holziger und krautartiger,
immergrüner und sommergrüner Beschaffenheit und selbst ihre
Anpassung an ganz verschiedene Klimate bilden nicht immer ein
Hinderniss ihrer Aufeinanderpropfung. Wie bei der Bastard-
Bildung so ist auch beim Propfen die Fähigkeit durch systemati-
DARwm, Entstehung der Arten. '2. Aufl. 19
290
sehe Affinität beschränkt; denn es ist noch nie gelungen Holz-
arten aus ganz verschiedenen Familien aufeinanderzuselzen, wäh-
rend dagegen nahe verwandte Arten einer Sippe und Varietäten
einer Art gewöhnlich, aber nicht immer, leicht aufeinander ge-
propft werden können. Doch ist auch dieses Vermögen oben so
wenig als das der Bastard-Bildung durch systematische Verwandt-
schaft in al)Soluler Weise bedingt. Denn wenn auch viele verschie-
dene Sippen einer Familie auleinander zu propfen gelungen ist,
so nehmen doch wieder in andern Fällen sogar Arten einer näm-
lichen Sippe einander nicht an. Der Birnbaum kann viel leichter
auf den Ouittenbaum, den man zu einem eignen Genus erhoben,
als auf den Apfelbaum gezweigt werden , der mit ihm zur näm-
lichen Sippe gehört. Selbst verschiedene Varietäten der Birne
schlagen nicht mit gleicher Leichtigkeit auf dem Quittenbaum
an, und eben so verhalten sich verschiedene Aprikosen- und
Pfirsich-Varietäten dem Pflaumen-Baume gegenüber.
Wie nach Gärtneb zuweilen eine angeborene Verschiedenheit
im Verhallen der Individuen zweier zu kreutzenden Arten vor-
handen ist, so glaubt Sagaret auch an eine angeborene Verschie-
denheit im Verhalten der Individuen zweier aufeinander zu pro-
pfender Arten. Wie bei Wechselkreulzungen die Leichtigkeit
der zweierlei Paarungen oft sehr ungleich ist, so verhält es sich
oft auch bei dem wechselseitigen Verpropfen. So kann die ge-
meine Stachelbeere z. B. auf den Johannisbeer-Strauch gezweigl
werden, dieser wird aber nur schwer auf dem Stachelbeer-
strauch anschlagen.
Wir haben gesehen, dass die Unfruchtbarkeit der Bastarde,
dereh Reproduktions-Organe von unvollkommener Beschaffenheit
sind, eine ganz andere Sache ist, als die Schwierigkeit zwei reine
Arten mit vollständigen Organen mit einander zu paaren: doch
laufen beide Fälle bis zu gewissem Grade mit einander parallel.
Etwas Ähnliches kommt auch beim Propfen vor; denn Tiiouin hat
gefunden, dass die drei Robinia-Arten, welche auf eigner Wurzel
reichlichen Saamen gebildet hatten und sich leicht auf einander
zweigen liessen , durch die Aufeinanderimpfung unfruchtbar ge-
machtwurden; während dagegen gewisse Sorbus-Arten, eine auf
291
die andre gesetzt, doppelt so viel Früchte als auf eigner Wurzel
lieferten. Diess erinnert uns an die oben-erwiiiinton ausserodenl-
lichen Fälle bei Hippeastruin, Lobelia u. dgl., welciie viel reich-
licher fruklifiziren , wenn sie mit Pollen einer andern Art als
wenn sie mit ihren eignen Pollen versehen werden.
Wir sehen daher, dass, wenn auch ein klarer und gründ-
licher Unterschied zwischen der blossen Adhäsion auf einander
gepropfter Stöcke und der Zusaininenwirkung männlicher und
weiblicher UrstofTe zum Zwecke der Forlpflanzung stattlindet, sich
doch ein gewisser Parallelismus zwischen den Wirkungen der
Impfung und der Befruchtung verschiedener Arten mit einander
kundgibt. Wenn wir die sonderbaren und verwickeilen Regeln,
welche die Leichligkeil der Propfung bedingen, als mit unbe-
kannten Verschi(;denheiten in den vegetativen Organen zusammen-
hängend betrachten, so müssen wir nach meiner Meinung auch
die viel zusammengesetzteren für die Leichtigkeit der ersten
Kreutzungen mit unbekannten Verschiedenheilen in ihrem Repro-
duktiv-Sysleme im Zusammenhang stehend ansehen. Diese Ver-
schiedenheiten folgen, wie sich erwarten lässt, bis zu einem ge-
wissen Grade der systematischen Affinität, durch welche Bezeich-
nung jede Art von Ähnlichkeil und Unähnlichkeit zwischen orga-
nischen Wesen ausgedrückt werden soll. Die Thatsachen scheinen
mir in keiner Weise anzuzeigen, dass die grössre oder gerin-
gere Schwierigkeit verschiedene Arten auf und mit einander zu
propfen und zu kreutzen eine besondre Eigenthümlichkeit ist,
obwohl dieselbe beim Kreutzen für die Dauer und Stetigkeil der
Art-Formen eben so wichtig als beim Propfen unwesentlich für
deren Gedeihen ist.
Ursachen der UnfruchtbarkeitJ^der ersten Kreut-
zungen und der Bastarde.) Sehen wir uns nun etwas/
näher um nach den wahrscheinlichen Ursachen der Sterilität der
ersten Kreutzungen und der Bastarde. Diese zwei Fälle sind
von Grund aus verschieden, da, wie oben bemerkt worden, die
männlichen und die weiblichen Geschlechtstheile bei Paarung
zweier reinen Arten vollkommen, bei Bastarden aber unvoUkoin-
19 *
292
men sind. Selbst bei ersten Kreutzungon hängt die grössrc
oder geringere Schwierigkeit, eine Paarung zu bewiriten , an-
scheinend von mehren verschiedenen Ursachen ab. Oft liegt sie
in der physischen Unmöglichkeit für das männliche Element bis
zum Ei'chen zu gelangen, wie es bei solchen Pflanzen der Fall,
deren Pistill so lang ist, dass die Pollen-Schläuche nicht bis ins
Ovarium hinabreichen können. So ist auch beobachtet worden,
dass wenn der Pollen einer Art auf das Stigma einer nur ent-
fernt damit verwandten Art gebracht wird, die Pollen-Schlauche
zwar hervortretea, aber nicht in die Oberfläche des Stigmas ein-
dringen. In andern Fallen kann das männliche Element zwar
das weibliche erreichen aber unfähig seyn, die Entwickelung des
Embryos zu bewirken , wie Das aus einigen Versuchen Thubets
mit Seetangen hervorzugehen scheint. Wir können diese That-
sachen eben so wenig erklären, als warum gewisse Holzarten
nicht auf andre gepropft werden können. Endlich kann es auch
vorkommen, dass ein Embryo sich zwar zu entwickeln beginnt,
aber schon in der nächsten Zeit zu Grunde geht. Diese letzte
Möglichkeit ist nicht genügend aufgeklärt worden ^ doch glaube
ich nach den von Hrn. Hewitt erhaltenen Mittheilungen, welcher
grosse Erfahrung in der Bastard -Züchtung der Hühner - artigen
Vögel besessen, dass der frühzeitige Tod des Embryos eine sehr
häufige Ursache des Fehlschlagens der ersten Kreutzungen ist.
Ich war anfangs sehr wenig daran zu glauben geneigt, weil
Bastarde, wenn sie einmal geboren sind, sehr kräftig und lang-
lebend zu se>n pflegen, wie Maullhier und Maulesel zeigen.
Überdiess befinden sich Bastarde vor und nach der Geburt unter
ganz verschiedenen Verhältnissen. In einer Gegend geboren und
lebend, wo auch ihre beiden Altern leben, mögen ihnen die
Lebens-Bedingungen wohl zusagen. Aber ein Bastard hat nur
halb an der organischen Bildung und Thätigkeit seiner Mutter
Antheil und mag mithin vor der Geburt, so lange als er sich
noch im Multerleibe oder in den von der Mutter hervorgebrach-
ten Eiern und Saamen befindet, einigermassen ungünstigeren Be-
dingungen ausgesetzt und demzufolge in der ersten Zeit leichler
zu Grunde zu gehen geneigt seyn, zumal alle sehr jungen Wesen
293
(reo-en scliädliche und unnatürliche Lebens-Verliältnisse ausser-
ordentlich einpGndlich sind.
Hinsichlich der Sleriiilät der Bastarde, deren Sexual-Organe
unvollkommen entwickelt sind, verhall sich die Sache ganz an-
ders. Ich habe schon mehrmals angeführt, dass ich eine grosse
Menge von Thatsachen gesammelt habe, welche zeigen, dass,
wenn Pflanzen und Thiere aus ihren natürlichen Verhältnissen
aerissen werden, es vorzugsweise die Fortpflanzungs - Organe
sind, welche dabei angegriden werden. Diess ist in der That
die grosse Schranke für die Zähmung der Thiere. Zwischen
der dadurch veranlassten Unfruchtbarkeit derselben und der der
Bastarde sind manche Ähnlichkeiten. In beiden Fällen ist die
Sterilität unabhängig von der Gesundheit im Allgemeinen und oft
begleitet von vermehrter Grösse und Üppigkeit. In beiden Fällen
kommt die Unfruchtbarkeit in vielerlei Abstufungen vor; in beiden
leidet das männliche Element am meisten, zuweilen aber das
Weibchen doch noch mehr als das Männchen. In beiden geht
die Fruchtbarkeit bis zu gewisser Stufe gleichen Schritts mit der
systematischen Verwandtschaft; denn ganze Gruppen von Pflan-
zen und Thieren werden durch dieselben unnatürlichen Bedin-
gungen impotent, und gleiche Gruppen von Arten neigen zur
Hervorbringung unfruchtbarer Bastarde. Dagegen widersteht zu-
weilen eine einzelne Art in einer Gruppe grossen Veränderungen
in den äusseren Bedingungen mit ungeschwächter Fruchtbarkeit,
und gewisse Arten einer Gruppe liefern ungewöhnlich frucht-
bare Bastarde. Niemand kann, ehe er es versucht hat, voraus-
sagen, ob dieses oder jenes Thier in der Gefangenschaft und ob
diese oder jene ausländische Pflanze während ihres Anbaues sich
gut fortpflanzen wird, noch ob irgend welche zwei Arten einer
Sippe mehr oder weniger sterile Bastarde mit einander hervor-
bringen werden. Endlich, wenn organische Wesen während
mehrer Generationen in für sie unnatürliche Verhältnisse versetzt
werden, so sind sie ausserordentlich zu variiren geneigt, was,
wie ich glaube, davon herrührt, dass ihre Reproduktiv-Systeme
vorzugsweise angegrifl'en sind , obwohl in mindrem Grade als
wenn gänzliche Unfruchtbarkeit folgt. Eben so ist es mit Bastar-»
294
den; denn Bastarde; sind in aufoinandcr-folgendcn Generationen
sehr zu variiren geneigt, wie es jeder Züchter erfahren hat.
So sehen wir denn, dass, wenn organische Wesen in neue
und unnatürliche Verhältnisse versetzt, und wenn Bastarde durch
unnatürliche Kreutzung zweier Arten erzeugt werden, das Repro-
duktiv-Syslem ganz unabhängig von der allgemeinen Gesundheit,
in ganz eigenthüinlicher Weise von Unfruchtbarlieit betroffen
wild. In dem einen Falle sind die Lebens-Bedingungen gestört
worden , obwohl oft nur in einem für uns nicht wahrnehmbaren
Grade; in dem andern, bei den Bastarden nämlich, sind jene
Verhältnisse unverändert geblieben, aber die Organisation ist
dadurch gestört worden, dass zweierlei Bau und Verfassung des
Körpers mit einander vermischt worden ist. Denn es ist kaum
möglich, dass zwei Organisationen in eine verbunden werden,
ohne einige Störung in der Entwickelung oder in der periodi-
schen Thätigkeit oder in den Wechselbeziehungen der verschie-
denen Theile und Organe zu einander oder endlich in den Le-
bens-Beziehungen zu veranlassen. Wenn Bastarde fähig sind
sich unter sich fortzupflanzen, so übertragen sie von Generation
zu Generalion auf ihre Abkommen dieselbe Vereinigung zweier
Organisationen, und wir dürfen daher nicht erstaunen, ihre Un-
fruchtbarkeit, wenn auch einigem Schwanken unterworfen, selten
abnehmen zu si'hen.
Wir müssen jedoch bekennen, dass wir, von haltlosen Hy-
pothesen abgesehen, nicht im Stande sind, gewisse Thatsachen
in Bezug auf die Unfruchtbarkeit der Bastarde zu begreifen, wie
z. B. die ungleiche Fruchtbarkeit der zweierlei Bastarde aus der
Wechselkreulzung , oder die zunehmende Unfruchtbarkeit der-
jenigen Bastarde, welche zufällig oder ausnahmsweise einem ihrer
beiden Altern sehr ähnlich sind. Auch bilde ich mir nicht ein,
durch die vorangehenden Bemerkungen der Sache auf den Grund
zu kommen; denn wir haben keine Erklärung dafür, warum ein
Organismus unter unnatürlichen Lebens - Bediiiguno-en unfrucht-
bar wird. Alles, was ich habe zeigen wollen, ist, dass in zwei
in mancher Beziehung einander ähnlichen Fällen Unfruchtbarkeit
das gleiehe Resultat ist, in dem einen Falle, weil die äussren
295
Lebens-Bodingungen, und in dem andern weil durch Verbindung
zweier Bildungen in eine die Organisation selbst geslort wor-,
den sind. '
Es mag wunderlich scheinen, aber ich vermulhc , dass ein
crieicher Parallclismus noch in einer andern zwar verwandten,
doch an sich sehr verschiedenen Reihe von Thatsachen besieht.
Es ist ein alter und fast allgemeiner Glaube, welcher meines
Wissens auf einer Masse von Erfahrungen beruhet, dass leichte
Veränderuno-.n in den äusseren Lebens - Bedingungen für alle
Lebenwesen wohllhälig sind. Wir sehen daher Landwirlhe und
Gärtner beständig ihre Saamen, Knollen u. s. w. auslauschen,
sie aus einem Boden und Klima ins andre und endlich, wohl
auch wieder zurück versetzen. Während der Wiedergenesung
von Thieren sehen wir sie oft grossen Vorlheil aus diesem oder
jenem Wechsel in ihrer Lebens -Weise ziehen. So sind auch
bei Pflanzen und Thieren reichliche Beweise vorhanden, dass eine
Kreutzung zwischen sehr verschiedenen Individuen einer Art,
nämlich zwischen solchen von verschiedenen Stämmen oder ün-
lerrassen, der Nachzucht Kraft und Fruchtbarkeit verleihe. Ich
alaube in der Thal, nach den im vierten Kapitel angeführten
Thalsachen, dass ein gewisses Maass von Kreutzung selbst für
Hermaphroditen unentbehrlich ist, und dass enge Inzucht zwi-
schen den nächsten Verwandten einige Generalionen lang fort-
gesetzt, zumal wenn dieselben unter gleichen Lebens-Bedingun-
gen gehalten werden, endlich schwache und unfruchtbare Spröss-
linge liefert.
So scheint es mir denn , dass einerseits geringe Wechsel
der Lebens -Bedingungen allen organischen Wesen vorlheilhaft
sind, und dass anderseits schwache Kreutzungen, nainlich zwischen
verschiedenen Stämmen und geringen Varietäten ein^r Art, der
Nachkommenschaft Kraft und Stärke verleihen. Dagegen haben
wir aber auch gesehen, dass stärkere Wechsel der Verhältnisse
und zumal solche von gewisser Art die Organismen oft in ge-
wissem Grade unfruchtbar machen können, wie auch stärkere
Kreutzungen, nämlich zwischen sehr verschiedenen oder in ge-
wissen Beziehungen von einander abweichenden Männchen- und
296
Woibclum Bustanle hervorbringen, die gewöhnlich einigermnassen
unfruchtbar sind. Ich vermag mich nicht zu überreden, dass
dieser Parallelismus auf einem blossen Zufalle oder einer Täu-
schung beruhen solle. Beide Reihen von Thatsachen scheinen
durch ein gemeinsames aber unbekanntes Band mit einander
verkettet, welches mit dem Lebens-Prinzipe wesentlich zusam-
menhängt.
Fruchtbarkeit gekreutzter Varietäten und ihrer
Blendlinge.) Man mag uns als einen sehr kräftigen Beweis-
Grund entgegenhalten, es müsse irgend ein wesentlicher Unter-
schied zwischen Arten und Varietäten seyn und sich irgend ein
Irrlhum durch alle vorangehenden Bemerkungen hindurchziehen,
da ja Varietäten , wenn sie in ihrer äusseren Erscheinung auch
noch so sehr auseinandergehen, sich doch leicht kreutzen und
vollkommene fruchtbare Nachkommen liefern. Ich gebe mit eini-
gen sogleich nachzuweisenden Ausnahmen vollkommen zu, dass
sich Diess meistens unabänderlich so verhält. Aber dieser Fall
bietet noch grosse Schwierigkeiten dar; denn wenn wir die in
der Natur vorkommenden Varietäten belrachten , so werden wir
unmittelbar in hoffnungslose Schwierigkeiten eingehüllt, weil, so-
bald zwei bisher als Varietäten angesehene Formen sich einio-er-
maassen steril mit einander zeigen, dieselben von den meisten
Niiturforscliern sogleich zu Arten erhoben werden. So sind z. B.
die rolhe und die blaue Anagillis, die hell- und die dunkel-gelbe
Schlüsselblume, welche die meisten unsrer besten Botaniker für
blosse Varietäten halten, nach Gärtner bei der Kreutzung nicht
vollkommen fruchtbar und werden desshalb von ihm als unzwei-
felhafte Arten bezeichnet. Wenn wir daraus im Zirkel schliessen,
so muss die Fruchtbarkeit aller natürlich entstandenen Varietäten
als erwiesen angesehen werden.
Auch wenn wir uns zu den erwiesener oder vermutheter
Maassen im Kultur-Zustande erzeugten Varietäten wenden, sehen
wir uns noch in Zweifel verwickelt. Denn wenn es z. B. fest-
steht, dass der deutsche Spitz-Hund sich leichter als andre Hunde-
Rassen mit dem Fuchse paart, oder dass gewisse in Südamerika
einheimische Haushunde sich nicht wirklich mit Europäischen
297
Hunden kreulzen , so ist die Erklärung, welche jedem einfallen
wird und wahrscheinlich auch die richtige ist, die, dass diese
Hunde von verschiedenen wilden Arten abslammen. Dem unge-
achtet ist die vollkommene Fruchtbarkeit so vieler gepflegter
Varietäten, die in ihrem äusseren Ansehen so weit von einander
verschieden sind, wie die der Tauben und des Kohles, eine
merkwürdige Thatsache, besonders wenn wir- erwägen, wie zahl-
reiche Arten es gibt, die äusserlich einander sehr ähnlich, doch
bei der Kreutzung ganz unfruchtbar mit einander sind. Ver-
schiedene Betrachtungen jedoch lassen die Fruchtbarkeit der ge-
pflegten Varietäten weniger merkwürdig erscheinen, als es an-
fänglich der Fall ist. Denn erstens müssen wir uns erinnern,
wie wenig wir über die wahre Ursache der Unfruchtbarkeit so-
wohl der miteinander gekreutzten als der ihren natürlichen
Lebens -Bedingungen entfremdeten Arten wissen. Hinsichtlich
dieses letzten Punktes hat mir der Raum nicht gestattet, die
vielen merkwürdigen Thatsachen aufzuzählen, die ich gesammelt
habe: was die Unfruchtbarkeit belriff't, so spiegelt sie sich in
der Verschiedenheit der beiderlei Bastarde der Wechselkreutzung
sowie in den eigenthümlichen Fällen ab, wo eine Pflanze leichter
durch fremden als durch ihren eigenen Saanienstaub befruchtet
werden kann. Wenn wir über diese und andre VäWe, wie über
den nachher zu berichtenden von den verschieden gefärbten
Varietäten der Verbascum thapsus nachdenken , so müssen wir
fühlen, wie gross unsre Unwissenheit und wie klein für uns die
Wahrscheinlichkeit ist zu begreifen, woher es komme, dass bei
der Kreutzung gewisse Formen fruchtbar un.l andre unfruchtbar
sind. Es lässt sich zweitens klar nachweisen , dass die blosse
äussre Unähnlichkeit zwischen zwei Arten deren grössre oder
geringere Unfruchtbarkeit im Falle einer Kreutzung nicht bedingt;
und dieselbe Regel wird auch auf die gepflegten Varietäten an-
zuwenden seyn. Drittens glauben einige ausgezeichnete Natur-
forscher, dass ein lang-dauernder Zähmungs- oder Kultur-Zustand
geeignet seye, die Unfruchtbarkeit der Bastarde, welche anfangs
nur wenig steril gewesen sind, in aufeinander-folgenden Genera-
tionen mehr und mehr zu verwischen ; und wenn Diess der Fall,
298
so worden wir gewiss nicht erwarten dürfen, Sterilität unter
dem Einflüsse von nahezu den nämlichen Lebens -Bedingungen
erscheinen und verschwinden zu sehen. Endlich , und Diess
scheint mir bei weitem die wichtigste Betrachtung zu seyn,
bringt der Mensch neue Pflanzen- und Thier-Rassen im Kullur-
Zustande durch die Kraft planmassiger oder unbewusster Züch-
tung zu eignem Nutzen und Vergnügen hervor; er will nicht
und kann nicht die kleinen Verschiedenheiten im Reproduktiv-
Systeme oder andre mit dem Reproduktiv-Systeme in Wechsel-
beziehung stehenden Unterschiede zum Gegenstande seiner Züch-
tung machen. Die Erzeugnisse der Kultur und Zähmung sind
dem Klima und andern physischen Lebens-Bedingungen viel min-
der vollkommen als die der Natur angepasst ; denn gewöhnlich
lassen sie sich ohne Nachtheil in andre Gegenden von verschie-
dener Beschaffenheit verpflanzen. Der Mensch versieht diese
verschiedenen Abänderungen mit der nämlichen Nahrung, behan-
delt sie fast auf dieselbe W^eise und will ihre allgemeine Lebens-
Weise nicht ändern. Die Natur wirkt einförmig und langsam
während unermesslicher Zeit-Perioden auf die gesammte Organi-
sation der Geschöpfe in einer Weise, die zu deren eignem Besten
dient: und so maor sie unmittelbar oder wahrscheinlicher mittel-
bar, durch Correlation, auch das Reproduktiv-System in den man-
cherlei Abkömmlinoren einer nämlichen Art abändern. Wenn
man diese Verschiedenheit im Züchtungs- Verfahren von Seiten
des Menschen und der Natur berücksichtigt, wird man sich nicht
mehi wundern können, dasssich einiger Unterschied auebin den
Ergebnissen zeigt.
Ich habe bis jetzt so gesprochen , als seyen die Varietäten
einer nämlichen Art bei der Kreutzung meistens unabänderlich
fruchtbar. Es scheint mir aber unmöglich, sich dem Beweise
von dem Daseyn eines gewissen Maasses von Unfruchtbarkeit in
einigen wenigen Fällen zu verschliessen, von denen ich kürzlich
berichten will. Der Beweis ist wenigstens eben so gut als der-
jenige, welcher uns an die Unfruchtbarkeit einer Menge von Ar-
ten [bei der Kreutzung?] glauben macht, und ist von gegneri-
schen Zeugen entlehnt, die in allen andern Fällen Fruchtbarkeit
299
und Unfruclilbarkeit nls gute Art-Krilorien betrachten. Gärtner
hielt einige Jahre lang eine Sorte Zwerg- Mais mit gelbem und
eine grosse Varietät mit rolhem Saamen, welche nahe beisam-
men in seinem Garten wuchsen; und obwohl diese Pflanzen ge-
Ireiinten Geschlechtes sind, so kreulzen sie sich doch nie von
selbst mit einander. Er befruchtete dann dreizehn Blüthen-
Ähren* des einen mit dem Pollen des andern; aber nur ein
einziger Stock gab einige Saamen und zwar nur fünf Körner.
Die Behandlungs-Weise kann in diesem Falle nicht schäd-
lich gewesen seyn, indem die Pflanzen getrennte Geschlechter
haben Noch Niemand hat meines Wissens diese zwei Mais-Sor-
ten für verschiedene Arten angesehen; und es ist wesentlich zu
bemerken, dass die aus ihnen erzogenen Blendlinge vollkommen
fruchtbar waren, so dass auch Gärtner selbst nicht wagte, jene
Sorten für zwei verschiedene Arten zu erklären.
GiROU DE BuzAREiNGUES krcutzte drei Varietäten von Gurken
miteinander, welche wie der Mais getrennten Geschlechtes sind,
und versicherte, ihre gegenseitige Befruchtung seye um so
schwieriger, je grösser ihre Verschiedenheit. In wie w§it dieser
Versuch Vertrauen verdient , weiss ich nicht , aber die drei zu
denselben benutzten Formen sind von Sagaret, welcher sich bei
seiner Unterscheidung der Arten hauptsächlich auf ihre Unfrucht-
barkeit stützt, als Varietäten aufgestellt worden.
Weit merkwürdiger und anfangs fast unglaublich erscheint
der folgende Fall; jedoch ist er das Resultat einer Menge viele
Jahre lang an neun Verbascum - Arten forlgesetzter Versuche,
welche hier noch um so höher in Anschlag zu bringen , als sie
von Gärtnern herrühren, der ein eben so vortrefflicher Beobach-
ter als entschiedener Gegner der Meinung ist, dass die gelben
und die weissen Varietäten der nämlichen Verbascum-Arten bei
der Kreutzung mit einander weniger Saamen geben, als jede
derselben liefert, wenn sie mit Pollen aus Blüthen von ihrer
eignen Farbe befruchtet worden. Er erklärt nun, dass wenn
gelbe und weisse Varietäten einer Art mit gelben und weissen
„Flowers'' doch wohl Bliithen-Ähren.
D. Übs
300
Variotälen einer andern Art gekreulzt worden, man mehr Saa-
men erhält, indem man die gleichfarbigen als wenn man die un-
gleichfarbigen Varietäten miteinander paart. Und doch ist zwischen
diesen Varietäten von Verbascum kein andrer Unterschied als in
der Farbe ihrer Blüthen, und die eine Farbe entspringt zuweilen
aus Saamen der andersfarbigen Varietät.
Nach Versuchen, die ich mit gewissen Varietäten der Rosen-
Malve angestellt, möchte ich vermulhen, dass sie ähnliche Er-
scheinungen darbieten.
KöLREUTER, dessen Genauigkeit durch jeden späteren Beob-
achter bestätigt worden ist, hat die merkwürdige Thatsache be-
wiesen, dass eine Varietät des Tabaks, wenn sie mit einer ganz
andern ihr weit entfernt stehenden Art gekreutzt wird , frucht-
barer ist als mit Varietäten der nämlichen Art. Er machte mit
fünf Formen Versuche, die allgemein für Varietäten gelten, was
er auch durch die strengste Probe, nämlich durch Wechsel-
kreutzungen bewies, welche lauler ganz fruchtbare Blendlinge
lieferten. Doch gab eine dieser fünf Varietäten, mochte sie nun
als Vater oder Mutter mit ins Spiel kommen, bei der Kreutzung
mit Nicotiana glutinosa stets minder unfruchtbare Bastarde, als
die vier " andern Varietäten. Es muss daher das Reproduktiv-
System dieser einen Varietät in irgend einer Weise weniger
modifizirt worden seyn.
Bei der grossen Schwierigkeit die Unfruchtbarkeit der Va-
rietäten im Natur -Zustande zu bestätigen, weil jede bei der
Kreutzung etwas unfruchtbare Varietät alsbald allgemein für eine
Spezies erklärt werden würde , so wie in Folge des Umstandes,
dass der Mensch bei seinen künstlichen Züchtungen nur auf die
äusseren Charaktere sieht und nicht verborgene und funktionelle
Verschiedenheiten im Reproduktiv-System hervorzubringen beab-
sichtigt, glaube ich mich aus der Zusammenstellung aller That-
sachen zu folgern berechtigt, dass die Fruchtbarkeit der Varie-
täten unter einander keineswegs eine allgemeine Regel und
mithin auch nicht geeignet seye, eine Grundlage zur Unterschei-
dung von Varietäten und Arten abzugeben. Die gewöhnlich
stattfindende Fruchtbarkeit der Varietäten unter einander scheint
301
mir, bei unsrer gänzlichen Unkonntniss von den Ursachen sowohl
der Fruchtbarkeil als der Sterilität, nicht genügend, um meine
Ansicht über die sehr allgemeine aber nicht beständige Unfrucht-
barkeit der ersten Kreutzungen und der Bastarde umzustossen,
dass dieselbe nämlich keine besondre Eigenschaft für sich dar-
stelle, sondern mit andern langsam entwickelten Modifikationen
zumal im Reproduktiv-Systeme der mit einander gekreutzten For-
men zusammenhänge.
Bastarde und Blendlinge unabhängig von ihrer
Fruchtbarkeit verglichen.) Die Nachkommenschaft der
untereinander gekreutzten Arten und die der Varietäten lassen
sich unabhängig von der Frage der Fruchtbarkeit noch in meh-
ren Beziehungen mit einander vergleichen. Gärtner, dessen be-
harrlicher Wunsch es war, eine scharfe Unterscheidungs-Linie
zwischen Arten und Varietäten zu ziehen, konnte nur sehr we-
nige und wie es scheint nur ganz unwesentliche Unterschiede
zwischen den sogenannten Bastarden der Arten und den Blend-
linoen der Varietäten entdecken, wogegen sie sich in vielen an-
dern wesentlichen Beziehungen vollkommen gleichen. Hier kann
ich diesen Gegenstand nur ganz kurz erörtern. Als wichtigster
Unterschied hat sich ergeben , dass in der ersten Generation
Blendlinge veränderlicher als Bastarde sind; doch gibt Gärtner
zu, dass Bastarde von bereits lange kultivirten Arten oft schon
in erster Generation sehr veränderlich sind, und ich selbst habe
sehr treffende Belege für diese Thatsache. Gärtner gibt ferner
zu, dass Bastarde zwischen sehr nahe verwandten Arten verän-
derlicher sind, als die von weit auseinander-stehenden; und dar-
aus ergibt sich, dass der im Grade der Veränderlichkeit gesuchte
Unterschied stufenweise abnimmt. Wenn Blendlinge oder frucht-
barere Bastarde einige Generalionen lang in sich fortgepflanzt
werden, so nimmt anerkannter Maassen die Veränderlichkeit ihrer
Nachkommen bis zu einem ausserordentlichen Maasse zu ; da-
gegen lassen sich einige wenige Fälle anführen, wo Bastarde
sowohl als Blendlinge ihren einförmigen Charakter lange Zeit be-
hauptet haben. Doch ist die Veränderlichkeit in den aufeinander-
302
folgenden Generationen der Blendlinge vielleicht grösser als bei
den Bastarden.
Diese grössre Veränderlichkeit der Blendlinge den Bastar-
den gegenüber scheint mir in keiner Weise überraschend. Denn
die Altern der Blendlinge sind Varietäten und meistens zahme
und kultivirte Varietäten (da nur sehr wenige Versuche mit wil-
den Varietäten angestellt worden sind), wesshalb als Regel an-
zunehmen, dass ihre Veränderlichkeit noch eine neue ist, daher
denn auch zu erwarten steht, dass dieselbe oft noch fortdaure
und die schon aus der Kreulzung entspringende Veränderlichkeit
verstärke. Der geringere Grad von Variabilität bei Bastarden
aus erster Kreutzung oder aus erster Generalion im Gegensatze
zu ihrer ausserordentlichen Veränderlichkeit in späteren Gene-
rationen ist eine eigenlhümliche und Beachtung verdienende That-
sache ; denn sie führt zu der Ansicht, die ich mir über die Ur-
sache der gewöhnlichen Variabilität gebildet, und unterstützt die-
selbe, dass diese letzte nämlich aus dem Reproduktions-Syslome
herrühre, welches für jede Veränderung in den Lebens-Bedin-
gungen so empfindlich ist, dass es hiedurch oft ganz unvermö-
gend oder wenigstens für seine eigentliche Funktion, mit der
älterliciien Form übereinstimmende Nachkommen zu erzeugen,
unfähig gemacht wird. Nun rühren die in erster Generation ge-
bildeten Bastarde alle von Arten her, deren Reproduktiv-Systeme
ausser bei schon lange kultivirten Arten in keiner Weise leidend
gewesen, und sind nicht veränderlich ; aber Bastarde selber haben
ein ernstlich angegriffenes Reproduktiv-System, und ihre Nach-
kommen sind sehr veränderlich.
Doch kehren wir zur Vergleichung zwischen Blendlingen
und Bastarden zurück. Gäutner behauptet, dass Blendlinge mehr
als Bastarde geneigt seyen, wieder in eine der älterlichen Formen
zurückzuschlagen ; doch ist dieser Unterschied , wenn er richtig,
gewiss nur ein stiifenweiser. Gähtner legt ferner Nachdruck
darauf, dass, wenn zwei obgleich nahe mit einander verwandte
Arten mit einer dritten gekreutzt werden , deren Bastarde doch
weit auseinander weichen, während, wenn zwei sehr verschiedene
Varietäten einer Art mit einer andern Art gekreutzt werden,
303
deren Blendlinge unter sich nicht sehr verschieden sind. Dieses
Ergebniss ist jedoch so viel ich zu ersehen im Stande bin , nur
auf einen einzigen Versuch gegründet und scheint den Erfah-
rungen geradezu entgegengesetzt zu seyn, welche Kölreuteb bei
mehren Versuchen gemacht hat.
Diess sind allein die an sich unwesentlichen Verschieden-
heiten, welche GÄniNEB zwischen Bastarden und Blendlingen der
POanzen auszumitleln im Stande gewesen ist. Aber auch die
Ähnlichkeit der Bastarde und Blendlinge, und insbesondere die
von nahe verwandten Arten entsprungenen Bastarde mit ihren
Altern folgt nach Gärtner den nämlichen Gesetzen. Wenn zwei
Arten gekreulzt werden, so zeigt zuweilen eine derselben ein
überwiegendes Vermögen eine Ähnlichkeit mit ihr dem Bastarde
aufzuprägen, und so ist es, wie ich glaube, auch mit Pflanzen-
Varietäten. Bei Thieren besitzt gewiss oft eine Varietät dieses
überwiegende Vermögen über eine andre. Die beiderlei Bastard-
Pflanzen aus einer Wechselkreutzung gleichen einander gewöhn-
lich sehr, und so ist es auch mit den zweierlei Blendlingen aus
Wechselkreutzungen. Bastarde sowohl als Blendlinge können
wieder in jede der zwei älterlichen Formen zurückgeführt wer-
den, wenn man sie in aufeinander-folgenden Generationen wie-
derholt mit der einen ihrer Stamm-Formen kreutzt.
Diese verschiedenen Bemerkungen lassen sich offenbar auch
auf Thiere anwenden; doch wird hier der Gegenstand ausseror-
dentlich verwickelt, theils in Folge vorhandener sekundärer
Sexual-Charaktere und theils insbesondere in Folge des gewöhn-
lich bei einem von beiden Geschlechtern überwiegenden Vermö-
gens sein Bild dem Nachkommen aufzuprägen, eben sowohl wo
es sich um die Kreutzung von Arten, als dort, wo es sich um
die von Varietäten unter einander handelt. So glaube ich z. B.,
dass diejenigen Schriftsteller Becht haben, welche behaupten, der
Esel besitze ein solches Übergewicht über das Pferd , in dessen
Folge sowohl Maulesel als Maulthier mehr dem Esel als dem
Pferde glichen ; dass jedoch dieses Übergewicht noch mehr bei
dem männlichen als dem weiblichen Esel hervortrete, daher der
Maulesel als der Bastard von Esel-Hengst und Pferde-Stute dem
304
Esel mehr als das Maullhier gleiche, welches das Pferd zum
Vater und eine Eselin zur Mutler hat.
Einige Schriftsteller haben viel Gewicht darauf gelegt, dass
es unter den Thieren nur bei Blendlingen vorkomme, dass solche
einem ihrer Altern ausserordentlich ähnlich seyen ; doch lässt
sich nachweisen, dass Solches auch bei Bastarden, wenn gleich
seltener als bei Blendlingen, der Fall ist. Was die von mir ge-
sammelten Fälle von einer Kreutzung entsprungenen Thieren be-
triirt, die einem der zwei Altern sehr ähnlich gewesen, so scheint
sich diese Ähnlichkeit vorzugsweise auf in ihrer Art monströse
und plötzlich aufgetretene Charaktere zu beschränken, wie Aibi-
nismus, Melanismus, Mangel der Hörner, Fehlen des Schwanzes
und Überzahl der Finger und Zehen , daher sie keinen Zusam-
menhang mit den durch Züchtung langsam entwickelten Merk-
malen haben. Demzufolge werden auch Fälle plötzlicher Rück-
kehr zu einem der zwei älterlichen Typen bei Blendlingen vor-
kommen, welche von oft plötzlich entstandenen und ihrem Cha-
rakter nach halb-monströsen Varietäten abstammen , als bei Ba-
starden , die von langsam und auf natürliche Weise gebildeten
Arten herrühren. Im Ganzen aber bin ich der Meinung von Dr.
Prosper Lucas, welcher nach der Musterung einer ungeheuren
Menge von Thatsachen bei den Thieren zu dem Schlüsse gelangt,
dass die Gesetze der Ähnlichkeit zwischen Kindern und Ältern
die nämlichen sind, ob beide Ältern mehr oder ob sie weniger
von einander abweichen, ob sie einer oder ob sie verschiedenen
Varietäten oder ganz verschiedenen Arten angehören.
Von der Frage über Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit ab-
gesehen , scheint sich in allen andern Beziehungen eine grosse
Ähnlichkeit des Verhaltens zwischen Bastarden und Blendlingen
zu ergeben. Bei der Annahme, dass die Arten einzeln erschaf-
fen und die Varietäten erst durch sekundäre Gesetze entwickelt
worden seyen , müsste ein solches ähnliches Verhalten als eine
äusserst befremdende Thatsache erscheinen. Geht man aber von
der Ansicht aus, dass ein wesentlicher Unterschied zwischen Ar-
ten und Varietäten gar nicht vorhanden seye, so steht es voll-
kommen mit derselben im Einklang.
305
Zusammenfassung des Kapitels.) Erste Kreutzun-
gen sowohl zwischen genügend unterschiedenen lärmen, um für
Varietäten zu gellen, wie zwischen ihren Bastarden sind sehr oll,
aber nicht immer unfruchtbar. Diese Unfruchtbarlteit findet in
allen Abstufungen statt und ist oft so unbedeutend, dass die
zwei erfahrensten Experimentist^^n, welche jemals gelebt, zu mit-
unter schnurstracks entgegengesetzten Folgerungen gelangten,
als sie die Formen darnach ordnen wollten. Die Unfruchtbarkeit
ist von angeborener Veränderlichkeit bei Individuen einer näm-
lichen Art, und für günstige und ungünstige Einflüsse ausser-
ordentlich empfänglich. Der Grad der Unfruchtbarkeit richtet sich
nicht genau nach systematischer Affinität, sondern ist von einigen
eigenthümlichen und verwickelten Gesetzen abhängig. Er ist ge-
wöhnlich ungleich und oft sehr ungleich bei Wechselkreutzung
der nämlichen zwei Arten. Er ist nicht immer von gleicher
Stärke bei einer ersten Kreutzung und den daraus entspringenden
Nachkommen.
In derselben Weise, wie beim Zweigen der Bäume die Fähig-
keit einer Art oder Varietät bei andern anzuschlagen mit mei-
stens ganz unbekannten Verschiedenheiten in ihren vegetativen
Systemen zusammenhängt, so ist bei Kreutzungen die grössere
oder geringere Leichtigkeit einer Art sich mit der andern zu be-
fruchten von unbekannten Verschiedenheilen in ihren Reproduk-
tions-Systemen veranlasst. Es ist daher nicht mehr Grund an-
zunehmen, dass von der Natur einer jeden Art ein verschiedener
Grad von Sterilität in der Absicht ihr gegenseitiges Durchkreutzen
und Ineinanderlaufen zu verhüten besonders eingebunden worden
seye, — als Ursache vorhanden ist anzunehmen, dass jeder Holz-
art ein verschiedener und etwas analoger Grad von Schwierigkeit
beim Verpfropfen auf andern Arten anzuschlagen eingebunden
worden seye, um zu verhüten, dass sich nicht alle in unsern
Wäldern aufeinander-pfropfen.
Die Sterilität der ersten Kreutzungen zwischen reinen Arten
mit vollkommenen Reprodukliv-Systemen scheint von verschiede-
nen Ursachen abzuhängen: in einigen Fällen meistens von früh,
zeitigem Verderben des Embryos. Die Unfruchtbarkeit der
Darwin, Euwtoliung dor Arten. 2. Aufl. 20
306
Bastarde mit unvollkommenem Reproduklions-Systeme nnd der-
jenigen wo dieses System so wie die ganze Organisation durch
Verschmelzung zweier Arten in eine gestört worden ist, seheint
nahe übereinzukommen mit derjenigen Sterilität, welche so oft
auch reine Spezies belälll, wenn ihre natürlichen Lebens-Bedin-
gungen gestört worden sind. Diese Betrachtungs-Weise wird
noch durch einen Parallelisinus andrer Art unlerstiitzl , indem
nämlich die Kreutzung nur wenig von einander abweichender
Formen die Kraft und Fruchtbarkeit der Nachkommenschaft be-
fördert, wie geringe Veränderungen in den äusseren Lebens-Be-
dingungen für Gesundheit und Fruchtbarkeit aller organischen
Wesen vortheiihaft sind. Es ist nicht überraschend, dass der
Grad der Schwierigkeit zwei Arten mit einander zu befruchten
und der Grad der Unfruchtbarkeit ihrer Bastarde einander im
Allgemeinen entsprechen, obwohl sie von verschiedenen Ursaciien
herrühren 5 denn beide hängen von dem Maasse irgend welcher
Verschiedenheit zwischen den gekreutzten Arten ab. Eben so
ist es nicht überraschend, dass die Leichtigkeit eine erste Kreutzung
zu bewirken, die Fruchtbarkeit der daraus entsprungenen Ba-
starde und die Fähigkeit wechselseitiger Aufeinanderpfropfung,
obwohl diese letzte olTenbar von weit verschiedenen Ursachen
abhängt, alle bis zu einem gewissen Grade parallel gehen mit
der systematischen Verwandtschaft der Formen , welche bei den
Versuchen in Anwendung gekommen; denn »systematische Affi-
nität« bezweckt alle Sorten von Ähnlichkeiten zwischen den
Spezies auszudrücken.
Erste Kreutzungen zwischen Formen, die als Varietäten gelten
oder doch genügend von einander verschieden sind um dafür zu
gehen, und ihre Blendlinge sind zwar gewöhnlich, aber nicht
(wie so oft irrthümlich behauptet worden) ohne Ausnahme frucht-
bar. Doch ist diese gewöhnliche und vollkommene Fruchtbarkeit
nicht befremdend, wenn wir uns erinnern, wie leicht wir hin-
sichtlich der Varietäten im Natur-Zustande in einen Zirkelschluss
geralhen, und wenn wir uns ins Gedächtniss rufen, dass die
grössre Anzahl der Varietäten durch Kultur -mittelst Züchtung
bloss nacii äusseren Verschiedenheiten und nicht nach solchen
307
im Reproduktiv -System hervorgebracht worden sind. In allen
andren Beziehungen, ausser der Fruchtbarkeit, ist eine allgemein
sehr grosse Ähnlichkeit zwischen Bastarden und Blendlingen.
Endlich scheinen mir die in diesem Kapitel kürzlich aufgezählten
Thatsachen, trotz unsrer völligen Unbekanntschaft mit den wirk-
lichen Ursachen der Unfruchtbarkeit nicht im Widerspruch, son-
dern in mehrfacher Hinsicht im Einklang zu stehen mit der An-
sicht, dass es keinen gründlichen Unterschied zwischen Arten
und Varietäten gibt.
Unvollkoiiinienlieit der Geologischen tberliefciungeii.
Mangel mittler Varietäten zwischen den heuligen Formen. - Natur der er-
loschenen Mittel-Varietäten und deren Zahl. — Länge der Zeit-Perioden
nach Maassgabe der Ablagerungen und Entblössungen. — Armuth unsrer
paläontologischen Sammlungen. — Entblössung granitischer Boden-Flächen-
Unterbrechung geologischer Formationen. — Abwesenheit der Mittel-
Varietäten in allen Formationen. — Plötzliche Erscheinung von Arten-
Gruppen. Ihr plötzliches Auftreten in den ältesten Fossilien - führenden
Schichten.
Im sechsten Kapitel habe ich die Haupteinreden aufgezählt,
welche man gegen die in diesem Bande aufgestellten Ansichten
erheben könnte. Die meisten derselben sind jetzt bereits erör-
tert worden. Darunter ist eine allerdings von handgreiflicher
Schwierigkeit: die der Verschiedenheit der Art-Formen ohne
wesentliche Verkettung durch zahllose Übergangs-Formen. Ich
habe die Ursachen nachgewiesen, warum solche Glieder heutzu-
tage unter den anscheinend für ihr Daseyn günstigsten Umstän-
den, namentlich auf ausgedehnten und zusammenhängenden Flächen
mit allmählich abgestuften physikalischen Bedingungen nicht ge-
wöhnlich zu finden sind. Ich versuchte zu zeigen, dass das Leben
einer jeden Art noch wesentlicher abhängt von der Anwesenheit
gewisser andrer organischer Formen , als vom Klima , und dass
20 ♦
308
daher die wesenllich leitenden Lebens-Bedingungen sich nicht so
allmiihlig abstulen, wie Wärme und Feuchtigkeit. Ich versuchte
ferner zu zeigen, dass mittle Varietäten desswegen, weil sie in
geringrer Anzahl als die von ihnen verketteten Formen vorkom-
men 5 im Verlaufe weitrer Veränderung und Vervollkommnung
dieser letzten bald verdrängt werden. Die H.iuplursache jedoch,
warum nicht in der ganzen Natur jetzt noch zahllose solche Zwi-
schenglieder vorkommen, liegt im Prozesse der natürlichen Züch-
tung, wodurch neue Varietäten fortwährend die Stelle der Stamm-
Formen einnehmen und dieselben vertilgen. Aber gerade in dem
Verhältnisse, wie dieser Prozess der Vertilgung in ungeheurem
Maasse thätig gewesen ist, so muss auch die Anzahl der Zwi-
schenvarioläten, welche vordem auf der Erde vorhanden waren,
eine wahrhaft ungeheure gewesen seyn. Doch woher kömmt es
dann, dass nicht jede Formation und jede Gesleins-Schicht voll
von solchen Zwischenformen ist? Die Geologie enthüllt uns
sicherlich nicht eine solche fein abgestufte Organismen-Reihe;
und Diess ist vielleicht die handgreiflichste und gewichtigste Ein-
rede, die man meiner Theorie entgegenhalten kann. Die Erklä-
rung liegt aber, wie ich glaube, in der äussersten UnvoUständig-
keit der geologischen Überlieferungen.
Zuerst muss man sich erinnern , was für Zwischenformen
meiner Theorie zufolge vordem bestanden haben müssten. Ich
habe es schwierig gefunden, wenn ich irgend welche zwei Arten
betrachtete, unmittelbare Zwischenformen zwischen denselben mir
in Gedanken auszumalen. Es ist Diess aber auch eine ganz
falsche Ansicht ; denn man hat sich vielmehr nach Formen um-
zusehen, welche zwischen jeder der zwei Spezies und einem ge-
meinsamen aber unbekannten Stammvater das Mittel halten; und
dieser Stammvater wird gewöhnlich von allen seinen Nachkommen
einigermaassen verschieden gewesen seyn. Ich will Diess mit
einem einfachen Beispiele erläutern. Die Pfauen-Taube und der
Kröpfer leiten beide ihren Ursprung von der Felstaube (C. livia)
her; i aber eine unmittelbare Zwischcii-Varietät zwischen Pfauen-
Taube und Kropf-Taube wird es nicht geben, keine z. B., die
einen etwas ausgebreiteteren Schwanz mit einem nur massig
309
orvv(Mtorteii Kröpfe verbände, worin doch oben die bezeichnenden
Merkmale jener zwei Rassen liegen. Diese beiden Rassen sind
iiberdiess so sehr modifizirl worden, dass, wenn wir keinen hi-
storischen oder indirekten Beweis über ihren Ursprung hallen,
wir unmöglich im Stande gewesen seyn würden durch blosse
Vergleichung ihrer Struktur zu bestimmen, ob sie aus der Fels-
taube (Columba livia) oder einer andern ihr verwandten Art, wie
z. B. Columba oenas, entstanden seyen.
• So verhält es sich auch mit den natürlichen Arten. Wenn
wir uns nach sehr verschiedenen Formen umsehen, wie z. B.
Pferd und Tapir, so finden wir keinen Grund zu unterstellen,
dass es jemals unmittelbare Zwischenglieder zwisclien denselben
gegeben habe, wohl aber zwischen jedem von beiden und irgend
einem unbekannten Stamm -Vater. Dieser gemeinsame Stamm-
Vater wird in seiner ganzen Organisation viele allgemeine Ahn-
lichkeil mit dem Tapir so wie mit dem Pferde besessen haben;
doch in einer und der andern Hinsicht auch von beiden beträcht-
lich verschieden gewesen seyn, vielleicht in noch höherem Grade,
als beide jetzt unter sich sind. Daher wir in allen solchen Fällen
nicht im Stande seyn würden, die älterliche Form für irgend
welche zwei oder drei sich nahe-stehende Arten auszumitteln,
selbst dann nicht, wenn wir den Bau des Stamm-Vaters genau
mit dem seiner abgeänderten Nachkommen vergleichen, es seye
denn, dass wir eine nahezu vollständige Kette von Zwischen-
gliedern dabei hätten.
Es wäre nach meiner Theorie allerdings möglich, dass von
zwei noch lebenden Formen die eine von der andern abstammte,
wie z. B. das Pferd von Tapir, und in diesem Falle müsste es
unmittelbare Zwischenglieder zwischen denselben gegeben haben.
Ein solcher Fall würde jedoch voraussetzen, dass die eine der
zwei Arten (der Tapir) sich eine sehr lange Zeit hindurch un-
verändert erhalten habe, während ein Theil ihrer Nachkommen
sehr ansehnliche Veränderungen erfuhren. Aber das Princip der
Mitbewerbung zwischen Organismus und Organismus, zwischen
Vater und Sohn, wird diesen Fall nur sehr seilen aufkommen
310
lassen; denn in allen Fallen streben die neuen und verbesserten
Leberis-Formen die alten und unpassendem zu ersetzen.
Nach der Theorie der Natürlichen Züchtung stehen alle leben-
den Arten mit einer Stamm-Art ihrer Sippe in Verbindung durch
Charaktere, deren Unterschiede nicht grösser sind, als wir sie
heutzutage zwischen Varietäten einer Art sehen; diese jetzt ge-
wöhnlich erloschenen Stamm -Arten waren ihrerseits wieder in
ähnlicher Weise mit älteren Arten verkettet: und so immer weiter
rückwärts, bis endlich alle in einem gemeinsamen Vorgänger
einer ganzen Ordnung oder Klasse zusammentreffen. So muss
daher die Anzahl der Zwischen- und Übergangs-Glieder zwischen
allen lebenden und erloschenen Arten ganz unbegreiflich gross
gewesen seyn. Aber, wenn diese Theorie richtig ist, haben sie
gewiss auf dieser Erde gelebt.
Über die Zeitdauer.) Unabhängig von der aus dem
Mungel jener endlosen Anzahl von Zwischengliedern hergenom-
menen Einrede könnte man mir ferner entgegenhalten, dass die
Zeit nicht hingereicht habe, ein so ungeheures Maass organischer
Veränderungen durchzuführen, weil alle Abänderungen nur sehr
langsam durch Natürliche Züchtung bewirkt worden seyen. Es
würde mir kaum möglich seyn, demjenigen Leser, welcher kein
praktischer Geologe ist, alle Thatsachen vorzuführen, welche uns
einigermaassen die unermessliche Länge der verflossenen Zeit-
räume zu erfassen in den Stand setzen. VV^er Sir Charles Lyells
grosses Werk »the Principles of Geology , welchem spätre Hi-
storiker die Anerkennung eine grosse Umwälzung in den Natur-
Wissenschaften bewirkt zu haben nicht versagen werden, lesen
kann und nicht sofort die unbegreifliche Länge der verflossenen
Erd- Perioden zugesteht, der mag dieses Buch nur schliessen.
Nicht als ob es genüge die Principles of Geology zu studiren
oder die Special-Abhandlungen verschiedner Beobachter über ein-
zelne Formationen zu lesen, deren jeder bestrebt ist einen un-
genügenden Begriff von der Enlslehungs-Dauer einer jeden For-
mation oder sogar jeder einzelnen Schicht zu geben. Jeder muss
vielmehr erst Jahre lang für sich selbst diese ungeheuren Stösse
übereinander gelagerter Schichten untersuchen und die See be^
311
clor Arbeit, wie sie alle Gesteins-Schiohten unterwühlt unH zer-
Irümmerl und neue Ablagerungen daraus bildet, beobachtet haben,
ehe er hülfen kann, nur einigermaassen die Länge der Zeit zu
begreifen, deren Denkmaler wir um uns her erblicken.
Es ist gut den See-Küsten entlang zu wandern, welche aus
massig harten Fels-Schichten aufgebaut sind, und den Zerstörungs-
Prozess zu beobachten. Die Gezeiten erreichen diese Fels-Wände
gewöhnlich nur auf kurze Zeit zweimal am Tage, und die Wogen
nagen sie nur aus, wenn sie mit Sand und Geschieben beladen
sind; denn es ist leicht zu beweisen, dass reines Wasser Ge-
steine jeder Art nicht oder nur wenig angreift. Zuletzt wird
der Fuss der Fels-Wände unterwaschen, mächtige Massen brechen
zusammen , und die nun fest liegen bleiben , werden , Atom um
Atom zerrieben, bis sie klein genug geworden, dass die Wellen
sie zu rollen und vollends in Geschiebe und Sand und Schlamm
zu verarbeiten vermögen. Aber wie oft sehen wir längs dem
Fusse sich zurückziehender Klippen gerundete Blöcke liegen, alle,
dick überzogen mit Meeres-Erzeugnissen, welche beweisen, wie
wenig sie durch Abreibung leiden und wie selten sie umherge-
rollt werden! Überdiess, wenn wir einige Meilen weit eine der-
artige Küsten-Wand verfolgen, welche der Zerstörung unterliegt,
so finden wir, dass es nur hier und da, auf kurze Strecken oder
etwa um ein Vorgebirge her der Fall ist, dass die Klippen jetzt
leiden. Die Beschaffenheit ihrer Oberfläche und der auf ihnen
erscheinende Pflanzen-Wuchs beweisen, dass allenthalben Jahre
verflossen sind, seitdem die Wasser deren Fuss gewaschen haben.
Wer die Thätigkeit des Meeres an unsren Küsten näher
studirt hat, der muss einen liefen Eindruck in sich aufgenommen
haben von der Langsamkeit ihrer Zerstörung. Die tretflichen
Beobachtungen von Hügh Miller und von Smith von Jordanhill
sind vorzugsweise geeignet diese Überzeugung zu gewähren. Von
ihr durchdrungen möge Jeder die viele Tausend Fuss mächtigen
Konglomerat- Schichten untersuchen, welche, obschon wahrschein-
lich in rascherem Verhällnisse als so viele andere Ablagerungen
gebildet, doch nun an jedem der zahllosen abgeriebenen und ge-
rundeten Geschiebe, woraus sie bestehen, den Stempel einer
312
langen Zeit tragen und vortrefTlich zu zeigen geeigncl sind, wie
langsam diese Massen zusainmengehäuft worden seyn müssen.
In den Cordilleren habe ieh einen Sloss solclier Konglomeral-
Schichten zu zehntausend Fuss Mäehligkeit geschätzt. Nun mag
sich der Beobachter der wohl begründeten Bemerkung Lyells
erinnern, dass die Dicke und Ausdehnung der Sediment-Forma-
tionen Ergebniss und Maassslab der Abtragungen sind , welche
die Erd-Rinde an andern Stellen erlitten hat. Und was für un-
geheure Abtragungen werden durch die Sediment-Ablagerungen
mancher Gegenden vorausgesetzt! Professor Ramsay hat mir,
meistens nach wirklichen Messungen und geringentheils nach
Schätzungen, die Maasse der grössten unsrer Formationen aus
verschiedenen Theilen Gross-Britanniens in folgender Weise an-
gegeben :
Tertiäre Schichten . . 2,240' )
Sekundär-Schichten . . 1 3, 190' j = 72,584'
Paläolithische Schichten 57,154')
d. i. beinahe 13^/4 Englische Meilen. Einige dieser Formationen,
welche in England nur durch dünne Lagen vertreten sind, haben
auf dem Kontinente Tausende von Fussen Mächtigkeit. Über-
diess sollen nach der Meinung der meisten Geologen zwischen
je zwei aufeinander-folgenden Formationen immer nnermessliche
leere Perioden fallen. Wenn somit selbst jener ungeheure Stoss
von Sediment-Schichten in Britannien nur eine unvollkommene
Vorstellung von der Zeit gewährt, wie lang muss diese Zeit ge-
wesen seyn! Gute Beobachter haben die Sediment-Ablagerungen
des grossen Mississippi - Stromes nur auf 600' Mächtigkeit in
100,000 Jahren herechnet. Diese Berechnung macht keinen An-
spruch auf grosse Genauigkeit. Wenn wir aber nun berücksich-
tigen, wie ausserordentlich weit ganz feine Sedimente ,von den
See-Strömungen fortgetragen werden, so muss der Prozess ihrer
Anhäufung über irgend welche Erstreckung des See-Bodens äus-
serst langsam seyn.
Doch scheint das Maass der Entblössung. welche die Schich-
ten mancher Gegenden erlitten, unübhängig von dem Verhältnisse
der Anhäufung der zertrümmerten Massen, die besten Beweise
3t3
Tür die Länu-e Her Zeiten zu liefern. Icli erinnere mioli, von Hern
Beweise der Entblössiingen in hohem GraHe betrofTen gewesen
zu seyn, als ich vulkanische Inseln sah, welche rundum von den
Wellen so abgewaschen waren, dass sie in 1000—2000' hohen
Fels -Wänden senkrecht emporragten, während sich aus dem
schwachen Fall- Winkel, mit welchem sich die Lava-Ströme einst
in ihrem flüssigen Zustand herabgesenkt, auf den ersten Blick
ermessen liess , wie weit einstens die harten Fels-Lagen in den
offnen Ozean hinausgereicht haben müssen. Dieselbe Geschichte
ergibt sich oft noch deutlicher durch die mächtigen Rücken, jene
grossen Gebirgs-Spalten , längs deren die Schichten bis zu Tau-
senden von Fussen an einer Seite emporgestiegen oder an der
andern Seite hinabgesunken sind; denn seit dieser senkrechten
Verschiebung (gleichviel ob die Hebung plötzlich oder allmählich
und stufenweise erfolgt ist) ist die Oberfläche des Bodens durch
die Thätigkeit des Meeres wieder so vollkommen ausgeebnet
worden, dass keine Spur von dieser ungeheuren Verwerfung
mehr äusserlich zu erkennen ist.
So erstreckt sich der Craven-Riicken z. B. 30 Englische
Meilen weit, und auf dieser ganzen Strecke sind die von beiden
Seiten her zusammenstossenden Schichten um 600' — 3000' senk-
rechter Höhe verworfen. Professor Ramsay hat eine Senkung
von 2300' in Anglesea beschrieben und benachrichtigt mich, dass
er sich überzeugt halte, dass in Merionelshire^ eine von 12,000'
vorhanden seye. Und doch verräth in diesen Fällen die Ober-
fläche des Bodens nichts von solchen wunderbaren Bewegungen,
indem die ganze anfangs auf der einen Seite höher emporragende
Schichten -Reihe bis zur Abebnung der Oberfläche weggespült
worden ist. Die Betrachtung dieser Thatsachen macht auf mich
denselben Eindruck, wie das vergebliche Ringen des Geistes um
den Gedanken der Ewigkeit zu erfassen.
Ich habe diese wenigen Bemerkungen gemacht, weil es für
uns von höchster Wichtigkeit ist, eine wenn auch unvollkommene
Vorstellung von der Länge verflossener Erd-Perioden zu haben.
Und jedes Jahr während der ganzen Dauer dieser Perioden war
die Erd - Oberfläche, waren Land und Wasser von Schaaren
314
lebender Formen bevölkert. Was für eine endlose, dem Geiste
unerfassliclie Anzahl von Generalionen muss, seitdem die Erde
bewolint ist, schon aufeinander gefolgt seyn ! Und sieht man nun
unsre reichsten geologischen Samtr)lungon an, — welche arm-
selige Schaustellung davon!
Armut h paläontologischer Sammlungen.) Jeder-
mann gibt die ausserordentliche Unvollsländigkeit unsrer paläon-
lologischen Sammlungen zu. Überdiess sollte man die Bemerkung
des vortrefflichen Paläontologen, des verstorbnen Edward Fobbes,
nicht vergessen, dass eine Menge unsrer fossilen Arten nur nach
einem einzigen oft zerbrochenen Exemplare oder nur wenigen
auf einem kleinen Fleck beisammen gefundenen Individuen be-
kannt und benannt sind. Nur ein kleiner Theil der Erd-Ober-
fläche ist geologisch untersucht und noch keiner mit erschöpfen-
der Genauigkeit erforscht, wie die noch jährlich in Europa auf-
einanderfolgenden wichtigen Entdeckungen beweisen. Kein ganz
weicher Organismus ist Erhaltungs- fähig. Selbst Schaalen und
Knochen zerfallen und verschwinden auf dem Boden des Meeres,
wo sich keine Sedimente tinhäufen. Ich glaube , dass wir be-
ständig in einem grossen Irrthura begriffen sind , wenn wir uns
der stillen Ansicht überlassen, dass sich Niederschläge fortwäh-
rend auf fast der ganzen Erstreckung des See-Grundes in ge-
nügendem Maasse bilden, um die zu Boden sinkenden orga-
nischen Stoffe zu umhüllen und zu erhalten. Auf eine ungeheure
Ausdehnung des Ozeans spricht die klar blaue Farbe seines
Wassers für dessen Reinheit. Die vielen Berichte von mehren
in gleichförmiger Lagerung aufeinander-folgenden Formationen,
deren keine auch nur Spuren aufrichtender, zerreissender oder
abwaschender Thätigkeit an sich trägt, scheinen nur durch die
Ansicht erklärbar zu seyn, dass der Boden des Meeres oft eine
unermessliche Zeit in völlig unveränderter Lage bleibt. Die
Reste, welche in Sand und Kies eingebettet worden, werden
gewöhnlich von Kohlensäure-haltigen Tage-Wassern wieder auf-
gelöst, welche den Boden nach seiner Emporhebung über den
Meeres-Spiegel zu durchsinken beginnen.
Einige von den vielen Thier-Arten, welche zwischen Ebbe-
315
lind Flulh- Stand des Meeres am Strande leben, scheinen sich
nur selten fossil zu erhalten. Einige von den manchfalligen
Thier-Arten, welche am Strande zwischen Hoch- und Tief-Wasser-
stand leben, scheinen sich nur selten zu erhalten. So z. B. über-
ziehen in aller Well zahllose Chlhamalinen (eine Familie der
sitzenden Cirripeden) die dort gelegenen Klippen. Alle sind im
strengen Sinne litoral , mit Ausnahme einer einzigen mittelmee-
rischen Art, welche dem tiefen Wasser angehört und auch in
Sicilien fossil gefunden worden ist, während man fast noch keine
tertiäre Art kennt und aus der Kreide-Zeit noch keine Spur da-
von vorliegt. Die Mollusken-Sippe Chiton bietet ein theilweise
analoges Beispiel dar*.
Hinsichtlich der Land-Bewohner, welche in der paläolithischen
und sekundären Zeit gelebt, ist es überflüssig darzuthun, dass
unsre Kenntnisse höchst fragmentarisch sind. So ist z. B. nicht
eine Landschnecke aus einer dieser langen Perioden bekannt,
mit Ausnahme der von Sir Ch. Lyell und Dr. Dawson in den
Kohlen -Schichten Nord- Amerikas entdeckten Art, wovon jetzt
über hundert Exemplare gesammelt sind. Was die Säugthier-
Reste betrifft, so ergibt ein Blick auf die Tabelle im Supplement
zu Lyells Handbuch weit besser, wie zufällig und selten ihre
Erhaltung seye, als Seiten-lange Einzelnheiten, und doch kann ihre
Seltenheit keine Verwunderung erregen, wenn wir uns erinnern,
was für ein grosser Theil der tertiären Reste derselben aus
Knochen-Höhlen und Süsswasser-Ablagerungen herrühren, wäh-
rend nicht eine Knochen-Höhle und ächte Süsswasser-Schicht vom
Alter unsrer paläolilhischen und sekundären Formationen be-
kannt ist.
Aber die Unvollständigkeit der geologischen Nachrichten
rührt hauptsächlich von einer andren und weit wichtigeren Ur-
sache her, als irgend eine der vorhin angegebenen ist, dass
nämlich die verschiedenen Formationen durch lange Zeiträume
von einander getrennt sind. Auf diese Behauptung ist von
Docti kennt man über zwei Dutzend fossile Arten von der Kohlen-
Formiiiion an bis in die obersten Tertiär-Schicluen. D. Übs.
316
manchen Geologen und Paläonlologen, welche mit E. Fobbes nicht
an eine Veränderlichkeit der Arten glauben mögen, grosser Nach-
druck gelegt worden. Wenn wir die Formationen in wissen-
schaftlichen Werken in Tabellen geordnet finden, oder wenn
wir sie in der Natur verfolgen, so können wir uns nicht wohl
der Überzeugung verschliessen , dass sie nicht unmittelbar auf
einander gefolgt sind. So wissen wir z. B, iius Sir R. Murchi-
SONS grossem Werke über Russland, "dass daselbst weite Lücken
zwischen den aufeinanderliegenden Formationen bestehen; und
so ist es auch in Nord-Amerika und vielen andern Welfgegcn-
den. Und doch würde der beste Geologe, wenn er sich nur mit
einem dieser weiten Länder-Gebiete allein beschäftigt hätte, nim-
mer vermuthet haben, dass während dieser langen Perioden,
aus welchen in seiner eignen Gegend kein Denkmal übrig ist,
sich grosse Schichten-Stösse voll neuer und eigenthümlicher Le-
benformen anderweitig auf einander gehäuft haben. Und wenn
man sich in jeder einzelnen Gegend kaum eine Vorstellung
von der Länge der Zwischenzeiten zu machen im Stande ist,
so wird man glauben, dass Diess nirgends möglich seye. Die
häufigen und grossen Veränderungen in der mineralogischen Zu-
sammensetzung aufeinander-folgender Formationen, welche ge-
wöhnlich auch grosse Veränderungen in der geographischen Be-
schaffenheit des umgebenden Landes unterstellen lassen, aus
welchem das Material zu diesen Niederschlägen entnommen ist,
stimmen mit der Annahme langer zwischen den einzelnen Forma-
tionen verllossener Zeiträume überein.
Doch kann man. wie ich glaube, leicht einsehen, warum die
geologischen Formationen jeder Gegend fast unabänderlich über-
all unterbrochen sind , d. h. sich nicht ohne Zwischenpausen ab-
gelagert haben. Kaum hat eine Thatsache bei Untersuchung
viele Hundert Meilen langer Strecken der Süd- Amerikanischen
Küsten, die in der jetzigen Periode einige hundert Fuss hoch em-
porgehoben worden sind, einen lebhafteren Eindruck auf mich
gemacht als die Abwesenheit aller neueren Ablagerungen von
hinreichender Entwickelung, um auch nur für eine kurze geolo-
gische Periode zu gelten. Längs der ganzen West-Küste, die von
317
einer eigenlhümlichon Meeres-Fauna bewolitil wird, sind die Ter-
tiär-Schichten so spärlich entwiclielt, dass wahrscheinlich kein
üenlunal von verschiodcnen aufeinander-l'olgenden Meeres-Faiinen
für spätre Zeiten erhalten bleiben wird. Ein wenig Nachdenken
erklärt es uns, warum längs der fortwährend höher steigenden
West-Küste Süd-Amerikas keine ausgedehnten Formalionen mit
neuen oder mit tertiären Resten irgendwo zu finden sind, ob-
wohl nach den ungeheuren Abtragungen der Küsten-Wände und
den Schlamm-reichen Flüssen zu urthcilen, die sich dort in das
Meer ergiessen, die Zuführung von Sedimenlen lange Perioden
hindurch eine sehr grosse gewesen seyn muss. Die Erklärung
liegt ohne Zweifel darin, dass die litoralen und sublitoralen Ab-
lagerungen beständig wieder weggewaschen werden, sobald sie
durch die langsame oder stufenweise Hebung des Landes in den
Bereich der zerstörenden Brandung gelangen.
Wir dürfen wohl mit Sicherheit schliessen, dass Sediment
in ungeheuer dicken harten und ausgedehnten Massen angehäuft
worden seyn müsse , um während der ersten Emporhebung und
der späteren Schwankungen des Niveaus der ununterbrochnen
Thätigkeit der Wogen zu widerstehen. Solche dicke und aus-
gedehnte Sediment-Ablagerungen können auf zweierlei Weise
gebildet werden; entweder in grossen Tiefen des Meeres, in
welchem Falle wir nach den Untersuchungen von E. Fobbes an-
nehmen müssen, dass der See-Grund nur von sehr wenigen Thie-
ren bewohnt seye, obwohl er, wie sich aus den Telegraphen-
Sondirungen erwiesen, nicht ganz ohne Leben ist, daher die Mas-
sen nach ihrer Emporhebung nur eine sehr unvollkommene Vor-
stellung von den zur Zeit ihrer Ablagerung dort vorhanden gewe-
senen Lebenformen gewähren können; — oder die Sedimente wer-
den über einen seichten Grund zu einiger Dicke und Ausdehnung
angehäuft, wenn er in langsamer Senkung begriffen ist. In die-
sem letzten Falle bleibt das Meer so lange seicht und dem Thier-
Leben günstig, als Senkung des Bodens und Zufuhr der Nieder-
schläge einander nahezu das Gleichgewicht halten; so dass auf
diese Weise eine hinreichend dicke Fossilien-reiche Formation
318
entstehen kann, um bei ihrer spätren Emporhobung jedem Grade
von Zerstörung zu widerstehen.
Ich bin demgemäss überzeugt, dass alle unsre alten For-
mationen, welche reich an fossilen Resten sind, bei ausdauernder
Senkung abgelagert worden sind. Seitdem ich im Jahr 1845
meine Ansichten in dieser Beziehung bekannt gemacht, habe ich
die Fortschritte der Geologie verfolgt und mit Überraschung
wahrgenommen, wie ein Schriftsteller nach dem andern bei
Beschreibung dieser oder jener grossen Formation zum Schlüsse
gelangt ist, dass sie sich während der Senkung des Bodens
gebildet habe. Ich will hinzufügen, dass die einzige alle Ter-
tiär-Formation an der West-Küste Süd-Amerikas, die mächtig
genug war um der bisherigen Zerstörung nicht zu widerstehen,
aber wohl schwerlich bis zu fernen geologischen Zeiten auszu-
dauern im Stande ist, sich gewiss während der Senkung des
Bodens gebildet und so eine ansehnliche Mächtigkeit erlangt hat.
Alle geologischen Thatsachen zeigen uns deutlich, dass jedes
Gebiet der Erd-Oberfläche viele langsame Niveau-Schwankungen
durchzumachen hatte, und alle diese Schwankungen sind zweifels-
ohne von weiter Erslreckung gewesen. Demzufolge müssen
Fossilien-reiche und genügend entwickelte Bildungen, um späteren
Abtragungen zu widerstehen, während der Senkungs-Perioden
über weit -ausgedehnte Flächen entstanden seyn, doch nur so
lange, als die Zufuhr von Materialien stark genug war, um die
See seicht zu erhalten und die fossilen Reste schnell genug ein-
zuschichten und zu schützen, ehe sie Zeit hatten zu zerfallen.
Dagegen konnten sich mächtige Schichten auf seichtem und dem
Leben günstigem Grunde so lange nicht bilden, als derselbe
stet blieb. Viel weniger konnte Diess während wechselnder Pe-
rioden von Hebung und Senkung geschehen, oder, um mich ge-
nauer auszudrücken, die Schichten, welche während solcher Sen-
kungen abgelagert wurden, müssen bei nachfolgender Hebung
wieder in den Bereich der Brandung versetzt und so zerstört
worden seyn.
Diese Bemerkungen beziehen sich hauptsächlich auf Litoral-
Ablagerungen. In einem weiten und seichten Meere dagegen,
319
wie im Malayischen Archipel, wo die Tiefe nur von 30 oder 40
bis zu 60 Faden wecliselt, dürfte wiiiirend der Zeit der Erhebung
eine weit ausgedehnte Formation entstehen, und auch durch Ent-
blössung nicht sonderlich leiden. Aber diese Formation dürfte
nicht mächtig seyn, da sie der Tiefe des seichten Meeres bei
weitem nicht deichkommen kann; sie dürfte nicht fest noch von
späteren Bildungen überlagert seyn, so dass sie bei späteren
Boden-Schwankungen wahrscheinlich bald ganz verschwinden wür-
den. Hopkins hat behauptet, dass, wenn ein Theil der Boden-
fläche nach ihrer Hebung und vor ihrer Entblössung wieder sinke,
die während der Hebung entstandene, wenn auch gering mächtige
Ablagerung durch spätre Niederschläge geschützt werden dürfte,
und so für eine sehr lange Zeit-Periode erhalten werden könnte.
Ich habe diesen Satz bei meinen früheren Betrachtungen über-
sehen. Bei Erörterung dieses Gegenstandes sagt Hopkins dann
weiter, dass er die gänzliche Zerstörung von Sediment-Schichten
von grosser wagrechter Erstreckung für etwas seltenes halte.
Meine Bemerkungen beziehen sich bloss auf Fossilien-reiche Schich-
ten , insofcrne ich glaube annehmen zu dürfen, dass in sehr
dicken und harten Schichten oder in weit-erstreckten Massen ab-
gelagerte Niederschläge nicht leicht gänzlicher Fortwaschung unter-
liegen. Es handelt sich hier nämlich um die Frage : ob weit
ausgedehnte und an organischen Resten reiche Bildungen von
grosser und einem langen Zeit-Abschnitte entsprechender Mäch-
tigkeit während einer Senkungs-Periode entstehen können. Meine
Ansicht ist, dass Diess nur selten der Fall seyn dürfte. Da die
Frage von der gänzlichen Entblössung durch Hopkins aufgebracht
worden, so will ich bemerken, dass wohl alle Geologen, mit Aus-
nahme der wenigen, welche in den metamorphischen Schiefern und
plutonischen Gesteinen noch den glühenden Primordial-Kern der
Erde erblicken, auch annehmen werden, dass von dem Gesteine
dieser Beschaffenheit grosse Massen abgewaschen worden sind.
Denn es ist nicht wohl denkbar, dass diese Gesteine in unbedecktem
Zustande sollten krystallisirt und gehärtet worden seyn, hätte
aber die metamorphosirende Thätigkeit in grossen Tiefen des
Ozeans eingewirkt, so brauchte der frühere Mantel nicht dick
320
gewesen zu seyn. Unterstellt man aber, dass solche Gesteine
wie Gneiss, Gliminersehiefer, Granit, Diorit u. s. w. einmal be-
deckt gewesen sind, wie lassen sich dann die weiten nackten
Flächen, welche diese Gesteine in so vielen Weltgegenden dar-
bieten, anders erklären, als durch die Annahme einer spateren
Enlblüssung von allen überlagernden Schichten? Dass solche aus-
gedehnte granitische Gebiete bestehen, unterliegt keinem Zweifel.
Die granitische Region von Parime ist nach Humboldt wenigstens
l9mal so gross als die Schweitz. Im Süden des Amazonen-Sivo-
mes zeigt Boue's Karte eine aus solchen Gesteinen zusammen-
gesetzte Fläche so gross wie Spanien^ Frankreich, Italien, Gross-
britannien und ein Theil von Deutschland zusammengenommen.
Diese Gegend ist noch nicht genau untersucht worden, aber nach
dem übereinstimmenden Zeugniss der Reisenden muss dieses gra-
nilische Gebiet sehr gross seyn. von Eschwege gibt einen detail-
lirten Durchschnitt desselben, der sich vom Rio de Janeiro an in
gerader Linie 260 geographische Meilen weit einwärts erstreckt,
und ich selbst habe ihn 150 Meilen weit in einer andern Rich-
tung durchschnitten, ohne ein anderes Gestein als Granit zu sehen.
Viele längs der ganzen 1100 geographische Meilen langen Küste
von Rio de Janeiro bis zur P/afa-Mündung gesammelte Hand-
stücke, die man mir gezeigt, gehörten sämmtlich dieser Klasse
an. Landeinwärts sah ich längs des ganzen nördlichen Ufers des
P/a<a-Stromes, abgesehen von jung-tertiären Gebilden, nur noch
einen kleinen Fleck mit schwach melauiorphischen Gesteinen, der
als Rest der früheren Hülle der granitischen Bildungen hätte gelten
können. Wenden wir uns von da zu den besser bekannten Ge-
getiden der Vereinten Staaten und Canadas. Indem ich aus H.
D. Roger's schöner Karte die den genannten Formationen ent-
sprechend kolorirten Papier-Stücke herausschnitt und wog, fand
ich, dass die metaniorphischen (ohne die halb-melamorphischen)
und granitischen Gesteine im Verhältnisse von 190 : 125 die
ächte dort so mächtig entwickelte Kohlen-Formalion in Verbin-
dung mit der Umbral-Reihe übertrifft, welche mit einander die
ganze jüngere Paläolilhen-Formation zusammensetzen. In vielen
Gegenden würden die metamorphischen und granitischen Bezirke
321
natürlich sehr ansehnlich an Ausdehnung zunehmen, wenn man
alle ihnen ungleichförmig aufgelagerten und an der Auflagerungs-
Flächo nicht metamorphosirten und daher nicht zum ursprüng-
lichen Mantel gehörigen Sediment-Schichten von ihnen abhöbe.
Somit ist es also wahrscheinlich, dass in manchen Weltgegenden
ganze mindestens den Haupttheilen der aufeinanderfolgenden geo-
logischen Perioden entsprechende Formationen spurlos fortge-
waschen worden sind.
Eine Bemerkung ist hier noch der Erwähnung werth. Wäh-
rend der Erhebungs -Zeiten wird die Ausdehnung des Landes
und der angrenzenden seichten Meeres-Strecken vergrössert,
und werden oft neue Arten von Wohnorten gebildet. Alles für
die Bildung neuer Arten und Varietäten, wie früher bemerkt
worden, günstige Umstände; aber gerade während diesen Perio-
den bleiben Lücken im geologischen Berichte. Während der
Senkung dagegen nimmt die bewohnbare Fläche und die Anzahl
der Bewohner ab (die der Küsten-Bewohner etwa in dem Falle
ausgenommen, dass ein Kontinent in Insel-Gruppen zerfällt wird),
daher während der Senkung nicht nur mehr Arten erlöschen,
sondern auch wenige Varietäten und Arten entstehen; und ge-
rade während solcher Senkungs- Zeiten sind unsre grossen Fos-
silien-reichen Schichten-Massen abgelagert worden. Man möchte
sagen, die Natur habe die häufige Entdeckung der Übergangs-
und verkettenden Formen erschweren wollen.
Nach den vorangehenden Betrachlungen ist es nicht zu be-
zweifeln , dass der geologische Schöpfungs-Bericht im Ganzen
genommeu ausserordentlich unvollständig ist; wenn wir aber dann
unsre Aufmerksamkeit auf irgend eine einzelne Formation be-
schränken, so ist es noch schwerer zu begreifen , warum wir
nicht enge aneinander-gereihete Abstufungen zwischen denjenigen
Arten finden, welche am Anlang und am Ende ihrer Bildung ge-
lebt haben. Es wird zwar von einigen Fällen berichtet, wo eine
Art in andern Varietäten in den obern als in den untern Theilen
derselben Formation auftritt; doch mögen sie hier übergangen
werden, da ihrer nur wenige sind. Obwohl nun jede Formation
ohne allen Zweifel eine lange Reihe von Jahren zu ihrer Ablagerung
Darwin, Eutstehung der Arten. '2. Aufl. 21
322
bedurft hat, so glaube ich doch verschiedene Gründe zu erken-
nen, warum sich solche Slul'en-Reihen zwischen den zuerst und
den zuletzt lebenden Arten nicht darin vorfinden ; doch kann ich
kaum hoffen den folgenden Botrachlungen die ihnen gebührende
Berücksichtigung zuzuwenden.
Obwohl jede Formalion einer sehr langen Reihe von Jahren
entspricht, so ist doch jede kurz im Vergleiche mit der zur Um-
änderung einer Art in die andre erforderlichen Zeit. Nun weiss
ich wohl, dass zwei Paläontologen, deren Meinungen wohl der
Beachtung werlh sind , nämlich Bronn * und Woodwabd , zum
Schlüsse gelangt sind, dass die mittle Dauer einer jeden Forma-
tion zwei- bis drei-mal so lang, als die mittle Dauer einer Art-
Form ist. Indessen hindern uns, wie mir scheint, unübersleig-
liche Schwierigkeiten in dieser Hinsicht zu einem richtigen
Schlüsse zu gelangen. Wenn wir eine Art in der Milte einer
Formation zum ersten Male auftreten sehen , so würde es äus-
serst übereilt seyn zu schliessen, dass sie nicht irgendwo anders
schon länger existirt haben könne. Eben so, wenn wir eine
Art schon vor den letzten Schichten einer Formalion verschwin-
den sehen, würde es übereilt seyn anzunehmen, dass sie schon
völlig erloschen seye. Wir vergessen, wie klein die Ausdehnung
Europa' s im Vergleich zur übrigen Well ist; auch sind die ver-
schiedenen Stöcke der einzelnen Formationen noch nicht durch
ganz Europa mit vollkommener Genauigkeit parallelisirt worden.
Bei allen Sorten von Seethieren können wir getrost anneh-
men, dass in Folge von klimatischen u. a. Veränderungen mas-
senhafte und ausgedehnte Wanderungen stattgefunden haben;
und wenn wir eine Art zum ersten Male in einer Formation
auftreten sehen, so liegt die Wahrscheinlichkeit vor, dass sie
eben da erst von einer andern Gegend her eingewandert seye.
So ist es z, B. wohl bekannt, dass einige Thier-Arten in den
paläolithischen Bildungen Nor d- Amerika' s etwas früher als in den
Europäischen auftreten, indem sie zweifelsohne Zeit nöthig hallen,
*" Meine Meinung ist die, dass nur wenige Arten eine unsrer angenom-
menen Perioden überdauern , viele aber schon in 0,1 — 0,2 — 0,5 dieser Zeit
zu Grunde gehen. Br.
323
um die Wanderung von Amerika nach Europa zu machen. Bei
Untersuchungen der neuesten Ablagerungen in verschiedenen
Weltgegenden ist überall die Wahrnehmung gemacht worden,
dass einige wenige noch lebende Arten in diesen Ablagerungen
häufig, aber in den unmittelbar umgebenden Meeren verschwun-
den sind, oder dass umgekehrt einige jetzt in den benachbarten
Meeren häufige Arten und jener Ablagerungen noch selten oder
gar nicht zu finden sind. Es ist aber lehrreich über den erwie-
senen Umfang der Wanderungen Europäischer Thiere während
der Eis-Zeit nachzudenken, welche doch nur einen kleinen Theil
der ganzen geologischen Zeitdauer ausmacht, so wie die grosser
Niveau -Veränderungen, die aussergewöhnlich grossen Klima-
Wechsel, die unermessliche Länge der Zeiträume in Erwägung
zu ziehen, welche alle mit dieser Eis-Periode zusammen fallen.
Dann dürfte zu bezweifeln seyn, dass sich in irgend einem
Theile der Welt Sediment -Ablagerungen, welche fossile
Reste enthalten, auf dem gleichen Gebiete während der
ganzen Dauer dieser Periode abgelagert haben. So ist es z. B.
nicht wahrscheinlich , dass während der ganzen Dauer der Eis-
Periode Sediment-Schichten an der Mündung des Mississippi in-
nerhalb derjenigen Tiefe, worin Thiere noch reichlich leben kön-
nen, abgelagert worden seyen: denn wir wissen, was für aus-
gedehnte geographische Veränderungen während dieser Zeit in
andern Theilen von Amerika erfolgt sind. Würden solche wäh-
rend der Eis -Periode in seichtem Wasser an der Mississippi-
Mündung abgelagerte Schichten einmal über den See-Spiegel ge-
hoben werden, so würden organische Reste wahrscheinlich in
verschiedenen Niveaus derselben zuerst erscheinen und wieder
verschwinden, je nach den stattgefundenen Wanderungen der
Arten und den geographischen Veränderungen des Landes. Und
wenn in ferner Zukunft ein Geologe diese Schichten untersuchte,
so möchte er zu schliessen geneigt seyn, dass die mittle Lebens-
Dauer der dort eingebetteten Organismen-Arten kürzer als die
Eis-Periode gewesen seye, obwohl sie in der That viel länger
war, indem sie vor dieser begonnen und bis in unsre Tage ge-
währt hat.
21 •
324
Um nun eine vollständige Stufen-Roihe zwischen zwei For-
men in den untern und obern Tlieilen einer Formation darbieten
zu können , müsste deren Ablagerung selir lange Zeit fortge-
dauert haben, um dem langsamen Prozess der Variation Zeit zu
lassen; die Schichten-Masse müsste daher von sehr ansehnlicher
Mächtigkeit seyn; die in Abänderung begriffenen Spezies müss-
ten während der ganzen Zeit da gelebt haben. Wir haben je-
doch gesehen, dass die organische Reste enthaltenden Schichten
sich nur während einer Periode der Senkung ansammeln , damit
nun die Tiefe sich nahezu gleich bleibe und dieselben Thiere
fortdauernd an derselben Stelle wohnen können, wäre ferner
nolhwendig, dass die Zufuhr von Sedimenten die Senkung fort-
während wieder ausgleiche. Aber eben diese senkende Bewe-
gung wird oft auch die Nachbargegend mit berühren, aus welcher
jene Zufuhr erfolgt, und eben dadurch die Zufuhr selbst vermin-
dern. Eine solche nahezu genaue Ausgleichung zwischen der
Stärke der stattfindenden Senkung und dem Betrag der zuge-
führten Sedimente mag in der That nur seilen vorkommen ; denn
mehr als ein Paläontologe hat beobachtet, dass sehr dicke Abla-
gerungen ausser an ihren oberen und unteren Grenzen gewöhn-
lich leer an Versteinerungen sind.
Wahrscheinlich ist die Bildung einer jeden einzelnen For-
mation gewöhnlich eben so wie die der ganzen Formationen-
Reihe einer Gegend mit Unterbrechungen vor sich gegangen.
Wenn wir, wie es oft der Fall, eine Formalion aus Schichten
von verschiedener Mineral-Beschaffenheit zusammengesetzt sehen,
so müssen wir vernünftiger Weise vermuthen, dass der Ablage-
rungs-Prozess sehr unterbrochen gewesen seye, indem eine Ver-
änderung in den See - Strömungen und eine Änderung in der
Beschaffenheit der zugeführten Sedimente gewöhnlich von geogra-
phischen Bewegungen, welche viele Zeit kosten, veranlasst wor-
den seyn mag. Nun wird auch die genaueste Untersuchung einer
Formation keinen Maassstab liefern, um die Lange der Zeit zu
messen, welche über ihre Ablagerung vergangen ist. Man könnte
viele Beispiele anführen, wo eine einzelne nur wenige Fuss dicke
Schicht eine ganze Formalion vertritt, die in andren Gegenden
325
Tausende von Fussen mächtig ist und mithin eine ungeheure
Läno-e der Zeit zu ihrer Bildung bedurft hat; und doch würde
Niemand, der Diess nicht weiss, auch nur geahnt haben, welch
eine unermessliche Zeit über der Entstehung jener dünnen Schicht
verflossen ist. So Messen sich auch viele Falle anführen, wo die
untern Schichten einer Formalion emporgehoben, entblösst, wie-
der versenkt und dann von den oberen Schichten der nämlichen
Formation bedeckt worden sind, Thatsachen, welche beweisen,
dass weife leicht zu übersehende Zwischenräume während der
Ablagerung vorhanden gewesen sind. In andern Fällen liefert
uns eine Anzahl grosser fossilisirter und noch auf ihrem natür-
lichen Boden aufrecht stehender Bäume den klaren Beweis von
mehren langen Pausen und wiederholten Höhen-Wechseln wäh-
rend des Ablagerungs-Prozesses, wie man sie ausserdem nie
hätte vermuthen können. So fanden Lyell und Dawson in einem
1400' mächtigen Kohlen-Gebirge Neu-Schoitlands noch alle von
Baum-Wurzeln durchzogenen Boden-Schichten, eine über der an-
dern in nicht weniger als 68 verschiedenen Höhen. Wenn da-
her die nämliche Art unten, mitten und oben in der Formation
vorkommt, so ist Wahrscheinlichkeit vorhanden , dass sie nicht
während der ganzen Ablagerungs-Zeit immer an dieser Stelle ge-
lebt hat, sondern während derselben, vielleicht mehrmals, dort
verschwunden und wieder erschienen ist. Wenn daher eine
solche Spezies im Verlaufe einer geologischen Periode beträcht-
liche Umänderungen erfahren , so würde ein Durchschnitt durch
jene Schichten -Reihe wahrscheinlich nicht alle die feinen Ab-
stufungen zu Tage fördern, welche nach meiner Theorie die An-
fangs- mit der End-Form jener Art verkettet haben müssen ;
man würde vielmehr sprungwese, wenn auch vielleicht nur kleine,
Veränderungen zu sehen bekommen.
Es ist nun äusserst wichtig sich zu erinnern, dass die Na-
turforscher keine goldene Regel haben, um mit deren Hilfe Arten
von Varietäten zu unterscheiden. Sie gestehen jeder Art einige
Veränderlichkeit zu ; wenn sie aber etwas grössre Unterschiede
zwischen zwei Formen wahrnehmen, so machen sie Arten daraus,
wofern sie nicht etwa im Stande sind dieselben durch Zwischen-
326
stufen miteinander zu verketten. Und diese dürfen wir nach den
zuletzt angegebenen Gründen selten hoffen , in einem geologi-
schen Durchschnitte zu finden. Nehmen wir an, B und C seyen
zwei Arten, und eine dritte A werde in einer tieferen und älte-
ren Schicht gefunden. Hielte nun A genau das Mittel zwischen
B und C, so würde man sie wohl einfach als eine weitere dritte
Art ansehen, wenn nicht ihre Verkettung mit einer von beiden
oder mit beiden andern durch Zwischenglieder nachgewiesen
werden kann. Nun muss man nicht vergessen, dass, wie vorhin
erläutert worden, wenn A auch der wirkliche Stamm-Vater von
B und C ist, derselbe doch nicht in allen Punkten der Organi-
sation nothwendig das Mittel zwischen beiden halten muss. So
können wir denn sowohl die Stammart als auch die von ihr
durch Umwandlung abgeleiteten Formen aus den untern und
obern Schichten einer Formation erhalten und doch vielleicht in
Ermangelung zahlreicher Übergangs-Stufen ihre Beziehungen zu
einander nicht erkennen, sondern alle für eigenthüinliche Arten
ansehen.
Es ist eine bekannte Sache, auf was für äusserst kleine
Unterschiede manche Paläontologen ihre Arten gründen, und sie
können Diess auch um so leichter thun, wenn ihre wenig ver-
schiedenen Exemplare aus verschiedenen Stöcken einer Formalion
herrühren. Einige erfahrene Paläontologen setzen jetzt viele von
den schönen Arten d'Orbigny's u. A. zum Rang blosser Varie-
täten herunter, und darin finden wir eine Art von ^Beweis für
die Abänderungs-Weise, welche nach meiner Theorie stattfinden
muss. Berücksichtigen wir die jüngst-tertiären Ablagerungen mit
so vielen Weichthier-Arten, welche die Mehrzahl der Naturforscher
für identisch mit noch lebenden Arten hält, während andre, wie
Agassiz und Pictet, sie alle für von diesen letzten verschiedene
Spezies erklären, wenn auch die Unterschiede nur sehr gering
seyn mögen. Mögen wir nun den Einen oder den Andern Recht
geben, so wird dieser Fall doch immerhin als Beleg für eine
ganz allmähliche Umgestaltung der Formen dienen können, wie
er oben verlangt worden ist. Wenn wir überdiess grössre Zeit-
Unterschiede den aufeinander folgenden Stöcken einer nämlichen
327
grossen Formation entsprechend berücksichtigen, so finden wir,
dass die ihnen angehörigen Fossil-Reste , wenn auch gewöhnlich
allgemein als verschiedene Arten betrachtet, doch immerhin näher
mit einander verwandt zu seyn pflegen, als die in weit getrenn-
ten Formalionen enthaltenen Arten; so dass wir hier zwar einen
unzweifelhaften Beleg eines statlgefundenen Wechsels, wenn auch
keinen strengen Beweis einer Umänderung der Formen nach
Maassgabe meiner Theorie erhalten. Doch werde ich auf diesen
Gegenstand im folgenden Abschnitte zurückkommen.
* So ist auch noch eine andre schon früher gemachte Bemer-
kung zu berücksichtigen, dass nämlich die Varietäten von Pflanzen
wie "von Thieren, welche sich rasch vervielfältigen, aber ihre
Stelle nicht viel ändern können, anfangs gewöhnlich lokal seyn
werden, und dass solche örüiche Varietäten sich nicht weit ver-
breiten und ihre Stamm-Formen erst ersetzen, wenn sie sich in
einem etwas grössren Maasse verändert und vervollkommnet
haben. Nach dieser Annahme ist die Aussicht, die früheren Über-
gangs-Stufen zwischen irgend welchen zwei Arten einer Forma-
tion auf einer Stelle in übereinander-folgenden Schichten zu fin-
den, nur klein, weil vorauszusetzen ist, dass die einzelnen Über-
gangs-Stufen als Lokalformen je eine andere örtliche- Verbreitung •
gehabt haben. Die meisten Seethiere besitzen eine weite Ver-
breitung; und da wir gesehen, dass diejenigen Arten unter den
Pflanzen, welche am weitesten verbreitet sind, auch am öftesten
Varietäten darbieten, so wird es sich mit Mollusken u. a. See-
Thieren wohl ähnlich verhalten, und es werden diejenigen unter
ihnen, welche sich vordem am weitesten bis über die Grenzen
Europas hinaus erstreckten, auch am öftesten die Bildung neuer
anfangs lokaler Varietäten und später Arten veranlasst haben.
Auch dadurch muss die Wahrscheinlichkeit in irgend welcher
Formalion die Reihenfolge der Übergangs-Slufen aufzufinden aus-
serordentlich vermindert werden.
Man muss nicht vergessen, dass man heuligen Tages, selbst
wenn man vollständige Exemplare vor sich hat, selten zwei Va-
rietäten durch Zwischenstufen verbinden und so deren Zusam-
mengehörigkeit zu einer Art beweisen kann, bis man viele
328
Exemplare von mancherlei Örtlichkeiten zusammengebracht hat ;
und bei fossilen Arten ist der Paläontologe selten im Stande
Dicss zu thuii. Man wird vielleicht am besten begreifen , wie
wenig wir in der Lage seyn können, Arten durch zahllose feine
fossil -gefundene Zwischenglieder zu verketten, wenn wir uns
selbst fragen, ob z. B. Paläontologen spätrer Zeiten im Stande
seyn würden zu beweisen , dass unsre verschiedenen Rinds-,
Schaafe-, Pferde- und Hunde-Rassen von einem oder von mehren
Stämmen herkommen, — oder ob gewisse See-Konchylien der
Nord-Amerikanischen Küsten, welche von einigen Konchyliologen
als von ihren Europäischen Vertretern abweichende Arten und
von andern Konchyliologen als blosse Varietäten angesehen wer-
den, nur wirkliche Varietäten oder sogenannte eigne Arten sind.
Diess könnte künftigen Geologen nur gelingen , wenn sie viele
fossile Zwischenstufen entdeckten, was jedoch im höchsten Grade
unwahrscheinlich ist.
Es ist von Schriftstellern, welche an die Unveränderlichkeit
der Arten glauben, übergenug behauptet worden, die Geologie
liefere keine vermittelnden Formen. Diese Behauptung ist aber
ganz falsch. Lubbock hat kürzlich gesagt: jede Art ist ein Mittel-
glied zwischen andern verwandten Formen. Wir erkennen Diess
deutlich, wenn wir aus einer Sippe, welche reich an fossilen und
lebenden Arten ist, vier Fünftel der Arten ausstossen , wo dann
niemand bezweiflen wird , dass die Lücken zwischen den noch
übrig bleibenden Arten grösser seyn werden als vorher. Sind
es aber die extremen Art- Formen, welche man ausgestossen hat,
so wird die Sippe selbst in der Regel von andern Sippen weiter
getrennt erscheinen, als sie zuvor war. Kameel und Schweine,
Pferd und Tapir sind jetzt offenbar sehr getrennte Formen.
Schaltet man aber die fossilen Genera zwischen sie ein, die man
aus gleichen Familien im fossilen Zustande kennen gelernt hat,
so knüpfen sich jene Sippen durch diese Zwischenglieder enger
aneinander. Die Reihe der verkettenden Formen läuft jedoch in
diesen Fällen nie, oder überhaupt nie , gerade von einer leben-
den Form zur andern , sondern berühret auf Umwegen zugleich
solche Formen mit, welche in längst verflossenen Zeiten gelebt
329
haben. Was aber die geologischen Forschungen allerdings nicht
enthüllt haben, das ist das Irühere Daseyn der unendlich zahl-
reichen Abstufungen vom Range wirklicher Varietäten zur Verket-
tuno- aller Arten untereinander*; und dass sie Diess nicht bewirkt
haben, ist zweifelsohne eine der ersten und gewichtigsten Ein-
wände, die man gegen meine Ansichten vorbringen mag. Daher
wird es angemessen seyn, die vorangehenden Bemerkungen über
die Ursachen der Unvollkommenheit unsrer geologischen Berichte
zur Erläuterung eines ersonnenen Falles zusammenzufassen. Der
Malmjische Archipel ist etwa von der Grösse Europas vom Nord-
Kap bis zum Mittelmeere und von Britannien bis Russland, ent-
spricht mithin der Ausdehnung desjenigen Theils der Erd-Ober-
fläche, auf welchem, Nord-Amerika ausgenommen, alle geologi-
schen Formationen am sorgfältigsten und zusammenhängendsten
untersucht worden sind. Ich stimme mit Hrn. Godwin-Austen
in der Meinung vollkommen überein, dass der jetzige Zustand
des Malayischen Archipels mit seinen zahlreichen durch breite
und seichte Meeres-Arme getrennten Inseln wahrscheinlich der
früheren Beschaffenheit Europas, während noch die meisten
unsrer Formationen in Ablagerung begriffen waren, entspricht. Der
Malayische Archipel ist eine der an Organismen reichsten Ge-
genden der ganzen Erd - Oberfläche; aber wenn man auch alle
Arten sammelte, welche jemals da gelebt haben, wie unvollständig
würden sie die Naturgeschichte der ganzen Erd-Oberfläche vertreten !
Indessen haben wir alle Ursache zu glauben, dass die Über-
reste der Landbewohner dieses Archipels nur äusserst unvoll-
ständig in die Formationen übergehen dürften , die unsrer An-
nahme gemäss sich dort noch ablagern werden. Ich vermuthe
selbst, dass nicht viele der eigentlichen Küsten-Bewohner und
der auf kahlen untermeerischen Felsen wohnenden Thiere in die
neuen Schichten eingeschlossen werden würden: und die etwa
* Wir glauben, dass das Bestehen dieser unausfüllbaren Lücken in der
unter unsren Augen lebenden Schöpfung einen wesenllicheren Einwand bil-
det, als das der weit grösseren Lücken in den früheren Weltperioden, welche
der Phantasie genügenderen Spielraum zur Ersinniing von Möglichkeiten ge-
wahren. D. Übers,
330
in Kies und Sand eingeschlossenen dürften keiner späten Nach-
welt überliefert werden. Da wo sich aber keine Niederschläge
auf dem Meeres-Boden bildeten oder sich nicht in genügender
Masse anhäuften, um organische Einflüsse gegen Zerstörung zu
schützen, da würden auch gar keine organischen Überreste er-
halten werden können.
Die gewöhnlichen Muster-Formationen, hinreichend mächtig
um bis zu einer eben so weit in der Zukunft entfernten Zeil zu
reichen, als die Sekundär-Formalionen bereits hinler uns liegen,
würden wohl nur während Perioden der Senkung in dem Archi-
pel entstehen können. Diese Perioden würden dann durch un-
ermessliche Zwischen-Zeilen der Hebung oder Ruhe von einan-
der getrennt werden; während der Hebung würden alle Fossilien-
führenden Formationen in dem Maasse , als sie entstünden, an
steilen Küsten durch die ununterbrochene Thäligkeit der Bran-
dung wieder zerstört werden, wie wir es jetzt an den Küsten
Süd-Amerikas gesehen haben; und selbst in ausgedehnten aber
seichten Meeren innerhalb einer Insel-Welt könnten während der
Emporhebung durch Niederschlag gebildete Schichten nicht in
grosser Mächtigkeit angehäuft oder von spätren Bildungen so be-
deckt und geschützt werden, dass ihnen eine Erhaltung bis in
eine ferne Zukunft in wahrscheinlicher Aussicht stünde. Während
der Senkungs-Zeiten würden viele Lebensformen zu Grunde gehen,
während der Hebungs-Perioden dagegen sich die Formen am
meisten durch Abänderung entfalten, aber die geologischen Denk-
mäler würden der Folgezeit wenig Nachricht davon überliefern.
Es wäre zu bezweifeln, dass die Dauer irgend einer grossen
Periode über den ganzen Archipel sich erstreckender Senkung
und entsprechender gleichzeitiger Sediment-Ablagerung die mittle
Dauer der alsdann vorhandnen spezifischen Formen übertreffen
würde; und doch würde diese Bedingung unerlässlich nothwendig
seyn für die Erhaltung aller Übergangs-Stufen zwischen irgend
welchen zwei oder mehr von einander abslammenden Arten.
Wo diese Zwischenstufen aber nicht alle vollständig erhalten sind,
da werden die durch sie verkettet gewesenen Varietäten als
eben so viele verschiedene Spezies erscheinen. Es ist jedoch
331
wahrscheinlich, d^ss während so langer Senkungs-Perioden auch
wieder Höhen - Schwankungen eintreten und kleine klimatische
Veränderungen erfolgen werden, welche die Bewohner des Ar-
chipels zu Wanderungen veranlassen, so dass kein genau zu-
sammenhängender Bericht über deren Abänderungs-Gang in einer
der dortigen Formationen niedergelegt werden kann.
Sehr viele der jetzigen Meeres -Bewohner jenes Archipels
wohnen gegenwärtig noch Tausende von Englischen Meilen weit
über seine Grenzen hinaus, und die Analogie veranlasst mich zu
glauben, dass diese weit- verbreiteten Arten hauptsächlich zur
Erzeugung neuer Varietäten geeignet seyn würden. Diese Varie-
täten dürften anfangs gewöhnlich nur eine örtliche Verbreitung
besitzen, jedoch, wenn sie als solche irgend einen Vorlheil vor-
aus haben, oder wenn sie erst noch weiter abgeändert und ver-
bessert sind , sich allmählich ausbreiten und ihre Stamm-Ältern
ersetzen. Kehrte dann eine solche Varietät in ihre alte Heimalh
zurück, so würde sie, weil vielleicht zwar nur wenig, aber doch
einförmig von ihrer früheren Beschaffenheit abweichend, und weil
in etwas abweichenden Unterabtheilungen der nämlichen Forma-
tion eingeschichtet befunden, nach den Grundsätzen der meisten
Paläontologen als eine neue und verschiedene Art aufgeführt
werden müssen.
Wenn daher diese Bemerkungen einiger Maassen begründet
sind, so sind wir nicht berechtigt zu erwarten , dass wir in un-
seren geologischen Formationen eine endlose Anzahl solcher
feinen Übergangs-Formen finden werden, welche nach meiner
Betrachtungs-Weise sicher einmal alle früheren und jetzigen Ar-
ten einer Gruppe zu einer langen und verzweigten Kette von
Lebenformen verbunden haben. Wir werden uns nur nach eini-
gen wenigen (und gewiss zu findenden) Zwischengliedern um-
sehen müssen, von welchen die einen fester und die andren
loser mit einander vereinigt sind; und diese Glieder, grenzten
sie auch noch so nahe an einander, werden von den meisten
Paläontologen für verschiedene Arten erklärt werden, sobald sie
in verschiedene Stöcke einer Formation verthcilt sind. Jedoch
gestehe ich ein, dass ich nie geglaubt haben würde, welch' dürf-
332
lige Nachricht von der Veränderung der einstigen Lebenformen
uns auch das beste geologische Profil gewähre, halte nicht die
Schwierigkeit, die zahllosen Mittelglieder zwischen den am An-
fang und am Ende einer Formalion vorhandenen Arten aufzufin-
den, meine Theorie so sehr ins Gedränge gebracht.
Plötzliches Auftreten ganzer Gruppen ver-
wandter Arten.) Das plötzliche Erscheinen ganzer Gruppen
neuer Arten in gewissen Formationen ist von mehren Paläonto-
logen, wie Agassiz, Pictet und am Eindringlichsten von Sedgwick
zur Widerlegung des Glaubens an eine allmähliche Umgestaltung
der Arten hervorgehoben worden. Wären wirklich viele Arten
von einerlei Sippe oder Familie auf einmal plötzlich ins Leben
getreten, so müsste Diess freilich meiner Theorie einer langsamen
Abänderung durch Natürliche Züchtung verderblich werden. Denn
die Entwickelung einer Gruppe von Formen , die alle von einem
Stamm-Vater herrühren, muss nicht nur selbst ein sehr langsamer
Prozess gewesen seyn, sondern auch die Stamm-Form muss schon
sehr lange vor ihren abgeänderten Nachkommen da gewesen seyn.
Aber wir überschätzen fortwährend die Vollständigkeit der geo-
logischen Berichte und unterstellen irrthümlich dasS; weil gewisse
Sippen oder Familien noch nicht unterhalb einer gewissen geo-
logischen Gesichtsebene gefunden worden, sie auch tiefer noch
nicht existirt haben. Jedenfalls verdienen positive paläontolo-
gische Beweise ein unbedingtes Vertrauen , während solche von
negativer Art, wie die Erfahrung so oft ergibt, werthlos sind.
Wir vergessen fortwährend , wie gross die Welt der kleinen
Fläche gegenüber ist, über die sich unsre genauere Untersuchung
geologischer Formationen erstreckt; wir vergessen, dass Arten-
Gruppen anderwärts schon lange vertreten gewesen seyn und
sich langsam vervielfältigt haben können, bevor sie in die alten
Archipele Europas und der Vereinten Staaten eingedrungen.
Wir bringen die Länge der Zeiträume nicht genug in Anschlag,
welche wahrscheinlich zwischen der Ablagerung unsrer unmittel-
bar aufeinander-gelagerten Formationen verflossen und vermulhlich
meistens länger als diejenigen gewesen sind, die zur Ablagerung
einer Formation erforderlich waren. Die Zwischenräume waren
333
lange genug für die Vervielfältigung der Arten von einer oder
von einigen wenigen Stainrn-Formen aus, so dass dann solche Arten
in der jedesmal nachfolgenden Formation auftreten konnten, als
ob sie erst plötzlich und gleichzeitig geschaffen worden Seyen.
Ich will hier an eine schon früher gemachte Bemerkung
erinnern, dass nämlich wohl eine ganze Reihe von Welt-Perioden
dazu gehören dürfte, bis ein Organismus sich einer ganz neuen
Lebens-Weise anpasse, wie z. B. durch die Luft zu fliegen und
dass Dem entsprechend die Übergangs -Formen oft lange auf
einen kleinen Flächen-Raum beschränkt bleiben müssen; dass
aber, wenn Diess einmal geschehen ist und nur einmal eine ge-
ringe Anzahl hiedurch einen grossen Yortheil vor andern Orga-
nismen erworben hat, nur noch eine verhältnissmässig kurze
Zeit duzu erforderlich ist, um viele auseinander-weichende For-
men hervorzubringen, welche dann geeignet sind sich schnell
und weit über die Erd-Oberlläche zu verbreiten. Professor Pictet
sagt in dem vortrefflichen Berichte, welchen er über dieses Buch
gibt, bei Erwähnung der frühesten Übergangs-Formen beispiels-
weise zu den Vögeln, er könne nicht einsehen, welchen Vortheil
die allmähliche Abändei'ung der vordren Gliedmaassen einer un-
terstellten Stammform dieser zu gewähren im Stande gewesen
seyn sollte ? Betrachten wir doch die Pinguine der südlichen
Weltmeere; sind denn nicht bei diesen Vögeln die Vorderglied-
maassen gerade eine Zwischenform von »weder wirklichen Armen
noch wirklichen Flügeln«. Und doch behaupten diese Vögel im
Kampfe ums Daseyn siegreich ihre Stelle, zahllos an Individuen
und manchfaltigen Arten. Ich bin nicht der Meinung, hier eine
der wirklichen Übergangs -Stufen zu sehen, durch welche der
Flügel der Vögel sich gebildet habe; was könnte man aber im
Besondern gegen die Meinung einwenden, dass es den Nach-
kommen dieser Pinguine von Nutzen seyn würde , wenn sie all-
mählig solche Abänderung erführen, dass sie zuerst gleich der
. . . . . Ente flach über den Meeresspiegel hinflattern und dann
sich erheben und durch die Luft schweben lernten?
Ich will nun einige wenige Beispiele zur Erläuterung dieser
Bemerkungen und insbesondre zum Nachweis darüber mittheilen.
334
wie leicht wir uns in der Meinung, dass ganze Arten-Gruppen
auf einmal geschafTen worden seyen , irren können. Schon die
kurze Zeit, welche zwischen der ersten und der zweiten Aus-
gabe von Pictet's Paleontologie verlaufen ist (1844 — 46 bis
1853—57) hat zur wesentlichen Umgestaltung der Schlüsse über
das erste Auftreten und das Erlöschen verschiedener Thier-Grup-
pen beigetragen, und eine dritte Auflage würde schon wieder be-
deutende Abänderungen erheischen. Ich will zuerst an die wohl-
bekannte Thatsache erinnern, dass nach den noch vor wenigen Jah-
ren erschienenen Lehrbüchern der Geologie die grosse Klasse der
Säugthiere ganz plötzlich am Anlange der Tertiär-Periode aufge-
treten seyn sollte. Und nun zeigt sich eine der, im Verhällniss
ihrer Dicke, reichsten Lagerstätten fossiler Säugthier-Reste mitten
in der Sekundär-Reihe, und ein ächtes Säugthier ist in den älte-
sten Schichten des New red Sandstone entdeckt worden. Guvier
pflegte Nachdruck darauf zu legen, dass noch kein Afi'e in irgend
einer Tertiär-Schicht gefunden worden seye; jetzt aber kennt
man fossile Arten von Vierhändern in Ostindien, in Süd-Amerika
und selbst in Europa, sogar schon aus der eocänen Periode.
Hätte uns nicht ein seltener Zufall die zahlreichen Fährten im
New red Sandstone der Vereinten Staaten aufbewahrt, wie wür-
den wir anzunehmen gewagt haben, dass ausser Reptilien auch
schon nicht weniger als dreissig Vogel-Arten von riesiger Grösse
in so früher Zeit existirt hätten, zumal noch nicht ein Stückchen
Knochen in jenen Schichten gefunden worden ist. Obwohl nun
die Anzahl der Füsse, Zehen und verschiedenen Zehen-Glieder
in jenen fossilen Eindrücken vollkommen mit denen unsrer jetzi-
gen Vögel übereinstimmen, so zweifeln doch noch einige Schrift-
steller daran, ob jene Fährten wirklich von Vögeln herrühren.
So konnten also bis vor ganz kurzer Zeit dieselben Autoren be-
haupten und haben einige derselben wirklich behauptet, dass die
ganze Klasse der Vögel plötzlich erst im Anfang der Tertiär-
Periode aufgetreten seye; doch können wir uns jetzt auf die
Versicherung Professor Owen's (in Lyells »Mannah) berufen,
dass ein Vogel gewiss schon zur Zeit gelebt habe, als der obre
Grünsand sich ablagerte.
335
Ich will als ein andres Beispiel anführen, was mir in einer
Abhandlung über fossile silzende QiiTipedeii selber passirt ist.
Nachdem ich nachgewiesen, dass es eine Menge von lebenden
und von erloschenen tertiären Arten gebe, so schloss ich aus
dem ausserordentlichen Reichthume vieler Balaniden- Arten an
Individuen, aus ihrer Verbreitung über die ganze Erde von den
arktischen Regionen an bis zum Äquator und von der obren
Fluth-Grenze an bis zu 50 Faden Tiefe hinab, aus der vollkom-
menen Erhalfungs- Weise ihrer Reste in den ältesten Tertiär-
Schichten, aus der Leichtigkeit selbst einzelne Klappen zu erken-
nen und zu bestimmen: aus allen diesen Umstanden schloss ich
dass, wenn es in der sekundären Periode sitzende Cirripeden
gegeben hätte, solche gewiss erhalten und wieder entdeckt wor-
den seyn würden ; da jedoch noch keine Schaale einer Spezies
in Schichten dieses Alters gefunden worden seye, so müsse sich
diese grosse Gruppe ersj im Beginne der Tertiär-Zeit plötzlich
entwickelt haben. Es war eine grosse Verlegenheit für mich,
selbst noch ein weiteres Beispiel vom plötzlichen Auftreten einer
grossen Arten-Gruppe bestätigen zu müssen. Kaum war jedoch
mein Werk erschienen, als ein bewährter Paläontologe, Hr. Bos-
QUET, mir eine Zeichnung von einem vollständigen Exemplare
eines unverkennbaren Balaniden sandte, welchen er selbst aus
dem Belgischen Kreide-Gebirge entnommen hatte. Und um den
Fall so treffend als möglich zu machen, so ist der entdeckte
Balanide ein Chtharaalus, eine sehr gemeine und überall weit-
verbreitete Sippe, wovon sogar in tertiären Schichten bis jetzt
noch keine Spur gei'unden worden war. Wir wissen daher jetzt
mit Sicherheit, dass es auch in der Sekundär-Zeit schon sitzende
Cirripeden gegeben, welche möglicher Weise die Stamm-Ältern
unsrer vielen tertiären und noch lebenden Arten gewesen seyn
können.
Der Fall von plötzlichem Auftreten einer ganzen Arten-
Gruppe, worauf sich die Paläontologen am öftesten berufen, ist
die Erscheinung der ächten Knochen-Fische oder Teleostier erst
in den unteren Schichten der Kreide -Periode; Diese Gruppe
enthält bei weitem die grösste Anzahl der jetzigen Fische.
336
Inzwischen hat Professor Pictet neuerlich ihre erste Erscheinung
schon wieder um einen Stock tiefer nachgewiesen und glauben
andre Paläontologen, dass viele ältre Fische, deren Verwandt-
schaften bis jetzt noch nicht genau bekannt, wirkliche Teleoslier
Seyen. Nähme man mit Agassiz an, dass deren ganze Gruppe
wirklich erst zu Anfang der Kreide-Zeit erschienen seye, so
wäre diese Thatsache freilich höchst merkwürdig; aber auch in
ihr vermöchte ich noch keine unübersteigliche Schwierigkeit für
meine Theorie zu erkennen, bis auch erwiesen wäre, dass in
der That die Arten dieser Gruppe auf der ganzen Erde gleich-
zeitig in jener Frist aufgetreten seyen. Es ist fast überflüssig
zu bemerken, dass ja noch kaum ein fossiler Fisch von der Süd-
Seite des Äquators bekannt ist und nach Pictet's Paläontologie
selbst in einigen Gegenden Europas erst sehr wenige Arten ge-
funden worden sind. Einige wenige Fisch-Familien haben jetzt
enge Verbreitungs - Grenzen , und so könnte es auch mit den
Teleostiern der Fall gewesen seyn, dass sie erst dann, nach-
dem sie sich in diesem oder jenem Meere sehr vervielfältigt,
sich weit verbreitet hätten. Auch sind wir nicht anzunehmen
berechtigt, dass die Welt-Meere von Norden nach Süden allezeit
so offen wie jetzt gewesen seyen. Selbst heutigen Tages könnte
der tropische Theil des Indischen Ozeans durch eine Hebung des
Malayischen Archipels über den Meeres-Spiegel in ein grosses
geschlossenes Becken verwandelt werden, worin sich irgend
welche grosse Seethier-Gruppen zu entwickeln und vervielfältigen
vermöchten; und da würde sie dann eingeschlossen bleiben, bis
einige der Arten für ein kühleres Klima geeignet und in Stand
gesetzt worden wären, die Süd-Cap's in Afrika und Australien
zu umwandern und so in andre ferne Meere zu gelangen.
Aus diesen und ähnlichen Betrachtungen, aber hauptsächlich
in Berücksichtigung unsrer Unkunde über die geologischen Ver-
hältnisse andrer Welt-Gegenden ausserhalb Europa und Nord-
Amerika, endlich nach dem Umschwung, welchen unsre paläon-
tologischen Vorstellungen durch die Entdeckungen während der
letzten Jahrzehnte erlitten, glaube ich folgern zu dürfen, dass
wir eben so übereilt handeln würden, die bei uns bekannt
337
gewordene Art der Aufeinanderfolge der Organismen auf die
ganze Erd-Oberfläche zu übertragen, als ein Naturforscher tliäte,
weicher nach einer Landung von fünf Minuten an irgend einer
armen Küste Australiens auf die Zahl und Verbreitung seiner
Organismen schliessen wollte.
Plötzliches Erscheinen ganzer Gruppen ver-
wandter Arten in den untersten F o s s il i e n- fü hre n-
den Schichten.) Grösser ist eine andre Schwierigkeit; ich
meine das plötzliche Auftreten vieler Arten einer Gruppe in den
untersten Fossilien-führenden Gebirgen. Die meisten der Gründe,
welche mich zur Überzeugung geführt, dass alle lebenden Arten
einer Gruppe von einem gemeinsamen Urvater herrühren , sind
mit fast gleicher Stärke auch auf die ältesten fossilen Arten an-
wendbar. So kann ich z. B. nicht daran zweifeln, dass alle
silurischen Triiobiten von irgend einem Kruster herkommen,
welcher von allen jetzt lebenden Krustern sehr verschieden war.
Einige der ältesten silurischen Thiere sind zwar nicht sehr von
noch jetzt lebenden Arten verschieden, wie Lingula, Nautilus u. a.,
und man kann nach meiner Theorie nicht annehmen, dass diese
alten Arten die Erzeuger aller Arten der Ordnungen gewesen
Seyen, wozu sie gehören , indem sie in keiner Weise Mittelfor-
men zwischen denselben darbieten. Und wären sie deren Stamm-
Ältern gewesen, so würden sie jetzt gewiss längst durch ihre
vervollkommneten Nachfolger ersetzt und ausgetilgt seyn.
Wenn meine Theorie richtig, so müssten unbestreitbar schon
vor Ablagerung der ältesten silurischen Schichten eben so lange
oder noch längere Zeiträume, wie nachher, verflossen, und müsste
die Erd-Oberfläche während dieser ganz unbekannten Zeiträume
von lebenden Geschöpfen bewohnt gewesen seyn.
Was nun die Frage betrifft, warum wir aus diesen weilen
Primordial-Perioden keine Denkmäler mehr finden , so kann ich
darauf keine genügende Antwort geben. Mehre der ausgezeich-
netsten Geologen mit Sir R. Murchison an der Spitze sind über-
zeugt, in diesen untersten Silur-Schichten die Wiege des Lebens
auf unsrem Planeten zu erblicken. Andre hoch- bewährte Beur-
theiler, wie Ch. Lyeli, und der verstorbene Edw. Forbes bestreiten
Darwin, Entstehung der Arten. 2. Aufl. 22
338
diese Bohaiiplung Und wir müssen nicht vergessen, dass nur
ein geringer Theil unsrer Erd-Oberfläche niil einiger Genauigkeit
erforscht ist. Erst unlängst hat Hr. Barrande dem silurischen
Systeme noch einen anderen älteren Stock angefügt, der reich
ist an neuen und eigenthümlichen Arten. Spuren einstigen
Lebens sind auch noch in den Longinynd -Schichten entdeckt
worden unterhalb Barrande's sogenannter Printordial-Zone. Die
Anwesenheit Phosphate-haltiger Nieren und bituniinöser Materien
in einigen der untersten azoischen Schichten deutet wahrschein-
lich auf ein ehemaliges noch früheres Leben hin. Aber dann
ist die Schwierigkeit noch grösser, das gänzliche Fehlen der
mächtigen Stösse Fossilien-führender Schichten zu begreifen, die
meiner Theorie zufolge sich gewiss irgendwo aufgehäuft hatten.
Wären diese ältesten Schichten durch Enlblössungen ganz und
gar weggewaschen oder durch Metamorphismus ganz und gar
unkenntlich gemacht worden, so würden wir wohl auch nur noch
ganz kleine Überreste der nächst-jüngeren Formationen entdecken,
und diese müssteu sich meistens in einem melamorphischen Zu-
stande befinden. Aber die Beschreibungen, welche wir jetzt von
den silurischen Ablagerungen in den unermesslichen Länder-Ge-
bieten in Russland und Nord-Amerika besitzen, sind nicht zu
Gunsten der Meinung dass, je älter eine Formation, desto mehr
sie durch Entblössung und Metaphorismus gelillen haben müsse.
Diese Thatsache muss fürerst unerklärt bleiben und wird
mit Recht als eine wesentliche Einrede gegen die hier entwickel-
ten Ansichten hervorgehoben werden. Ich will jedoch folgende
Hypothese aufstellen, um zu zeigen, dass doch vielleicht einige
Erklärung möglich ist. Aus der Natur der in den verschiedenen
Formalionen Europas und der Vereinten Staaten vertretenen
organischen Wesen , welche keine grossen Tiefen bewohnt zu
haben scheinen, und aus der ungeheuren Masse der Meilen-dicken
Niederschläge, woraus diese Formationen bestehen, können wir
zwar schliessen, dass von Anfang bis zu Ende grosse Inseln oder
Landstriche , aus welchen die Sedimente herbeigeführt worden,
in der Nähe der jetzigen Kontinente von Europa und Nord-Ame-
rika existirt haben müssen. Aber vom Zustande der Dinge in
339
den langen Perioden, welche zwischen der Bildung dieser For-
mationen verflossen sind, wissen wir nichts; wir vermögen nicht
zu sagen, ob während derselben Europa und die Vereinten
Staaten als trockne Länder-Strecken oder als untermeerische
Küsten-Flächen, auf welchen inzwischen keine Ablagerungen er-
folgten, oder als endlicher unergründlicher Meeres-Boden eines
offnen und unergründlichen Ozeans vorhanden waren.
Betrachten wir die jetzigen Weltmeere, welche dreimal so
viel Fläche als das trockne Land einnehmen, so linden wir sie
mit zahlreichen Inseln besäet, unter welchen aber keine der pe-
rugischen bis jetzt einen Überrest von paläolitischen und sekun-
dären Formationen geliefert hat, etwa Neuseeland, Spitzbergen
und die benachbarte Bären-Insel ausgenommen, welche in man-
cher Beziehung kaum in jener Klasse mitzubegreifen seyn wür-
den. Man kann daraus vielleicht schliessen, dass während der
paläolitischen und Sekundär - Zeit weder Kontinente noch konti-
nentale Inseln da existirt haben, wo sich jetzt der Ozean aus-
dehnt; denn wären solche vorhanden gewesen, so würden sich
nach aller Wahrscheinlichkeit aus dem von ihnen herbei-geführ-
ten Schutte auch paläolitische und sekundäre Schichten gebildet
haben, und es würden dann in Folge der Niveau-Schwankungen,
welche während dieser ungeheuer langen Zeiträume jedenfalls
stattgefunden haben müssen, wenigstens theilweise Emporhebungen
trocknen Landes haben erfolgen können. Wenn wir also aus
diesen. Thatsachen irgend einen Schluss ziehen wollen, so können
wir sagen, dass da, wo sich jetzt unsre Weltmeere ausdehnen,
solche schon seil den ältesten Zeiten, von denen wir Kunde be-
sitzen, bestanden haben, und dass da, wo jetzt Kontinente sind,
grosse Landstrecken existirt haben, welche von der frühesten
Silur-Zeit an zweifelsohne grossem Niveau-Wechsel unterworfen
gewesen sind. Die kolorirte Karte, welche meinem Werke über
die Korallen-Riffe beigegeben ist, führte mich zum Schluss , dass
die grossen Weltmeere noch jetzt hauptsächlich Senkungs-Felder,
die grossen Archipele noch jetzt schwankende Gebiete und die
Kontinente noch jetzt in Hebung begriffen seyen. Aber haben
wir ein Recht anzunehmen , dass diese Dinge sich seit dem
?2 •
340
Beginne dieser Welt gleich geblieben sind ? Unsre Festländer
scheinen hauptsächlich durch vorherrschende Hebung während
vielfacher Höhen-Schwankungen entstanden zu seyn. Aber kön-
nen nicht die Felder vorwaltender Hebungen und Senkungen ihre
Rollen vor noch längrer Zeit umgetauscht haben? In einer un-
ermesslich früheren Zeit vor der silurischen Periode können Kon-
tinente da existirt haben, wo sich jetzt die Weltmeere ausbreiten,
und können offne Weltmeere gewesen seyn, wo jetzt die Fest-
länder emporragen. Und doch würde man noch nicht anzuneh-
men berechtigt seyn, dass z. B. das Bette des Stillen Ozeans,
wenn es jetzt in ein Festland verwandelt würde, uns ältre als
silurische Schichten darbieten müsse, vorausgesetzt selbst dass
sich solche einstens dort gebildet haben; denn es wäre möglich,
dass Schichten, welche dem Mittelpunkt der Erde um einige Mei-
len näher gerückt und von dem ungeheuren Gewichte darüber
stehender Wasser zusammengedrückt gewesen, stärkere meta-
morphische Einwirkungen erfahren habe als jene, welche näher
an der Oberfläche verweilten. Die in einigen Welt- Gegenden
wie z. B. in Süd-Amerika vorhandenen unermesslichen Strecken
blos metamorphischen Gebirges, welche hohen Graden von Druck
und Hitze ausgesetzt gewesen seyn müssen, haben mir einer be-
sonderen Erklärung zu bedürfen geschienen; und vielleicht darf
man annehmen, dass sie uns die zahlreichen schon lange vor der
silurischen Zeit abgesetzten Formationen in einem völlig meta-
morphischen Zustande darbieten.
Die mancherlei hier erörterten Schwierigkeiten, welche na-
mentlich daraus entspringen, dass wir in der Reihe der aufein-
ander-folgenden Formationen zwar manche Mittelfornien zwischen
früher dagewesenen und jetzt vorhandenen Arten, nicht aber die
unzähligen nur leicht abgestuften Zwischenglieder zwischen allen
successiven Arten finden , — dass ganze Gruppen verwandter
Arten in unsren Europäischen Formationen oft plötzlich zum
Vorschein kommen, — dass, so viel bis jetzt bekannt, ältre Fos-
silien-führende Formationen noch unter den silurischen Schichten
gänzlich fehlen, — alle diese Schwierigkeiten sind zweifelsohne
von grösstem Gewichte. Wir ersehen Diess am deutlichsten aus
341
der Thatsache. dass die ausgezeichnetsten Paläontologen, wie Cuvier,
Agassiz, Barrande, Falconer, Edw. Forbes und andre, sowie unsre
arössten Geologen, Lyell, Murchison, Sedgwick etc. die Unvcrän-
derlichkeit der Arten einstimmig und oft mit grosser Heftigkeit
vertheidigt haben. Inzwischen habe ich Grund anzunehmen, dass
eine grosse Autorität, Sir Ch. Lyell, in Folge fernerer Erwägun-
gen sehr zweifelhaft in dieser Beziehung geworden ist. Ich fühle
wohl, wie bedenklich es ist, von diesen Gewährsmännern, denen
wir mit Andern alle unsre Kenntnisse verdanken, abzuweichen.
Alle, die den geologischen Schöpfungs-Berichl für einigermaassen
vollständig halten und nicht viel Gewicht auf andre in diesem
Bande mitgetheilten Thatsachen und Schlussfolgerungen legen,
werden zweifelsohne meine ganze Theorie auf einmal verwerfen.
Ich für meinen Theil betrachte (um Lyells bildlichen Ausdruck
durchzuführen) den Natürlichen Sohöpfungs-Bericht als eine Ge-
schichte der Erde, unvollständig erhalten und in wechselnden
Dialekten geschrieben, — wovon aber nur der letzte bloss auf
einige Theile der Erd-Oberfläche sich beziehende Band bis auf
uns gekommen ist. Doch auch von diesem Bande ist nur hier
und da ein kurzes Kapitel erhalten, und von jeder Seite sind nur
da und dort einige Zeilen übrig. Jedes Wort der langsam wech-
selnden Sprache dieser Beschreibung, mehr und weniger ver-
schieden in den aufeinander-folgenden Abschnitten, mag den an-
scheinend plötzlich wechselnden Lebenformen entsprechen, welche
in den unmittelbar aufeinander-liegenden Schichten unsrer weit
von einander getrennten Formationen begraben liegen.
342
GcoIoj,^ische Aufeinanderfolgte or^,^aniscliei' Wesen.
Langsame und allmähliche Erscheinung neuer Arten. — Ungleiches Maass
ihrer Veränderung. — Ein mal untergegangene Arten kommen nicht wieder
zum Vorschein. — Arten-Gruppen folgen denselben allgemeinen Regeln
des Auftretens und Verschwindens, wie die einzelnen Arten. — Erlöschen
der Arten. — Gleichzeitige Veränderungen der Lebenformen auf der ganzen
Erd-Oberfläche. — Verwandtschaft erloschener Arten mit andern fossilen
und mit lebenden Arten. — Entwickelungs - Stufe aller Formen. — Auf-
einanderfolge derselben Typen im nämlichen Länder - Gebiete. — Zusam-
menfassung des jetzigen mit früheren Abschnitten.
Sehen wir nun zu, ob die verschiedenen Thatsachen und
Regeln hinsichtlich der geologischen Aufeinanderfolge der orga-
nischen Wesen besser mit der gewöhnlichen Ansicht von der
Unabänderlichkeit der Arten, oder mit der Theorie einer lang-
samen und stufen weisen Abänderung der Nachkommenschaft durch
Natürliche Züchtung übereinstimmen.
Neue Arten sind im Wasser wie auf dem Lande nur sehr
langsam, eine nach der andern zum Vorschein gekommen, Lyell
hat gezeigt, dass es kaum möglich ist, sich den in den verschie-
denen Tertiär- Schichten niedergelegten Beweisen in dieser Hin-
sicht zu verschliessen und jedes Jahr strebt die noch vorhande-
nen Lücken mehr auszufüllen und das Prozent- Verhältniss der
noch lebend vorhandenen zu den ganz ausgestorbenen Arten
mehr und mehr abzustufen. In einigen der neuesten, wenn
auch, in Jahren ausgedrückt, gewiss sehr alten Schichten kom-
men nur noch 1 — 2 ausgestorbene Arten vor, und nur je eine
oder zwei überhaupt oder für die Örllichkeit neue Formen ge-
sellen sich den früheren bei. Wenn wir den Beobachtungen
Philippi's in Sizilien vertrauen dürfen, so ist die stufenweise Er-
setzung der früheren Meeres-Bewohner bei dieser Insel durch
andre Arten ein äusserst langsamer gewesen. Die' Sekundär-
Formationen sind mehr unterbrochen ; aber in jeder einzelnen
Formation hat, wie Bronn bemerkt hat, weder das Auftreten noch
das Verschwinden ihrer vielen jetzt erloschenen Arten gleich-
zeitig stattgefunden.
343
Arten verschiedener Sippen und Klassen haben weder glei-
chen Schrittes noch in gleichem Verhältnisse gewechselt. In den
ältesten Tertiär -Schichten liegen die wenigen lebenden Arten
mitten zwischen einer Menge erloschener Formen. FAtcoNE« hat
ein schlacrendes Beispiel der Art berichtet, nämlich von emem
Krokodile^noch lebender Art, welches mit einer Menge fremder
und untergegangener Säuglhiere und Reptilien in Schichten des
Snbhimalaya beisammen lagert. Die silurischen Lingula-Arten
weichen nur sehr wenig von den lebenden Spezies dieser Sippe
ab, während die meisten der übrigen silurischen Mollusken und
alle Kruster grossen Veränderungen unterlegen sind. Die Land-
Bewohner scheinen schnelleren Schrittes als die Meeres-Bewohner
zu wechseln, wOYon ein treffender Beleg kürzlich aus der Schwatz
berichtet worden ist. Es scheint einiger Grund zur Annahme
vorhanden, dass solche Organismen, welche auf höherer Orga-
nisations-Stufe stehen, rascher als die unvollkommen entwickelten
wechseln; doch gibt es Ausnahmen von dieser Regel. Das Maass
organischer Veränderung entspricht nach Pictet's Bemerkung nicht
genau der Aufeinanderfolge unsrer geologischen Formationen,
so dass zwischen je zwei aufeinander-folgenden Bildungen die
Lebens-Formen genau in gleichem Grade sich änderten. Wenn
wir aber irgend welche, seyen es auch nur zwei einander zu-
nächst verwandte Formationen mit einander vergleichen, so finden
wir, dass alle Arten einige Veränderungen erfahren haben. Ist
eine Art einmal von der Erd-Oberfläche verschwunden, so haben
wir einigen Grund zu vermuthen, dass dieselbe Art nie wieder
zum Vorschein kommen werde. Die anscheinend auffallendsten
Ausnahmen von dieser Regel bilden Barbande's sogenannte «Ko-
lonien« von Arten, welche sich eine Zeit lang mitten in ältre
Formationen einschieben und dann später, wieder erscheinen;
doch halte ich Lyells Erklärung, sie s'iyen durch V^anderungen
aus einer geographischen Provinz in die andre bedingt, für voll-
kommen genügend.
Diese verschiedenen Thatsachen vertragen sich wohl mit
meiner Theorie. Ich glaube an kein festes Entwickelungs-Geselz,
welches alle Bewohner einer Gegend veranlasste, sich plötzlich
344
oder gleichzeitig oder gleichmässig zu ändern. Der Abänderungs-
Prozess inuss ein sehr langsamer seyn. Die Veränderlichkeit
jeder Art ist ganz unabhängig von der der andern Arten. Ob
sich die Natürliche Züchtung solche Veränderlichkeit zu Nutzen
macht, und ob die in grösserem oder geringerem Maasse gehäuf-
ten Abänderungen stärkere oder schwächre Modifikationen in den
sich ändernden Arten veranlassen, Diess hängt von vielen ver-
wickelten Bedingungen ab: von der Nützlichkeit der Veränderung,
von der Wirkung der Kreutzung, von dem Maass der Züchtung,
vom allmählichen Wechsel in der natürlichen Beschaffenheit der
Gegend, und zumal von der Beschaffenheit der übrigen Orga-
nismen, welche mit den sich ändernden Arten in Mitbewerbung
kommen; daher es keineswegs überraschend ist, wenn eine Art
ihre Form unverändert bewahrt, während andre sie wechseln,
oder wenn sie solche in geringerem Grade wechselt als diese.
Wir beobachten Dasselbe in der geographischen Verbreitung,
z. B. auf Madeira, wo die Landschnecken und Käfer in beträcht-
lichem Maasse von ihren nächsten Verwandten in Europa abge-
wichen, während Vögel und See-Mollusken die nämlichen ge-
blieben sind. Man kann vielleicht die anscheinend raschere Ver-
änderung in den Land -Bewohnern und den höher organisirten
Formen gegenüber derjenigen der meerischen und der tiefer-
stehenden Arten aus den zusammengesetzteren Beziehungen der
vollkommeneren Wesen zu ihren organischen und unorganischen
Lebens-Bedingungen, wie sie in einem früheren Abschnitte aus-
einandergesetzt worden sind, herleiten. Wenn viele von den
Bewohnern einer Gegend abgeändert und vervollkommnet worden
sind, so begreift man aus dem Prinzip der Mitbewerbung und
aus den höchst-wichtigen Beziehungen von Organismus zu Orga-
nismus, dass eine Form, welche gar keine Änderung und Ver-
vollkommnung erfährt, der Austilgung preisgegeben ist. Daraus
ergibt sich dann, dass alle Arten einer Gegend zuletzt, wenn
wir nämlich hinreichend lange Zeiträume dafür zugestehen, ent-
weder abändern oder zu Grunde gehen müssen.
Bei Gliedern einer Klasse mag das Maass der Änderung
während langer und gleicher Zeit-Perioden im Mittel vielleicht
345
nahezu gleich seyn. Da jedoch die Anhäufung lange dauernder
Fossilreste -führender Formationen davon bedingt ist, ob grosse
Sediment-Massen während einer Senkungs-Periode abgesetzt wer-
den, so müssen sich unsre Formationen nothwendig meistens mit
langen und unregelmässigen Zwischenpausen gebildet haben; da-
her denn auch der Grad organischer Veränderung, welchen die
in den Erd -Schichten abgelagerten organischen Reste an sich
tragen, in aufeinander -folgenden Formationen nicht gleich ist.
Jede Formation bezeichnet nach dieser Anschauungs-Weise nicht
einen neuen und vollständigen Akt der Schöpfung, sondern nur
eine meistens ganz nach Zufall herausgerissene Szene aus einem
langsam vor sich gehenden Drama.
Man begreift leicht, dass eine einmal zu Grunde gegangene
Art nicht wieder zum Vorschein kommen kann, selbst wenn die
nämlichen unorganischen und organischen Lebens-Bedingungen
nochmals eintreten. Denn obwohl die Nachkommenschaft einer
Art so hergerichtet werden kann (und gewiss in unzähligen Fäl-
len herorerichtet worden ist), dass sie den Platz einer andern Art
im Haushalte der Natur genau ausfüllt und sie ersetzt, so können
doch beide Formen, die alte und die neue, nicht identisch die
nämlichen seyn, weil beide gewiss von ihren verschiedenen
Stamm-Vätern auch verschiedene Charaktere mit -geerbt haben.
So könnten z. B., wenn unsre Pfauentauben ausstürben, Tauben-
Liebhaber durch lange Zeit fortgesetzte und auf denselben Punkt
gerichtete Bemühungen wohl eine neue von unsrer jetzigen
Pfauentaube kaum unterscheidbare Rasse zu Stande bringen.
Wäre aber auch deren Urform , unsre Felstaube im Natur-Zu-
stande, wo die Stamm-Form gewöhnlich durch ihre vervollkomm-
nete Nachkommenschaft ersetzt und vertilgt wird, zerstört worden,
so müssle es doch ganz unglaubhaft erscheinen, dass ein Pfauen-
schwanz, mit unsrer jetzigen Rasse identisch, von irgend einer
andern Tauben-Art oder einer andern guten Varietät unsrer
Haustauben gezogen werden könne, weil die neu-gebildete Pfauen-
taube von ihrem neuen Stamm-Vater fast gewiss einige wenn
auch nur leichte Unterscheidungs-Merkmale beibehalten würde.
Arten- Gruppen , wie Sippen und Familien sind, folgen in
346
ihrem Auflreten und Verschwinden denselben allgemeinen Regeln,
wie die einzelnen Arien selbst, indem sie mehr oder weniger
schnell, in grössrem oder geringerem Grade wechseln. Eine
Gruppe erscheint nicht wieder, wenn sie einmal untergegangen
ist; ihr Daseyn ist abgeschnitten. Ich weiss wohl, dass es
einige anscheinende Ausnahmen von dieser Regel gibt; allein
es sind deren so erstaunlich wenig, dass Edw. Fobbes, Pictet
und Woodward (obwohl dieselben alle diese von mir verlheidigten
Ansichten sonst bestreiten) deren Richtigkeit zugestehen , und
diese Regel entspricht vollkommen meiner Theorie. Denn, wenn
alle Arten einer Gruppe von nur einer Stamm-Art herkommen,
dann ist es klar, dass, so lange als noch irgend eine Art der
Gruppe in der langen Reihenfolge der geologischen Perioden zum
Vorschein kommt, so lange auch noch Glieder derselben Gruppe
in ununterbrochner Reihenfolge existirt haben müssen, um all-
mählich veränderte und neue oder noch die alten und unverän-
derten Formen hervorbringen zu können. So müssen also Arten
der Sippe Lingula seit deren Erscheinen in den untersten Schichten
bis zum heutigen Tage ununterbrochen vorhanden gewesen seyn.
Wir haben im letzten Kapitel gesehen , dass es zuweilen
aussieht, als seyen die Arten einer Gruppe ganz plötzlich in
Masse aufgetreten, und ich habe versucht diese Thatsache zu
erklären, welche, wenn sie sich richtig verhielte, meiner Theorie
verderblich seyn würde. Aber derartige Fälle sind gewiss nur
als Ausnahmen zu betrachten; nach der allgemeinen Regel wächst
\ i die Arten-Zahl jeder Gruppe allmählich bis zu ihrem Maximum
/ an und nimmt dann früher oder später wieder langsam ab. Wenn
/ man die Arten-Zahl einer Sippe oder die Sippen-Zahl einer Fa-
/ milie durch eine Vertikal-Linie ausdrückt, welche die überein-
ander-folgenden Formationen mit einer nach Maassgabe der in
jeder derselben enthaltenen Arten -Zahl veränderlichen Dicke
durchsetzt, so kann es manchmal scheinen, als beginne dieselbe
unten breit, statt mit scharfer Spitze; sie nimmt dann aufwärts
, noch weiter an Breite zu, hält darauf oft eine Zeit lang gleiche
Stärke ein und läuft dann in den obren Schichten, der Abnahme
und dem Erlöschen der Arten entsprechend, allmälilich spitz aus.
347
Diese allmähliche Zunahme einer Gruppe steht mit meiner Theorie
vollkommen in Einklang, da die Arten einer Sippe und die
Sippen einer Familie nur langsam und allmählich an Zahl wachsen
können, weil der Vorgang der Umwandlung und der Entwicke-
lung einer Anzahl verwandter Formen nur ein langsamer seyn
kann, da eine Art anfänglich nur eine oder zwei Varietäten lie-
fert, welche sich allmählich in Arten verwandeln, die ihrerseits
mit gleicher Langsamkeit wieder andre Arten hervorbringen und
so weiter (wie ein grosser Baum sich allmählich verzweigt), bis
die Gruppe gross wird.
Erlöschen.) Wir haben bis jetzt nur gelegentlich von
dem Verschwinden der Arten und der Arten-Gruppen gesprochen.
Nach der Theorie der Natürlichen Züchtung sind jedoch das Er-
löschen alter und die Bildung neuer verbesserter Formen aufs
Innigste mit einander verbunden. Die alte Meinung, dass von
Zeit zu Zeit sämmtliche Bewohner der Erde durch grosse Um-
wälzungen von der Oberfläche weggefegt worden seyen, ist jetzt
ziemlich allgemein und selbst von solchen Geologen, wie Eue
DE Beaumont, Murchison, Barrande u. a. aufgegeben, deren allge-
meinere Anschauungs-Weise sie auf dieselbe hinlenken müsste.
Wir haben vielmehr nach den über die Tertiär-Formationen an-
gestellten Studien allen Grund zur Annahme, dass Arten und
Arten-Gruppen ganz allmählich eine nach der andern zuerst an
einer Stelle, dann an einer andern und endlich überall verschwin-
den. In einigen Fällen jedoch, wie beim Durchbruch einer Land-
enge und der nachfolgenden Einwanderung einer Menge von
neuen Bewohnern, oder bei dem Untertauchen einer Insel mag
das Erlöschen verhältnissmässig rasch vor sich gegangen seyn.
Einzelne Arten sowohl als Arten-Gruppen haben sehr ungleich
lange Zeiten gedauert, einige Gruppen, wie wir gesehen, von
der ersten V/iegen-Zeit des Lebens an bis zum heutigen Tage,
während andre nicht einmal den Schluss der paläolithischen Zeit
erreicht haben. Es scheint kein bestimmtes Gesetz zu geben,
welches die Länge der Dauer einer Art oder Sippe bestimmte.
Doch scheint Grund zur Annahme vorhanden, dass das gänzliche
Erlöschen der Arten einer Gruppe gewöhnlich ein langsamerer
348
Vorgang als selbst ihre Entstehung ist. Wenn man das Erschei-
nen und Verschwinden der Arten einer Gruppe ebenso wie im
vorigen Falle durch eine Vertikallinie von veränderlicher Dicke
ausdrückt, so pflegt sich dieselbe weit allmählicher an ihrem obren
dem Erlöschen entsprechenden, als am untern die Entwickelung
darstellenden Ende zuzuspitzen. Doch ist in einigen Fällen das
Erlöschen ganzer Gruppen von Wesen, wie das der Ammoniten
am Ende der Sekundär-Zeit, den meisten andern Gruppen gegen-
über wunderbar rasch erfolgt.
Die ganze Frage vom Erlöschen der Arien ist in das ge-
heimnissvollste Dunkel gehüllt gewesen. Einige Schriftsteller
haben sogar angenommen, dass Arten gerade so wie Individuen
eine regelmässige Lebensdauer haben. Durch das Verschvnnden
der Arten ist wohl Niemand mehr in Verwunderung gesetzt wor-
den, als es mit mir der Fall gewesen. Als ich im La-Plata-
Staate einen Pferde-Zahn in einerlei Schicht mit Resten von Ma-
stodon, Megatherium, Toxodon u. a. Ungeheuern zusammenlie-
gend fand , welche sämmtlich noch in später geologischer Zeit
mit noch jetzt lebenden Konchilien-Arten zusammen-gelebt haben,
war ich mit Erstaunen erfüllt. Denn da die von den Spaniern
in Süd-Amerika eingeführten Pferde sich wild über das ganze
Land verbreitet und zu unermesslicher Anzahl vermehrt haben,
so musste ich mich bei jener Entdeckung selber fragen, was in
verhältnissmässig noch so neuer Zeit das frühere Pferd unter
Lebens-Bedingungen zu vertilgen vermocht, welche sich der Ver-
vielfältigung des Spanischen Pferdes so ausserordentlich günstig
erwiesen haben? Aber wie ganz ungegründet war mein Erstau-
nen ! Professor Owen erkannte bald , dass der Zahn, wenn auch
denen der lebenden Arten sehr ähnlich, doch von einer ganz
anderen nun erloschenen Art herrühre. Wäre diese Art noch
jetzt, wenn auch schon etwas selten, vorhanden, so würde sich
kein Naturforscher im mindesten über deren Seltenheit wundern,
da es viele seltene Arten aller Klassen in allen Gegenden gibt.
Fragen wir uns selbst, warum diese oder jene Art selten ist,
so antworten wir, es müsse irgend etwas in den vorhandenen
Lebens-Bedingungen ungünstig seyn, obwohl wir dieses Etwas
349
nicht leicht näher zu bezeichnen wissen. Existirfe das fossile
Pferd noch jetzt als eine seltene Art, so würden wir in Berück-
sichtigung der Analogie mit allen andern Säuglhier-Arten und
selbst mit dem sich nur langsam fortpflanzenden Elephanten und
der Verinehrungs-Geschichte des in Süd-Amerika verwilderten
Hauspferdes fühlen, dass jene fossile Art unter günstigeren Ver-
haltnissen binnen wenigen Jahren im Stande seyn müsse den
cranzen Kontinent zu bevölkern. Aber wir können nicht sagen,
welche ungünstigen Bedingungen es Seyen, die dessen Vermeh-
rung hindern, ob deren nur eine oder ob ihrer mehre seyen,
und in welcher Lebens-Periode und in welchem Grade jede der-
selben ungünstig wirke. Verschlimmerten sich aber jene Bedin-
gungen allmählich, so würden wir die Thalsache sicher nicht be-
merken, obschon jene (fossile) Pferde-Art gewiss immer seltener
und seltener werden und zuletzt erlöschen würde; 'denn ihr Platz
ist bereits von einem andern siegreichen Milbewerber eingenommen.
Man hat viele Schwierigkeit sich immer zu erinnern, dass
die Zunahme eines jeden lebenden Wesens durch unbemerkbare
schädliche Agentien fortwährend aufgehalten wird, und dass die-
selben unbemerkbaren Agentien vollkommen genügen können, um
eine fortdauernde Verminderung und endliche Vertilgung zu be-
wirken. Dieser Satz bleibt aber so unbegrifl'en, dass ich wieder-
holt habe eine Verwunderung darüber äussern hören, dass so
grosse Thiere wie der Mastodon und die ältren Dinosaurier haben
untergehen können, als ob die grosse Körper-Masse schon ge-
nüge um den Sieg im Kampfe um's Daseyn zu sichern. Im Ge-
gentheile könnte gerade eine beträchtliche Grösse in manchen
Fällen des früher unzureichend werdenden Futter-Bedarfes wegen
das Erlöschen beschleunigen. Schon ehe der Mensch Ostindien
und Afrika bewohnte, muss irgend eine Ursache die fortdauernde
Vervielfältigung der dort lebenden Elephanten -Arten gehemmt
haben. Ein sehr fähiger Beurlheiler glaubt, dass es gegenwärtig
hauptsächlich Insekten sind (wie sie Bruce auch in Abyssinien
beschrieben hat), die durch beständiges Beunruhigen und Ermüden
die raschere Vermehrung der Elephanten hauptsächlich hemmen.
Es ist gewiss, dass sowohl Insekten verschiedener Art als auch
350
Blut-saugende Fledermäuse bedingend wirken auf die Ausbreitung
der in verschiedenen Theilen Süd-Amerikas eingeführten Haus-
Säugethiere. Wir sehen in den neueren Tertiär-Bildungen viele
Beispiele, dass Seltenwerden dem gänzlichen Verschwinden vor-
angeht, und wir wissen, dass es derselbe Fall bei denjenigen
Thier-Arten gewesen ist, welche durch den Einfluss des Men-
schen örtlich oder überall von der Erde verschwunden sind. Ich
will hier wiederholen, was ich im Jahr 1845 drucken Hess: Zu-
geben, dass Arten gewöhnlich selten werden, ehe sie erlöschen,
und sich über des Sellnerwerden einer Art nicht wundern, aber
dann doch hoch erstaunen, wenn sie endlich zu Grunde geht, —
heisst Dasselbe, wie: Zugeben, dass bei Individuen Krankheit
dem Tode vorangeht, und sich über das Erkranken eines Indivi-
duunis nicht befremdet fühlen, aber sich wundern, wenn der
kranke Mensch stirbt, und seinen Tod irgend einer unbekannten
Gewalt zuschreiben.
Die Theorie der natürlichen Züchtung beruhet auf der An-
nahme, dass jede neue Varietät und zuletzt jede neue Art da-
durch gebildet und erhalten worden seye, dass sie irgend einen
Vorzug vor den mitbewerbenden Arten an sich habe, in Folge
dessen die nicht bevortheilten Arten meistens unvermeidlich er-
löschen. Es verhält sich eben so mit unsren Kultur-Erzeugnis-
sen. Ist eine neue etwas vervollkommnete Varietät gebildet wor-
den, so ersetzt sie anfangs die minder vollkommenen Varietäten
in der Nachbarschaft; ist sie mehr verbessert, so breitet sie sich
in Nähe und Ferne aus, wie ünsre kurz-hornigen Rinder gelhan,
und nimmt die Stelle der andern Rassen in andern Gegenden
ein. So sind die Erscheinungen neuer und das Verschwinden
alter Formen, natürlicher wie künstlicher, enge miteinander ver-
knüpft. In manchen wohl gedeiiienden Gruppen ist die Anzahl
der in einer gegebenen Zeit gebildeten neuen Art-Formen grösser
als die alten erloschenen; da wir aber wissen, dass gleichwohl
die Arten-Zahl wenigstens in den letzten geologischen Perioden
nicht unbeschränkt zugenommen hat, so dürfen wir annehmen,
dass eben die Hervorbringung neuer Formen das Erlöschen einer
ungefähr gleichen Anzahl aller veranlasst habe.
351
Die Milbewerbung wird gewöhnlich, wie schon früher er-
klärt und durch Beispiele erläutert worden ist, zwischen den-
jenigen Formen am ernstesten seyn, welche sich in allen Be-
ziehuMcren am ähnlichsten sind. Daher die abgeänderten und ver-
besserten Nachkommen gewöhnlich die Austilgung ihrer Stamm-
Art veranlassen werden ; und wenn viele neue Formen von irgend
einer einzelnen Art entstanden sind, so werden die nächsten
Verwandten dieser Art, das heisst die mit ihr zu einer Sippe
gehörenden, der Vertilgung am meisten ausgesetzt seyn. Und so
muss, wie ich mir vorstelle, eine Anzahl neuer von einer Stamm-
Art entsprossener Spezies, d. h. eine Sippe, eine alte Sippe
der nämlichen Familie ersetzen. Aber es muss sich auch oft
zutragen, dass eine neue Art aus dieser oder jener Gruppe den
Platz einer Art aus einer andern Gruppe einnimmt und somit
deren Erlöschen veranlasst; wenn sich dann von dem siegreichen
Eindringlinge viele verwandte Formen entwickeln, so werden
auch viele diesen ihre Plätze überlassen müssen, und es werden
gewöhnlich verwandte Arten seyn, die in Folge eines gemein-
schaftlich ererbten Nachtheils den andern gegenüber unterliegen.
Mögen jedoch die unterliegenden Arten zu einer oder zu ver-
schiedenen Klassen gehören, so kann doch öfter einer oder der
andre von ihnen in Folge einer Befähigung zu einer etwas ab-
weichenderen Lebensweise, oder seines abgelegenen Wohnortes
wegen, eine minder strenge Mitbewerbung zu befahren haben
und sich so noch längre Zeit erhalten. So überlebt z. B. nur
noch eine einzige Trigonia in dem Australischen Meere die in
der Sekundär-Zeit zahlreich gewesenen Arten dieser Sippe, und
eine geringe Zahl von Arten der einst reichen Gruppe der Ga-
noiden-Fische kommt noch in unsren Süsswassern vor. Und so
ist dann das gänzliche Erlöschen einer Gruppe gewöhnlich ein
langsamerer Vorgang als ihre Entwicklung.
Was das anscheinend plötzliche Aussterben ganzer Familien
und Ordnungen betrifft, wie das der Trilobiten am Ende der pa-
läolithischen und der Ammonilen am Ende der mesolithischen
Zeit-Periode, so müssen wir uns zunächst dessen erinnern, was
schon oben über die sehr langen Zwischenräume zwischen unsren
352
verschiedenen Formationen gesagt worden ist, während welcher
viele Formen langsam erloschen seyn können. Wenn ferner
durch plötzliche Einwanderung oder ungewöhnlich rasche Ent-
wickelung viele Arten einer neuen Gruppe von einem neuen Ge-
biete Besitz nehmen, so können sie auch in entsprechend rascher
Weise viele der alten Bewohner verdrängen ; und die Formen,
welche ihnon ihre Stellen überlassen, werden gewöhnlich mit ein-
ander verwandte Theilnehmer an irgend einem ihnen gemein-
samen Nachtheile der Organisation seyn.
So scheint mir die Weise, wie einzelne Arten und ganze
Arten-Gruppen erlöschen, gut mit der Theorie der Natürlichen
Züchtung übereinzustimmen. Das Erlöschen kann uns nicht wun-
der-nehmen; was uns eher wundern müsste, ist vielmehr unsre
einen Augenblick lang genährte Anmassung, die vielen verwickel-
ten Bedingungen zu begreifen , von welchen das Daseyn jeder
Spezies abhängig ist. Wenn wir einen Augenblick vergessen,
dass jede Art auf ungeregelte Weise zuzunehmen strebt und
irgend eine wenn auch ganz selten wahrgenommene Gegenwir-
kung immer in Thätigkeit ist, so muss uns der ganze Haushalt
der Natur allerdings sehr dunkel erscheinen. Nur wenn wir ge-
nau anzugeben wüssten , warum diese Art reicher an Individuen
als jene ist, warum diese und nicht eine andere in einer ange-
deuteten Gegend naturalisirt werden kann, dann und nur dann
hätten wir Ursache uns zu wundern , warum wir uns von dem
Erlöschen dieser oder jener einzelnen Spezies oder Arten-Gruppe
keine Rechenschaft zu geben im Stande sind.
Über das fast gleichzeitige Wechseln der Leben-
formen auf der ganzen Erd - 0 ber f läc h e.) Kaum ist
irgend eine andere paläontologische Entdeckung so überraschend
als die Thatsache, dass die Lebenformen einem auf fast der gan-
zen Erd-Oberflächc gleichzeitigen Wechsel unterliegen. So kann
unsre Europäische Kreide-Formalion in vielen entfernten Welt-
gegenden und in den verschiedensten Klimaten wieder erkannt
werden, wo nicht ein Stückchen Kreide selbst zu entdecken ist.
So namentlich in Nord- und im tropischen Süd- Amerika , am
Kap der guten Hoffnung und auf der Ostindischen Halbinsel,
353
weil an diesen entfernten Punkten der Erd-Obcrfläche die orga-
nischen Reste gewisser Schiciiten eine unveritonnbare Äiinliclikeit
mit denen unsrer Kreide besitzen. Nicht als ob es überall die
nämlichen Arten wären; denn manche dieser Örllichkeiten haben
nicht eine Art miteinander gemein; — aber sie gehören zu
einerlei Familie, Sippe, Untersippe und ähneln sich oft bis auf
die gleichgiltigen Skulpturen der Oberfläche. Ferner fehlen andre
Formen, welche in Europa nicht in, sondern über oder unter
der Kreide-Formation vorkommen, der genannten Formation auch
in jenen fernen Gegenden. In den aufeinander-folgenden paläo-
zoischen Formationen Russlands, Wesi-Europas und Nord-Ame-
rikas ist ein ähnlicher Parallelismus im Auftreten der Lebenfor-
men von mehren Autoren wahrgenommen worden; und eben so
in dem Europäischen und Nord-Amerikanischen Tertiär- Gebirge
nach Lyell. Selbst wenn wir die wenigen Arten ganz aus dem
Auge lassen, welche die Alte und die Neue Welt mit einander
gemein haben, so steht der allgemeine Parallelismus der aufein-
ander-folgenden Lebenformen in den verschiedenen Stöcken der
so weit auseinander-gelegenen paläolithischen und tertiären Ge-
bilde so fest, dass sich diese Formationen leicht Glied um Glied
miteinander vergleichen lassen.
Diese Beobachtungen jedoch beziehen sich nur auf die
Meeres - Bewohner der verschiedenen Wellgegenden, und wir
haben nicht genügende Nachweisungen um zu beurtheilen, ob
die Erzeugnisse des Landes und der Süsswasser an so entfern-
ten Punkten einander gleichfalls in paralleler Weise ablösen.
Man möchte daran zweifeln, ob es der Fall; denn wenn das
Megatherium, der Mylodon und Toxodon und die Macrauchenia
aus dem ia-P/a<a-Gebiete nach Europa gebracht worden wären
ohne alle Nachweisung über ihre geologische Lagerstätte , so
würde wohl niemand vermulhet haben, dass sie mit noch jetzt
lebend vorkommenden See-Mollusken gleichzeitig existirlen ; da
jedoch diese monströsen Wesen mit Maslodon und Pferd zusam-
mengelagert sind , so lässt sich daraus wenigstens schliessen,
dass sie in einem der letzten Stadien der Tertiär-Periode gelobt
haben müssen.
Darwin, Entatehung der Arten. 2. Aufl. 23
354
Wenn vorhin von dem gleichzeitigen Wechsel der Meeres-
Bewohner auf der ganzen Erd- Oberfläche gesprochen worden,
so handelt es sich dabei nicht um die nämlichen tausend oder
hunderttausend Jahre oder auch nur um eine strenge Gleichzei-
tigkeit im geologischen Sinne des Wortes. Denn, wenn alle
;| Meeres-Thiere. welche jetzt in Europa leben, und alle, welche
in der pleistocänen Periode (eine, in Jahren ausgedrückt, unge-
' heuer entfernt liegende Periode, indem sie die Eis-Zeit mit in
sich begreift) da gelebt haben, mit den jetzt in Süd-Amerika
oder in Austi^alien lebenden verglichen würden, so dürfte der
erfahrenste Naturforscher schwerlich zu sagen im Stande seyn,
ob die jetzt lebenden oder die pleistocänen Bewohner Europas
mit denen der südlichen Halbkugel näher übereinstimmen. Eben
so glauben mehre der sachkundigsten Beobachter, dass die
, jetzige Lebenwelt in den Vereinten Staaten mit derjenigen Be-
I i völkerung näher verwandt seye, welche während einiger der
letzten Stadien der Tertiär-Zeit in Europa existirt hat, als mit
der noch jetzt da wohnenden; und wenn Diess so ist, so würde
man offenbar die Fossilien-führenden Schichten, welche jetzt an
den Nord- Amerikanischen Küsten abgelagert werden, in einer
späteren Zeit eher mit etwas älteren Europäischen Schichten
zusammenstellen. Demungeachtet kann, wie ich glaube, kaum
ein Zweifel seyn, dass man in einer sehr fernen Zukunft doch
alle neueren meerischen Bildungen, namentlich die obern
pliocänen, die pleistocänen und die jetzt-zeitigen Schichten Euro-
pas, Nord- und Süd- Amerikas und Australiens, weil sie Reste
in gewissem Grade mit einander verwandter Organismen und
nicht auch diejenigen Arten, welche allein den tiefer-liegenden
älteren Ablagerungen angehören, in sich einschliessen , ganz
richtig als gleich-alt in geologischem Sinne bezeichnen würde.
Die Thatsache, das's die Lebenformen gleichzeitig miteinan-
der, in dem obigen weiten Sinne des Wortes, selbst in entfern-
ten Theilen der Welt wechseln, hat die vortrefflichen Beobachter
DE Verneuil und d'Abciiiac sehr betrofl'en gemacht. Nachdem sie
über den Parallelismus der paläolithischen Lebenformen in ver-
schiedenon Theilen von Europa berichtet, sagen sie weiter:
355
»Wenden wir unsre Aufmerksamkeit nun nach Nord- Amerika^
so entdecken wir dort eine Reihe analoger Thatsachen , und
scheint es gewiss zu seyn, dass alle diese Abänderungen der
Arten, ihr Erlöschen und das Auftreten neuer nicht blossen Ver-
änderungen in den Meeres-Strömungen oder andern mehr und
weniger örtlichen und vorübergehenden Ursachen zugeschrieben
werden können, sondern von allgemeinen Gesetzen abhängen,
welche das ganze Thier-Reich betreffen.« Auch Barbande hat
ähnliche Wahrnehmungen gemacht und nachdrücklich hervor-
gehoben. Es ist in der That ganz ohne Nutzen, die Ursache
dieser grossen Veränderungen in den Lebenformen der ganzen
Erd-Oberfläche und in den verschiedensten Klimaten im Wechsel
der See-Strömungen, des Klimas oder andrer natürlicher Lebens-
Bedingungen aufsuchen zu wollen; wir müssen uns, wie schon
Barrande bemerkt, nach einem besondren Gesetze dafür umsehen.
Wir werden Diess deutlicher erkennen, wenn von der gegen-
wärtigen Vertheilung der organischen Wesen die Rede seyn
wird; wir werden dann finden, wie gering die Beziehungen
zwischen den natürlichen Lebens -Bedingungen verschiedener
Länder und der Natur ihrer Bewohner ist.
Diese grosse Thatsache von der parallelen Aufeinanderfolge
der Lebenformen auf der ganzen Erde ist aus der Theorie der
Natürlichen Züchtung erklärbar. Neue Arten entstehen aus neuen
Varietäten, welche einige Vorzüge von älteren Formen an sich
tragen, und diejenigen Formen, welche bereits der Zahl nach
vorherrschen oder irgend einen Vortheil vor andern Formen
voraus haben, werden natürlich am öftesten die Entstehung neuer
Varietäten oder beginnender Arten veranlassen 5 denn diese letz-
ten werden in noch höherem Grade siegreich gegen andre be-
stehen und sie überleben. Wir finden einen bestimmten Beweis
dafür darin, dass den herrschenden , d. h, in ihrer Heimath ge-
meinsten und am weitesten verbreiteten Pflanzen-Arten im Ver-
gleiche zu andren Arten in ihrer eignen Heimath die grösste
Anzahl neuer Varietäten gebildet haben. Ebenso ist es natürlich,
dass die herrschenden veränderlichen und weit verbreiteten Arten,
die bis zu einem gewissen Grade bereits in die Gebiete andrer
23 •
356
Arten eingedrungen sind, aucli bessere Aussicht als andre zu
noch weitrer Ausbreitung und zur Bildung fernerer Varietäten
und Arten in den neuen Gegenden haben. Dieser Vorgang der
Ausbreitung mag oft ein sehr langsamer seyn, indem er von
klimatischen und geographischen Veränderungen, zufälligen Er-
eignissen oder von der allmählichen Acclimatisirung neuer Arten
in den verschiedenen von ihnen zu durchwandernden Klimaten
abhängt; doch mit der Zeit wird die Verbreitung der herrschen-
den Formen gewöhnlich durchgreifen. Sie wird bei Land-Be-
wohnern geschiedener Kontinente wahrscheinlich langsamer vor
sich gehen als bei den Organismen zusammenhängender Meere.
Wir werden daher einen minder genauen Grad paralleler Auf-
einanderfolge in den Land- als in den Meeres-Erzeugnissen zu
finden erwarten dürfen, wie es auch in der That der Fall ist.
Wenn herrschende Arten sich von einer Gegend aus ver-
breiten, so werden sie mitunter auf noch herrschendere Arten
stossen, und dann wird ihr Siegeslauf und selbst ihre Existenz
aufhören. Wir wissen durchaus nicht genau, welches alle die
günstigsten Bedingungen für die Vermehrung neuer und herr-
schender Arten sind; doch Das können wir, glaube ich, klar
erkennen, dass eine grosse Anzahl von Individuen, insoferne
sie mehr Aussicht auf die Hervorbringung vortheilhafter Abände-
rungen hat, und dass eine strenge Mitbewerbung mittelst vieler
schon bestehender Formen im höchsten Grade vortheilhaft seyn
müsse, sowie das Vermögen sich in neue Gebiete zu verbreiten.
Ein gewisser Grad von Isolirung, nach langen Zwischenzeiten
zuweilen wiederkehrend, dürfte, wie früher erläutert worden,
wohl gleichfalls förderlich seyn. Ein Theil der Erd - Oberfläche
mag für die Hervorbringung neuer und herrschender Arten des
Landes und ein andrer für solche des Meeres günstiger seyn.
Wenn zwei grosse Gegenden sehr lange Zeiten hindurch zur
Hervorbringung herrschender Arten in gleichem Grade geeig-
net gewesen , so wird der Kampf ihrer Einwohner miteinan-
der, wann immer sie zusammentreffen mögen, ein langer und
harter werden, und werden einige von der einen und einige von
der andern Geburts-Stätte aus siegreich vordringen. Aber im
357
Laufe der Zeit werden die im höchsten Grade herrschenden '
Formen, auf welcher von beiden Seiten sie auch entstanden seyn
mögen, überall das Übergewicht erlangen. In dem Maasse, als
sie überwiegen, werden sie das Erlöschen andrer unvollkomme-
nerer Formen bedingen; und da oft ganze unter sich verwandte
Gruppen die gleiche Unvollkommenheit gemeinsam ererbt haben,
so werden solche Gruppen sich allmählich ganz zum Erlöschen
neigen, wenn auch da und dort ein einzelnes Glied sich noch
eine Zeit lang durchbringen mag.
So, scheint mir, stimmt die parallele und, in einem weiten
Sinne genommen, gleichzeitige Aufeinanderfolge der nämlichen
Lebenformen auf der ganzen Erde wohl mit dem Prinzip überein,
dass neue Arten durch sich weit verbreitende und sehr veränder-
liche herrschende Spezies gebildet werden; die so erzeugten
neuen Arten werden in Folge von Vererbung und, weil sie bereits
einige Vortheile über ihre Ällern und über andre Arten besitzen,
selber herrschend; auch diese breiten sich nun aus, variiren
und bilden wieder neue Spezies. Diejenigen Formen, welche
verdrängt werden und ihre Stellen den neuen siegreichen Formen
überlassen, werden gewöhnlich gruppenweise verwandt seyn,
weil sie irgend eine Unvollkommenheit gemeinsam ererbt haben ;
daher in dem Maasse als sich die neuen und vollkommeneren
Gruppen über die Erde verbreiten, alte Gruppen vor ihnen ver-
schwinden müssen. Diese Aufeinanderfolge der Formen auf
beiden Wegen wird sich überall zu entsprechen geneigt seyn.
Noch bleibt eine Bemerkung über diesen Gegenstand zu
machen übrig. Ich habe die Gründe angeführt, wesshalb ich
glaube, dass jede unsrer grossen Fossil-reichen Formationen in
Perioden fortdauernder Senkung abgesetzt worden sind, dass
aber diese Ablagerungen durch lange Zwischenräume getrennt
gewesen, wo der Meeres-Boden stet oder in Hebung begriffen
war, oder wo die Anschüttungen nicht rasch genug erfolgten,
um die organischen Reste einzuhüllen und gegen Zerstörung zu
bewahren. Während dieser langen leeren Zwischenzeiten nun
haben, nach meiner Annahme, die Bewohner jeder Gegend viele
Abänderungen erfahren und viel durch Erlöschen gelitten, und
358
haben grosse Wanderungen von einem Theile der Erde zum
andern staltgefunden. Da nun Grund zur Annahme vorhanden ist,
dass weite Felder die gleichen Bewegungen durchgeiriacht haben,
so haben gewiss auch oft genau gleichzeitige Formationen über
sehr weiten Räumen einer Weltgegend abgesetzt werden kön-
nen; doch sind wir hieraus nicht zu schliessen berechtigt, dass
Diess unabänderlich der Fall gewesen, oder dass weite Felder
unabänderlich von gleichen Bewegungen betroffen worden Seyen.
Sind zwei Formalionen in zwei Gegenden zu beinahe, aber nicht
genau, gleicher Zeit entstanden, so werden wir in beiden aus
schon oben auseinandergesetzten Gründen im Allgemeinen die
nämliche Aufeinanderfolge der Lebenformen erkennen; aber die
Arten werden sich nicht genau entsprechen, weil sie in der
einen Gegend etwas mehr und in der andern etwas weniger Zeit
gehabt haben abzuändern, zu wandern und zu erlöschen.
Ich vermuthe, dass Fälle dieser Art in Europa selbst vor-
kommen. Pbestwicii ist in seiner vortrelFlichen Abhandlung über
die Eocän-Schichten in England und Frankreich im Stande einen
im Allgemeinen genauen Parallelismus zwischen den aufeinander-
folgenden Stöcken beider Gegenden nachzuweisen. Obwohl sich
nun bei Vergleichung gewisser Stöcke in England mit denen
in Frankreich eine merkwürdige Übereinstimmung beider in den
zu einerlei Sippen gehörigen Arten ergibt, so weichen doch
diese Arten selber in einer bei der geringen Entfernung beider
Gebiete schwer zu erklärenden Weise von einander ab, wenn
man nicht annehmen will, dass eine Landenge zwei benachbarte
Meere getrennt habe, welche von gleichzeitig verschiedenen Fau-
nen bewohnt gewesen Seyen. Lyell hat ähnliche Beobachtungen
über einige der späteren Tertiär-Formationen gemacht, und eben
so hat Barrande gezeigt, dass zwischen den aufeinanderfolgenden
Silur-Schichten Böhmen's und Skandinavien' s im Allgemeinen ein
genauer Parallelismus herrsche, detnungeachtet aber eine erstaun-
liche Verschiedenheit zwischen den Arten bestehe. Wären aber
nun die verschiedenen Formationen dieser Gegenden nicht genau
während der gleichen Periode abgesetzt worden, indem etwa die
Ablagerung in der einen Gegend mit einer Pause in der andern
359
I
zusammenfiolc, — und luilten it. beiden Gegenden die Arten so-
wohl wahrend der Anhäufung der Schichten als während der
langen Pausen dazwischen langsame Veränderungen erfahren:
so würden die verschiedenen Formationen beider Gegenden auf
gleiche Weise und in Übereinstimmöng mit der allgemeinen Auf-
einanderfolge der Lebenformen geordnet erscheinen, und ihre
Ordnung sogar genau parallell scheinen (ohne es zuseyn); dem-
ungeachtet würden in den einzelnen einander anscheinend ent-
sprechenden Stöcken beider Gegenden nicht alle Arten überein-
stimmen.
Verwandtschaft erloschener Arten unter sich
und mit den lebenden Formen.) Werfen wir nun einen
Blick auf die gegenseitigen Verwandtschaften erloschener und
lebender Formen. Alle fallen in ein grosses Natur-System, was
sich aus dem Prinzip gemeinsamer Abstammung erklärt. Je älter
eine Form, desto mehr weicht sie der allgemeinen Regel zufolge
von den lebenden Formen ab. Doch können, wie Buckland schon
längst bemerkt, alle fossile Formen in noch lebende Gruppen
eingotheilt oder zwischen sie eingeschoben werden. Es ist nicht
zu bestreiten , dass die erloschenen Formen weite Lücken zwi-
schen den jetzt noch bestehenden Sippen, Familien und Ordnun-
gen ausfüllen helfen. Denn wenn wir unsre Aufmerksamkeit
entweder auf die lebenden oder auf die erloschenen Formen
allein richten, so ist die Reihe viel minder vollkommen, als wenn
wir beide in ein gemeinsames System zusammenfassen. Hin-
sichtlich der Wirbelthiere Hessen sich viele Seiten mit den treff-
lichen Erläuterungen unsres grossen Paläontologen Owen über
die Verbindung lebender Thier-Gruppen durch fossile Formen an-
füllen. Nachdem Cuvier die Wiederkäuer und die Pachydermen
als zwei der aller-verschiedensten Säuglhier-Ordnungen betrachtet,
hat Owen so viele fossile Zwischenglieder entdeckt, dass er die
ganze Klassifikation dieser zwei Ordnungen zu ändern genöthigt
war und gewisse Pachydermen in gleiche Unterordnung mit Ru-
minanten versetzte. So z. B. füllt er die weite Lücke zwischen
Karaeel und Schwein mit kleinen Zwischenstufen aus. Was die
Wirbel-losen betrifft, so versichert Barrande, gewiss die erste
360
Autorität in dieser Beziehung, wie er jeden Tag deutlicher er-
kenne, dass die paläolilhischen Thiere, wenn auch in einerlei
Ordnungen, Familien und Sippen mit den jetzt lebenden gehörig,
doch noch nicht in so bestimmte Gruppen geschieden waren, wie
diese letzten.
Einige Schriftsteller haben sich gegen die Meinung erklärt,
dass eine erloschene Art oder Arten-Gruppe zwischen lebenden
Arten oder Gruppen in der Mitte stehe. Wenn damit gesagt
werden sollte, dass die erloschene Form in allen ihren Charak-
teren genau das Mittel zwischen zwei lebenden Formen halte,
so wäre die Einwendung begründet. Aber ich erkenne, dass in
einer vollkommen natürlichen Klassifikation viele fossile Arten
zwischen lebenden Arten, und manche erloschene Sippen zwischen
lebenden Sippen oder sogar zwischen Sippen verschiedener Fa-
milien ihre Stelle einzunehmen haben. Der gewöhnliche Fall
zumal bei sehr ausgezeichneten Gruppen, wie Fische und Rep-
tilien sind, scheint mir der zu seyn, dass da, wo dieselben heu-
tigen Tages z. B. durch ein Dutzend Charaktere von einander
abweichen, die alten Glieder der nämlichen zwei Gruppen in
einer etwas geringeren Anzahl von Merkmalen unterschieden
waren, so dass beide Gruppen vordem, wenn auch schon völlig
verschieden, doch einander etwas näher stunden als jetzt.
Es ist eine gewöhnliche Meinung, dass eine Form je älter
um so mehr geeignet seye. mittelst einiger ihrer Charaktere
jetzt weit getrennte Gruppen zu verknüpfen. Diese Bemerkung
- muss ohne Zweifel auf solche Gruppen beschränkt werden, die
im Verlaufe geologischer Zeiten grosse Veränderungen erfahren
haben, und es möchte schwer seyn, die Wahrheit zu beweisen;
denn hier und da wird auch noch ein lebendes Thier wie der
Lepidosiren entdeckt, das mit sehr verschiedenen Gruppen zu-
gleich verwandt ist. Wenn wir jedoch die ällern Reptilien und
Batrachier, die allen Fische, die alten Cephalopoden und die
eocänen Säugthiere mit den neueren Gliedern derselben Klassen
vergleichen, so müssen wir einige Wahrheit in der Bemerkung
zugestehen.
Wir wollen nun zusehen, in wie ferne diese verschiedenen
361
Thatsachen und Schlüsse mit der Theorie abändernder Nachiiorn-
inenschaft übereinstimmen. Da der Gegenstand etwas verwickelt
ist, so muss ich den Leser bitten, sich nochmals nach dem Bilde
S. 131 umzusehen. Nehmen wir an, die numerirten Buchstaben
stellen Sippen und die von ihnen ausstrahlenden Punkt-Reihen
die dazu gehörigen Arten vor. Das Bild ist insoferne zu ein-
fach, als zu wenige Sippen und Arten darauf angenommen sind ;
doch ist Das unwesentlich für uns. Die wagrechten Linien mö-
gen die aufeinander-folgenden geologischen Formationen vorstel-
len und alle Formen unter der obersten dieser Linien als er-
loschene gelten. Die drei lebenden Sippen a^* ql^ p^'* mögen
eine kleine Familie bilden ; b^* und fi* eine nahe verwandte
oder eine Unter-Familie, und o^*, e^*, m^* eine dritte Familie
vertreten. Diese drei Familien mit den vielen erloschenen Sip-
pen auf den verschiedenen von der Stamm-Form A auslaufenden
Verzweigungs-Linien bilden eine Ordnung; denn alle werden
von ihrem alten und gemeinschaftlichen Stammvater aus etwas
Gemeinsames ererbt haben. Nach dem Prinzip fortdauernder Di-
vergenz des Charakters, zu dessen Erläuterung jenes Bild be-
stimmt war, muss jede Form je neuer um so stärker von ihrem
ersten Stammvater abweichen. Daraus erklärt sich eben auch
die Regel, dass die ältesten fossilen am meisten von den jetzt
lebenden Formen verschieden sind. Doch dürfen wir nicht glau-
ben, dass Divergenz des Charakters eine nothwendige Eigenschaft
ist; sie hängt allein davon ab, ob die Nachkommen einer Art
befähigt sind, viele und verschiedenartige Plätze im Haushalt der
Natur einzunehmen. Daher ist es auch ganz wohl möglich, wie
wir bei einigen silurischen Fossilien gesehen, dass eine Art bei
nur geringer, nur wenig veränderten Lebens-Bedingungen ent-
sprechender Modifikation fortbestehen und während langer Perio-
den stets dieselben allgemeinen Charaktere beibehalten kann.
Diess wird in dem Bilde durch den Buchstaben F^* ausgedrückt.
Air die vielerlei von A abstammenden Formen, erloschene
wie noch lebende, bilden nach unsrer Annahme zusammen eine
Ordnung, und diese Ordnung ist in Folge fortwährenden Er-
löschens der Formen und Divergenz der Charaktere allmählich
362
in Familien und Unterfainiiien gellieilt worden, von welchen einige
in früheren Perioden zu Grunde gegangen sind und andre his
auf den heutigen Tag währen.
Das Bild zeigt uns ferner, dass, wenn eine Anzahl der
schon früher erloschenen und in die aufeinander-folgenden For-
mationen eingeschlossenen Formen an verschiedenen Stellen tief
unten in der Reihe wieder entdeckt würden, die drei noch leben-
den Familien auf der obersten Linie mehr unter sich verkettet
scheinen müssten. Wären z. B. die Sippen a^, a^, a^°, f*, m^,
m^, wieder ausgegraben worden, so würden die drei Fami-
lien so eng mit einander verkettet erscheinen, dass man sie
wahrscheinlich in eine grosse Familie vereinigen würde, etwa so
wie es mit den Wiederkäuern und gewissen Dickhäutern ge-
schehen ist. Wer nun gegen die Bezeichnung jener die drei
lebenden Familien verbindenden Sippen als »intermediäre dem
Charakter nach« Verwahrung einlegen wollte, würde in der That
in so ferne Recht haben, als sie nicht direkt, sondern nur auf
einem durch viele sehr abweichende Formen hergestellten Umwege
sich zwischen jene andern einschieben. Wären viele erloschene
Formen über einer der mittein Horizontal-Linien oder Formatio-
nen, wie z. B. Nr, VI — , aber keine unterhalb dieser Linie ge-
funden worden, so würde man nur die zwei auf der linken Seite
stehenden Familien — nämlich a^* etc. und b^* etc. — in eine
grosse Familie vereinigen, und die zwei andern a^*— f^* mit fünf
und 0^*— m^* mit drei Sippen würden dann davon getrennt blei-
ben. Doch würden diese zwei Familien weniger von einander
verschieden erscheinen , als vor Entdeckung der fossilen Reste.
Wenn wir z. B. annehmen , die noch bestehenden Sippen der
zwei Familien wichen in einem Dutzend Merkmale von einander
ab , so müssen dieselben in der früheren mit VI bezeichneten
Periode weniger Unterschiede gezeigt haben, weil sie auf jener
Fortbildungs - Stufe von dem gemeinsamen Stammvater der Ord-
nung im Charakter noch nicht so stark wie späterhin divergirten.
So geschieht es dann, dass alte und erloschene Sippen oft eini-
germaassen zwischen ihren abgeänderten Nachkommen oder zwi-
schen ihren Seiten-Verwandten das Mittel halten.
363
In der Natur wird der Fall weit zusarninongeselzter seyn,
als ihn unser Bild darstellt; denn die Gruppen sind viel zahl-
reicher, ihre Dauer ist von ausserordentlich ungleicher Länge,
und die Abänderungen haben manchfaltige Abstufungen erreicht.
Da wir nun den letzten Band des geologischen Berichtes mit
vielfältio- unterbrochnem Zusammenhange besitzen, so haben wir,
einige sehr seltene Fälle ausgenommen, kein Recht, die Ausfül-
lung grosser Lücken im Natur-Systeme und die Verbindung ge-
trennter Familien und Ordnungen zu erwarten. Alles, was wir
hoffen dürfen, ist diejenigen Gruppen, welche erst in der be-
kannten geologischen Zeit grosse Veränderungen erfahren, in den
frühesten Formalionen etwas näher aneinander gerückt zu finden,
so dass die älteren Glieder in einigen ihrer Charaktere etwas
weniger weit auseinander gehen, als die jetzigen Glieder der-
selben Gruppen ; und Diess scheint nach dem einstimmigem Zeug-
nisse unserer besten Paläontologen oft der Fall zu seyn.
So scheinen sich mir nach der Theorie gemeinsamer Ab-
stammung mit fortschreitender Modifikation die wichtigsten That-
sachen hinsichtlich der wechselseitigen Verwandtschaft der er-
loschenen Lebenformen zu einander und zu den noch bestehen-
den Formen in genügender Weise zu erklären. Nach jeder
andern Betrachtungs-Weise sind sie völlig unerklärbar.
Aus der nämlichen Theorie erhellt, dass die Fauna einer
grossen Periode in der Erd-Geschichte in ihrem allgemeinen
Charakter das Mittel halten müsse zwischen der zunächst voran-
gehenden und nachfolgenden. So sind die Arten, welche im
sechsten grossen Schichten-Stocke unsres Bildes vorkommen, die
abgeänderten Nachkommen derjenigen, welche schon im fünften
vorhanden gewesen, und sind die Ältern der noch weiter abge-
änderten im siebenten ; sie können daher nicht wohl anders als
nahezu das Mittel zwischen beiden halten. Wir müssen jedoch
hiebei im Auge behalten das gänzliche Erlöschen einiger früheren
Formen, die Einwanderung neuer Formen aus andern Gegenden
und die beträchtliche Umänderung der Formen während der
langen Lücke zwischen zwei aufeinander-folgenden Formationen.
Diese Zugeständnisse berücksichtigt, muss die Fauna jeder grossen
364
geologischen Periode zweifelsohne genau das Mittel einnehmen
zwischen der vorhergehenden und der folgenden. Ich brauche
nur als Beispiel anzuführen , wie die Fossil-Reste des Devon-
Systems die Paläontologen zu dessen Aufstellung veranlasst haben,
als sie deren mittein Charakter zwischen denen des darunter-
liegenden Silur- und des darauf-folgenden Steinkohlen-Systemes
erkannten. Aber nicht jede Fauna muss dieses Mittel genau ein-
halten, weil die zwischen aufeinander-folgenden Formationen ver-
flossenen Zeiträume ungleich lang seyn können.
Es ist kein wesentlicher Einwand gegen die Wahrheit der
Behauptung, dass die Fauna jeder Periode im Ganzen genommen
ungefähr das Mittel zwischen der vorigen und der folgenden
Fauna halten müsse, darin zu finden, dass manche Sippen Aus-
nahmen von dieser Regel bilden. So stimmen z. B., wenn man
Mastodonten und Elephanten nach Dr. Falconer zuerst nach ihrer
gegenseitigen Verwandtschaft und dann nach ihrer geologischen
Aufeinanderfolge in zwei Reihen ordnet, beide Reihen nicht mit
einander überein. Die in ihren Charakteren am weitesten ab-
weichenden Arten sind weder die ältesten noch die jüngsten,
noch sind die von mittlem Charakter auch von mittlem Alter.
Nehmen wir aber für einen Augenblick an, unsre Kenntniss von
den Zeitpunkten des Erscheinens und Verschwindens der Arten
seye in diesem und ähnlichen Fällen vollkommen genau, so haben
wir doch noch kein Recht zu glauben, dass die nacheinander
auftretenden Formen nothwendig auch gleich-lang bestehen müs-
sen; eine sehr alte Form kann zufällig eine längre Dauer als
eine irgendwo später entwickelte Form haben, was insbesondre
von solchen Landbewohnern gilt, welche in ganz getrennten Be-
zirken zu Hause sind. Kleines mit Grossem vergleichend wollen
wir die Tauben als Beispiel wählen. Wenn man die lebenden
und erloschenen Haupt-Rassen unsrer Haus-Tauben so gut als
möglich nach ihren Verwandtschaften in Reihen ordnete, so würde
diese Anordnungs-Weise nicht genau übereinstimmen weder mit
der Zeitfolge ihrer Entstehung und noch weniger mit der ihres
Untergangs. Denn die stammälterliche Felstaube lebt noch, und
viele Zwischenvarietälen zwischen ihr und der Botentaube sind
365
erlosclien, und Bolentauben, welche in der Länge des Schnabels
das Äusserste bieten, sind früher entstanden, als die kurzschnä-
beligen Purzier, welche das entgegengesetzte Ende der auf die
Schnabel-Länge gegründeten Reihenfolge bilden.
Mit der Behauptung, dass die organischen Reste einer mittein
Formation auch einen nahezu miltein Charakter besitzen, steht
die Thatsache, worauf alle Paläontologen bestehen, in nahem Zu-
sammenhang, dass nämlich die fossilen aus zwei aufeinander-fol-
o-enden Formalionen viel näher als die aus entfernten mit ein-
ander verwandt sind. Pictet führt als ein wohl-bekanntes Bei-
spiel die allgemeine Ähnlichkeit der organischen Reste aus den
verschiedenen Stöcken der Kreide-Formation an, obwohl die Arten
in allen Stöcken verschieden sind. Diese Thatsache allein scheint
ihrer Allgemeinheit wegen Professor Pictet in seinem festen
Glauben an die Unveränderlichkeit der Arten wankend gemacht
zu haben. Wohl bekannt mit der Vertheilungs-Weise der jetzt
lebenden Arten über die Erd-Oberfläche, wagt er doch nicht eine
Erklärung über die grosse Ähnlichkeit verschiedener Spezies in
nahe aufeinander-folgenden Formationen aus der Annahme her-
zuleiten, dass die physikalischen Bedingungen der alten Länder-
Gebiete sich fast gleich geblieben seyen. Erinnern wir uns, dass
die Lebenformen wenigstens des Meeres auf der ganzen Erde
und mithin unter den aller-verschiedenslen Klimaten u. a. Be-
dingungen fast gleichzeitig gewechselt haben; — und bedenken
wir, welchen unbedeutenden Einfluss die wunderbarsten klimati-
schen Veränderungen während der die ganze Eis-Zeit umschlies-
senden Pleistocän-Periode auf die spezifischen Formen der Meeres-
Bewohner ausgeübt haben!
Nach der Theorie der gemeinsamen Abstammung ist die volle
Bedeutung der Thatsache klar, dass fossile Reste aus unmittelbar
aufeinander-folgenden Formationen, wenn auch als Arten ver-
schieden, nahe mit einander verwandt sind. Da die Ablagerung
jeder Formation oft unterbrochen worden ist und lange Pausen
zwischen der Absetzung verschiedener Formationen staltgefunden
haben, so dürfen wir, wie ich im letzten Kapitel zu zeigen ver-
sucht, nicht erwarten in irgend einer oder zwei Formationen alle
366
Zwischenvarietäten zwischen den Arten zu finden, welche am
Anfang und am Ende dieser Formationen gelebt haben; wohl
aber müssten wir nach mehr oder weniger grossen Zwischen-
räumen (sehr lang in Jahren ausgedrückt, aber massig lang in
geologischem Sinne) nahe verwandte Formen oder, wie manche
Schriftsteller sie genannt haben , »stellvertretende Arten« finden,
und diese finden wir in der That. Kurz wir entdecken diejeni-
gen Beweise einer langsamen und fast unmerkbaren Umänderung
spezifischer Formen, wie wir sie zu erwarten berechtigt sind.
Über die Entwickelungs-Stufe alter gegenüber
den noch lebenden Formen.) Wir haben im vierten Ka-
pitel gesehen, dass der Grad der DifTerenzirung und Speziali-
sirung der Theile und organischen Wesen in ihrem reifen Alter
den besten bis jetzt versuchten Maasstab zur Bemessung der
Vollkommenhelts- oder Höhen-Stufe derselben abgibt. Wir haben
auch gesehen, dass, insoferne Spezialisirung der Theile und Or-
gane ein Vortheil für jedes Wesen ist, die Natürliche Züchtung
beständig streben wird, die Organisation eines jeden Wesens
immer mehr zu spezialisiren und somit, in diesem Sinne genom-
men, vollkommener zu machen; was jedoch nicht ausschliesst,
dass noch immer viele Geschöpfe, für einfachre Lebens-Bedin-
gungen bestimmt, auch ihre Organisation einfach und unverbessert
behalten. Es ist keine wesentliche Einwendung gegen meine
Ansichten (obwohl wir zu wenig von den Lebens-Beziehungen
kennen um irgend eine genaue Erklärung zu bieten), wenn ge-
wisse Brachiopoden seit der frühesten geologischen Periode fast
unverändert geblieben sind und wenn Süsswasser-Mollusken, wie
Professor Philipps hervorgehoben hat, bis zum heutigen Tage
fast keine Umänderung erfahren haben ; jedoch sind diese letzten
einer lebhaftem Mitbewerbung ausgesetzt gewesen, als die Be-
wohner des weiten Meeres. Auch in einem anderen und allge-
meineren Sinne ergibt sich, dass nach der Theorie der Natür-
lichen Züchtung die neueren Formen höher als ihre Vorfahren
streben; denn jede neue Art hat sich allmählich entwickelt, weil
sie im Kampfe ums Daseyn stets einen Vorzug vor andern und
älteren Formen besass. Wenn in einem nahezu ähnlichen Klima
367
die eocäiien Bewohner einer Wellgegend zur Bewerbung mit den
jetzigen Bewohnern derselben oder einer andern Wellgegend be-
rufen würden, so miisste die eocäne Fauna oder Flora gewiss
unterliegen und vertilgt werden, wie eine sekundäre Fauna von
der eocänen und eine paläolilische von der sekundären über-
wunden werden würde. — Der Theorie der Natürlichen Züch-
tung gemäss müssten demnach die neuen Formen ihre höhere
Stellung den alten gegenüber nicht nur durch ihren Sieg im
Kampfe ums Daseyn, sondern auch durch eine weiter gediehene
Spezialisirung der Organe bewähren. Ist Diess aber wirklich der
Fall? Eine grosse Mehrzahl der Geologen würde Diess zweifels-
ohne bejahen. Aber mein unvollkommenes Unheil vermag ihnen,
nachdem ich die Erörterungen von Lyell in dieser Beziehung ge-
lesen und Hooker's Meinung in Bezug auf die Pflanzen kennen
gelernt habe, nur bis zu einem beschränkten Grade beizupflich-
ten. Demungeachtel dürfte der entscheidende Beweis erst noch
durch spätre geologische Forschungen zu liefern seyn. Bronn
hat diesen Gegenstand vollständiger und angemessener als irgend
ein anderer Autor behandelt*.
Die Aufgabe ist in vieler Hinsicht ausserordentlich verwickelt.
Der geologische Schöpfungs-Bericht, schon zu allen Zeiten un-
vollständig, reicht nach meiner Meinung nicht weit genug zurück,
um mit unverkennbarer Klarheil zu zeigen, dass innerhalb der
bekannten Geschichte der Erde die Organisation grosse Fort-
schritte gemacht hat. Sind doch selbst heutzutage noch die Na-
turforscher oft nicht einstimmig, welche Thiere einer Klasse die
höheren sind. So sehen Einige die Haie wegen einiger wich-
tigen Beziehungen ihrer Organisation zu der der Beptilien als die
höchsten Fische an, während andre die Knochenfische als solche
betrachten. Die Ganoiden stehen in der Mitte zwischen den
Haien und Knochenfischen. Heutzutage sind diese letzten an Zahl
weit vorwaltend, während es vordem nur Haie und Ganoiden ge-
geben hat und in diesem Falle wird man sagen, die Fische
" H. G. Bkonn: Morphologische Studien über die GRslaltiings-Gesetze der
Nalur-Korper. Leipzig 1858, 8": — und zuniiil dessen Untersuchungen iiber
die Enlwickelungs-Geselze der orgunischon Welt. Slullg. 1858, 8°.
368
Seyen in ihrer Organisation vorwärts geschritten oder zurückge-
gangen, je nachdem man sie mit einem andern Maasstabe misst*.
Aber es ist ein hoflnungsloser Versuch die Höhe von Gliedern
ganz verschiedener Typen gegen einander abzumessen. Wer
vermöchte zu sagen, ob ein Tintenfisch (Sepia) höher als die
Biene stehe: als dieses Insekt, von dem der grosse Naturforscher
V. Baer sagt, dass es in der That höher als ein Fisch organisirt
seye, wenn auch nach einem andern Typus. In dem verwickel-
ten Kampfe ums Daseyn ist es ganz glaublich, dass solche Kruster
z. B., welche in ihrer eignen Klasse nicht sehr hoch stehen, die
Cephalopoden oder unvollkommensten Weichthiere überwinden
würden; und diese Kruster, obwohl nicht hoch entwickelt, müs-
sen doch sehr hoch auf der Stufenleiter der Wirbel-losen Thiere
stehen, wenn man nach dem entscheidendsten aller Kriterien, dem
Gesetse des Wettkampfes ums Daseyn urtheilt.
Abgesehen von der Schwierigkeit, die es an und für sich
hat zu entscheiden, welche Formen der Organisation nach die
höchsten sind, haben wir nicht allein die höchsten Glieder einer
Klasse in zwei verschiedenen Perioden (obwohl Diess gewiss
eines der wichtigsten oder vielleicht das wichtigste Element bei
der Abwägung ist), sondern wir haben alle Glieder, hoch und
nieder, mit einander zu vergleichen. In alter Zeit wimmelte es
von vollkommensten sowohl als unvollkommensten Weichthieren,
von Cephalopoden und Brachiopoden nämlich; während heutzu-
tage diese beiden Ordnungen sehr zurückgegangen und die
zwischen ihnen in der Mitte stehenden Klassen mächtig ange-
* Es ist allerdings leicht, einige Beispiele ausser allem Zusammenhang
als Belege irgend einer beliebigen Ansicht aufzuführen ; da aber wo eine
auf gesammelten Thatsachen begründete Lehre bereits in der Weise systema-
tisch entwickelt worden , dass man zu allgemeinen Schlusssätzen gelangt ist,
muss man das ganze Lehrgebäude widerlegen, statt sich auf eine vereinzelte
Einrede zu beschränken. Es ist im vorliegenden Falle auch ganz gleich-
gültig ob z. B. die Biene oder die Sepie höher organisirt sind; das sind
Glieder zweier auf ganz verschiedenen Grundplanen aufgebauter ünterreiche
und in soferne incommensurable Grössen. Will man die aufsteigende Ent-
Wickelung der Organisation verfolgen, so muss man sich mehr an die Thiere
eines Uolerreichs halten. D. tibers.
369
wachsen sind. Demgeniäss haben einige Naturforscher geschlos-
sen, dass die Mollusken vordem höher entwickelt gewesen sind
als jetzt; während andre sich auf die gegenwärtige beträchtliche
Verminderung der unvollkommenen Mollusken um so mehr be-
riefen, als auch die noch vorhandenen Cephalopoden, obgleich
weniger an Zahl, doch höher als ihre allen Stellvertreter organi-
sirt Seyen. Wir müssen daher die Proportional-Zahlen der obren
und der unteren Klassen der Bevölkerung der Erde in zwei ver-
schiedenen Perioden mit einander vergleichen. Wenn es z. B.
jetzt 50,000 Arten Wirbellhiere gäbe und wir dürften deren An-
zahl in irgend einer früheren Periode nur auf 10,000 schätzen,
so müssten wir diese Zunahme der obersten Klassen, welche zu-
gleich eine grosse Verdrängung tieferer Formen aus ihrer Stelle
bedingte, als einen entschiedenen Fortschritt in der organischen
Bildung betrachten, gleichviel ob es die höheren oder die tiefe-
ren Wirbellhiere wären, welche dabei sehr zugenommen hätten.*
Man ersieht hieraus, wie gering allem Anscheine nach die Hoff-
nung ist, unter so äusserst verwickelten Beziehungen jemals in
vollkommen richtiger Weise die relative Organisations-Stufe un-
vollkommen bekannter Faunen nach-einander folgender Perioden
in der Erd-Geschichte zu beurtheilen.
Von einem andern wichtigen Gesichtspunkte aus werden wir
diese Schwierigkeit um so richtiger würdigen, wenn wir gewisse
jetzt vorhandene Faunen und Floren ins Auge fassen. Nach der
aussergewöhnlichen Art zu schliessen, wie sich in neuerer Zeit
aus Europa eingeführte Erzeugnisse über Neuseeland verbreitet
und Plätze eingenommen haben, welche doch schon vorher be-
setzt gewesen, würde sich wohl, wenn man alle Pflanzen und
Thiere Grossbritanniens dort frei aussetzte, eine Menge Briti-
scher Formen mit der Zeit vollständig daselbst naturalisiren und
viele der eingebornen vertilgen. Dagegen dürfte Das , was wir
jetzt in Neuseeland sich zutragen sehen, und die Thatsache, dass
* Doch kaum! Wenn es sonst 10,000 Fische und Replilien ohne Säug-
thiere gegeben hätte, und gäbe jetzt deren nur 5000 mit 1000 Siiugthier-
Arfen: diess organische Leben wäre dennoch höher gestiegen! D. Übs.
DARWIN, Kiitstdliung lior Arten, l. AuH. 24
370
noch kaum ein Bewohner der südlichen Hemisphäre in irgend einem
Theile Europas verwildert ist, uns zu zweifeln veranlassen, ob,
wenn alle Natur-Erzeugnisse Neuseelands in Grossbritannien frei
ausgesetzt würden, eine etwas grossere Anzahl derselben ver-
mögend wäre, sich jetzt von eingeborenen Pflanzen und Thieren
schon besetzte Stellen zu erobern. Von diesem Gesichtspunkte
aus kann man sagen, dass die Produkte Grossbrilanniens höher
als die Neuseeländischen stehen. Und doch hätte der tüchtigste
Naturforscher nach der sorgfältigsten Untersuchung der Arten
beider Gegenden dieses Resultat nicht voraussehen können.
Agassiz hebt hervor, dass die alten Thiere in gewissen Be-
ziehungen den Embryonen neuer Thiere derselben Klasse gleichen,
oder dass die geologische Aufeinanderfolge erloschener Formen
gewissermaassen der embryonischen Entwickelung neuer Formen
parallel läuft. Ich rauss jedoch Pictet's und Huxley's Meinung
beipflichten, dass diese Lehre von Ferne nicht erwiesen ist. Doch
bin ich ganz der Erwartung sie sich später wenigstens hinsicht-
lich solcher untergeordneter Gruppen bestätigen zu sehen, die
sich erst in neuerer Zeit von einander abgezweigt haben. Denn
diese Lehre von Agassiz stimmt wohl mit der Theorie der Na-
türlichen Züchtung überein. In einem spätem Kapitel werde ich
zu- zeigen versuchen, dass die Alten von ihren Embryonen in
Folge von Abänderungen abweichen, welche nicht in der frühe-
sten Jugend erfolgen und auch erst auf ein entsprechendes spä-
teres Alter vererbt werden. Während dieser Prozess den Em-
bryo fast unverändert lässt, häuft er im Laufe aufeiriander-fol-
gender Generationen immer mehr Verschiedenheit im Alten zu-
sammen.
So erscheint der Embryo gleichsam wie ein von der Natur
aufbewahrtes Portrait des frühern und noch nicht sehr modifizirten
Zustandes eines jeden Thieres. Diese Ansicht mag wahr seyn,
ist jedoch nie eines vollkommenen Beweises fähig. Denn fänden
wir auch, dass z. B. die ältesten bekannten Formen der Säug-
thiere, der Reptilien und der Fische zwar genau diesen Klassen
entsprächen, aber doch einander etwas näher stünden als die
jetzigen typischen Vertreter dieser Klassen, so würden wir uns
37t
doch so lange vergebens nach Thieren umsehen, welche noch
den gemeinsamen Embryo - Charakter der Vertebraten an sich
trügen, als wir nicht Fossilien-führende Schichten noch tief unter
den silurischen entdeckten , wozu in der That sehr wenig Aus-
sicht vorhanden ist.
Aufeinanderfolge derselben Typen innerhalb
gleicher Gebiete während der späteren Tertiär-
Perioden.) Clift hat vor vielen Jahren gezeigt, dass die fos-
silen Säugthiere aus den Knochen-Höhlen Neuhollands sehr nahe
mit den noch jetzt dort lebenden Beufelthieren verwandt gewesen
sind. In Süd-Amerika hat sich eine ähnliche Beziehung selbst
für das ungeübte Auge ergeben in den Armadill-ähnlichen Panzer-
Stücken von riesiger Grösse, welche in verschiedenen Theilen
von la Plaia gefunden worden sind ; und Professor Owen hat
aufs Triftigste bewiesen, dass die meisten der dort so zahlreich
fossil gefundenen Thiere Südamerikanischen Typen angehören.
Diese Beziehung ist noch deutlicher in den wundervollen Samm-
lungen fossiler Knochen zu erkennen, welche Lund und Clausen
aus den Brasilischen Höhlen mitgebracht haben. Diese That-
sachen machten einen solchen Eindruck auf mich, dass ich in den
Jahren 1839 und 1845 dieses «Gesetz der Succession gleicher
Typen«, diese »wunderbare Beziehung zwischen dem Todten und
Lebenden in einerlei Kontinent« sehr nachdrücklich hervorhob.
Professor Owen hat später dieselbe Verallgemeinerung auch auf
die Säugthiere der alten Welt ausgedehnt. Wir finden dasselbe
Gesetz wieder in den von ihm restaurirten Riesenvögeln Neu-
seelands. Wir sehen es auch in den Vögeln der Brasilischen
Höhlen. Woodvvabd hat gezeigt, dass dasselbe Gesetz auch auf
die See-Konchylien anwendbar ist, obwohl er es der weiten Ver-
breitung der meisten Mollusken - Sippen wegen nicht gut ent-
wickelt hat. Es Hessen sich noch andre Beispiele anführen, wie
die Beziehungen zwischen den erloschenen und lebenden Land-
Schnecken auf Madeira und zwischen den alten und jetzigen
Brackwasser-Konchylien des Aral-Kaspischen Meeres.
Doch, was bedeutet dieses merkwürdige Gesetz der Aufein-
anderfolge gleicher Typen in gleichen Länder-Gebieten? Vergleicht
24 •
372
man das jelzige Klima Neuhollands und der unter gleicher Breite
damit gelegenen Theiie Süd-Amerikas mit einander, so würde
es als ein Ihörichtes Unternehmen erscheinen, einerseits aus der
1 Unähnlichkeit der natürlichen Bedingungen die Unähnlichkeil der
I Bewohner dieser zwei Kontinente und anderseits aus der Ähn-
lichkeit der Verhältnisse das Gleichbleiben der Typen in jedem
derselben während der späteren Tertiär- Perioden erklären zu
wollen. Auch lässt sich nicht behaupten, dass einem unverän-
derlichen Gesetze zufolge Beutelthiere hauptsächlich oder allein
nur in Neuholland, oder Edentaten u. a. der jetzigen Amerika-
nischen Typen nur in Amerika hervorgebracht werden können.
Denn es ist bekannt, dass Europa in alten Zeilen von zahl-
reichen Beutelthieren bevölkert war, und ich habe in den oben
angeführten Schriften gezeigt, dass in Amerika das Verbreitungs-
Gesetz für die Land-Säuglhiere früher ein andres gewesen, als
es jetzt ist. Nord-Amerika betheiligte sich früher sehr an dem
jetzigen Charakter, der südlichen Hälfte des Kontinentes, und die
südliche Hälfte war früher mehr als jetzt mit der nördlichen
verwandt. Durch Falconer und Cautley's Entdeckungen vi'issen
wir, dass Nord-Indien hinsichtlich seiner Süugthiere früher in
näherer Beziehung als jetzt mit Afrika stund. Analoge That-
sachen Hessen sich auch von der Verbreitung der See-Thiere
mittheilen.
Nach der Theorie gemeinsamer Abstammung mit fortschrei-
tender Abänderung erklärt sich das grosse Gesetz langwährender
aber nicht unveränderlicher Aufeinanderfolge gleicher Typen auf
einem und demselben Felde unmittelbar. Denn die Bewohner
eines jeden Theiles der Welt werden olfenbar streben in diesem
Theiie während der nächsten Zeitperiode nahe verwandte, doch
etwas abgeänderte Nachkommen zu hinterlassen. Sind die Be-
wohner eines Kontinents früher von denen eines andern Fest-
landes sehr verschieden gewesen, so werden ihre abgeänderten
Nachkommen auch jetzt noch in fast gleicher Art und Stufe von
einander abweichen. Aber nach sehr langen Zeiträumen und sehr
grosse Wechselwanderungen gestattenden geographischen Verän-
derungen werden die schwächeren den herrschenden Formen
373
weichen und so ist nichts unveränderlich in Verbreitungs-Gosetzen
früherer und jetziger Zeit.
Vielleicht fragt man mich im Spott, ob ich glaube, dass das
Meo-alherium und die andern ihm verwandten Ungethüme in Süd-
Amerika das Faullhier, das Armadill und die Ameisenfresser als
abgeänderte Nachkommen hinterlassen haben. Diess kann man
keinen Augenblick zugeben. Jene grossen Thiere sind völlig
erloschen, ohne eine Nachkommenschaft zu hinterlassen. Aber
in den Höhlen Brasiliens sind viele ausgestorbene Arten, in
Grösse u. a. Merkmalen nahe verwandt mit den noch jetzt in
Süd-Amerika lebenden Spezies, und einige der fossilen mögen
wirklich die Erzeuger noch jetzt dort lebender Arten seyn. Man
darf nicht vergessen, dass nach meiner Theorie alle Arten einer
Sippe von einer und der nämlichen Spezies abstammen, so dass
wenn von sechs Sippen jede acht Arten in einerlei geologischer
Formation enthält und in der nächst-folgepden Formation wieder
sechs andre verwandle oder stellvertretende Sippen mit gleicher
Arten-Zahl vorkommen, wir dann schliessen dürfen, dass nur
eine Art von jeder der sechs älteren Sippen modifizirte Nach-
kommen hinterlassen habe, welche die sechs neueren Sippen
bildeten. Die andren sieben Arten der alten Genera sind alle
ausgestorben, ohne Erben zu hinterlassen. Doch möchte es wohl
weit öfter vorkommen, dass zwei oder drei Arten von nur zwei
oder drei der alten Sippen die Altern der sechs neuen Genera
gewesen und die andern alten Arten und sämmtliche übrigen
alten Sippen gänzlich erloschen sind. In untergehenden Ord-
nungen mit abnehmender Sippen- und Arten-Zahl, wie es offen-
bar die Edentaten Süd-Amerikas sind, werden weniger Genera
und Spezies abgeänderte Nachkommen in gerader Linie hinter-
lassen.
Zusammenstellung des vorigen und jetzigen
Kapitels.) Ich habe zu zeigen gesucht, dass die geologische
Schöpfungs-Urkunde äusserst unvollkommen ist; dass erst nur
ein kleiner Theil der Erd-Oberfläche sorfältig untersucht worden
ist; dass nur gewisse Klassen organischer Wesen zahlreich in
fossilem Zustande erhalten sind; dass die Anzahl der in unsreii
374
Museen aufbewahrten Individuen und Arten gar nichts bedeutet
im Vergi(M'cht; mit der unberechenbaren Zahl von Generationen,
die nur während einer Formations-Zeit aufeinander-gefolgt seyn
müssen; dass in der Regel ungeheure Zeiträume zwischen je
zwei aufeinander-folgenden Formalionen verflossen seyn müssen,
weil Fossilien-reiche Bildungen miichlig genug, um künftiger Zer-
störung zu widerstehen, sich gewöhnlich nur während Senkungs-
Perioden ablagern können; dass mithin wahrscheinlich wahrend
der Senkungs-Zeiten mehr Aussterben und während der Hebungs-
Zeiten mehr Abändern organischer Formen stattgefunden hat; dass
der Schöpfungs-Bericht aus diesen letzten Perioden am unvoll-
kommensten erhallen ist; dass jede einzelne Formalion nicht in
ununterbrochenem Zusammenhang abgelagert worden; dass die
Dauer jeder Formation vielleicht kurz ist im Vergleich zur mil-
tein Dauer der Arten-Formen; dass Einwanderungen einen grossen
Anlheil am ersten Auftreten neuer Formen in der Formation
einer Gegend gehabt haben; dass die am weitesten verbreiteten
Arten auch am meisten variirt und am öftesten Veranlassung zur
Entstehung neuer Arten gegeben haben; und dass Varietäten an-
fangs oft nur örtlich gewesen sind. Alle diese Ursachen zusam-
mengenommen müssen die geologische Urkunde äusserst unvoll-
ständig machen und können es grossenlheils erklären, warum wir
zwar einzelne Mittelformen zwischen den Gliedern einer Organis-
men-Gruppe finden, aber nicht endlose Varietäten - Reihen die
erloschenen und lebenden Formen in den feinsten Abstufungen
miteinander verketten sehen.
Wer diese Ansichten von der Beschaffenheit des geologi-
schen Berichtes verwerfen will, muss auch raeine ganze Theorie
verwerfen. Denn vergebens wird er dann fragen, wo die zahl-
losen Übergangs-Glieder geblieben, welche die nächst verwandten
oder stellvertretenden Arten einst mit einander verkettet haben
müssen, die man in den verschiedenen Stöcken einer grossen"
Formalion übereinander findet. Er wird nicht an die unermess-
lichen Zwischenzeiten glauben, welche zwischen unseren aufein-
ander-folgenden Formationen verflossen sind; er wird übersehen,
welchen wesentlichen Antheil die Wanderungen seit den. ersten
375
Erscheinen der Organismen in den Formationen einer grossen
Wellgegend wie Europa für sich allein betrachtet gehabt haben ;
er wird sich auf das anscheinend, aber oft nur anscheinend,
plötzliche Auftreten ganzer Arten -Gruppen berufen. Wenn er
fragen sollte, wo denn die Roste jener unendlich zahlreichen Or-
ganismen geblieben, welche lange vor der Bildung der ältesten
Silur-Schichten abgelagert worden seyn müssen, so kann ich nur
hypothetisch darauf antworten, dass, so viel noch zu sehen, unsre
Ozeane sich schon seit unermesslichen Zeiträumen an ihren jetzi-
gen Stellen befunden haben, und dass da, wo unsre Kontinente
jetzt stehen, sie sicher seit der Silur-Zeit gestanden sind: dass
aber die Erd-Oberfläche lange vor dieser Periode ein ganz andres
Aussehen gehabt haben dürfte, und dass die alten Kontinente aus
Formationen noch viel älter als die silurische bestehend sich be-
reits alle in metamorphischem Zustande befinden oder tief unter
den Ozean versenkt liegen.
Doch sehen wir von diesen Schwierigkeiten ab, so scheinen
mir alle andern grossen und leitenden Thatsachen in der Paläon-
tologie einfach aus der Theorie der Abstammung von gemein-
Samen Uraltem mit fortschreitender Abänderung durch Natürliche
Züchtung zu folgen. Es erklärt sich daraus, warum neue Arten
nur langsam nacheinander auftreten; warum Arten verschiede-
ner Klassen nicht nothwendig in gleichem Verhaltnisse oder glei-
chem Grade miteinander wechseln, sondern alle nur im Verlauf
langer Perioden Veränderungen unterliegen. Das Erlöschen alter
Formen ist die unvermeidlichste Folge vom Entstehen neuer.
Es erklärt sich warum eine Spezies, wenn einmal verschwunden,
nie wieder erscheint. Arten-Gruppen (Sippen u. s. w.) wachsen
nur langsam an Zahl und dauern ungleich lange Perioden aus 5
denn der Prozess der Abänderung ist nothwendig ein langsamer
und von vielerlei verwickelten Zufällen abhängig. Die herrschen-
den Arten der grösseren herrschenden Gruppen streben viele
abgeänderte Nachkommen zu hinterlassen, und so werden wieder
neue Untergruppen und Gruppen gebildet. Im Verhältnisse als
diese entstehen, neigen sich die Arten minder kräftiger Gruppen
in Folge ihrer gemeinsam ererbten Unvollkommenheit dem gc-
376
meiiisaiiien Etiiisclien zu, ohne irgendwo auf der Erd-Überfläche
eine abgeänderte Nachkominenschaft zu hinterlassen. Aber das
gänzliche Erlöschen einer ganzen Arten-Gruppe mag oft ein sehr
langsamer Prozess seyn, wenn einzelne Arten in geschützten oder
abgeschlossenen Standorten kümmernd noch eine Zeit lang fort-
leben können. Ist eine Gruppe einmal untergegangen, so kann
sie nie wieder erscheinen, weil ein Glied aus der Generalionen-
Reihe zerbrochen ist.
So ist es begreiflich, dass die Ausbreitung herrschender Le-
benformen, welche eben am öftesten variiren, mit der Länge der
Zeit die Erde mit nahe verwandten jedoch modifizirten Formen
bevölkern, denen es sodann gewöhnlich gelingt die Plätze jener
Arten-Gruppen einzunehmen, welche ihnen im Kampfe ums Daseyn
unterliegen. Daher wird es denn nach langen Zwischenzeiten
aussehen, als hätten die Bewohner der Erd-Oberfläcbe überall
gleich-zeitig gewechselt.
So ist es ferner begreiflich, woher es kommt, dass die alten
und neuen Lebenformen ein grosses System mit einander bilden,
da sie durch Zeugung mit einander verbunden sind. Es ist
aus der fortgesetzten Neigung zur Divergenz des Charakters be-
greiflich, warum die fossilen Formen um so mehr von den jetzt
lebenden abweichen, je älter sie sind ; warum alte und erloschene
Formen oft Lücken zwischen lebenden auszufüllen geeignet sind
und zuweilen zwei Gruppen mit einander vereinigen, welche zu-
vor gelrennt aufgestellt worden, obwohl sie solche in der Regel
nur etwas näher einander rücken. Je älter eine Form ist, um
so öfter scheinVsie Charaktere zu entwickeln, welche zwischen
jetzt getrennten Gruppen mehr und weniger das Mittel halten;
denn je älter eine Form ist, desto näher verwandt und mithin
ähnlicher wird sie dem gemeinsamen Stamm-Vater solcher Gruppen
seyn, welche seither weit auseinander gegangen sind. Erloschene
Formen halten selten genau das Mitel zwischen lebenden, son-
dern stehen in deren Mitte nur in Folge einer weitläufigen Ver-
kettung durch viele erloschene und abweichende Formen. Wir
ersehen deutlich, warum die organischen Reste dicht aufeinander-
folgender Formationen einander ähnlicher als die weit von
377
einander entfernter seyn müssen; denn jene Formen stehen in
näherer Bluts-Verwandtschaft als diese mit einander. Wir ver-
mögen endlich einzusehen, warum die organischen Reste mittler
Formationen auch das Mittel in ihren Charakteren halten.
Die Erd-Bewohner einer jeden späteren Periode müssen die
früheren im Kampfe uin's Daseyn besiegt haben und müssen in
soferne auf einer höheren Vollkomnienheits-Slufe als diese stehen
und ihr Körper-Bau ist seitdem im Allgemeinen mehr spezialisirt
worden, und es mag sich aus dem unbestimmten und missdeute-
teu Gefühl davon erklären , dass viele Paläontologen an einen
Fortschritt der Organisation im Ganzen glauben. Sollte sich später
ergeben, dass alte Thier-Formen in gewissem Grade den Embryo-
nen neuer aus der nämlichen Klasse gleichen, so würde auch
Diess zu begreifen seyn. Die Aufeinanderfolge gleicher Organi-
sations-Typen auf gleichem Gebiete während der letzten geolo-
gischen Perioden hört auf geheiinnissvoll zu seyn und ist eine
einfache Folge der Vererbung.
Wenn daher die geologische Schöpfungs-Urkunde so unvoll-
ständig ist, als ich es glaube (und es lässt sich wenigstens be-
haupten, dass das Gegen theil nicht erweisbar), sö werden sich
die Haupteinwände gegen die Theorie der Natürlichen Züchtung
in hohem Grade vermindern oder gänzlich verschwinden. Dage-
gen scheinen mir die Haupt-Gesetze der Paläontologie deutlich
zu beweisen, dass die Arten durch gewöhnliche Zeugung ent-
standen sind. Frühere Lebenformen sind durch die noch fort-
während um uns her thätigen Variations-Gesetze entstandene und
durch Natürliche Züchtung erhaltene vollkommenere Formen er-
setzt worden.
378
Geograpliisclie VerbreUimg.
Difi gegenwärtige Verbreitung der Organismen iässt sich nicht aus den na-
türlichen Lebens-Bedingungen erklären. — Wichtigkeit der Verbreitungs-
Schranken. — Verwandtschaft der Erzeugnisse eines nämlichen Konti-
nentes. — Schöpl'ungs - Mittelpunkte. — Ursachen der Verbreitung sind
Wechsel des Klimas, Schwankungen der Boden-Höhe und mitunter zulä!-
lige. — Die Zerstreuung Avährend der Eis-Periode liber die ganze Erd-
oberfläche erstreckt.
^. j Bei Belrachfiing der Verhreitungs -Weise der organischen
Wesen über die Erd-Oberfläche besteht die erste wichtige That-
sache, welche uns in die Augen fallt, darin, dass weder die Ähn-
lichkeit noch die Unähnlichkeit der Bewohner verschiedener Ge-
genden aus klimatischen u. a. physikalischen Bedingungen erklär-
bar ist. Alle, welche diesen Gegenstand studirt haben, sind end-
lich zu dem nämlichen Ergebniss gelangt. Das Beispiel Amerika's
würde schon allein genügen. Diess zu beweisen. Denn alle Au-
toren stimmen darin überein, dass mit Ausschluss des nördlichen
um den Pol her ziemlich zusammenhängenden Theiles, die Tren-
nung der alten und der neuen Welt eine der ersten Grundlagen
der geographischen Vertheilung der Organismen bilde. Wenn
wir aber den weiten Amerikanischen Kontinent von den mitlein
Theilen der Vereinten Staaten an bis zu seinem südlichsten Punkte
durchwandern, so begegnen wir den aller-verschiedenartigsten
Lebens-Bedingungen, den feuchtesten Strichen und den trocken-
sten Wüsten, hohen Gebirgen und grasigen Ebenen, Wäldern
und Marschen, Seen und Strömen mit fast jeder Temperatur.
Es gibt kaum ein Klima oder eine Bedingung in der alten Welt
wozu sich nicht eine Parallele in der neuen fände, so ähnlich
wenigstens, als Diess zum Fortkommen der nämlichen Arten er-
forderlich wäre; denn es ist ein äusserst seltener Fall, irgend
eine Organismen-Gruppe auf einen kleinen Fleck mit etwas eigen-
thümlichen Lebens-Bedingungen beschränkt zu finden. So z. B.
gibt es in der alten Welt wohl einige Stellen, heisser als irgend
welche in 6er neuen; und doch haben diese keine eigenthümliche
379
Fiuina oder Flora. Aber ungeaclitel dieses Parallelismus in den
Lebens-Bedingungen der alten und der neuen Welt wie weit sind
ihre lebenden Bewohner verschieden!
Wenn wir in der südlichen Halbkugel grosse Landstriche
in Australien, Süd - Afrika und West- Südamerika zwischen
25" — 35® S. Br. miteinander vergleichen, so werden wir manche
in allen ihren natürlichen Verhaltnissen einander äusserst ähn-
liche Theile finden, und doch würde es nicht möglich seyn, drei
einander unähnliche Faunen und Floren ausfindig zu machen,
Oder wenn wir die Natur-Produkte Süd-Amerikas im Süden vom
35° Br. und im Norden vom 25" Br. mit einander vergleichen,
die mithin ein sehr verschiedenes Klima bewohnen, so zeigen
sich dieselben einander weit näher verwandt, als die in Austra-
lien und Afrika in fast einerlei Klima lebenden sind. Und ana-
loge Thalsachen lassen sich auch in Bezug auf die Meeres-Thiere
nachweisen.
Als zweite allgemeine Thatsache fällt uns auf, dass Schran-
ken verschiedener Art oder Hindernisse freier Wanderung mit
den Verschiedenheiten zwischen Bevölkerungen verschiedener
Gegenden in engem und wesentlichem Zusammenhange stehen.
So die grosse Verschiedenheit fast aller Land - Bewohner der
alten und der neuen Welt mit Ausnahme der nördlichen Theile,
wo sich beide nahezu berühren und vordem bei einem nur we-
nig abweichenden Klima die Wanderungen der Bewohner der
nördlich-gemassigten Zone in ähnlicher Weise möglich gewesen
seyn dürften, vs'ie sie noch jetzt von Seiten der arktischen Be-
völkerung stattfinden. Wir erkennen dieselbe Thatsache in der
grossen Verschiedenheit zwischen den Bewohnern von Australien.,
Afrika und Süd-Amerika wieder; denn diese Gegenden sind fast
so vollständig von einander geschieden, als es nur immer mög-
lich ist. Auch auf jedem Festlande sehen wir die nämliche Er-
scheinung; denn auf den entgegengesetzten Seiten hoher und
zusammenhängender Gebirgs-Kelten, grosser Wüsten und mitunter
sogar nur grosser Ströme finden wir verschiedene Erzeugnisse.
Da jedoch Gebirgs-Ketten , Wüsten u. s. w. nicht ganz unüber-
schreilbar sind oder noch nicht so lang als die zwischen den
380
Feslländorn gelegenen Weltmeere bestehen, so sind diese Ver-
schiedenheiten dein Grade nach viel kleiner als die in verschie-
denen Kontinenten.
Wenden wir uns nach dem Meere , so finden wir das näm-
liche Gesetz. Keine andern zwei Meeres-Faunen sind so ver-
schieden von einander als die an den östlichen und den west-
lichen Küsten Süd- und Mittel- Amerikas. Da ist fast kein Fisch,
keine Schnecke, keine Krabbe gemeinsam. Und doch sind diese
grosse Faunen nur durch die schmale Landenge von Panama
von einander getrennt. Westwärts von den Amerikanischen Ge-
staden erstreckt sich ein weiter und offener Ozean mit nicht
einer Insel zum Ruheplatz für Auswanderer; hier haben wir eine
Schranke andrer Art, und sobald diese überschritten ist, treffen
wir auf den östlichen Inseln des stillen Meeres auf eine neue und
ganz verschiedene Fauna. Es erstrecken sich also drei Meeres-
Faunen nicht weit von einander in parallelen Linien weil nach
Norden und Süden in sich entsprechenden Klimaten. Da sie
aber durch unübersteigliche Schranken von Land oder offnem
Meer von einander getrennt sind, so bleiben sie völlig von ein-
ander verschieden. Gehen wir aber von den östlichen Inseln im
tropischen Theile des stillen Meeres noch weiter nach Westen,
so finden wir keine unüberschroitbaren Schranken mehr; unzäh-
lige Inseln oder zusammenhüngende Küsten bieten sich als Ruhe-
plätze dar, bis wir nach Umwanderung einer Hemisphäre zu den
Küsten Afrikas gelangen; aber in diese weiten Flächen Iheilen
sich keine wohl-charaklerisirten verschiedenen Meeres-Faunen
mehr. Obwohl kaum eine Schnecke, ein Krabbe oder ein Fisch
jenen drei Faunen an der Ost- und West-Küste Amerikas und
im östlichen Theile des stillen Ozeans gemeinsam ist, so reichen
doch viele Fisch-Arten vom stillen bis zum Indischen Ozean und
sind viele Weichthiere den östlichen Inseln der Südsee und den
östlichen Küsten Afrikas unter sich fast genau entgegenstehenden
Meridianen gemein.
Eine dritte grosse Thatsache, schon zum Theil in den vori-
gen mitbegriffen, ist die Verwandtschaft zwischen den Erzeug-
nissen eines nämlichen Festlandes oder Weltmeeres, obwohl die
381
Arten verschiedener Theile und Standorte desselben verschieden
sind. Es ist Diess ein Gesetz von der grössten Allgemeinheit,
und jeder Kontinent bietet unzählige Belege dafür. Demunge-
aclitet fühlt sich der Naturforscher auf seinem Wege von Norden
nach Süden unfehlbar betroffen von der Art und Weise wie
Gruppen von Organismen der Reihe nach einander ersetzen, die
in den Arten verschieden aber offenbar verwandt sind. Er hört
von nahe verwandten aber doch verschiedenen Vögeln ähnliche
Gesänge, sieht ihre ähnlich gebauten Nester mit ähnlich gefärbten
Eiern. Die Ebenen der Magellans-Slrasse sind von einem Nandu
(Rhea Aniericana) bewohnt, und im Norden der Laplata-Woene
wohnt eine andre Art derselben Sippe, doch kein ächter Strauss
(Struthio) oder Emu (Dromaiiis), welche in Afrika und bezie-
hungsweise in Neuholland unter gleichen Breiten vorkommen.
In denselben Laplata-Woawen finden wir das Aguti (Dasyprocta)
und die Hasenmaus (Lagoslomus), zwei Nagelhiere von der Le-
bensweise unsrer Hasen und Kaninchen und mit ihnen in gleiche
Ordnung gehörig, aber einen rein Amerikanischen Organisations-
Typus bildend. Steigen wir zu dem Hoch-Gebirge der Cordil-
/ere« hinan, so treffen wir die Berg-Hasenmaus (Lagidium); sehen
wir uns am Wasser um, so finden wir zwei andre Süd- Amerika-
nische Typen, den Coypu (Myopotamus) und Capybara (Hydro-
choerus) statt des Bibers und der Bisamratte. So Hessen sich
zahllose andre Beispiele anführen. Wie sehr auch die Inseln an
den Amerikanischen Küsten in ihrem geologischen Bau abweichen
mögen, ihre Bewohner sind wesentlich Amerikanisch, wenn auch
von eigenthümlichen Arten. Schauen wir zurück nach nächst-
früheren Zeit-Perioden, wie sie im letzten Kapitel erörtert worden,
so finden wir auch da noch Amerikanische Typen vorherrschend
auf dem Amerikanischen Festlande wie in Amerikanischen Meeren.
Wir erkennen in diesen Thatsachen ein tief-liegendes organisches
Band, in Zeit und Raum vorherrschend über gegebene Land- und
Wasser-Flächen, unabhängig von ihrer natürlichen Beschaffenheit.
Der Naturforscher müsste nicht sehr wissbegierig seyn, der sich
nicht versucht fühlte, näher nach diesem Bande zu forschen.
Diess Rand besteht nach meiner Theorie lediglich in der
382
Vererbung, derjenigen Ursache, welche allein, soweit wir Siche-
res wissen, gleiche oder ähnliche Organismen, wie die Varietäten
sind , hervorbringt. Die Unähnlichkoit der Bewohner verschie-
dener Gegenden wird der Umgestaltung durch Natürliche Züch-
tung und in einem ganz untergeordneten Grade, dem unmittel-
baren Einflüsse äussrer Lebensbedingungen zuzuschreiben seyn.
Der Grad der Unähnlichkeit hängt davon ab, ob die Wanderung
der herrschenderen Lebenformen aus der einen Gegend in die
andre rascher oder langsamer in spätrer oder früherer Zeit vor
sich gegangen; er hängt von der Natur und Zahl der früheren
Einwanderer, von deren Wirkung und Rückwirkung im gegen-
seitigen Kampfe ums Daseyn ab, indem, wie ich schon oft be-
merkt habe, die Beziehung von Organismus zu Organismus die
wichtigste aller Beziehungen ist. Bei den Wanderungen kommen
die oben erwähnten Schranken wesentlich in Betracht, wie die
Zeit bei dem langsamen Prozess der Natürlichen Züchtung. Weit-
verbreitete und an Individuen reiche Arten, welche schon über
viele Mitbewerber in ihrer eignen ausgedehnten Heimath gesiegt,
werden beim Vordringen in neuen Gegenden die beste Aussicht
haben neue Pläze zu gewinnen. Unter den neuen Lebens-Be-
dingungen ihrer späteren Heimath werden sie häufig neue Abän-
derungen und Verbesserungen erfahren ; sie werden den andern
noch überlegener werden und Gruppen abändernder Nachkommen
erzeugen. Aus diesem Prinzip fortschreitender Vererbung mit
Abänderung ergibt sich, wie es zugeht, dass Unlersippen, Sippen
und selbst ganze Familien, wie es so gewohnter und anerkannter
Maassen der Fall, auf gewisse Flächen beschränkt erscheinen.
Wie schon im letzten Kapitel bemerkt worden, so glaube ich
an kein Gesetz nothwendiger Vervollkommnung: so wie die Ver-
änderlichkeit der Arten eine unabhängige Eigenschaft ist und
von der Natürlichen Züchtung nur so weil ausgebeutet wird, als
es den Individuen in ihrem vielseitigen Kampfe ums Daseyn zum
Vortheile gereicht, so besteht auch für die Modifikation der ver-
schiedenen Spezies kein gleiches Maass. Wenn z. B. eine An-
zahl von Arten , die miteinander in unmittelbarer Mitbewerbung
stehen, in Masse nach einer neuen und nachher isolirten Gegend
383
auswandern, so werden sie wenig Modifikation erfahren, indem
weder die Wanderung noch die Isolining an sich etwas dabei
thun. Jene Prinzipien kommen hauptsächlich nur in Betracht,
wenn man Organismen in neue Beziehungen unter einander, we-
niger wenn man sie in Berührung mit neuen Lebens-Bedingungen
bringt. Wie wir im letzten Kapitel gesehen, dass einige Formen
ihren Charakter seit ungeheuer weit zurückgelegenen geologi-
schen Perioden fast unverändert behauptet haben, so sind auch
manche Arten über weite Räume gewandert, ohne grosse Ver-
änderungen zu erleiden.
Nach diesen Ansichten liegt es auf der Hand, dass verschie-
dene Arten einer Sippe, wenn sie auch die entferntesten Theile
der Welt bewohnen , doch ursprünglich aus gleicher Quelle ent-
sprungen, vom nämlichen Stammvater entstanden seyn müssen.
Was diese Arten betrifft, welche im Verlaufe ganzer geologischer
Perioden sich nur wenig verändert haben, so hat es keine Schwie-
rigkeit anzunehmen , dass sie aus einerlei Gegend hergewandert
sind ; denn während der grossen geographischen und klimati-
schen Veränderungen, welche seit allen Zeiten vor sich gegangen,
sind Wanderungen auf jede Entfernung möglich gewesen. In
vielen andern Fällen aber, wo wir Grund haben zu glauben, dass
die Arten einer Sippe erst in vergleichungsweise neuer Zeit ent-
standen sind, ist die Schwierigkeit weit grösser. Eben so ist es
einleuchtend, dass Individuen einer Art, wenn sie jetzt auch weit
auseinander und abgesondert gelegene Gegenden bewohnen, von
einer Stelle ausgegangen seyn müssen , wo ihre Altern zuerst
erstanden sind; denn, so wie es im letzten vVbschnitte erläutert
worden, ist es unglaublich, dass spezifisch gleiche Individuen von
verschiedenen Stamm-Arten abstammen können.
So wären wir denn bei der neuerlich oft von Naturforschern
erörterten Frage angelangt, ob Arten je an einer oder an meh-
ren Stellen der Erd-Oberfläche erzeugt worden Seyen. Zweifels-
ohne mag es da sehr viele Fälle geben, wo es äuserst schwer
zu begreifen ist, wie die gleiche Art von einem Punkte aus nach
den verschiedenen entfernten und_ abgesonderten Gegenden ge-
wandert seyn solle, wo sie nun geiuiiden wird. Domungeaehlet
384
drängt sich die Vorstellung, dass jede Art nur von einem ur-
sprünglichen Geburtsorte ausgegangen seyn müsse, durch ihre
Einfachheit dem Geiste auf. Und wer sie verwirft, verwirft die
Vera causa, die gewöhnliche Zeugung mit nachfolgender Wande-
rung, um zu einem Wunder seine Zuflucht zu nehmen. Es wird
allgemein zugestanden, dass die von einer Art bewohnte Gegend
in der Regel zusammenhängend ist; und wenn eine Pflanzen-
oder Thier-Art zwei von einander so weit entfernte oder durch
solche Schranken getrennte Punkte bewohnt, dass sie nicht leicht
von einem zum andern gewandert seyn kann, so betrachtet man
Diess als etwas Merkwürdiges und Ausnahmsweises. Die Fähig-
keit über Meer zu wandern, ist bei Land-Säugelhieren vielleicht
mehr als bei irgend einem andern organischen Wesen beschränkt;
und wir finden damit übereinstimmend auch keinen unerklärbaren
Fall, wo dieselbe Säugethier-Art sehr entfernte Punkte der Erde
bewohnte. Kein Geologe findet eine Schwierigkeit darin anzuneh-
men, dass Grosshrilannien ehedem mit dem Europäischen Kon-
tinente zusammengehangen sey und mithin die nämlichen Säuge-
thiere besessen habe. Wenn aber dieselbe Art an zwei entfern-
ten Punkten der Welt erzeugt werden kann, warum finden wir
nicht eine einzige Europa und Australien oder Süd-Amerika ge-
meinsam angehörige Säugethier-Art? Die Lebens-Bedingungen
sind nahezu die nämlichen, so dass eine Menge Europäischer
Pflanzen und Thiere in Amerika und Australien naturalisirt wor-
den sind, und sogar einige der ureinheimischen Pflanzen-Arten
sind genau dieselben an diesen zwei so entfernten Punkten der
nördlichen und der südlichen Hemisphäre! Die Antwort liegt, wie
ich glaube, darin, dass Säugethiere nicht fähig sind die Wanderung
zu machen, während einige Pflanzen mit ihren manchfaltigen Ver-
breitungs- Mitteln diesen weiten und unterbrochenen Zwischen-
raum zu überschreiten vermochten. Der mächtige Einfluss, wel-
chen geographische Schranken aller Art auf die Verbreitungs-
Weise geübt, wird nur unter der Voraussetzung begreiflich, dass
weitaus der grössto Theil der Spezies nur auf einer Seite der-
selben erzeugt worden ist und Mittel zur Wanderung nach der
andern Seite nicht besessen hat. Einige wenige Familien, viele
385
Unterfamilien, sehr viele Sippen und eine noch grössre Anzahl
von Untersippen sind nur auf je eine einzelne Gegend beschränkt,
und mehre Naturforscher haben die Bemerkung gemacht, dass
die meisten natürlichen Sippen, diejenigen nämlich, deren Ar-
ten alle am nächsten mit einander verwandt sind, nur örtlich
oder wenigstens auf eine zusammenhängende Gegend ange-
wiesen zu seyn pflegen. Was für eine wunderliche Anomalie
würde es nun seyn, wenn eine Stufe tiefer unten in der Reihe
die Individuen einer Art sich geradezu entgegengesetzt verhielten
und die Arten nicht örtlich, sondern in zwei oder mehr ganz
verschiedenen Gegenden erzeugt worden wären !
Daher scheint mir, wie so vielen andern Naturforschern, die
Ansicht die wahrscheinlichere zu seyn, dass jede Art nur in
einer einzigen Gegend entstanden, aber nachher von da aus so
weit gewandert seye, als Mittel und Subsistenz unter früheren
und gegenwärtigen Bedingungen gestalteten. Es kommen un-
zweifelhaft auch jetzt noch viele Fälle vor, wo sich nicht erklären
lässt, auf welche Weise diese oder jene Art von einer Stelle zur
andern gelangt ist. Aber geographische und klimatische Verän-
derungen, welche sich in den neuen geologischen Zeiten zuver-
lässig ereignet, müssen den früher bestandnen Zusammenhang
der Verbreitungs-Flächen vieler Arten unterbrochen haben. So
gelangen wir zur Erwägung, ob diese Ausnahmen von der Un-
unterbrochenheit der Verbreitungs-Bezirke so zahlreich und so
gewichtiger Natur sind, dass wir die durch die vorangehenden
Betrachtungen wahrscheinlich gemachte Meinung, dass jede Art
nur auf einem Felde entstanden und von da so weit als möglich
gewandert seye, aufzugeben genöthigt werden? Es würde zum
Verzweifeln langweilig seyn, alle Ausnahms-Fälle aufzuzählen und
zu erörtern, wo eine und dieselbe Art jetzt an verschiedenen
weit von einander entfernten Orten lebt; auch will ich keinen
Augenblick behaupten, für viele dieser Fälle eine genügende Er-
klärung wirklich geben zu können. Doch möchte ich nach eini-
gen vorläufigen Bemerkungen die wichtigsten Klassen solcher
Thatsachen. erörtern, wie insbesondere das Vorkommen von einerlei
Art auf den Spitzen weit von einander gelegener Bergketten,
Darwin, Entstehung der Arten. 2. Aufl. 25
386
oder im arktischen und antarktischen Kreise zugleich: dann,
zweitens (im folgenden Kapitel) die weite Verbreitung der Süss-
wasser- Bewohner, und drittens, das Vorkommen von einerlei
Landlhier-Artcn auf Festland und Inseln, welche durch Hunderte
von Meilen offnen Meeres von einander getrennt sind. Wenn
das Vorkommen von einer und der nämlichen Art an entfernten
und vereinzelten Fundstätten der Krd-Oberfläche sich in vielen
Fällen durch die Voraussetzung erklären lässt, dass diese Art von
ihrer Geburts-Stätte aus dahin gewandert seye, dann scheint mir
in Anbetracht unsrer gänzlichen Unbekanntschaft mit den früheren
geographischen und klimatischen Veränderungen so wie mit
manchen zufälligen Transport-Mitteln die Annahme, dass Diess
die allgemeine Regel gewesen seye, bei Weitem die richtigste
zu seyn.
Bei Erörterung dieses Gegenstandes werden wir Gelegenheit
haben noch einen andern für uns gleich-wichtigen Punkt in Be-
tracht zu ziehen, ob nämlich die mancherlei verschiedenen Arten
einer Sippe, welche meiner Theorie zufolge einen gemeinsamen
Stammvater hatten, von der Wohnstätte ihres Stammvaters aus-
gegangen seyn (und unterwegs sich etwa noch weiter angemessen
entwickelt haben) können. Kann gezeigt v^'erden, dass eine Ge-
gend, deren meisten Bewohner enge verwandt oder aus gleichen
Sippen mit den Arten einer zweiten Gegend sind, in früherer
Zeit wahrscheinlich einmal Einwanderer aus dieser letzten er-
halten hat, so wird Diess zur Bestätigung meiner Theorie bei-
tragen; denn wir begreifen dann aus dem Modifikations-Prinzipe
deutlich, warum die Bewohner der einen Gegend denen der an-
dern verwandt sind, da sie aus ihr stammen. Eine vulkanische
Insel z. B., welche einige Hundert Meilen von einem Kontinente
entfernt emporstiege, würde wahrscheinlich im Laufe der Zeit
einige Kolonisten erhalten, deren Nachkommen, wenn auch etwas
abändernd , doch ihre Verwandtschaft mit den Bewohnern des
Kontinents auf ihre Nachkommen vererben würden. Fälle dieser
Art sind gewöhnlich und, wie wir nachher ersehen werden, nach
der Theorie unabhängiger Schöpfung unerklärlich. Diese Ansicht
über die Verwandtschaft der Arten einer Gegend zu denen einer
387
andern ist (wenn wir nun das Wort Varietät statt Art anwenden)
nicht sehr von der durch Hrn. Wallace aufgestellten verschieden,
wonach «jede Art entstanden ist in Zeit und Raum zusammen-
»treffend mit einer früher vorhandenen nahe verwandten Art«.
Ich weiss nun aus seiner Korrespondenz, dass er dieses «Zusam-
mentrelfen« der Generation mit Abänderung zuschreibt und dafür
eine lange geologische Zeit-Periode zugesteht.
Die vorangehenden Bemerkungen über ein- oder mebr-fältige
Schöpfungs-Mittelpunkle führen nicht unmittelbar zu einer andern
verwandten Frage, ob nämlich alle Individuen einer Art von
einem einzigen Punkte oder einem Hermaphroditen abstammen,
oder ob, wie einige Autoren annehmen, von vielen gleichzeitig
entstandenen Individuen einer Art? Bei solchen Organismen,
welche sich niemals kreutzen (wenn dergleichen überhaupt exi-
sliren), muss nach meiner Theorie die Art von einer Reihenfolge
vervollkommneter Varietäten herrühren, die sich nie mit andern
Individuen oder Varietäten gekreutzt, sondern einfach einander
ersetzt haben , so dass auf jeder der aufeinanderfolgenden üiti-
änderungs- und Verbesserungs-Stufen alle Individuen von einerlei
Varietät auch von einerlei Stammvater herrühren müssen. In der
Mehrzahl der Fälle jedoch und namentlich bei allen Organismen,
welche sich zu jeder einzelnen Forlpflanzung paaren oder sich
oft mit andern kreutzen, glaube ich, dass während des langsamen
Modifikalions-Prozesses die Individuen der Spezies bei der Kreutzung
sich nahezu gleichförmig erhalten haben, so dass viele derselben
sich gleichzeitig abänderten und der ganze Betrag der Abände-
rung auf jeder Stufe nicht von der Abstammung von einem ge-
meinsamen Stammvater herrührt. Um zu erläutern, was ich
meine, will ich anführen, dass unsre Englischen Rasse-Pferde nur
wenig von den Pferden jeder andern Züchtung abweichen, aber
ihre Verschiedenheit und Vollkommenheit nicht davon haben, dass
sie von einem einzigen Paare abstammen, sondern dieselbe der
während vieler Generationen angewendeten Sorgfalt bei Auswahl
und Erziehung vieler Individuen verdanken.
Ehe ich auf nähere Erörterung über diejenigen drei Klassen
von Thatsachen eingehe, welche der Theorie von den »einzigen
25 *
388
5chöpfungs-Miltelpunkten« die meisten Schwierigkeiten darbieten,
muss ich den Verbrcitungs-Milteln noch einige Worte widmen.
V e rbr ei t un gs - Mi 1 1 el.) Sir Ch. Lyell u. a. Autoren
haben diesen Gegenstand sehr angemessen erörtert. Ich kann
hier nur einen kurzen Auszug von den wichtigsten Thatsachen
liefern. Klima-Wechsel mag auf Wanderung der Organismen
vom grösslen Einflüsse gewesen seyn. Eine Gegend mit ändern-
dem Klima kann eine Hochstrasse der Auswanderung gewesen
und jetzt ungangbar seyn ; ich muss daher diesen Gegenstand
zunächst mit einigem Detail behandeln. Höhen -Wechsel des
Landes kommt dabei wesentlich in Betracht. Eine schmale Land-
enge trennt jetzt zwei Meeres-Faunen ; taucht sie unter oder ist
sie früher untergetaucht, so werden beide Faunen zusammen-
fliessen oder vordem untergeflossen seyn. Wo dagegen sich
jetzt die See ausbreitet, da mag vormals trocknes Land, Inseln
oder selbst Kontinente miteinander verbunden und so Landbe-
wohner in den Stand gesetzt haben von einer Seite zur andern
zu wandern. Kein Geologe bestreitet, dass grosse Veränderungen
der Boden-Höhen während der Periode der jetzt lebenden Orga-
nismen-Arten stattgefunden haben, und Edw. Forbes behauptet,
alle Inseln des Atlaniischen Meeres müssten noch unlänest mit
Afrika oder Europa, wie gleicherweise Europa mit Amerika zu-
sammengehangen haben. Andre Schriftsteller haben hypothetisch
der Reihe nach jeden Ozean überbrückt und fast jede Insel mit
dem nächsten Festlande verbunden. Und wenn sich die Argu-
mente von FoBBES bestätigen Hessen, so müsste man gestehen,
dass es kaum irgend eine Insel gebe, welche nicht noch neuer-
lich mit einem Kontinente zusammenhing. Diese Ansicht zerhaut
den gordischen Knoten der Verbreitung einer Art bis zu den
entlegensten Punkten und beseitigt eine Menge von Schwierig-
keiten. Aber nach meiner besten Ueberzeugung sind wir nicht
berechtigt, so ungeheure Veränderungen innerhalb der Periode
der noch jezt lebenden Arten anzunehmen. Es scheint mir, dass
wir genug Beweise von grossen Schwankungen des Bodens in
unsrem Kontinente besitzen, doch nicht von Bewegungen so aus-
gedehnt und in solcher Richtung, dass sich mittelst derselben
389
eine Verbindung Europas mit Amerika und den dazwischen ge-
legenen Atlantischen Inseln noch in der jetzigen Erd-Periode
ergäbe. Dagegen gestehe ich gerne die vormalige Existenz man-
cher jetzt im Meere begrabener Inseln zu, welche vielen Pflan-
zen- und Thier-Arten bei ihren Wanderungen als Ruhepunkte
dienen konnten. In den Korallen-Meeren erkennt man, nach
meiner Meinung, solche versunkene Inseln noch jetzt mittelst
der auf ihnen stehenden Korallen-Ringe oder Atolls. Wenn es
einmal vollständig eingeräumt seyn wird, wie es eines Tages
vermulhlich noch geschehen wird, dass jede Art nur eine Geburts
Stätte gehabt, und wenn wir im Laufe der Zeit etwas Bestimm-
teres über die Verbreitungs-Mittel erkennen, so werden wir im
Stande seyn die frühere Ausdehnung des Landes mit einiger
Sicherheit zu berechnen. Dagegen glaube ich nicht, dass es je
zu beweisen seyn wird, dass jetzt vollständig getrennte Konti-
nente noch in neuerer Zeit wirklich oder nahezu miteinander und
mit den vielen noch vorhandenen ozeanischen Inseln zusammen-
hingen. Manche Thatsachen in der Vertheilung, wie die grosse
Verschiedenheit der Meeres- Faunen an den entgegengesetzten
Seiten fast jedes grossen Kontinentes und ein gewisser Grad von
Beziehungen (wovon nachher die Rede seyn wird) zwischen der
Verbreitung der Säugthiere und der Tiefe des Meeres ; diese
und noch manche andere scheinen mir sich der Annahme solcher
ungeheuren geographischen Umwälzungen in der neuesten Periode
zu widersetzen, wie sie durch die von E. Forbes aufgestellten und
von vielen Nachfolgern angenommenen Ansichten nöthig werden.
Die Natur und Zahlen - Verhältnisse der Bewohner ozeanischer
Inseln scheinen mir gleicherweise die Annahme eines früheren
Zusammenhangs mit den Festländern zu widerstreben. Eben so
wenig ist ihre meist vulkanische Zuzammensetzung der Annahme
günstig, dass sie blosse Trümmer versunkener Kontinente seyen;
denn wären es ursprüngliche Spitzen von Bergketten des Fest-
landes gewesen, so würden doch wenigstens einige derselben
gleich andern Gebirgs - Höhen aus Graniten, metamorphischen
Schiefern, alten organische Reste führenden Schichten u. dgl.
statt immer nur aus Kegeln vulkanischer Massen bestehen.
390
Ich habe nun noch einige Worte von den sogenannten »zu-
fölligen" Verbreitungs-Mitteln zu sprechen, die man besser »ge-
legenheitliche« nennen würde. Doch ich will mich hier auf die
Pflanzen beschränken. In botanischen Werken findet man be-
merkt, dass diese oder jene Pflanze für weite Aussaat nicht gut
geeignet ist. Aber was den Transport derselben durch das Meer
betrilTt, so lässt sich behaupten, dass es bei den meisten der-
selben noch ganz unbekannt ist, wie es mit der Möglichkeit des-
selben steht. Bis zur Zeit, wo ich mit Hrn. Berkeleys Hilfe
einige wenige Versuche darüber angestellt, war nicht einmal be-
kannt, in wie weit Saamen dem schädlichen Einflüsse des Salz-
Wassers zu widerstehen vermögen. Zu meiner Verwunderung
fand ich, dass von 87 Arten 64 noch keimten, nachdem sie 28
Tage lang in See- Wasser gelegen; und einige wenige Ihaten es
sogar nach 137 Tagen noch. Es ist beachtenswerth, dass gewisse
Ordnungen viel stärker als andre vom Salz-Wasser angegriö"en
werden. So gingen von neun Leguminosen acht zu Grunde, und
sieben Arten der unter einander verwandten Ordnuno-en der
Hydrophyllaceae und Polemoniaceae waren nach einem Monate
alle todt. Der Bequemlichkeit wegen wählte ich meistens nur
kleine Saamen ohne Fruchthülle, und da alle schon nach weniaen
Tagen untersanken, so können sie natürlich keine weiten Räume
des Meeres durchschifften, mögen sie nun ihre Keim-Kraft im
Salzwasser bewahren oder nicht. Nachher wählte ich grössre
Früchte mit Kapseln u. s. w., und von diesen blieben einige
lange Zeit schwimmend. Es ist wohl bekannt, wie verschieden
die Schwimm-Fähigkeit einer Holzart im grünen und im trocknen
Zustande ist. Ich dachte mir daher, dass Fluthen wohl Pflanzen
oder deren Zweige forttragen und dann ans Ufer werfen könnten,
wo der Strom, wenn sie erst ausgetrocknet wären, sie aufs Neue
ergreifen und dem Meere zuführen könnte; daher nahm ich von
94 Pflanzen-Arten trockne Stengel und Zweige mit reifen Früch-
ten daran und legte sie ins Wasser. Die Mehrzahl versank so-
gleich; doch einige, welche grün nur sehr kurze Zeit an der
Oberfläche geblieben, hielten sich nun länger. So sanken reife
Haselnüsse unmittelbar unter, schwammen aber, wenn sie vorher
391
ausgetrocknet worden, 90 Tage lang und keimten dann noch,
wenn sie gepflanzt wurden. Eine Spargel -Pflanze mit reifen
Beeren schwamm 23 Tage, nach vorherigem Austrocknen aber
85 Tage, und ihre Saamen Iteimten noch. Die reifen Früchte
von Helosciadium sanken in zwei Tagen, schwammen aber nach
vorgängigem Trocknen 90 Tage und keimten hierauf. Im Ganzen
schwammen von den 94 getrockneten Pflanzen 18 Arten 28 Tage
lang und einige davon sogar noch viel länger. Es keimten also
6-t/87 = 0,74 der Saamen-Arten nach einer Eintauchung von 28
Tagen und schwammen 18/94 = 0,19 der getrockneten Pflanzen-
Arien mit reifen Saamen (doch z. Th. andre Arten als die vori-
gen) noch über 28 Tage; und würden daher, so viel man aus
diesen Thatsachen schiiessen darf, die Saamen von 0,14 der
Pflanzen-Arten einer Gegend ohne Nachtheil für ihre Keim-Kraft 28
Tage lang von See-Strömungen fortgetragen werden können. In
Jounston's physikalischem Atlas ist die mittle Geschwindigkeit der
Atlantischen Ströme auf 33 See-Meilen im Tag (manche laufen
60 M. weit) angegeben; und somit könnten jene Saamen bei
diesem Mittel 924 See-Meilen weit fortgeführt werden und, wenn
sie dann strandeten, und vom Winde sofort auf eine passende
Stelle weiter landeinwärts getrieben würden, noch keimen.
Nach mir stellte Martins * ähnliche Versuche, doch in bess-
rer Weise an, indem er Kistchen mit Saamen ins wirkliche
Meer versenkte, so dass sie abwechselnd feucht und wieder der
Luft ausgesetzt wurden, wie wirklich schwimmende Pflanzen. Er
versuchte es mit 98 Saamen-Arten, meistens verschieden von
den meinigen, und darunter manche grosse Früchte und auch
Saamen von solchen Pflanzen, welche in der Nähe des Meeres
wachsen, was wohl dazu beitrug die mittle Lange der Zeit, wäh-
rend welcher sie sich schwimmend zu halten und der schädlichen
Wirkung des Salz--Wassers zu widerstehen vermochten, etwas zu
vermehren. Anderseits aber trocknete er nicht vorher die Früchte
mit den Zweigen oder Stengeln, was einige derselben befähigt
Diese neueren Versuche von Martins vgl. in Ilibliolheq. tmivers. de
Geneve, 1S58, I, 89-92 > Neu. Jahrb. f. Mineral. 1858, 877—878.
D. Übers.
39?
haben würde, länger zu schwimmen. Das Ergebniss war, dass
18/98 =■ 0,185 Saamen-Arten 42 Tage lang schwammen und dann
noch keimten. Ich bezweifle jedoch nicht, dass Pflanzen, die mit
den Wogen treiben, sich länger schwimmend erhalten als jene,
welche so wie in unseren Versuchen gegen jede Bewegung ge-
schützt sind. Daher wäre es vielleicht sicherer anzunehmen, dass
die Saamen von etwa 0,10 Arten einer Flora nach dem Aus-
trocknen noch eine 900 Meilen weite Strecke des Meeres durch-
schwimmen und dann keimen können. Die Thatsache, dass die
grösseren Früchte länger als die kleinen schwimmen, ist inter-
essant, weil grosse Saamen oder Früchte nicht wohl anders als
schwimmend aus einer Gegend in die andre versetzt werden
können; daher, wie Alph. DeGandolle gezeigt hat, solche Pflanzen
beschränkte Verbreitungs-Bezirke besitzen.
Doch können Saamen gelegenheitlich auch auf andre Weise
fortgeführt werden. So gelangt Treibholz zu den meisten Inseln
in der Mitte des weitesten Ozeans; und die Eingebornen der
Korallen-Inseln des Stillen Meeres verschaffen sich härtere Steine
für ihr Geräthe fast nur von den Wurzeln der Treibholz-Stämme;
die Taxen für diese Steine bilden ein erhebliches Einkommen
ihrer Könige. Wenn nun unregelmässig geformte Steine zwischen
die Wurzeln der Bäume fest eingewachsen sind, so sind auch
zuweilen noch kleine Parthien Erde dahinter eingeschlossen, mit-
unter so genau, dass nicht das Geringste davon während des
längsten Transportes weggewaschen werden könnte. Und nun
kenne ich einen Fall genau, wo aus einer solchen vollständig
eingeschlossenen Parthie Erde zwischen den Wurzeln einer öOjäh-
rigen Eiche drei Dikolyledonen-Saamen gekeimt haben. So kann
ich ferner nachweisen, dass zuweilen todte Vögel lange auf dem
Meere treiben, ohne verschlungen zu werden, und dass in ihrem
Kröpfe enthaltene Saamen lange ihre Keimkraft behalten; Erbsen
und Wicken z. B., welche sonst schon zu Grunde gehen, wenn
sie nur wenige Tage im Wasser liegen, zeigten sich zu meinem
grossen Erstaunen noch keimfähig, als ich sie aus dem Kröpfe
einer Taube nahm, welche schon 30 Tage lang auf künstlich be-
reitetem Salzwasser geschwommen.
393
Lebende Vögel haben unfehlbar einen grossen Antheil am
Transport lebender Saamen. Ich könnte viele Fälle anführen um
zu beweisen, wie oft Vögel von mancherlei Art durch Stürme
weit über den Ozean verschlagen werden. Wir dürfen wohl als
gewiss annehmen , dass unter solchen Umständen ihre Schnellig-
keit oft 35 Engl. Meilen in der Stunde betragen mag, und manche
Schriftsteller haben sie viel höher angeschlagen. Ich habe nie
eine nahrhafte Saamen-Art durch die Eingeweide eines Vogels
passiren sehen, wogegen harte Saamen und Früchte unangegriiTen
selbst durch die Gedärme des Wälschhuhns gehen. Irn Laufe
von zwei Monaten sammelte ich in meinem Garten aus den Ex-
krementen kleiner Vögel zwölf Arten Saamen, welche alle noch
gut zu seyn schienen, und einige von ihnen, die ich probirte,
haben wirklich gekeimt. Wichtiger ist jedoch folgende Thatsache.
Der Kropf der Vögel sondert keinen Magensaft aus und benach-
theiligt nach meinen Versuchen die Keimkraft der Saamen nicht
im mindesten. Nun sagt man, dass, wenn ein Vogel eine grosse
Menge Saamen gefunden und gefressen hat, die Körner nicht vor
12—18 Stunden in den Magen gelangen. In dieser Zeit aber
kann ein Vogel leicht 5Ü0 Meilen weit forfgetrieben werden;
und wenn Falken, wie sie gerne thun, auf den ermüdeten Vogel
Jagd machen, so kann dann der Inhalt seines Kropfes bald um-
hergestreut seyn. Nun verschlingen einige Falken und Eulen ihre
Beute ganz und brechen nach 12 — 20 Stunden Ballen unverdauter
Federn wieder aus, die, wie ich aus Versuchen in den Zoological
Gardens weiss, oft noch keimfähige Saamen enthalten. Einige
Saamen von Hafer, Weitzen, Hirse, Kanariengras, Hanf, Klee und
Mangold keimten noch, nachdem sie 12 — 20 Stunden in den
Magen verschiedener Raubvögel verweilt hatten, und zwei Man-
gold-Saamen wuchsen sogar, nachdem sie zwei Tage und vier-
zehn Stunden dort gewesen waren. Süsswasser-Fische verschlin-
gen Saamen verschiedener Land- und Wasser-Pflanzen; Fische
werden oft von Vögeln verzehrt, und so können jene Saamen
von Ort zu Ort ausgestreut werden. Ich brachte mancherlei
Saamen-Arten in den Magen todter Fische und gab diese sodann
Pelikanen, Störchen und Fischadlern zu fressen: diese Vögel
394
gaben einige Stunden später die Saamen in iliren Exkrementen
wieder von sich oder brachen sie in Gewöll-Ballen aus. Mehre
dieser Saamen besassen alsdann noch ihre Keim-Kraltj andre
dagegen verloren sie jederzeit durch diesen Prozess.
Obwohl Schnäbel und Füsse der Vögel gewöhnlich ganz rein
sind, so hängen doch oft auch Erd-Theile daran. In einem Falle
trennte ich 61 und in einem andern 22 Gran thoniger Erde von
dem Fusse eines Feldhuhns, und in dieser Erde befand sich ein
Steinchen so gross wie ein Wicken-Saamen. Daher mögen auf
dieselbe Art auch Saamen zuweilen auf grosse Entfernungen fort-
geführt werden, indem sich nachweisen lässt, dass der Acker-
boden überall voll von Säämereion steckt. Erwägt man, wie viele
Millionen Wachteln jährlich das Mittelmeer überfliegen, so wird,
man die Möglichkeit nicht bezweifeln, dass wohl auch einmal
ein paar kleine Saamen an ihren Füssen mit herüber oder hin-
über gelangen. Doch werde ich auf diesen Gegenstand noch zu-
rückkommen.
Bekanntlich sind Eisberge oft mit Steinen und Erde beladen;
auch Buschholz, Knochen und selbst einmal ein Vogel-Nest hat
man darauf gefunden 5 daher wohl nicht zu zweifeln ist, dass sie
mitunter auch, wie Lyell bereits angenommen, Saamen von einem
zum andern Theile der arktischen oder antarktischen Zone, und
in der Glacial-Zeit sogar von einem Theile der jetzigen gemäs-
sigten Zonen zum andern geführt haben. Da auf den Azoren
eine im Verhältniss zu den übrigen zum Theile dem Fesllande
näher gelegenen Inseln des Atlantischen Meeres grosse Anzahl
Europäischer Pflanzen und (wie Hr. H. G. Watson bemerkt) ins-
besondere solcher Arten vorkommt, die einen etwas nördlicheren
Charakter haben, als der Lage entspricht, so vermuthele ich, dass
ein Theil derselben mit Eisbergen in der Glacial-Zeit dahin ge-
langt seye. Auf meine Bitte fragte Sir Gh. Lyell Hrn. Härtung,
ob er erratische Blöcke auf diesen Inseln gefunden habe, und
erhielt zur Antwort, dass grosse Blöcke von Granit u. a. nicht
auf den Inseln anstehenden Gesteinen dort vorkommen. W\v
dürfen daher getrost folgern, dass Eisberge vordem ihre Bürden
an der Küste dieser miltel-ozeanischen Inseln abgesetzt haben,
395
und so ist es wenigstens möglich, dass auch einige Saarnen nor-
discher Pflanzen mit dahin gelangt sind
In Berüclisichtigung. dass manche der oben erwähnten und
andre wohl später zu entdecliende Transport-Mittel ganze Jahr-
hunderte und Jahrtausende alljährlich in Thätigkeit gewesen,
würde es nach meiner Ansicht eine wunderbare Thatsache seyn,
wenn nicht auf diesen Wegen viele Pflanzen mitunter in weite
Fernen versetzt worden wären. Diese Transport-Mittel werden
zuweilen zufällige genannt, was nicht ganz richtig ist, indem
weder die See-Strömungen noch die vorwaltende Richtung der
Stürme zufällig sind. Indessen ist von diesen Mitteln wohl keines
im Stande, keimfähige Saamen in sehr grosse Fernen zu ver-
setzen, indem die Saamen weder ihre Keimfähigkeit im Seewasser
lange behalten, noch in Kropf und Eingeweiden der Vögel weit
transporlirt werden können. Wohl aber genügen sie, um die-
selben gelegenheitlich über einige Hundert Meilen breite See-
Striche hinwegzuführen und so von Kontinent zu Insel, oder von
Insel zu Insel, aber nicht von einem Kontinente zum andern zu
fördern. Die Floren entfernter Kontinente werden auf diese
Weise mithin nicht in hohem Grade gemengt werden, sondern
so weit getrennt bleiben, als wir sie jetzt finden. Die Ströme
würden ihrer Richtung nach niemals Saamen von Nord-Amerika
nach Britannien bringen können, wie sie deren von Westindien
aus an unsre Küsten spülen, wo sie aber, selbst wenn sie auf
diesem langen Wege noch ihre Lebenskraft bewahrt haben, nicht
das Klima zu ertragen vermögen. Fast jedes Jahr werden 1—2
Land- Vögel durch Stürme von Nord-Amerika über den ganzen
Atlantischen Ozean bis an die Irischen und Englischen Küsten
getrieben; Saamen aber könnten diese Wanderer nur auf eine
Weise mit sich bringen, nämlich in dem zufällig an ihren Füssen
hänorenden Schmutz, was doch immer an sich schon ein seltener
Zufall ist. Und wie gering wäre selbst in diesem Falle die
Wahrscheinlichkeit, dass ein solcher Saame in einen günstigen
Boden gelange, keime und zur Reife komme. Doch wäre es
ein grosser Irrlhum zu folgern, dass, weil eine schon wohl-be-
völkerte Insel, wie Grossbritannien ist, in den paar letzten Jahr-
396
hunderlen (was übrigens doch schwer zu beweisen sieht) durch
gelegenheitliche Transport-Mittel keine Einwanderer aus Europa
oder einem andern Kontinente aufgenommen, auch sparsam be-
Völkorte Inseln selbst in noch grössren Entfernungen vom Fest-
lande keine Kolonisten auf solchen Wegen erhalten könnten. Ich
zweifle nicht, dass aus 20 zu einer Insel verschlagenen Saamen-
oder Thier Arten, auch wenn sie viel weniger bevölkert wäre
als Britannien, kaum mehr als eine so für diese neue Heimath
geeignet seyn würde, um nun dort naluralisirt zu werden. Doch
ist Diess, wie mir scheint, kein bedeutender Einwand hinsichtlich
dessen, was durch solche gele^enheitliche Transport-Mittel im
langen Verlaufe der geologischen Zeiten geschehen konnte, wäh-
rend der Hebung und Bildung einer Insel und bevor sie mit
Ansiedlern vollständig besetzt war. Auf einem fast noch öden
Lande, wo noch keine oder nur wenige Insekten und Vögel jedem
neu ankommenden Saamen-Korne nachstellen, wird dasselbe leicht
zum Keimen und Fortleben gelangen, wenn es anders für dieses
Klima passt.
Zerstreuung während der Eis-Zeit.) Die Überein-
stimmung so vieler Pflanzen- und Thier-Arten auf Berges-Höhen,
welche Hunderte von Meilen weit durch Tiefländer von einander
getrennt sind, wo die Alpen-Bewohner nicht fortkommen können,
ist eines der schlagendsten Beispiele des Vorkommens gleicher
Arten auf von einander entlegenen Punkten, ohne anscheinende
Möglichkeit einer Wanderung von einem derselben zum andern.
Es ist in der That merkwürdig, so viele Pflanzen-Arten in den
Schnee-Gegenden der Alpen oder Pyrenäen und wieder in den
nördlichsten Theilen Europas zu sehen ; aber noch merkwürdiger
ist es, dass die Pflanzen-Arten der Weissen Berge in den Ver-
einten Staaten Amerika's alle die nämlichen wie in Labrador
und ferner nach Asa Gray's Versicherung die nämlichen wie auf
den höchsten Bergen Europa's sind. Schon vor langer Zeit, im
Jahre 1747, veranlassten ähnliche Thalsachen Gmelin zu schlies-
sen, dass einerlei Spezies an verschiedenen Orlen unabhäncrig
von einander geschaffen worden seyn müssen, und wir würden
dieser Meinung vielleicht noch zugethan geblieben seyn, hätten
397
nicht Ag\ssiz u. A. unsre Aufmerksamkeit auf die Eis-Zeil ge-
lenkt, die, wie wir sofort seilen werden, diese Tiiatsaclien selir
einfach erklärt. Wir haben Beweise fast jeder möglichen Art,
organische und unorganische, dass in einer sehr jungen geolo-
gischen Periode Zenlral-Europa und Nord-Amerika unter einem
arktischen Klima litten. Die Ruinen eines abgebrannten Hauses
erzählen ihre Geschichte nicht so verständlich , wie die Schotti-
schen und Wales sehen Gebirge mit ihren geschrammten Seiten,
polirten Flächen, schwebenden Blöcken von den Eis-Strömen be-
richten, womit ihre Thäler noch in später Zeit ausgefüllt gewe-
sen. So sehr war das Klima in Europa verschieden, dass in
Nord-Italien riesige Moränen von einstigen Gletschern herrüh-
rend jetzt mit Mays und Wein bepflanzt sind. Durch einen
grossen Theil der Vereinten Staaten bezeugen erratische Blöcke
und von treibenden Eisbergen und Küsten-Eis geschrammte Felsen
mit Bestimmtheit eine frühere Periode grosser Kälte.
Der frühere Einfluss des Eis-Klima's auf die Vertheilung der
Bewohner Europds. wie ihn Edw. Forbes so klar dargestellt,
ist im Wesentlichen folgender. Doch wir werden die Verände-
rungen rascher verfolgen können, wenn wir annehmen, eine
neue Eis-Zeit rücke langsam an und verlaufe dann und ver-
schwinde so, wie es früher geschehen ist. In dem Grade wie
bei zunehmender Kälte jede weiter südlich gelegene Zone der
Reihe nach für arktische Wesen geeigneter wird und ihren bis-
herigen Bewohnern nicht mehr zusagen kann, werden arktische
Ansiedler die Stelle der bisherigen einnehmen. Zur gleichen
Zeit werden auch ihrerseits diese Bewohner der gemässigten Ge-
genden südwärts wandern, wenn ihnen der Weg nicht versperrt
ist, in welchem Falle sie zu Grunde gehen raüssten. Die Berge
werden sich mit Schnee und Eis bedecken, und die früheren
Alpen-Bewohner werden in die Ebene herabsteigen. Erreicht
mit der Zeit die Kälte ihr Maximum, so bedeckt eine einförmige
arktische Flora und Fauna den mittein Theil Europa's bis im
Süden der Alpen und Pyrenäen und bis nach Spanien hinein.
Auch die gegenwärtig gemässigten Gegenden der Vereinten Staaten
bevölkern sich mit arktischen Pflanzen und Thieren und zwar
398
nahezu mit den nämlichen Arien wie Europa-^ denn die jetzigen
Bewohner der Polar-Länder, von welchen so eben angenommen
worden, dass sie überall nach Süden gewandert, sind rund um
den Pol merkwürdig einförmig. Nimmt man an, dass die Eis-
Zeit in ISord-Amerika etwas früher oder später als in Europa
angefangen, so wird auch die Auswanderung nach Süden etwas
früher oder später beginnen, was jedoch im End-Ergebnisse kei-
nen Unterschied macht.
Wenn nun die Wärme zurückkehrt, so ziehen sich die ark-
tischen Formen wieder nach Norden zurück und die Bewohner
der gemässigteren Gegenden rücken ihnen unmittelbar nach.
Wenn der Schnee am Fusse der Gebirge schmilzt, werden die
arktischen Formen von dem entblössten und aufgelhaulen Boden
Besitz nehmenj sie werden immer höher und höher hinansteigen,
wie die Wärme zunimmt und ihre Brüder in der Ebene den
Rückzug nach Norden hin fortsetzen. Ist daher die Wärme voll-
ständig wieder hergestellt, so werden die nämlichen arktischen
Arten, welche bisher in Masse beisammen in den Tiefländern der
alten und der neuen Welt gelebt, nur noch auf abgesonderten Berg-
Höhen und in der arktischen Zone beider Hemisphären übrig seyn.
Auf diese Weise begreift sich die Übereinstimmung so vieler
Pflanzen-Arten an so unermesslich weit von einander entlegenen
Stellen, als die Gebirge der Vereinten Staaten und Europa' s
sind. So begreift sich ferner die Thatsache, dass die Alpen-
Pflanzen jeder Gebirgs-Kette mit den gerade oder fast gerade
nördlich von ihnen lebenden Arten in nächster Beziehung stehen;
die Wanderung bei Eintritt der Kälte und die Rückwanderung bei
Wiederkehr der Wärme wird im Allgemeinen eine gerade süd-
liche und nördliche gewesen seyn. Denn die Alpen -Pflanzen
Schottland's z. B. sind nach H. C. Watson's Bemerkung und die
der Pyrenäen nach Ramond spezieller n.it denen Skandinaviens
verwandt, wie die der Vereinten Staaten und die Sibirischen
mehr mit den im Norden dieser Länder lebenden Arten über-
einstimmen. Diese Ansicht, gegründet auf den zuverlässig be-
stätigten Verlauf einer früheren Eis-Zeit, scheint mir in so ge-
nügender Weise die gegenwärtige Verlheilung der alpinen und
399
arktischen Arten in Europa und Nord-Amerika zu erklären,
dass, wenn wir in noch andern Regionen gleiche Spezies aut
entfernten Gebirgs-Höhon zerstreut finden, wir auch ohne einen
weiteren Beweis schliessen dürfen, dass ein kälteres Klima ihnen
vordem durch zwischen-gelegene Tiefländer zu wandern gestaltet
habe, welche seitdem zu warm lür dieselben geworden sind.
Wenn das Klima seit der Eis- Zeit je einigermaassen wärmer
als jetzt gewesen wäre (wie einige Geologen aus der Verbrei-
tung der fossilen Gnathodon-Musclieln in den Vereinten Staaten
geschlossen), dann würden die Bewohner der gemässigten und
der kalten Zone noch in sehr später Zeit etwas nach Norden
vorgerückt seyn, um sich noch später wieder in ihre jetzige
Heimath zurückzuziehen; doch habe ich keinen genügenden Be-
weis für eine solche wärmere Periode, die nach der Eis-Zeit ein-
geschaltet gewesen wäre.
Die arktischen Formen werden während ihrer südlichen
Wanderung und Rückkehr nach Norden nahezu dem nämlichen
Klima ausgesetzt gewesen und, was gleichfalls zu bemerken, in
Masse beisammen geblieben seyn; daher sie denn auch in ihren
gegenseitigen Beziehungen nicht sonderlich gestört und mithin,
nach den in diesem Bande vertheidigten Prinzipien, nicht allzu-
grosser Umänderung ausgesetzt worden wären. Etwas anders
würde es sich jedoch mit unsern Alpen-Bewohnern verhalten,
welche bei rückkehrender Wärme sich vom Fusse der Gebirge
immer höher an deren Seiten bis zu den Gipfeln hinan geflüchtet
haben. Denn es ist nicht wahrscheinlich, dass alle dieselben ark-
tischen Arten auf weit getrennten Gebirgs-Ketten zurückgeblieben
sind und dort seither fortgelebt haben. Auch werden die zurück-
gebliebenen aller Wahrscheinlichkeit nach sich mit allen Alpen-
Pflanzen gemengt haben, welche schon vor der Eis-Zeit die Ge-
birge bewohnten und für die Dauer der kältesten Periode in die
Ebene herabgelrieben wurden; sie werden ferner einem etwas
abweichenden klimatischen Einflüsse ausgesetzt gewesen seyn.
Ihre gegenseitigen Beziehungen können hiedurch etwas gestört
und sie selbst mithin zur Abänderung geneigt geworden seyn;
und so ist es wirklich der I^'all. Denn, wenn wir die gegen-
400
wärtigen Alpen-Pflanzen und -Thiere der verschiedenen grossen
Europäischen Gebirgs-Kelten verglichen, so finden wir zwar im
Ganzen viele identische Arten, von welchen aber manche als Va-
rietäten auftreten, andre als zweifelhafte Formen schwanken, und
einige wenige als verschiedene doch nahe verwandte oder stell-
vertretende Arten erscheinen.
Bei Erläuterung dessen, was nach meiner Meinung während
der Eis-Periode sich wirklich zugetragen, unterstellte ich, dass
bei deren Beginn die arktischen Organismen rund um den Pol
so einförmig wie heutigen Tages gewesen seyen. Aber die vor-
angehenden Bemerkungen beziehen sich nicht allein auf die
strenge arktischen Formen , sondern auch auf viele subarktische
und auf einige Formen der nördlich -gemässigten Zone: denn
manche von diesen Arten sind ebenfalls übereinstimmend auf den
niedrigeren Bergen und in den Ebenen Nord- Amerikas und Eu-
ropa's, und man kann mit Grund fragen, vi'ie ich denn die Über-
einstimmung der Formen, welche in der subarktischen und der
nördlich-gemässigten Zone rund um die Erde am Anfange der
Eis Periode stattgefunden haben muss, erkläre? Heutzutage sind
die Formen der subarktischen und nördlich-gemässigten Gegenden
der alten und der neuen Welt von einander getrennt durch den
atlantischen und den nördlichsten Thei] des stillen Ozeans. Als
während der Eis-Zeit die Bewohner der alten und der neuen Welt
weiter südwärts als jetzt lebten , müssen sie auch durch weitere
Räume des Ozeans vollständiger von einander geschieden gewesen
seyn. Ich glaube, dass die oben erwähnte Schwierigkeit zu um-
gehen ist, wenn man sich nach noch früheren Klima-Wechseln
in einem entgegengesetzten Sinne umsieht. Wir haben nämlich
guten Grund zu glauben , dass während der neuern Pliocän-Pe-
riode vor der Eis-Zeit, wo schon die Mehrzahl der Erd-Bewohner
mit den jetzigen von gleichen Arten gewesen, das Klima wärmer
war als jetzt. Wir dürfen daher annehmen, dass Organismen,
welche jetzt unter dem 60. Breite-Grad leben, in der Pliocän-
Periode weiter nördlich am Polar-Kreise unter dem 66»-70" Br.
wohnten, und dass die eigentlich arktischen Wesen auf die un-
terbrochenen Land-Striche näher bei den Polen beschränkt waren.
401
Wenn wir nun einen Globus anselien, so werden wir finden,
dass unter dem Polar-Kreise meist zusammen-hangendes Land
von West-Europa an durch Sibirien bis Ost-Amerika vorhanden
ist. Und diesem Zusammenhange des Circumpolar-Landes und
der ihm entsprechenden Freien Wanderung in einem schon gün-
stigeren Klima schreibe ich den nothwendigen Grad von Einför-
miglicit in den Bewohnern der subarktischen und nördlich-ge-
miissigten Zone der allen und neuen Welt vor der Eis-Zeit zu.
(Dieser Ansicht sind drei vorzugsweise berufene Beurtheiler, Prof.
AsA Gray, Dr. Hooker und Prof. Oliver beigetreten.)
Von dem Glauben ausgehend, dass, wie schon oben gesagt,
unsre Kontinente langezeit in fast nahezu der nämlichen Lage
gegen einander geblieben, wenn sie auch theilweise beträchtlichen
Höhen-Schwankungen unterworfen gewesen, habe ich grosse Nei-
gung die erwähnte Ansicht noch we-iter auszudehnen und zu un-
terstellen, dass in einer noch früheren und wärmeren Zeit, in
der altern Pliocän-Zeit nämlich, eine grosse Anzahl der nämlichen
Pflanzen- und Thier-Arten das fast zusammenhängende Circum-
polar-Land bewohnt habe, und dass diese Pflanzen und Thiere
sowohl in der alten als in der neuen Welt langsam südwärts zu
wandern anfingen, wie das Klima kühler wurde, lange vor Anfang
der Eis-Periode. Wir sehen nun ihre Nachkommen, wie ich
glaube, meistens in einem abgeänderten Zustande die Zentral-
Theile von Europa und den yereinigten Staaten bewohnen. Von
dieser Annahme ausgehend begreift man dann die Verwandtschaft,
bei sehr geringer Gleichheit, der Arten von Nord-Amerika und
Europa, eine Verwandtschaft, welche bei der grossen Enti'ernung
beider Gegenden und ihrer Trennung durch das Atlantische Meer
äusserst merkwürdig ist. Man begreift ferner die von einigen
Beobachtern wahrgenommene sonderbare Thatsache, dass die
Natur-Erzeugnisse Europa's und Nord-Amerika' s während der
letzten Abschnitte der Tertiär-Zeit näher mit einander verwandt
sind, als sie es in der vorangehenden Zeit waren; denn in dieser
wärmeren Zeit sind die nördlichen Theile der alten und der
neuen Welt durch Zwischenländer in zusammen-hangenderer Weise
Darwin, Entstehung der Arten. 2. Aull. " 26
402
mit einander verbunden gewesen, die aber seither durch Kälte
zur Auswanderung unbrauchbar gemacht worden sind.
Sobald während der langsamen Temperatur-Abnahme in der
Pliocän-Periode die gemeinsam ausgewanderten Bewohner der
alten und neuen Welt südwärts vom Polar-Kreise angelangt wa-
ren, wurden sie vollständig von einander abgeschnitten. Diese
Trennung trug sich, was die Bewohner der gemässigteren Ge-
genden betrilFt, vor langen langen Zeiten zu. Und als damals
die Pflanzen- und Thier-Arten südwärts wanderten, werden sie
sich mit den Eingeborenen der niedrigeren Breiten gemengt und
in der einen Gegend Amerikanische und in der andern Euro-
päische Arten zu neuen Mitbewerbern bekommen haben. Hier
ist demnach Alles zu reichlicher Abänderung der Arten ange-
than, weit mehr als es hinsichtlich der auf südlichen Alpen-Höhen
abgeschnitten zurückgelassenen Polar-Bewohner beider Welttheile
der Fall gewesen ist. Davon rührt es her, dass, wenn wir die
jetzt lebenden Erzeugnisse gemässigterer Gegenden der alten und
der neuen Welt mit einander vergleichen, wir nur sehr wenige
identische Arten finden (obwohl Asa Gray kürzlich gezeigt, dass
deren Anzahl grösser ist, als man bisher angenommen hatte);
aber wir finden in jeder grossen Klasse viele Formen, welche
ein Theil der Naturforscher als geographische Rassen und ein
andrer als unterschiedene Arten betrachten, zusammen mit einem
Heere nahe verwandter oder stellvertretender Formen, die bei
allen Naturforschern für eigene Arten gelten.
Wie auf dem Lande, so kann auch in der See eine lang-
same südliche Wanderung der Fauna, welche während oder etwas
vor der Pliocän-Periode längs der zusammen-hängenden Küsten
des Polar-Kreises sehr einförmig gewesen, nach der Abänderungs-
Theorie zur Erklärung der vielen nahe verwandten Formen die-
nen, welche jetzt in ganz gesonderten Gebieten leben. Mit ihrer
Hilfe lässt sich, wie ich glaube, das Daseyn einer Menge noch
lebender und tertiärer stellvertretender Arten an den östlichen
und westlichen Küsten des gemässigteren Theiles von Nord-Ame-
rika erklären, so wie die bei weitem autfallendere Erscheinung
vieler nahe verwandter Krusler (in Danas ausgezeichnetem Werke
403
beschrieben), einiger Fische und andrer Seelhiere im Japani-
schen und im Mittelmeere zugleich, in Gegenden mithin, welche
jetzt durch einen grossen Kontinent und fast eine ganze Hemi-
sphäre von Äquatoral-Meeren von einander getrennt sind.
Diese Fälle von Verwandtschaft, ohne Identität, zwischen den
Bewohnern jetzt getrennter Meere wie zwischen den früheren
und jetzigen Bewohnern der gemässigten Länder Nord- Amerika' s
und Etii'opa's sind aus der Schöpfungs-Theorie unerklärbar. Wir
können nicht sagen, sie seyen ähnlich geschaffen zur Anpassung
an die ähnlichen Natur-Bedingungen der beiderlei Gegenden;
denn wenn wir z. B. gewisse Theile Süd-Amerika's mit den
südlichen Kontinenten der alten Welt vergleichen, so finden wir
Striche in beiden, die sich hinsichtlich ihrer Natur-Beschaffenheit
einander genau entsprechen, aber in ihren Bewohnern sich ganz
unähnlich sind.
Wir müssen jedoch zu unsrer unmittelbaren Aufgabe zurück-
kehren, nämlich zur Eis -Zeit. Ich bin überzeugt, dass Edw.
FoRBEs' Theorie einer grossen Erweiterung fähig ist. In Europa
haben wir die deutlichsten Beweise einer Kälte-Periode von den
West-Küsten Britanniens ostwärts bis zur Ural-\iei\e und süd-
wärts bis zu den Pyrenäen. Aus den im Eise eingefrorenen
Säugthieren und der Beschaffenheit der Gebirgs-Vegelation zu
schliessen, war Sibirien auf ähnliche Weise betroffen gewesen.
Längs dem Himalaya haben Gletscher an 900 Engl. Meilen von
einander entlegenen Punkten Spuren ihrer ehemaligen weiten Er-
streckung nach der Tiefe hinterlassen; und in Sikkim sah Dr.
Hooker Mays wachsen auf alten Riesen-Moränen. Im Süden des
Äquators haben wir einige unmittelbare Beweise früherer Eis-
Thätigkeit in Neuseeland, und das Wiedererscheinen derselben
Pflanzen-Arten auf weit von einander getrennten Bergen dieser
Insel spricht für die gleiche Geschichte. Nach den von dem un-
ermüdlichen Geologen W. B. Clarke mir gewordenen Mittheilungen
scheinen deutliche Spuren von einer früheren. Gletscher-Thätigkeit
auch in der süd-östlichen Spitze Neu-Hollands vorzukommen.
Sehen wir uns in Amerika um. In der nördlichen Hälfte
sind von Eis transportirte Fels-Trümmer beobachtet worden an
26 •
404
der Ost-Seite abwärts bis zum 36" und an der Küste des stillen
Meeres, wo das Klima jetzt so verschieden ist, bis zum 46" nörd-
licher Breite ; auch in den Rocky Mountains sind erratische Blöcke
gesehen worden In den Cordilleren des äquatorialen Süd-Ame-
rika's haben sich Gletscher ehedem weit über ihre jetzige Grenze
herabbewegt. In Central-Chili habe ich ein ungeheures Detritus-
Haufwerk untersucht, welches das Portillo-Thal queer durch-
setzt, und, wie ich jetzt überzeugt bin, eine riesige Moräne tief
unter jedem noch jetzt dort vorkommenden Gletscher. D. Forbes
hat mir die folgende nun genauere Auskunft darüber mitgetheilt:
dass er in der Cordillere vom 13° bis 30° SBr. in der ungefäh-
ren Höhe von 12000' starkgefurchle Felsen gefunden ganz wie
jene, die er in Norwegen gesehen, sowie grosse Detritus-Massen
mit gefurchten Geschieben ; längs dieser ganzen Cordilleren-
Strecke gibt es selbst in viel beträchtlicheren Höhen gar keine
wirklichen Gletscher. — Weiter südwärts an beiden Seiten des
Kontinents, von 41" Br. bis zur südlichen Spitze finden wir die
klarsten Beweise früherer Gletscher-Thätigkeit in mächtigen von
ihrer Geburlsstälte weit entführten Blöcken.
Wir wissen nicht, ob die Eis-Zeit an allen diesen Punkten
auf ganz entgegengesetzten Seiten der Erde genau gleichzeitig
gewesen seye; doch fiel sie, in fast allen Fällen wohl erweislich,
in die letzte geologische Periode. Eben so haben wir vortrelf-
liche Beweise, dass sie überall, in Jahren ausgedrückt, von un-
geheurer Dauer gewesen. Sie kann an einer Stelle der Erde
früher begonnen oder früher aufgehört haben, als an der andern;
da sie aber überall lange gewährt hat und wenigstens in geolo-
gischem Sinne überall gleichzeitig war. so ist es mir wahrschein-
lich, dass jedenfalls ein Theil der Glazial-Ereignisse an allen die-
sen Orten über die ganze Erde hin der Zeit nach genau zusam-
menfiel. So lange wir nicht irgend einen bestimmten Beweis für
das Gegenlheil haben, dürfen wir daher unterstellen, dass die
Glazial-Thätigkeit eine gleichzeitige gewesen ist an der Ost- und
West-Seite Nord-Amerika' s, in den äquatorialen Cordilleren der
tropischen wie der wärmer-gemässigten Zone, und zu beiden
Seiten des südlichen Endes dieses Welttheiles. Ist Diess anzu-
405
neliinen erlaubt, so wird man auch annehmen müssen, dass die
Temperatur der ganzen Erde in dieser Periode gleichzeitig kühler
o-ewesen ist; doch wird es für meinen Zweck genügen, wenn
die Temperatur nur auf gewissen breiten von Norden nach Süden
ziehenden Strecken der Erde gleichzeitig niedriger war.
Von dieser Voraussetzung ausgehend, dass die Erde oder
wenio-slens breite Meridianal-Slreifen derselben von einem Pol
zum andern gleichzeitig kälter geworden sind, lässt sich viel Licht
über die jetzige Verlheilung identischer und verwandter Arten
verbreiten. Dr. Hookeh hat gezeigt, dass in Amerika 40 — 50
Blüthen-Pflanzen des Feuerlandes, welche keinen unbeträchtlichen
Theil der dortigen kleinen Flora bilden, trotz der ungeheuren
Entfernung beider Punkte, mit Europäischen Arten übereinstim-
men; ausserdem gibt es viele nahe verwandte Arten. Auf den
hoch-ragenden Gebirgen des tropischen Amerikas kommt eine
Menge besondrer Arten aus Europäischen Sippen vor. Auf den
höchsten Bergen Brasiliens sind einige wenige Europäische Sippen
von Gardener gefunden worden, welche in den weit-gedehnten
warmen Zwischenländern nicht fortkommen. An der Silla von
Caraccas fand Al, von Humboldt schon vor langer Zeit Sippen,
welche für die Cordilleren bezeichnend sind Auf den Abyssinischen
Gebirgen kommen verschiedene Europäische Formen und einige
wenige stellvertretende Arten der eigenthümlichen Flora des Caps
der gulen Hoffnung vor. Am Cap sind einige wenige Europäische
Arten, die man nicht für eingeführt hält, und auf den Bergen
verschiedene stellvertretende Formen Europäischer Arten ge-
funden worden, dergleichen man in den tropischen Ländern
Afrika's noch nicht entdeckt hat. Dr. Hooker hat unlängst gezeigt,
dass mehre der auf der Insel Fernando Po im Golfe von Guinea
wachsenden Pflanzen mit denen der Abyssinischen Gebirge an
der andren Seite des Afrikanischen Kontinents und mit solchen
des gemässigten Europa's nahe verwandt sind; Diess ist eine
der überraschendsten Thatsachen in der Pflanzen-Geographie. —
Am Himalaya und auf den vereinzelten Berg-Kelten der Indi-
schen Halbinsel, auf den Höhen von Ceylon und den vulkanischen
Kegeln Javas treten viele Pflanzen auf, welche entweder der Art
406
nach mit einander iibereinsfimmcn, oder sich wechselseitig ver-
treten und zugleich für Europäische Formen vikariiren, aber in
den dazwischen gelegenen warmen Tiefländern nicht gefunden
werden. Ein Verzeichniss der auf den luftigen Berg-Spitzen
Jams gesammelten Sippen liefert ein Bild wie von einer auf
Europäischen Gebirgen gemachten Sammlung. Noch viel schla-
gender ist die Thatsache, dass die Süd-Australischen Formen
offenbar durch Pflanzen repräsentirt werden, welche auf den Berg-
Höhen von Borneo wachsen. Einige dieser Australischen (Neu-
holländischen) Formen erstrecken sich nach Dr. Hooker längs der
Höhen der Halbinsel Malakka und sind dünne zerstreut einer-
seits über Indien und andrerseits nordwärts bis Japan.
Auf den südlichen Gebirgen Neuhollands hat Dr, F. Müller
mehre Europäische Arten entdeckt; andre nicht von Menschen
eingeführte Spezies kommen in den Niederungen vor, und, wie
mir Dr. Hooker sagt, könnte noch eine lange Liste von Euro-
päischen Sippen aufgestellt werden, die sich in Neuholland, aber
nicht in den heissen Zwischenländern finden. In der vortreff-
lichen Einleitung zur Flora Neuseelands liefert Dr. Hooker noch
andre analoge und schlagende Beispiele hinsichtlich der Pflanzen
dieser grossen Insel. Wir sehen daher, dass über der ganzen
Erd-Oberfläche einestheils die auf den höheren Bergen wachsen-
den Pflanzen, wie anderntheils die in den gemässigten Tiefländern
der nördlichen und der südlichen Hemisphäre verbreiteten zu-
weilen von gleicher Art sind; noch öfter aber erscheinen sie
spezifisch verschieden, obwohl in merkwürdiger Weise mit ein-
ander verwandt.
Dieser kurze ümriss bezieht sich nur auf Pflanzen allein ;
aber genau analoge Thatsachcn lassen sich auch über die Ver-
theilung der Landthiere anführen. Auch bei den Seethieren kom-
men ähnliche Fälle vor. Ich will als Beleg die Bemerkung eines
der besten Gewährsmänner, nämlich des Professors Dana anführen,
»dass es gewiss eine wunderbare Thatsache ist, dass Neuseeland
hinsichtlich seiner Kruster eine grössre Verwandtschaft mit sei-
nem Antipoden Grossbritannien als mit irgend einem andern
Theile der Welt zeigt«. Eben so spricht Sir J. Richabdson von
407
dem Wiedererscheinen nordischer Fisch-Formen an den Küslen
von Neuseeland. Tasmania u. s. w. Dr. Hookeu sagt mir, dass
Neuseeland 25 Algen-Arten mit Europa gemein hat, die in den
tropischen Zwischenmeeren noch nicht gefunden worden sind.
Es ist zu bemerken, dass die in den südlichen Theilen der
südlichen Halbkugel und auf den tropischen Hochgebirgen gefun-
denen nördlichen Arten und Formen keine arktischen sind, son-
dern dem nördlichen Theile der gemässigten Zone entsprechen.
Hr. H. C. Watson hat neulich bemerkt, «je weiter man von den
polaren gegen die tropischen Breiten voranschreilet, desto weniger
arktisch werden die alpinen oder gehirglicl.en Formen der Orga-
nismen.« Viele der auf den Gebirgen wärmerer Gegenden der
Erde und in der südlichen Hemisphäre lebenden Arten sind von
so zweifelhaftem Werlhe, dass sie von einigen Naturforschern
als wesentlich verschieden von Europäischen Arten und von an-
dern als blosse Varietäten bezeichnet werden. Doch einige dar-
unter sind gewiss identisch und viele müssen, wenn auch mit
nordischen Formen nahe verwandt, als eigne Arten anerkannt
werden.
Wir wollen nun zusehen, welche Aufschlüsse die voran-
gehenden Thatsachen über die durch eine Menge geologischer
Beweise unterstützte Annahme gewähren können, dass die ganze
Erd-Oberfläche oder wenigstens ein grosser Theil derselben wäh-
rend der Eis-Periode gleichzeitig viel kälter als jetzt gewesen
seye. Die Eis-Periode muss, in Jahren ausgedrückt, sehr lang
gewesen seyn; und wenn wir berücksichtigen, über welch' weite
Flächen einige naturalisirte Pflanzen und Thiere in wenigen Jahr-
hunderten sich ausgebreitet haben, so hat diese Periode für jede
noch so weite Wanderung ausreichen können. Da die Kälte nur
langsam zunahm, so werden alle tropischen Pflanzen und Thiere
sich von beiden Seiten her gegen den Äquator zurückgezogen
haben, gefolgt von den Bewohnern gemässigter Gegenden, wel-
chen die der Polar-Zonen nachrückten; doch haben wir es mit
den letzten in diesem Augenblicke nicht zu Ihun. Die Aufgabe
ist eine äusserst verwickelte. Selbst die wahrscheinlich vor
der Eis -Periode vorhanden gewesene pleistocäne Äquatorial-
408
Flora, die einem noch mehr als tropischen Klima entsprochen
hätte, darf nicht ganz ausser Acht gelassen werden. Diese alte
Äquatorial-Flora würde während der Eis-Zeit, und die zwei plei-
stocänen subtropischen Floren nun mit einander vermenat und an
Zahl zusammengeschmolzen, von der jetzigen Äquatorial-Flora
verdrängt worden sein. Eben so mussten während der Eis-Zeit
sehr grosse Veränderungen in den Feuchtigkeits- u. a. klima-
tischen Verhältnissen eingetreten seyn, in deren Folge manche
Thiere und Pflanzen in verschiedenen Menge-Verhältnissen aus-
gewandert wären. Alle Lebens-Bedingungen wären also während
der Eis-Periode in den Tropen gleichzeitigem und bedeutendem
Wechsel unterlegen. Viele der tropischen Organismen erloschen
dabei ohne Zweifel; wie viele, kann niemand sagen. Vielleicht
waren vordem die Tropen-Gegenden eben so reich an Arten, wie
jetzt das Kap der guten Hoffnung und einige gemässigte Theile
Neuhollands.
Da wir wissen, dass viele tropische Pflanzen und Thiere
einen ziemlichen Grad von Kälte aushalten können, so möam
manche derselben der Zerstörung durch eine mässige Temperatur-
Abnahme entgangen seyn, zumal wenn sie in die tiefsten ge-
schütztesten und wärmsten Bezirke zu entkommen vermochten.
Aber was man hauptsächlich nicht vergessen darf, das ist, dass
doch alle Tropen-Erzeugnisse mehr oder weniger gelitten haben
müssen. Am schwierigsten ist es zu sagen, auf welche Weise
sie gänzlicher Vertilgung entgangen sind; wobei die Möglichkeil
einiger Akklimatisation während des sehr langsamen Heranrückens
der Kälte Periode nicht ganz übersehen werden darf. Anderseits
wurden auch die Bewohner gemässigter Gegenden, welche näher
an den Äquator heranziehen konnten, in einigermaassen neue
Verhältnisse versetzt, litten aber weniger. Auch ist es gewiss,
dass viele Pflanzen gemässigter Gegenden, wenn sie gegen Mit-
bewerbung geschützt sind, ein viel wärmeres als ihr eigentliches
Klima ertragen können. Daher erscheint es mir möglich, dass,
da die Tropen-Erzeugnisse in leidendem Zustande waren und den
Eindringlingen keinen ernsten Widerstand zu leisten vermochten,
eine gewisse Anzahl der kräftigsten und herrschendsten Formen
409
der gemässigten Zone in die Reihen der Eingebornen eing(!drungen
sind und den Äquator erreiciit und selbst noch iiberschrillen
haben. Der Einl'all wurde in der Regel durch Hochländer un^
vielleicht ein trocknes Klima noch begünstigt; denn Dr. Falconeb
sagt mir, dass es die mit der Hitze der Tropenltinder verbundene
Feuchtigkeit ist, welche den perennirenden Gewächsen aus ge-
mössigteren Gegenden so verderblich wird. Dagegen werden die
feuchtesten und wärmsten Rezirke den Eingebornen der Tropen
als Zufluchtsstätte gedient haben. Die Gebirgs-Kelten im Nord-
westen des Himalaya und die lange Cor diller en-V^e\\\e scheinen
zwei grosse Invasions-Linien gebildet zu haben ; und es ist eine
schlagende Thalsache, dass nach Dr. Hookeb's letzter Mittheilung
die 46 Blüthen-Pflanzen, welche Feuerland mit Europa gemein
hat, alle auch in Nord-Amerika vorkommen, das auf ihrer Marsch-
Route gelegen haben muss. Wollte man daraus schliessen, dass
das Land in manchen Tropen-Gegenden damals als die aus ge-
mässigten Gegenden kommenden Organismen es durchwanderten,
höher als jetzt gewesen seye, so fehlen uns wenigstens alle Be-
weise dafür. Daher ich zn unterstellen genöthigt bin, dass auch
einige Bewohner der gemässigten Zonen sogar in die Tiefländer
der Tropen und namentlich Ostindiens eingedrungen und diese
überschrillen, als zur Zeit der grössten Kälte arktische Formen
von ihrer Heimath aus 25 Breiten-Grade südwärts wanderten und
das Land am Fusse der Pyrenäen bedeckten. In dieser Zeit der
grössten Kälte dürfte dann das Klima unter dem Äquator im
Niveau des Meeres-Spiegels ungefähr das nämliche gewesen seyn,
wie es jetzt dort in 5000' — 6000' Seehöhe herrscht. In dieser
Zeit der grössten Kälte waren meiner Meinung nach weite Räume
in den tropischen Tiefländern mit einer Vegetation bedeckt aus
Formen tropischer und gemässigter Gegenden zusammengesetzt
und derjenigen vergleichbar, welche sich nach Hookeb's lebendiger
Beschreibung jetzt in wimderbarer Üppigkeit am Fusse des Hima-
laya in 4000'— 5000' Seehöhe entfaltet.
Als Mann auf der Insel Fernando-Po botanisirte, sah er von
5000' Höhe an einzelne Pflanzen-Formen aus dem gemässigten
Europa auftreten, und Dr. Seemann fand in den Bergen von
410
Panama bei 2000' eine Vegetation wie in Mexico mit Formen
der lieissesten Zone und solche der gemässigten einträchtig durch-
mengt ; woraus sich mithin die Möglichkeit ergibt, dass unter ge-
wissen klimatischen Bedingungen wirkliche Tropen-Gewächse eine
unbegränzte Zeit lang mit Formen gemässigter Klimate zusammen
leben können.
Ich hatte eine Zeit lang gehofft den Beweis zu finden, dass
irgendwo auf der Erde die Tropen-Gegenden von den Frost-Wir-
kungen der Eis-Periode verschont geblieben seyen und den lei-
denden Tropen-Bewohnern einen sicheren Zufluchtsort dargeboten
hätten. Wir können diesen Zufluchtsort nicht auf der Ostindi-
schen Halbinsel oder auf Ceylon suchen, da Formen gemässigter
Klimate fast alle ihre einzeln gelegenen Berg-Höhen erreicht
haben; wir vermögen sie nicht im Malayischen Archipel zu fin-
den, denn auf den Vulkanen-Kegeln Javas sehen wir Europäische
Formen und auf den Höhen von Borneo Erzeugnisse des gemäs-
sigten Theiles von Neuholland auftreten. In Afrika haben nicht
nur einige gem^ss\gi-Europäische Formen Abyssinien auf der
West-Seite bis zu dessen südlichem Ende durchwandert, sondern
auch Formen gemässigter Klimate von dort aus den Kontinent
bis Fernando-Po an der West-Seite durchschritten mit Hilfe viel-
leicht von Gebirgsketten, welche nach einigen Anzeichen das
Festland von Osten nach Westen durchstreichen. Wenn man
aber auch annähme, dass irgend eine ausgedehnte Tropen-Gegend
während der Eis-Zeit ihre volle Wärme bewahrt hätte, so würde
uns diese Unterstellung nicht viel helfen, weil die darin erhalten
gebliebenen tropischen Formen in einer so kurzen Zeitfrist nicht
wohl von einer dieser grossen Tropen-Gegenden gewandert seyn
könnten. Auch haben die tropischen Formen der ganzen Erd-
oberfläche gegen einander gehalten keinesweges ein so einför-
miges Aussehen, als ob sie von einem gemeinsamen Sicherheits-
Hafen ausgelaufen wären
Die östlichen Ebenen im tropischen Süd-Amerika haben
offenbar am wenigsten von der Eis-Periode gelitten; und doch
sind auch hier einige wenige Formen gemässigter Gegenden in
den Brasilischen Bergen gefunden worden, welche den Kontinent
411
von den Cordilleren aus gekreuzt haben müssen ; und eben so
scheint während derselben Zeit eine Wanderung von den Cordil-
leren bis gegen Caraccas stallgefunden zu haben. Nun aber hat
Bates, welcher mit grossem Eifer die Inseklon-Fauna des Guiana-
Amazonas-Gehielcs studirt, kürzlich mit grosser Lebhaftigkeit
gegen jede Annahme einer in neuerer Zeit slattgefundenen Ab-
kühlung dieses grossen Gebietes geeifert, indem er zeigte, dass
es reich ist an ganz eigenthümlichen einheimischen Schmetterlings-
Formen, welche offenber der Unterstellung eines neuerlich statt-
gefundenen Erlöschens in der Nähe des Äquators widersprechen.
Ich will mich jedoch nicht vermessen zu sagen, in wie ferne
diese Erscheinung etwa durch die Annahme einer fast gänzlichen
Austilgung einer pleistocänen Fauna in der Eis-Zeit und der Bil-
dung der jetzigen Äquatorial-Fauna durch die Vereinigung der
zwei vorigen subtropischen Faunen erklärbar seyn möge.
So sind, glaube ich, während der Eis-Periode betrachtlich
viele Pflanzen, einige Landlhiere und verschiedene Meeres-Be-
wohner von beiden gemässigten Zonen aus in die Tropen-Gegen-
den eingedrungen und haben manche sogar den Äquator über-
schritten. Als die Wärme zurückkehrte, stiegen die den gemäs-
sigten Klimaten entstammten Formen natürlich an den Bergen
hinan und verschwanden aus den Tiefebenen; diejenigen, welche
den Äquator nicht erreicht hatten, kehrten nord- und süd-wärts
in ihre frühere Heimath zurück ; jene hauptsächlich nordischen
Formen aber, welche den Äquator schon überschritten, wander-
ten weiter in die gemässigten Breiten der entgegengesetzten
Hemisphäre. Obwohl sich aus geologischen Forschungen ergibt,
dass die ganze Masse der arktischen Konchylien auf ihrer langen
Wanderung nach Süden und ihrer Rückwanderung nach Norden
kaum irgend eine wesentliche Modification erfahren habe, so ist
das Verhältniss doch ein ganz andres hinsichtlich der eingedrun-
genen Formen, welche sich auf den tropischen Gebirgen und in
der südlichen Hemisphäre festsetzten. Von Fremdlingen umgeben
geriethen sie mit vielen neuen Lebenformen in Milbewerbung;
und es ist wahrscheinlich, dass Abänderungen in Struktur, orga-
nischer Thätigkeit und Lebensweise davon die Folge waren und
412
durch Natürliche Züchtung forlgebildet wurden. So leben nun
viele von diesen Wanderern, wenn auch offenbar noch verwandt
mit ihren Brüdern in der andern Hemisphäre, in ihrer neuen
Heimalh als ausgezeichnete Varietäten oder eigene Spezies fort.
Es ist eine merkwürdige Thatsache, worauf Hooker hinsicht-
lich Amerikas und Alpiions DeCandoixe hinsichtlich Australiens
bestehen, dass offenbar viel mehr identische und verwandle Pflan-
zen von Norden nach Süden als in umgekehrter Richtung ge-
wandert sind. Wir sehen daher nur wenige südlichen Pflanzen-
Formen auf den Bergen von Borneo und Abyssinien. Ich ver-
muthe, dass diese überwiegende Wanderung von Norden nach
Süden der grösseren Ausdehnung des Landes im Norden und der
zahlreichen Existenz der nordischen Formen in ihrer Heimalh
zuzuschreiben ist, in deren Folge sie durch Natürliche Züchtung
und manchfaltigere Milbewerbung bereits zu höherer Volkommen-
heit und Herrschafts-Fähigkeit als die südlicheren Formen gelangt
waren. Und als nun beide während der Eis-Periode sich durch-
einander mengten, waren die nördlichen Formen besser geeignet
die südlichen zu überwinden, — so wie wir heutzutage noch
die Europäischen Einwanderer den Boden von La-Plala und seit
30—40 Jahren auch von Neuliolland bedecken sehen. Die Neil-
gherrie-Berge in Ostindien bieten jedoch eine theilweise Ausnahme
dar, indem, wie mir Dr. Hookeb sagt, Australische Formen sich
dort rasch naturalisiren und durch Saamen verbreiten. Vor der
Eis-Zeit waren diese tropischen Gebirge ohne Zweifel mit ein-
heimischen Alpen-Pflanzen bevölkert. Auf vielen Inseln sind die
eingeborenen Erzeugnisse durch die naturalisirten bereits an
Menge erreicht oder überboten : und wenn jene ersten jetzt auch
noch nicht verdrängt sind, so hat ihre Anzahl doch schon sehr
abgenommen, und Diess ist der erste Schritt zum Untergang.
Ein Gebirge ist eine Insel auf dem Lande, und die tropischen
Gebirge vor der Eis-Zeit müssen vollständig isolirt gewesen seyn.
Ich glaube, dass die Erzeugnisse dieser Inseln auf dem Lande
vor denen der grösseren nordischen Länder-Strecken ganz in
derselben Weise zurückgewichen sind, wie die Erzeugnisse der
413
Inseln im Meer znletzt überall von den durch den Menschen da-
selbst naturalisirten verdrängt wurden.
Ich bin weit enliernt zu glauben; dass durch die hier auf-
gestellte Ansicht über die Ausbreitung und die Beziehungen der
verwandten Arten, welche in der nördlichen und der südlichen
gemässigten Zone und auf den Gebirgen der Tropen-Gegenden
wohnen, bereits alle Schwierigkeiten ausgeglichen sind. Es ist
sehr schwer zu begreifen, wie eine so grosse Anzahl eigentliüm-
licher auf die Tropen beschränkter Formen den kältesten Theil
der Eis-Zeit zu überdauern im Stande war. Die Anzahl der For-
men in NeuJwlland, welche mit Formen des gemässigten Europas
verwandt aber dennoch so abweichend von ihnen sind, dass man
unmöglich an eine Abänderung derselben erst seit der Glazial-
zeit alauben kann, zeigt vielleicht eine noch ältre Kälte-Periode
an, welche mit den Spekulationen einiger neueren Geologen in
Beziehung steht. — Die genauen Richtungen und die Mittel der
Wanderungen oder die Ursachen, warum die einen und nicht die
andern Arten gewandert sind, oder warum gewisse Spezies Ab-
änderung erfahren haben und zur Bildung neuer Formen-Gruppen
verwendet worden, während andre unverändert geblieben sind,
lassen sich nicht nachweisen. Wir können nicht hoffen, solche
Verhältnisse zu erklären, so lange wir nicht zu sagen vermögen,
warum eine Art und nicht die andre durch menschliche Thätig-
keit in fremden Landen naturalisirt werden kann, oder warum
die eine zwei oder drei mal so weit verbreitet , zwei oder
drei mal so gemein als die andre Art in der gemeinsamen Hei-
math ist.
Ich habe gesagt, dass viele Schwierigkeiten noch zu über-
winden bleiben. Einige der merkwürdigsten hat Dr. Hooi^er in
seinen botanischen Werken über die antarktischen Regionen mit
bewundernswerther Klarheit auseinandergesetzt. Diese können
hier nicht erörtert werden. Nur Des will ich bemerken, dass,
wenn es sich um das Vorkommen einer Spezies an so ungeheuer
von einander entfernten Punkten handelt, wie Kerguelen-Land,
Neuseeland und Feuevland sind, nach meiner Meinung (wie auch
Lyell annimmt) Eisberge gegen das Ende der Eis-Zeit hin sich
414
reichlich an deren Verbreitung betbeiligt haben dürften. Aber
das Vorliommen einiger verschiedenen Arten aus ganz südlichen
Sippen an diesem oder jenem entlegenen Punkte der südlichen
Halbinsel ist nach meiner Theorie der Forlpflanzung mit Abän-
derung ein weit merkwürdigeres schwieriges Beispiel. Denn
einige dieser Arten sind so abweichend, dass sich nicht anneh-
men la st, die Zeit von Anbeginn der Eis-Periode bis jetzt könne
zu ihrer Wanderung und nacbherigen Abänderung bis zur er-
forderlichen Stufe hingereicht haben. Diese Thalsachen scheinen
mir anzuzeigen, dass sehr verschiedene eigenthümliche Arten in
strahlenförmiger Richtung von irgend einem gemeinsamen Zen-
trum ausgegangen 3 und ich bin geneigt, mich auch in der süd-
lichen so wie in der nördlichen Halbkugel um eine wärmere Pe-
riode vor der Eis-Zeit umzusehen, wo die jetzt mit Eis bedeckten
antarktischen Länder eine ganz eigenthümliche und abgesonderte
Flora besessen haben. Ich vermuthe, dass schon vor der Ver-
tilgung dieser Flora durch die Eis-Periode sich einige wenige
Formen derselben durch gelegentliche Transport -Mittel bis zu
verschiedenen weit entlegenen Punkten der südlichen Halbkugel
verbreitet hatten. Dabei mögen ihnen einige entweder noch
vorhandene oder bereits versunkene Inseln als Ruheplätze ge-
dient haben. Und so, glaube ich, haben die südlichen Küsten
von Amerika, Neuholland und Neuseeland eine ähnliche Fär-
bung durch gleiche eigenthümliche Formen des Pflanzen-Lebens
erhalten.
Sir Cu. Lyell hat sich in einer der meinen fast ähnlichen
Weise in Vermuthungen ergangen über die Einflüsse grosser
Schwankungen des Klimas auf die geographische Verbreitung der
Lebenformen. Ich glaube also, dass die Erd-Oberfläche noch un-
längst einen von diesen grossen Kreisläufen erfahren hat, und
dass durch diese Unterstellung in Verbindung mit der Annahme
der Abänderung durch Natürliche Züchtung eine Menge von That-
sachen in der gegenwärtigen Verlheilung von identischen sowohl
als verwandten Lebenformen sich erklären lässt. Man könnte
sagen, die Ströme des Lebens seyen eine kurze Zeit von Norden
und von Süden her geflossen und hätten den Äquator gekreuzt;
415
aber die von Norden lier seyen so viel stärker gewesen, dass
sie den Süden überschwemmt hätten Wie die Gezeiten ihren
Beitrieb in wagrechten Linien abgesetzt am Strande zurücklassen,
jedoch an verschiedenen Küsten zu verschiedenen Höhen anstei-
gen, so haben auch verschiedene Lebens-Ströme ihr lebendiges
Drift auf unsern Berg-Hohen hinterlassen in einer von den ark-
tischen Tiefländern bis zu grossen Äquatorial-Hohen langsam an-
sleio-enden Linie. Die verschiedenen auf dem Strande zurück-
gelassenen Lebenwesen kann man mit wilden Menschen-Rassen
vergleichen, die fast allerwärls zurückgedrängt sich noch in Berg-
festen erhalten als interessante Überreste der ehemaligen Bevöl-
kerungen umgebender Flachländer.
Geograpliisclie Verbreitung.
(Fortsetzung.)
Verbreitunff der Siisswasser-Bewohner. — Die Bewohner der ozeanischen
Inseln. — Abwesenheit von Batrachiern und Land-Siiugethieren. — Bezie-
hungen zwischen den Bewohnern der Inseln und der nächsten Festländer.
— über Ansiedelung aus den nächsten Quellen und nachherige Abände-
rung. — Zusammenfassung der Folgerungen aus dem letzten und dem
gegenwärtigen Kapitel.-
Da Seen und Fluss-Systeme durch Schranken von Trocken-
land von einander getrennt werden, so möchte man glaubenJ
dass Süsswasser-Bewohner nicht im Stande seyen sich aus einer\
Gegend in weite Ferne zu verbreiten. Und doch verhält sich\
die Sache gerade entgegengesetzt. Nicht allein haben viele
Süsswasser-Bewohner aus ganz verschiedenen Klassen selbst eine
ungeheure Verbreitung, sondern einander nahe verwandte For-
men herrschen auch in auffallender Weise über die ganze Erd-
oberfläche vor. Ich besinne mich noch wohl der Überraschung,
416
{]ie ich fühlte, als ich zum ersten Male in Brasilien Süsswasser-
Erzeugnisse sammelte und die Süsswasser-Schaaler und -Kerb-
Ihiere mitten in einer ganz verschiedenen B(!völkerung des Trocken-
landes den Britischen so ähnlich fand.
Doch kann dieses Vermögen weiter Verbreitung bei den
Süsswasser-Bewohnern, wie unerwartet es auch seyn mag, in
den meisten Fällen, wie ich glaube, daraus erklärt werden, dass
sie in einer für sie sehr nützlichen Weise von Sumpf zu Sumpf
und von Strom zu Strom zu wandern fähig sind: woraus sich
denn die Neigung zu weiter Verbreitung als eine nothwendige
Folge ergeben dürfte. Doch können wir hier nur wenige Fälle
in Betracht ziehen. Was die Fische betrifft, so glaube ich, dass
eine und dieselbe Spezies niemals in den Süsswassern weit von
einander entfernter Kontinente vorkommt, wohl aber verbreTtet"^
sie sich in einem nämlichen Festlande oft weit und in anschei-
nend launischer Weise, so dass zwei Fluss-Systeme einen Theil
ihrer Fische miteinander gemein haben, während andre Arten
jedem derselben eigenthümlich sind. Einige wenige Thalsachen
scheinen ihre gelegenheitliche Versetzung aus einem Fluss in
den andern zu erläutern, wie deren in Ostindien schon öfters
von Wirbelwinden bewirkte Entführung durch die Luft, wonach
sie als Fisch-Regen wieder zur Erde gelangten, und wie die Zäh-
lebigkeit ihrer aus dem Wasser entnommenen Eier. Doch bin
ich geneigt, die Verbreitung der Süsswasser-Fische vorzugsweise
geringen Höhenwechseln des Landes während der gegenwärtigen
Periode zuzuschreiben, wodurch manche Flüsse veranlasst worden
sind, sich in andrer Weise miteinander zu verbinden. Auch
lassen sich Beispiele anführen, dass Diess ohne Veränderungen
in den wechselseitigen Höhen durch Fluthen bewirkt worden ist.
Der Löss des Rheines bietet uns Belege für ansehnliche Verän-
derungen der Boden-Höhe in einer ganz neuen geologischen
Zeit dar, wo die Oberfläche schon mit ihren jetzigen Arten von
Binnenmollusken bevölkert war. Die grosse Verschiedenheit
zwischen den Fischen auf den entgegengesetzten Seiten von Ge-
birgs-Ketten, die schon seit früher Zeit die Wasserscheide der
Gegend gebildet und die Ineinandermündung der beiderseitigen
417
Fluss-Systeme gehindert haben müssen, scheint mir zum näm-
lichen Schlüsse zu f'iiliren. Was das Vorkommen verwandter Arten
von Süssvvasser-Fischcn an sehr entfernten Punkten der Erd-
oberfläche betrifft, so gibt es zweifelsohne viele Fälle, welche
zur Zeit nicht erklärt werden können. Inzwischen stammen
einige Süsswasser-Fische von sehr alten Formen ab, welche mit-
hin während grosser geographischer Veränderungen Zeit und
Mittel gefunden haben, sich durch weite Wanderungen zu ver-
breiten. Zweitens können Salzwasser - Fische bei sorgfältigem
Verfahren langsam ans Leben im Süsswasser gewöhnt werden,
und nach Valenciennes gibt es kaum eine gänzlich aufs Süss-
wasser beschränkte Fisch-Gruppe, so dass wir uns vorstellen
können, ein Meeres-Bcwohner aus einer übrigens dem Süsswasser
ange hörigen Gruppe wandre der See-Küste entlang und werde
demzufolge abgeändert und endlich in Süsswassern eines ent-
legenen Landes zu leben befähigt.
Einige Arten von Süsswasser-Konchylien haben eine sehr
weile Verbreitung, und verwandte Arten, die nach meiner Theorie
von gemeinsamen Altern abslammen und mithin aus einer ein-
zigen Quelle hervorgegangen sind, walten über die ganze Erd-
oberfläche vor. liu'e Verbreitung setzte mich anfangs in Ver-
legenheit, da ihre Eier nicht zur Fortführung durch Vögel ge-
eignet sind und wie die Thiere selbst durch Seewasser getödtet
werden. Ich konnte daher nicht begreifen, wie es komme, dass
einige naturalisirte Arten sich rasch durch eine ganze Gegend
verbreitet haben. Doch haben zwei von mir beobachtete That-
sachen — und viele andre bleiben zweifelsohne noch fernerer
Beobachtung anheim gegeben — einiges Licht über diesen Ge-
genstand verbreitet. Wenn eine Ente sich plötzlich aus einem
mit Wasserlinsen bedeckten Teiche erhebt, so bleiben oft, wie
ich zweimal gesehen habe, welche von diesen kleinen Pflanzen
auf ihrem Rücken hängen, und es ist mir geschehen, dass, wenn
ich einige Wasserlinsen aus einem Aquarium ins andre versetzte,
ich ganz absichtlos das letzte mit Süsswasser -Mollusken des
ersten bevölkerte. Doch ist ein andrer Umstand vielleicht noch
wirksamer. In Betracht, dass Wasser-Vögel mitunter in Sümpfen
DARWIN, Entstehung der Arten, 'i. Aufl. 27
418
sclilafen, hängte ich einen Enten- Fuss in einem Aquarium auf,
wo viele Eier von Süsswasser-Schnecken auszukriechen im Be-
grilTe waren, und fand, dass bald eine grosse Menge der äus-
serst kleinen ausgeschlüpften Schnecken an dem Fuss umher-
krochen und sich so fest anklebten, dass sie von dem heraus-
o-enommenen Fusse nicht abgeschabt werden konnten, obwohl sie
in einem etwas mehr vorgeschrittenen Alter freiwillig davon ab-
liessen. Diese frisch ausgeschlüpften Weichthiere, obschon zum
Wohnen im Wasser bestimmt, lebten an dem Enten-Fusse in
feuchter Luft wohl 12—20 Stunden lang, und während dieser
Zeit kann eine Ente oder ein Reiher wenigstens 600—700 Eng-
lische (140 Deutsche) Meilen weit fliegen und sich dann wieder
in einem Sumpfe oder Bache niederlassen, vielleicht auf einer
ozeanischen Insel, wenn ein Sturm denselben erfasst und über's
Meer hin verschlagen hatte. Auch hat mich Sir Cii. Lyell be-
nachrichtigt, dass man einen Wasserkäfer (Dyticus) mit einer ihm
fest ansitzenden Süsswasser - Napfschnecke (Ancylus) gefangen
hat; und ein andrer Wasserkäfer aus der Sippe Colymbetes kam
einst an Bord des Beagle geflogen, als dieser 45 Englische Mei-
len vom nächsten Lande entfernt war; wie viel weiter er aber
mit einem günstigen Winde noch gekommen seyn würde, Das
vermag Niemand zu sagen.
Was die Pflanzen betrifft, so ist es längst bekannt, was für
eine ungeheure Ausbreitung manche Süsswasser- und selbst
Sumpf-Gewächse auf den Festländern und bis zu den entfernte-
sten Inseln des Weltmeeres besitzen. Diess ist nach Alph. De
Candolle's Wahrnehmung am deutlichsten in solchen grossen
Gruppen von Landpflanzen zu ersehen, aus welchen nur einige
Glieder an Süsswassern leben : denn diese letzten pflegen sofort
eine viel grössre Verbreitung als die übrigen zu erlangen. Ich
glaube, dass die günstigeren Verbreitungs-Mitlel diese Erschei-
nung erklären können. Ich habe vorhin die Erd-Theilchen er-
wähnt, welche, wenn auch nur selten und zufällig einmal, an
Schnäbeln und Füssen der Vögel hängen bleiben. Sumpfvögel,
welche die schlammigen Ränder der Sümpfe aufsuchen, werden
meistens schmutzige Füsse haben, wenn sie plötzlich aufgescheucht
419
werden. Nun lässt sich nachweisen, dass gerade Vögel dieser
Ordnung die grösstcn Wanderer sind und zuweilen auf den ent-
ferntesten und ödesten Inseln des offenen Wellmeeres angetroffen
werden Sie können sich nicht auf der Oberflache des Meeres
niederlassen, wo der noch an ihren Füssen hängende Schlamm
abgewaschen werden könnte; und wenn sie ans Land kommen,
werden sie gewiss alsbald ihre gewöhnlichen Aufenthalts-Orle
an den Süsswassern aufsuchen. Ich glaube kaum, dass die Bo-
taniker wissen, wie beladen der Schlamm der Sümpfe mit Pflan-
zen-Saamen ist; ich habe jedoch einige kleine Beobachtungen
darüber gemacht, deren zutreffendsten Ergebnisse ich hier mit-
theilen will. Ich nahm im Februar drei Esslöffel voll Schlamm
von drei verschiedenen Stellen unter Wasser, am Rande eines
kleinen Sumpfes. Dieser Schlamm getrocknet wog 6^/4 Unzen.
Ich bewahrte ihn sodann in meinem Arbeitszimmer bedeckt sechs
Monate lang auf und zählte und riss jedes aufkeimende Pflänz-
chen aus. Diese PflänzcheTi waren von mancherlei Art und 537
im Ganzen; und doch war all' dieser zähe Schlamm in einer ein-
zigen Unterlasse enthalten. Diesen Thatsachen gegenüber würde
es nun geradezu unerklärbar seyn, wenn es nicht mitunter vor-
käme, dass Wasser-Vögel die Saamen von Süsswasser-Pflanzen
in weite Fernen verschleppten und so zur immer weitern Aus-
breitung derselben beilrügen. Und derselbe Zufall mag hin-
sichtlich der Eier einiger kleiner Süsswasser Thiere in Betracht
kommen.
Auch noch andre und mitunter unbekannte Kräfte mögen
dabei ihren Theil haben. Ich habe oben gesagt, dass Süsswas-
ser-Fische manche Arten Sämereien fressen, obwohl sie andre
Arten, nachdem sie solche verschlungen haben, wieder auswer-
fen; selbst kleine Fische verschlingen Saamen von massiger
Grösse, wie die der gelben Wasserlilie^ und des Potamogeton.
Hunderte und abermals Hunderte von Reihern u. a Vögeln gehen
täglich auf den Fischfang aus; wenn sie"^ sich erheben, suchen
sie oft andre Wasser auf oder werden auch zufällig übers Meer
getrieben ; und wir haben gesehen, dass Saamen oft ihre Keim-
kraft noch besitzen, wenn sie in Gewölle, in Exkrementen u. dgl.
27 •
420
einige Stunden später wieder ausgeworfen werden. Als ich die
grossen Saamen der herrliciien Wasserlilie, Nelumbium, sah und
mich dessen erinnerte, was Alpiions DeCandolle über diese Pflanze
gesagt, so meinte ich ihre Verbreitung müsse ganz unerklarbar
seyn. Doch Audubon versichert, Saamen der grossen südlichen
Wasserlilie (nach Dr. Hooker wahrscheinlich das Nelumbium spe-
ciosum) im Magen eines Reihers gefunden zu haben, und, ob-
wohl es mir als Thatsache nicht bekannt ist, so schliesse ich
doch aus der Analogie, dass, wenn ein Reiher in solchem Falle
nach einem andern Sumpfe flöge und dort eine herzhafte Fisch-
Mahlzeit zu sich nähme, er wahrscheinlich aus seinem Magen
wieder einen Ballen mit noch unverdauten Nelumbium-Saamen
auswerfen würde; oder der Vogel kann diese Saamen verlieren,
wenn er seine Jungen füttert, wie er bekanntlich zuweilen einen
Fisch fallen lässl*
Bei Betrachtung dieser verschiedenen Verbreitungs - Mittel
muss man sich noch erinnern, dass, wenn ein Sumpf oder Fluss
z. B. auf einer neuen Insel eben erst entsteht, er noch nicht
bevölkert ist und ein einzelnes Sämchen oder Ei'chen gute Aus-
sicht auf Fortkommen hat. Auch wenn ein Kampf ums Daseyn
zwischen den Individuen der wenigen Arten, die in einem Sumpfe
beisammen leben, bereits begonnen hat, so wird in Betracht,
dass die Zahl der Arten gegen die auf dem Lande doch geringer
ist, der Wettkampf auch wohl minder heftig als der zwischen
den Landbewohnern seyn; ein neuer Eindringling, aus der Fremde
angelangt, würde mithin auch mehr Aussicht haben eine Stelle
zu erobern, als ein neuer Kolonist auf dem trocknen Lande.
Auch dürfen wir nicht vergessen, dass einige und vielleicht viele
Süsswasser-Bewohner tief auf der Stufenleiter der Natur stehen
und wir mit Grund annehmen können, dass solche tief organisirte
Wesen langsamer als die höher ausgebildeten abändern, dem-
zufolge dann ein und die nämliche Art Wasser-bewohnender
In diesem Falle wiire vielleicht wahrscheinlicher anzunehmen, der
Reiher habe einen Fisch verschlungen gehabt, welcher jene Saamen gelres-
sen hatte ; und die Saamen würden keimfiihig wieder zu.Boden gelangt seyn.
wenn nun ein Raubvogel den Reiher zerrissen hätte. D.''übs.
421
Organismen längre Zeit wandern Itann, als die Arten des trock-
nen Landes. Endlich müssen wir der Möglichkeit gedenken, dass
viele Süsswasser-bewohnende Spezies, nachdem sie sich über
ungeheure Flachen verbreitet, in den mittein Gegenden derselben
wieder erloschen seyn können. Aber die weite Verbreitung der
Pflanzen und niederen Thiere des Süsswassers, mögen sie nun
ihre ursprüngliche Formen unverändert bewahren oder in gewis-
sem Grade verändern, hängt nach meiner Meinung hauptsächlich
von der Leichtigkeit ab, womit ihre Saamen und Eier durch an-
dere Thiere und zumal höchst flugfertige Süsswasser-Vögel von
einem Gewässer zum andern oft sehr entfernt gelegenen ver-
schleppt werden können. Die Natur hat wie ein sorgfältiger
Gärtner ihre Saamen von einem Beete von besondrer Beschaffen-
heit genommen und sie in ein andres gleichfalls angemessen zu-
bereitetes verpflanzt.
Bewohner der ozeanischen Inseln.) Wir kommen
nun zur letzten der drei Klassen von Thatsachen, welche ich
als diejenigen bezeichnet habe, welche die grössten Schwierig-
keiten für die Ansicht darbieten, dass, weil alle Individuen so-
wohl der nämlichen Art als auch nahe-verwandter Arten von
einem gemeinsamen Stammvater herkommen, auch alle von ge-
meinsamer Geburtsstätte aus sich über die entferntesten Theile
der Erd-Oberfläche, deren Bewohner sie jetzt sind, verbreitet
haben müssen. Ich habe bereits erklärt, dass ich nicht wohl mit
der FoBBEs'schen Ansicht übereinstimmen kann, wonach alle In-
seln des Atlantischen Ozeans noch in der gegenwärtigen neue-
sten Periode mit einem der zwei Kontinente ganz oder fast ganz
zusammengehangen haben sollen. Diese Ansicht würde zwar
allerdings einige Schwierigkeiten beseitigen, dürfte aber keines-
wegs alle Erscheinungen hinsichtlich der Insel-Bevölkerung er-
klären. In den nachfolgenden Bemerkungen werde ich mich nicht
auf die blosse Frage von der Vertheilung der Arten beschränken,
sondern auch einige andre Thatsachen erläutern, welche sich auf
die zwei Theorien, die der selbstständigen Schöpfung der Arten
und die ihrer Abstammung von einander mit fortwährender Ab-
änderung beziehen.
422
Nur wenige Arten aller Klassen bewohnen ozeanische Inseln,
im Vergleich zu gleich grossen Flächen festen Landes, wie
Alpiions DeCandoli-e in Bezug auf die Pflanzen und Wollaston
hinsichtlich der Insekten behaupten. Betrachten wir die erheb-
liche Grösse und die manchfaltigen Standorte Neuseelands, das
über 78Ü Englische Meilen Breite hal, und vergleichen die Arten
seiner Blülhen-Pflanzen, nur 750 an der Zahl, mit denen einer
gleich grossen Fläche am Kap der guten Hoffnung oder in Neu-
holland, so müssen wir, glaube ich, zugestehen, dass etwas von
den physikalischen Bedingungen ganz Unabhängiges die grosse
Verschiedenheit der Arten-Zahlen veranlasst hat. Selbst die ein-
förmige Umgegend von Cambridge zählt 847 und das kleine Ei-
land Anglesea 764 Pflanzen-Arten ; doch sind auch einige Farne
und einige eingeführte Arten in diesen Zahlen milbegrifl'en und
ist die Vergleichung auch in einigen andern Beziehungen nicht
ganz richtig. Wir haben Beweise, dass das kahle Eiland Ascen-
sion bei seiner Entdeckung nicht ein halbes Dutzend Blüthen-
Pflanzen besassj jetzt sind viele dort naturalisirt, wie es eben
auch auf Neuseeland und auf allen andern ozeanischen Inseln
der Fall ist. Auf St. Helena nimmt man mit Grund an, dass
die naturalisirten Pflanzen und Thiere schon viele einheimische
Natur- Erzeugnisse gänzlich oder fast gänzlich vertilgt haben.
Wer also der Lehre von der selbstständigen Erschaffung aller
einzelnen Arten beipflichtet, der wird zugestehen müssen, dass
auf den ozeanischen Inseln keine hinreichende Anzahl bestens
angepasster Pflanzen und Thiere geschaöen worden seye, indem
der Mensch diese Inseln ganz absichtlos aus verschiedenen
Quellen viel besser und vollständiger als die Natur bevölkert hat.
Obwohl auf ozeanischen Inseln die Arten-Zahl der Bewohner
im Ganzen dürftig, so ist doch das Verhällniss der endemischen,
d. h. sonst nirgends vorkommenden Arten oft ausserordentlich
gross. Diess ergibt sich, wenn man z B. die Anzahl der ende-
mischen Landschnecken auf Madeira, oder der endemischen
Vögel im Galapagos-Archipel mit der auf irgend einem Konti-
nente gefundenen Zahl vergleicht und dann auch die beiderseitige
Flächen-Ausdehnung gegeneinander hält. Dieses war nach meiner
423
Theorie zu erwarten 5 denn, wie bereits erklärt worden, sind
Arten, welehc nach langen Zwischenzeilen gelegenheitlich in
einen neuen und abgeschlossenen Bezirk kommen und dort mit
neuen Genossen zu kämpfen haben, in ausgezeichnetem Grade
abzuändern geneigt und bringen oft Gruppen modifizirter Nach-
kommen hervor. Daraus folgt aber keineswegs, dass, weil auf
einer Insel fast alle Arten einer Klasse eigenlhümlich sind, auch
die der übrigen Klassen oder auch nur einer besondren Sektion
derselben Klasse eigenthümlich seyn müsse; und dieser Unter-
schied scheint theils davon herzurühren, dass diejenigen Arten,
welche nicht abänderten, leicht und gemeinsam eingewandert sind,
so dass ihre gegenseitigen Beziehungen nicht viel gestört wur-
den, theils kann er aber auch von der häufigen Ankunft unver-
änderter Einwandrer aus dem Mutterlande und der nachherigen
Kreutzung mit vorigen bedingt seyn. Hinsichtlich der Wirkung
einer solchen Kreutzung ist zu bemerken, dass die aus derselben
entspringenden Nachkommen gewiss sehr kräftig werden müssen,
indem selbst eine zufällige Kreutzung wirksamer zu seyn pflegt,
als man voraus erwarten möchte. Ich will einige Beispiele an-
führen. Auf den Ga/apa^os-Eilanden gibt es 26 Landvögel, wo-
von 21 (oder vielleicht 23) endemisch sind, während von den
11 Seevögeln ihnen nur zwei eigenthümlich angehören, und es
liegt auf der Hand, dass Seevögel leichter als Landvögel nach
diesen Eilanden gelangen können. Bermuda dagegen, welches
ungefähr eben so weit von Nord-Amerika, wie die Galapagos
von Süd-Amerika, entfernt liegt und einen eigenthümlichen Boden
besitzt, hat nicht eine endemische Art von Landvögeln, und wir
wissen aus Herrn J. M. Jones' trelflichem Berichte über Bermuda,
dass sehr viele Nord-Amerikanische Vögel auf ihren grossen
jährlichen Zügen diese Insel theils regelmässig und theils auch
einmal zufällig berühren. Nach der Insel Madeira werden fast
alljährlich, wie mir Hr. E V. HARComx gesagt, viele Europäische
und Afrikanische Vögel verschlagen. Es ist von 99 Vögel-Arten
bewohnt, von welchen nur 1 der Insel eigenlhümlich, aber mit
einer Europäischen Form sehr nahe verwandt ist; aber 3—4
andre sind auf diese und die Canarischen Inseln beschränkt.
4?4
So sind diese beiden Inseln Bermuda und Madeira mit Vogel-
Arten besetzt worden, welche schon seit langen Zeiten in ihrer
früheren Heimath miteinander gekämpft haben und einander an-
gepasst worden sind, nachdem sie sich nun in ihrer neuen Hei-
math angesiedelt, hat jede Art den andern gegenüber ihre alte
Stelle und Lebensweise behauptet und mithin keine neuen Modi-
fikationen erfahren. Auch ist jede Neigung zur Abänderung
durch die Kreulzung mit den fortwährend aus dem Multerlande
unverändert nachkommenden neuen Einwanderern gehemmt wor-
den. Madeira ist ferner von einer wundersamen Anzahl eigen-
thümlicher Landschnecken-Arten bewohnt, während nicht eine
einzige Art von Weichthieren auf seine Küsten beschränkt ist.
Obwohl wir nun nicht wissen, auf welche Weise die mecrischen
Schaalthiere sich verbreiten, so lässt sich doch einsehen, dass
ihre Eier oder Larven vielleicht an Seetang und Treibholz an-
sitzend oder an den Füssen der Waldvögel hängend weit leichter
als Land-Mollusken 300—400 Meilen weit über die offne See
fortgeführt werden können. Die verschiedenen Insekten-Klassen
auf Madeira scheinen analoge Thatsachen darzubieten.
Ozeanische Inseln sind zuweilen unvollständig in gewissen
Klassen, deren Stellen anscheinend durch andere Einwohner der-
selben eingenommen werden. So vertreten auf den Galapagos
Reptilien und auf Neuseeland Flügel-lose Riesen-Vögel die Stelle
der Säugthiere. Obwohl aber Neuseeland hier unter den ozea-
nischen Inseln mit besprochen wird, so ist es doch zweifelhaft
ob es mit Recht dazu gezählt werde ; denn es ist von ansehn-
licher Grösse und durch kein tiefes Meer von Neuholland getrennt.
Nach seinem geologischen Charakter und dem Streichen seiner
Gebirgs-Ketten möchte W. B. Clarke diese Insel nebst Neu-Cale-
donien nur als Anhängsel von Neuholland betrachtet sehen.
Was die Pflanzen der Galapagos betrifft, so hat Dr. Hooker ge-
zeigt, dass das Zahlen - Verhältniss zwischen den verschiede-
nen Ordnungen ein ganz andres als sonst allervvärts ist. Solche
Erscheinungen setzt man gewöhnlich auf Rechnung der physika-
lischen Bedingungen der Inseln ; aber diese Erklärung dünkt mir
etwas zweifelhaft zu seyn. Leichtigkeit der Einwanderung ist,
425
wie mir scheint, wenigstens eben so wichtig als die Natur der
Lebens-Bedingiingeii gewesen.
Rücksichtlich der Bewohner abgelegener Inseln lassen sich
viele merkwürdige kleine Erscheinungen anführen. So haben
z. B. auf gewissen nicht mit Säuglhiereii besetzten Eilanden einige
endemische Pflanzen prächtig mit Häkchen versehene Saamen ;
und doch gibt es nicht viele Beziehungen, die augenfälliger wä-
ren, als die Eignung mit Haken besetzter Saamen für den Trans-
port durch die Haare und Wolle der Säuglhiere. Dieser Fall
bietet nach meiner Meinung keine Schwierigkeit dar, indem Ha-
ken-reiche Saamen leicht noch durch andre Mittel von Insel zu
Insel geführt werden können, wo dann die Pflanze etwas verän-
dert, aber ihre widerhakenigen Saamen behallend eine ende-
mische Form bildet, für welche diese Haken einen nun eben so
unnützen Anhang bilden, wie es rudimentäre Organe, z B. die
runzeligen Flügel unter den zusammen-gewachsenen Flügeldecken
mancher insularen Käfer sind. Auch besitzen Inseln oft Bäume
oder Büsche aus Ordnungen, welche anderwärts nur Kräuter dar-
bieten; nun aber haben Bäume, wie Alph. DeCandolle gezeigt
hat, gewöhnlich nur beschränkte Verbreitungs-Gebiete, was immer
die Ursache dieser Erscheinung seyn mag. Daher ergibt sich
dann ferner, dass Baum-Arten wenig geeignet sind, entlegene
organische Inseln zu erreichen; und eine Kraut-artige Pflanze,
wenn sie auch keine Aussicht auf Erfolg im Wetlkampfe mit
einem schon vollständig entwickelten Baume hat, kann, wenn sie
bei ihrer ersten Ansiedelung auf einer Insel nur mit andern Kraut-
artigen Pflanzen allein in Mitbewerbung tritt, leicht durch immer
höher strebenden Wuchs ein Übergewicht über dieselben erlangen.
Ist Diess der Fall, so mag Natürliche Züchtung den Wuchs Kraut-
artiger Pflanzen, die auf einer ozeanischen Insel wachsen, aus
welcher Ordnung sie immer seyn mögen, oft etwas zu verstärken
und dieselben erst in Büsche und endlich in Bäume zu verwan-
deln geneigt seyn.
Was die Abwesenheit ganzer Organismen-Ordnungen auf
ozeanischen Inseln betrilft, so hat Boby de St.-Vincent sclion längst
bemerkt, dass Balrachier (Frösche, Kröten und Molge) nie auf
426
einer der vielen Inseln gefunden worden sind, womit der grosse
Ozean besäet ist. Ich habe mich bemühet diese Behauptung zu
prüfen und habe sie genau richtig befunden. Inzwischen hat Dr.
HociiSTETTEn in den Bergen von Neuseeland jetzt einen Frosch
gefunden, der (was höchst merkwürdig) mit einer Süd-Amerika-
nischen Form zunächst verwandt ist. Aber gefrorene der Wie-
derbelebung fähige Frösche sind in Gletschern eingebettet ge-
funden worden, und es scheint sogar möglich, dass ein Frosch*
oder sein Laich auf einem der grossen Eisberge des Südpoiar-
Ozeans von den antarktischen Inseln dahin geführt worden ist,
von welchen die höchst eigenlhümlichen Pflanzen-Formen ausge-
gangen sind, welche Neuholland, Neuseeland und die Süd-Spitze
Amerika's mit einander gemein haben. Dieser allgemeine Mangel
an Fröschen, Kröten und Molgen auf so vielen ozeanischen In-
seln lässt sich nicht aus ihrer natürlichen Beschaffenheit erklären,
indem es vielmehr scheint, dass dieselben recht gut für diese
Thiere geeignet wären; denn Frösche sind auf Madeira, den
Azoren und auf Mauritius eingeführt worden, um sie als Nah-
rungsmittel zu vervielfältigen. Da aber beka'nntlich diese Thiere
so wie ihr Laich durch Seewasser unmittelbar getödtet werden,
so ist leicht zu ersehen, dass deren Transport über Meer sehr
schwierig seye und sie aus diesem Grunde auf keiner ozeani-
schen Insel existiren. Dagegen würde es nach der Schöpfungs-
Theorie sehr s(d)«(er seyn zu erklären, weshalb sie auf diesen
Inseln nicht erschaffen worden Seyen.
Säugthiere bieten einen andern Fall ähnlicher Art dar. Ich
habe die ältesten Reisewerke sorgfältig durchgegangen und zwar
meine Arbeit noch nicht beendigt, aber bis jetzt noch kein un-
zweifelhaftes Beispiel gefunden, dass ein Land-Säuglhier (von
den gezähmten Hausthieren der Eingebornen abgesehen) irgend
eine über 300 Engl. Meilen weit von einem Festlande oder einer
Kontinental-Insel entlegene Insel bewohnt habe; und viele Inseln
in viel geringeren Abständen entbehren derselben ebenfalls
Da die Frösche ihre Eier erst nach dem Lcffcn hefruchlen, so miissten
wohl mehre zusammengefroren gewesen seyn. D. Ühs.
427
gänzlich. Die FalJdands-Inseln, welche von einem Wolf-artigen
Fuchse bewohnt sind, scheinen zunächst eine Ausnahme zu ma-
chen, können aber nicht als ozeanisch gellen, da sie auf einer
mit dem Festlande zusammen-hängendcn Bank 280 Engl. Meilen
von diesem entfernt liegen; und da schwimmende Eisberge Fels-
Blöcke an ihren westlichen Küsten abgesetzt, so könnten dieselben
auch wohl einmal Füchse mitgebracht haben, wie Das jetzt in
den arktischen Gegenden oft vorkommt. Doch kann man nicht
behaupten, dass kleine Inseln nicht auch kleine Säuglhiere er-
nähren können; denn es ist dies in der That mit sehr kleinen
Inseln der Fall, wenn sie dicht an einem Kontinente liegen; und
schwerlich lässt sich eine Insel bezeichnen, auf der unsre klei-
nen Säugthiere sich nicht naturalisirt und vermehrt hätten. Nach
der gewöhnlichen Ansicht von der Schöpfung könnte man nicht
sagen, dass nicht Zeit zur Schöpfung von Säugthieren gewesen
seye; viele vulkanische Inseln sind auch alt genug, wie sich theils
aus der ungeheuren Zerstörung, die sie bereits erfahren, und
theils aus dem Vorkommen tertiärer Schichten auf ihnen ergibt;
auch ist Zeit gewesen zur Hervorbringung endemischer Arten
aus andern Klassen; und auf Kontinenten erscheinen und ver-
schwinden Säugthiere bekanntlich in rascherem Wechsel als
die andern tiefer- stehenden Thiere. Aber wenn auch Land-
Säugethiere auf ozeanischen Inseln nicht vorhanden, so finden
sich doch fliegende Säugthiere fast auf jeder Insel ein. Das nur
mit Zweifel hieher bezogene Neuseeland besitzt zwei Fleder-
mäuse, die sonst nirgends in der Welt vorkommen; die Norfolk-
Insel, der Viti-Archipel, die Bonins-Inseln, die Marianen- und
Carolinen-Gruppen und Mauritius: alle besitzen ihre eigenthüm-
lichen Fledermaus-Arten. Warum, kann man nun fragen, hat die
angebliche Schöpfungs-Kraft auf diesen entlegenen Inseln nur
Fledermäuse und keine andern Säugthiere hervorgebracht? Nach
meiner Anschauungs-Weise lässt sich diese Frage leicht beant-
worten, da kein Land-Säugthier über so weite Meeres-Slrecken
hinwegkommen kann, welche Fledermäuse noch zu überfliegen
im Stande sind. Man hat Fledermäuse bei Tage weit über den
Allaniischen Ozean ziehen sehen und zwei Nord- Amerikanische
428
Arten derselben besuchen die Bermuda-Insel, 600 Engl. Meilen
vom Festlande, regelmässig oder zufällig. Ich höre von Mr.
ToMES, welcher diese Familie näher studirt hat, dass viele Arten
derselben einzeln genommen eine ungeheure Verbreitung besitzen
und sowohl auf Kontinenten als weit entlegenen Inseln zugleich
vorkommen. Wir brauchen daher nur zu unterstellen, dass solche
wandernde Aj'ten durch Natürliche Züchtung der Bedingungen
ihrer neuen Heimalh angemessen modificirt worden seyen, und
wir werden das Vorkommen von Fledermäusen auf solchen Inseln
begreifen, wo sonst keine Land-Säugthiere vorhanden sind.
Neben der Abwesenheit der Land-Säugthiere auf Inseln,
welche von Kontinenten entlegen sind, ist noch eine andre Be-
ziehung in einer bis zu gewissem Grade davon unabhängigen
Weise zu berücksichtigen, die Beziehung nämlich zwischen der
Tiefe des eine Insel vom Festlande trennenden Meeres und dem
Vorkommen gleicher oder verwandter Säugthier-Arten auf beiden.
Hr. WiNDSOR Barl hat einige treffende Beobachtungen in dieser
Hinsicht über den grossen Malaijischen Archipel gemacht, welcher
in der Nähe von Celehes von einem Streifen sehr tiefen Meeres
durchschnitten wird, der zwei ganz verschiedene Säugthier-Fau-
nen trennt. Auf der einen Seite desselben liegen die Inseln auf
massig tiefen untermeerischen Bänken und sind von einander
nahe verwandten oder ganz identischen Säugthier-Arten bewohnt.
Allerdings kommen auch in dieser Insel-Gruppe einige wenige
Anomalien vor und ist es in einigen Fällen ziemlich schwer zu
beurtheilen, in wie ferne die Verbreitung gewisser Säugthiere
durch Naturalisirung von Seiten des Menschen bedingt ist; in-
zwischen werden die eifrigen Forschungen des Hrn. Wallace
bald mehr Licht auf die Naturgeschichte dieser Inseln werfen.
Ich habe bisher nicht Zeit gefunden, diesem Gegenstand auch in
andern Welt-Gegenden nachzuforschen; so weit ich aber damit
gekommen bin, bleiben die Beziehungen sich gleich. Wir sehen
Britannien durch einen schmalen Kanal vom Europäischen Fest-
lande getrennt, und die Säugthier-Arten sind auf beiden Seiten
die nämlichen. Ähnlich verhält es sich mit vielen nur durch
schmale Meerengen von Neilholland geschiedenen Eilanden. Die
429
Westindischen Inseln stehen auf einer fast 1000 Faden tief un-
tergetauchten Bank ; und hier finden wir zwar Amerikanische
Formen, aber von denen des Festlandes verschiedene Arten und
Sippen. Da das Maass der Abänderung überall in gewissem
Grade von der Zeit-Dauer abhängt und es eher anzunehmen ist,
dass durch seichte Meerengen abgesonderte Inseln länger als die
durch tiefe Kanäle geschiedenen mit dem Festlande in Zusammen-
hang geblieben sind, so vermag man den Grund einer oftmaligen
Beziehung zwischen der Tiefe des Meeres und dem Verwandt-
schafts-Grad einzusehen, der zwischen der Säuglhier-Bevölkerung
einer Insel und derjenigen des benachbarten Festlandes besteht,
eine Beziehung, welche bei Annahme einer selbstsländigen Schö-
pfung jeder Spezies ganz unerklärbar bleibt.
Alle vorangehenden Wahrnehmungen über die Bewohner
ozeanischer Eilande, insbesondere die Spärlichkeit der Arten, die
Menge endemischer Formen in einzelnen Klassen oder deren
Unterabtheilungen, das Fehlen ganzer Gruppen wie der Batrachier
und der am Boden lebenden Säugthiere trotz der Anwesenheit
fliegender Fledermäuse, die eigenlhümlichen Zahlen-Verhältnisse
in manchen Pflanzen-Ordnungen, die Verwandlung Kraut-artiger
Pflanzen-Formen in Bäume, alle scheinen sich mit der Ansicht,
dass im Verlaufe langer Zeiträume gelegenheilliche Transport-
Mittel viel zur Verbreitung der Organismen mitgewirkt haben,
besser als mit der Meinung zu verlragen, dass alle unsre ozea-
nischen Inseln vordem in unmittelbarem Zusammenhang mit dem
nächsten Festlande gestanden seyenj denn in diesem letzten Falle
würde die Einwanderung wohl vollständig gewesen seyn und
müssten, wenn man Abänderung zulassen will, alle Lebenformen
in gleicherer Weise, der äussersten Wichtigkeit der Beziehung
von Organismus zu Organismus entsprechend, modificirt wor-
den seyn.
Ich will nicht läugnen. dass da noch viele und grosse Schwie-
rigkeiten vorliegen zu erklären , auf welche Weise manche Be-
wohner vereinzelter Inseln, mögen sie nun ihre anfängliche Form
beibehalten oder seit ihrer Ankunft abgeändert haben, bis zu
ihrer gegenwärtigen Heimath gelangt seyen. Ich will nur ein
430
Beispiel dieser Art anführen. Fast alle und selbst die abgele-
gensten und kleinsten ozeanischen Inseln sind von Land-Schnecken
bewohnt, und zwar uieislens von i;nden)ischen, doch zuweilen
auch von anderwärts vorkommenden Arien. Dr. Aug. A. Goüld
hat einige interessante Falle von Land-Schnecken auf den Inseln
des Süllen Meeres milgelheilt. Nun ist eine anerkannte That-
sache, dass Land-Schnecken durch Salz sehr leicht zu tödten
sind, und ihre Eier (oder wenigstens diejenigen, womit ich Ver-
suche angestellt) sinken im See-Wasser unter und verderben.
Und doch muss es meiner Meinung nach irgend ein unbekanntes
aber höchst wirksames Verbreitungs-Mittel für dieselben geben.
Sollten vielleicht die jungen eben dem Eie entschlüpften Schneck-
chen an den Füssen irgend eines am Boden ausruhenden Vogels
emporkriechen und dann von ihm weiter getragen werden? Es
kam mir vor, als ob Land-Schnecken, im Zustande des Winter-
schlafs begriffen und mit einem Winterdeckel auf ihrer Schaalen-
Mündung versehen, in Spalten von Treibholz über ziemlich breite
See-Arme müssten geführt werden können, ohne zu leiden. Ich
fand sodann, dass verschiedene Arten in diesem Zustande ohne
Nachtheil sieben Tage lang im See-Wasser liegen bleiben können.
Eine dieser Arten war Helix pomatia, die ich nach längerer
Winterruhe noch zwanzig Tage lang in See-Wasser legte, worauf
sie sich wieder vollständig erholte. Da diese Art einen dicken
kalkigen Deckel besitzt, so nahm ich ihn ab, und als sich hierauf
wieder ein neuer häutiger Deckel gebildet hatte, tauchte ich sie
noch vierzehn Tage in See-Wasser, worauf sie wieder vollkom-
men zu sich kam und davon kroch: indessen weitere Versuche
in dieser Beziehung fehlen noch.
Die triftigste und für uns wichtigste Thatsache hinsichtlich
der Insel-Bewohner ist ihre Verwandtschaft mit den Bewohnern
des nächsten Festlandes, ohne mit denselben von oleichen Arten
zu seyn. Davon Hessen sich zahllose Beispiele anführen. Ich
will mich jedoch auf ein einziges beschränken, auf das der Ga-
lapagos-lnseln, welche 500—600 Engl Meilen von der Küste
Süd-Amerika's liegen. Hier trägt fast jedes Land- wie Wasser-
Produkt ein unverkennbares kontinental-amerikanisches Gepräge.
431
Dabei befinden sich 26 Arten Land-Vögel, von welchen 21 oder
vielleicht 23 als eigenthiimliche und hier gcschalTene Arten an-
oesehen werden : und doch ist die nahe Verwandtschaft der mei-
slen dieser Vögel mit Amerikanischen Arten in jedem ihrer Cha-
raktere, in Lebens-Weise, Beiragen und Ton der Stimme offen-
bar. So ist es auch mit andern Thieren und. wie Dr. Hookeb
in seinem ausgezeichneten Werke über die Flora dieser Insel-
Gruppe gezeigt, mit fast allen Pflanzen. Der Naturforscher, wel-
cher die Bewohner dieser vulkanischen Inseln des stillen Meeres
betrachtet, fühlt, dass er auf Amerikanischem Boden steht, ob-
wohl er noch einige hundert Meilen von dem Festlande entfernt
ist. Wie mag Diess kommen? Woher sollten die, angeblich nur
im Galapagos-hvc\\\'^e\ und sonst nirgends erschaffenen Arten
diesen so deutlichen Stempel der Verwandtschaft mit den in Ame-
rika geschaffenen haben? Es ist nichts in den Lebens-Bedingun-
gen, nichts in der geologischen Beschaffenheit, nichts in der Höhe
oder dem Klima dieser Inseln noch in dem Zahlen-Verhältnisse
der verschiedenen hier zusammengestellten Klassen, was den Le-
bens-Bedingungen auf den Süd-Amerikanischen Küsten sehr ähn-
lich wäre; ja es ist sogar ein grosser Unterschied in allen Be-
ziehungen vorhanden. Anderseits aber ist eine grosse Ähnlich-
keit zwischen der vulkanischen Natur des Bodens, dem Klima
und der Grösse und Höhe der Inseln der Galapagos einer- und
der Capverdischen Gruppe ander-seits. Aber welche unbedingte
und gänzliche Verschiedenheit in ihren Bewohnern! Die der In-
sein des grünen Vorgebirges stehen zu Afrika im nämlichen Ver-
hältnisse, wie die der Galapagos zu Amerika. Ich glaube, diese
bedeutende Thatsache hat von der gewöhnlichen Annahme einer
unabhängigen Schöpfung der Arten keine Erklärung zu erwarten,
während nach der hier aufgestellten Ansicht es offenbar ist, dass
die Galapagos entweder durch gelegenheitliche Transport-Mittel
oder in Folge eines früheren unmittelbaren Zusammenhangs mit
Amerika von diesem Welttheile. wie die Capverdischen Inseln
von Afrika aus, bevölkert worden sind, und dass, obwohl diese
Kolonisten Abänderungen erfahren haben, sie doch ihre erste
Geburts-Stätte durch das Vererbliclikeits-Prinzip verrathen.
432
Und so Hessen sich noch viele analoge Fälle anführen; denn
es ist in der That eine fast allgemeine Regel, dass die endemi-
schen Erzeugnisse der Inseln mit denen der nächsten Festländer
oder andrer benachbarter Inseln in Beziehung stehen. Ausnah-
men sind selten und gewöhnlich leicht erklärbar. So sind die
Pflanzen von Kerguelen-Land, obwohl dieses näher bei Afrika
als bei Amerika liegt, nach Dr. Hooker's Bericht sehr enge mit
denen der Amerikanischen Flora verwandt; doch erklärt sich
diese Abweichung durch die Annahme, dass die genannte Insel
hauptsächlich durch strandende Eisberge bevölkert worden seye,
welche den vorherrschenden See-Slrömungen folgend Steine und
Erde voll Saamen mit sich geführt haben. Neuseeland ist hin-
sichtlich seiner endemischen Pflanzen mit NeuhoUand als dem
nächsten Kontinente näher als mit irgend einer andern Gegend
verwandt, wie es zu erwarten ist; es hat aber auch oiTenbare
Verwandtschaft mit Süd-Amerika, das, wenn auch das zweil-
nächste Festland, so ungeheuer entfernt ist, dass die Thatsache
als eine Anomalie erscheint. Doch auch diese Schwieriorkeit
verschwindet grösstenlheils unter der Voraussetzung, dass Neu-
seeland, Süd-Amerika u. a. südliche Länder vor lanoren Zeiten
theilweise von einem entfernt gelegenen Mittelpunkte, nämlich
von den antarktischen Inseln aus bevölkert worden seyen, vor
dem Anfange der Eis-Periode. Die, wenn auch nur schwache,
aber nach Dr. Hooker doch thatsächliche Verwandtschaft zwischen
den Floren der südwestlichen Spitzen Atistraliens und des Caps
der guten Hoffnung ist ein viel merkwürdigerer Fall und für jetzt
unerklärlich; doch ist dieselbe auf die Pflanzen beschränkt und
wird auch ihrerseits sich gewiss eines Tages noch aufklären lassen.
Das Gesetz, vermöge dessen die Bewohner eines Archipels,
wenn auch in den Arten verschieden, zumeist mit denen des
nächsten Festlandes übereinstimmen, wiederholt sich zuweilen in
kleinerem Maassstabe aber in sehr interessanter Weise innerhalb
einer und der nämlichen Insel-Gruppe. Namentlich haben ganz
wunderbarer Weise die verschiedenen Inseln des nur kleinen
Galapagos-kxch\^a\s, wie schon anderwärts gezeigt worden, ihre
eigenthümlichen Bewohner, so dass fast auf jeder derselben andre
433
Arten vorkommen, welche aber in unvergleichbar näherer Ver-
wandischart zu einander stehen, als die irgend eines andern
Theiles der Welt, Und Diess ist nach meiner Anschauungs-
Weise zu erwarten gewesen, da die Inseln so nahe beisammen
liegen, dass alle zuverlässig ihre Einwanderer entweder aus glei-
cher Urquelle oder eine von der andern erhalten haben müssen.
Aber man könnte gerade die Verschiedenheit zwischen den en-
demischen Bewohnern der einzelnen Inseln als Argument gegen
meine Ansicht gebrauchen 5 denn man könnte fragen, wie es
komme, dass auf diesen verschiedenen Inseln, welche einander
in Sicht liegen und die nämliche geologische Beschaffenheit, die-
selbe Höhe und das gleiche Klima besitzen, so viele Einwanderer
auf jeder in einer andren und doch nur wenig verschiedenen
Weise modiflzirt worden seyen? Diess ist auch mir lange Zeit
als eine grosse Schwierigkeit erschienen, was aber hauptsächlich
von dem tief eingewurzelten Irrthum herrührt, die physischen
Bedingungen einer Gegend als das Wichtigste für deren Bewoh-
ner zu betrachten, während doch nicht in Abrede gestellt werden
kann, dass die Natur der übrigen Organismen, mit welchen sie
selbst zu kämpfen haben, wenigstens eben so hoch anzuschlagen
und gewöhnlich eine noch wichtigere Bedingung ihres Gedeihens
seye. Wenn wir nun diejenigen Bewohner der Galapagos, welche
als nämliche Spezies auch in andern Gegenden der Erde noch
vorkommen (wobei für einen Augenblick die endemischen Arten
ausser Betracht bleiben müssen, weil wir die seit der Ankunft
dieser Organismen auf den genannten Inseln erfolgten Umände-
rungen untersuchen wollen), so finden wir einen grossen Unter-
schied zwischen den einzelnen Inseln selbst. Diese Verschieden-
heit wäre aus der Annahme erklärlich, dass die Inseln durch ge-
legenheitliche Transport-Mittel bestockt worden seyen, so dass
z. B. der Saame einer Pflanzen-Art zu einer und der einer an-
dern zu einer andern Insel gelangt wäre. Wenn daher in frühe-
rer Zeit ein Einwandrer sich auf einer oder mehren der Inseln
angesiedelt oder sich später von einer zu der andern Insel ver-
breitet hätte, so würde er zweifelsohne auf den verschiedenen Inseln
verschiedenen Lebens-Bedingungen ausgesetzt gewesen seyn; denn
D.VKWIN, Entstehung der Arten. 2. Auü. 28
434
er hätte auf jeder Insel mit andern Organismen zu werben ge-
habt. Eine Pflanze z. B. hätte den für sie am meisten geeigneten
Grund auf der einen Insel schon vollständiger von andern Pflan-
zen eingenommen gefunden, als auf der andern, und wäre den
Angriffen etwas verschiedener Feinde ausgesetzt gewesen. Wenn
sie nun abänderte, so wird die Natürliche Züchtung wahrschein-
lich auf verschiedenen Inseln verschiedene Varietäten begünstigt
haben. Einzelne Arten jedoch werden sich über die ganze Gruppe
verbreitet und überall den nämlichen Charakter beibehalten haben,
wie wir auch auf Festländern manche weit verbreitete Spezies
überall unverändert bleiben sehen.
Doch die wahrhaft überraschende Thatsache auf den Gala-
pagos wie in minderem Grade in einigen anderen Fällen besieht
darin, dass sich die neu-gebildeten Arten nicht über die ganze
Insel -Gruppe ausgebreitet haben. Aber die einzelnen Inseln,
wenn auch in Sicht von einander gelegen, sind durch tiefe Mee-
res-Arme, meistens breiter als der britische Kanal, von einander
geschieden, und es liegt kein Grund zur Annahme vor, dass sie
früher unmittelbar mit einander vereinigt gewesen seyen. Die
Seeströmungen sind heftig und gehen queer durch den Archipel
hindurch, und heftige Windstösse sind ausserordentlich selten,
so dass die Inseln thatsächlich stärker von einander geschieden
sind, als Diess beim Ansehen einer Karte scheinen mag. Dem-
ungeachtet sind doch ziemlich viele Arten, sowohl anderwärts
vorkommende wie dem Archipel eigenthümlich angehörende, meh-
ren Inseln gemeinsam, und einige Verhältnisse führen zur Ver-
muthung, dass diese sich wahrscheinlich von einem der Eilande
aus zu den andern verbreitet haben. Aber wir bilden uns, wie
ich glaube, oft eine irrige Meinung über die Wahrscheinlichkeit,
dass nahe verwandte Arten bei freiem Verkehre die eine ins Ge-
biet der andern vordringen werden. Es unterliegt zwar keinem
Zweifel, dass, wenn eine Art irgend einen Vorlheil über eine
andere hat, sie dieselbe in kurzer Zeit mehr oder weniger er-
setzen wird ; wenn aber beide gleich gut für ihre Stellen in der
Natur gemacht sind, so werden sie wahrscheinlich ihre eigenen
Plätze behaupten und für alle Zeit behalten. Wenn wir wissen,
435
dass viele von Menschen einmal naturalisirle Arten sich mit er-
staunlicher Schnelligkeit über neue Gegenden verbreitet liaben,
so sind wir wohl zu glauben geneigt, dass die meisten Arten es
ebenso machen würden ; aber wir müssen bedenken, dass die in
neuen Gegenden naturalisirten Formen gewöhnlich keine nahen
Verwandten der Ureinwohner, sondern eigenthümliche Arten sind,
welche nach Alph. DeCandolle verhältnissmässig sehr oft auch
besondern Sippen angehören. Auf den Galapagos sind sogar
viele Vögel, welche ganz wohl im Stande wären von Insel zu
Insel zu fliegen, von einander verschieden, wie z B. drei ein-
ander nahe stehende Arten von Spottdrosseln jede auf ein be-
sondres Eiland beschrankt sind. Nehmen wir nun an, die Spott-
drossel von Chatam-Island werde durch einen Sturm nach Char-
les-Island verschlagen, das schon seine eigene Spottdrossel hat,
wie sollte sie dazu gelangen sich hier festzusetzen ? Wir dürfen
mit Gewissheit annehmen, dass Charles-Islmid mit ihrer eigenen
Art wohl besetzt ist, indem jährlich mehr Eier dort gelegt wer-
den als auskommen können, und wir dürfen ferner annehmen,
dass die Art von Charles-Island für diese ihre Heimalh wenig-
stens eben so gut geeignet ist als der neue Ankömmling. Sir
Ch. Lyell und Hr. Wollaston haben mir eine merkwürdige zur
Erläuterung dieser Verhältnisse dienende Thatsache mitgetheilt,
dass nämlich Madeira und das dicht dabei gelegene Porto Santo
viele einander vertretende Landschnecken besitzen, von welchen
einige in Fels-Spalten leben; und obwohl grosse Stein-Massen
jährlich von Porto Santo nach Madeira gebracht werden, so ist
doch diese letzte Insel noch nicht mit den Arten von Porto
Santo bevölkert worden; aber auf beiden Inseln haben sich Eu-
ropäische Arten angesiedelt, weil sie zweifelsohne irgend einen
Vortheil vor den eingeborenen voraus hatten. Hiernach werden
wir uns nicht mehr sehr darüber wundern dürfen, dass die en-
demischen und die stellvertretenden Arten, welche die verschie-
denen Galapagos-lnsdn bewohnen, sich noch nicht von Insel zu
Insel verbreitet haben. In vielen andern Fällen, wie in den ver-
schiedenen Bezirken eines Kontinentes, mag die frühere Besitz-
ergreifung durch eine Art wesentlich dazu beigetragen haben,
28 *
436
die Vermischung von Arten unter gleichen Lebens-Bedingungen
zu hindern. So haben die südöstliche und südwestliche Ecke
Neuhollands eine nahezu gleiche physikalische Beschaffenheit und
sind durch zusammenhängendes Land miteinander verkettet, aber
gleichwohl durch eine grosse Anzahl verschiedener Säugelhier-,
Vögel- und Pflanzen-Arten bewohnt.
Das Prinzip, welches den allgemeinen Charakter der Fauna
und Flora der ozeanischen Inseln bestimmt, dass nämlich deren
Bewohner, wenn nicht genau die nämlichen Arten, doch offenbar
mit den Bewohnern derjenigen Gegenden am nächsten verwandt
sind, von welchen aus die Kolonisirung am leichtesten stattfinden
konnte, und dass die Kolonisten nachher abgeändert und für ihre
neue Heimath geschickter gemacht worden sind: dieses Prinzip
ist von der weitesten Anwendbarkeit in der ganzen Natur. Wir
sehen Diess an jedem Berg, in jedem See, in jedem Marschlande.
Denn die alpinen Arten, mit Ausnahrae der durch die Glacial-Er-
eignisse weithin verbreitßten Formen hauptsächlich von Pflanzen,
sind mit denen der umgebenden Tiefländer verwandt; und so
haben wir in Süd-Amerika alpine Kolibris, alpine Nager, alpine
Pflanzen, aber alle von streng Amerikanischen Formen; und es
liegt nahe, dass ein Gebirge während seiner allmählichen Empor-
hebung aus den benachbarten Tiefländern auf natürliche Weise
kolonisirt worden seye. So ist es auch mit den Bewohnern der
Seen und Marschen, so weit nicht durch grosse Leichtigkeit der
Überführung aus einer Gegend in die andre die ganze Erd-Ober-
fläche mit den nämlichen allgemeinen Formen versehen worden
ist. Wir sehen dasselbe Prinzip bei den blinden Höhlen Thieren
Europas und Amerikas, sowie in manchen andern Fällen. Es
wird sich nach meiner Meinung tiberall bestätigen, dass, wo im-
mer in zwei sehr von einander entfernten Gegenden viele nahe-
verwandte oder stellvertretende Arten vorkommen, auch einige
identische Arten vorhanden sind, welche in Übereinstimmung mit
der vorangehenden Ansicht zeigen, dass in irgend einer früheren
Periode ein Verkehr oder eine Wanderung zwischen beiden Ge-
genden stattgefunden hat. Und wo immer nahe verwandte Arten
vorkommen, da werden auch viele Formen seyn, welche einige
437
Naturforscher als besondre Arten und andre nur als Varietäten
betrachten. Diese zweifelhaften Formen drücken uns die Stufen
in der fortschreitenden Abänderung aus.
Diese Beziehung zwischen Wanderungs-Vermögen und Aus-
dehnung einer Art, (seye es in jetziger Zeit oder in einer frü-
heren Periode unter verschiedenen natürlichen Bedingungen) und
dem Vorkommen andrer verwandter Arten in entfernten Theilen
der Erde ergibt sich in einer noch allgemeinern Weise. Hr.
GouLD sagte mir vor langer Zeit, dass in denjenigen Vogel-Sippen,
welche sich über die ganze Erde erstrecken, auch viele Arten
eine weile Verbreitung besitzen. Ich vermag kaum zu bezwei-
feln, dass diese Regel allgemein richtig ist, obwohl Diess schwer
zu beweisen seyn dürfte. Unter den Säugthieren finden wir sie
scharf bei den Fledermäusen und in schwächerem Grade bei den
Hunde- und Katzen-artigen Thieren ausgesprochen. Wir sehen
sie in der Verbreitung der Schmetterlinge und Käfer. Und so
ist es auch bei den meisten Süsswasser-Thieren, unter welchen
so viele Sippen über die ganze Erde reichen und viele einzelne
Arten eine ungeheure Verbreitung besitzen. Es soll nicht be-
hauptet werden, dass in den weit-verbreiteten Sippen alle Arten
in weiter Ausdehnung vorkommen oder auch nur eine durch-
schnittlich grosse Ausbreitung besitzen, sondern nur dass es mit
einzelnen Arten der Fall ist; denn die Leichtigkeit, womit weil-
verbreitete Spezies variiren und zur Bildung neuer Formen Ver-
anlassung geben, bestimmt ihre durchschnittliche Verbreitung in
genügender Weise. So können zwei Varietäten einer Art die
eine Europa und die andere Amerika bewohnen, und die Art
hat dann eine unermessliche Verbreitung; ist aber die Abände-
rung etwas weiter gediehen, so werden die zwei Varietäten als
zwei verschiedene Arten gelten und die Verbreitung einer jeden
wird sehr beschränkt erscheinen. Noch weniger soll gesagt
werden, dass eine Art, welche offenbar das Vermögen besitzt,
Schranken zu überschreiten und sich weit auszubreiten, wie mancher
langschwingige Vogel sich auch weit ausbreiten muss^ denn wir
dürfen nicht vergessen, dass zur weiten Verbreitung nicht allein
das Vermögen Schranken zu überschreiten, sondern auch noch
438
das bei wcitein wiclitigere Vermögen gehört, in fernen Landen
den Kampf ums Daseyn mit den neuen Genossen siegreich zu
bestehen. Aber nach der Annahme, dass alle Arten einer Sippe,
wenn gleich jetzt über die entferntesten Theile der Erde zer-
streut, von einem gemeinsamen Stamm-Vater abstammen, müss-
ten (und Diess ist, glaube ich, der Fall) wenigstens einige Ar-
ten eine weite Verbreitung besitzen ; denn es ist nothwendig,
dass der noch unveränderte Ahne sich unter fortwährender Ab-
änderung weit verbreite und unter verschiedenartigen Lebens-
Bedingungen eine günstige Stellung für die Umgestaltung seiner
Nachkommen zuerst in neue Varietäten und endlich in neue Ar-
ten gewinne.
Bei Betrachtung der weiten Verbreitung mancher Sippen
dürfen wir nicht vergessen, dass viele derselben ausserordentlich
alt sind und von einem gemeinsamen Stamm-Vater in einer sehr
frühen Periode abstammen müssen ; daher in solchen Fällen ge-
nügende Zeit war sowohl für grosse klimatische und geogra-
piiische Veränderungen als für die Verpflanzung-vermittelnden Zu-
fälle, folglich auch für die Wanderung der Arten nach allen
Theilen der Welt, wo sie dann in einer den neuen Verhältnissen
angemessenen Weise abgeändert worden sind. Ebenso scheint
sich aus geologischen Nachweisungen zu ergeben, dass in jeder
Hauptklasse die tief-stehenden Organismen gewöhnlich langsamer
als die höheren Formen abändern; daher die tieferen Formen
mehr in der Lage gewesen sind, ihre speziQschen Merkmale lange
zu behaupten und sich damit weit zu verbreiten. Diese That-
sache in Verbindung mit dem Umstände, dass die Saamen und
Eier vieler tief-stehenden Formen sich durch ihre ausserordent-
liche Kleinheit zur weiten Forlführung vorzugsweise eignen, er-
klärt wahrscheinlich zur Genüge ein Gesetz, welches schon längst
bekannt und erst unlängst von Alph. DeCandolle in Bezug auf
die Pflanzen vortrefi'lich erläutert worden ist: dass nämlich jede
Gruppe von Organismen sich zu einer um so weitren Verbreitung
eigne, je tiefer sie steht.
Die soeben erörterten Beziehungen, dass nämlich unvollkom-
mene und sich langsam abändernde Organismen sich weiter als
439
dio vollkommenen verbreiten, — dnss einige Arien weit ausge-
breiteter Sippen selbst eine grosse Verbreitung besitzen, — ■
(lass Alpen-, Sumpf- und Marsch-Bewobner (mit den angedeu-
teten Ausnahmen) ungeachtet der Verschiedenheit der Standorte
mit denen der umgebenden Tief- und Trockenländer verwandt
sind, — dann die sehr enge Beziehung zwischen den verschie-
denen Arten, welche die einzelnen Eilande einer Insel-Gruppe
bewohnen, — und insbesondre die auffallende Verwandtschaft
der Bewohner einer ganzen Insel-Gruppe mit denen des nächsten
Festlandes: alle diese Verhältnisse sind nach meiner Meinung
nach der gewöhnlichen Annahme einer unabhängigen Schöpfung
der einzelnen Arten völlig unverständlich, dagegen leicht zu er-
klären durch die Unterstellung stattgefundener Besiedelung aus
der nächsten oder gelegensten Quelle mit nachfolgender Abände-
rung und besserer Anpassung der Ansiedeier an ihre neue
Heimath.
Zusammenfassung des letzten und des jetzigen
Kapitels.) In diesen zwei Kapiteln habe ich nachzuweisen ge-
strebt, dass, wenn wir unsre Unwissenheit über alle Folgen der
klimatischen und Niveau-Veränderungen der Länder, welche in
der laufenden Periode gewiss vorgekommen sind, und noch an-
derer Veränderungen, die in derselben Zeit stattgefunden haben
mögen, gebührend eingestehen und unsre tiefe Unkenntniss der
manchfaltigen gelegenheitlichen Transport-Mittel (worüber kaum
jemals angemessene Versuche veranstaltet worden sind) anerken-
nen, und wenn wir erwägen, wie oft eine oder die andre Art
sich über ein zusammenhängendes weites Gebiet ausgebreitet
haben mag, um sofort in den mittein Theilen desselben zu er-
löschen, so scheinen mir die Schwierigkeiten der Annahme, dass
alle Individuen einer Spezies, wo immer deren Wiege gestanden,
von gemeinsamen Altern abstammen, nicht unübersteiglich zu
seyn; und so leiten uns schliesslich Betrachtungen allgemeiner
Art insbesondere über die V\^ichtigkeit der natürlichen Schranken
und die analoge Verlheilung von Unlersippen, Sippen und Fami-
lien zur Annahme dessen, was viele Naturforscher als einzelne
Schöpfungs-Mittelpunkte bezeichnet haben.
440
Was die verscliicdencn Arien einer nämlichen Sippe betrifft,
die nach meiner Theorie von einer Geburls-Stiitle ausgegangen
seyn sollen, so halle ich, wenn wir unsre Unwissenheit so wie
vorhin eingestehen und bedenken, dass manche Lebenformen
nur sehr langsam abändern und mithin ungeheuer langer Zeit-
räume für ihre Wanderungen bedurften, die Schwierigkeiten nicht
für unüberwindlich, obgleich sie in diesem Falle so wie hinsicht-
lich der Individuen einer nämlichen Art oft ausserordentlicii
gross sind.
Um die Wirkung des Klima-Wechsels auf die Vertheilung
der Organismen durch Beispiele zu erläutern, habe ich die
Wichtigkeit des Einflusses der Eis-Zeit nachzuweisen gesucht,
welche nach meiner vollen Überzeugung sich gleichzeitig über
die ganze Erd-Oberfläche oder wenigstens über grosse Längen-
Striche derselben erstreckt hat. Und um zu zeigen, wie manch-
faltig die gelegentlichen Transport-Mittel sind, habe ich die Aus-
breitungs-Weise der Süsswasser-Bewohner etwas ausführlicher
auseinandergesetzt.
Wenn sich die Schwierigkeiten der Annahme, dass im Ver-
laufe langer Zeiten die Einzelwesen einer Art eben so wie die
verwandten Arten von einer gemeinsamen Quelle ausgegangen,
sich nicht unübersteiglich erweisen, dann glaube ich, dass alle
leitenden Erscheinungen der geographischen Verbreitung milteist
der Theorie der Wanderung (hauptsächlich der herrschenden
Lebenforraen) und darauf-folgender Abänderung und Vermehrung
der neuen Formen erklärbar sind. Man vermag alsdann die grosse
Bedeutung der natürlichen Schranken - Wasser oder Land -
zwischen den verschiedenen botanischen wie zoologischen Pro-
vinzen zu erkennen. Man vermag dann die örtliche Beschränkuno-
von Untersippen, Sippen und Familien zu begreifen, und wobei-
es komme, dass in verschiedenen geographischen Breiten, wie
z. B. in Süd-Amerika, die Bewohner der Ebenen und Berge
der Wälder, Marschen und Wüsten, in so geheimnissvolier Weise'
durch Verwandtschaft miteinander wie mit den erloschenen Wesen
verkettet sind, welche ehedem denselben Welttheil bewohnt haben.
Indem wir erwägen, dass die gegenseitigen Beziehungen von
441
Organismus zu Organismus von höchster Wichtigkeit sind, ver-
mösfen wir einzusehen, warum zwei Gebiete mit beinahe den
gleichen physikalischen Bedingungen von verschiedenen Leben-
formen bewohnt sind. Denn je nach der Länge der seit der
Ankunft der neuen Bewohner in einer Gegend verflossenen Zeit,
— je nach der Natur des Verkehrs, welcher gewissen Formen
gestattete und andern wehrte sich in grösserer oder geringerer
Anzahl einzudrängen, — je nachdem diese Eindringlinge in mehr
oder weniger unmittelbare Bewerbung miteinander und mit den
Urbewohnern gerielhen oder nicht, — und je nachdem dieselben
mehr oder weniger rasch zu variiren fähig waren: müssen in
verschiedenen Gegenden, ganz unabhängig von ihren physika-
lischen Verhältnissen, unendlich vermanchfachte Lebens-Bedingun-
gen entstanden seyn, muss ein fast endloser Betrag von organi-
scher Wirkung und Gegenwirkung sich entwickelt haben, — und
müssen, wie es wirklich der Fall ist, einige Gruppen von Wesen
in hohem und andre nur in geringem Grade abgeändert, müssen
einige zu grossem Übergewicht entwickelt und andre nur in ge-
ringer Anzahl in den verschiedenen grossen geographischen Pro-
vinzen der Erde vorhanden seyn.
Nach diesen nämlichen Prinzipien ist es, wie ich nachzu-
weisen versucht, auch zu begreifen, warum ozeanische Inseln
nur wenige, aber der Mehrzahl nach endemische oder eigenthüm-
liche Bewohner haben, und warum daselbst in Übereinstimmung
mit den Wanderungs-lVIitteln eine Gruppe von Wesen lauter en-
demische und die andere Gruppe, sogar in der nämlichen Klasse,
lauter wellbürgerliche Arten darbietet. Es lässt sich einsehen,
warum ganze Gruppen von Organismen, wie Batrachier und Boden-
Säugthiere, auf den ozeanischen Inseln fehlen, während die mei-
sten vereinzelt liegenden Inseln ihre eigenthümlichen Arten von
Luft-Säugelhieren oder Fledermäusen besitzen. Es lässt sich die
Ursache einer gewissen Beziehung erkennen zwischen der An-
wesenheit von Säuglhieren von mehr oder weniger abgeänderter
BeschalTenheit und der Tiefe der die Inseln vom Festlande tren-
nenden Kanäle. Es ergibt sich deutlich, warum alle Bewohner
einer Insel- Gruppe, wenn auch auf jedem der Eilande von andrer
442
Art, doch innig miteinander und, in ininderm Grade, inil denen
des nächsten Festlandes oder des sonst wahrscheinlichen Stainm-
landes verwandt sind. Wir sehen endlich ein, warum in zwei,
wenn auch weit von einander entfernten, Länder-Gebieten eine
gewisse Wechselbeziehung in der Anwesenheit von identischen
Arten, von Varietäten, von zweifelhaften Arten und von verschie-
denen aber stellvertretenden Spezies zu erkennen ist.
Wie der verstorbene Edwahd Fordes oft behauptet: es be-
steht ein strenger Parallelismus in den Gesetzen des Lebens durch
Zeit und Raum. Die Gesetze, welche die Aufeinanderfolge der
Formen in vergangenen Zeiten geleitet, sind fast die nämlichen,
wovon in der laufenden Periode deren Unterschiede in verschie-
denen Länder-Gebieten abhängen. Wir erkennen Diess aus vielen
Thatsachen. Die Erscheinung jeder Art und Arten-Gruppe ist
zusammenhängend in der Zeit; denn der Ausnahmen von dieser
Regel sind so wenige, dass sie wohl am richtigsten daraus er-
klärt werden, dass wir deren in den mittlen Schichten vorkom-
menden Reste nur noch nicht entdeckt haben; — sie ist zu-
sammenhängend im Räume, indem die allerdings nicht seltenen
Ausnahmen sich dadurch erklären, dass jene Arten in einer frü-
heren Zeit unter abweichenden Verhältnissen in regelmässiger
Weise oder mittelst gelegenheitlichen Transportes über weite
Flächen gewandert, aber dann in den mittlen Gegenden derselben
erloschen sind. Arten und Arten-Gruppen haben ein Maximum
der Entwickelung in der Zeit wie im Raum. Arten- Gruppen,
welche in einen gewissen Zeit-Abschnitt oder in einen gewissen
Raum-Bezirk zusammengehören, sind oft durch besondre auffal-
lende Merkmale in Skulptur oder Farbe u. s. w. charakterisirt.
Wenn wir die lange Reihe verflossener Zeit-Abschnitte mit den
mehr und weniger weit über die Erd-Oberfläche vertheilten zoo-
logischen und botanischen Provinzen vergleichen, so finden wir
hier wie dort, dass einige Organismen nur wenig differiren,
während andre aus andren Klassen, Ordnungen oder auch nur
Familien weit abweichen In Zeit und Raum ändern die tieferen
Glieder jeder Klasse gewöhnlich minder als die höhern- ab ; doch
kommen in beiden auffallende Ausnahmen von dieser Regel vor.
443
Nach meiner Theorie sind diese verschiedenen Beziehungen durch
Zeit und Raum ganz begreiflich; denn sowohl die Lebenlormen,
welche in aufeinander-folgenden Zeitaltern innerhalb derselben
Theile der Erd-Oberfläche gewechselt, als jene, welche erst im
Verhältnisse ihrer Wanderungen nach andern Weltgegenden sich
abgeändert, beiderlei Formen sind in jeder Klasse durch das
nämliche Band der Generation miteinander verkettet; und je
näher zwei Formen in Blutverwandtschaft zu einander stehen,
desto näher werden sie sich gewöhnlich auch in Zeit und Raum
stehen. In beiden Fällen sind die Gesetze der Abänderung die
nämlichen gewesen und sind Modifikationen durch die nämliche
Kraft der Natürlichen Züchtung gehäuft worden.
Wecliselscitige Verwaudtscliaft orgauischer Körper; Mor-
phologie; Embryologie; Rudimentäre Orgaue.
Klassifikation: Unterordnung der Gruppen. — Natürliches System. —
Regeln und Schwierigkeilen der Klassifikation erklärt aus der Theorie der
Fortpflanzung mit Abänderung. — Klassifikation der Varietäten. — Ab-
stammung bei der Klassifikation gebraucht. — Analoge oder Anpassungs-
Charaktere. — Verwandtschaften: allgemeine verwickelte und strah-
lenförmige. — Erlöschung trennt und begrenzt die Gruppen. — Morpho-
logie: zwischen Gliedern einer Klasse und zwischen Theilen eines Einzel-
wesens. — Embryologie: deren Gesetze daran.*! erklärt, dass Abände-
rung nicht in allen Lebens-Arten eintritt, aber in korrespondirendem Alter
vererbt wird. — Rudimentäre Organe: ihre Entstehung erklärt. —
Zusammenfassung.
Von der ersten Stufe des Lebens an gleichen alle organi-
schen Wesen einander in immer weiter abnehmendem Grade,
so dass man sie in Gruppen und Untergruppen klassifiziren kann.
Diese Gruppirung ist olfenbar nicht willkürlich, wie die der
Sterne zu Gestirnen. Das Daseyn von Gruppen würde eine viel-
fache Bedeutung haben, wenn eine Gruppe ausschliesslich für die
Land- und eine andre für die Wasser-Bewohner, eine für die
444
Fleisch-, eine andre für die Pflanzen-Fresser u. s. w. bestimmt
wiire ; in der Natur aber verhält sich die Sache sehr abweichend,
indem es beliannt ist, wie oft sogar Glieder einer nämlichen Un-
tergruppe verschiedene Lebens- Weisen besitzen. Im zweiten
und vierten Kapitel, von Abänderung und Natürlicher Züchtung
handelnd, habe ich zu zeigen versucht, dass es in jeder Gegend
die weit verbreiteten, die überall gemeinen und die herrschenden
Arten der grossen Sippen in jeder Klasse sind, die am meisten
variiren. Die so gebildeten Varietäten oder beginnenden Arten
gehen, wie ich glaube, allmählich in neue und verschiedene Arten
über, welche nach dem Vererbungs-Prinzip geneigt sind andre
neue und herrschende Arten zu erzeugen. Demzufolge streben
die Gruppen, welche jetzt gross sind und gewöhnlich viele herr-
schende Arten in sich einschliessen , ohne Ende an Umfang zu-
zunehmen. Ich habe weiter nachzuweisen gesucht, dass aus dem
Streben der abändernden Nachkommen einer Art so viele und
verschiedene Stellen als möglich im Haushalte der Natur einzu-
nehmen, eine beständige Neigung zur Divergenz der Charaktere
entspringt. Diese Folgerung war unterstützt worden durch die
Betrachtung der grossen Manchfaltigkeit, die auf den kleinsten
Feldern in Mitbewerbung zu einander gerathen, und durch die
Wahrnehmung gewisser Thatsachen bei der Naturalisirung.
Ich habe weiter darzuthun versucht, dass bei den in Zahl
und in Divergenz des Charakters zunehmenden Formen ein fort-
währendes Streben vorhanden ist, die früheren minder divergen-
' ten und minder verbesserten Formen zu unterdrücken und zu
ersetzen. Ich ersuche den Leser, nochmals das Bild (S. 131)
anzusehen, welches bestimmt gewesen ist, diese verschiedenen
Prinzipien zu erläutern, und er wird finden, dass die einem ge-
meinsamen Stamm-Vater entsprossenen abgeänderten Nachkommen
unvermeidlich immer weiter in unterbrochenen Gruppen und Un-
tergruppen auseinanderlaufen müssen. In dem genannten Bilde
mag jeder Buchstabe der obersten Linie eine Sippe bezeichnen,
welche mehre Arten enthält, und alle Sippen dieser obern Linie
bilden miteinander eine Klasse, indem alle von einem gemein-
samen alten aber unsichtbaren Stammvater entspringen und mithin
445
irgend etwas Gemeinsames ererbt haben. Aber die drei Sippen
auf der linken Seite haben diesem nämlichen Prinzip zufolge
mehr miteinander gemein und bilden eine Unterfamilie verschieden
von derjenigen, welche die zwei rechts zunächst-folgenden ein-
schliesst, die auf der fünften Abstammungs-Stufe einem ihnen
und jenem gemeinsamen Stamm-Vater entsprungen sind. Diese
fünf Genera haben auch noch Manches, doch weniger als vorhin
miteinander gemein und bilden miteinander eine Familie, ver-
schieden von der die nächsten drei Sippen weiter rechts umfas-
senden, welche sich in einer noch früheren Periode von den
vorigen abgezweigt hat. Und alle diese von A entsprungenen
Sippen bilden eine von der aus I entsprossenen verschiedene
Ordnung. So haben wir hier viele Arten von gemeinsamer Ab-
stammung in mehre Genera vertheilt, und diese Genera bilden,
indem sie zu immer grösseren Gruppen zusammentreten, erst Unter-
familien und dann Ordnungen miteinander, welche zu einer Klasse
gehören. So erklärt sich nach meiner Ansicht in der Naturge-
schichte die grosse Erscheinung der Unterabtheilung der Gruppen,
die uns freilich in Folge unsrer Gewöhnung daran nicht mehr
sehr aufzufallen pflegt. (Es soll damit nicht gesagt werden, dass
es keine andre Erklärung von der Unterordnung der Charaktere
gebe. Wir wissen, dass Hr. Maw als Einwand gegen unsre
Theorie hervorgehoben hat, dass man auch Mineralien und selbst
Elementar-Stoffe in Gruppen und Untergruppen klassifiziren könne.
In diesem Falle gibt es natürlich keine genealogische Aufeinan-
derfolge. Aber die oben entwickelte Ansicht erklärt die Klassi-
fikation bei den organischen Körpern, und eine andre Erklärung
ist nie aufgestellt worden.)
Die Naturforscher bemühen sich die Arten, Familien und
Sippen jeder Klasse in ein sogen, natürliches System zu ordnen.
Aber was ist Diess für ein System? Einige Schriftsteller be-
trachten es nur als ein Fachwerk, worin die einander ähnlichsten
Lebenwesen zusammen-geordnet und die unähnlichsten ausein-
ander-gehalten werden, — oder als ein künstliches Mittel um all-
gemeine Beschreibungen so kurz wie möglich auszudrücken, so
dasSj wenn man z. B. in einem Satz (Diagnose) die allen Säug-
446
Ihieren, in einem andern die allen Raub-Säugthieren und in einem
drillen die allen Hunde -artigen Raub-Säuglhieren gemeinsamen
Merkmale zusammengeCasst hat, man endlich im Stande ist, schon
durch Beifügung noch eines ierneren Satzes eine vollständige Be-
schreibung jeder beliebigen Hunde-Art zu liefern. Das Sinnreiche
und Nützliche dieses Systems ist unbestreitbar ; doch glauben
einige Naturforscher, dass das natürliche System noch eine weitre
Bestimmung habe, nämlich die den Plan des Schöpfers zu ent-
hüllen; so lange als es aber keine Ordnung im Räume oder in
der Zeit oder in beiden nachweist, und als nicht näher bezeichnet
wird, was mit dem »Plane des Schöpfers« gemeint seye, scheint
mir damit für unsre Kenntniss nichts gewonnen zu seyn. Solche
Ausdrücke, wie die berühmten LiNNE'schen, die wir oft in man-
cherlei Einkleidungen versteckt wieder finden, dass nämlich die
Charaktere nicht die Sippe machen, sondern die Sippe die Cha-
raktere geben müsse, scheinen mir zugleich andeuten zu sollen,
dass unsre Klassifikation noch etwas mehr als blosse Ähnlichkeil
zu berücksichtigen habe. Und ich glaube in der That, dass es
so der Fall ist, und dass die auf gemeinschaftlicher Abstammung
beruhende Blutsverwandtschaft die einzige bekannte Ursache der
Ähnlichkeit organischer Wesen, das durch mancherlei Modifika-
tions-Stufen verborgene Band ist, welches durch natürliche Klas-
sifikation theilweise enthüllt werden kann.
Betrachten wir nun die bei der Klassifikation befolgten Re-
geln und die dabei vorkommenden Schwierigkeiten von der An-
nahme ausgehend, als ob die Klassifikation entweder einen unbe-
kannten Schöpfungs-Plan darstellen oder auch nur ein Mittel
bieten solle, um das Verwandte zusammenzustellen und dadurch
die allgemeinen Beschreibungen abzukürzen. Man könnte anneh-
men und es ist in älteren Zeiten angenommen worden, dass die-
jenigen Theile der Organisation, welche die Lebens-Weise und
im Allgemeinen den Platz bestimmen, welchen jedes Wesen im
Haushalte der Natur einnimmt, von erster Wichtigkeit seyen.
Und doch kann nichts unrichtiger seyn. Niemand legt mehr der
äussern Ähnlichkeit der Maus mit der Spitzmaus, des Dugongs
mit dem Wale, und des Wales mit dem Fisch einige Wichtigkeil
447
bei. Diese Ähnlichkeiten, wenn auch in innigstem Zusammen-
hange mit dem ganzen Leben des Thieres stehend, werden als
blosse »analoge oder Anpassungs-Cbaraktere« bezeichnet; doch
werden wir auf die Betrachtnng dieser Ähnlichkeilen später zu-
rückkommen. Man kann es sogar als eine allgemeine Regel an-
sehen, dass, je weniger ein Theil der Organisation für Spezial-
Zwecke bestimmt ist, desto wichtiger er für die Klassifikation
seye. So z. B. sagt R. Owen, indem er vom Dugong spricht:
»Ich habe die Generations-Organe, insoferne als sie mit Lebens-
und Ernährungs-Weise der Thiere in wenigst naher Beziehung
stehen, immer als solche betrachtet, welche die klarsten Andeu-
tungen über die wahren [tieferen] Verwandtschaften derselben zu
liefern vermögen. Wir sind am wenigsten der Gefahr ausgesetzt,
in ihren Modifikationen einen bloss adaptiven für einen wesent-
lichen Charakter zu nehmen.« So ist es auch mit den Pflanzen.
Wie merkwürdig ist es nicht, dass die Vegetations-Organe, von
welchen ihr Leben überhaupt abhängig ist, ausser für die ersten
Hauptabtheilungen, so wenig zu bedeuten haben, während die
Reproduktions-Werkzeuge und deren Erzeugniss, der Saame, von
oberster Bedeutung sind.
Wir dürfen uns daher bei der Klassifikation nicht auf Ähn-
lichkeiten zwischen Theilen der Organisation verlassen, wie be-
deutend sie auch für das Gedeihen des Wesens in seinen Be-
ziehungen zur äusseren Welt seyn mögen. Daher rührt es viel-
leicht auch zum Theile, dass fast alle Naturforscher die grösste
Wichtigkeit auf die Ähnlichkeit solcher Organe legen, welche in
physiologischer Hinsicht von hoher Bedeutung sind. Das ist auch
wohl im Allgemeinen, aber nicht in allen Fällen richtig. Jedoch
hängt die Wichtigkeit der Organe für die Klassifikation nach
meiner Meinung hauptsächlich von der Beständigkeit ihrer Cha-
raktere in grossen Arten-Gruppen ab, und diese Beständigkeit
findet sich gerade bei solchen Organismen, welche zur Anpassung
an äussere Lebens-Bedingungen weniger abgeändert worden. Dass
aber auch die physiologische Wichtigkeit eines Organes seine
Bedeutung für die Klassifikation nicht allein bestimme, ergibt sich
deutlich schon aus der Thalsache allein, dass der klassifikatorische
448
Werth eines Organes in verwandten Gruppen, wo doch eine
gleiche pliysiologisclie Bedeutung desselben unterstellt werden
darf, oft weit verschieden ist. Kein Naturforscher kann sich mit
einer Gruppe näher beschäftigt haben, ohne dass ihm Diess auf-
gefallen wäre, was auch in den Schriften fast aller Autoren voll-
kommen anerkannt wird. Es wird genügen, wenn ich Robert
Brown als den höchsten Gewährsmann zitire, indem er bei Er-
wähnung gewisser Organe bei den Proteaceen sagt: ihre gene-
rische Wichtigkeit «ist so wie die aller ihrer Theile nicht allein
in dieser, sondern nach meiner Erfahrung in allen natürlichen
Familien sehr ungleich und scheint mir in einigen Fällen ganz
j verloren zu gehen.« Eben so sagt er in einem andern Werke:
die Genera der Connaraceae «unterscheiden sich durch die Ein-
oder Mehrzahl ihrer Ovarien, durch Anwesenheit oder Mangel
des Eiweisses und durch die schuppige oder klappenartige Ästiva-
tion. Ein jedes einzelne dieser Merkmale ist oft von mehr als
generischer Wichtigkeit: hier aber erscheinen alle zusammen
genommen unzureichend, um nur die Sippe Cnestis von Conna-
rus zu unterscheiden.« Ich will noch ein Beispiel von den In-
sekten entlehnen, wo in der Klasse der Hymenopteren nach
Westwoods Beobachtung die Fühler in einer Hauptabiheilung von
sehr beständiger Bildung sind, während sie in andern Abthei-
lungen .sehr abändern und die Abweichungen oft von ganz un-
tergeordnetem Werlhe für die Klassifikation sind ; und doch wird
niemand behaupten wollen, dass die Fühler in diesen zwei Grup-
pen von ungleichem physiologischem Werthe seyen. So Hessen
sich noch viele Beispiele von der veränderlichen Wichtigkeit eines
wesentlichen Organes für die Klassifikation innerhalb derselben
Gruppe von Organismen anführen.
Es wird niemand behaupten, rudimentäre oder verkümmerte
Organe seyen von hoher physiologischer Wichtigkeit, und doch
gibt es ohne Zweifel Organe, welche in diesem Zustande für die
Klassifikation einen grossen Werth haben. So bestreitet niemand,
dass die Zahn-Rudimente im Oberkiefer junger Wiederkäuer so
wie gewisse Knochen-Rudimente in den Füssen sehr nützlich
sind, um die nahe Verwandtschaft der Wiederkäuer mit den
449
Dickhäutern zu beweisen. Und so bestund auch Robeht Brown
strenge auf der hohen Bedeutung, welche die Stellung der ver-
kümmerten Blumen der Graser für ihre Klassifikation hätten.
•Dagegen lässt sich eine Menge von Fällen nachweisen, wo
Charaktere an Organen von ganz zweifelhafter physiologischer
Wichtigkeit allgemein für sehr nützlich zur Bestimmung ganzer
Gruppen gelten. So ist z. B. der offne Durchgang von den Na-
senlöchern in die Mundhöhle nach R. Owen der einzige unbe-
dingte Unterschied zwischen Reptilien und Fischen; und eben so
wichtig ist die Einbiegung des hintern Unterrandes des Unter-
kiefers bei den Beutelthieren, die verschiedene Zusammenfaltungs-
Weise der Flügel bei den Insekten, die blasse Farbe bei ge-
wissen Algen, die Behaarung gewisser Blülhen-Theile bei den
Gräsern, das Haar- und Feder-Kleid bei den zwei obern Wirbel-
thier-Klassen. Hätte der Ornilhorhynchus ein Feder- statt ein
Haar-Gewand, so würde dieser äussre unwesentlich scheinende
Charakter vielleicht von manchen Naturforschern als ein wich-
tiges Hilfstnitlel zur Bestimmung des Verwandtschafts-Grades die-
ses sonderbaren Geschöpfes den Vögeln und den Reptilien gegen-
über, welchen es sich in einigen wesentlicheren inneren Struk-
tur-Verhältnissen nähert, angesehen werden.
Die Wichtigkeit an sich gleichgiltiger Charaktere für die
Klassifikation hängt hauptsächlich von ihrer Wechselbeziehung zu
manchen anderen mehr und weniger wichtigen Merkmalen ab.
In der That ist der Werth untereinander zusammenhängender
Charaktere in der Naturgeschichte sehr augenscheinlich. Daher
kann sich, wie oft bemerkt worden ist, eine Art in mehren ein-
zelnen Charakteren von hoher physiologischer Wichtigkeit wie
von allgemeiner Verbreitung weit von ihren Verwandten entfer-
nen und uns doch nicht in Zweifel darüber lassen, wohin sie
gehört. Daher hat sich auch oft genug eine bloss auf ein ein-
ziges Merkmal, wenn gleich von höchster Bedeutung, gegründete
Klassifikation als mangelhaft erwiesen j denn kein Theil der Or-
ganisation ist allgemein beständig. Die Wichtigkeit einer Ver-
kettung von Charakteren, wenn auch keiner davon wesentlich
ist, erklärt nach meiner Meinung allein den Ausspruch Linnks,
Darwin, Entstehung der Arten. 2. Aufl. 29
450
dass die Charaktere nicht das Genus machen, sondern dieses die
Charaktere gibt; denn dieser Ausspruch scheint gegründet auf
eine Würdigung vieler untergeordneter Ähnlichkeits-Beziehungen,
welche für die Definition zu gering sind. Gewisse zu den Mal-
pighiaceae gehörige Pflanzen bringen vollkommene und verküm-
merte Blüthen zugleich hervor; die letzten verlieren nach A. de
JussiEu's Bemerkung „die Mehrzahl der Art-, Sippen-, Familien-
und selbst Klassen-Charaktere und spotten mithin unsrer Klassi-
fikation.« Als aber die in Frankreich eingeführte Aspicarpa
mehre Jahre lang nur verkümmerte Blüthen lieferte, welche in
einer Anzahl der wichtigsten Punkte der Organisation so wun-
derbar von dem eigentlichen Typus der Ordnung abwichen, da
erkannte Richard scharfsichtig genug, wie Jussieu bemerkt, dass
diese Sippe unter den Malpighiaceen zurückbehalten werden
müsse. Dieser Fall scheint mir den Geist wohl zu bezeichnen,
in welchem unsre Klassiiikationen zuweilen nothwendig gegrün-
det sind.
In der Praxis bekümmern sich aber die Naturforscher nicht
viel um den physiologischen Werth des Charakters,., dessen sie
sich zur Definition einer Gruppe oder bei Einordnung einer Spe-
zies bedienen. Wenn sie einen nahezu einförmigen und einer
grossen Anzahl von Formen gemeinsamen Charakter finden, der
bei andern nicht vorkommt, so betrachten sie ihn als sehr werth-
voll; kömmt er bei einer geringem Anzahl vor, so ist er von
geringerem Werthe. Zu diesem Grundsatze haben sich einige Na-
turforscher Olfen als zu dem einzig richtigen bekannt, und keiner
entschiedener als der vortreffliche Botaniker August St.-Hilaire.
Wenn gewisse Charaktere immer in Wechselbeziehung mit ein-
ander erscheinen, mag auch ein bedingendes Band zwischen
ihnen nicht zu entdecken seyn, so wird ihnen besondrer Werth
beigelegt. Da in den meisten Siiugthier-Gruppen wesentliche Or-
gane, wie die zur Bewegung des Blutes, zur Athmung, zur Fort-
pflanzung bestimmten, nahezu von gleicher Beschaffenheit sind,
so werden sie bei deren Klassifikation hoch gewerthet; wogegen
wieder in andern Gruppen alle diese wichtigsten Lebens-Werk-
zeuge nur Charaktere von ganz untergeordnetem Werlhe darbieten.
451
Vom Embryo entnommene Charaktere erweisen sich von
gleicher Wichtigkeit, wie die der ausgewachsenen Thiere, indem
unsre Klassifikationen die Arten in allen ihren Lebens-Aitern
umfassen. Doch scheint es sich aus der gewöhnlichen Anschau-
ungs-VVeise keineswegs zu rechtfertigen, dass man die Struktur
des Embryos für diesen Zweck höher in Anschlag bringe als
die des erwachsenen Thieres, welches doch nur allein vollen An-
theil am Haushalte der Natur nimmt. Nun haben die grossen Na-
turforscher Milne-Edwabds und L. Agassiz scharf hervorgehoben,
dass embryonische Charaktere von allen die wichtigsten für die
Klassifikation sind, und diese Behauptung ist fast allgemein als
richtig aufgenommen worden. Sie entspricht auch den Blüthen-
Pflanzen ganz gut, deren zwei Hauptabtheilungen nur auf em-
bryonische Charaktere gegründet sind, nämlich auf die Zahl und
Stellung der Biälter des Embryos oder der Kotyledonen und auf
die Entwicklungs-Weise der Plumula und Radicula. In unsren
embryologischen Erörterungen werden wir den Grund einsehen,
vvesshalb diese Charaktere so werthvoll sind, indem nämlich die
auf dieselben gegründete Klassifikations-Weise stillschweigend
die Vorstellung von der gemeinsamen Abstammung der Arten
anerkennt.
Unsre Klassifikationen stehen oft offenbar unter dem Einflüsse
verwandtschaftlicher Verkettungen. Es ist nichts leichter, als eine
Anzahl allen Vögeln gemeinsamer Charaktere zu bezeichnen, wäh-
rend Diess hinsichtlich der Kruster noch nicht möglich gewesen
ist. Es gibt Kruster an den beiden Enden der Reihe, welche
kaum einen Charakter mit einander gemein haben : aber da die
an den zwei Enden stehenden Arten offenbar mit andern und
diese wieder mit andern Krustern u. s. w. verwandt sind, so er-
gibt sich ganz unzweideutig, dass sie alle zu dieser und zu keiner
andern Klasse der Kerbthiere gehören.
Auch die geographische Verbreitung ist oft, wenn gleich
vielleicht nicht logischer Weise, zur Klassifikation mit benützt
worden, zumal in sehr grossen Gruppen einander nahe verwand-
ter Formen. Temminck besteht auf der Nützlichkeit und selbst
Nothwendigkeit dieser Übung bei gewissen Vögel-Gruppen ; wie
29 *
452
sie denn auch von einigen Entomologen und Botanikern in An-
wendung gekommen ist.
Was endlich die verglichenen Werlhe der verschiedenen
Arten-Gruppen, wie Ordnungen und Unterordnungen, Familien
und Unterfamilien, Sippen u. s. w. betrilft, so scheinen sie we-
nigstens bis jetzt ganz willkürlich zu seyn. Einige der besten
Botaniker, wie Bentuam u. A., sind beharrlich auf ihrer Meinung
von deren willkürlichem Werthe geblieben. Man könnte bei den
Pflanzen wie bei den Insekten Beispiele anführen von Arten-
Gruppen, die von geübten Naturforschern erst nur als Sippen
aufgestellt und dann allmählich zum Rang von Unterfamilien und
Familien erhoben worden sind, und zwar nicht desshalb, weil
durch spätre Forschungen neue wesentliche Unterschiede in ihrer
Organisation ausgemittelt worden wären, sondern nur in Folge
spätrer Entdeckung vieler verwandter Arten mit nur schwach ab-
gestuften Unterschieden.
Alle voranstehenden Regeln, Behelfe und Schwierigkeiten
der Klassifikation erklären sich, wenn ich mich nicht sehr täusche,
durch die Annahme, dass das natürliche System auf Forlpflan-
zung unter fortwährender Abänderung beruhe, dass diejenigen
Charaktere, welche nach der Ansicht der Naturforscher eine ächte
Verwandtschaft zwischen zwei oder mehr Arten darthun, von
einem gemeinsamen Ahnen ererbt sind und in so fern alle ächte
Klassifikation eine genealogische ist; — dass gemeinsame Ab-
stammung das unsichtbare Band ist, wonach alle Naturforscher
unbewusster Weise gesucht haben, nicht aber ein unbekannter
Schöpfungs-Plan, oder eine bequeme Form für allgemeine Be-
schreibung, oder eine angemessene Methode die Natur-Gegen-
stände nach den Graden ihrer Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit zu
sortiren.
Doch ich muss meine Ansicht vollständiger auseinander-
setzen. Ich glaube, dass die Anordnung der Gruppen in
jeder Klasse, ihre gegenseitige Nebenordnung und Unterordnung
streng genealogisch seyn muss, wenn sie natürlich seyn soll:
dass aber das Maass der Verschiedenheit zwischen den verschie-
denen Gruppen oder Verzweigungen, obschon sie alle in gleicher
453
Blutsvervvandlscliaft mit ihrem gemeinsamen Stammvater stehen,
sehr ungleich seyn iiann, indem dieselbe von den verschiedenen
Graden erlittener Abänderung abhängig ist; und Diess findet
seinen Ausdruck darin, dass die Formen in verschiedene Sippen,
Familien, Sektionen und Ordnungen gruppirt werden. Der Leser
wird meine Meinung am besten verstehen, wenn er sich noch-
mals nach dem Bilde S. 131 umsehen will. Nehmen wir an, die
Buchstaben A bis L stellen verwandte Sippen vor, welche in
der silurischen Zeit gelebt und selber von einer Art abstammen,
die in einer unbekannten früheren Periode existirl hat. Arten
von dreien dieser Genera (A, F und I) haben sich in abgeän-
derten Nachkommen bis auf den heutigen Tag fortgepflanzt, welche
durch die fünfzehn Sippen a^* bis z^'^ der obersten Reihe aus-
gedrückt sind. Nun sind aber alle diese abgeänderten Nachkom-
men einer einzelnen Art in gleichem Grade blutsverwandt zu
einander; man könnte sie bildlich als Vettern im gleichen mil-
lionsten Grade bezeichnen ; und doch sind sie weit und in un-
gleichem Grade von einander verschieden. Die von A herstam-
menden Formen, welche nun in 2 — 3 Familien geschieden sind,
bilden eine andre Ordnung als die zwei von I entsprossenen.
Auch können die von A abgeleiteten jetzt lebenden Formen eben
so wenig in eine Sippe mit ihrem Ahnen A, als die von I her-
kommenden in eine mit ihrem Stammvater I zusammengestellt
werden. Die noch jetzt lebende Sippe f^* dagegen mag man als
nur wenig modifizirt betrachten und demnach mit deren Stamm-
Sippe F vereinigen, wie es ja in der That noch jetzt einige Ge-
nera gibt, welche mit silurischen übereinstimmen. So kommt es,
dass das Maass oder der Werth der Verschiedenheiten zwischen
organischen Wesen, die alle in gleichem Grade miteinander bluts-
verwandt sind, doch so ausserordentlich ungleich erscheint. Dem-
ungeachtet aber bleibt ihre genealogische Anordnungs -Weise
vollkommen richtig nicht allein in der jetzigen sondern auch in
allen künftigen Perioden der Fortstammung. Alle abgeänderten
Nachkommen von A haben etwas Gemeinsames von ihrem ge-
meuisamen Ahnen geerbt, wie die des I von dem ihrigen, und
so wird es sich auch mit jedem untergeordneten Zweige der
454
Nachkommenschaft in jeder späteren Periode verhalten. Unter-
stellen wir dagegen, einer der Nachkommen von A oder I seye
so sehr modifizirt worden, dass er die Spuren seiner Abkunft
von demselben mehr oder weniger eingebiisst habe, so wird er
im natürlichen Systeme nur eine mehr und weniger abgeson-
derte Stelle einnehmen können, wie Diess bei einigen noch leben-
den Formen wirklich der Fall zu seyn scheint. Von allen Nach-
kommen der Sippe F ist der ganzen Reihe nach angenommen,
dass sie nur wenig modifizirt worden seyen und daher gegen-
wärtig nur ein einzelnes Genus bilden. Aber dieses Genus wird,
sehr vereinzelt, eine eigene Zwischenstelle einnehmen 5 denn F
hielt ursprünglich seinem Charakter nach das Mittel zwischen A
und I, und die verschiedenen von diesen zwei Genera herstam-
menden Sippen werden jedes von seiner Stamm-Sippe etwas Ge-
meinsames geerbt haben. Diese natürliche Anordnung ist, so
viel es auf dem Papiere möglich, nur in viel zu einfacher Weise,
bildlich dargestellt. Hätte ich, statt der verzweigten Darstellung,
nur die Namen der Gruppen in eine lineare Reihe schreiben
wollen, so würde es noch viel weniger möglich geworden seyn,
ein Bild von der natürlichen Anordnung zu geben, da es aner-
kannter Maassen unmöglich ist, in einer Linie oder auf einer
Fläche die Verwandtschaften zwischen den verschiedenen Wesen
einer Gruppe darzustellen. So ist nach meiner Ansicht das Na-
tur-System genealogisch in seiner Anordnung, wie ein Stamm
bäum, aber die Abstufungen der Modifikationen, welche die ver-
schiedenen Gruppen durchlaufen haben, müssen durch Eintheilung
derselben in verschiedene sogenannte Sippen, Unterfamilien, Fa-
milien, Sektionen, Ordnungen und Klassen ausgedrückt werden.
Zur Erläuterung dieser meiner Ansicht von der Klassifika-
tion mag ein Vergleich mit den Sprachen angemessen seyn. Wenn
wir einen vollständigen Stammbaum des Menschen besässen, so
würde eine genealogische Anordnung der Menschen-Rassen die
beste Klassifikation aller jetzt auf der ganzen Erde gesprochenen
Sprachen abgeben; und könnte man alle erloschenen und mittein
Sprachen und alle langsam abändernden Dialekte mit aufnehmen,
so würde diese Anordnung, glaube ich, die einzig mögliche seyn.
455
Da könnte nun der Fall eintreten, dass irgend eine sehr alte
Sprache nur wenig abgeändert und zur Bildung nur weniger
neuen Sprachen gedient hatte, während andre (in Folge der Aus-
breitung und späteren Isolirung und Zivilisations-Stufen einiger
von gemeinsamem Stamm entsprossener Rassen) sich sehr ver-
änderten und die Entstehung vieler neuer Sprachen und Dialekte
veranlassten. Die Ungleichheit der Abstufungen in der Verschie-
denheit der Sprachen eines Sprach-Stammes müsste durch Unter-
ordnung der Gruppen unter einander ausgedrückt werden; aber
die eigentliche oder eben allein mögliche Anordnung könnte nur
genealogisch seyn; und Diess wäre streng naturgemäss, indem
auf diese Weise alle lebenden wie erloschenen Sprachen je nach
ihren Verwandtschafts-Stufen mit einander verkettet und der Ur-
sprung und der Entwickelungs-Gang einer jeden einzelnen nach-
gewiesen werden würde.
Wir wollen nun, zur Bestätigung dieser Ansicht, einen Blick
auf die Klassifikation der Varietäten werfen, von welchen man
annimmt oder weiss, dass sie von einer Art abstammen. Diese
werden unter die Arten eingereihet und selbst in Unter-Varie-
täten weiter geschieden ; und bei unsren Kultur-Erzeugnissen
werden noch manche andre Unterscheidungs-Stufen angenommen,
wie wir bei den Tauben gesehen haben. Das Verhältniss der
Gruppen zu den Untergruppen ist dasselbe, wie das der Arten
zu den Varietäten; es ist verwandte Abstammung mit verschie-
denen Abänderungs - Stufen. Bei Klassifikation der Varietäten
worden fast die nämlichen Regeln, wie bei den Arten befolgt.
Manche Schriftsteller sind auf der Nothwendigkeit bestanden, die
Varietäten nach einem natürlichen statt künstlichen Systeme zu
klassifiziren ; wir sind z. B. so vorsichtig, nicht zwei Kiefer-Va-
rietäten zusammenzuordnen, weil bloss ihre Frucht, obgleich der
wesentlichste Theil, zufällig nahezu übereinstimmt. Niemand stellt
den Schwedischen mit dem gemeinen Turnips oder Rübsen zu-
sammen, obwohl deren verdickter essbarer Stiel so ähnlich ist.
Der beständigste Theil, welcher es immer seyn mag, wird zur
Klassifikation der Varietäten benützt; aber der grosse Landwirth
Marshau, sagt, die Horner des Rindviehs seycn für diesen Zweck
456
selir ndtzlich, weil sie weniger als die Form oder Farbe des
Körpers veränderlich seyen, während sie bei den Schaafen ihrer
Veränderlichkeit wegen viel weniger brauchbar Seyen, Ich stelle
mir vor, dass, wenn man einen wirklichen Stammbaum hätte,
eine genealogische Klassifikation der Varietäten allgemein vorge-
zogen werden würde, und einige Autoren haben in der That
eine solche versucht. Denn, mag ihre Abänderung gross oder
klein seyn, so werden wir uns doch überzeugt halten, dass das
Vererbungs-Prinzip diejenigen Formen zusammenhalte, welche in
den meisten Beziehungen mit einander verwandt sind. So wer-
den alle Purzel-Tauben, obschon einige Untervarietäten in der
Länge des Schnabels weit von einander abweichen, doch durch
die gemeinsame Sitte zu purzeln unter sich zusammengehallen,
aber der kurzschnäbelige Stock hat diese Gewohnheit beinahe
abgelegt. Demungeachtet hält man diese Purzier, ohne über die
Sache nachzudenken oder zu urtheilen, in einer Gruppe beisam-
men, weil sie einander durch Abstammung verwandt und in man-
chen andern Beziehungen ähnlich sind. Liesse sich nachweisen,
dass der Holtentott vom Neger abstammte, so würde man ihn,
wie ich glaube, unter den Neger einreihen, wie weit er auch
in Farbe und andern wichtigen Bedingungen davon verschieden
seyn mag.
Was dann die Arten in ihrem Natur-Zustande betrifft, so
hat jeder Naturforscher die Abstammung bei der Klassifikation
mit in Betracht gezogen, indem er in seine unterste Gruppe, die
Spezies nämlich, beide Geschlechter aufnahm, und wie ungeheuer
diese zuweilen sogar in den wesentlichsten Charakteren von ein-
ander abweichen, ist jedem Naturforscher bekannt; so haben
Männchen und Hermaphroditen gewisser Cirripeden im reifen
Alter kaum ein Merkmal mit einander geraein, und doch träumt
niemand davon sie zu trennen. Sobald man wahrnahm, dass drei
ehedem als eben so viele Sippen aufgeführte Orchideen-Formen
(Monachanthus, Myanthus und Catasetum) zuweilen an der näm-
lichen Blüthen-Ähre beisammensitzen, verband man sie, unmittel-
bar als merkwürdige Varietäten zu einer einzigen Art; es ist
mir aber neuerlich möglich geworden zu zeigen, dass sie die
457
weibliche, zwilterliche und männliche Form der nämlichen Or-
chidee bilden Der Naliu-rorscher schliesst in eine Spezies die
verschiedenen Larven-Ziistände des nämlichen Individuums ein,
vviö weit dieselben auch unter sich und von dem erwachsenen
Thiere verschieden seyn mögen, wie er auch die von Steenstbup
sogenannten Wechsel-Generationen mit einbegreift, die man nur
in einem technischen Sinne noch als zum nämlichen Individuum
gehörig betrachten kann. Er schliesst Missgeburten, er schliesst
Varietäten mit ein, nicht allein weil sie der älterlichen Form
nahezu gleichen, sondern weil sie von derselben abstammen.
Wer glaubt, dass die grosse hellgelbe Schlüsselblume (Primula
elatior) von der gewöhnlicheren kleinen und dunkelgelben (Pr.
veris) abstamme oder umgekehrt, stellt sie in eine Art zusam-
men und gibt eine gemeinsame Definition derselben.
Da die Abstammung bei Klassifikation der Individuen einer
Art trotz der oft ausserordentlichen Verschiedenheit zwischen
Männchen, Weibchen und Larven, allgemein massgebend ist,
und da dieselbe bei Klassifikation von Varietäten, welche ein ge-
wisses und mitunter ansehnliches Maass von Abänderung erfah-
ren haben, in Betracht gezogen wird: mag es dann nicht auch
vorgekommen seyn, dass man das nämliche Element ganz unbe-
wusst bei Zusammenstellung der Arten in Sippen und der Sippen
in höhere Gruppen angewendet hat, obwohl hier die Unterschiede
beträchtlicher sind und eine längere Zeit zu ihrer Entwickelung
bedurft haben? Ich glaube, dass es allerdings so geschehen ist;
und nur so vermag ich die verschiedenen Regeln und Vorschrif-
ten zu verstehen, welche von unsern besten Systematikern be-
folgt worden sind. Wir haben keine geschriebenen Stammbäume,
sondern ermitteln die gemeinschaftliche Abstammung nur vermit-
telst der Ähnlichkeiten irgend welcher Art. Daher wählen wir
Charaktere aus, die, so viel wir beurlheilen können, durch die
Beziehungen zu den äusseren Lebens-Bedingungen, welchen jede
Art in der laufenden Periode ausgesetzt gewesen ist, am wenigsten
Vgl. Darwin: über die Einrichtungen zur Berruclilung Britischer und aus-
landischer Orchideen durch Insekten und über die günstigen Eri'olge der Wech-
selbcfruchlung. Aus dem Englischen übersetzt von 11. G. Biwm. Stuttg. D. Üb.
458
verändert worden sind. Rudimentäre Gebilde sind in dieser
Hinsicht eben so gut und zuweilen noch besser, als andre. Mag
ein Charakter noch so unwesentlich erscheinen, seye es ein ein-
gebogner Unterkiefer-Rand, oder die Faltungs-Weise eines In-
sekten-Flügels, sey es das Haar- oder Feder-Gewand des Kör-
pers : wenn sich derselbe durch viele und verschiedene Spezies
erhält, durch solche zumal, welche sehr ungleiche Lebens-
Weisen haben, so nimmt er einen hohen Werth an; denn wir
können seine Anwesenheit in so vielerlei Formen und mit so
manchfaltigen Lebens - Weisen nur durch seine Ererbung von
einem gemeinsamen Stamm-Vater erklären. Wir können uns da-
bei hinsichtlich einzelner Punkte der Organisation irren ; wenn
aber verschiedene noch so unwesentliche Charaktere durch eine
ganze grosse Gruppe von Wesen mit verschiedener Lebens- Weise
gemeinschaftlich andauern, so werden wir nach der Theorie der
Abstammung fest tiberzeugt seyn können, dass diese Gemein-
schaft von Charakteren von einem gemeinsamen Vorfahren er-
erbt ist. Und wir wissen, dass solche in Wechselbeziehung zu
einander vorkommende Charaktere bei der Klassifikation von
grossem Werthe sind. Es wird begreiflich, warum eine Art
oder eine ganze Gruppe von Arten in einigen ihrer wesentlich-
sten Charaktere von ihren Verwandten abweichen und doch ganz
wohl mit ihnen zusammen klassifizirt werden kann. Man kann
Diess getrost thun und hat es oft gethan, so lange als noch eine
genügende Anzahl von wenn auch unbedeutenden Charakteren
das verbundene Band gemeinsamer Abstammung verräth. Denn
sogar, wenn zwei Formen nicht einen einzigen Charakter gemein-
sam besitzen, aber diese extremen Formen noch durch eine Reihe
vermittelnder Gruppen miteinander verkellet sind , dürfen wir
noch auf eine gemeinsame Abstammung schliessen und sie alle
zusammen in eine Klasse stellen. Da Charaktere von hoher phy-
siologischer Wichtigkeit, solche die zur Erhallung des Lebens
unter den verschiedensten Existenz-Bedingungen dienen, gewöhn-
lieh am beständigsten sind, so legen wir ihnen grossen Werth
bei; wenn aber diese Organe in einer andern Gruppe oder Grup-
pen-Abtheilung sehr abweichen, so schätzen wir sie hier auch
459
bei der Klassifikation geringer. Wir werden hiernach, wie ich
glaube, lilnr einsehen, warum embryonische Merkmale eine so
hohe klassifikatorische Wichtigkeit besitzen. Die geographische
Verbreitung mag bei der Klassifikation grosser und weitverbrei-
teter Sippen zuweilen mit Nutzen angewendet werden, weil alle
Arten einer solchen Sippe, welche eine eigenlhümliche und ab-
gesonderte Gegend bewohnen, höchst wahrscheinlich von gleichen
Ällern abstammen.
Aus diesem Gesichtspunkte wird es begreiflich, wie wesent-
lich es ist, zwischen wirklicher Verwandtschaft und analoger oder
Anpassungs-Ähnlichkeit zu unterscheiden. Lamarck hat zuerst die
Aufmerksamkeit auf diesen Unterschied gelenkt, und Macleay
u. A. sind ihm darin glücklich gefolgt. Die Ähnlichkeit, welche
zwischen demDugong, einem den Pachydermen verwandten Thiere,
und den Walen in der Form des Körpers und der Bildung der
vordem ruderförmigen Gliedmaassen, und jene, welche zwischen
diesen beiderlei Thieren und den Fischen besteht, ist Analogie.
Bei den Insekten finden sich unzählige Beispiele dieser Art; da-
her Linne, durch äussern Anschein verleitet, wirklich ein homo-
pteres Insekt unter die Motten gestellt hat. Wir sehen etwas
Ähnliches auch bei unseren kultivirten Pflanzen in den verdickten
Stämmen des gemeinen und des Schwedischen Rutahaga-Turnips.
Die Ähnlichkeit zwischen dem Windhund und dem Englischen
Wettrenner ist schwerlich eine mehr eingebildete, als andre von
einigen Autoren zwischen einander sehr entfernt stehenden Thie-
ren aufgesuchte Analogie'n. Nach meiner Ansicht, dass Cha-
raktere nur in so ferne von wesentlicher Wichtigkeit für die
Klassifikation sind, als sie die gemeinsame Abstammung aus-
drücken, lernen wir deutlicher einsehen, warum analoge oder
Anpassungs-Charaktere, wenn auch vom höchsten Werthe für das
Gedeihen der Wesen, doch für den Systematiker fast werlhlos
sind. Denn zwei Thiere von ganz verschiedener Abstammung
können wohl ganz ähnlichen Lebens-Bedingungen angepasst und
sich daher äusserlich sehr ähnlich seyn ; aber solche Ähnlich-
keiten verrathen keine Bluts-Verwandtschaft, sondern sind viel-
mehr geeignet, die wahren verwandlschafllichen Beziehungen in
460
Folge gemeinsamer Abstammung zu verbergen. Wir begreifen
ferner das anscheinende Paradoxon, dass die nämlichen Charak-
tere analoge seyn können, wenn eine Klasse oder Ordnung mit
der andern verglichen wird, aber für ächte Verwandtschaft zeu-
gen, woferne es sich um die Vergleichung von Gliedern der
nämlichen Klasse oder Ordnung unter einander handelt. So be-
weisen Körper-Form und Ruderfüsse der Wale nur eine Analogie
mit den Fischen, indem solche in beiden Klassen nur eine An-
passung des Thieres zum Schwimmen im Wasser bezwecken;
aber beiderlei Charaktere beweisen auch die nahe Verwandtschaft
zwischen den Gliedern der Wal-Familie selbst; denn diese Wale
stimmen in so vielen grossen und kleinen Charakteren mitein-
ander überein, dass wir nicht an der Ererbung ihrer allgemeinen
Körper-Form und ihrer Ruderfüsse von einem gemeinsamen Vor-
fahren zweifeln können. Und eben so ist es mit den Fischen.
(Einige Fälle von analoger oder adaptiver Ähnlichkeit sind
sehr bemerkenswerth. Ich will nur einen derselben hier er-
örtern, der von minder augenfälliger Art ist, als die mehr
äusserliche Ähnlichkeit zwischen Fisch-Säugthieren und Fischen,
zwischen fliegendem Oppossum und fliegendem Eichhorn u. s. w.
Bates hat kürzlich berichtet, wie unter den zahlreichen Schmetter-
lingen des grossen Amazonas-Thaies die Arten einer Sippe und selbst
die Varietäten einer Art oft das Kleid von Arten ganz verschie-
dener Genera oder Unterfamilien in so vollkommener Weise an-
nehmen, dass man sie ohne die sorgfälligste Untersuchung gar
nicht zu unterscheiden im Stande ist. Dabei ist ferner eine be-
merkenswerthe Thatsache, dass fast immer die nachahmende Art
selten, die nachgeahmte aber häufig und im Kampf ums Daseyn
siegreich ist. Rates ist der Meinung, dass die Nachahmer durch
Natürliche Züchtung allmählich zu ihrem jetzigen Kleide gelangt
Seyen, um unter dieser Maske der häufigen und siegreichen Art
irgend einer sie allein bedrohenden Gefahr zu entgehen.)
Da Glieder verschiedener Klassen oft durch zahlreich auf
einander- folgende geringe Abänderungen einer Lebens- Weise
unter nahezu ähnlichen Verhältnissen angi-passt werden, um z. B.
auf dem Boden, in der Luft oder im Wasser zu leben, so werden
461
wir vielleicht verstehen woher es kommt, dass man zuweilen
einen Zahlen-Parallelismus zwischen Unter-Gruppen verschiedener
Klassen bemerkt hat. Ein Naturforscher kann unter dem Ein-
drucke, den dieser Parallelismus in einer Klasse auf ihn macht,
demselben dadurch, dass er den Werth der Gruppen in andern
Klassen etwas höher oder tiefer setzt (und alle unsre Erfahrung
zeigt, dass Schiitzungen dieser Art noch immer sehr willkürlich
sind), leicht eine grosse Ausdehnung geben; und so sind wohl
unsre sieben-, fünf-, vier- und drei-gliedrigen Systeme ent-
standen.
Da die abgeänderten Nachkommen herrschender Arten grosser
Sippen diejenigen Vorzüge, welche die Gruppen, wozu sie ge-
Jiören, gross und ihre Altern herrschend gemacht haben, zu ver-
erben streben, so sind sie meistens sicher sich weil auszubreiten
und mehr oder weniger Stellen im Haushalte der Natur einzu-
nehmen. So streben die grösseren und herrschenderen Gruppen
in jeder Klasse nach immer weiterer Yergrösserung und ersetzen
demnach viele kleinere und schwächere Gruppen. So erklärt sich
auch die Thatsache, dass alle erloschenen wie noch lebenden Or-
ganismen einige wenige grosse Ordnungen in noch wenigeren
Klassen bilden, die alle in einem grossen Natur-Systeme enthalten
sind. Um zu zeigen, wie wenige an Zahl die oberen Gruppen
und wie weit sie in der Welt verbreitet sind, ist die Thatsache
zutreffend, dass die Entdeckung Neu-HoUands nicht ein Insekt
aus einer neuen Klasse geliefert hat, und dass im Pflanzen-
Reiche, wie ich von Dr. HooiiER vernehme, nur eine oder zwei
kleine Ordnungen hinzugekommen sind.
Im Kapitel über die geologische Aufeinanderfolge habe ich
nach dem Prinzip, dass im Allgemeinen jede Gruppe während
des lang-dauernden Modifikations-Prozesses in ihrem Charakter
sehr auseinander gelaufen ist, zu zeigen mich bemühet, woher
es kommt, dass die altern Lebenformen oft einigermaassen mittle
Charaktere zwischen denen der jetzigen Gruppen darbieten.
Einige wenige solcher alten und mittein Stamm-Formen, welche
sich zuweilen in nur wenig abgeänderten Nachkommen bis zum
heutigen Tage erhalten haben, geben zur Bildung unsrer söge-
462
nannten schwankenden oder aberranfen Gruppen Veranlassung,
Je abirrender eine Form ist, desto grösser muss die Zahl ver-
kettender Glieder seyn, welche gänzlich vertilgt worden und ver-
loren gegangen sind. Auch dafür, dass die aberranlen Formen
sehr durch Erlöschen gelitten, haben wir einige Belege; denn
sie sind gewöhnlich nur durch einige wenige Arten vertreten,
und auch diese Arten sind gewöhnlich sehr verschieden von ein-
ander, was gleichfalls auf Erlöschung hinweist. Die Sippen Or-
nithorhynchus und Lepidosiren z, B. würden nicht weniger ab-
errant seyn, wenn sie jede durch ein Dutzend statt nur eine
oder zwei Arten vertreten wären; aber solcher Arten-Reichthum
ist, wie ich nach mancherlei Nachforschungen finde, den aber-
ranlen Sippen gewöhnlich nicht zu Theil geworden. Wir können,
glaube ich, diese Erscheinung nur erklären, indem wir die ab-
erranten Formen als Gruppen betrachten, welche, im Kampfe mit
siegreichen Mitbewerbern unterliegend, nur noch wenige Glieder
in Folge eines ungewöhnlichen Zusammentreffens günstiger Um-
stände bis heute erhalten haben.
Hr. Waterhouse hat bemerkt, dass, wenn ein Glied aus einer
Thier-Gruppe Verwandtschaft mit einer sehr verschiedenen andern
Gruppe zeigt, diese Verwandtschaft in den meisten Fällen eine
Sippen- und nicht eine Art-Verwandtschaft ist. So ist nach
Waterhouse von allen Nagern die Viscasche* am nächsten mit
den Beulelthieren verwandt; aber die Charaktere, worin sie sich
den Marsupialen am meisten nähert, haben eine allgemeine Be-
ziehung zu den Beutelthieren und nicht zu dieser oder jener
Art im Besondern. Da diese Verwandtschafts-Beziehungen der
Viscasche zu den Beutelthieren für wesentliche gelten und nicht
Folge blosser Anpassung sind, so rühren sie nach meiner Theorie
von gemeinschaftlicher Ererbung her. Daher wir dann auch un-
terstellen müssen, entweder dass alle Nager einschliesslich der
Viscasche von einem sehr alten Marsupialen abgezweigt sind, der
einen einigermaassen mittein Charakter zwischen denen aller
^ Ob Lagostomus oder Lagidiura oder beide gemeint seyen, ist nicht zu
ersehen, doch kann sich das oben Gesagte auf beide beziehen. D. übs.
463
jetzigen Beutelthiere besessen, oder dass sowohl Nager wie Beu-
tellhiere von einem gemeinsamen Stammvater herrühren und
beide Gruppen durch starke Abänderung seitdem in verschiede-
nen Richtungen auseinander gegangen sind. Nach beiderlei An-
sicht müssen wir annehmen, dass die Yiscasche mehr von den
erblichen Charakteren des alten Stanmi-Vaters an sich behalten
habe, als siimmtliche anderen Nager; und desshalb zeigt sie keine
besonderen Beziehungen zu diesem oder jenem noch vorhandenen
Beutler, sondern nur indirekte zu allen oder fast allen Marsu-
pialen überhaupt, indem sie sich einen Theil des Charakters des
gemeinsamen Urvaters oder eines früheren Gliedes dieser Gruppe
erhallen hat. Anderseits besitzt nach Waterhoüse's Bemerkung
unter allen Beutelthieren der Phascolomys am meisten Ähnlich-
keit, nicht zu einer einzelnen Art, sondern zur ganzen Ordnung
der Nager überhaupt. In diesem Falle ist sehr zu erwarten,
dass die Ähnlichkeit nur eine Analogie seye, indem der Phasco-
lomys sich einer Lebens-Weise anpasste, wie sie Nager besitzen.
Der ältere DeCandolle hat ziemlich ähnliche Bemerkungen hin-
sichtlich der allgemeinen Natur der Verwandtschaft zwischen den
verschiedenen Pflanzen-Ordnungen gemacht.
Nach dem Prinzip der Vermehrung und der stufenweisen
Divergenz des Charakters der von einem gemeinsamen Ahnen
abstammenden Arten in Verbindung mit der erblichen Erhaltung
eines Theiles des gemeinsamen Charakters erklären sich die aus-
serordentlich verwickelten und strahlenförmig auseinander-gehen-
den Verwandtschaften, wodurch alle Glieder einer Familie oder
höheren Gruppe miteinander verkettet werden. Denn der ge-
meinsame Stammvater einer ganzen Familie von Arten, welche
jetzt durch Erlöschung in verschiedene Gruppen und Untergrup-
pen gespalten ist, wird einige seiner Charaktere in verschiedener
Art und Abstufung modifizirt allen gemeinsam milgetheilt haben,
und die verschiedenen Arten werden demnach nur durch Ver-
wandtschafts-Linien von verschiedener Länge miteinander ver-
bunden seyn, welche in weit älteren Vorgängern ihren Vereini-
gungs-Punkt finden, wie es das frühere Bild S. 131 darstellt.
Wie es schwer ist, die Blutsverwandtschaft zwischen den zahl-
464
reichen Angehörigen einer alten adeligen Fan)ilie sogar mit Hilfe
eines Stammbaums zu zeigen, und fast unmöglich es ohne dieses
Hillsmiltel zu thun , so begreift man auch die manchfalligen
Schwierigkeiten, auf welche Naturforscher, ohne die Hilfe einer
bildlichen Skizze, Stessen, wenn sie die verschiedenen Verwandt-
schafts-Beziehungen zwischen den vielen lebenden und erlosche-
nen Gliedern einer grossen natürlichen Klasse nachweisen wollen.
Erlöschen hat, wie wir im vierten Kapitel gesehen, einen
grossen Antheil an der Bildung und Erweiterung der Lücken
zwischen den verschiedenen Gruppen in jeder Klasse. Wir kön-
nen Diess eben so wie die Trennung ganzer Klassen von ein-
ander, wie z. B. die der Vögel von allen andern Wirbelthieren,
durch die Annahme erklären, dass viele alte Lebenformen ganz
ausgegangen sind, durch welche die ersten Stammältern der
Vögel vordem mit den ersten Stammältern der übrigen Wirbel-
thier-Klassen verkettet gewesen. Dagegen sind nur wenige
solche Lebenformen erloschen, welche einst die Fische mit den
Batrachiern verbanden. In noch geringerem Grade ist Diess in
einigen andern Klassen, wie z. B. bei den Krustern der Fall ge-
wesen, wo die wundersamst verschiedenen Formen noch durch
eine lange aber unterbrochene Verwandtschafts-Kette zusammen-
gehalten werden. Erlöschung hat die Gruppen nur getrennt,
nicht gemacht. Denn wenn alle Formen, welche jemals auf dieser
Erde gelebt haben, plötzlich wieder erscheinen könnten, so
würde es ganz unmöglich seyn, die Gruppen durch Definitionen
von einander zu unterscheiden, weil alle durch eben so feine
Abstufungen, wie die zwischen den lebenden Varietäten sind,
in einander übergehen würden ; demungeachtet würde eine
natürliche Klassifikation oder wenigstens eine natürliche An-
ordnung möglich seyn. Wir können Diess ersehen, indem
wir unser Bild (S. 131) umwenden. Nehmen wir an, die
Buchstaben A bis L stellen 11 silurische Sippen dar, wovon
einige grosse Gruppen abgeänderter Nachkommen hinterlassen.
Jedes Mittelglied zwischen diesen 11 Sippen und deren Urvater
so wie jedes Mittelglied in allen Ästen und Zweigen ihrer Nach-
kommenschaft seye noch am Leben, und diese Glieder seyen so
465
fein, wie die zwischen den feinsten Varietäten abgestuft. In
diesem Falle würde es ganz unmöglich seyn, die vielfachen Glie-
der der verschiedenen Gruppen von ihren mehr unmittelbaren
Altern oder diese Altern von ihren alten unbekannten Stamm-
vätern durch Definitionen zu unterscheiden. Und doch würde die
in dem Bilde gegebene natürliche Anordnung ganz gut passen
und würden nach dem Vererbungs-Prinzip alle von A so wie alle
von I herkommenden Formen unter sich etwas gemein haben.
An einem Baume kann man diesen und jenen Zweig unterschei-
den, obwohl sich beide in einer Gabel vereinigen und in einander
fliessen. Wir könnten, wie gesagt, die verschiedenen Gruppen
nicht definiren; aber wir könnten Typen oder solche Formen
hervorheben, welche die meisten Charaktere jeder Gruppe, gross
oder klein, in sich vereinigten, und so eine allgemeine Vorstel-
lung vom Werlhe der Verschiedenheiten zwischen denselben
geben. Diess wäre, was wir thun müssten, wenn wir je dahin
gelangten, alle Formen einer Klasse, die in Zeit und Raum vor-
handen gewesen sind, zusammen zu bringen. Wir werden zwar
gewiss nie im Stande seyn, eine solche Sammlung zu machen,
deraungeachtet aber bei gewissen Klassen in die Lage komm^en,
jene Methode zu versuchen ; und Milne Edwards ist noch un-
längst in einer vortrefflichen Abhandlung auf der grossen Wich-
tigkeit bestanden, sich an Typen zu halten, gleichviel ob wir im
Stande sind oder nicht, die Gruppen zu trennen und zu um-
schreiben, zu welchen diese Typen gehören.
Endlich haben wir gesehen, dass Natürliche Züchtung, welche
aus dem Kampfe um's Daseyn hervorgeht und mit Erlöschung und
mit Divergenz des Charakters in den vielen Nachkommen einer
herrschenden Stamm-Art fast untrennbar verbunden ist, jene gros-
sen und allgemeinen Züge in der Verwandtschaft aller organi-
schen Wesen und namentlich ihre Sonderung in Gruppen und
Untergruppen erklärt. Wir benützen das Element der Abstam-
mung bei Klassifikation der Individuen beider Geschlechter und
aller Alters-Abstufungen in einer Art, wenn sie auch nur wenige
Charaktere miteinander gemein haben; wir bcnülzen die Abstam-
mung bei der Einordnung anerkannter Varietäten, wie sehr sie
DARWIN, Entstehung dor Arten. 2. Aufl. 30
466
auch von ihrer Stamm-Art abweichen mögen; und ich glaul)i',
dass dieses Element der Abstammung das geheime Band ist,
welches alle Naturforscher unter dem Namen des natürlichen
Systemes gesucht haben. Da nach dieser Vorstellung das natür-
liche System, so weit es ausgeführt werden kann, genealogisch
geordnet ist und die Verschiedcinheils-Stufen zwischen den Nach-
kommen gemeinsamer Altern durch die Ausdrücke Sippen, Fa-
milien, Ordnungen u. s. w. bezeichnet, so begreifen wir die Re-
geln, welche wir bei unsrer Klassifikation zu befolgen veranlasst
sind. Wir begreifen, warum wir manche Ähnlichkeit weit höher
als andre zu werthen haben; warum wir mitunter rudimentäre
oder nutzlose oder andre physiologisch unbedeutende Organe an-
wenden dürfen, warum wir bei Vergleichung der einen mit der
andern Gruppe analoge -oder Anpassungs-Charaktere verwerfen,
obwohl wir dieselben innerhalb der nämlichen Gruppe gebrauchen.
Es wird uns klar, warum wir alle lebenden und erloschenen
Formen in ein grosses System zusammen ordnen können, und
warum die verschiedenen Glieder jeder Klasse in der verwickel-
testen und nach allen Richtungen verzweigten Weise miteinander
verkettet sind. Wir werden wahrscheinlich niemals das ver-
wickelte Verwandtschafts-Gewebe zwischen den Gliedern einer
Klasse entwirren; wenn wir jedoch einen einzelnen Gegenstand
in's Auge fassen und nicht nach irgend einem unbekannten
Schöpfungs-Plane ausschauen, so dürfen wir hofifen, sichere aber
langsame Fortschritte zu machen.
Morphologie.) Wir haben gesehen, dass die Glieder
einer Klasse, unabhängig von ihrer Lebens-Weise, einander im
allgemeinen Plane ihrer Organisation gleichen. Diese Überein-
stimmung wird oft mit dem Ausdrucke »Einheit des Typus« be-
zeichnet; oder man sagt, die verschiedenen Theile und Organe
der verschiedenen Spezies einer Klasse seyen einander homolog.
Der ganze Gegenstand wird unter dem Namen Morphologie zu-
sammen begriffen. Diess ist der interessanteste Theil der Natur-
geschichte und kann deren wahre Seele genannt werden. Was
kann es sonderbareres geben, als dass die Greifhand des Men-
schen, der Grabfuss des Maulwurfs, das Rennbein des Pferdes,
467
die Ruderflosse der Seeschildkröfe und der Flügel der Fleder-
maus nach demselb(?n Model gearbeitet sind und gleiche Knochen
in der nämlichen gegenseitigen Lage enthalten. Geoffroy Saint-
HiLAuxE hat beharrlich an der grossen Wichtigkeit der wechsel-
seitigen Verbindung der Theile in homologen Organen festgehal-
ten : die Theile mögen in fast allen Abstufungen der Form und
Grösse abändern, aber sie bleiben lest in derselben Weise mit-
einander verbunden. So finden wir z. B. die Knochen des Ober-
und des Vorder-Arms oder des Ober- und Unler-Schenkels nie
aus ihrer Verbindung gerissen. Daher kann man dem homologen
Knochen in weit verschiedenen Thieren denselben Namen o-eben.
Dasselbe grosse Gesetz tritt in der Mund-Bildung der Insekten
hervor. Was kann verschiedener seyn, als die unermesslich
lange spirale Saugröhre eines Abend-Schmetterlings, der sonder-
bar zurückgebrochene Rüssel einer Wanze und die grossen Hör-
ner eines Hirschkäfers? Und doch werden alle diese zu so un-
gleichen Zwecken dienenden Organe durch unendlich zahlreiche
Modifikationen der Oberlippe, der Kinnbacken und zweier Paar
Kinnladen gebildet. Analoge Gesetze herrschen in der Zusam-
mensetzung des Mundes und der Glieder der Kruster. Und eben
so ist es mit den Blüthen der Pflanzen.
Nichts hat weniger Aussicht auf Erfolg, als ein Versuch
diese Ähnlichkeit des Bau-Planes in den Gliedern einer Klasse
mit Hilfe der Nützlichkeits-Theorie oder der Lehre von den end-
lichen Ursachen zu erklären. Die HolTnungslosigkeit eines sol-
chen Versuches ist von Owen in seinem äusserst interessanten
Werke »Nature of limbs^< ausdrücklich anerkannt worden. Nach
der gewöhnlichen Ansicht von der selbstständigen Schöpfung
einer jeden Spezies lässt sich nur sagen, dass es so ist, und
dass es dem Schöpfer gefallen hat jedes Thier und jede Pflanze
so zu machen.
Dagegen ist die Erklärung handgreiflich nach der Theorie
der Natürlichen Züchtung durch Häufung aufeinander-folgender
geringer Abänderungen, deren jede der abgeänderten Form eini-
germassen nützlich ist, welche aber in Folge der Wechselbe-
ziehungen des Wachs thuins oft auch andre Theile der Organi-
30 •
468
sation mit berühren. Bei Abänderungen dieser Art wird sich
nur wenig oder gar keine Neigung zu Änderung des ursprüng-
lichen Bau-Plans oder zu Verselzung der Theile zeigen. Die
Knochen eines Beines können in jeder Grosse verlängert oder
verkürzt, sie können stufenweise in dicke Häute eingehüllt wer-
den, um ein Ruder zu bilden; oder ein mit einer Binde-Haut
zwischen den Zehen versehener Fuss (Schwimmfuss) kann alle
seine Knochen oder gewisse Knochen bis zu irgend einem Maasse
verläno-ern und die Binde Haut in gleichem Verhällniss vergrös-
sern, so dass er als Flügel zu dienen im Stande ist: und doch
ist ungeachtet aller so bedeutender Abänderungen keine Neigung
zu einer Änderung der Knochen-Bestandlheile an sich oder zu
einer andern Zusammenfügung derselben vorhanden. Wenn wir
unterstellen, dass der alte Stamm-Vater oder Urtypus, wie man
ihn nennen kann, aller Säugthiere seine Beine, zu welchem Zwecke
sie auch bestimmt gewesen seyn mögen, nach dem vorhandenen
allgemeinen Plane gebildet halle, so werden wir sofort die klare
Bedeutung der homologen Bildung der Beine in der ganzen Klasse
begreifen. Wenn wir ferner hinsichtlich des Mundes der In-
sekten einfach unterstellen, dass ihr gemeinsamer Stammvater
eine Oberlippe, Kinnbacken und zwei Paar Unterkiefer vielleicht
von sehr einfacher Form besessen, so wird Natürliche Züchtung
auf irgend eine ursprünglich erschaffene Form wirkend vollkom-
men zur Erklärung der unendlichen Verschiedenheit in den Bil-
dungen und Verrichtungen des Mundes der Insekten genügen.
Demungeachtet ist es begreiflich, dass das ursprünglich gemein-
same Muster eines Organes allmählich ganz verloren gehen kann,
seye es durch Atrophie und endliche vollständige Resorption ge-
wisser Bestandtheile, oder durch Verwachsung einiger Theile,
oder durch Verdoppelung oder Vervielfältigung andrer: Abän-
derungen, die nach unsrer Erfahrung alle in den Grenzen der
Möglichkeit liegen. Nur in den Ruderfüssen gewisser ausge-
storbner Eidechsen (Ichthyosaurus) und in den Theilen des Saug-
mundes gewisser Kruster scheint der gemeinsame Grundplan bis
zu einem gewissen Grade verwischt zu seyn.
Ein andrer Zweig der Morphologie beschäftigt sich mit der
469
Vertrleichuno', nicht dos nämlichen Theiles in verschiedenen
Gliedern einor Klasse, sondern der verschiedenen Theile oder
Organe eines nämlichen Individuums. Die meisten Physiologen
glauben, dass die Knochen des Schädels homolog * — d. h. in Zahl
und beziehungsweiser Lage übereinstimmend — Seyen mit den
Knochen-Elemonten einer gewissen Anzahl Wirbel. Die vorderen
und die hinteren Gliedmaassen eines jeden Thieres in den Krei-
sen der Wirbel- und der Kerb-Thiere sind oCPenhar homolog zu
einander. Dasselbe Gesetz bewährt sich auch bei Vergleichung
der wunderbar zusammengesetzten Kinnladen mit den Beinen der
Krusler. Fast Jedermann weiss, dass in einer Blume die gegen-
seitige Stellung der Kelch- und der Kronen-Blätter und der Staub-
fäden und Staubwege zu einander eben so wie deren innere
Struktur aus der Annahme erklärbar werden, dass es metamor-
phosirte spiralständige Blätter Seyen. Bei monströsen Pflanzen
sehen wir nicht seilen den direkten Beweis von der Möglichkeit
der Umbildung eines dieser Organe in's andere. Auch bei em-
bryonischen Krustazeen u. a. Thieren erkennen wir so wie bei
den Blüthen, dass Organe, die im reifen Zustande äusserst ver-
schieden von einander sind, auf ihren ersten Enlwickelungs- Stufen
einander ausserordentlich gleichen.
Wie unerklärbar sind diese Erscheinungen nach der ge-
wöhnlichen Ansicht von der Schöpfung! Warum ist doch das Ge-
hirn in einen aus so vielen und so aussergewöhnlich geordneten
Knochen-Stücken zusammengesetzten Kasten eingeschlossen! Wie
Owen bemerkt, kann der Vortheil, welcher aus einer der Tren-
nung der Theile entsprechenden Nachgiebigkeit des Schädels für
den Geburts-Akt bei den Säugthieren entspringt, keinenfalls die
nämliche Bildungs-Weise desselben bei den Vögeln erklären. Oder
warum sind den Fledermäusen dieselben Knochen wie den übri-
gen Säugthieren zu Bildung ihrer Flügel anerschaffen worden,
da sie dieselben doch zu gänzlich verschiedenen Zwecken
^ Zu Bezeichnunff der Übereinstimmung von Orgnnen eines nämliciien
Individuums miteinander linl)en wir den Ausdruck „iioirionym" angewendet,
indem wir Homologien nur bei Vergleichung verschiedener Thier-Arten an-
nehmen (Morphologische Studien S. 410). D. Übs.
470
gebrauchen? Und warum haben Krusler mit einem aus zahlrei-
cheren Organen-Paaren zusammengesetzten Munde in gleichem
Verhältnisse weniger Beine, oder umgekehrt die mit mehr Bei-
nen versehenen weniger Mund-Theile ? Endlich, warum sind die
Kelch- und Kronen -Blätter , die Staubgefässe und Staubwege
einer Blülhe, trotz ihrer Bestimmung zu so gänzlich verschiedenen
Zwecken, alle nach demselben Muster gebildet?
Nach der Theorie der Natürlichen Züchtung können wir alle
diese Fragen genügend beantworten. Bei den Wirbellhieren
sehen wir eine Reihe innerer Wirbel gewisse Forlsätze und An-
hänge entwickeln^ bei den Kerbthieren ist der Körper in eine
Reihe Segmente mit äusseren Anhängen geschieden; und bei den
Pflanzen sehen wir die Blätter auf eine Anzahl über einander
folgender Umgänge einer Spirale regelmässig verlheilt. Eine
unbegrenzte Wiederholung desselben Theiles oder Organes ist,
wie Owen bemerkt hat, das gemeinsame Attribut aller niedrig
oder wenig modifizirten Formen*; daher wir leicht annehmen
können, der unbekannte Stammvater aller Wirbelthiere habe viele
Wirbel besessen, der aller Kerbthiere viele Körper-Segmente
und der der Blüthen- Pflanzen viele Blatt-Spiralen. Wir haben
ferner gesehen, dass Theile, die sich oft wiederholen, sehr ge-
neigt sind, in Zahl und Struktur zu variiren; daher es ganz
wahrscheinlich ist, dass Natürliche Züchtung mittelst lange forl-
gesetzter Abänderung eine gewisse Anzahl der sich oft wieder-
holenden ähnlichen Beslandtheile des Skelettes ganz verschiede-
nen Bestimmungen angepasst habe. Und da das ganze Maass
der Abänderung nur in unmerklichen Abstufungen bewirkt wor-
den, so dürfen wir uns nicht wundern, in solchen Theilen oder
Organen noch einen gewissen Grad fundamentaler Ähnlichkeit
nach dem strengen Erblichkeits-Prinzip zurückbehalten zu finden.
In der grossen Klasse der Mollusken lassen sich zwar Ho-
mologie'n zwischen Theilen verschiedener Spezies, aber nur we-
nige Reihen-Homologien nachweisen, d h. wir sind selten im
Diese und verwandte Frajren sind in unsern Morphologischen Studien
viel ersciiöpfender enlwickelt worden, als von Owen. D. übs.
471
Stande zu sagen, dass ein Theil oder Organ mit einem andern
im nümlichen Individuum homolog scye. Diess lässt sich wohl
erklären, weil wir niehl einmal bei den untersten Gliedern des
Weiehthier-Kreises solche unbegrenzte Wiederholung einzelner
Theile wie in den übrigen grossen Klassen des Thier- und Pflanz»
zen-Reiches finden.
Die Naturforscher stellen die Schädel oft als eine Reihe me-
tamorphosirter Wirbel, die Kinnladen der Krabben als metamor-
phosirte Beine, die Staubgefässe und Staubwege der Blumen als
metamorphosirte Blätter dar; doch würde es, wie Prof. Huxley
bemerkt hat, wahrscheinlich richtiger seyn zu sagen, Schädel wie
Wirbel, Kinnladen wie Beine u. s. w. seyen nicht eines aus dem
andern, sondern beide aus einem gemeinsamen Elemente ent-
standen. Inzwischen gebrauchen die Naturforscher jenen Aus-
druck nur in bildlicher Weise, indem sie weit von der Meinung
entfernt sind, dass Primordial-Organe irgend welcher Art —
Wirbel im einen und Beine im andern Falle — während einer
langen Reihe von Generationen wirklich in Schädel und Kinn-
laden umgebildet worden seyen. Und doch ist der Anschein,
dass eine derartige Modifikation staltgefunden habe, so vollkom-
men, dass dieselben Naturforscher schwer vermeiden können,
eine diesem letzten Sinne entsprechende Ausdrucks-Weise zu
gebrauchen. Nach meiner eigenen Anschauungs-Weise aber sind
jene Ausdrücke in der That nur wörtlich zu nehmen, um die
wunderbare Erscheinung zu erklären, dass die Kinnladen z. B.
eines Krabben zahlreiche Merkmale an sich tragen, welche die-
selben wahrscheinlich geerbt haben müssten, soferne sie wirklich
während einer langen Generalionen-Reihe durch allmähliche Meta-
morphose aus Beinen oder sonstigen einfachen Anhängen ent-
standen wären.
Embryonologie.) Es ist schon gelegentlich bemerkt
worden, dass gewisse Organe, welche im reifen Alter der Thiere
sehr verschieden gebildet und zu ganz abweichenden Diensten
bestimmt sind, sich im Embryo ganz ähnlich sehen. Eben so
sind die Embryonen verschiedener Thiere derselben Klasse ein-
ander oft sehr ähnlich, wofür sich ein besserer Beweis nicht
472
anführen lässt, als die Versicherung von Baeb's, die Embryonen
von Säugthieren, Vögeln, Eidechsen, Schlangen und wahrschein-
lich auch Schildkröten Seyen sich in der ersten Zeit im Ganzen
sowohl als in der Bildungs-Woise ihrer einzelnen Theile so ähn-
"fich, dass man sie nur an ihrer Grösse unterscheiden könne. Ich
besitze zwei Embryonen im Weingeist aufbewahrt, deren Namen
ich beizuschreiben vergessen habe, und nun bin ich ganz ausser
Stand zu sagen, zu welcher Klasse sie gehören. Es können Ei-
dechsen oder kleine Vögel oder sehr junge Säuglhiere seyn, so
vollständig ist die Ähnlichkeit in der Bildungs-Weise von Kopf
und Rumpf dieser Thiere, und die Extremitäten fehlen noch.
Aber auch wenn sie vorhanden wären, so würden sie auf ihrer
ersten Entwickelungs-Stufe nichts beweisen; denn die Beine der
Eidechsen und Säugthiere, die Flügel und Beine der Vögel nicht
weniger als die Hände und Füsse des Menschen: alle entspringen
aus der nämlichen Grundform. — Die Wurm-förtnigen Larven
der Motten, Fliegen, Käfer u. s. w. gleichen einander viel mehr,
als die reifen Insekten. In den Larven verräth sich noch die
Einförmigkeit des Embryo's; das reife Insekt ist den speziellen
Lebens-Bedingungen angepasst. Zuweilen geht eine Spur der
embryonischen Ähnlichkeit noch in ein spätres Alter über: so
gleichen Vögel derselben Sippe oder nahe verwandter Genera
einander oft in ihrem ersten und zweiten Jugend-Kleide: alle
Drosseln z. B. in ihrem gefleckten Gefieder. In der Katzen-Fa-
milie sind die meisten Arten gestreift oder streifenweise gefleckt;
und solche Streifen oder Flecken sind auch noch am neu-geborenen
Jungen des Löwen und des Puma vorhanden. Wir sehen zuweilen,
aber selten, auch etwas der Art bei den Pflanzen. So sind die Em-
bryonal-Blätter des Ulex und die ersten Blatter der neuholländischen
Acacien, welche später nur noch Phyllodien hervorbringen, zusam-
mengesetzt oder gefiedert, wie die gewöhnlichen Leguminosen-
Blätter. Diejenigen Punkte der Organisation, worin die Embryo-
nen ganz verschiedener Thiere einer und derselben Klasse sich
gegenseitig gleichen, haben oft keine unmittelbare Beziehung zu
ihren Existenz-Bedingungen. Wir können z. B. nicht annehmen,
dass in den Embryonen der Wirbelthiere der eigenthümliche
473
Schleifen-arlige Verlauf der Arterien nächst den Kiemen-Schlitzen
des Halses mit der Ähnlichkeit der Lobcns-Bedingungon in Zu-
sammenhang stehe im jungen Säugthierc, das im Mullerleibe er-
nährt wird, wie im Vogel, welcher dem Eie entschlüpft, und im
Frosche, der sich im Laiche unter Wasser entwickelt. Wir haben
nicht mehr Grund, an einen solchen Zusammenhang zu glauben,
als anzunehmen, dass die Übereinstimmung der Knochen in der
Hand des Menschen, im Flügel einer Fledermaus und im Ruder-
fusse einer Schildkröte mit einer Übereinstimmung der äussern
Lebens-Bedingungen in Verbindung stehe. Niemand denkt, dass
die Streifen an dem jungen Löwen oder die Flecken an der
jungen Schwarzdrossel (Amsel) diesen Thieren nützen oder mit
den Lebens Bedingungen in Zusammenhang stehen, welchen sie
ausgesetzt sind.
Anders verhält sich jedoch die Sache, wenn ein Thier wäh-
rend eines Theiles seiner Embryo-Laufbahn thätig ist und für
sich selbst zu sorgen hat. Die Periode dieser Thätigkeit kann
früher oder kann später im Leben kommen ; doch, wann immer
sie kommen mag, die Anpassung der Larve an ihre Lebens-Be-
dingungen ist eben so vollkommen und schön, wie die des reifen
Thieres an die seinige. Durch derartige eigenthümliche Anpas-
sungen wird dann zuweilen auch die Ähnlichkeit der thätigen
Larven oder Embryonen einander verwandter Thiere schon sehr
verdunkelt; und es Hessen sich Beispiele anführen, wo die Larven
zweier Arten und sogar Arten-Gruppen eben so sehr oder noch
mehr von einander verschieden sind, als ihre reifen Ältern. In
den meisten Fällen jedoch gehorchen auch die thätigen Larven
noch mehr und weniger dem Gesetze der embryonalen Ähnlich-
keit. Die Cirripeden liefern einen guten Beleg dafür: selbst der
berühmte Cuvier erkannte nicht, dass dieselben Kruster Seyen :
aber schon ein Blick auf ihre Larven verrälh Diess in unver-
kennbarer Weise. Und eben so haben die zwei Haupt-Abthei-
lungen der Cirripeden, die gestielten und die silzenden, welche
in ihren\ äusseren Ansehen so sehr von einander abweichen,
Larven, die in allen ihren Entwickelungs-Stufen kaum unter-
scheidbar sind.
474
Während des Verlaufes seiner Enlwickelung steigt der Em-
bryo gewühnlicli in der Organisation : ich gebrauche diesen Aus-
druck, obwohl ich weiss, dass es kaum möglich ist, genau anzu-
geben, was unter höherer oder tieferer Organisation zu verstehen
seye. Niemand wird wolil bestreiten, dass der Schmetterling
höher organisirt seye als die Raupe. In einigen Fallen jedoch,
wie bei parasitischen Kruslern, sieht man allgemein das reife
Thier für tieferstehend als die Larve an. Ich beziehe mich wie-
der auf die Cirripeden. Auf ihrer ersten Stufe hat die Larve
drei Paar Fiisse, ein sehr einfaches Auge und einen Rüssel-för-
migen Mund, womit sie reichliche Nahrung aufnimmt; denn sie
wächst schnell an Grösse zu. Auf der zweiten Stufe, dem Rau-
pen-Stande des Schmetterlings entsprechend, hat sie sechs Paar
schön gebauter Schwimm-Füsse, ein Paar herrlich zusammenge-
setzter Augen und äusserst zusammengesetzte Fühler, aber einen
geschlossenen Mund, der keine Nahrung aufnehmen kann: ihre
Verrichtung auf dieser Stufe ist, einen zur Befestigung upd zur
letzten Metamorphose geeigneten Platz mittelst ihres wohl-ent-
wickelten Sinnes-Organes zu suchen und mit ihren mächtigen
Schwimm-Werkzeugen zu erreichen. Wenn diese Aufgabe er-
füllt ist, so bleibt das Thier lebenslänglich an seiner Stelle be-
festigt; seine Beine verwandeln sich in Greif-Organe; es bildet
sich ein wohl zusammengesetzter Mund aus; aber es hat keine
Fühler, und seine beiden Augen haben sich jetzt wieder in einen
kleinen und ganz einfachen Augenfleck verwandelt. In diesem
letzten und vollständigen Zustande kann man die Cirripeden als
höher oder als tiefer organisirt betrachten, als sie im Larven-
Stande gewesen sind. In einigen ihrer Sippen jedoch entwickeln
sich die Larven entweder zu Hermaphroditen von der gewöhn-
lichen Bildung oder zu (von mir so genannten) komplementären
Männchen; und in diesen letzten ist die Entwickelung gewiss zu-
rückgeschritten, denn sie bestehen in einem blossen Sack mit
kurzer Lebens-Frist, ohne Mund, Magen oder andres wichtiges
Organ, das der Reproduktion ausgenommen.
Wir sind so sehr gewöhnt, Struktur-Verschiedenheiten zwi-
schen Embryonen und erwachsenen Organismen zu sehen und
475
eben so eine grosse Ähnlichkcil zwischen den Embryonen weit
verschiedener Thiere derselben Klasse zu finden, dass man sich
versucht fühlt, diese Erscheinungen als nolhwendig in gewisser
Weise zusammentreffend mit der Entwickelung zu betrachten.
Inzwischen ist doch kein Grund einzusehen, warum der Plan
z. B. zum Flügel der Fledermaus oder zum Ruder der Seeschild-
kröte nach allen ihren Theilen in angemessener Proportion nicht
schon im Embryo entworfen worden seyn soll, sobald nur irgend
eine Struktur in demselben sichtbar wurde. Und in einigen gan-
zen Thier-Gruppen sowohl als in gewissen Gliedern andrer Grup-
pen weicht der Embryo zu keiner Zeit seines Lebens weit vom
Erwachsenen ab ; — daher Owen in Bezug auf die Sepien be-
merkt hat: »da ist keine Metamorphose; der Cephalopoden-Cha-
rakter ist deutlich schon weit früher als die Theile des Embryo's
vollständig sind«, und in Bezug auf die Spinnen: «da ist nichts,
was die Benennung Metamorphose verdiente«. Die Insekten-
Larven, mögen sie nun thätig und den verschiedenartigsten Dien-
sten angepasst oder unthätig von ihren Altern gefüttert oder
mitten in die ihnen angemessene Nahrung hincingeselzt werden,
so haben doch alle eine ähnliche wurmförmige Entwickelungs-
Stufe zu durchlaufen; nur in einigen wenigen Fällen ist, wie bei
Aphis nach den herrlichen Zeichnungen Huxley's zu urlheilen,
keine Spur eines wurmförmigen Zustandes zu finden*.
Wie sind aber dann diese verschiedenen Erscheinungeu der
Embryologie zu erklären? — namentlich die sehr gewöhnliche
wenn auch nicht allgemeine Verschiedenheit der Organisation des
Embryo's und des Erwachsenen? — die ausserordentlich weit
auseinanderlaufende Bildung und Verrichtung von anfangs ganz
ähnlichen Theilen eines und desselben Embryos? — die fast all-
gemeine obschon nicht ausnahmslose Ähnlichkeit zwischen Em-
bryonen verschiedener Spezies einer Klasse? — die besondre
Anpassung der Struktur des Embryo's an seine Existenz-Bedin-
gungen bloss in dem Falle, dass er zu irgend einer Zeit thätig
Ich (lenke, dass Diess bei allen Insecla amelabola ohne unlliiiligen Zu-
stand der Fall ist? D. Übs.
476
ist und für sich selbst zu sorgen hat? — die zuweilen anschei-
nend höhere Org'anisalion des Embryo's, als des reifen Thieres,
in welches er übergeht? Ich glaube, dass sich alle diese Erschei-
nungen auf folgende Weise aus der Annahme einer Abstammung
mit Abänderung erklären lassen.
Gewöhnlich unterstellt man, vielleicht weil Monstrositäten
sich oft sehr früh am Embryo zu zeigen beginnen, dass geringe
Abänderungen nolhwendig in einer gleichmässig frühen Periode
des Embryos zum Vorschein kommen. Doch haben wir dafür
wenig Beweise, und der Anschein spricht sogar für das Gegen-
theil^ denn es ist bekannt, dass die Züchter von Rindern, Pfer-
den und verschiedenen Thieren der Liebhaberei erst eine ge-
wisse Zeit nach der Geburt des jungen Thieres zu sagen im
Stande sind, welche Form oder Vorzüge es schliesslich zeigen
wird. Wir sehen Dicss deutlich bei unsern Kindern; wir kön-
nen nicht immer sagen, ob die Kinder von schlanker oder ge-
drungener Figur seyn oder wie sonst genau aussehen werden-
Die Frage ist nicht : in welcher Lebens-Periode eine Abänderung
verursacht, sondern in welcher sie vollkommen entwickelt seyn
wird. Die Ursache kann schon gewirkt haben und hat nach mei-
ner Meinung gewöhnlich gewirkt, ehe sich der Embryo gebildet
hat; und die Abänderung kann davon herkommen, dass das
männliche oder das weibliche Element durch die Lebens-Bedin-
gungen berührt worden ist, welchen die Altern oder deren Vor-
gänger ausgesetzt gewesen sind. Demungeachtet kann die so in
sehr früher Zeit und selbst vor der Bildung des Embryos veran-
lasste Wirkung erst spät im Leben hervortreten, wie z. B. auch
eine erbliche Krankheit, die dem Alter angehört, von dem re-
produktiven Elemente eines der Altern auf die Nachkommen
übertragen, oder die Hörner-Form eines Blendlings aus einer
lang- und einer kurz-hörnigen Rasse von den Hörnern der bei-
den Altern bedingt wird. Für das Wohl eines sehr jungen
Thieres, so lange es noch im Mutterleibe oder im Ei eincreschlos-
sen ist oder von seinen Altern genährt und geschützt wird, muss
es hinsichtlich der meisten Charaktere ganz unwesentlich seyn,
ob es dieselben etwas früher oder später im Leben erlangt. Es
477
würde z. B. für einen Vogel, der sich sein Futter am besten mit
einem langen Schnabel verschaffte, gleichgültig seyn, ob er die
entsprechende Schnabel-Länge schon bekömmt, so lange er noch
von seinen Ältern gefüttert wird, oder nicht. Daher, schliesse
ich, ist es ganz möglich, dass jede der vielen nacheinander fol-
genden Modifikationen, wodurch eine Art ihre gegenwärtige Bil-
dung erlangt hat, in einer nicht sehr frühen Lebens-Zeit einge-
treten seye; und einige direkte Belege von unseren Hausthieren
unterstützen diese Ansicht. In anderen Fällen aber ist es eben
so möglich, dass alle oder die meisten dieser Umbildungen in
einer sehr frühen Zeit hervorgetreten sind.
Ich habe im ersten Kapitel behauptet, dass einige Wahr-
scheinlichkeit vorhanden ist, dass eine Abänderung, die in irgend
welcher Lebens-Zeit der Ältern zum Vorschein gekommen, sich
auch in gleichem Alter wieder beim Jungen zeige. Gewisse Ab-
änderungen können nur in sich entsprechenden Altern wieder er-
scheinen, wie z. B. die Eigenlhümlichkeiten der Baupe oder der
Puppe des Seidenschmetterlings, oder der Hörner des fast aus-
gewachsenen Bindes. Aber auch ausserdem möchten, soviel zu
ersehen, Abänderungen, welche einmal früher oder später im
Leben eingetreten sind, zum Wiedererscheinen im entsprechen-
den Alter des Nachkommen geneigt seyn. Ich bin weit entfernt
zu glauben, dass Diess unabänderlich der Fall ist, und könnte
selbst eine gute Anzahl von Beispielen anführen, wo Abänderun-
gen (im weitesten Sinne des Wortes genommen) im Kinde früher
als in den Ältern eingetreten sind.
Diese zwei Prinzipien, ihre Richtigkeit zugestanden, werden
alle oben aufgezählten Haupt-Erscheinungen in der Embryologie
erklären. Doch, sehen wir uns zuerst nach einigen analogen'
Fällen bei unseren Hauslhier-Varietäten um. Einige Autoren, die
über den Hund geschrieben, behaupten der Windhund und der
Bullenbeisser seyen, wenn auch noch so verschieden von Aus-
sehen, in der That sehr nahe verwandte Varietäten, wahrschein-
lich vom nämlichen wilden Stamme entsprossen. Ich war daher
begierig zu erfahren, wie weit ihre neu-geworfenen Jungen von
einander abweichen. Züchter sagten mir, dass sie beinahe eben
478
so verscliieden seyen, wie ihre Altern; und nach dem Augen-
schein war Diess auch ziemlich der Fall. Aber bei wirklicher
Ausmessung der alten Hunde und der 6 Tage allen Jungen, fand
ich, dass diese letzten noch nicht ganz die abweichenden Maass-
Verhältnisse angenommen hatten. Eben so vernahm ich, dass
die Füllen des Karren- und des Renn -Pferdes eben so sehr wie
die ausgewachsenen Thiere von einander abweichen, was mich
höchlich wunderte, da es mir wahrscheinlich gewesen, dass die
Verschiedenheit zwischen diesen zwei Rassen lediglich eine Folge
der Züchtung im Zähmungs -Zustande seye. Als ich demnach
sorgfältige Ausmessungen an der Mutter und dem drei Tage alten
Füllen eines Renners und eines Karren-Gauls vornahm, so fand
ich, dass die Füllen noch keineswegs die ganze Verschiedenheit
in ihren Maass-Verhältnissen besassen.
Da es mir erwiesen scheint, dass die verschiedenen Haus-
tauben-Rassen von nur einer wilden Art herstammen, so verglich
ich junge Tauben verschiedener Rassen 12 Stunden nach dem
Ausschlüpfen miteinander; ich mass die Verhältnisse (wovon ich
die Einzelnheiten hier nicht mitlheilen will) zwischen dem Schna-
bel, der Weite des Mundes, der Länge der Nasenlöcher und des
Augenlides, der Läufe und Zehen sowohl beim wilden Stamme,
als bei Kröpfern, Pfauen-Tauben, Runt- und Barb-Tauben (S. 27),
Drachen- und Boten-Tauben und Purzlern. Einige von diesen
Vögeln weichen im reifen Zustande so ausserordentlich in der
Länge und Form des Schnabels von einander ab, dass man sie,
wären sie natürliche Erzeugnisse, zweifelsohne in ganz verschie-
dene Genera bringen würde. Wenn man aber die Nestlinge
dieser verschiedenen Rassen in eine Reihe ordnet, so erscheinen
die Verschiedenheiten ihrer Proportionen in den genannten Be-
ziehungen, obwohl man die meisten derselben noch von einander
unterscheiden kann, unvergleichbar geringer, als in den ausge-
wachsenen Vögeln. Einige charakteristische Differenz-Punkte der
Alten, wie z. B. die Weite des Mundspaltes, sind an den Jungen
noch kaum zu entdecken. Es war nur eine merkwürdige Aus-
nahme von dieser Regel, indem die Jungen des kurzstirnigen
Purzlers von den Jungen der wilden Fels taube und der andren
479
Rassen in allen Maass-VerliiillnisstMi fast genau ebenso verschie-
den waren, wie im erwachsenen Zustande *.
Die zwei oben anfyestollten Prinzipien scheinen mir diese
Thatsachen in Bezug auf die letzten Embryo -Zustände unsrer
zahmen Varietäten zu erklären. Liebhaber wählen ihre Pferde,
Hunde und Tauben zur Nachzucht aus, wann sie nahezu ausge-
wachsen sind. Es ist ihnen gleichgültig, ob die verlangten
Bildungen und Eigenschaften früher oder später im Leben zum
Vorschein kommen, wenn nur das ausgewachsene Thier sie be-
sitzt. Und die eben mitgetheilten Beispiele insbesondre von den
Tauben scheinen zu zeigen, dass die charakteristischen Verschie-
denheiten, welche den Werth einer jeden Rasse bedingen und
durch künstliche Züchtung gehäuft worden sind, gewöhnlich nicht
in früher Lebens-Periode zum Vorschein gekommen und somit
auch erst in einem entsprechenden späteren Lebens-Alter auf
den Nachkommen übergingen. Aber der Fall mit dem kurzstir-
nigen Purzier, welcher schon in einem Alter von zwölf Stunden
seine eigcnthümlichen Maass- Verhältnisse besitzt, beweist, dass
Diess keine allgemeine Regel ist; denn hier müssen die charak-
teristischen Unterschiede entweder in einer frühern Periode als
gewöhnlich erschienen seyn, oder wenn nicht, so müssen die
Unterschiede statt in dem entsprechenden in einem früheren Alter
vererbt worden seyn.
Wenden wir nun diese Erscheinungen und die zwei obigen
Prinzipien, die, wenn auch noch nicht erwiesen, doch einiger-
maassen wahrscheinlich sind, auf die Arten im Natur-Zustande
an. Nehmen wir eine Vogel-Sippe an, die nach meiner Theorie
von irgend einer gemeinsamen Stamm- Art herkommt, und deren
verschiedenen neuen Arten durch natürliche Züchtung in Über-
einstimmung mit ihren verschiedenen Lebens-Woisen modifizirt
worden sind. Dann werden in Folge der vielen successiven
kleinen Abänderungs-Stufen, welche in späterem Alter eingetreten
sind und sich in entsprechendem Alter weiter vererbt haben, die
' Das ist wohl insofernc nicht wörilich zu nehmen, »Is ja die Jungen
<ler andern Rassen noch nicht so wie im Alter verschieden waren. D. Übs.
480
Jungen aller neuen Arten unsrer unterstellten Sippe sich einander
offenbar mehr zu gleichen geneigt seyn, als es bei den Alten
der Fall, gerade so wie wir es bei den Tauben gesehen haben.
Dehnen wir diese Ansicht auf ganze Familien oder selbst Klassen
aus. Die vordem Gliedmaassen z. B., welche der Stamm-Art als
Beine gedient, mögen in Folge lang-währender Modifikation bei
einem Nachkommen zu den Diensten der Hand, bei einem andern
zu denen des Ruders und bei einem Dritten zu solchen des Flü-
gels angepasst worden seyn: so werden nach den zwei obigen
Prinzipien, dass nämlich jede der successiven Modifikationen in
einem späteren Alter entstand und sich auch erst in einem ent-
sprechenden späteren Aller vererbte, die vordem Gliedmaassen
in den Embryonen der verschiedenen Nachkommen der Stamm-
Art einander noch sehr ähnlich seyn; denn sie sind von den
Modifikationen nicht betroffen worden. Nun werden aber in jeder
unsrer neuen Arten die embryonischen Vordergliedmaassen sehr
von denen des reifen Thieres verschieden seyn, weil diese letz-
ten erst in spätrer Lebens-Periode grosse Abänderung erfahren
haben und in Hände, Ruder und Flügel umgewandelt worden sind.
Was immer für einen Einfluss lange fortgesetzter Gebrauch und
Übung einerseits und Nichtgebrauch andrerseits auf die Abände-
rung eines Organes haben mag, so wird ein solcher Einfluss
hauptsächlich das reife Thier betreffen, welches bereits zu seiner
ganzen Thatkraft gelangt ist und sein Leben selber fristen muss;
und die so entstandenen Wirkungen werden sich im entsprechen-
den reifen Alter vererben. Daher rührt es, dass das Junge durch
die Folgen des Gebrauchs und Nichtgebrauchs nicht verändert
wird oder nur wenige Abänderung erfährt.
In gewissen Fällen mögen die aufeinander-folgenden Abän-
derungs-Stufen, aus uns ganz unbekannten Gründen, schon in
sehr früher Lebens-Zeit erfolgen, oder jede solche Stufe in einer
früheren Lebens-Periode vererbt werden , als worin sie zuerst
entstanden ist. In beiden Fällen wird das Junge oder der Em-
bryo (wie die Beobachtung am kurzstirnigen Purzier zeigt) der
reifen älterlichcn Form vollkommen gleichen. Wir haben ge-
sehen, dass Diess die Regel ist in einigen ganzen Thier-Gruppen,
481
bei den Sepien und Spinnen, und in einigen wenigen Fällen auch
in der grossen Klasse der seclisfüssigen Insekten, wie nament-
lich bei den Blattläusen. Was nun die End-Ursache betrifft, war-
um das Junge in diesen Fallen keine Metamorphose durchläuft
oder seinen Altern von der frühesten Stufe an schon gleicht, so
kann Diess etwa von den folgenden zwei Bedingungen herrüh-
ren: erstens davon, dass das Junge im Verlaufe seiner durch
viele Generationen fortgesetzten Abänderung schon von sehr früher
Entwickelungs Stufe an für seine eignen Bedürfnisse zu sorgen
hatte, und zweitens davon, dass es genau dieselbe Lebens-Weise
wie seine Altern befolgte. Vielleicht ist jedoch noch eine Er-
klärung erforderlich, warum der Embryo keine Metamorphose
durchläuft? Wenn auf der andern Seite es dem Jungen vortheil-
haft ist, eine von der älterlichen etwas verschiedene Lebens-
Weise einzuhalten und demgemäss einen etwas abweichenden
Bau zu haben, so kann nach dem Prinzip der Vererbung in über-
einstimmenden Lebens-Zeiten die thätige Larve oder das Junge
durch Natürliche Züchtung leicht eine in merklichem Grade von
der seiner Altern abweichende Bildung erlangen. Solche Ab-
weichungen können auch mit den aufeinander folgenden Entwicke-
lungs-Stufen in Wechselbeziehung treten, so dass die Larve auf
ihrer ersten Stufe weit von der Larve auf der zweiten Stufe ab-
weicht, wie wir bei den Cirripeden gesehen haben. Das Alte
kann sich Lagen und Gewohnheilen anpassen, wo ihm Bewegungs-,
Sinnes- oder andere Organe nutzlos werden, und in diesem Falle
kann man dessen letzte Metamorphose als eine zurückschreitende
bezeichnen.
Wenn alle organischen Wesen, welche noch leben oder je-
mals auf dieser Erde gelebt haben, zusammen klassifizirt werden
sollten, so würde, da alle durch die feinsten Abstufungen mit
einander verkettet sind, die beste, oder in der That, wenn unsre
Sammlungen einigermaassen vollständig wären, die einzige mög-
liche Anordnung derselben die genealogische seyn. Gemeinsame
Abstammung ist nach meiner Ansicht das geheime Band, welches
die Naturforscher unter dem Namen Natürliches System gesucht
haben. Von dieser Annahme aus begreifen wir, woher es kommt,
Darwin, Entstehung der Alton. 2. Aull. 31
482
(liiss in d(?n Augen der meisten Naturforscher die Bildung des
Embryos für die Klassifiliation nocli wichtiger als die des Er-
WHchsenen ist. Denn der Embryo ist das Thier in seinem we-
nio-er modifizirten Zustande und enthüllet uns in so ferne die
Struktur eines Stammvaters. Zwei Thier-Gruppen mögen jetzt
in Bau und Lebens-Weise noch so verschieden von einander
seyn; wenn sie gleiche oder ähnliche Embryo-Stände durchlaufen,
so dürfen wir uns überzeugt halten, dass beide von denselben
oder von einander sehr ähnlichen Altern abstammen und desshalb
in entsprechendem Grade einander nahe verwandt sind. So ver-
räth Übereinstimmung in der Embryo-Bildung gemeinsame Ab-
stammung. Sie verräth diese gemeinsame Abstammung, wie sehr
auch die Organisation des Alten abgeändert und verhüllt worden
seyn mag; denn wir haben gesehen, dass die Cirripeden z. B.
an ihren Larven sogleich als zur grossen Klasse der Kruster ge-
hörig erkannt werden können. Da der Embryo-Zustand einer
jeden Art und jeden Arten-Gruppe uns theilweise den Bau ihrer
alten noch wenig modifizirten Stamm-Formen überliefert, so er-
gibt sich auch deutlich, warum alte und erloschene Lebenformen
den Embryonen ihrer Nachkommen, unsren heutigen Sippen näm-
lich, gleichen. Agassiz hält Diess für ein Natur-Gesetz; ich bin
aber zu bekennen genöthigt, dass ich erst später das Gesetz noch
bestätigt zu sehen hoffe. Denn es lässt sich nur in den Fällen
allein beweisen, wo der alte, angeblich in den jetzigen Embryo-
nen vertretene Zustand in dem langen Verlaufe andauernder Mo-
difikation weder durch successive in einem frühen Lebens-Alter
erfolgte Abänderungen noch durch Vererbung der Abweichungen
auf ein früheres Lebens-Alter, als worin sie ursprünglich aufge-
treten sind, vermischt worden ist. Auch ist zu erwägen, dass
das angebliche Gesetz der Ähnlichkeit alter Lebenformen mit den
Embryo-Ständen der neuen ganz wahr seyn und doch, weil sich
der geologische Schöpfungs-Bericht nicht weit genug rückwärts
erstreckt, noch auf lange hinaus oder für immer unbeweisbar
bleiben kann.
So scheinen sich mir die Haupterscheinungen in der Embryo-
logie, welche an naturgeschichtlicher Wichtigkeit keinen andern
483
nachstehen, aus dem Prinzip zu erklären: dass geringe Modifi-
kationen in der langen Reihe von Nachkommen eines alten
Stammvaters, wenn auch violleicht in sehr frühem Älter weiter
vererbt worden sind. Die Embryobgie gewinnt sehr an Inter-
esse, wenn wir uns den Embryo als ein mehr oder weniger
vererbliches Bild der gemeinsamen Stamm-Form einer jeden gros-
sen Thier-Klasse vorstellen.
Rudimentäre, atrophische und abortive Organe.)
Organe oder Theile, in diesem eigenthiimlichen Zustande den
Stempel der Nutzlosigkeit tragend, sind in der Natur äusserst
gewöhnlich. So sind rudimentäre Zitzen sehr gewöhnlich bei
männlichen Säugthieren, und ich glaiiDe,' dass man den Afterfliigel
der Vögel getrost als einen verkümmerten Finger ansehen darf.
In vielen Schlangen ist der eine Lungenflügel verkümmert, und
in andern Schlangen kommen Rudimente des Beckens und der
Hinterbeine vor. Einige Beispiele von solchen Organen-Rudi-
menten sind sehr eigenlhümlich , wie die Anwesenheit von Zäh-
nen bei Wal-Embryonen, die in erwachsenem Zustande nicht
einen Zahn im ganzen Kopfe haben; und das Daseyn von Schneide-
Zähnen am Oberkiefer unsrer Kälber vor der Geburt, welche
aber niemals das Zahnfleisch durchbrechen. Auch ist von einem
guten Gewährsmann behauptet worden, dass sich Zahn-Rudimente
in den Schnäbeln der Embryonen gewisser Vögel entdecken las-
sen. Nichts kann klarer seyn, als dass die Flügel zum Fluge ge-
macht sind; und doch, in wie vielen Insekten sehen wir die Flü-
gel so verkleinert, dass sie zum Fluge ganz unbrauchbar und
überdiess noch unter fest miteinander verwachsenen Flügeldecken
verborgen liegen.
Die Bedeutung rudimentärer Organe ist oft unverkennbar.
So gibt es z. B. in einer Sippe (und zuweilen in einer Spezies)
beisammen Käfer, die sich in allen Beziehungen aufs Genaueste
gleichen, nur dass die einen vollständig ausgebildete Flügel
und die andern an deren Stelle nur Haut-Lappen haben; und
hier ist es unmöglich zu zweifeln, dass diese Lappen die Flügel
vertreten. Rudimentäre Organe behalten zuweilen noch ihre
Dienstfähigkeit, ohne ausgebildet zu seyn, wie die Milchzilzen
31 *
484
männlicher Säugethiere, wo von vielen Fällen berichtet wird, dass
diese Organe in ausgewachsenen Männchen sich wohl entwickelt
und Milch abgesondert haben. So hat das weibliche Rind ge-
wöhnlich vier entwickelte und zwei rudimentäre Zitzen am Euter:
aber bei unsrer zahmen Kuh entwickeln sich gewöhnlich auch
die zwei letzten und geben Milch. Bei Pflanzen sind in einer
und der nämlichen Spezies die Kronenblätter bald nur als Rudi-
mente und bald in ganz ausgebildetem Zustande vorhanden. Bei
Pflanzen mit getrennten Geschlechtern haben die männlichen
Blüthen oft ein Rudiment von Pistill, und bei Kreutzung einer
solchen männlichen Pflanze mit einer hermaphroditischen Art sah
KöLREUTER in dem Bastard das Pistill-Rudiment an Grösse zu-
nehmen, woraus sich ergibt, dass das Rudiment und das voll-
kommene Pistill sich in ihrer Natur wesentlich gleichen.
Ein für zweierlei Verrichtungen dienendes Organ kann für
die eine und sogar die wichtigere derselben rudimentär werden
oder ganz fehlschlagen und in voller Wirksamkeit für die andre
bleiben. So ist die Bestimmung des Pistills, die Pollen-Schläuche
in den Stand zu setzen, die in dem Ovarium an seiner Basis
enthaltenen Ei'chen zu erreichen. Das Pistill besteht aus der
Narbe vom Grifl'el getragen ; bei einigen Compositae jedoch haben
die männlichen Blüthchen, welche mithin nicht befruchtet werden
können, ein Pistill in rudimentärem Zustande, indem es keine
Narbe besitzt, und doch bleibt es sonst wohl entwickelt und wie
in andern Compositae mit Haaren überzogen, um den Pollen von
den umgebenden Antheren abzustreifen. So kann auch ein Or-
gan für seine eigene Bestimmung rudimentär werden und für
einen andern Zweck dienen, wie in gewissen Fischen die Schwimm-
blase für ihre eigene Verrichtung, den Fisch im Wasser zu er-
leichtern, beinahe rudimentär zu werden scheint, indem sie in
ein Athmungs-Organ oder Lunge überzugehen beginnt.
Nur wenig entwickelte aber doch brauchbare Organe sollten
nicht rudimentär genannt werden; man kann nicht mit Recht
sagen, sie seyen in atrophischem Zustand; sie mögen für «wer-
dende« Organe gelten und später durch natürliche Züchtung in
irgend welchem Maasse weiter entwickelt werden. Dagegen sind
485
rudimentäre Organe oft wesentlich nutzlos: wie Zähne, welche
niemals das Zahnfleisch durchbrechen, in ihrem noch wenig ent-
wickelten Zustande auch nur von wenig Nutzen seyn können.
Bei ihrer jetzigen Beschafl"enheit können sie nicht von Natürlicher
Züchtung herrühren, welche bloss durch Erhaltung nützlicher Ab-
änderungen wirkt; sie sind, wie wir sehen werden, nur durch
Vererbung erhalten worden * und stehen mit der frühern Be-
schaffenheit ihres Besitzers in Verbindung. Es ist schwer zu er-
kennen, was »werdende« Organe sind; in Bezug auf die Zukunft
kann man nicht sagen, in welcher Weise sich ein Theil ent-
wickeln wird, und ob es jetzt ein »werdender« ist; in Bezug auf
die Vergangenheit, so werden Geschöpfe mit werdenden Organen
gewöhnlich durch ihre Nachfolger mit vollkommeneren und ent-
wickelteren Organen ersetzt und ausgetilgt worden seyn. Der
Flügel-Stümmel des Pinguins ist als Ruder wirkend von grossem
Nutzen und mag daher den beginnenden Vogel-Flügel vorstellen ;
nicht als ob ich glaubte, dass er es wirklich seye, denn wahr-
scheinlich ist er ein reduzirtes und für eine neue Bestimmii ig
hergerichtetes Organ. Der Flügel des Apteryx ist nutzlos und
ganz rudimentär. Die Milchzitzen -Drüse des Ornilhorhynchus
kann vielleicht, einem Kuh-Euter gegenüber, als eine werdende
bezeichnet werden. Die Eierzügel gewisser Cirripcden (S. 219),
welche nur wenig entwickelt sind und nicht mehr zur Befestigung
der Eier dienen, sind werdende Kiemen.
Rudimentäre Organe in Individuen einer nämlichen Art va-
riiren sehr gerne in ihrer Entwickelungs-Stufe sowohl als in
andern Beziehungen. Ausserdem ist der Grad, bis zu welchem
das Organ rudimentär geworden, in nahe verwandten Arten zu-
weilen sehr verschieden. Für diesen letzten Fall liefert der Zu-
stand der Flügel bei einigen Nacht- Schmetterlingen ein gutes
Beispiel. Rudimentäre Organe können gänzlich fehlschlagen oder
* Aber wenn sie jetzt nicht von Natürlicher Züchtung herrühren können,
wie sind sie dann das erste Mal entstanden, ehe sie wieder zu schwinden
begannen? Gewiss verdienen sie aber in diesem letzten Falle nicht den Wa-
rnen „werdende" oder „beginnende" Organe, sondern müssen „verkümmernde"
heissen. D. Übs.
486
aborliren, und daher rührt os dann, dass wir in einem Thiere
oder einer Pflanze nicht einmal eine Spur mehr von einem
Organe finden, welches wir dort zu erwarten berechtigt sind und
nur zuweilen noch in monströsen Individuen hervortreten sehen.
So finden wir z. B. im Löwenmaul (Anlirrhinum) gewöhnlich kein
Rudiment eines fünften Staubgefässes ; doch kommt Diess zuweilen
zum Vorschein. Wenn man die Homologien eines Theiles in den
verschiedenen Gliedern einer Klasse verfolgt, so ist nichts ge-
wöhnlicher oder nothwendiger, als die Entdeckung von Rudimen-
ten. R. OwKN hat Diess ganz gut in Zeichnungen der Bein-
Knochen des Pferdes, des Ochsen und des Nashorns dargestellt.
Es ist eine wichtige Erscheinung, dass rudimentäre Organe,
wie die Zähne im Oberkiefer der Wale und Wiederkäuer, oft
im Embryo zu entdecken sind und nachher völlig verschwinden.
Auch ist es. glaube ich, eine allgemeine Regel, dass ein rudi
mentäres Organ den angrenzenden Theilen gegenüber im Em-
hryo grösser als im Erwachsenen erscheint, so dass das Organ
im Embryo minder rudimentär ist und oft kaum als irgendwie
rudimentär bezeichnet werden kann; oder man sagt oft von ihm,
es seye auf seiner embryonalen Entwickelungs-Stufe auch im Er-
wachsenen stehen geblieben.
Ich habe jetzt die leitenden Erscheinungen bei rudimentären
Organen aufgeführt. Bei weiterem Nachdenken darüber muss
jeder von Erstaunen betrofi'en werden; denn dieselbe Urtheils-
kraft, welche uns so deutlich erkennen lässt, wie vortrefflich
die meisten Theile und Organe ihren verschiedenen Bestimmun-
gen angepasst sind, lehrt uns auch mit gleicher Deutlichkeit, dass
diese rudimentären oder atrophirten Organe unvollkommen und
nutzlos sind. In den naturgeschichtlichen Werken liest man
gewöhnlich, dass die rudimentären Organe nur der „Symmetrie
wogen« oder »um das Schema der Natur zu ergänzen" vorhan-
den sind; Diess scheint mir aber keine Erklärung, sondern eine
andre blosse Behauptung der Thatsache zu seyn. Würde es denn
genügen zu sagen, weil Planeten in elliptischen Bahnen um die
Sonne laufen, nehmen Satelliten denselben Lauf um die Planeten
nur der Symmetrie wegen und um das Schema der Natur zu
487
vervollständigen? Ein ausgezeiclineter Piiysiologe sucht das Vor-
kommen rudimentärer Organe durch die Annahme zu erklären,
dass sie dazu dienen, überschüssige oder dem Systeme schäd-
liche Materie auszuscheiden. Aber kann man denn annehmen,
dass das kleine nur aus Zellgewebe bestehende Wärzchen, wel-
ches in männlichen Blüthen oft die Stelle des Pistills vertritt,
Diess zu bewirken vermöge? Kann man unterstellen, dass die
Bildung rudimentärer Zähne, die später wieder resorbirt werden,
dem in raschem Wachsen begriffenen Kalb-Embryo durch Aus-
scheidung der ihm so werthvollen phosphorsauren Kalkerde von
irgend welchem Nutzen seyn könne? Wenn ein Mensch durch
Amputation einen Finger verliert, so kommt an dem Stümmel
zuweilen ein unvollkommener Nagel wieder zum Vorschein. Man
könnte nun gerade so gut glauben, dass dieses Rudiment eines
Nagels nicht in Folge unbekannter Wachsthums-Gesetze, sondern
nur um Horn-Materie auszuscheiden wieder erscheine, als dass
die Nagel-Stümmel an den Ruderhänden des Mantels dazu be-
stimmt Seyen.
Nach meiner Annahme von Fortpflanzung mit Abänderung
erklärt sich die Entstehung rudimentärer Organe sehr einfach.
Wir kennen eine Menge Beispiele von rudimentären Organen
bei unseren Kultur-Erzeugnissen, wie der Schwanz-Stümmel in
ungeschwänzten Rassen, der Ohr-Stümmel in Ohr-losen Rassen,
das Wiedererscheinen kleiner nur in der Haut hängender Hörner
bei ungehörnlen Rinder-Rassen und besonders, nach Youatt, bei
jungen Thieren derselben, und wie der Zustand der ganzen
Blüthe im Blumenkohl. Oft sehen wir auch Stümmel verschie-
dener Art bei Missgeburten. Aber ich bezweifle, dass einer von
diesen Fällen geeignet ist, die Bildung rudimentärer Organe in
der Natur weiter zu beleuchten, als dass er uns zeigt, dass Stüm-
mel entstehen können; denn ich bezweifle eben so, dass Arten
im Natur-Zustande jemals plötzlichen Veränderungen unterliegen.
Ich glaube, dass Nichtgebrauch dabei hauptsächlich in Betracht
komme, der während einer langen Generationen-Reihe die all-
mähliche Abschwächung der Organe veranlassen kann, bis sie
endlich nur noch als Stümmel erscheinen: so bei den Augen in
488
dunklen Höhlen lebender Thiere , welche nie etwas sehen und
bei den Flügeln ozeanische Inseln bewohnender Vögel, welche
selten zu fliegen nöthig haben und daher dieses Vermögen zu-
letzt gänzlich einbüssen. Ebenso kann ein unter Umständen nütz-
liches Organ unter andern Umständen sogar nachtheilig werden,
wie die Flügel der auf kleinen und ausgesetzten Inseln lebenden
Insekten. In diesem Falle wird Natürliche Züchtung fortwährend
bestrebt seyn, das Organ langsam zu reduziren, bis es unschäd-
lich und rudimentär wird.
Eine Änderung in den Verrichtungen, welche in unmerk-
baren Abslufungen eintreten kann, liegt im Bereiche der Natür-
lichen Züchtung; daher ein Organ, welches in Folge geänderter
Lebens- Weise nutzlos oder nachtheilig für seine Bestimmung
wird, abgeändert und für andre Verrichtungen verwendet werden
kann. Oder ein Organ wird nur noch für eine von seinen frü-
heren Verrichtungen beibehalten. Ein nutzlos gewordenes Kör-
per-Glied mag veränderlich seyn, weil seine Abänderungen nicht
durch Natürliche Züchtung geleitet werden können. In welchem
Lebens -Abschnitte nun ein Organ durch Nichtbenützung oder
Züchtung reduzirt werden mag (und Diess wird gewöhnlich erst
der Fall seyn, wenn das Thier zu seiner vollen Reife und Thal-
kraft gelangt ist): so wird n^ch dem Prinzip der Wiederverer-
bung in sich entsprechenden Altern dieses Organ in reduzirtem
Zustande stets im nämlichen Alter wieder erscheinen und sich mit-
hin nur selten im Embryo ändern oder verkleinern. So erklärt sich
mithin die verhältnissmässig beträchtlichere Grösse rudimentärer
Organe im Embryo und deren vergleichungsweise geringere Grösse
im Erwachsenen. Wenn aber jede Abstufung im Reduktions-
Prozesse nicht in einein entsprechenden Alter, sondern in einer
sehr frühen Lebens-Periode vererbt werden sollte (was wir guten
Grund haben für möglich zu halten), so würde das rudimentäre
Organ endlich ganz zu verschwinden streben und den Fall eines
vollständigen Fehlschlagens darbieten. Auch das in einem frühe-
ren Kapitel erläuterte Prinzip der Ökonomie, wornach die zur
Bildung eines dem Besitzer nicht mehr nützlichen Theiles ver-
wendeten Bildungs-Stofl-e erspart werden, mag wohl oft mit ins
489
Spiel lioinmen; und Diess wird dann dazu beitragen, das
giinzliche Verschwinden eines schon verkümnierlen Organes zu
bewirken.
Da hiernach die Anwesenheil rudimentärer Organe von dem
Streben eines jeden Theiles der Organisation sich nach langer
Existenz erblich zu übertragen bedingt ist, so wird aus dem Ge-
sichtspunkte einer genealogischen Klassifikation begreiflich, wie
es komme, dass Systenialiker die rudimenlären Organe für ihren
Zweck zuweilen eben so nützlich befunden haben, als die Thcile
von hoher physiologischer Wichtigkeit. Organe - Stümmel kann
man mit den Buchstaben eines Wortes vergleichen, welche beim
Buchstabiren desselben noch beibehalten aber nicht mit ausge-
sprochen werden und bei Nachforschungen über dessen Ursprung
als vortreffliche Führer dienen. Nach der Annahme einer Fort-
pflanzung mit Abänderung können wir schliessen, dass das Vor-
kommen von Organen in einem verkümmerten, unvollkommenen
und nutzlosen Zustande und deren gänzliches Fehlschlagen, statt
wie bei der gewöhnlichen Theorie der Schöpfung grosse Schwie-
rigkeiten zu bereiten, vielmehr vorauszusehen war und aus den
Erblichkeits-Gesetzen zu erklären ist.
Zusammenfassung.) Ich habe in diesem Kapitel zu
zeigen gesucht, dass die Unterordnung der Organismen-Gruppen
aller Zeiten untereinander, — dass die Natur der Beziehungen,
nach welchen alle lebenden und erloschenen Wesen durch zu-
sammengesetzte, strahlenförmige und oft sehr mittelbar zusam-
menhängende Verwandtschafls-Linien zu einem grossen Systeme
vereinigt werden, — dass die von den Naturforschern bei ihren
Klassifikationen befolgten Regeln und begegneten Schwierigkeiten,
— dass der auf die beständigen und andauernden Charaktere
gelegte W^erth, gleichviel ob sie für die Lebens-Verrichtungen
von grosser oder, wie die der rudimentären Organe von gar
keiner Wichtigkeit seyen, — dass der weite Unterschied im
Werthe zwischen analogen oder Anpassungs- und wahren Ver-
wandtschafts-Charaktcren : — dass alle diese und noch viele andre
solcher regelmässigen Erscheinungen sich Natur-gcmäss aus der
Annahme einer gemeinsamen Abstammung der bei den Natur-
490
forscliern als verwandt geltenden Formen und deren Modifikation
durch Natürliche Züchtung in Begleitung von Erlöschung und von
Divergenz des Charakters herleilen lassen. Von diesem Stand-
punkte aus die Klassifikation beurlheilend wird man sich erinnern,
dass das Element der Abstammung in so fern schon längst all-
gemein berücksichtigt wird, als man beide Geschlechter, die manch-
faltigsten Entwickelungs - Formen und die anerkannten Varie-
täten, wie verschieden von einander sie auch in ihrem Baue seyn
mögen, alle in eine Art zusammenordnet. Wenn wir nun die
Anwendung dieses Elementes als die einzige mit Sicherheit er-
kannte Ursache von der Ähnlichkeit organischer Wesen unter einan-
der etwas weiter ausdehnen, so wird uns die Bedeutung des natür-
lichen Systemes klarer werden : es ist ein Versuch genealogischer
Anordnung, worin die Grade der Verschiedenheiten, in welche
die einzelnen Verzweigungen aus einander gelaufen sind, mit den
Kunst-Ausdrücken Abarten, Arten, Sippen, Familien, Ordnungen
und Klassen bezeichnet werden.
Indem wir von der Annahme einer Forlpflanzung mit Abän-
derung ausgehen, werden uns manche Hauplerscheinungen in der
Morpl»ologie erklärlich: sowohl das gemeinsame Model, wornach
die homologen Organe, zu welchem Zwecke sie auch immer
bestimmt seyn mögen, bei allen Arten einer Klasse gebildet
sind, als die Modelung aller homologen Theile eines jeden Pflan-
zen- oder Thier-Individuums nach einem solchen gemeinsamen
Vorbilde.
Andre der wichtigsten Erscheinungen in der Embryonologie
dagegen erklären sich aus dem Prinzip, dass allmähliche geringe
Abänderungen nicht nothwendig oder allgemein schon in einer
sehr frühen Lebens-Zeit eintreten, und dass sie sich in entspre-
chendem Alter weiter vererben. So die Ähnlichkeit der homo-
logen Theile in einem Embryo, welche im reifen Alter in Form
und Verrichtungen weit auseinander gehen, — und die Ähnlich-
keit der homologen Theile oder Organe in verschiedenen Arten
einer Klasse, obwohl sie den erwachsenen Thieren zu den mög-
lich verschiedenen Zwecken dienen. Larven sind selbst-thätige
Embryonen, welche daher auch schon je für ihre verschiedene
491
Leliens-Weise nach dem Prinzip der Vererbung in gleichen Al-
tern modifizirl worden sind. Nach diesem nämlichen l'rinzipe
und in Betracht dass, wenn Organe in Folge von Nichtgebrauch
oder von Züchtung an Stärke abnehmen, Diess gewöhnlich in
derjenigen Lebens-Periode geschieht, wo das Wesen für seine
Bedürfnisse selbst zu sorgen hal, und in fernerem Betracht, wie
slrenwe das Walten des Erblichkeits-Prinzips ist: bietet uns das
Vorkommen rudimentärer Organe und ihr endlich vollständiges
Verschwinden keine unerklärbare Schwierigkeit dar: im Gegon-
theil haben wir deren Vorkommen voraus sehen können. Die
Wichtigkeit embryonischer Charaktere und rudimentärer Organe
für die Klassifikation wird aus der Annahme begreini9h, dass nur
eine genealogische Anordnung natürlich seyn kann.
Endlich: die verschiedenen Klassen von Thatsachen, welche
in diesem Kapilel in Betracht gezogen worden sind, scheinen mir
so deutlich zu verkündigen, dass die zahllosen Arien, Sippen
und Familien organischer Wesen, womit diese Welt bevölkert
ist, allesammt und jedes wieder in seiner eigenen Klasse oder
Gruppe insbesondre, von gemeinsamen Altern abstammen und
im Laufe der Fortpflanzung wesentlich modifizirl worden sind,
dass ich mir diese Anschauungs-Weise ohne Zögern aneignen
würde, selbst wenn ihr keine sonstigen Thatsachen und Argu-
mente mehr zu Hilfe kämen.
Allgemeine Wiederholung und Scliliiss.
Wiederholung der Schwierigkeilen der Theorie Kaliirlicher Züchtunf;-. — Wie-
derholung der allgemeinen und besondern Umstände, zu deren Gunsten. —
Ursachen des allgemeinen Glaubens an die Unveränderlichkeit der Arten.
— Wie weil die Theorie Natürlicher Züchtung auszudehnen. — Folgen
ihrer Annahme lür das Sludiiini der Naturgeschichte. — Schluss-Bemer-
kungen.
Da dieser ganze Band eine lange Beweisführung ist, so
mag es für den Leser angenehm seyn, die leitenden Thatsachen
und Schlussfolgorungen kürzlich wiederholt zu sehen.
492
Ich läugne nicht, dass man viele und ernste Einwände gegen
die Theorie der Abstaininung mit fortwährender Abänderung
durch Natürliche Züchtung vorbringen kann. Ich habe versucht,
sie in ihrer ganzen Stärke zu entwickeln. Nichts kann im ersten
Augenblick weniger glaubhaft scheinen, als dass die zusammen-
gesetztesten Organe und Instinkte ihre Vollkommenheit erlangt
haben sollen nicht durch höhere und doch der menschlichen Ver-
nunft analoge Kräfte, sondern durch die blosse Zusammensparung
zahlloser kleiner aber jedem individuellen Besitzer vortheilhafter
Abänderungen. Diese Schwierigkeit; wie unübersteiglich gross sie
auch unsrer Einbildungs-Kraft erscheinen mag, kann gleichwohl
nicht für wesentlich gelten, wenn wir folgende Vordersätze zu-
lassen: dass alle Organe und Instinkte in, wenn auch noch so
geringem Grade, veränderlich sind; — dass ein Kampf ums Da-
seyn bestehe, welcher zur Erhaltung einer jeden für den Besitzer
nützlichen Abweichung von den bisherigen Bildungen oder In-
stinkten führt, — und endlich dass Abstufungen in der Voll-
kommenheit eines jeden Organes bestanden haben, die alle in
ihrer Weise gut waren. Die V^ahrheit dieser Sätze kann nach
meiner Meinung nicht bestritten werden.
Es ist ohne Zweifel äusserst schwierig auch nur eine Ver-
mutlmng darüber auszusprechen, durch welche Abstufungen, zu-
mal in durchbrochnen und erlöschenden Gruppen organischer
Wesen, manche Bildungen vervollkommnet worden Seyen; aber
wir sehen so viele befremdende Abstufungen in der Natur, dass
wir äusserst vorsichtig seyn müssen zu sagen, dass ein Organ
oder Instinkt oder ein ganzes Wesen nicht durch stufenweise
Fortschritte zu seiner gegenwärtigen Vollkommenheit gelangt seyn
könne. Insbesondere muss man zugeben, dass schwierige Fälle
besondrer Art der Theorie der Natürlichen Züchtung entgegen-
treten, und einer der schwierigsten Fälle dieser Art zeigt sich
in dem Vorkommen von zwei oder drei bestimmten Kasten von
Arbeitern oder unfruchtbaren Weibchen in einer und derselben
Ameisen-Gemeinde; doch habe ich zu zeigen versucht, dass auch
diese Schwierigkeit zu überwinden ist.
Was die fast allgemeine Unfruchtbarkeit der Arten bei ihrer
493
Kreulziing anbelangt, die einen so merkwürdigen Gegensatz zur
fast allgemeinen Fruchtbarkeit gekreutzter Abarten bildet, so muss
ich den Leser auf die am Ende des achten Kapitels gegebene
Zusammenfassung der Thatsachon verweisen, welche mir ent-
scheidend genug zu seyn scheinen um darzuthun, dass diese
Unfruchtbarkeit in nicht höherem Grade eine angeborne Eigen-
thümlichkeit bildet, als die Schwierigkeit zwei Baum-Arten auf-
einander zu pfropfen ; sondern dass sie zusammenfalle mit der
Verschiedenheit der Lebensthätigkeit im Reprodukliv-Systeme der
gekreutzten Arten. Wir finden die Bestätigung dieser Annahme
in der weiten Verschiedenheit der Ergebnisse, wenn die näm-
lichen zwei Arten wechselseitig von einander befruchtet werden,
d. h. wenn eine Stelle zuerst als Vater und dann als Mutter er-
scheint.
Obwohl die Fruchtbarkeit gekreutzter Abarten und ihrer
Blendlinge von so vielen Autoren als allgemein bezeichnet wor-
den ist, so kann üiess doch nach den von Gärtner und Kölreuter
mitgelheilten Thatsachen nicht als richtig gelten. Auch kann uns
ihre sehr häufige Fruchtbarkeit nicht tiberraschen, wenn wir be-
denken, dass es nicht aussieht, als ob ihre Konstitutionen über-
haupt oder ihre Reproduktiv-Systeme sehr angegriffen worden
Seyen. Überdiess sind die meisten zu Versuchen benützten Ab-
arten aus Kultur der Arten hervorgegangen, und da die Kultur
die Unfruchtbarkeit offenbar zu vermindern strebt, so dürfen wir
nicht erwarten, dass sie Unfruchtbarkeit irgendwo veranlasse.
Die Unfruchtbarkeit der Bastarde ist eine von der der ersten
Kreutzung sehr verschiedene Erscheinung, da ihre Reproduktiv-
Organe mehr oder weniger unfähig zur Verrichtung sind, wäh-
rend sich bei den ersten Kreutzungen die beiderseitigen Organe
in vollkommenem Zustande befinden. Da wir Organismen aller
Art durch Störung ihrer Konstitution unter nur wenig abweichen-
den Lebens-Bedingungen fortwährend mehr urM weniger steril
werden sehen, so dürfen wir uns nicht wundern, dass Bastarde
weniger fruchtbar sind; denn ihre Konstitution kann als durch
Verschmelzung zweier verschiedenen Organisationen kaum anders
gelitten haben. Dieser Parallelismus wird noch durch eine andre
494
parallele aber gerade entgegengesetzte Klasse von Erscheinungen
unterstützt: dass nämlich die Kraft-Entwickelung und Fruchtbar-
keit aller Organismen durch geringen Wechsel in ihren Lebens-
Bedingungen zunimmt und dass die Nachkommen wenig modifi-
zirter Formen oder Abarten durch die Kreutzung an Kraft und
Fruchtbarkeit gewinnen. Ebenso vermindern einerseits beträcht-
liche Veränderungen in den Lebens-Bedingungen und Kreutzungen
zwischen sehr verschiedenen Formen die Fruchtbarkeit, wie an-
derseits geringere Veränderungen dieselbe zwischen nur wenig
abgeänderten Formen vermehren.
Wenden wir uns zur geographischen Verbreitung, so er-
scheinen auch da die Schwierigkeiten für die Theorie der Fort-
pflanzung mit fortwährender Abänderung erheblich genug. Alle
Individuen einer Art und alle Arten einer Sippe oder selbst noch
höherer Gruppen müssen von gemeinsamen Altern herkommen;
wesshalb sie, wenn auch noch so weit zerstreut und isolirt in
der Welt, im Laufe aufeinander-folgender Generationen aus einer
Gegend in die andre gewandert seyn müssen. Wir sind oft ganz
ausser Stand auch nur zu vermuthen, auf welche Weise Diess
geschehen seyn möge. Da wir jedoch anzunehmen berechtigt
sind, dass einige Arten die nämliche spezifische Form während
ungeheuer langen Perioden, in Jahren gemessen, beibehalten
haben, so darf man kein allzu grosses Gewicht auf die gelegent-
liche weite Verbreitung einer Spezies legen; denn während sol-
cher ausserordentlich langer Zeit-Perioden wird sie auch zu weiter
Verbreitung irgend welche Mittel gefunden haben. Eine durch-
brochene oder zerspaltene Gruppe lässt sich oft durch Erlöschen
der vermittelnden Arten erklären. Es ist nicht zu läugnen, dass
wir mit den manchfaltigen klimatischen und geographischen Ver-
änderungen, welche die Erde erst in der laufenden Periode er-
fahren, noch ganz unbekannt sind; und solche Veränderungen
müssen die Wanderungen offenbar in hohem Grade befördert
haben. Beispielsweise habe ich zu zeigen versucht, wie mächtig
die Eis-Zeit auf die Verbreitung sowohl der identischen als der
stellvertretenden Formen über die Erd-Oberflächc gewirkt habe.
Ebenso sind wir auch fast ganz unbekannt mit den vielen
495
gelegenheitliclien Transport-Mitteln. Was die Erscheinung be-
trifft, dass verschiedene Arten einer Sippe sehr entfernt von ein-
ander abgesonderte Gegenden bewohnen, so sind, da der Abän-
derungs-Prozess nothvvendig sehr langsam vor sich geht, während
sehr langer Zeit-Abschnitte für alle Wanderungen genügende Ge-
legenheiten vorhanden gewesen, wodurch sich einigermaassen die
Schwierigkeit vermindert die weite Verbreitung der Arten einer
Sippe zu erklären.
Da nach der Theorie der Natürlichen Züchtung eine endlose
Anzahl Mittelformen alle Arten jeder Gruppe durch eben so feine
Abstufungen, als unsre jetzigen Varietäten darstellen, miteinander
verkettet haben muss, so wird man die Frage aufwerfen, warum
wir nicht diese vermittelnden Formen rund um uns her erblicken?
Warum fliessen nicht alle organischen Formen zu einem unent-
wirrbaren Chaos zusammen? Aber was die noch lebenden For-
men betrifft, so sind wir (mit Ausnahme einiger seltenen Fälle)
wohl nicht zur Erwartung berechtigt, direkt vermittelnde Glieder
zwischen ihnen selbst, sondern nur etwa zwischen ihnen und
einigen erloschenen und ersetzten Formen zu entdecken. Selbst
auf einem weiten Gebiete, das während einer langen Periode
seinen Zusammenhang bewahrt hat und dessen Klima und übrigen
Lebens-Bedingungen nur allmählich von einem Bezirke zu andern
von nahe verwandten Arten bewohnten Bezirken abändern, selbst
da sind wir nicht berechtigt oft die Erscheinung vermittelnder
Formen in den Grenz-Strichen zu erwarten. Wir haben keinen
Grund zu glauben, dass nur wenige Arten einer Sippe jemals
Abänderungen erleiden, da die andern gänzlich erlöschen, ohne
eine abgeänderte Nachkommenschaft zu hinterlassen. Von den
veränderlichen Arten ändern immer nur wenige in der nämlichen
Gegend zugleich ab, und alle Abänderungen gehen nur langsam
vor sich. Ich habe auch gezeigt, dass die vermittelnden Formen,
welche anfangs wahrscheinlich in den Zwischenstrichen vorhanden
gewesen, einer Ersetzung durch die verwandten Formen von
beiden Seiten her unterlegen sind , die vermöge ihrer grossen
Anzahl gewöhnlich schnellere Fortschritte in ihren Abänderungen
und Verbesserungen als die minder zahlreich vertretenen Mittel-
496
formen machen, so dass diese vermittelnden Abarten mit der
Länge der Zeit ersetzt und vertilgt werden.
Nach dieser Lehre von der Unterdrückung einer unendlichen
Menge vermittelnder Glieder zwischen den erloschenen und leben-
den Bewohnern der Erde und eben so zwischen den Arten einer
jeden der aufeinandergeColgten Perioden und den ilinen zunächst
vorangegangenen fragt es sich, warum nicht jede geologische
Ij Formation mit Resten solcher Glieder erfüllt ist? und warum nicht
ijede Sammlung fossiler Reste einen klaren Beweis von solcher
Abstufung und Umänderung der Lebenformen darbietet. Obwohl
geologische Untersuchung uns die frühere Existenz vieler Mittel-
glieder zur näheren Verkettung zahlreicher Lebenformen mitein-
ander dargethan, so liefert sie uns doch nicht die unendlich zahl-
reichen feineren Abstufungen zwischen den früheren und jetzigen
Arten, welche meine Theorie erfordert, und Diess ist eine der
handgreiflichsten und stärksten von den vielen gegen raeine
Theorie vorgebrachten Einwendungen. Und wie kommt es, dass
ganze Gruppen verwandter Arten in dem einen oder dem andern
geologischen Schichten-Systeme oft so plötzlich aufzutreten schei-
nen (gewiss oft nur scheinen!) Warum finden wir nicht grosse
Schichten-Stösse unter dem Silur-Systeme erfüllt mit den Über-
bleibseln der Stammväter der silurischen Organismen-Gruppen?
•Denn nach meiner Theorie müssen solche Schichten-Systeme in
•diesen alten und gänzlich unbekannten Abschnitten der Erd-Ge-
schichte gewiss irgendwo abgesetzt worden seyn.
Man kann auf diese Fragen und gewichtigen Einwände nur
mit der Annahme antworten, dass der geologische Schöpfungs-
Bericht bei weitem unvollständiger ist, als die meisten Geologen
glauben. Es lässt sich nicht einwenden, dass für irgend welches
Maass organischer Abänderung nicht genügende Zeit gewesen;
denn die Länge der abgelaufenen Zeit ist für menschliche Be-
griffe unfassbar. Die Menge der Exemplare in allen unsren Mu-
seen zusammengenommen ist absolut nichts im Vergleich mit den
zahllosen Generationen zahlloser Arten, welche sicherlich schon
existirt haben. Die gemeinsame Stammform von je 2—3 Arten
wird nicht in allen ihren Charakteren genau das Mittel zwischen
4917
denen ihrer Nachkommen hallen, wie die Felstaube nicht genau
in Kopf und Schwanz das Mittel hält zwischen ihren Nachkommen,
der Pouter- und Pfauen-Taube. Wir werden ausser Stand seyn
eine Art als die Stamm-Art einer oder mehrer andren Arten zu
erkennen, wenn wir nicht auch viele der vermittelnden Glieder
zwischen ihrer früheren und jetzigen Beschaffenheit besitzen ; und
diese \ -mittelnden Glieder dürfen wir bei der Unvollständigkeit
der geologischen Schöpfungs-Urkunden kaum jemals zu entdecken
erwarten. Wenn man zwei oder drei oder noch mehr Mittel-
glieder entdeckte, so würde man sie einfach als eben so viele
neue Arten einreihen, zumal wenn man sie in eben so vielen
verschiedenen Schichten - Abtheilungen fände, wären in diesem
Falle ihre Unterschiede auch noch so klein. Man könnte viele
jetzige zweifelhafte Formen nennen, welche wahrscheinlich Ab-
arten sind; aber wer könnte behaupten, dass in künftigen Welt-
Perioden noch so viele fossile Mittelglieder werden entdeckt wer-
den, dass Naturforscher nach der gewöhnlichen Anschauungs-
Weise zu entscheiden im Stande seyn werden, ob diese zweifel-
haften Formen Varietäten sind oder nicht? — Nur ein kleiner Theil
der Erd-Oberfläche ist geologisch untersucht worden, und nur
von gewissen Organismen-Klassen können fossile Reste in grosser
Anzahl erhalten werden. Weit verbreitete Arten variiren am
meisten, und die Abarten sind anfänglich oft nur lokal: beide
Ursachen machen die Entdeckung von Zwischengliedern wenig
wahrscheinlich. Örtliche Varietäten verbreiten sich nicht in andre
und entfernte Gegenden, bis sie beträchtlich abgeändert und ver-
bessert sind; — und wenn sie nach ihrer Verbreitung in einer
geologischen Formation entdeckt werden, so wird es scheinen,
als Seyen sie erst jetzt plötzlich erschaffen worden, und man
wird sie einfach als neue Arten betrachten. — Die meisten For-
mationen sind mit Unterbrechungen abgelagert worden ; und ihre
Dauer ist, wie ich glaube, kürzer als die mittle Dauer der Arten-
Formen gewesen. Zunächst aufeinander- folgende Formationen
sind gewöhnlich durch ungeheure leere Zeiträume von einander
getrennt; denn Fossil-Reste führende Formationen, mächtig ge-
nug, um spätrer Zerstörung zu widerstehen, können meistens nur
DARWIN, Entstehung der Arten. 2. Aufl. 32
498
da gebildet werden, wo dem in Seni<ung begriffenen Meercs-
Grund viele Sedimente zugefüiirt werden. In den damit abwech-
selnden Perioden von Hebung oder Ruhe wird das Blatt in der
Schöpfungs-Geschicble in der Regel weiss bleiben. Währtnd
dieser letzten Perioden wird wahrscheinlich mehr Veränderung
in den Lebenformen, wahrend der Senkungs-Zeiten mehr Er-
löschen derselben stattfinden.
Was die Abwesenheit Fossilien-führender Schichten unter-
halb der untersten Silur-Gebilde betrifft, so kann ich nur auf
die im neunten Kapitel aufgestellte Hypothese zurückkommen.
Dass der geologische Schöpfungs-Bericht lückenhaft ist, gibt
jedermann zu; dass er es aber in dem von mir verlangten Grade
seye, werden nur wenige zugestehen wollen. Hinreichend lange
Zeiträume zugegeben, erklärt uns die Geologie offenbar genug,
dass alle Arten gewechselt haben, und sie haben in der Weise
gewechselt, wie es meine Theorie erheischt, nämlich langsam
und stufenweise. Wir erkennen Diess deutlich daraus, dass die
organischen Reste zunächst aufeinander- folgender Formationen
einander allezeit näher verwandt sind, als die fossilen Arten
durch weite Zeiträume von einander getrennter Gebirgs-Bil-
dungen.
Diess ist die Summe der hauptsächlichsten Einwürfe und
Schwierigkeiten, die man mit Recht gegen meine Theorie vor-
bringen kann; und ich habe die darauf zu gebenden Antworten
und Erläuterungen in Kürze wiederholt. Ich habe diese Schwie-
rigkeiten viele Jahre lang selbst zu sehr empfunden, als dass
ich an ihrem Gewichte zweifeln sollte. Aber es verdient noch
insbesondere hervorgehoben zu werden, dass die wichtigeren
Einwände sich auf Fragen beziehen, über die wir eingestandner
Maassen in Unwissenheit sind ; und wir wissen nicht einmal, wie
unwissend wir sind. Wir kennen nicht all' die möglichen Über-
gangs-Abstufungen zwischen den einfachsten und den vollkommen-
sten Organen ; wir können nicht behaupten, all' die manchfalligen
Verbreitungs-Mittel der Organismen während des Verlaufes so
zahlloser Jahrlausende zu kennen, und wir wissen nicht, wie
unvollständig der geologische Schöpfungs-Bericht ist. Wie bedeutend
499
aber auch diese mancherlei Schwierigkeiten seyn mögen, so ge-
niigen sie doch nicht, um meine Theorie einer Abstammung
von einigen wenigen erschaffenen Formen mit nach-
herige r Abänderung derselben umzustossen
Wenden wir uns nun nach der andern Seite unsres Gegen-
standes. Im Kullur-Zustande der Wesen nehmen wir viel Ver-
änderlichkeit derselben wahr. Diess scheint daran zu liegen,
dass das Reproduktiv-System ausserordentlich empfindlich gegen
Veränderungen in den äusseren Lebens-Bedingungen ist, so dass
dieses System, wenn es nicht ganz unfähig wird, doch keine
der älterlichen Form genau ähnliche Nachkommenschaft mehr lie-
fert. Die Abänderungen werden durch viele verwickelte Gesetze
geleitet, durch die Wechselbeziehungen des Wachsthums, durch
Gebrauch und Nichtgebrauch und durch die unmittelbaren Ein-
wirkungen der physikalischen Lebens-Bedingungen. Es ist sehr
schwierig zu bestimmen, wie viel Abänderung unsre Kultur-Er-
zeugnisse erfahren haben; doch können wir getrost annehmen,
dass deren Maass gross gewesen seye, und dass Modifikationen
auf lange Perioden hinaus vererblich sind. So lange als die Le-
bens-Bedingungen die nämlichen bleiben, sind wir zu unterstellen
berechtigt, dass eine Abweichung, welche sich schon seit vielen
Generationen vererbt hat, sich auch noch ferner auf eine fast
unbegrenzte Zahl von Generationen hinaus vererben kann. An-
drerseits sind wir gewiss, dass Veränderlichkeit, wenn sie ein-
mal in's Spiel gekommen, nicht mehr gänzlich aufhört; denn unsre
ältesten Kultur-Erzeugnisse bringen gelegenheillich noch immer
neue Abarten hervor.
Der Mensch erzeugt in Wirklichkeit keine Abänderungen,
sondern er versetzt nur unabsichtlich organische Wesen unter
neue Lebens-Bedingungen , und dann wirkt die Natur auf deren
Organisation und verursacht Veränderlichkeit. Der Mensch kann
aber die ihm von der Natur dargebotenen Abänderungen zur
Nachzucht auswählen und dieselben hiedurch in einer beliebigen
Richtung häufen ; und Diess thut er wirklich. Er passt auf diese
Weise Thiere und Pflanzen seinem eignen Nutzen und Vergnügen
32
500
an. Er mag üiess planmässig oder mag es unbewusst thun, in-
dem er die ihm zur Zeit nützlichsten Individuen, ohne einen Ge-
danken an die Änderung der Rasse, zurückbohäll. Es ist gewiss,
dass er einen grossen Einfluss auf den Charakter einer Rasse
dadurch ausüben kann, dass er von Generalion zu Generation
individuelle Abänderungen zur Nachzucht auswählt, so gering,
dass sie für das ungeübte Auge kaum wahrnehmbar sind. Dieses
Wahl-Verfahren ist das grosse Agens in der Erzeugung der aus-
gezeichnetsten und nützlichsten unsrer veredelten Thier- und
Pflanzen-Rassen gewesen. Dass nun viele der vom Menschen
gebildeten Abänderungen den Charakter natürlicher Arten schon
grossentheils besitzen, geht aus den unausgesetzten Zweifeln
in Bezug auf viele derselben hervor, ob es Arten oder Ab-
arten sind.
Es ist kein Grund nachzuweisen, wesshalb diese Prinzipien,
welche in Bezug auf die kultivirten Organismen so erfolgreich
gewirkt, nicht auch in der Natur wirksam seyn sollten. In der
Erhallung begünstigter Individuen und Rassen während des be-
ständig wiederkehrenden Kampfs ums Daseyn sehen wir das
wirksamste und nie ruhende Mittel der Natürlichen Züchtung.
Der Kampf ums Daseyn ist die unvermeidliche Folge der hoch-
poterlVJrten geometrischen Zunahme, welche allen organischen
Wesen gemein ist. Dieses rasche Zunahme-Verhällniss ist that-
sächlich erwiesen aus der schnellen Vermehrung vieler Pflanzen
und Thiere während einer Reihe günstiger Jahre und bei ihrer
Naturalisirung in einer neuen Gegend. Es werden mehr Einzel-
wesen geboren, als fortzuleben im Stande sind. Ein Gran in
der Wage kann den Ausschlug geben, welches Individuum fort-
leben und welches zu Grunde gehen soll, welche Art oder Ab-
art sich vermehren und welche abnehmen und endlich erlöschen
muss. Da die Individuen einer nämlichen Art in allen Beziehun-
gen in die nächste Bewerbung miteinander gerathen, so wird
gewöhnlich auch der Kampf zwischen ihnen am heftigsten seyn;
er wird fast eben so heftig zwischen den Abarten einer Art,
und dann zunächst zwischen den Arten einer Sippe seyn. Aber
der Kampf kann oft auch sehr heftig zwischen Wesen seyn,
501
welche auf der Slulcrileiter der Nalur am weitesten auseinander
stehen. Der geringste Vortheil, den ein Wesen in irgend einem
Lebens-Alter oder zu irgend einer Jahreszeit über seine Milbe-
Werber voraus hat, oder eine wenn-auch noch so wenig bessere
Anpassung an die unigebenden Natur-Verhaltnisse kann die Wage
sinken machen.
Bei Thieren getrennten Geschlechts wird meistens ein Kampf
der Männchen um den Besitz der Weibchen stattfinden. Die
kräftigsten oder diejenigen Individuen, welche am erfolgreichsten
mit ihren Lebens-Bedingungen gekämpft haben, werden gewöhn-
lich am meisten Nachkommenschaft hinterlassen. Aber der Er-
folg wird oft davon abhängen, dass die Männchen besondre Waf-
fen oder Vertheidigungs-Mittel oder Reitze besitzen; und der ge-
ringste Vortheil kann zum Siege führen.
Da die Geologie uns deutlich nachweiset, dass ein jedes
Land grosse physikalische Veränderungen erfahren hat, so ist
anzunehmen, dass die organischen Wesen im Natur-Zustande
ebenso wie die kultivirten unter den veränderten Lebens-Bedin-
gungen abgeändert haben. Wenn nun eine Veränderlichkeil im
Natur-Zustande vorhanden ist, so würde es eine unerklärliche
Erscheinung seyn, falls die Natürliche Züchtung nicht eingriffe.
Es ist oft versichert worden, aber eines Beweises nicht fähig,
dass das Maass der Abänderung in der Natur eine streng be-
stimmte Quantität seye. Der Mensch, obwohl nur auf äussre
Charaktere allein und oft bloss nach seiner Laune wirkend, ver-
mag in kurzer Zeit dadurch grossen Erfolg zu erzielen, dass er
allmählich alle in einer Richtung hervortretenden individuellen
Verschiedenheiten zusammenhäuft; und jedermann gibt zu, dass
wenigstens individuelle Verschiedenheiten bei den Arten im Na-
tur-Zustande vorkommen. Aber von diesen abgesehen, haben
alle Naturforscher das Daseyn von Abarten oder Varietäten ein-
gestanden, welche verschieden genug Seyen, um in den syste-
matischen Werken als solche mit aufgeführt zu werden. Doch
kann niemand einen bestimmten Unterschied zwischen indivi-
duellen Abänderungen und leichten Varietäten oder zwischen ver-
schiedenen Abarten, Unterarten und Arten angeben. Erinnern
502
wir uns, wie sehr die Naturforscher in ihrer Ansicht über den
Rang der vielen stellvertretenden Formen in Europa und Ame-
rika auseinandergehen.
Wenn es daher im Natur-Zustande Variabilität und ein mäch-
tiges stets zur Thätigkeit und Zuchtwahl bereites Agens gibt,
wesshalb sollten wir noch bezweifeln, dass irgend welche für
die Organismen in ihren äusserst verwickelten Lebens-Verhält-
nissen einigermaassen nützliche Abänderungen erhalten, gehäuft
und vererbt werden ? Wenn der Mensch die ihm selbst nützlichen
Abänderungen geduldig zur Nachzucht auswählt: warum sollte
die Natur unterlassen, die unter veränderten Lebens-Bedingungen
für ihre Produkte nützlichsten Abänderungen auszusuchen? Welche
Schranken kann man einer Kraft setzen, welche von einer Welt-
Periode zur andern beschäftigt ist, die ganze organische Bildung,
Thätigkeit und Lebens-Weise eines jeden Geschöpfes unausge-
setzt zu sichten, das Gute zu befördern und das Schlechte zu-
rückzuwerfen ? Ich vermag keine Grenze zu sehen für eine Kraft,
welche jede Form den verwickeltsten Lebens-Verhältnissen lang-
sam anzupassen beschäftigt ist. Die Theorie der Natürlichen
Züchtung scheint mir, auch wenn wir uns nur darauf allein be-
schränken, in sich seihst wahrscheinlich zu seyn. Ich habe be-
reits, so ehrlich als möglich, die dagegen erhobenen Schwierig-
keiten und Einwände rekapitulirt ; jetzt wollen wir uns zu den
Spezial-Erscheinungen und Folgerungen zu Gunsten unsrer Theo-
rie wenden.
Aus meiner Ansicht, dass Arten nur stark ausgebildete und
bleibende Varietäten (Abarten) sind und jede Art zuerst als elne^
Varietät existirt hat, ergibt sich, wesshalb keine Grenzlinie ge-
zogen werden kann zwischen Arien, welche man gewöhnlich als
Produkte eben so vieler besondrer Schöpfungs-Akte betrachtet,
und zwischen Varietäten, die man als Bildungen eines sekundä-
ren Gesetzes gelten lässt. Nach dieser nämlichen Ansicht ist es
ferner zu begreifen, dass in jeder Gegend, wo viele Arten einer
Sippe entstanden sind und nun gedeihen, diese Arten noch viele
Abarten darbieten; denn, wo die Arten-Fabrikation thätig beirie-
ben worden ist, da möchten wir als Regel erwarten, sie noch in
503
Thätigkcil zu finden; und Dicss ist der Fall, woferne Varietäten
beginnende Arten sind. Überdiess beliallen aucli die Arten gros-
ser Sippen, welche die Mehrzahl der Varietäten oder beginnenden
Arten liefern, in gewissem Grade den Charakter von Varietäten
bei; denn sie unterscheiden sich in geringerem Maasse, als die
Arten kleinerer Sippen von einander. Auch haben die nahe-
verwandten Arten grosser Sippen eine beschränktere Verbreitung
und bilden vermöoe ihrer Verwandtschaft zu einander kleine um
andre Arten geschaarte Gruppen, in welcher Hinsicht sie eben-
falls Varietäten gleichen. Diess sind, von dem Gesichtspunkte
aus beurtheiltj dass jede Art unabhängig geschaffen worden seye,
befremdende Erscheinungen, welche dagegen der Annahme ganz
wohl entsprechen, das alle Arten sich aus Varietäten entwickelt
haben.
Da jede Art bestrebt ist sich in geometrischem Verhältnisse
unendlich zu vermehren, und da die abgeänderten Nachkommen
einer jeden Spezies sich um so rascher zu vervielfältigen ver-
mögen , jemehr dieselben in Lebensweise und Organisation aus-
einander laufen, und mithin jemehr und verschiedenartigere Stel-
len sie demnach im Haushalte der Natur einzunehmen im Stande
sind, so wird in der Natürlichen Züchtung ein beständiges Stre-
ben vorhanden seyn, die am weitesten verschiedenen Nachkom-
men einer jeden Art zu erhalten. Daher werden im langen Ver-
laufe solcher allmählichen Abänderungen die geringen und blosse
Varietäten einer Art bezeichnenden Verschiedenheiten sich zu
grösseren die Spezies einer nämlichen Sippe charakterisirenden
Verschiedenheiten steigern. Neue und verbesserte Varietäten
werden die älteren weniger vervollkommneten und die letzten
vermittelnden Abarten unvermeidlich ersetzen und austilgen, und
so entstehen grossentheils scharf umschriebene und wohl unter-
schiedene Spezies. Herrschende Arten aus den grösseren Grup-
pen einer jeden Klasse streben wieder neue und herrschende
Formen zu erzeugen, so dass jede grosse Gruppe geneigt ist
noch grösser und zugleich divergenter im Charakter zu werden.
Da jedoch nicht alle Gruppen beständig zunehmen können, indem
zuletzt die Welt sie nicht mehr zu fassen vermöchte, so ver-
504
drängen die herrschenderen die minder herrschenden. Dieses
Streben der grossen Gruppen an Umfang zu wachsen und im
Charaliter auseinander zu laufen, in Verbindung mit der meist
unvermeidlichen Folge starken Erlöschens andrer, erklärt die An-
ordnung aller Lebenformen in mehr und mehr unterabgelheilte
Gruppen innerhalb einiger wenigen grossen Klassen, die uns
jetzt überall umgeben und alle Zeilen überdauert haben. Diese
grosse Thatsache der Gruppirung aller organischen Wesen
scheint mir nach der gewöhnlichen Schöpfungs-Theorie ganz un-
erklärlich.
Da Natürliche Züchtung nur durch Häufung kleiner aufein-
ander-folgender günstiger Abänderungen wirkt, so kann sie keine
grosse und plötzliche Umgestaltungen bewirken; sie kann nur
mit sehr langsamen und kurzen Schritten vorangehen. Daher
denn auch der Canon .^Natura non facit saltum«, welcher sich
mit jeder neuen Erweiterung unsrer Kenntnisse mehr bestätigt,
aus dieser Theorie einfach begreiflich wird. Wir sehen ferner
ein, warum die Natur so fruchtbar an Abänderungen und doch
so sparsam an Neuerungen ist. Wie Diess aber ein Natur-Ge-
setz seyn könnte, wenn jede Art unabhängig erschaffen worden
wäre, vermag niemand zu erläutern.
Aus dieser Theorie scheinen mir noch andre Thatsachen erklär-
bar. Wie befremdend wäre es, dass ein Vogel in Gestalt eines
Spechtes geschaffen worden wäre, um Insekten am Boden aufzu-
suchen; dass eine Gans, welche niemals oder selten schwimmt,
mit Schwimmfüssen, dass eine Drossel zum Tauchen und Leben
von unter Wasser wohnenden Insekten, und dass ein Sturmvogel
geschaffen worden wäre mit einer Organisation, welche der L'e-
bens-Weise eines Alks oder Lappentauchers (S. 210) entspricht,
und so in zahllosen andern Fällen. Aber nach der Ansicht, dass
die Arten sich beständig zu vermehren streben, während die Na-
türliche Züchtung immer bereit ist, die langsam abändernden
Nachkommen jeder Art einem jeden in der Natur noch nicht oder
nur unvollkommen besetzten Platze anzupassen, hören diese Er-
scheinungen auf befremdend zu seyn und hätten sich sogar viel-
leicht voraussehen lassen.
505
Da die Natürliche Züchtung neben der Mitbewerbung wirkt,
so passt sie die Bewohner einer jeden Gegend nur im Verhält-
niss der Vollkoininenheits-Stufe der andern Bewerber an, daher
es uns nicht überrascht, wenn die Bewohner eines Bezirkes,
welche nach der gewöhnlichen Ansicht doch speziell lür diesen
Bezirk geschaffen und angepasst seyn sollen, durch die naturali-
sirten Erzeugnisse aus andern Ländern besiegt und ersetzt wer-
den. Noch dürfen wir uns wundern, wenn nicht alle Erfindungen
in der Natur, so weit wir ermessen können, ganz vollkommen
sind und manche derselben sogar hinter unsren Begriffen von
Angemessenheit weit zurückbleiben. Es .darf uns daher nicht
befremden, wenn der Stich der Biene ihren eignen Tod verur-
sacht; wenn die Dronen in so ungeheurer Anzahl nur für einen
einzelnen Akt erzeugt und dann grösstentheils von ihren un-
fruchtbaren Schwestern getödlet werden; wenn unsre Nadelhölzer
eine so unerniessliche Menge von Pollen erzeugen; wenn die
Bienenkönigin einen instinktiven Hass gegen ihre eignen frucht-
baren Töchter empfindet; oder wenn die Ichneumoniden sich im
lebenden Körper von Raupen nähren u. s. w. Weit mehr hätte
man sich nach der Theorie der Natürlichen Züchtung darüber zu
wundern, dass nicht noch mehr Fälle von Mangel an unbedingter
Vollkommenheit beobachtet werden.
Die verwickelten und wenig bekannten Gesetze, welche die
Variation in der Natur beherrschen, sind, so weit unsre Einsicht
reicht, die nämlichen, welche auch die Erzeugung sogenannter
spezifischer Formen geleitet haben. In beiden Fällen scheinen
die natürlichen Bedingungen nur wenig Einfluss gehabt zuhaben;
wenn aber Varietäten in eine neue Zone eindringen, so nehmen
sie etwas von den Charakteren der dieser Zone eigenthümlichen
Spezies an. In Varietäten sowohl als Arten scheinen Gebrauch
und Nichtgebrauch einige Wirkung zu haben ; denn es ist schwer
dieser Ansicht zu widerstehen, wenn man z. ß. die Dickkopf-
Ente (Micropterus) mit Flügeln sieht, welche zum Fluge eben so
wenig brauchbar als die der Hausenle sind, oder wenn man den
grabenden Tukutuku (Ctenomys), welcher mitunter blind ist, und
dann die Maulwurl-Arlen betrachtet, die immer blind sind und
506
ihre Augen-Rudlmentc unter der Haut liegen haben, oder endlich
wenn inan die blinden Thiere in den dunkeln Höhlen Europa's
und Amerika's ansieht. In Arien und Abarten scheint die Wech-
selbeziehung der Entwickelung eine sehr wichtige Rolle gespielt
zu haben, so dass, wenn ein Theil abgeändert worden ist, auch
andre Theile nothwendig modifizirt werden mussten. In Arten
wie in Abarten kommt Rückkehr zu längst verlorenen Charakteren
vor. Wie unerklärlich ist nach der Schöpfungs-Theorie die ge-
legentliche Erscheinung von Streifen an Schultern und Beinen
der verschiedenen Arten der Pferde-Sippe und ihrer Bastarde ;
und wie einfach erklärt sich diese Thatsache, wenn wir anneh-
men, dass alle diese Arten von einem gestreiften gemeinsamen
Stamm-Vater herrühren in derselben Weise, wie unsre zahmen
Tauben-Rassen von der blau- grauen Felstaube mit schwarzen
Flügelbinden.
Wie lässt es sich nach der gewöhnlichen Ansicht, dass jede
Art unabhängig geschaffen worden seye, erklären, dass die Arten-
Charaktere, wodurch sich die verschiedenen Spezies einer Sippe
von einander unterscheiden, veränderlicher als die Sippen-Cha-
raktere sind, in welchen alle übereinstimmen? Warumwäre z.B.
die Farbe einer Blume in einer Art einer Sippe, wo alle übrigen
Arten mit andern Farben versehen sind, eher zu variiren geneigt,
als wenn alle Arten derselben Sippe von gleicher Farbe sind?
Wenn aber Arten nur stark abgebildete Abarten sind, deren
Charaktere schon in hohem Grade beständig geworden, so be-
greift sich Diess; denn sie haben bereits seit ihrer Abzweigung
von einem gemeinsamen Stammvater in gewissen Merkmalen va-
riirt, durch welche sie eben von einander verschieden geworden
sind; und desshalb werden auch die nämlichen Charaktere noch
fortdauernd unbeständiger seyn, als die Sippen-Charaktere, die
sich schon seit einer unermesslichen Zeit unverändert vererbt
haben. Nach der Theorie der Schöpfung ist es unerklärlich,
warum ein bei der einen Art einer Sippe in ganz ungewöhnlicher
Weise entwickelter und daher vermuthlich für dieselben sehr
wichtiger Charakter vorzugsweise zu variiren geneigt seyn soll;
während dagegen nach meiner Ansicht dieser Theil seit der
507
Abzweigung der verschiedenen Arten von einem gemeinsamen
Stammvater in ungewöhnlichem Grade Abänderungen erfahren
hat und gerade desshalb seine noch fortwährende Veränderlich-
keit voraus zu erwarten stund. Dagegen kann es auch vorkom-
men, dass ein in der ungewöhnlichsten Weise entwickelter Theil,
wie der Flügel der Fledermäuse, sich jetzt eben so wenig ver-
änderlich als die übrigen zeigt, wenn derselbe vielen unterge-
ordneten Formen gemein, d. h. schon seit sehr langer Zeil ver-
erbt worden ist; denn in diesem Falle wird er durch lang-fort-
gesetzte Natürliche Züchtung beständig geworden seyn.
Werfen wir auf die Instinkte einen Blick, von welchen
manche wunderbar sind, so bieten, sie der Theorie der Natür-
lichen Züchtung mittelst leichler und allmählicher nützlicher Ab-
änderungen keine grössere Schwierigkeit als die körperlichen
Bildungen dar. Man kann daraus begreifen, warum die Natur
bloss in kleinen Abstufungen die Thiere einer nämlichen Klasse
mit ihren verschiedenen Instinkten vervollkommt. Ich habe zu
zeigen versucht, wie viel Licht das Prinzip der stufenweisen Ent-
wickelung auf den Bau-Instinkt der Honigbiene wirft. Auch Ge-
wohnheit kommt bei Modifizirung der Instinkte gewiss oft in Be-
tracht; aber Diess ist sicher nicht unerlässlich der Fall, wie wir
bei den geschlechtlosen Insekten sehen, die keine Nachkommen
hinterlassen, auf welche sie die Erfolge lang-währender Gewohn-
heit übertragen könnten. Nach der Ansicht, dass alle Arten einer
Sippe von einer gemeinsamen Slamm-Arl herrühren und von
dieser Vieles gemeinsam geerbt haben, vermögen wir die Ur-
sache zu erkennen, wesshalb verwandte Arten, auch wenn sie
wesentlich verschiedenen Lebens-Bedingungen ausgesetzt sind,
doch beinahe denselben Instinkten folgen: wie z. B. die Süd-
Amerikanische Amsel^ihr Nest inwendig eben so mit Schlamm
überzieht, wie' es' uhsre Europäische Art thut. In Folge der
Ansicht, dass Instinkte nur ein langsamer Erwerb unter der Lei-
tung Natürlicher Züchtung sind, dürfen wir uns nicht darüber
wundern, wenn manche derselben noch unvollkommen oder nicht
verständlich sind, und wenn manche unter ihnen andern Thieren
zum Nachtheil gereichen.
5Ü8
Wenn Arten nur wohl ausgebildete und bleibende Abarten
sind, so erkennen wir sogleich, warum ihre durch Kreutzung
entstandenen Nachkommen den nämlichen verwickelten Gesetzen
unterliegen: in Art und Grad der Ähnlichkeil mit den Altern, in
der Verschmelzung durch wiederholte Kreutzung und in andern
ähnlichen Punkten, wie es bei den gekreutzten Nachkommen an-
erkannter Abarten der Fall ist; während Diess wunderbare Er-
scheinungen blieben, wenn die Arten unabhängig von einander
erschallen und die Abarten nur durch sekundäre Kralle entstan-
den wären.
Wenn wir zugeben, dass der geologische Schöplungs-Bericht
im äussersten Grade unvollsrändig ist, dann unterstützen solche
Thatsachen, wie der Bericht sie liefert, die Theorie der Abstam-
mung mit fortwährender Abänderung. Neue Arten sind von Zeil
zu Zeit allmählich auf den Schauplatz getreten und das Maass
der Umänderung, welche sie nach gleichen Zeiträumen erfahren,
ist in den verschiedenen Gruppen weit vorschieden. Das Er-
löschen von Arten und Arten-Gruppen, welches an der Geschichte
der organischen Well einen so wesentlichen Theil hat, folgt fast
unvermeidlich aus dem Prinzip der Natürlichen Züchtung; denn
alte Formen werden durch neue und verbesserte Formen, ersetzt.
Weder einzelne Arten noch Arten-Gruppen erscheinen wieder,
wenn die Kette ihrer regelmässigen Forlpllanzung einmal unter-
brochen worden war. Die stufenweise Ausbreitung herrsche.nder
Formen mit langsamer Abänderung ihrer Nachkommen hat zur
Folge, dass die Lebenformen nach langen Zeilräumen gleichzeitig
über die ganze Erd-Oberfläche zu wechseln scheinen. Die That-
sache, dass die Fossil-Reste jeder Formation im Charakter eini-
germaassen das Mittel halten zwischen den darunter und den
darüber liegenden Resten, erklärt sich einfach aus ihrer milleln
Stelle in der Abstammungs-Kette. Die grosse Thalsache, dass
alle erloschenen Oi'ganismen in ein gleiches grosses System mit
den lebenden Wesen zusammenfallen und mit ihnen entweder
in gleiche oder in vermittelnde Gruppen gehören, ist eine Folge
davon, dass die lebenden und die erloschenen Wesen die Nach-
kommen gemeinsamer Stamui-Ältern sind. Da die von alten
509
Stammvntorn herrührenden Gruppen gewöhnlich im Charakter
auseinandergegangen, so worden der Stammvater und seine näch-
sten Nachkommen in ihren Charakteren oft das Mittel halten
zwischen seinen spateren Nachkommen, und so ergibt sich war-
um, je älter ein Fossil ist, desto öfter es einigermaassen in der
Mitte steht zwischen verwandten lebenden Gruppen. Man hält
die neueren Formen im Allgemeinen für vollkommener als die
alten und erloschenen; und sie stehen auch insoferne höher als
diese, als sie in Folge fortwährender Verbesserung die älteren
und noch weniger verbesserten Formen im Kampfe ums Daseyn
besiegt haben. Auch sind Jm Allgemeinen ihre Organe mehr
spezialisirt für verschiedene Verrichtungen. Diese Thatsache ist
vollkommen verträglich mit der andern, dass viele Wesen jetzt
noch eine einfache und nur wenig verbesserte Organisation für
einfachere Lebens-Bedingungen besitzen, — und mit der ferne-
ren Annahme, dass manche Formen in ihrer Organisation zurück-
geschritten sind, weil sie eben dadurch sich einer veränderten
und verkümmerten Lebensweise besser anpassten. Endlich wird
das Gesetz langer Dauer unter sich verwandter Formen in die-
sem oder jenem Kontinente — wie die der Masupialen in Neu-
holland, der Edentaten in Südamerika u. a. solche Fälle — er-
klärlich, da in einer begrenzten Gegend die neuen und erlosche-
nen Formen durch Abstammung miteinander verwandt sind.
Wenn man, was die geographische Verbreitung betrifft, zu-
gibt, dass im Verlaufe langer Erd-Perioden je nach den klima-
tischen und geographischen Veränderungen und der Wirkung so
vieler gelegenheitlicher und unbekannter Veranlassungen starke
Wanderungen von einem Welt-Theile zum andern stattgefunden
haben, so erklären sich die Haupterscheinungen der Verbreitung
meistens aus der Theorie der Abstammung mit fortdauernder Ab-
änderung. Man kann einsehen, warum ein so auffallender Paral-
lelismus in der räumlichen Vertheilung der organischen Wesen
und ihrer geologischen Aufeinanderfolge in der Zeit besteht;
denn in beiden Fällen sind diese Wesen durch das Band ge-
wöhnlicher Fortpflanzung miteinander verkettet, und die Abände-
rungs - Mittel sind die nämlichen. Wir begreifen die volle
510
Bedeutung der wunderbaren Erscheinung, welche jedem Reisen-
den aufgefallen seyn muss, dass im nämlichen Kontinente unter
den verschiedenartigsten Lebens-Bedingungen, in Hitze und Kälte,
/ im Gebirge und Tiefland, in Marsch- und Sand-Strecken die mei-
I sten der Bewohner aus jeder grossen Klasse offenbar verwandt
sind; denn es sind gewöhnlich Nachkommen von den nämlichen
Stammvätern und ersten Kolonisten. Nach diesem nämlichen
Prinzip früherer Wanderungen meistens in Verbindung mit ent-
sprechender Abänderung begreift sich mit Hilfe der Eis-Periode
die Identität einiger wenigen Pflanzen und die nahe Verwandt-
schaft vieler andern auf den entferntesten Gebirgen, und ebenso
die nahe Verwandtschaft einiger Meeres-Bewohner in der nörd-
lichen und in der südlichen gemässigten Zone, obwohl sie durch
das ganze Tropen-Meer getrennt sind. Und wenn andernlhcils
zwei Gebiete so übereinstimmende natürliche Bedingungen dar-
bieten, wie es zur Ernährung gleicher Arten nöthig ist, so kön-
nen wir uns darüber nicht wundern, dass ihre Bewohner weit
von einander verschieden sind, falls dieselben während langer
Perioden vollständig von einander getrennt waren; denn wenn
auch die Beziehung von einem Organismus zum andern die wich-
tigste aller Beziehungen ist und die zwei Gebiete ihre ersten
Ansiedler in verschiedenen Perioden und Verhältnissen von einem
dritten Gebiete oder wechselseitig von einander erhalten haben
können, so wird der Verlauf der Abänderung in beiden Gebieten
unvermeidlich ein verschiedener gewesen seyn.
Nach der Annahme staltgefundener Wanderungen mit nach-
folgender Abänderung erklärt es sich, warum ozeanische Inseln
nur von wenigen Arten bewohnt werden, von welchen jedoch
viele eigenthümlich sind. Man vermag klar einzusehen, warum
diejenigen Thiere, welche weite Strecken des Ozeans nicht zu
überschreiten im Stande sind, wie Frösche und Land-Säugethiere,
keine ozeanischen Eilande bewohnen, und wesshalb dagegen neue
und eigenthümliche Fledermaus-Arten, welche über den Ozean
hinwegkommen können, auf oft weit vom Festlande entlegenen
Inseln vorkommen. Solche Erscheinungen, wie die Anwesenheit
besondrer Fledermaus-Arten und der Mangel aller andern Säuge-
511
thiere auf ozeanischen Inseln sind nach dt^r Theorie selbstständiger
Schöpfungs-Akte gänzlich unerkliirbar.
Das Vorkoiiitnen nahe-verwandter oder stellvertretender Arten
in zweierlei Gebieten setzt nach der Theorie gemeinsamer Ab-
stammung mit allmählicher Abänderung voraus, dass die gleichen
Altern vordem beide Gebiete bewohnt haben; und wir finden fast
ohne Ausnahme, dass, wo immer viele einander nahe-verwandte
Arten zwei Gebiete bewohnen, auch einige identische dazwischen
sind. Und wo immer viele verwandte aber verschiedene Arien
erscheinen, da kommen auch viele zweifelhafte Formen und Ab-
arten der nämlichen Spezies vor. Es ist eine sehr allgemeine
Regel, dass die Bewohner eines jeden Gebietes mit den Bewoh-
nern desjenigen nächsten Gebietes verwandt sind, aus welchem
sich die Einwanderung der ersten mit Wahrscheinlichkeit ableiten
lässt. Wir sehen Diess in fasst allen Pflanzen und Thieren der
Galapagos-Eihnde, auf Juan Fernandez und den andern Ameri-
kanischen Inseln, welche in auffallendster Weise mit denen des
benachbarten Amerikanischen Festlandes verwandt sind; und eben
so verhalten sich die des Capeerdischen Archipels und andrer
Afrikanischen Inseln zum Afrikanischen Festland. Man muss zu-
geben, dass diese Thatsachen aus der gewöhnlichen Schöpfungs-
Theorie nicht erklärbar sind.
Wie wir gesehen, ist die Erscheinung, dass alle früheren
und jetzigen organischen Wesen nur ein grosses vielfach unter-
abgetheiltes natürliches System bilden , worin die erloschenen
Gruppen oft zwischen die noch lebenden fallen, aus der Theorie
der Natürlichen Züchtung mit ihrer Ergänzung durch Erlöschen
und Divergenz des Charakters erklärbar. Aus denselben Prin-
zipien ergibt sich auch, warum die wechselseilige Verwandtschaft
von Arten und Sippen in jeder Klasse so verwickelt und mittel-
bar ist. Es ergibt sich, warum gewisse Charaktere viel besser
als andre zur Klassifikation brauchbar sind; warum Anpassungs-
Charaktere, obschon von obersler Bedeutung für das Wesen selbst,
kaum von einiger Wichtigkeit bei der Klassifikation sind ; warum
von Stümmel-Organen abgeleitete Charaktere, obwohl diese Or-
gane dem Organismus zu nichts dienen, oft einen hohen Werth
512
für die Klassifikation besitzen; und warum embryonische Charak-
tere den höchsten Werth von allen haben. Die wesentlichen
Verwandtschaften aller Organismen rühren von gemeinschaftlicher
Ererbung oder Abstammung her. Das Natürliche System ist eine
genealogische Anordnung, worin uns die Abstammungs-Linien
durch die beständigsten Charaktere verraliien werden, wie gering
auch deren Wichtigkeit für das Leben seyn mag.
Die Erscheinungen, dass das Knochen-Gerüste das nämliche
in der Hand des Menschen, wie im Flügel der Fledermaus, im
Ruder der Seeschildkröte und im Bein des Pferdes ist, — dass
die gleiche Anzahl von Wirbeln den Hals aller Säugethiere, den
der Giraffe wie den des Elephanten bildet, und noch eine Menge
ähnlicher, erklären sich sogleich aus der Theorie der Abstam-
mung mit geringer und langsam aufeinander-folgender Abände-
rung. Die Ähnlichkeit des Models im Flügel und im Hinterfusse
der Fledermaus, obwohl sie zu ganz verschiedenen Diensten be-
stimmt sind, in den Kinnladen und den Beinen des Krabben, in
den Kelch- und Kronen-Blättern, in den Staubgefässen und Staub-
wegen der Blüthen wird gleicherweise aus der Annahme allmäh-
lich divergirender Abänderung von Theilen oder Organen erklär-
bar, welche in dem gemeinsamen Stammvater jeder Klasse unter
sich ähnlich gewesen sind. Nach dem Prinzip, dass allmähliche
Abänderungen nicht immer schon im frühen Alter erfolgen und
sich demnach auf ein gleiches und nicht früheres Alter vererben,
ergibt sich eine klare Ansicht, wesshalb die Embryonen von
Säugthieren, Vögeln, Reptilien und Fischen einander so ähnlich
sind und in späterem Alter so unähnlich werden. Man wird sich
nicht mehr darüber wundern, dass der Embryo eines Luft-ath-
menden Säugthieres oder Vogels Kiemen -Spalten und Schleifen-
artig verlaufende Arterien, wie der Fisch besitze, welcher die im
Wasser aufgelöste Luft mit Hilfe wohl-entwickelter Kiemen zu
athmen bestimmt ist.
Nichtgebrauch, zuweilen mit Natürlicher Züchtung verbunden,
führt oft zur Verkümmerung eines Organes, wenn es bei verän-
derter Lebens-Weise oder unter wechselnden Lebens-Bedinaun-
gen nutzlos geworden ist, und man bekommt auf diese Weise
513
eine richtige Vorstellung von rudimentären Organen, Aber Nicht-
gebrauch und Natürliche Züchtung werden auf jedes Geschöpf
gewöhnlich erst wirken, wenn es zur Reife gelangt ist und selbst-
ständigen Antheil am Kampfe ums Daseyn nimmt. Sie werden
nur wenig über ein Organ in den ersten Lebens-Aitern vermö-
gen, wesshalb kein Organ in solchen frühen Altern sehr ver-
ringert oder verkümmert werden kann. Das Kalb z. B. hat
Schneide-Zähne, welche aber im Oberkiefer das Zahnfleisch nie
durchbrechen, von einem frühen Stammvater mit wohl-entwickel-
ten Zähnen geerbt, und es ist anzunehmen, dass diese Zähne
im reifen Thiere während vieler aufeinander-folgender Generatio-
nen reduzirt worden sind, entweder weil sie nicht gebraucht
oder weil Zunge und Gaumen zum Abweiden des Futters ohne
ihre Hilfe durch Natürliche Züchtung besser hergerichtet worden
sind; wesshalb dann im Kalb diese Zähne unentwickelt geblieben
und nach dem Prinzip der Erblichkeit in gleichem Alter von
früher Zeit an bis auf den heutigen Tag so vererbt worden sind.
Wie ganz unerklärbar sind nach der Annahme, dass jedes orga-
nische Wesen und jedes besondre Organ für seinen Zweck be-
sonders erschaffen worden seye, solche Erscheinungen, die, wie
diese nie zum Durchbruch gelangenden Schneidezähne des Kalbs
oder die verschrumpften Flügel unter den verwachsenen Flügel-
decken mancher Käfer, so auffallend das Gepräge der Nutzlosig-
keit an sich tragen! Man könnte sagen, die Natur habe Sorge
getragen, durch rudimentäre Organe und homologe Gebilde uns
ihren Abänderungs-Plan zu verrathen, welchen wir ausserdem
nicht verstehen würden.
Ich habe jetzt die hauptsächlichsten Erscheinungen und Be-
trachtungen wiederholt, welche mich zur innigsten Überzeugung
geführt, dass die Arten während langer Forlpflanzungs-Perioden
durch Erhaltung oder Natürliche Züchtung mittelst zahlreich auf-
einander-folgender kleiner aber nützlicher Abweichungen von
ihrem anfänglichen Typus verändert worden sind. Ich kann nicht
glauben, dass eine falsche Theorie die mancherlei grossen Gruppen
Daewin, Entstehung der Arton. 2. Aufl. 33
514
oben aufgezäliller Erscheinungen erklaren würde, wie meine
Theorie der Natürlichen Züchtung es doch zu thun scheint. Es
ist keine triltige Einrede, dass die Wissenschaft bis jetzt noch
kein Licht über den Ursprung des Lebens verbreite. Wer ver-
möchte zu erklaren, was das Wesen der Attraktion oder Gravi-
tation seye? Obwohl Leibnitz den Newton angeklagt, dass er
»verborgene Oualitiiten und Wunder in die Philosophie« einge-
führt, so wird doch dieses unbekannte Element der Attraktion
jetzt allgemein als eine vollkommen begründete vera causa ange-
nommen.
Ich kann nicht glauben, dass die in diesem Bande aufge-
stellten Ansichten gegen irgend wessen religiöse Gefühle Ver-
stössen sollten. Es möge die Erinnerung genügen, dass die
grösste Entdeckung, welche der Mensch jemals gemacht, nämlich
das Gesetz der Gravitation, von Leibnitz angegriffen worden ist,
weil es die natürliche Religion untergraben und die offenbarte
verläugne. Ein berühmter Schriftsteller und Geistlicher hat mir
geschrieben, »er habe allmählich einsehen gelernt, dass es eine
ebenso erhabene Vorstellung von der Gottheit seye, zu glauben,
dass sie nur einige wenige der Selbstentwickclung in andre und
nothwendige Formen fähige Urtypen geschaffen, als dass sie im-
mer wieder neue Schöpfungs-Akte nöthig gehabt habe, um die
Lücken auszufüllen, welche durch die Wirkung ihrer eigenen
Gesetze entstanden seyen.«
Aber warum, wird man fragen, haben denn fast alle aus-
gezeichneten lebenden Naturforscher und Geologen diese Ansicht
von der Veränderlichkeit der Spezies verworfen? Es kann ja
doch nicht behauptet werden, dass organische Wesen im Natur-
zustande keiner Abänderung unterliegen ; es kann nicht bewiesen
werden, dass das Maass der Abänderung im Verlaufe ganzer Erd-
Perioden eine beschränkte Grösse seye ; ein bestimmter Unter-
schied zwischen Arten und ausgeprägten Abarten ist noch nicht
angegeben worden und kann nicht angegeben werden. Es lässl
sich nicht behaupten, dass Arten bei der Kroutzung ohne Aus-
nahme unfruchtbar seyen, noch dass Unfruchtbarkeit eine be-
sondre Gabe und ein Merkmal der Schöpfung seye. Die Annahme,
515
dass Arten uiiv^eränderliche Erzeugnisse Seyen, war fast unvermeid-
lich so lange, als man der Geschichte der Erde nur eine kurze
Dauer zuschrieb; und nun, da wir einen Begriff von der Länge
der Zeit erlangt haben^ sind wir zu verständig, um ohne Beweis
anzunehmen, der geologische Schöpfungs-Bericht seye so voll-
kommen, dass er uns einen klaren Nachweis über die Abände-
rung der Arten liefern miisstCj wenn sie solche Abänderung er-
fahren hätten.
Aber die Hauptursache, wesshalb wir von Natur nicht ge-
neigt sind zuzugestehen, dass eine Art eine andere verschiedene
Art erzeugt haben könne, liegt darin, dass wir stets behutsam
in der Zulassung einer grossen Veränderung sind, deren Mittel-
stufen wir nicht kennen. Die Schwierigkeit ist dieselbe, welche
so viele Geologen gefühlt, als Lyell zuerst behauptete, dass bin-
nen-Iändische Fels-Klippen gebildet und grosse Thäler ausgehöhlt
worden seyen durch die langsame Thätigkeit der Küsten- Wogen.
Der Begriff kann die volle Bedeutung des Ausdruckes Hundert
Millionen Jahre unmöglich fassen; er kann nicht die ganze Grösse
der Wirkung zusammenrechnen und begreifen, welche durch
Häufung einer Menge kleiner Abänderungen während einer fast
unendlichen Anzahl von Generationen entsteht.
Obwohl ich von der Wahrheit der in diesem Bande auszugs-
weise mitgetheilten Ansichten vollkommen durchdrungen bin, so
hege ich doch keinesweges die Erwartung erfahrene Naturforscher
davon zu überzeugen, deren Geist von einer Menge von That-
sachen erfüllt ist, welche sie seit einer langen Reihe von Jahren
gewöhnt sind aus den meinigen ganz entgegengesetzten Gesichts-
punkten zu betrachten. Es ist so leicht unsre Unwissenheit unter
Ausdrücken, wie »Schöpfungs - Plan« , »Einheit des Zweckes«
u. s. w. zu verbergen und zu glauben, dass wir eine Erklärung
geben, wenn wir bloss eine Thalsache wiederholen. Wer von
Natur geneigt ist, unerklärten Schwierigkeiten mehr Werth als
der Erklärung einer Summe von Thalsachen beizulegen, der wird
gewiss meine Theorie verwerfen. Auf einige wenige Natur-
forscher von empfänglicherem Geiste und solche, die schon an
der Unveränderlichkeit der Arten zu zweifeln begonnen haben,
33 *
516
mag Dioss Buch einigen Eindrucli machen; aber ich blicke mit
Vertrauen auf die Zukunft, auf junge und strebende Naturforscher,
welche beide Seiten der Frage mit Unparlheiliclikeil zu beur-
theilen fähig seyn werden. Wer immer sich zur Ansicht neigt,
dass Arten veränderlich sind, wird durch gewissenhaftes Ge-
ständniss seiner Überzeugung der Wissenscliaft einen guten
Dienst leisten; denn nur so kann dieser Berg von Vorurtheilen,
unter welchen dieser Gegenstand vergraben ist, allmählich be-
seitigt werden.
Einige hervorragende Naturforscher haben noch neuerlich
ihre Ansicht veröffentlicht, dass eine Menge angeblicher Arten
in jeder Sippe keine wirklichen Arten vorstellen, wogegen andre
Arten wirkliche, d. h. selbstständig erschaffene Spezies seyen.
Diess scheint mir eine sonderbare Annahme zu seyn. Sie geben
zu, dass eine Menge von Formen, die sie selbst bis vor Kurzem
für spezielle Schöpfungen gehalten und welche noch jetzt von
der Mehrzahl der Naturforscher als solche angesehen werden,
welche mithin das ganze äussre charakteristische Gepräge von
Arten besitzen, — sie geben zu, dass diese durch Abänderung
hervorgebracht worden seyen, weigern sich aber dieselbe An-
sicht auf andre davon nur sehr unbedeutend verschiedene Formen
auszudehnen. Demungeachtet beanspruchen sie nicht eine Defi-
nition oder auch nur eine Vermuthung darüber geben zu können,
welches die erschaffenen und welches die durch sekundäre Ge-
setze entstandenen Lebenformen seyen. Sie geben Abänderung
als eine vera causa in einem Falle zu und verwerfen solche will-
kürlich im andern, ohne den Grund der Verschiedenheit in bei-
den Fällen nachzuweisen. Der Tag wird kommen, wo man Diess
als einen ergötzlichen Beleg von der Blindheit vorgefasster Mei-
nung anführen wird. Diese Schriftsteller scheinen mir nicht
mehr vor der Annahme eines wunderbaren Schöpfungs-Aktes
als vor der einer gewöhnlichen Geburt zurückzuschrecken. Aber
glauben sie denn wirklich, dass in unzähligen Momenten unsrer
Erd-Geschichte jedesmal gewisse Urstoff-Atome kommandirt wor-
den seyen zu lebendigen Geweben in einander zu fahren? Sind
sie der Meinung, dass durch jeden unterstellten Schöpfungs-Akt
517
bloss ein einziger, oder dass viele Individuen entstanden sind?
Sind all' diese zahllosen Sorten von Pflanzen und Thieren in
Form von Saamen und Eiern , oder sind sie als ausgewachsene
Individuen erschaffen worden? und die Säugthiere insbesondere,
sind sie geschaffen worden mit dem falschen Merkmale der Er-
nährung vom Mutterleibe? Zweifelsohne können diese nämlichen
Fragen beim jetzigen Stande unseres Wissens auch von denjeni-
gen nicht beantwortet werden, welche an die Schöpfung von nur
wenigen Urformen oder von irgend einer Form von Organismen
glauben. Verschiedene Schriftsteller haben versichert, dass es
leichter seye an die Schöpfung von Hundert Millionen Dingen als
von einem zu glauben; aber Maüpertuis' philosophischer Grund-
satz von »der kleinsten Thätigkeit" leitet uns lieber die kleinere
Zahl anzunehmen: und gewiss dürfen wir nicht glauben, dass
zahllose Wesen in jeder grossen Klasse mit klaren und doch
trügerischen Merkmalen der Abstammung von einem gemeinsamen
Stammvater geschaffen worden Seyen.
Man kann noch die Frage aufwerfen, wie weit ich die
Lehre von der Abänderung der Spezies ausdehne? Diese Frage
ist schwer zu beantworten, weil, je verschiedener die Formen
sind , welche wir betrachten, desto mehr die Argumente an
Stärke verlieren. Doch sind einige schwer-wiegende Beweis-
gründe sehr weit-reichend. Alle Glieder einer ganzen Klasse
können durch Verwandtschafts -Beziehungen mit einander ver-
kettet und alle nach dem nämlichen Prinzip in unterabgetheilte
Gruppen klassifizirt werden. Fossile Reste sind oft geeignet
grosse Lücken zwischen den lebenden Ordnungen des Systemes
auszufüllen. Verkümmerte Organe beweisen oft, dass der erste
Stammvater dieselben Organe in vollkommen entwickeltem Zu-
stande besessen habe; daher ihr Vorkommen nach ihrer jetzigen
Beschaffenheit ein ungeheures Maass von Abänderung in dessen
Nachkommen voraussetzt. Durch ganze Klassen hindurch sind
mancherlei Gebilde nach einem gemeinsamen Model geformt, und
im Embryo-Stande gleichen alle Arten einander genau. Daher
ich keinen Zweifel hege, dass die Theorie der Abstammung mit
allmählicher Abänderung alle Glieder einer nämlichen Klasse mit
518
einander verbinde. Ich glaube^ dass_ die _Th lere von höchstens
vier oder fünf* und die Pflanzen von eben so vielen oder noch
weniger Stamm-Arten herrühren.
Die Analogie würde mich noch einen Schritt weiter führen,
nämlich zu glauben, dass alle Pflanzen und Thiere nur von einer
einzigen Urform herrühren; doch könnte die Analogie eine trü-
gerische Führerin seyn. Demungeachtet haben alle lebenden
Wesen Vieles miteinander gemein in ihrer chemischen Zusam-
mensetzung, ihrer zelligen Struktur, ihren Wachsthums- Gesetzen,
ihrer Empfindlichkeit gegen schädliche Einflüsse. Wir sehen
Diess oft in sehr zutreffender Weise, wenn dasselbe Gift Pflan-
zen und Thiere in ähnlicher Art berührt, oder wenn das von
der Gallwespe abgesonderte Gift monströse Auswüchse an der
wilden Rose wie an der Eiche verursacht. In allen organischen
Wesen scheint die gelegentliche Vereinigung^ männlicher und
weiblicher Elementar-Zellen zur Erzeugung eines neuen solchen
Wesens nothwendig zu seyn. In allen ist, so viel bis jetzt be-
kannt, das Keim-Bläschen dasselbe. Daher alle individuellen or-
ganischen Wesen von gemeinsamer Entstehung sind. Und selbst
was ihre Trennung in zwei Haiipt-Abtheilungen, in ein Pflanzen-
und ein Thierreich betriff't, so gibt es gewisse niedrige Formen,
welche in ihren Charakteren so sehr das Mittel zwischen beiden
halten, dass sich die Naturforscher noch darüber streiten, zu
welchem Reiche sie gehören und Professor Asa Gray hat be-
merkt, dass Sporen und andre reproduktive Körper von manchen
der unvollkommenen Algen zuerst ein charakteristisch thierisches
und dann erst ein unzweifelhnft pflanzliches Daseyn besitze.
Nach dem Prinzipe der Natürlichen Züchtung mit Divergenz des
Charakters erscheint es auch nicht unglaublich, dass sich einige
solche Zwischenformen zwischen Pflanzen und Thioren entwickelt
haben müssen. Und wenn wir Diess zugeben, so müssen wir
auch zugeben, dass alle o r ga n i s ch e n W e s e n , die j e-
* Diese Zahl entspräctie also den Unterreichen oder Kreisen des Thier-
Reiclis, welche der Verf. gewöhnlich auch unter dem Namen der „grossen
Klassen" versteht. Er sagt aber nirgends, auf welche Weise er sich das
Thier-Reich an diese 4—5 Stammarten verlheilt denke. D. Übs.
519
mals auf dieser Erde gelebt, von irgend einer Ur-
l'orm abslamnien*. Doch beruhet dieser Schluss hauptsächlich
auf Analogie, und es ist unwesentlich, ob man ihn anerkenne
oder nicht. Aber anders verhall sich die Sache mit den Gliedern
einer jeden grossen Klasse, wie der Wirbelthiere oder Kerb-
thiere: denn hier haben wir, wie schon bemerkt worden, in den
Gesetzen der Homologie und Embryonologie einige bestimmten
Beweise dafür, dass alle von einem einzigen Urvater abstammen.
Wenn die von mir in diesem Bande und die von Hrn. Wal-
LACE im Linnean Journal aufgestellten oder sonstige analoge An-
sichten über die Entstehung der Arten zugelassen werden, so
lässt sich bereits dunkel voraussehen, dass der Naturgeschichte
eine grosse Umwälzung bevorsteht. Die Systematiker werden
ihre Arbeiten so wie bisher verfolgen können, aber nicht mehr
unablässig durch den gespenstischen Zweifel beängstigt werden,
ob diese oder jene Form eine wirkliche Art seye. Diess, fühle
ich sicher und sage es aus Erfahrung, wird eine Erleichterung
von grossen Sorgen gewähren. Der endlose Streit, ob die fünfzig
Britischen Brombeer - Sorten wirkliche Arten sind oder nicht,
wird aufhören. Die Systematiker haben nur zu entscheiden (was
keineswegs immer leicht ist), ob eine Form beständig oder ver-
schieden genug von andern Formen ist, um eine Definition zu-
zulassen und, wenn Diess der Fall, ob die Verschiedenheiten
wichtig genug sind, um einen spezifischen Namen zu verdienen.
Dieser letzte Punkt aber wird eine weit wesentlichere Betrach-
tung als bisher erheischen, wo auch die geringfügigsten Unter-
schiede zwischen zwei Formen, wenn sie nicht durch: Zwischen-
stufen miteinander verschmolzen waren, bei den meisten Natur-
forschern für genügend galten, um beide zum Range zweier
Arten zu erheben. Hiernach sind wir anzuerkennen genöthigt,
^ Hier war in der vorigen Original-Auflage, die unsrer Deutschen Über-
setzung zu Grunde gelegen, nocii der NaclisnU angehiingl, „welcher das
Leben zuerst vom Schöpfer eingehauchl worden isL!* Wir
müssen Diess bemerken, weil sich auf ihn ein mehrfach geäusserter Vor-
wurf der Inconsequcnz des Verfassers bezog, und weil diese Änderung
uns die wesentlichste in der ganzen neuen Auflage zu seyn scheint.
D. Übers.
520
dass der einzige Unterschied zwischen Arten und ausgebildeten
Abarten nur darin besteht, dass diese letzten durch erkannte
oder verrnuthete Zwischenstufen noch heutzutage miteinander
verbunden sind und die ersten es früher gewesen sind. Ohne
daher die Berücksichtigung noch jetzt vorhandener Zwischenglieder
zwischen zwei Formen verwerfen zu wollen, werden wir ver-
anlasst seyn, den wirklichen Betrag der Verschiedenheit zwischen
denselben sorgfälliger abzuwägen und höher zu werthen. Es
ist ganz möglich, dass jetzt allgemein als blosse Varietäten an-
erkannte Formen künftighin spezifischer Benennungen werth ge-
achtet werden, wie z. B. die beiden Sorten Schlüsselblumen, in
welchem Falle dann die wissenschaftliche und die gemeine
Sprache miteinander in Übereinstimmung kämen*. Kurz wir
werden die Arten auf dieselbe Weise zu behandeln haben, wie
die Naturforscher jetzt die Sippen behandeln, welche annehmen,
dass die Sippen nichts weiter als willkürliche der Bequemlich-
keit halber eingeführte Gruppirungen seyen. Das mag nun keine
eben sehr heitre Aussicht seyn; aber wir werden hiedurch end-
lich das vergebliche Suchen nach dem unbekannten und unent-
deckbaren Wesen der «Spezies " los werden.
Die anderen und allgemeineren Zweige der Naturgeschichte
werden sehr an Interesse gewinnen. Die von Naturforschern
gebrauchten Ausdrücke Verwandtschaft, Beziehung, gemeinsamer
Typus, älterliches Verhältniss, Morphologie, Anpassungs-Charak-
tere, verkümmerte und fehlgeschlagene Organe u. s. w. werden
statt der bisherigen bildlichen eine sachliche Bedeutung gewin-
nen. Wenn wir ein organisches Wesen nicht länger, so wie
die Wilden ein Linienschiff, als etwas ganz ausser unsren Be-
griffen liegendes betrachten, wenn wir jedem organischen
Natur-Erzeugnisse eine Geschichte zugestehen; ~ wenn wir
jedes zusammengesetzte Gebilde oder jeden Instinkt als die
^ In England nämlich, wo die gewöhnliche Form der Schlüsselblume
(Fnmula yer.s) als „Primrose« oder Frühröschen, die grosse blassgelbe (Pr.
e at.or) aber als „Cowslip" oder Kuhlrilt bezeichnet zu werden pflegt. In
Deuuchland lm der Volks-Mund meines Wissens noch keinen sielig ver-
schiedenen Namen dafür. i<,x.
D. Ubs.
521
Summe vieler einzelner dem Besitzer nützlicher Erfindungen be-
trachten, wie wir etwa ein grosses mechanisches Kunstwerk als
das Produkt der vereinten Arbeit, Erfahrung, Beurtheilung und
selbst Fehler zahlreicher Techniker ans(;hen, und wenn wir jedes
organische Wesen auf diese Weise betrachten: wie viel an-
sprechender (ich rede aus Erltihrung) wird dann das Studium
der Naturgeschichte werden !
Ein grosses und fast noch unbetretenes Feld wird sich öff-
nen für Untersuchungen über die Wechselbeziehungen der Ent-
wickelung, über die Folgen von Gebrauch und Nichtgebrauch,
über den unmittelbaren Einfluss äussrer Lebens-Bedingungen
u. s. w Das Studium der Kultur -Erzeugnisse wird unermess-
lich an Werth steigen. Eine vom Menschen neu erzogene Va-
rietät wird ein für das Studium wichtigerer und anziehenderer
Gegenstand seyn, als die Vermehrung der bereits unzähligen
Arten unsrer Systeme mit einer neuen. Unsre Klassifikationen
werden, so weit es möglich, zu Genealogien werden und dann
erst den wirklichen sogen. Schöpfungs-Plan darlegen. Die Regeln
der Klassifikation werden ohne Zweifel einfacher seyn, wenn
wir ein bestimmtes Ziel im Auge haben. Wir besitzen keine
Stamm-Bäume und Wappen-Bücher und werden daher die viel-
fällig auseinander-laufenden Abstammungs-Linien in unsren Natur-
Genealogien mit Hilfe von mehr oder weniger lang vererbten
Charakteren zu entdecken und zu verfolgen haben. Rudimentäre
Organe werden in Bezug auf längst verloren gegangene Ge-
bilde untrügliches Zeugniss geben. Arten und Arten-Gruppen,
welche man abirrende genannt und mit einiger Einbildungs-Kraft
lebende Fossile nennen könnte, werden uns helfen ein vollstän-
digeres Bild von den allen Lebenformen zu entwerfen, und die
Embr^onologie wird uns die mehr und weniger verdunkelte Bil-
dung der Protolype einer jeden der Hauptklassen des Systemes
enthüllen.
Wenn wir erst für gewiss annehmen, dass alle Individuen
einer Art und alle nahe verwandten Arten der meisten Sippen
in einer nicht sehr fernen Vorzeit von einem gemeinsamen Vater
entsprungen und von ihrer Geburts-Stälte aus gewandert, und
522
wenn wir erst besser die mancherlei Mittel kennen werden,
welche ihnen bei ihren Wanderungen zu gut gekommen sind,
dann wird das Licht, welches die Geologie über die früheren
Veränderungen des Klima's und der Formen der Erd-Oberfläche
schon verbreitet hat und noch ferner verbreiten wird, uns ge-
wiss in den Stand setzen, ein vollkommenes Bild von den frühe-
ren Wanderungen der Erd-Bewohner zu entwerfen. Sogar jetzt
schon kann die Vergleichung der Meeres-Bewohner an den zwei
entgegengesetzten Küsten eines Kontinents und die Beschaffenheit
der manchfaltigen Bewohner dieses Kontinentes in Bezug auf
ihre Einwandcrungs-Mittel dazu dienen, die alte Geographie eini-
germaassen zu beleuchten.
Die erhabene Wissenschaft der Geologie verliert von ihrem
Glänze durch die Unvollständigkeit der Aufzeichnungen Man
kann die Erd-Rinde mit den in ihr enthaltenen organischen Resten
nicht als ein wohl gefülltes Museum, sondern nur als eine zu-
fällige und nur dann und wann einmal bedachte arme Sammlung
ansehen. Die Ablagerung jeder grossen Fossilien-reichen For-
mation ergibt sich als die Folge eines ungewöhnlichen Zusam-
mentreffens von Umständen, und die Pausen zwischen den auf-
einander-folgenden Ablagerungs-Zeiten entsprechen Perioden von
unerraesslicher Dauer. Doch werden wir im Stande seyn, die
Länge dieser Perioden einigermaassen durch die Vergleichung
der ihnen vorhergehenden und nachfolgenden organischen For-
men zu bemessen. Wir dürfen nach den Successions-Gesetzen
der organischen Wesen nur mit grosser Vorsicht versuchen, zwei
in verschiedenen Gegenden abgelagerte Bildungen, welche einige
identische Arten enthalten, als genau gleichzeitig zu betrachten.
Da die Arten in Folge langsam 'wirkender und noch fortdauern-
der Ursachen und nicht durch wundervolle Schöpfungs-Akte und
gewaltige Katastrophen entstehen und vergehen, und da die wich-
tigste aller Ursachen, welche auf organische Wesen hinwirken,
nämlich die Wechselbeziehung zwischen den Organismen selbst,
in deren Folge eine Verbesserung des einen die Verbesserung
oder die Vertilgung des andern bedingt, fast unabhängig von der
Veränderung und zumal plötzlichen Veränderung der physikali-
sehen Bedingungon 'ist : so folgt, dass der Grad der von einer
Formation zur andern stattgefinulenon Abänderung der fossilen
Wesen wahrscheinlich als ein guter Maassstab für die Länge der
inzwischen abgelaufenen Zeit dienen kann. Eine Anzahl in Masse
zusammen-gehaltener Arten jedoch dürfte lange Zeit unverändert
fortleben können, während in der gleichen Zeit einzelne Spezies
derselben, die in neue Gegenden auswandern und in Kampf mit
neuen Mitbewerbern gerathen, Abänderung erfahren würden;
daher wir die Genauigkeit dieses von den organischen Verände-
rungen entlehnten Zeit-Maasses nicht überschätzen dürfen. Als
in frühen Zeiten der Erd- Geschichte die Lebenformen wahr-
scheinlich noch einfacher und minder zahlreich waren, mag deren
Wechsel auch langsamer vor sich gegangen seyn; und als es
zur Zeit der ersten Morgenröthe,des organischen Lebens wahr-
scheinlich nur sehr wenige Organismen von dieser einfachsten
Bildung gab, mag deren Wechsel im äussersten Grade langsam
gewesen seyn. Die ganze Geschichte dieser organischen Welt,
so weit sie bekannt ist, wird sich hiernach als von einer uns
ganz unerfasslichen Länge herausstellen , aber von derjenigen
Zeit, welche seit der Erschaffung des ersten Geschöpfes, des
Stamm-Vaters all' der unzähligen schon erloschenen und noch
lebenden Wesen verflossen ist, nur ein kleines Bruchstück aus-
machen.
In einer fernen Zukunft sehe ich Felder für noch weit wich-
tigere Untersuchungen sich öffnen. Die Physiologie wird sich
auf eine neue Grundlage stützen, sie wird anerkennen müssen
dass jedes Vermögen und jede Fähigkeit des Geistes nur stufen-
weise erworben werden kann.
Schriftsteller ersten Rangs scheinen vollkommen davon über-
zeugt zu seyn, dass jede Art unabhängig erschaffen worden
seye Nach meiner Meinung stimmt es besser mit den der Ma-
terie vom Schöpfer eingeprägten Gesetzen überein, dass Ent-
stehen und Vergehen früherer und jetziger Bewohner der Erde,
so wie der Tod des Einzelwesens, durch sekundäre Ursachen
veranlasst werde. Wenn ich alle Wesen nicht als besondre
Schöpfungen,' sondern als lineare Nachkommen einiger weniger
524
schon lange vor der Ablagerung der silurischen Schichten vor-
handen gewesener Vorfahren betrachte , so scheinen sie mir da-
durch veredelt zu werden. Und aus der Vergangenheit schlies-
send dürfen wir getrost annehmen, dass nicht eine der jetzt
lebenden Arten ihr unverändertes Abbild auf eine ferne Zukunft
übertragen wird. Überhaupt werden von den jetzt lebenden
Arten nur sehr wenige durch Nachkommenschaft irgend welcher
Art sich bis in eine sehr ferne Zukunft fortpflanzen; denn die
Art und Weise, wie die organischen Wesen im Systeme gruppirt
sind, zeigt, dass die Mehrzahl der Arten einer jeden Sippe und
alle Arten vieler Sippen früherer Zeiten keine Nachkommenschaft
hinterlassen haben, sondern ganzlich erloschen sind. Man kann
insoferne einen prophetischen Blick in die Zukunft werfen und
voraussagen, dass es die gemeinsten und weit-verbreitetsten Ar-
ten in den grossen und herrschenden Gruppen einer jeden Klasse
sind, welche schliesslich die andern überdauern und neue herr-
schende Arten liefern werden. Da alle jetzigen Organismen
lineare Abkommen derjenigen sind, welche lange vor der siluri-
schen Periode gelebt, so werden wir gewiss fühlen, dass die
regelmässige Aufeinanderfolge der Generationen niemals unter-
brochen worden ist und eine allgemeine Fluth niemals die ganze
Welt zerstört hat. Daher können wir mit einigem Vertrauen auf
eine Zukunft von gleichfalls unberechenbarer Länge blicken. Und
da die Natürliche Züchtung nur durch und für das Gute eines
jeden Wesens wirkt, so wird jede fernere körperliche und gei-
stige Ausstattung desselben seine Vervollkommnung fördern.
Es ist anziehend beim Anblick eines Stückes Erde bedeckt
mit blühenden Pflanzen aller Art, mit singenden Vögeln in den
Büschen, mit schaukelnden Faltern in der Luft, mit kriechenden
Würmern im feuchten Boden sich zu denken, dass alle diese
Lebenformen so vollkommen in ihrer Art, so abweichend unter
sich und in allen Richtungen so abhängig von einander, durch
Gesetze hervorgebracht sind, welche noch fort und fort um uns
wirken. Diese Gesetze, im weitesten Sinne genommen, heissen:
Wachsthum und Fortpflanzung; Vererbung mit der Forlpflanzung,
Abänderung in Folge der mittelbaren und unmittelbaren Wirkun-
525
gen äusserer Lebens-Bedingungen und des Gebrauchs oder Nicht-
gebrauchs, rasche Vermehrung bald zum Kampfe um's Daseyn
führend, verbunden mit Divergenz des Charakters und Erlöschen
minder vervollkommneter Formen. So geht aus dem Kampfe
der Natur, aus Hunger und Tod unmittelbar die Lösung des
höchsten Problems hervor, das wir zu fassen vermögen, die Er-
zeugung immer höherer und vollkommenerer Thlere. Es ist
wahrlich eine grossartige Ansicht, dass der Schöpfer den Keim
alles Lebens, das uns umgibt, nur wenigen oder nur einer ein-
zigen Form eingehaucht habe, und dass, während dieser Planet
den strengen Gesetzen der Schwerkraft folgend sich im Kreise
schwingt, aus so einfachem Anfang sich eine endlose Reihe im-
mer schönerer und vollkommenerer Wesen entwickelt hat und
noch fort entwickelt.
Schlusswort des Übersetzers zur ersten Deutschen
Auflage *.
Eindruck und Wesen des Buches. — Stellung- des Übersetzers zu demselben.
— Zusammenfassung der Theorie des Verfassers. — Einreden des Über-
setzers. — Aussicht auf künftigen Erfolg.
Und nun, lieber Leser, der Du mit Aufmerksamkeit dem
Gedanken-Gange dieses wunderbaren Buches bis zu Ende gefolgt
bist, dessen Übersetzung wir Dir hier vorlegen, wie sieht es in
Deinem Kopfe aus? Du besinnst Dich, was es noch unberührt
gelassen von Deinen bisherigen Ansichten über die wichtigsten
Natur-Erscheinungen, was noch fest stehe von Deinen bisher
festgestandnen Überzeugungen? Es sind nicht etwa teleskopische
' Da in der neuesten Original-Auflage des DABwiN'schen Werkes einige
Erwiderungen auf dieses Kapitel enthalten sind, so sehen wir uns veranlasst,
es auch in der zweiten Deutschen Auflage unverändert stehen zu lassen. Bn.
526
Enldeckimgen, nicht neue Eleinentar-SlofTe, nicht die anatomischen
Eiilhiilliingen eines lOjOOOfältig vergrösscrnden Mikroskops, die
der Verfasser gegen unsre bisherigen Vorstellungen auftreten
lässt; es sind neue Gesichtspunkte, unter welchen ein gediegener
Naturforscher in geistreicher und scharfsinniger Weise alle Thal-
sachen betrachtet, die er seit zwanzig Jahren gesauunelt und
gesichtet, über die er seit zwanzig Jahren unablässig gesonnen
und gebrütet hat. Tief in seinen Gegenstand versenkt, von der
Wahrheit der gewonnenen Resultate unerschütterlich überzeugt,
trägt er sie mit so bewältigender Klarheit vor, beleuchtet er sie
mit so viel Geist, vertheidigt er sie uiit so scharfer Logik, zieht
er so wichtige Schlüsse daraus, dass wir, was auch unsre bis-
herige Überzeugung gewesen seyn mag, uns eben so wenig
ihrem Eindrucke entziehen, als unsre Anerkennung der Aufrich-
tigkeit versagen können, womit er selbst alle Einreden, die man
ihm entgegen-halten kann, herbeisucht und nach ihrem Gewichte
anerkennt. Er gesteht zu, dass sich gegen fast alle seine Gründe
Gegengründe anführen lassen, und behält sich die ausführlichere
Erörterung der Einzelnheiten in einem Umfang-reicheren Werke
vor, da es sich hier nur um eine Gesammt-Darstellung seiner
Theorie handelte.
Auf diese Weise ausgerüstet kann ein Werk nicht verfehlen
die grösste Aufmerksamkeit zu erregen, das sich zur Aufgabe
gesetzt, die dunkelsten Tiefen der Natur zu beleuchten, das bis-
her unlösbar geschienene Problem, das grösste Räthsel für die
Naturforschung zu lösen und einen Gedanken, ein Grund-Ge-
setz in Werden und Seyn der ganzen Organismen-Welt nachzu-
weisen, das dieselbe in Zeit und Raum eben so beherrscht, wie
die Schwerkraft in den Himmelskörpern und die Wahlverwandt-
schaft in aller Materie waltet, und auf welches alle andern Ge-
setze zurückführbar sind, die man bisher für sie aufgestellt hat.
Es ist das Entwickelungs-Gesetz durch Natürliche Züchtung, das
in der ganzen organischen Natur eben so wie im Systeme und
im Individuum durch Zeit und Raum herrscht.
Die bisherigen Versuche, jenes Problem ganz oder theil-
weise zu lösen, waren Einfalle ohne alle Begründung und nicht
527
fähig, eine Prüfung nacli dem heutigen Stand der Wissenschaft
auszuhaiton, ja nur zu veranhissen *. Gleichwohl hat jeder
Naturforscher gefühlt, dass die Annahme einer jedesmaligen
personlichen Thätigkeit des Schöpfers, uai die unzähligen Pflan-
zen- und Thier-Arten ins Daseyn zu rufen und ihren Existenz-
Bedingungen anzupassen, im Widerspruch ist mit allen Erschei-
nungen in der unorganischen Natur, welche durch einige wenige
unabänderliche Gesetze geregelt werden durch Kräfte, die der
Materie selbst eingeprägt sind. Da wir es auf Hrn. Darwins
Wunsch übernommen haben, sein Werk ins Deutsche zu über-
tragen, so glauben wir dem Leser einige Rechenschaft von uns-
rer eigenen bisherigen Ansicht über mehre der durch den Verf.
erörterten Fragen im Einzelnen und über seine Theorie im Gan-
zen, so wie von dem Einflüsse schuldig zu seyn, welchen die-
selbe auf unsre eigene Vorslellungs-Weise hinterlassen hat. Wir
leisten diese Rechenschaft um so lieber, als, was wir auch im-
mer gegen diese neue Theorie einzuwenden haben mögen, Diess
unsre hohe Achtung und Bewunderung für ihren Begründer,
unsere Dankbarkeit für seine zahlreichen Belehrungen und unsre
zuversichtliche Hoffnung auf glänzende Erfolge seiner Bestre-
bungen nicht schmälern kann ***.
Wir haben an Cuvier's Definition festhaltend die Art als
Inbegriff" aller Individuen von einerlei Abkunft und derjenigen,
welche ihnen eben so ähnlich als sie unter sich sind, betrachtet t-
Wir haben die Arten im Ganzen für beständig in ihren Charak-
teren, doch der Abartung in Folge äusserer oder unbekannter
Einflüsse für fähig gehalten tt, die Abarten oder Varietäten aber
* Vgl. unsere Entwickelungs-Geselze der organ. Welt S. 78.
Enlwickelungs-Gesetze der organ. Welt 77—80, 229.
««-ff glauben uns keiner Indiskretion schuldig zu machen, wenn wir
der Übersetzung Einreden beifügen, da Hr. Darwin unsre abweichende An-
sicht kannte, als er den Wunsch ausdrückte eine Übersetzung durch uns
selbst oder unter unsrer Aufsicht veranstaltet zu sehen, und da er selbst die
allseitige Diskussion seiner Theorie ausdrücklich wünscht.
t Geschichte der Natur, 1843, II, 63; Entwickelungs -Gesetze der
organ. Welt 1858, S. 228.
tt Geschichte d. Nat. II, 65—133.
528
für fähig unter angemessenen Verhältnissen wieder zu dem älter-
lichen Typus zurückzukehren; doch werde Diess der bestehenden
Erfahrung gemäss um so schwerer halten, je länger die Abart
unter fortwährendem Einflüsse derselben äusseren Bedingungen,
denen sie ihre Entstehung verdankte, schon als solche fortge-
pflanzt worden seye *. Das Maass der möglichen Abänderung
einer Art wurde als ein beschränktes vorausgesetzt und nach
den vorhandenen Erfahrungen in der geschichtlichen Zeit taxirt,
ohne jedoch das mögliche Maximum dieser Grenzen zu bestim-
men. Successiv auftretende Arten -Formen nahmen wir daher
als selbstständig an Eine Generatio aequivoca der Arten
haben wir nach den bisher bestehenden Erfahrungen nicht aner-
kannt ***; und daher in Ermangelung einer andern Arten-bil-
denden Natur-Kraft (da Bastarde keine neue Arten gründen)
nölhig gefunden, uns einstweilen noch auf eine Schöpfung zu
berufen f, jedoch mit der ausdrücklichen Bemerkung, dass solche
Annahme einer persönlichen Thätigkeit des Schöpfers mit dem
übrigen Walten in der Natur im Widerspruch stehe ft- Wir
haben die Leistungen dieser Schöpfungs Kraft, welcher Art sie
nun seyn möge ftt, näher charakterisirt und darauf hingewiesen,
dass sie neben den unvollkommenen auch immer höher vervoll-
kommnete Organismen hervorgebracht habe, wovon die neu auf-
tretenden Formen immer in festen verwandtschaftlichen Bezie-
hungen zu den untergegangenen und zu den jedesmaligen äus-
seren Lebens-Bedingungen gestanden, was auf ein nahes Ver-
hältniss der schaffenden Kraft zu der erhaltenden und zu diesen
äusseren Verhältnissen hinweise.
Darwins Theorie lässt sich nun in folgender Weise zu-
sammenfassen. Der Schöpfer hat einigen wenigen erschaffenen
Pflanzen- und Thier-Formen, vielleicht auch nur einer einzigen,
'' -Geschichte d. Nat. II, 180-196.
** Entwickelungs-Geselze S. 79, 232.
Geschichte d. IVat. II, 29-60; Entwickelungs-Gesetze 79.
f Entwickelungs-Ges. S. 235.
Enlwickelungs-Ges. 77 80.
ttt A. a. 0. S. 80—82.
529
Leben eingeblasen * , in Folge dessen diese Oio-anismen im
Stande waren zu wachsen und sich fortzupflanzen, aber auch
bei jeder Forlpflanzung in verschiedener Richtung um ein Mini-
mum zu variiren (»Forlpflanzung mit Abänderung«). Die Ur-
sachen solchen Abiindern's sind zumal in Afl'eklionen der Gene-
rations - Organe und nur geringentheils in unmittelbaren Ein-
flüssen der äusseren Lebens-Bedingungen zu suchen. Solche
kleine Abweichungen vom älterlichen Typus können schädliche,
gleichgültige und nützliche seyn. Waren sie es in noch so ge-
ringem Grade, so halten die Individuen mit den ersten am we-
nigsten und die mit den letzten am meisten Aussicht die andern
zu überleben und sich fortzupflanzen. Die überlebenden Indivi-
duen werden die ihnen nützlich gewordene Abweichung oft wie-
der auf ihre Nachkommen »vererbt« haben, und wenn diese nur
nach 10 Generationen wieder einmal in gleicher Richtung und
Stärke variirten, so war das Maass der Abänderung und somit
ihre Aussicht die anderen Individuen zu überleben auf's Neue
vermehrt. Die Natur begünstigt also vorzugsweise die Fort-
pflanzung der mit jener nützlichen Abweichung versehenen Indi-
viduen auf Kosten der andern und häuft dieselbe bei späteren
Nachkommen zu immer höherem Betrage an, etwa wie ein Vieh-
züchter bei Veredlung seiner Rassen verfährt („Natürliche Züch-
tung«), um deren ihm selbst willkommene Eigenschaften zu stei-
gern. So kann nach tausend, zehntausend oder hunderttausend
Generalionen in einzelnen Nachkommen der ersten Urform jene
Abweichung eine 100-, 1000-, 10,000-fach gehäufte, es kann
aus der anfänglich ganz unbemerkbaren Abänderung eine wirk-
liche Abart, eine eigene Art, eine andere Sippe, ja zuletzt nach
1,000,000 und mehr Generationen eine andere Ordnung oder
Klasse von Organismen entstehen; denn es liegt keine natür-
liche Ursache und kein logischer Grund vor anzunehmen, dass
das Maass der langsamen Abänderung irgendwo eine Grenze
finde. Eine Abänderung aber, die in einer Gegend, Lage, Ge-
** Diese Vorstellung ist in der neuen Auflage weggelilieben : vgl. S. 519,
Anmerkung. '
Uahwin, Jiutstehung der Arten. 2. Aull. 34
530
Seilschaft u. s. w. niilzlich ist, kann in der andern schädlich
seyn u. a. Es können mithin aus derselben Grundform unter
verschiedenen äusseren Verhältnissen Abänderungen in ganz ver-
schiedener Richtung entstehen, fortdauern und mit der Zeit all-
mählich ganz verschiedene Sippen, Familien und Klassen bilden
(»Divergenz des Charakters«). Da die Nützlichkeit jeder Art
von Abänderung von der Beschaffenheit der äusseren Lebens-
Bedingungen abhängig ist, unter welchen sie nützlich erscheinen,
und da die Abänderung selbst unter andern Bedingungen eine
andere seyn niuss, um dem Organismus zu nützen, so besteht
diese Natürliche Züchtung in einer fortwährenden »Anpassung
der vorhandenen Lebenformen an die äusseren Bedingungen«
und Angewöhnung an dieselben. Diese sind Wohn-Elemente,
Boden, Klima, Licht, Nahrung, vor allem Andern aber die Wech-
selbeziehungen der beisammen wohnenden Organismen zu ein-
ander, ihr Leben von einander, die Nothwendigkeit sich gegen-
seitig zu verdrängen und zu vertilgen, weil bei Weitem nicht
alle, die geboren werden, auch neben einander fortleben können 5
daher der »Kampf um"s Daseyn« bei fortdauernder Vervielfälti-
gung und Ausbreitung der vervollkommneten Sieger und fort-
währende »Erlöschung« der wegen minderer Vollkommenheit Be-
siegten. Je mehr Lebenformen entstehen, desto manchfaltiger
werden mithin wieder die Lebens-Bedingungen. Daher auch eine
fortwährende Veränderung, Vervollkommnung und Vervielfältigung
eines Theiles der Lebenformen (obwohl andere verschwinden)
nicht als Zufall, sondern als nothwendige gesetzliche Erschei-
nung! Manche Organe mögen sich wohl auch in Folge der Art
ihres »Gebrauches« weiter entwickeln und vervollkommnen, wie
andere durch »Nichtgebrauch« allmählich zurückgehen und ver-
kümmern (»rudimentäre Organe«), wenn sie etwa unter verän-
derten Lebens-Bedingungen nicht mehr nöthig und vielleicht so-
gar schädlich sind. Wie die Natürliche Züchtung die ganzen
Lebenformen allmählich differenzirt, um sie verschiedenen Lebens-
Bedingungen anzupassen, so verfährt sie oft auch mit gleichar-
tigen Organen, die in grösserer Anzahl an einerlei Individuen
vorkonunen. W^enn jedoch erbliche Abänderungen nur in einem
531
gewissen Lebens-Alter auftreten oder erworben werden, so ver-
erben sie sich auch nur auf dieses Lebens-Alter der Nachkom-
menschaft; diese bekommt mit fortschreitendem Alter neue For-
men, durchlauft vom Embryo-Zustande an eine «Metamorphose",
während es andere Lebenformen gibt, welche lebenslänglich fast
gleiche (»embryonische«) Gestalt beibehalten, daher die ursprüng-
liche Verwandtschaft der Wesen sich gewöhnlich durch Überein-
stimmung im Embryo-Zustande am längsten verräth. Die all-
mähliche Entstehung so vieler immer manchfaltigerer und z. Th.
immer vollkommenerer Lebenwesen durch Fortpflanzung mit Ab-
änderung und unter gleichzeitigem Aussterben anderer lässt sich
daher mit der Entwickelung eines Baumes vergleichen; die Ur-
formen bilden den Stamm, die Ordnungen, Sippen und Arten
die Äste und Zweige, und ein natürliches System kann nicht
anders als in Form eines Stammbaumes dargestellt werden.
Dieser Baum erstreckt sich gleichsam durch alle Gebirgs-Forma-
tionen aus der Tiefe herauf; da er aber in der Silur-Zeit schon
in viele Äste auseinander gelaufen, so muss der eigentliche
Stamm in noch viel älteren und tieferen Schichten stecken, die
man noch nicht entdeckt oder erkannt hat, entweder weil sie
durch metamorphische Prozesse verändert und sammt ihren or-
ganischen Resten unkenntlich geworden sind, oder weil sie unter
dem Ozean liegen. Denn es könnte möglich seyn, dass seit der
silurischen Periode das Weltmeer im Ganzen genommen in Sen-
kung, wie unsre jetzigen Kontinente im Ganzen genommen fort-
während in Hebung begrilTen wären. Im Übrigen erklärt sich
die geographische Verbreitungs-Weise der Organismen, von zu-
fälligen und gelegentlichen Verbreitungs-Milteln einzelner Indi-
viduen abgesehen, hauptsächlich aus grossen klimatischen und
geographischen Veränderungen (wie die Eis -Zeit), welche der
Reihe nach alle Theile der Erd oberfläche betroffen, ihre Be-
wohner in andere Gegenden gedrängt und ihnen die Wege bald
hier und bald dort geebnet haben, so dass manche Bewohner
gemässigter Zonen sogar den Äquator überschreiten und ihre Art
in die andre Hemisphäre verpflanzen konnten.
Die neue Hypothese gibt Thalsachen und Urlheile, um zu
34
532
zeigen, wie sicli die Erscheinungen im Allgemeinen verhallen
haben können oder noch verhalten können, und es gelingt ihr
Das oft in einem überraschenden Grade. Es sind ganze in
langen Kapiteln abgehandelte Probleme, die sich mit deren Hülfe
dann so einfach lösen, dass man fast keinen Augenblick darüber
in Zweifel geräth, ob sich die Sache nicht auch anders verhalten
könne, und man sich selbst aufrütteln muss, um sich zu erinnern,
es handle sich vorerst nur um eine in ihren Grundbedingungen
der Rechtfertigung noch durchaus bedürftigen Hypothese. Und
in der That, wenn man dann über den Rand des Buches hinaus
auf irgend ein andres Werk blickt, welches die Erscheinungen so
schildert, wie sie in der Natur vorliegen, so fühlt man oft, dass
die Anwendbarkeit der DARWiNSchen Theorie auf die Wirklichkeit
nicht SO einfach und nicht so unmittelbar ist, als es geschienen,
so lange man sich mit dem Verfasser ganz in seine Ansichten
versenkt hatte, weil (begreiflich) die Verhältnisse überall nicht
so einfach oder so geartet sind, wie er sie Beispiels-weise unter-
stellt. Wie sehr man sich daher auch von des Verfs. Theorie
angezogen fühlen mag, weil sie, ihrem Grundgedanken nach ein-
mal zugestanden, eine Menge einzelner unerklärter Erscheinungen
auf die überraschendste Weise verkettet und als nothwendige
erklärt, so muss man wohl erwägen, in wie ferne sie wirklich
annehmbar seye. In dieser Beziehung wollen wir hier zum
Schlüsse noch einige erläuternde Betrachlungen mit unseren we-
sentlichsten Einreden dagegen folgen lassen, weil uns Diess an-
gemessener und schicklicher erscheint, als die Übersetzung selbst
überall mit Einwürfen zu begleiten. Eine nicht unerhebliche An-
zahl noch andrer Gegenreden könnte leicht aus unsren früheren
Schriften beigebracht werden, die wir hier übergehen, ohne sie
jedoch für entkräftet zu hallen.
Zuerst haben wir keine weitre positive Kenntniss von den
natürlichen Grenzen der Veränderlichkeit der Arten überhaupt,
als dass Varietäten aus ihnen entstehen, die unter denselben
äusseren Bedingungen, unter welchen sie entstanden sind, auch
um so ständiger werden können, je länger sie sich unter dem-
selben Einflüsse gleichbleibend fortpflanzen. Darin liegt allerdings
533
sdioti ein grosses Zugestiindniss, indem wir, sehr longa Zeit-
räume nnterslolicnd, meistens nicht die Hoffnung hegen dürfen,
eine solche während 1000 Generalionen ständig fortgepflanzte
Varietät jemals wieder auf ihren Urtypus wirldich zurückzuführen.
Ja wir dürfen uns dieser Hoffnung um so weniger hingeben, als
wir sehr oft die wahre Ursache der Entstehung einer solchen
Varietät nicht einmal kennen, und sogar dann, wenn wir sie
kennen, meistens kaum im Stande seyn dürften, dasjenige Agens
zu finden oder diejenige Reihe von Agentien zu enlräthseln oder
anzuwenden, welche dem ersten direkt entgegenwirken. Wir wür-
den daher oft weder den positiven Beweis der Abstammung noch
auch aus der Thatsache, dass sich eine Abart nicht mehr auf
ihre Stamm-Form zurückbringen lässt, den Gegenbeweis liefern
können, dass jene aus dieser nicht entstanden seye. Was da-
her auch immer für die Möglichkeit unbegrenzter Ab-
änderung angeführt werden mag, so ist sie vorerst und wird
sie wohl noch lange eine unerweisliche, aber allerdings auch
unwiderlegliche Hypothese bleiben, eine Hypothese, gegen deren
Annahme mithin aus diesem Gesichtspunkte logisch nichts einzu-
wenden ist, woferne sie sonst ihrer Bestimmung genügt.
Ganz anders aber verhält es sich mit einer andern Erschei-
nung, und diese bildet unsres Bedünkens den ersten und er-
heblichsten Einwand gegen die neue Theorie, da er
sie in ihren Grundlagen berührt, wie Hr. Darwin auch ganz wohl
gefühlt hat und ihn daher gar vielfältig zu widerlegen sucht*,
dessen Bedeutung aber gerade darum um so schärfer hervortritt,
weil aller auf diese Widerlegung verwendete Fleiss und Scharf-
sinn die beabsichtigte Wirkung bei Weitem nicht in genügendem
Grade hervorzubringen im Stande, ist. Diese Erscheinung ist
folgende. Da die entstehenden Varietäten nach Darwin in der
Regel sich nicht durch äussre Einflüsse und nie in Folge eines
eigenen Innern in bestimmter Richtung beharrlich abweichenden
Bildungs-Triebes entwickeln, sondern dadurch, dass von ganz
zufälligen in allen möglichen Richtungen auseinander-laufenden
* Vgl. das sechste Kapitel, S. 197 u. a. in.
534
unmerkbar kleinen Abänderungen diejenigen, welche dem Or-
gnnisinus nützlich sind, am meisten Aussicht haben, die übrigen
zu überleben und sich reichlicher als sie fortzupflanzen,
da eine jede dieser in verschiedenen Richtungen auseinander-
laufenden kleinsten Abänderungen wieder in allen Richtungen
um ein Minimum abändern kann, — da nach des Verfs. eigner
Annahme nur in 4—8—10 Generationen wieder einmal eine ge-
nau in gleiche Richtung mit einer der vorigen fällt und sie stei-
gert oder durch Häufung verstärkt 5 — und da unter so unmerkbar
Meinen Abänderungen noch keine ein merkbar grosses Überge-
wicht über die andern im Rassen-Kampfe haben kann: — so
werden die Abarten nicht als solche nett und fertig sich von der
Stammform wie ein gestieltes Dikotyledonen-BIatt vom Stengel,
sondern etwa wie der unregelmässig krause Lappen einer Blätter-
flechte von der übrigen Flechten-Masse ablösen, welcher sich
auch im weitren Verlaufe nie zu einem scharf und regelmässig
contourirten Blatt entwickelt, sondern stets seine unsichere Ge-
stalt beibehält, indem, wie lang er endlich auch werden mag,
er immer wieder in ähnlicher Weise wuchert. Und diese Un-
sicherheit der Begrenzung wird um so bedeutender werden, da
die neuen Abarten nicht auf einzelnen Merkmalen, sondern auf
2—3—4 von den alten abweichenden Charakteren beruhen, deren
aber jeder für sich allein auftreten oder sich in verschiedener
Weise und in verschiedenen Graden mit jedem andern verbinden
kann, und da nach des Verfs. eigener Theorie Varietäten unter
sich vorzugsweise fruchtbar sind und kräftige Nachkommenschaft
liefern. Es müssten Formen-Gewirre entstehen noch weil ärger,
als wir sie z. Th. in Folge anderer Ursachen in der Pflanzen-
Welt wirklich in einigen Fällen kennen, bei Rubus, Salix, Rosa,
Saxifraga. So müssten sie, wenn auch nicht ausnahmslos, doch
vorherrschend überall vorkommen, obwohl sie jetzt im Pflanzen-
Reiche selbst nur als Ausnahmen erscheinen und im [lebenden]
Thier-Reiche noch überhaupt kaum bekannt sind. Wählen wir
daher zu bessrer Versinnlichung einige hypothetische Fälle aus
diesem letzten aus. Wenn z. B. aus der Haus-Ralle (Mus rattus)
eine Wander- oder Kanal-Ratte (Mus decumanus) werden sollte
Ö35
(wir wählen diess Beispiel, weil in der Thal noch vor unsern
Augen diese letzte als die stärkere die erste allenthalben ver-
drängt), so aiüssten nicht nur alle Übergänge aus der minderen
Grösse, aus der bläulich-grauen Farbe, aus den längeren Ohren
und dem längeren Schwänze der ersten in die ansehnlichere
Grösse, die oben braun-graue und unten weissliche Farbe, die
kürzren Ohren und den kürzren Schwanz der letzten eintreten
und, da sie sich nicht gegenseitig bedingen, wahrscheinlich alle
sich mit allen andern Merkmalen und in allen mit allen Abstu-
l'ungen (zum Theil sogar in überschüssigem Maasse) so lange
verbinden, als nicht eine dieser Verbindungen ihrem Besitzer
positiv schädlich oder entschieden nützlich würde. Da jede die-
ser vier Verschiedenheiten sich mit den drei andern verbinden
kann, so entstehen hicdurch schon zehnerlei Verbindungen; und
da jede derselben auf jeder Abstufung der Umänderung sich mit
allen Abstufungen der Umänderung der drei andern zusammen-
gesollen kann, so werden die Mitlelformen zahllos seyn, und es
ist in keiner Weise abzusehen, wie statt solcher zahlloser Ab-
änderungen, Abstufungen und Kombinationen zuletzt gerade nur
die einzige feste und bestimmte Form der Vi^ander-Ratte ent-
stehen solle, zumal wir nicht wahrzunehmen vermögen, dass alle
Abweichungen derselben von der Organisation der andern Art
wesentlich zu ihrer grösseren Vollkommenheit beitragen, sondern
mitunter für das Thier ganz gleichgültig seyn mögen, und da
beide Arten keineswegs sich genau um dieselben Aufenthalts-
Orte streiten. Geben wir aber zu, dass (aus uns unbekannten
Ursachen) gerade nur die eine Kombination der Charaktere, wie
sie in der Wander-Ratte vorkommt, derjenigen in der Haus-Ratte
so überlegen seye, dass die erste die letzte überall zu besiegen
und zu verdrängen im Stande ist, wo sie mit ihr in Mitbewer-
bung tritt, so begreift man (trotz Allem, was Hr. Darwin dafür
anführt) doch nicht, warum die der Wander-Ratte näher-stehen-
den schon weniger oder mehr verbesserten und jedenfalls nur
in viel unbedeutenderem Nachtheil befindlichen Abänderungen
immer und fortwährend zuerst besiegt und verdrängt werden
sollten, die blaugraue Ratte aber, welche am weitesten von dem
536
verbesserten Vorbilde entfernt isl, zuletzt? Man begreift nicht,
warum die neue Art zuerst zur vollständigen Ausbildung gelan-
gen müsse, ehe sie die andre zu besiegen im Stande ist, da ja
die überlegenere von ihnen doch forlwäiu-end die begünstigteren
und schon halb verbesserten Mittelformen verdrängen und in
einer Weise vernichten soll, als ob ein Individuum das andre
unausgesetzt mit positiven Waffen angriffe. Hr. ÖARwin wird uns
in dem von den zwei Ratten-Arten entnommenen Beispiele etwa
antworten, dass (obwohl thatsächlich eine die andre verdrängt
und besiegt) sie nicht eine aus der andern, sondern dass beide
aus einer bereits untergegangenen dritten Art entstanden sind,
oder etwa dass sie sich unter Umständen aus einander entwickelt
haben, die wir nicht kennen, daher wir auch nicht zu sagen im
Stande Seyen, in wieferne ihnen eine jede einzelne Eigenschaft
nützlich gewesen seye oder nicht. Dieselben Antworten etwa
würde uns Darwin ertheilen, wenn wir Hasen und Kaninchen
zum Beispiele wählten: — und wenn wir fragten, warum wir
die blinden Höhlen-Thiere nicht noch halb-blind im vordem Theile
der Höhlen finden, durch welche sie in den hintern dunkelsten
Theil eingedrungen, so würde er uns noch weiter sagen, dass
diese durch spätre Mitbewerber dort ausgetilgt seyn können.
Diese und ähnliche an und für sich unangreifbare allgemeine
, Antworten wird er jeder Einrede entgegenhalten; aber wenn sie
auch in manchen einzelnen Fällen begründet sind und in kei-
nem Falle als absolut unpassend beseitigt oder widerlegt werden
können, so fühlt doch Jeder, dass die Sache im Ganzen ge-
nommen nach der DABwiNschen Theorie selbst sich ganz anders
gestaltet haben würde und noch gestalten müssle, als es in Wirk-
lichkeit der Fall ist. Er ist dadurch im Vortheil, dass er dcss-
halb über gar keinen einzelnen Fall Rechenschaft zu geben
braucht, weil man nicht über jeden einzelnen Fall Rechenschaft
von ihm fordern kann!
Den Mangel der Zwischenformen der Arten in den Erd-
schichten erklärt Hr. Darwin unter Anderem aus der unvollstän-
digen Erhaltung der einst vorhanden gewesenen Organismen-For-
men im Fossil-Zustande und aus der Länge der Ruhe-Perioden
537
zwischen den verschiedenen Formationen. Wenn wir aber eine
Menge von Arten in identischen Formationen (wie Hr. Darwin
selbst anerkennt) überall in zahlreichen und sogar in Tausenden
von Exemplaren wieder finden, so können die Bedingungen der
Erhaltung für die ZwischenCormen unmöglich so ganz ungünstig
gewesen seyn, dass gar nichts von ihnen übrig geblieben; Zwi-
schenformen müssten sich um so eher finden, als im Fossil-Zu-
stande eine Menge von Charakteren verloren gehen, mit deren
Hülfe allein wir viele sonst ganz selbstständige lebende Arten
von einander unterscheiden. Endlich, wie lange auch, in Jahren
ausgedrückt, die Zwischenräume gewesen seyn mögen, welche
zwischen der Absetzung verschiedener Formationen vergangen:
geologisch oder relativ genommen sind sie nicht so unermesslich
lang, als sie Hr. Darwin darstellt, indem nämlich die Verände-
rungen, welche von einer Formation zur andern in der Ortra-
nismen-VVelt vor sich gegangen, meistens gar nicht viel grösser
zu seyn pflegen als jene, die von einem Schichten-Stock zum
andern oder von einer Schicht zur andern in derselben Forma-
tion stattfinden. So sind wenigstens von der Silur- bis zur Koh-
len-Formation, und von der Trias- bis zur heutigen Periode selbst
auf Europäischem Gebiete keine sehr grossen Lücken mehr vor-
handen, und hier und da scheint, .sogar eine ununterbrochene
Bildungs-Reihe von Schichten zwei Formationen zu verbinden!
Aber selbst wenn wir den einfachsten Fall annehmen, wenn
wir uns unter denjenigen 'Abarten umsehen, welche sich heutzu-
tage als solche in unsren Systemen aufgeführt finden, so ist auch
da schon die Kette hinter ihnen abgeschnitten; auch da schon
fehlen fast überall die Glieder, welche sie mit der Stamm-Art
verbinden; denn wären diese noch vorhanden, so könnte keinen
Augenblick mehr ein Streit darüber fortdauern, ob sie selbst-
ständige Arten oder nur Abarten seyen, ein Streit, auf welchen
sich Darwin so oft beruft! Und wenn Art und Abart als solche
noch reichlich neben einander bestehen, wie könnten die Zwi-
schenglieder durch die Abart bereits ausgetilgt seyn? Hr. Dar-
win gibt uns auch hier eine vortreffliche Erklärung, wie Diess
in einigen Fällen möglich gewesen seyn könne, indem er die
538
Varietäten und Arten zuerst auf Inseln u. a. ringsum abgeschlos-
senen Gebieten entstehen lässt, wo alle divergirenden Stämme
einer Spezies sich immer wieder mit einander kreulzen können
und durch Vererbung eine gemeinsame Mittelform herzustellen
im Stande sind. Aber dürfte diese Erklärungs-Weise wirklich
als Regel und ihre Nichtanwendbarkeit nur als seltene Ausnahme
zu betrachten seyn?? Muss es in allen Fällen so gewesen seyn,
weil es in einzelnen Fällen so gewesen seyn kann?
Doch verweilen wir bei dieser Erklärung ; denn sie würde
in der That vortrefflich seyn, wenn man annehmen dürfte, dass
sich jede Art aus Individuen einer andern entwickelt habe, die
auf beschränktem Räume gänzlich von allen ihren Art-Genossen
abgeschlossen gewesen wären, so dass alle Nachkommen dieser
Individuen unter neuen Existenz-Bedingungen sich jederzeit alle
mit einander mischen, aber nie mehr mit ihren andern Verwand-
ten in irgend eine Berührung kommen konnten, bis die neue Art
vollendet war! Das treffendste thatsächliche Beispiel für einen
solchen Fall liefert uns der Mensch selbst. Der Mensch war ge-
wiss noch lange, nachdem er sich bereits über die ganze Erd-
oberfläche verbreitet hatte , nicht im Stande , sich in Masse von
einem Welttheile zum andern zu bewegen. Beobachtungen in
Neu-Orleans u. a. haben zur Berechnung geführt, dass schon
etwa in der Diluvial- Zeit, vor 10,000—100,000 oder noch mehr
Jahren, die jetzigen Menschen-Rassen vorhanden und in jetziger
Weise vertheilt gewesen sind. Die Bewohner eines jeden Welt-
theils waren von den übrigen fast isolirt, aber unter sich mehr
und weniger verbunden; sie erfüllten die oben geforderten Be-
dingungen so genügend, wie man es in keinem andern Falle zu
linden und nachzuweisen erwarten darf, und so war eine unge-
störte Divergenz des Charakters der Menschen- Spezies während
einer Zeit-Periode möglich, welche anerkannter Maassen zur
Bildung neuer Spezies, wenn auch noch nicht zur Umgestaltung
der ganzen Flora und Fauna, genügend war. Und was ist die
Folge jener Isolirung einzelner Menschen-Gruppen während eines
so langen Zeitraumes gewesen? Es sind eben so viele Rassen
als getrennte Welttheile und eine Anzahl Mischlinge entstanden.
539
die zuletzt sehr verschieden im Aussehen und noch verschiedener
in ihrer geistigen Befähigung doch einander so nahe verwandt
geblieben und so fruchtbar miteinander sind, dass Niemand an
ihrer Art-Verwandtschaft miteinander zweifelt, obschon der Kampf
um's Daseyn binnen der drei oder vier Jahrhunderte, seit wel-
chen in den verschiedenen Gegenden allmählich entwickelten Ras
sen miteinander in Berührung gekommen sind, bereits genügt
hat, um einige derselben (und zwar nicht die ausgeprägtesten)
dem Erlöschen nahe zu bringen. Wir dürfen wohl nicht hoffen
einen andern thatsächlichen Beleg über das Abändern der
Arten und die Divergenz des Charakters zu finden, der sich in
der erweislichen Länge der Zeitdauer und Vollkommenheit der
Isolirung der Rassen der verschiedenartigsten Lebens-Bedingun-
gen, welche diese Erde einer nämlichen Spezies darzubieten im
Stande ist, mit diesem vergleichen liesse.
Gerne möchten wir zu Gunsten der DARWiN'schen Theorie
und zur Erklärung, warum nicht viele Arten durch Zwischen-
glieder in einander verfliessen, noch irgend ein inneres oder
äusseres Prinzip entdecken, welches die Abänderungen jeder Art
nur in einer Richtung weiter drängte, statt sie in allen Rich-
tungen bloss zu gestatten. Das Problem würde dann ein einfachres
werden; aber immer müssten wir wieder erwarten, auch in die-
ser einfachen Reihe die Kette der Zwischenglieder aufzufinden,
und diese sind weder vorhanden, noch ist uns ein innres der-
artiges Prinzip irgendwo bekannt.
Freilich liegen äussre solche Prinzipien vor. Es sind die
Existenz -Bedingungen, welchen sich die Organismen anpassen
müssen, und welche eine so grosse Rolle in diesem Buche spie-
len, Sie sind iheils organische und theils unorganische, und die
ersten nach Hrn. Darwin weitaus die zahlreichsten und wichtig-
sten und daher auch an und für sich geeignet, die manchfaltig-
sten Folgen zu veranlassen. Doch eben diese organischen Prin-
zipien haben für Darwin wieder den grossen Vorlheil , dass, in-
dem er sich auf ihre ManchfaUigkeit und auf den Kampf ums
Daseyn überhaupt beruft, er der Nothwendigkeit überhoben ist,
Rechenschaft von ihrer Wirkungs-Weise im Einzelnen zu geben
540
und nachzuweisen, woldie «peziolle Folgen diese oder jene spe-
zielle organisclic Bedingungen auf die Struktur und Entwiekelung
der ihrem Einfluss unterliegenden Organismen überhaupt, oder
auf einzelne insbesondere ausübt. Hr. Dauwin beruft sich auf
jeder" Seite darauf, dass nur solche Abänderungen Aussicht auf
Erhaltung haben, welche dem Individuum und somit der künftigen
Spezies nützlich sind; und theoretisch muss man zugestehen,
dass, woferne es eine Natürliche Züchtung gebe, die Sache sich
nicht anders verhalten könne. Aber wir müssen gestehen, doch
in fast allen unseren aus angeblich Innern Ursachen hervorge-
gangenen Varietäten gar nicht finden zu können, worin denn der
Nutzen ihrer Abänderung bestehe; und wenn Hr. Darwin sich
auf die Erfahrung beruft, dass ein grosser Theil der Britischen
Flora der Neuseeländischen gegenüber so vervollkommnet sey,
dass er sie verdränge, so hätten wir gehoflt, doch auch nur in
einzelnen Fällen nachgewiesen zu sehen, worin denn diese Über-
legenheit beruhe. Hr. Darwin entzieht sich auch hier jeder Re-
chenschaft. Warum bekommt z. B. in diesem Kampfe ums Da-
seyn eine Pflanzen-Art ovale statt lanzettlicher und die andre
lanzettliche statt ovaler Blätter? warum die eine einen Dolden-
artigen und die andre einen Rispen-förmigen Blüthenstand ? war-
um die eine fünf und die andre vier Staubgefässe, die eine eine
geschlossne und die andre eine weit geöffnete Blüthc? Wozu
nützt der einen Diess und der andern das Gegenlheil? Warum
bewirken die organischen Bedingungen Diess? Mit welchen Mit-
teln fangen sie es an? und wie müssen sie beschaffen seyn, um
es zu können? Und wie kann die eine Art der andern dadurch
überlegen werden? Wir gestehen, keinen Zusammenhang zwischen
diesen Erscheinungen zu erkennen, und Hr. Darwin würde uns
antworten, dass es möglicherweise so oder so zugehen könne.
Wir gestehen ferner, uns vergeblich um positive Beweise oder
auch nur Belege in dieser Beziehung umgesehen zu haben, manche
spezielle Fälle eigenthümlicher Art etwa ausgenommen: denn wir
sind weit entfernt davon, allen solchen Einfluss überhaupt läugnen
zu wollen. Wir wollen sogar ein spezielles Beispiel anführen.
Brehm hat die meisten unsrer anerkannten deutschon Vögel-Arten
541
nach den Proportionen des Kopfes, des Schnabels, der Füsse,
der Flügel und zuweilen mit Zuhilfenahme der Färbung in je
zwei bis vier Formen unterschieden und als wirkliche Arten be-
zeichnet, weil sie sich in der Regel nur je unter sich paaren,
als solche fortpflanzen, gewöhnlich einen abweichenden Aufent-
halts-Ort, oft andres Futter, demgemäss auch eine andre Lebens-
weise, zuweilen einen andern Gesang haben; doch ist es uns
noch nicht gelungen, eine feste Beziehung bestimmter Körper-
Proportionen zu bestimmten äussren Ursachen überhaupt zu er-
kennen; dieselben Beziehungen scheinen bei jeder Spezies von
andrer Wirkung zu seyn. Und in der That hätte Hr. Darwin
hier vielleicht die besten Belege für seine »beginnenden Spezies«
finden können!
Dagegen lässt sich ein Einfluss unorganischer äussrer Lebens-
Bedingungen und zwar ein spezieller Einfluss spezieller Bedin-
gungen in bestimmter Richtung nachweisen, wie wir ihn bei den
organischen Bedingungen nachgewiesen zu sehen gewünscht hät-
ten. Hr. Darwin gibt diesen Einfluss zu; er ftihrt einige Bei-
spiele davon an, erklärt aber wiederholt, dass er ein verglei-
chungsweise nur geringer seye. Anfangs möchte es scheinen,
als ob Hr. Darwin diesen Einfluss unterschätze, indem sich eine
grosse Menge von Erscheinungen aus ihm nachweisen lassen.
Wir kennen Bedingungen, welche auf die Grösse der Pflanzen,
auf ihre ein- oder mehr-jährige Dauer, auf ihren Strauch- oder
Baum-Wuchs, auf ihre Blülhen-Bildung und Fruchtbarkeit, auf die
Farbe ihrer Blüthen, auf ihre glatte oder behaarte Oberfläche,
auf die häutige oder fleischige Beschaff"enheit ihrer Blätter (wie
Hr. Darwin selber anführt), zuweilen auch auf Monöcismus und
Diöcismus, auf die aromatischen u. a. Absonderungen wirken;
wir vermögen selbst diese Erscheinungen hervorzubringen. Und
wir sehen, dass bei diesen Abänderungen die Übergänge nicht man -
geln, indem wir im Stande sind fortwährend deren ganze Kette dar-
zulegen und gerade desshalb wenig versucht sind in diesen Abwei-
chungen neue Arten zu erblicken! Warum also fehlen die Übergänge
bei den andern Abarlungen, welche aus der innern Neigung zur Va-
riation hervorgehen? Allerdings gibt es auch manche ganz plölz-
542
lieh auffretendo Abänderungen ohne Übergänge zumal bei den
schon vielfach abgeänderten Kultur-Pflanzen , wie z. B. die hän-
genden oder Trauer-Varietäten vieler Bäume, viele unsrer Obst-
Sorten, wovon manche nicht das Erzeugniss langsamer Züchtung,
sondern eines einzelnen ohne nachweisbaren Grund abändernden
Saamen-Kornes sind, die sich aber eben desshalb auch in der
Regel nicht beständig aus Saamen fortpflanzen.
Auch von den Thieren wissen wir, dass Menge und Art des
Futters und BeschafTenheit des Klimas auf Grösse und Farbe des
Körpers, ja sogar (wie Hr. Darwin selbst vom Amerikanischen
Wolf erwähnt) auf deren Gestalt und Sitten wirken können. Auch
des Einflusses des Klimas auf das Gefieder der Vögel gedenkt
er, doch ohne sich der Umfang-reichen Nachweisungen zu er-
innern, welche Glorer in dieser Beziehung geliefert\at. Dass
viele Säugthier-Arten in kalten Gegenden weiss werden und andre,
welche solche nie verlassen, stets weiss bleiben, ist bekannt!
Die Farbe der Schmetterlinge ändert oft mit dem Futter und die
der Käfer u. a. Insekten je nach ihrem Aufenthalte in verschie-
denen Gebirgs-Höhen ab. Die Grösse vieler Wasser- F(onchylien
steht mit dem Salz-Gehalt des Wassers in Zussammenhang; ihre
Farbe mit dem Lichte, ihre glatte oder stachelige Beschafl-enheil
mit der schlammigen und felsigen Natur des See-Grundes; die
Dichte des Pelzes mancher Säugthiere wechselt mit dem Klima
und der Erhebung ihres Wohnortes über den Meeres-Spiegel,
und die Instinkte einer Art ändern ausserordentlich unter neuen
Lebens-Bedingungen ab. Es lässt sich nicht nur die Ursache
sondern auch der Zweck und die Nützlichkeit dieser Abänderuno-
ermitteln, wir können in der Regel die Zwischenstufen nachwei-
sen, die oft vom Grade und der Intensität der äussern Ursachen
abhangen ; wir können diese Abänderungen beliebig hervorbrin-
gen und sie durch entgegengesetzte Existenz-Bedingungen wieder
m die Urform zurückführen. Aber vielleicht der wichtigste aller
Belege für den Einfluss äussrer Existenz-Bedingungen ist in der
Beobachtung zu finden , dass Kröten an feuchten und doch des
stehenden Wassers ganz entbehrenden Orten im Stande sind,
sich aus dem Ei unmittelbar zur reifen Form zu entwickeln.
543
ohne dazwischen-fallende Kiemen-Bildung und also auch nolhwendig
ohne denjenigen übrigen Tlieil der Metamorphose und Lebens-
Weise, welcher einen Aufenthalt im Wasser voraussetzt*. Um
den möglichen Übergang von den Fischen zu den Reptilien zu
erläutern, zitirt Hr. Darwin den Lepidosiren; in jenen Kröten
liegt er aber weit unmittelbarer vor in einer Weise, dass wohl
jedermann zugeben wird, dass, wenn diese Bedingungen sich in
allen Generationen der Kröte lange Zeit wiederholten, das Aus-
fallen der Metamorphose endlich zur Regel auch unter andern
Verhältnissen werden könne.
Aber bei der Leichtigkeit und Schnelligkeit, womit alle diese
Abänderungen in Folge der äusseren Existenz-Bedingungen ein-
treten, muss man sich allerdings fragen, ob die aus dieser äus-
sern Ursache entstandenen Abweichungen jemals ganz bleibend
werden und sich fest vererben können? Diess ist nicht der Fall.
Denn so leicht und schnell sie sogar an ganz alten Arten aus
bekannten Ursachen entstehen, eben so leicht und sicher sind
sie, im Gegensatz zu den aus innren aber freilich unbekannten
(nach Darwin wahrscheinlich im Genital-Systeme zu suchenden)
Ursachen entstandenen, durch eine der ersten entgegengesetzte
Behandlung auch wieder auf die Urform zurückzuführen, woferne
nicht etwa die Natürliche Züchtung sich ihrer bemächtigt und mit
den äusseren Ursachen in gleicher Richtung Ihätig ist, um eine
der Abänderungen rascher zur selbstständigen Form zu entwickeln.
So lange Diess aber nicht der Fall, wird man wohl meistens dar-
auf verzichten müssen, durch äussre Ursachen bleibende Abän-
derungen und »beginnende Arten« entstehen zu sehen und wer
nur die Wirkung äussrer Ursachen im Auge hat, mag aller-
dings mit Recht Hrn. Darwin entgegenhalten, dass aus Abände-
rungen keine festen Arten werden. Da nun überdiess die Zwi-
schenstufen zwischen den Extremen solcher Abänderungen nur
Bindeglieder zwischen nebeneinander bestehenden, und nicht
* So nach E. J. Lowf. ; — wiilircnd dageg^en Sciireibehs, wenn wir nicht
irren, Frosch- Larven dadurch an ihrer Verwandlung zu Fröschen (ohne Kie-
men) hinderte, dass er sie nöthigle unler Wasser zu bleiben. (Zusatz zur
zweiten Auflage.)
544
zwischen auseinander enlstühenden Formen sind, und da jede
der ersten für ihr eignes Daseyn gewöhnlich keine andren Ab-
stufungen voraussetzt, während diese letzten ohne andre Abstu-
fungen meistens nicht vorhanden seyn würden, so herrscht aller-
dings zwischen den durch äussrc Ursachen und den durch Züch-
tung entstandenen Abänderungen ein solch wesentlicher Unter-
schied, dass wir uns daraus erklären zu müssen glauben wess-
halb Hr. Darwin auf die Abänderungen dieser Art so wenige
Rücksicht nimmt, obwohl er selbst uns keine derartige bestimmte
Rechenschaft darüber gibt?
Wenn uns daher zur Zeit weder die äusseren Lebens-Be-
dingungen, noch der Prozess der Natürlichen Züchtung genügend
erscheinen, um die Theorie Hrn. Darwins, so wie sie vorliegt,
zu begründen, so wollen wir dagegen gerne zugestehen, dass
alle bisherigen Beobachtungen ohne Ausnahme von dem Gesichts-
punkte feststehender unabänderlicher Arten aus gemacht worden
sind, und dass eine unbefangene Beurtheilung seiner Theorie
vielleicht erst möglich seyn wird, wenn einige Menschen-Alter
weiter unter fortwährender Prüfung der Frage von der Abände-
rung der Arten aus den zwei entgegengesetzten Gesichtspunkten
verflossen seyn werden.
Je mehr ein Naturforscher sich mit Detail-Studien über den
Bau der natürlichen Wesen und über dessen wunderbare Zweck-
mässigkeit, über das Zusammenstimmen aller Einzelnheiten zu
einem Organismus, wovon kein Theilchen willkürlich geändert
werden kann, ohne das Ganze zu gefährden, — über die Wieder-
holung derselben planmässigen Einrichtung in jedesmaliger andrer
Weise bei 250,000 bekannten Organismen- Arten der jetzigen
Schöpfung, — über die kulminirende Vollendung des Ganzen bei
dem vollkommensten dieser Organismen, - über die Enlwicke-
lung aller dieser Einrichtungen in einem Embryo der ihrer noch
nicht bedarf, zu künftigen Zwecken, beschäftigt hat, um so schwe-
rer wird es ihm anfangs werden, darin nichts weiter als die
Folgen eines fortschreitenden Verbesserungs-Prozesses zu sehen,
worin jeder neue weitre Fortschritt nach des Vfs. Theorie selbst
jedesmal nur ein Zufall ist und erst durch Vererbuna festere-
545
halten werden knnn. Doch darf man darin noch kein unbeding-
tes Hinderniss für diese Theorie erblicken!
Eine andre Erscheinung-, hinsichtlich welcher uns und Andre
Hrn. Darwins Erklärungen nicht ganz befriedigt haben, bietet der
Umstand dar, dass trotz der unausgesetzten Thäligkeit der Natür-
lichen Züchtung und der fortdauernden Verbesserung der Orga-
nismen durch dieselbe, noch 'immer die unvollkommensten aller
unvollkommenen Organismen in so unermesslicher Menge vorhan-
den sind. Doch hat ein daraus zu entnehmender Einwand kein
solches Gewicht, dass er für die Annahme oder Nichtannahme
der neuen Theorie entscheidend wäre, und wir würden in dessen
Folge nur etwa genöthigt seyn, eine noch fortwährende Entste-
hung neuer Urformen anzunehmen, welche sich mit dieser Theo-
rie als verträglich oder sogar als nothwendige Folge derselben
ergibt, obwohl Hr. Darwin die Generatio originaria nirgends in
Anspruch nimmt. Endlich würde, wenn wir alle Organismen
nur von einer Urform ableiten wollten, Diess jedenfalls von einer
sehr niedren zelligen Form als Grundlage weitrer Entwickelung
_ geschehen müssen, und es dürfte dann sehr schwer seyn zu be-
greifen, wodurch in einer von zwei äusserlich von einander nicht
unterscheidbaren Zellen sich Empfindung und willkürliche Bewe-
gung ausbilde und vererbe, und in der andern nicht?
Indem Hr. Darwin alle jetzt lebenden und früher vorhanden
gewesenen Lebenformen durch Abstammung mit fortwährenden
leichten Abänderungen und Divergenz des Charakters von immer
früheren und früheren Formen ableitet, glaubt er in einer Zeit,
die wenigstens eben so weit vor der silurischen, wie diese vor
der jetzigen Periode zurückliegt, nur noch acht bis zehn Stamm-
Arten zu bedürfen, welchen der Schöpfer unmittelbar das Leben
eingehaucht hätte. Wahrscheinlich halte sich Herr Darwin eine
Stamm-Art zur Ableitung aller Arten eines jeden der Unterreiche
oder Kreise unsrer Systeme gedacht, und wahrscheinlich wird
diese Stamm-Art einer der tiefsten Stufen in jedem dieser Kreise
entsprochen haben; doch drückt er sich nicht näher darüber aus.
Die Entwickelung eines jeden so vielverzweiglen Kreises aus
einer Stamm-Art wäre dann vergleichbar der Entwickelung eines
Darwin, Entstehung der Arten. 2. Aufl. 35
546
vieläsligen Bauines aus einem Stamme: eine Annahme, welche
wenigstens den Bildungs-Verhällnissen in der ganzen organischen
Natur parallel liefe. Hr. Darwin fragt die Anhänger der allen
Schöpfungs-Theorie, welche Millionen von Pflanzen- und Thier-
Spezies zum Gegenstande von Millionen verschiedener Schöpfungs-
Akte eines persönlichen Schöpfers machen, der durch seine spä-
tren Schöpfungen die an den frühern Formen begangenen Fehler
verbessere: welche Vorstellung sie sicli denn eigentlich von der
Erschaffung der einzelnen Geschöpfe machen? (S. 517) — ob jede
Art in einem oder in vielen Individuen, im Ei- oder im aus-
gewachsenen Zustande, ob die ersten Säugthiere mit oder ohne
Nabel geschaffen worden seyen? Sie könnten Hrn. Darwin seine
Frage zurücKgeben, wenn er nach seiner Theorie auch nur 8 — 10
rerschaffene Arten bedarf (S. 517); ja sie könnten noch weiter
fragen, ob der ersten Flechte, dem ersten Farnen, der ersten
Palme und dem ersten Veilchen, mit dem ersten Infiisorium, dem
ersten Seeigel, der ersten Raupe und dem ersten Frosch gleich-
zeitig oder nacheinander auf einem Fl^k beisammen oder auf eben
so vielen Punkten der ganzen Erd-Oberfläche zerstreut das Leben
eingeblasen worden seye, und ob sie sogleich angefangen sich
— so ferne sie sich gegenseitig erreichbar — in Ermanglung
andrer Nahrung wechselseitig aufzufressen, oder mit welcher Nah-
rung sie bis zu ihrer Vervielfältigung ihr Leben gefristet haben?
Offenbar muss entweder ein ganzes Natur-System von Wesen
auf einmal geschaffen worden seyn, oder sie müssen sich von
einem tiefen Punkte an aufwärts ganz allmählich aber massenhaft
entwickelt haben. Hr. Darwin hat es jedoch sogleich gefühlt,
dass jene seine Annahme noch misslicher als die einer gleich-
zeitigen Erschaffung aller Wesen ist, die er bekämpft; daher er
etwas später sich mit einer Ur-Pflanze und einem Ur-Thiere,
ja sogar mit einem einzigen Ur-Organismus begnügen will, wel-
chem der Schöpfer das Leben eingehaucht habe (S. 518). Die
Bedürfnisse dieses einzigen erschaffenen Individuums, von wel-
chem die ganze lebende Natur abstammt, müssen dann freilich
sehr klein gewesen seyn; — es war zweifelsohne nur eine Fa-
denalge oder etwas der Art, die sich ihre Nahrung aus unorga-
547
nischen Elementen selbst bereiten und sich selbst befruclilen
inusste? Aus ihr und ihren Nachkoninien konnten lange Zeit nur
vegetabilische Formen entstehen , bis genug organische Materie
vorhanden war, um auch Thiere selbst der unvollkommensten Stufe
zu ernähren.
Aber immer ist noch ein persönlicher Schöpfungs-Akl l'ür
dieses eine organische Wesen nöthig, und wenn derselbe einmal
erforderlich, so scheint es uns ganz gleichgültig, ob der erste
Schöpfungs-Akl sich nur mit einer oder mit 10 oder mit 100,000
Arten befasst, und ob er Diess nur ein- für allemal gethan oder
von Zeit zu Zeit wiederholt hat. Es fragt sich nicht, wie viele
Organismen-Arten derselbe ins Leben gerufen, sondern ob es
überhaupt jemals nöthig seyn kann, dass dieser eingreife in
die wundervollen Getriebe der Natur und statt eines bewegen-
den Natur-Gesetzes aushelfend wirke? Wenn Hr. Darwin die or-
ganische Schöpfung überhaupt angreift, so muss er nach unsrer
Überzeugung auch auf die Erschaffung einer ersten Alge ver-
zichten! Und in dieser Thatsache, dass die neue Theorie noch
die unmittelbare Erschaffung wenn auch nur eines Dutzends, ja
wenn auch nur einer einzigen Organismen-Art erheischt, erblicken
wir einen zweiten wesentlichen Einwand gegen die-
selbe; weil, Diess einmal zugestanden, nicht der entfernteste
Grund mehr vorliegt, ihr die ungeheure und so schwer zu er-
fassende Ausdehnung anzueignen , die ihr Hr, Darwin gibt. —
Wer eine organische Zelle oder Zellen-Reihe, einen Algen-Faden
u. dgl. betrachtet und damit den wunderbaren Bau eines höheren
Säugethieres vergleicht mit allen seinen Gliedern, Organen und Or-
ganen-Syslemen, seinen unbewussten und willkürlichen Verrich-
tungen , der wird freilich anfangs zu lächeln geneigt seyn über
eine Theorie, welche aus einer Algen-Zelle wenn auch erst nach
Verlauf von wenigstens 20 * Millionen Jahren einen AiTen durch
Natürliche Züchtung hervorgehen lässt. Und doch, erlässt man
* Mnii hnl die Dniior der Stcinkolilcii-Flora allein niif etwa 1 Million
Jahre bereohncl; setzt man dieselbe mm auch nnr = 0,1 von der Dauer
aller unsrer geologischen LSehichten-Bilrfungcn und diese nach Dakwin gieicii
der Dauer der vor-silurischen Schichten, so ergibt sich obiges l^esullnt.
35 *
548
uns jenen einen Schöpfungs-AkI an der Algen-Zelle, was wäre
dann so gänzlich befremdend an der neuen Theorie? Sehen wir
denn nicht diesen Prozess tausendfältig und unausgesetzt bei Or-
ganismen aller Art binnen wenigen Wochen durch gewöhnliche
Zeugung sich vollenden, ohne eine andre Auskunft darüber geben
zu können, als dass es durch »Vererbung« geschehe, ein ganz
dunkles Prinzip, das ebenfalls erst durch die DARwiNsche Theorie
einige nähere Begründung wenigstens hinsichtlich seiner spezifi-
schen Verschiedenheiten erlangt? daher an und für sich uns der
Gedanke der Entstehung des Säugetbieres aus einer ursprünglichen
Protophylen- oder Protozoen-Zelle doch nicht so ganz und gar
abenteuerlich erscheint. Und so läge auch für alle anderen Ver-
heissungen dieser Theorie die Schwierigkeit nur etwa in der
Länge der zur Lösung der einzelnen Aufgaben nöthigen Zeit,
und daran ist wahrlich kein Mangel, sondern Überfluss, wo es
sich darum handelt die Ewigkeit auszufüllen!
Noch eine Bemerkung über das, in geologischem Sinne,
gleichzeitige Erscheinen und Verschwinden identischer Lebenfor-
men auf der ganzen Erd-Oberfläche. Die DARwm'sche Theorie
leistet viel in dieser Beziehung! Sie zeigt uns, wie die Leben-
wesen der gemässigten oder kalten Zone in Folge einer Eis-Zeit
sogar den Äquator zu überschreiten vermochten! Aber welchen
Grund haben wir zu glauben, dass es viele solcher Eiszeiten,
dass es deren in allen Erd-Perioden gegeben, und insbesondere
dass die die Verbreitung bewirkenden Ursachen in allen Perioden
eine universelle Verbreitung der herrschenden Formen bis in den
letzten Winkel der Erde vermittelt haben, ehe wieder irgendwo
neue Formen entstanden, und dass nie ein Theil der Erde in
dieser Hinsicht auf seine unabhängige Weise rascher oder langsamer
als der andre fortgeschritten seye ? Diese Erscheinung ist so be-
fremdend, dass sie, so lange sie nicht als eine nothvvendige nach-
gewiesen ist, trotz Darwins Erklärungs- Versuch die ganze Theo-
rie bedroht.
Aussicht auf Erfolg.) Unsre innigste Überzeugung ist,
dass alle Bewegungen auch in der organischen Natur einem
grossen Gesetze unterliegen, dass dieses Gesetz, allen organi-
549
sehen Erscheinungen entsprechend, ein Entwickelungs- und Forlbil-
dungs-Gesetz seye, und dass dasselbe Gesetz, welches die heutige
Lebenwelt beherrscht, auch ihr Entstehen bedingt und ihre ganze
geologische Enlwickelung geleitet habe.
Wir haben bisher organische Wesen entstehen und vergehen
sehen; wir haben die bestehenden Arien sich erhalten und fort-
pflanzen, aber keine neuen Arten erscheinen sehen und keine
Natur-Kraft gekannt, welche neue Arten in's Daseyn ruft. Alle
unsere Bemühungen sie zu finden, um von dem ersten Auftreten
neuer Arten mit deren Hilfe Rechenschaft zu geben, waren ver-
geblich.
Hilft aber die DARWiNSche Theorie diesem Mangel ab? Wir
haben oben einige Einreden gegen sie vorgebracht, und unser
persönliches Vermögen sie uns so, wie sie ist, anzueignen ist
noch -weil geringer als jene Einreden vermuthen lassen. Aber
sie leitet uns auf den einzigen möglichen Weg! Es ist vielleicht
das befruchtete Ei, woraus sich die Wahrheit allmählich entwickeln
wird ; es ist vielleicht die Puppe, aus der sich das längst gesuchte
Natur-Gesetz entfalten wird, nachdem es einen Theil der seinem
unvollkommenen Zustande angehörigen Anhänge abgestreift und
andere seiner Bestandtheile vollständiger ausgebildet haben wird.
Oder wir haben das gesuchte Gesetz vielleicht bereits vor Augen,
aber sehen es nur durch ein Kaleidoskop, dessen Facettirung
wir erst studiren oder abschleifen müssen, um das Objekt na<'.h
seiner wahren Beschaffenheit beurtheilen zu können?
Die Möglichkeit nach dieser Theorie alle Erscheinungen in
der organischen Natur durch einen einzigen Gedanken zu ver-
binden, aus einem einzigen Gesichtspunkt zu betrachten, aus
einer einzigen Ursache abzuleiten, eine Menge bisher vereinzelt
gestandener Thalsachen den übrigen aufs innigste anzuschliessen
und als nothwendige Ergänzungen derselben darzulegen, die mei-
sten Probleme aufs Schlagendste zu erklären, ohne sie in Bezug
auf die andern als unmöglich zu erweisen, geben ihr einen Steui-
pel der Wahrheit und berechtigen zur Erwartung auch die für
diese Theorie noch vorhandenen grossen Schwierigkeiten endlich
zu überwinden. Diese glänzenden Leistungen der Theorie (ihre
550
Walirhoil einmal ziigoslanden) sind es, die uns so niiiclilig zu
ihr liinzieiien, wie selir wir auch des Wankens ilirer Grundlage
uns bewusst sind. Denn die grössle Schwierigkeil für die An-
erkennung dieser Theorie scheint allerdings zunächst im Grund-
gedanken selbst zu liegen, wenigstens nach seiner jetzigen Fas-
sung: in der Vorstellung einer fortwährenden Bildung von Va-
rietäten, die sich von den Stamm-Arten abzweigen und endlich
ablösen, ohne durch Mittelglieder unter einander verkettet zu
bleiben, wie wir auch nach allen aus der Theorie geschöpften Er-
läuterungen doch noch erwarten zu müssen glauben, wenn diese
Theorie richtig wäre. Möglich, dass fortgesetzte Forschung und
Prüfung darüber noch Auskunft und Aufklärung gibt!
Unser zweiter Einwand ist gegen die Annahme einiger oder
auch nur einer ursprünglich erschaffenen Organismen -Spezies.
Mit der Schöpfung müsste auch die eine wegfallen. So lange
wir sie aber nicht entbehren können, so lange müssen wir daran
zweifeln, in der ÜARWiN'schen Theorie bereits den wahren
Schlüssel der Erscheinungen gefunden zu haben.
Auf welche Weise auch die eine erschaffene Spezies ent-
behrlich gemacht werden könne, darüber haben wir keine Ver-
muthung. Könnte durch unorganische chemische Prozesse aus
unorganischer Materie organische werden, — könnte die orga-
nische Materie für sich die Form und Textur organischer Kern-
Zellen annehmen, — könnten diese Zellen sich weiter entwickeln
und zu wachsen beginnen — : doch hier stehen wir auf der
letzten, der alleräussersten Grenze zwischen unorganischer und
organischer Welt. Organische Mischungen könnten aus unorgan-
nischen durch gewisse chemische Prozesse vielleicht entstehen ;
dass organisch gebildete Zellen und gar belebte Zellen sich aus
solcher Mischung gestalten können, hat man früher geglaubt, aber
neuere Forschungen haben diese Ansicht mehr und mehr un-
möglich gemacht^ doch sollen jetzt auf Veranlassung der Fran-
zösischen Akademie fernere Versuche mit die Frage verlässig
entscheidender Beweiskraft angestellt werden!
Die DARWiN'sche Theorie wird wohl nicht mehr ganz unter-
gehen! Aber ungeachtet der ausgezeichneten Leistungen derselben
551
stehen ilir noch so wesentliche Gründe entgegen, dass wir vor-
erst nicht vermögen sie anzunehmen, obwohl uns eingewendet
werden kann, auch die gewöhnliche Schöpfungs-Theorie lasse Ein-
reden und zwar noch gewichtigere aber freilich von ganz andrer
Beschairenheit zu. Denn, unnatürlich an sich, braucht die Theorie
der Schöpfung nicht mit natürlichen Erklärungen zu antworten.
Sie kennt nur Wunder! Daher scheint es uns wenigstens kon-
sequenter, auf dem alten naturwissenschaftlich haltlosen Staud-
punkte zu verharren in der Erwartung, dass eben in Folge des
Streites der Meinungen sich eine haltbare Theorie entwickele,
kläre und reife ; — obwohl wir voraussehen, dass ein Theil un-
serer Naturforscher (und eine noch grössere Anzahl Nichtnatur-
forscher) der ÜARWiN'schen Theorie, auch so wie sie ist, alsbald
zufallen werden. Nur aus dem Widerstreite der Meinungen wird
die Wahrheit hervorgehen und der Urheber dieser Theorie selbst
zweifelsohne noch die grosse Befriedigung erleben, der Natur-
forschung einen neuen Weg geöffnet zu haben !
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